SiehenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang l935__________________ Montag, den 2<. Zanuar Nummer 6 HANS DOMINIK EIN STIEIRN FIEL VOM HIMMEL COPYRIGHT 1934 8Y KOEHLER & AMELANG G. M. B. H., LEIPZIG (Fortsetzung.) ,Der Gold-Run in Deutschland', ,Die Reichsbank zusammengebrochen', ,Das Ende des deutschen Experimentes', .Unmöglicher Wahnsinn' — waren so etwa die Ueberschriften, die noch druckfeucht, wie sie aus der Maschine kamen, auf den Boulevards von Paris und in der Londoner City verschlungen wurden, während in Deutschland die Auszahlung schon längst wieder glatt weiterging. Am zehnten Tage nach der Wiederaufnahme der Goldeinlösung begann der Andrang bei den Bankfchaltern nachzulassen. Der erste Goldhnnger des Publikums tvar gestillt und langsam, wie es ja in den wirtschaftlichen Notwendigkeiten begründet war, setzte ein Rückfluß der goldenen Münzen zu den Kaffen des Staats und der Banken ein. Richt alles Gold kain wieder. Als man in der Zentrale der Reichsbank Inventur machte, stellte es sich heraus, daß zwei Milliarden gemünzten Goldes in den Sparstrümpfen des deutschen Volkes hängengeblieben waren. Der entsprechende Betrag an Noten war dafür zur Bank zurückgekehrt. Der Oeffentlichkeit wurde diese Tatsache nicht bekanntgegeben. Eine Mit- t.ilung der Reichsbank besagte nur, daß die Wiedereinführung der Gold- einlösung sich reibungslos ohne nennenswerte Erschütterungen und Zwischenfälle vollzogen habe. Das Ausland stand vor einem Rätsel. War das Volk im neuen Deutschen Reich wirklich so wohl diszipliniert, ließ es den Gemeinnutz tatsächlich so vor jeden Eigennutz gehen, daß hier möglich wurde, was kein anderer Staat mehr zu tun wagte, daß man das Gold frei zirkulieren lassen konnte? Viele Fragen, auf die keiner der fremden Benksachver- stündigen eine Antwort zu geben wußte.--- Ein Monat und noch ein zweiter waren darüber ins Land gegangen, als die Welttvirtschaft durch neue Verfügungen der deutschen Regierung in Erregung geriet. Mit einem Schlage wurden die schweren Beschränkungen des internationalen Zahlnngs- und Handelsverkehrs, die man in den schlimmen Jahren der Wirtschastsschrumpfung anordnen mußte, von ihr aufgehoben. Unbehindert durfte jedermann in Deutschland wieder fremde Devisen gegen Reichsbanknoten kaufen und verkaufen. Gleichlautend fiel das Urteil über die neuen Maßnahmen an allen großen Bank- und Börsenplätzen der Welt aus. .Die Deutschen sind wahnsinnig geworden', hieß es kurz und bündig überall. Während die Leiter der fremden großen Geldinstitute sich ihre Köpfe noch über die Beweggründe der Reichsregierung zerbrachen, wurde das internationale Schiebertum sofort sehr mobil. An der deutschen Grenze mußten die Fernzüge ihren Aufenthalt verdoppeln, weil es nicht mehr möglich war, die in das Reich strömenden Fremden in der vorgesehenen Zeit abzufertigen. In Hellen Haufen kamen sie von Osten und Westen her. Viele Hunderte brachte jedes Schiff, das in Hamburg oder Bremen anlegte, von Uebersee mit. Zu neunzig Prozent waren es wenig erfreuliche Zeitgenosse, deren Geschäfte gewöhnlich das Licht zu scheuen hatten. Seit Jahren lebten die meisten von den Gewinnmöglichkeiten, welche die Devisenvorschriften aller Staaten denjenigen boten, die sich über das Gesetz hinwegzusetzen verstanden. Ganz legal konnten sie jetzt in Deutschland die fremden Noten, die sie mit allen möglichen Listen und Tücken aus dem eigenen Lande herausgebracht hatten, an jedem Bankschalter gegen klingendes Gold einwechseln, konnten frei und ungehindert mit dem so heiß begehrten gelben Metall das Reichsgebiet wieder verlassen. Die Fährlichkeiten ihres Geschäftes begannen erst außerhalb der deutschen Grenzen, denn dort gab es Vorschriften, die das Goldhamstern, ja sogar den Besitz weniger Goldstücke unter schwere Strafen stellten. Bis aus das Tüpfelchen genau traf alles so ein, wie es die deutsche Negierung bei der Aufhebung der gesetzlichen Beschränkungen voraus- gesehen hatte. Kratergold im Werte von fünf Milliarden war drei Monate später aus Deutschland verschwunden, aber in keinem Ausweis der großen ausländischen Banken kam es zum Vorschein. Spurlos war es in Millionen von Sparstrümpfen und privaten Safes versickert. Die deutsche Reichsbank konnte dafür auf einem Geheimkonto den Betrag von fünf Milliarden in fremden Devisen verbuchen. Professor Eggerth notierte sich sorgfältig die Zahlen, die Minister Schröter während des langen Gespräches nannte. Bei den letzten Ziffern ließ er den Bleistift sinken. „Zwanzigtausend Tonnen Nickel sollen meine Werke in Kanada kaufen? Wird das möglich fein, Herr Minister, ohne unerwünschtes Aufsehen zu erregen? Zwanzigtausend Tonnen — es ist meines Wissens die halbe Jahresproduktion Kanadas." „Macht nichts, Herr Professor. Infolge der allgemeinen Absatzkrise lagert in Kanada noch ans früheren Jahren her ein Vorrat von mehr als fünfzigtausend Tonnen. Die Leute werden heilfroh sein, wenn sie aus einen Plutz zwanzigtausend loswerden und für unsere kanadischen Devisen ist es die beste Anwendung." „Gut, ich werde meine amerikanischen Vertreter telegraphisch anweisen, den Kauf zu tätigen — mit der nötigen Vorsicht natürlich, um ein ungesundes Ernporfchnellen des Nickelpreises zu verhüten. Aber —" kopfschüttelnd beugte sich der Professor wieder über seinen Schreibblock. „Haben Sie irgendwelche Bedenken oder Zweifel?" fragte der Minister. „Offen gesagt, Herr Minister, ich wundere mich." „Darf ich fragen, worüber, Herr Professor?" „Ueber die Tatsache, daß wir das Nickel in Kanada kaufen, während wir es doch ebenso gut aus dem Kratererz gewinnen könnten." „Aber nicht ebenso vorteilhaft, Herr Professor, das ist der Unterschied. Aus dem Kratererz können wir mit genau den gleichen Unkosten und der gleichen Mühe ebenso gut ein Kilogramm Gold wie ein Kilogramm Nickel herausziehen, und für ein Kilogramm Gold bekommen wir auf dem internationalen Metallmarkt, wie Ihnen bekannt sein dürfte, fünfhundert Kilogramm Nickel. Wir kommen also fünfhundertmal besser weg, wenn wir in Kanada kaufen und unser Meteoritennickel liegen lassen, wo es liegt." „Sie haben recht, Herr Minister! Meine Frage war unüberlegt. Aber ich glaube doch, daß der Kauf einer solchen Menge durch mein Werk zu allerlei Erörterungen und Mutmaßungen Anlaß geben wird. Man weiß schließlich draußen in der Welt, daß die Eggerth-Werke vorwiegend Leichtmetalle verarbeiten." Der Minister griff nach einer Zeitung, schlug sic ans und schob dem Professor eine rot angestrichene Notiz hin. Der überflog sie und konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. „Sehr gut, was man doch alles so en passant aus der Zeitung erfährt." Auch der Minister Schröter lachte. „Ja, mein lieber Professor, das wußten Sie noch gar nicht, daß die Münzanstalt in Berlin mit den Eggerth-Werken über eine große Lieferung von Nickelblechen für die Ausprägung von Scheidemünzen in Verhandlung stebt. Uebermorgen werden Sie noch etwas Geneneres darüber lesen können. Daß es !ick> nämlich um die neuen Nickelstücke im Gesamtwert von hundert Millionen Mark handelt. Hundert Millionen Mark, das entspricht gerade 20000 Tonnen. Die Reichsregierung beabsichtigt — ich möchte das nebenbei bemerken — in Zukunft auch die .Scheidemünzen als ein vollwertiges ehrliches ®elb auszuprägen, bei dem der wirkliche Wert ebenso wie bei den Goldmünzen dem Nennbetrag entspricht. Sie sehen jedenfalls, daß der Nickelkauf auf diese Weise so getarnt ist, daß kein vernünftiger Mensch im In- und Ausland etwas dabei finden kann." Der Professor verabschiedete sich, um auf schnellstem Wege nach Bitterfeld zurückzukehren. Er war nicht der einzige Industrielle, der in diesen Tagen vom Finanzminister empfangen wurde. Die Führer der großen Elektro- konzerne wurden ebenso wie die führenden Männer der Textilindustrie in das Finanzministerium gebeten und hatten mit dem Minister ähnliche Unterredungen wie Professor Eggerth. Sie bekamen Kansorders auf Kupfer, Kautschuk und ausländische Faserstoffe, daß iie vor der Höhe der dazu erforderlichen Beträge erschraken. Aber ihre Bedenken und Einwände wußte der Minister mit wenigen Worten zu zerstreuen. Es war stets die gleiche Antwort, die sie von ihm erhielten: „Kausen Sie, Herr Direktor. Die Reichsbank stellt Ihnen die erforderlichen Devisen zur Verfügung, und das Reich übernimmt die Ware von Ihnen. Ihre Firma wird durch die Transaktion nicht belastet." Im übrigen waren auch für diese Käufe in jedem Falle Zeitungsartikel und Handelsnotizen vorbereitet, welche sie ganz unverfänglich erscheinen ließen. Zielbewußt führte die Reichsregierung den Plan durch, sich mit Hilfe ihres Devisenschatzes für lange Zeit mit allen denjenigen Rohstoffen zu versorgen, die Deutschland selbst nicht hervorzubringen vermochte. In erster Linie geschab cs, um der einheimischen Industrie wieder volle Beweglichkeit und Arbeitsmöglichkeit zu verschaffen. Darüber hinaus aber führte dies Vorgehen, wie die kommenden Monate zeigen sollten, zu einer Wieder- ankurbelung des internationalen Handelsverkebrs. Es erwies sich bald, daß das kühne Experiment der Reichsregierung geglückt war, daß die Weltwirtschaft, die so lange krank daniedergelegen hatte, durch die Injektion von sieben Goldmilliarden wieder zu Kräften kam und anszuleben begann. * Nef stand die Sonne in der Antarktis. Wie ein roter Kupferball kroch sie in 24 Stunden einmal um den Horizont herum. . Im letzten Schein des schwindenden Tages bewegten sich bie drei Raupenwagen von Süden her über das endlose Schneeseld aus die Station zu. Am Abend des 5. April langten sie bei ihr an. Nach langen Wochen saßen alle Mitglieder der Erpedition endlich wieder einmal beim gemeinsamen Mahl in dem großen Raum des Stationshauses zusammen. Schon während der letzten Stunden der Fahrt hatte ein Schneetreiben eingesetzt. In pfeifenden Stößen fuhr der Sturm jetzt um das Stationshaus und trieb die immer dichter fallenden Schnecmassen gegen die Fenster. „Der antarktische Winter meldet sich an", meinte der lange Dr. Schmidt, stand auf und drehte die elektrische Heizung stärker an. Wille schob seinen Teller zurück und verschränkte die Arme über der Brust. „In Deutschland wird es jetzt Frühling, Herr Schmidt. An der Bergstraße blühen schon die Obstbäume." Dr. Schmidt kniff die Lippen z,stammen und schüttelte den Kops, als ob er eine Erinnerung verscheuchen wolle. Wille sprach weiter. „In Deutschland springen jetzt die Knospen an allen Zweigen — grüne Blätter — Frühlingslaub — ich habe Sehnsucht danach. Seit drei Jahren habe ich es nicht mehr gesehen. Es war ja Herbst, dre Bäume ließen ihre Blätter fallen, als wir aus Deutschland nach der Antarktis fuhren." Es war, als hätte Dr. Wille den andern damit ein Stichwort gegeben. Bon den alten Weidenbäumen im friesischen Marschenland sprach Lorenzen, die dort als die ersten Boten eines späten Frühlings ihre Kätzchen herausstecken. Von den Buchen des Thüringer Waldes Hub Hagemann an zu schwärmen, die den Weg zur Wartburg hinauf umsäumen und ihr lichtes Grün mit dem Dunkel der alten Bergtannen vermischten^ „Ich möchte mal wieder durch den Tiergarten in Berlin gehen, wenn Rhododendron und Faulbaum blühen", wars Rudi dazwischen. „Und Sie, Herr Dr. Schmidt, haben Sie keinen Wunsch?" fragte Wille. Der kaute und schluckte eine Weile an irgend etwas nicht Vorhandenem, ehe er sich zur Antwort bereitsand. „Ich möchte mal wieder gern im Frühling durch das Fuldatal be, Kassel wandern, aber —“ er machte eine kurze abwehrende Bewegung. „Das kommt natürlich gar nicht in Frage. Meine Arbeiten hier sind noch nicht abgeschlossen, den nächsten Frühling vielleicht, diesen noch nicht." Wille betrachtete seinen alten Mitarbeiter kopfschüttelnd. „Alle Achtung vor Ihrem Pflichteifer, Herr Kollege, aber einen kleinen Erholungsurlaub sollten Sie sich auch einmal gönnen. Abweisend schüttelte Schmidt den Kops. „Erst wenn ich meine Arbeiten abgeschlossen habe, vorher auf keinen Fall." Aus die übrigen wirkte das Wort .Erholungsurlaub' wie ein elektrischer Funke. Hatte Wille es mit einer bestimmten Absicht gesagt, steckte etwas Positives dahinter? Mit wehmütigen Gefühlen hatten sie die Sonne versinken sehen. Der Gedanke, zum dritten Male hier die lange Polarnacht durchzumachen, wirkte auf alle mit Ausnahme des langen Schmidt nieder- drückend. Mit stillem Vergnügen beobachtete Wille die Wirkung seiner Worte auf die um den Tisch Versammelten, während er einen Brief aus der Brusttasche zog. Der Adler aus dem Umschlag und die blaue Verschluhoblate ließen schon von weitem erkennen, daß es ein amtliches Schreiben war. Mit behaglicher Langsamkeit entfaltete er das Schriftstück und putzte sich umständlich die Brillengläser. „Ja also, meine Herren", begann er endlich, „wir haben eben in ge- meinschastlicher Beratung festgestellt, daß jetzt in Deutschland der Frühling beginnt —" er machte eine kleine Kunstpause. „Herr Gott, wat klöhnt der Alte heut bloß zusammen', dachte Lorenzen bei sich, und die Gedanken der andern waren nicht sehr verschieden davon. Dr. Wille fuhr fort: „Das Ministerium erteilt deshalb uns allen, die wir hier zusammensitzen, Urlaub bis zum 15. Oktober — bei voller Gehaltszahlung natürlich. Morgen bringt ,St 11' die Ablösung und nimmt uns nach Deutschland mit." Eine Sekunde herrschte nach Dr. Willes Worten Totenstille im Raum. Dann brach der Jubel los. Sie sprangen auf, sie fielen sich in die Arme und tanzten schließlich einen wilden Jndianertanz um den Tisch herum, in den sehr gegen seinen Willen sogar der lange Schmidt hineingerissen wurde. Eine Weile ließ sie Wille gewähren, dann schrie er dazwischen. „Ruhe, Herrschaften! Genug von dem Radaul In acht Stunden ist ,St 11' hier. Kümmern Sie sich um Ihre Sachen. Es muß alles gepackt sein, wenn das Schiff kommt." Im Augenblick wirbelten sie aus dem Ra>lm hinaus, jeder eifrig daraus bedacht, die Anordnungen des Chess zu befolgen. Nur Schmidt blieb zurück. „Nun, Herr Kollege", fragte Wille, „wollen Sie nicht auch Ihre Vorbereitungen treffen?" Der lange Schmidt schüttelte den Kops. „Nein, Herr Wille, ich ziehe es vor hierzubleiben. Erstens meiner Arbeiten wegen und zweitens — es muß jemand hierbleiben, der die Herren Bolton und Garrison gebührend enipsängt, wenn sie uns doch ins Gehege laufen sollten." Alle Versuche, ihn umzustimmen, waren vergeblich. Unerschütterlich verharrte er bei seinem Vorsatz. Es blieb Wille schließlich nichts anderes übrig, als ihn gewähren zu lassen.-- ,St 11' kam von der Kraterstation, wo es die übliche Goldladung an Bord genommen hatte. Als erster stieg Reute über die Aluminiumtreppe hinab, begleitet von Berkoff und Hein Eggerth. Dr. Wille empfing sie am Fuß der Treppe und geleitete sie und fünf weitere Personen, die ihnen folgten, nach dem Hause hin. „Ich bringe Ihnen die Ablösung, Herr Kollege", sagte Reute. „Sie alle haben einen Urlaub redlich verdient." Wahrend sie aus das Haus zuschritten, unterrichtete Dr. Wille den Ministerialdirektor von der Absicht Schmidts, hierzubleiben. Verwundert schüttelte Reute den Kopf. „Ein sonderbarer Heiliger, dieser lange Doktor. Aber — wenn ich es recht bedenke, wer weiß zu was es gut ist? Mag er in Gottes Namen hier bleiben, um so besser und schneller werden sich die andern einarbeiten können." Die nächsten Stunden waren der Uebergabe der Geschäfte an die neue Besatzung der Station gewidmet, und es ging wirklich alles viel glatter und schneller, weil Dr. Schmidt in der Antarktis zurückblieb. Dann noch ein letztes Winken und Grüßen. Hermetisch schlossen sich bte Türen von ,St 11'. Das Schiff stieg wieber auf. Eine Stunbe unb noch eine Stunbe raste es über enblose monbbeschienene Eisöde. Dann war über Enderby-Land bei Kap-Anne bie Küste des sechsten Kontinents erreicht. Die Sonne kam wieber, bunstig blau wogte in ihrem Licht tief unter bem Schiff die See. In ihrer Steuerborbkabine preßten Lorenzen unb Hagemann bie Nasen gegen bas Fenster. Blaues Meer, offenes Wasser — sie konnten sich nicht satt dran sehen. Inseln tauchten aus und verschwanden wieder, und dann kam die afrikanische Küste in Sicht. Wie aus einer Spielzeugschachtel ausgebaut zog Kapstadt unter dem Flugschifs dahin unb versank im Süben. Von Stunbe zu Stunbe veränberte sich bas Bilb. Erst sanbige Wüsten, undurchbringliche Urwälder danach, durch die der Kongostrom sein schimmerndes Band zog. — Dann geschah es, daß Hagemann in eine Koje sank und Lorenzen in die andere, und ehe sie sichs versahen, lagen beide in festem Schlaf. Sie schliefen, während ,St 11' über die Libysche Wüste dahinjagte. Sie sahen nichts vom Mittelmeer, nichts vom italienischen Stiesel und auch nichts von den Alpen.-- Eine Hand legte sich aus Hagemanns Schulter, rüttelte und schüttelte so lange an ihm, bis er endlich verschlafen bie Augen rieb. Die Stimme Berkosfs drang an sein Ohr. »He, Hagemann, altes Faultier, jetzt wirb nicht weitergebachst. Wir sinb über Dentschlanb. Kommen Sie rüber in ben Salon, bas Essen steht auf bem Tisch." Während Hagemann sich langsam aufrappelte, wandte Berkoff sich zu der andern Koje hin. Nach dem Geräusch zu schließen, war Jens Lorenzen eben dabei, einen kräftigen Ast obzusägen. Allzu verlockend hing sein Nchter- teil über den Kojenrand, Berkoff konnte nicht widerstehen. Seine Hand knallte darauf — zweimal — dreimal, bann war auch Lorenzen unter Fluchen unb Brummen munter unb folgte ben beiben anbern in ben Salon. Die Sonne staub bereits tief im Westen, als sie ihn betraten. In knapp vierzehn Stunben hatte ,St 11' ben langen Weg von bet Antarktis nach Dentschlanb hinter sich gebracht. Es b,ieb ihnen eben noch Zeit, in Ruhe zu Abenb zu essen. Dann tauchten bie Lichter ber Reichshauptstabt auf. Der Rückzug bet Amerikaner. lieber den Verbleib ber Andrewschen Expebition brangen seit jenem Tage, an bem ,St 11' ihr bie glänzenden Brocken über ben Weg streute, nur spärliche Nachrichten in bie Oeffentlichkeit. Aus Funksprüchen wußte man nur, daß sie nicht verschollen war. Schweigend hatte sich Captain Andrew in das Unabänderliche gefügt. Er ließ Bolton und Garrison, bie er für unheilbare Nariuu hielt, ihrer Leidenschaft frönen unb wartete gebulbig auf ben Tag, an dem sie unter ben Anstrengungen ihrer gegenwärtigen Tätigkeit zusammenbrechen mußten. Seine Gebulb würbe auf eine harte Probe gestellt. Sechs lange Wochen hinbutch hielten Bolton unb Garrison sich mit Gewalt aufrecht unb arbeiteten in zäher Verbissenheit. Unermüblich sammelten sie bie Erzbrocken auf bem weiten Schneeselb unb schleppten sie zu Stapeln zusammen, obwohl ihre Hänbe zerrissen unb zerschunben waren unb jeder Muskel, jebes Glieb sie schmerzte. Den fünfzigsten Stapel hatten sie gefetzt, ba kam bei Garrison ber Zusammenbruch. Als ihn Bolton aus unruhigem fiebrigen Schlaf weckte, vermochte er sich nicht mehr von seinem Saget zu erheben. Apathisch blieb er liegen, so viel Bolton auch tobte unb wetterte. Fluchenb gab et es schließlich auf unb verließ in übler Laune ben Wagen, um allein an bie schwere Arbeit zu gehen. Jetzt hielt Captain Anbrew es an ber Zeit, einzugreifeu. Im Verlauf seiner früheren Expeditionen hatte er gewisse ärztliche Erfahrungen gesammelt, bie ihm nun bei einer gtünblichen Untersuchung Garrisons zugute kamen. Anbrew fand eine butch übermäßige Anstrengungen hervorgerufene Herzerweiterung verbuubeu mit einer Herzschwäche, die ihn veranlaßte, schleunigst zu ben Digitalistropfen bes Arzneischrankes zu greifen. Dazu vernachlässigte Erfrierungen an ben Hänben und Füßen, die stellenweise schon brandig zu werden drohten. Kopfschüttelnd stellte er das alles fest. Wie konnte ein Mann von der wissenschaftlichen Vorbildung Garrifons es fo weit mit sich kommen lassen? ÜSieJebr mußte er in seine fixe Idee verrannt sein, daß et alle diese bedrohlichen Erscheinungen so lange unbeachtet ließ! Unter der sachkundigen Behandlung Andrews besserte sich Garrisons Zustand im Lause der nächsten Stunden zusehends. Er vermochte seine Glieder wieder zu bewegen unb betrachtete verwunbert seine Hänbe, bie in biden Verbänben mit Frostsalbe steckten. „Bleiben Sie ganz ruhig liegen, Mr. Garrison", befahl Anbrew, als er es versuchte, sich in seinem Bett aufzurichten. „Ich muß raus, Captain, muß Bolton helfen, das Erz einzufammeln. Jede Stunde ist kostbar." Andrem drückte ihn auf das Kiffen zurück. „Damit ist es vorläufig vorbei, dear Sir. Sie haben sich einen Herzknacks geholt, der sich unter Brüdern sehen lassen kann.. „Aber ich muß, Captain! Was wird Bolton sagen, wenn ich ihm nicht weiter helfe?" Andrew zuckte die Achseln. Er erkannte, daß hier nur brutale Offenheit helfen konnte. „Mr. Bolton kann sich höchstens an Ihrem Begräbnis beteiligen, wenn Sie jetzt ungehorsam sind und gegen meine Verordnungen handeln. Ein Begräbnis in der Antarktis, Mr. Garrison! Es wäre nicht das erste, dem ich beiwohnen würde. Man hackt ein Loch in das Eis, packt den Toten hinein, schichtet die Eisbrocken über ihn unb steckt ein Holzkreuz daneben. Sechs folcher Kreuze kenne ich, Mr. Garrison. Sie stehen drüben in Marie-Byrd- Land. Vor vier Jahren habe ich sie dort hingesetzt. Es täte mir leid, wenn ich hier ein siebentes in den Schnee stecken müßte." (Fortsetzung folgt.) Winkemacht. Von Gottfried Selter. Nicht ein Flügelfchlag ging durch die Welt, Still und blendend lng der weihe Schnee. Nicht ein Wölkchen hing am Sternenzelt, Seine Welle schlug im starren See. Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf. Bis [ein Wipfel in dem Eis gefror. An den Aeften klomm die Nix' herauf, Schaute durch das grüne Eis empor. Auf dem dünnen Glase stand ich da, - Das die schwarze Tiefe von mir schied; Dicht ich unter meinen Füßen sah Ihre weiße Schönheit Glied um Glied. Mit ersticktem Jammer tastet sie An der harten Decke her und hin, Ich vergeß das dunkle Antlitz nie. Immer, immer liegt es mir im Sinn. Zwei Steens, Maleen und Pike. Eine Geschichte von Gorge Spervogel. Steen war der Sohn eines reichen Fischers, Pike hingegen der eines armen, Maleen aber war eigentlich ein Mädchen aus der Stadt. Zwar kam ihre Mutter auch wiederum aus dem Dorfe, sie lebte jedoch in der Stadt und Maleen anderseits in dem Dorfe, Gott mag wissen, wieso das so war. Ja, Pike und Steen waren gewaltige See- und Strandräuber mit gewissem Ansehen, und Maleen war nicht viel mehr als ein kleines Mädchen. Eines Tages überreichte Steen in aller Oeffentlichkeit dem Mädchen Maleen eine rote Haarschleife, und seitdem ging er umher und hielt Ausschau nach einem passenden Bauplatz für ein gewaltig großes und schönes Haus mit Zimmern. Hallen und Ställen einem allmächtigen roten Ziegeldach, verflucht, und ein hervorragender Hafen für zwei oder drei Sezier mußte auch dabei fein und Platz für den Garten. Pike wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er über die Bereiften Watten und Bänke an der großen Bucht wanderte und nach Schätzen ausspähte, die der letzte Sturm angeschwemmt haben konnte. Der Himmel war grau und leer über dem Jungen, der Wind ging eisig über die Dünen und peitschte Eiskörner und Sand vor sich her Pike fand nichts, das des Mitnehmens wert gewesen wäre. Am nächsten Tage, es war in der Schulpause, überreichte Steen dem Mädchen wiederum etwas, das Pike allerdings nicht erkennen konnte. Pike hingegen nahm in der folgenden Stunde willig die Strafe auf sich, die das Bergeffen von Schulbüchern nun einmal nach sich zieht; sein Lesebuch aber lag still wie ein Geheimnis unter Maleens Bank zwischen ihren Sachen. Pike hatte ganz plötzlich unsinnige Angst gehabt, Maleen könnte etwa ihr Lesebuch vergessen haben. Ja, sagte sie auf dem Heimweg, nun bist du gestraft worden, und hier ist dein Buch. Ja, das läßt sich schwer erklären, erwiderte Pike. Es ist auch wirklich sonderbar. Pike sah wohl, daß Steen genau zuhörte. Er hätte Maleen gerne feine gestrickten Fäustlinge angeboten, denn sie hatte nur so dünne städtische Handschuhe an, aber das ging nun einmal nicht. He, sagte Steen, morgen segeln wir zum Markte. Hast du etwas mitzubringen, Mädchen?" Oh, sagte Maleen, ja, ich hätte wohl dieses und jenes, und sie zählte einiges auf. Pike hörte zu, wie er noch nie in feinem Leben irgendjemandem zugehört hatte. Er merkte sich alles, jede Sleinigfeit, und fügte noch verschiedenes hinzu, von dem er wußte, daß es Maleen fehlte. Am Abend nahm er heimlich feinen Tauftaler aus dem Sästchen, angelte alle Pfennige und Groschen aus dem tönernen Frosch und betete besonders ausführlich, ehe er einfchlief. Er erwachte in der Dunkelheit des frühen Morgens und beschloß sogleich, sich nicht zu waschen, denn das hätte nur den Verlust der guten Bettwärme mit sich gebracht. So zog er sich eilig an, kletterte aus dem Fenster seines Sämmerdjens und öffnete den Holzstall. Er tastete umher, bis er die drei Bündel aus Segeltuch und die Wagenachse gesunden hatte, bann lud er im Sternenlicht auf stapfte davon. Die Räder quietschten ein wenig, sie hatten lange kein Del mehr gekriegt. Pike dachte nicht daran, etwa einen Zettel zum Bescheid zu schreiben. Ein Himmelherrgottsdonnerwetter gab es so und so, wahrscheinlich sogar zwei, und feine Spuren im Schnee und das Fehlen der Bündel und Wagenachse erklärte genug. Es war auch nicht daran zu denken, daß Pike sein Herz mit der Vorstellung beschwerte, er werde wegen unerlaubten Benutzens fremden Eigentums an den Pastor geraten. Es war eine Menge Sünde bei diesem Unternehmen, das war Pike klar, aber er überlegte nichts, als was den Weg anbetraf und die Fahrt und die Rückkehr. Am Dfterort verlieh er den beschneiten Sand. Es half nichts, er muhte die Wagenachfe und die Bündel auf den Buckel packen, denn das Eis war in brüchigen Schollen abenteuerlich aufgetürmt und mit hinterlistig verwehten Kuhlen versehen, die es mit sich brachten, daß Pike alle sorgsam bewahrte Vettwärme verlor und weiß bestäubt, eisverfruftef und klappernd den Weg voran suchen muhte. Er spähte gegen Osten nach einem helleren Scheine aus, aber es schien, als habe er sich in das Nachtland der Eisriesen verirrt, denn die Sterne mochten nicht verblassen. Es kam so weit mit dem Wanderer Pike, daß er zu Tode erschrak, als unheimlich lautlos und wie eine endlose Schnur im Ungewissen ein Flug Trauerenten über ihn fortzog. Als nun aber auch Scharen von Nebelkrähen schweigend unter den Sternen bahergeweht kamen, unb die RoU- ganje, wenn auch noch vereinzelt, ihren rauhen Laut in den Himmel schrien, wußte Pike, daß der Morgen nicht mehr fern fein konnte. Da die Dämmerung endlich heraufkam, stand Pike schwitzend still. Der Wind war fortgeblieben, bas Eis knackte und stöhnte weithin, Dringen schossen in wirbelndem Flug aus und ab. Einzelne Möven überholten den Jungen. Das offene Wasfer konnte nicht mehr entfernt fein. Pike zog wieder eilig voran. Als er die ersten Vagelwolken auffteigen sah und weit dahinten die dunklen Ketten der Austernfischer erspähte, begann er zu rennen. Seine Schuhe klapperten lauthin, unb die Wagenachse mit den aufgeschnürten Bündeln hüpfte unb schlenkerte hinter ihm her. Die Austernfischer sahen nicht gerade fröhlich aus. Sie hockten in langen Reihen an der Eisbarre unb starrten stier unb melancholisch in die Flut. Pike konnte nicht verstehen, was sie schrien, als er sie verjagte. Das Wasser der Fahrrinne staub ruhig unb schwarz zwischen ben Eiskanten. Hier unb da schwammen weißgeränberte, runbedige Schollen. Pike verbrachte eine geringe Zeit in emsiger Tätigkeit, schlug zwifchen- burch die Arme um ben Leib unb stampfte ingrimmig umher, aber bann hatte er aus bem Inhalt ber Segeltuchbünbel, bie ja eigentlich einem Sommergast der Mutter gehörten, ein fertiges Faltboot erbaut. Nun setzt er es behutsam ins Wasser unb wartet vorerst ein wenig um ZU sehen, ob es zufällig leck geworben ist. Inzwischen kommt bie Sonne herauf, ber Himmel ist mohnrot unb weiter her grünlich unb braun und in der Höhe blau, ganz zart und sanft blau. Die Farben knistern in den Brüchen ber Eishacken, unb die Schatten sind klarblau und wassergrün. Pike klettert ins Boot unb späht vorne unb achtern hinein, ob da schon Wasser durchgekommen ist. Nein, nein, keine Rede davon; Pike macht bie Spritzdecke fest unb legt sich von vornherein gewaltig ins Zeug, ben freies Wasser ist freies Wasser, unb niemanb kann wissen, ob nicht noch große Schollen angereift kommen. Unter ber Spritzdecke ist es warm. Pike hätte nicht gedacht, daß er es so warm haben würde. Die Sonne scheint kräftig auf eine wilde Welt aus Wasser unb öbem Eis herab, unb Pike betreibt feine Seefahrt unb stößt ab und zu mit bem Pabdel Schollen beiseite, bie in ihrer scharfkantigen Größe und Dicke der Gummihaut seines Schiffes auf das schwerste schaden ober gar zum gänzlichen Untergang führen können. Plötzlich kommt von rückwärts Motorgeräufch heran, unb Pike muß wenden, um unter Todesgefahr der Bugwelle und den heftig kreiselnden Schollen die Stirne zu bieten Da läßt der Schisser von feinem Kutter aus einen Fluch los, so lang wie eine Ankerkette, und bann kommt ein Tau geflogen und klatscht ins Wasser. Pike geht ins Schlepp, unb die weitere Fahrt zum Marktorte ist ein Vergnügen, zwar mit^ Gefahren, Geschwindigkeit, Wellen unb dahinschießenden Schollen, mit Kopfschülteln, Reden und Fragen vom Kutter aus, aber immerhin ein Vergnügen, nichts anderes. Sieh dir dys Wasser an, wie es gleitet, in Wellen schwebt, sich kräuselt und fröhlich überfällt, sieh, wie das Licht herunterkommt und spiegelt unb glänzt und wärmt, sieh das Eis, zerbrochen, übereinandergeschoben und aufgetürmt ... Die Luft ist voller Rufen und Vogelflug, ber Motor des Kutters pufft und speit, und Pike gleitet dahin. Auf einmal von fernher Musik, Drehorgeln unb Karusfellbimmeln, wumm, wumm, wumwumwum macht bie dicke Pauke, und da ist der Hafen voll von Schiffen, ein Mast neben dem anderen ... Pike geht aus dem Schlepp und sucht sozusagen ein Loch, in das er sich mit seinem Schiff verkriechen könnte, denn alle Leute weisen mit dem Finger her und reißen die Mäuler auf, na ja, Pike schießt in eine Lücke, macht fest, zieht die Spritzdecke zu und verknotet sie, unb bann klettert er an Lanb unb steckt die Hände in die Hosentaschen. O Gott, die Beine sind unbenutzbar steif, bas Kreuz ist abgebrochen, bie Waden und bas Sitzfleisch finb abgestorben und vereist, o Gottegott, warum habe ich das nicht eher gemerkt, o verflucht, Mann, was ist das ein Gefühl! Pike reibt und knotet an sich herum, daß es eine Art hat, und es gelingt ihm, unter Schmerzen, Stechen, Kribbeln unb Ziehen feine erfrorenen Körperteile ins Leben zurückzurufen. Darauf betrachtet er in Dankbarkeit ben Eisbrecher, ber ba so frieblich liegt unb boch die wunderbare Fahrrinne durch das dicke Eis gebrochen hat, na ja, und es dauert nicht lange, fo treibt der Junge vor den Buden unter der Menge auf und ab, bleibt stehen, besichtigt dieses und jenes, klimpert mit seinem Selbe unb kaust endlich nach vielem Vergleichen in Gottes Namen seinen Kram. Er kann es allerdings nicht lassen, dabei an den Prahler Steen zu denken, der einen Tag zu spät zum Markte kommen und von ihm, dem armen Fischersohn Pike, aus dem Felde geschlagen sein wird. Ja, und als nun kein blinder Pfennig zum Klimpern mehr vorhanden ist, bemerkt Pike, der bisher an allen Gerüchen von Punsch, Kaffee, unb Schmalzgebackenem achtlos vorbeigegangen ist, baß fein irdischer Mensch in Hunger unb Sehnsüchten zu entbrennen beginnt. Es scheint auch kälter geworben zu fein, ach, zum Teufel mit Hunger unb Kälte. Pike rennt zum Hasen, staut feine Pakete im Heck unb legt ab Der Markt muß in biefem Augenblick gerabezu verödet fein, weil alle Menschen gekommen sind, um zu sehen, wie ein kleiner Junge mit einem Boot aus Holzstäbchen und dünner Haut durch die Fahrrinne ins Meer hinaus schissen will. Das ficht Pike wenig an, hat er Steen besiegt, so wirb er auch vor den Marktgängern unb ihren Bemerkungen bestehen bleiben, unb so steuert er einen kühnen Bogen unb zieht mit großer Fahrt bavon. Zu allem Hunger unb aller Kälte scheinen nun auch noch Eisschollen vom Meere hereingekommen zu sein. Pike muß sich klein unb unscheinbar machen unb burch bie Lücken schleichen. Manchmal scharrt es gefährlich bte Bootshaut entlang. Anderseits ist stellenweise das Master zu einer Art Brei gefroren, der nur zähe zurückbleiben will. Nach und nach vereist die Bootshaut bis zum Süllrand herauf, auch das Paddel beginnt sich zu panzern, und Pikes Beine geben kein Lebenszeichen mehr. Aber Pike kommt voran. Er denkt weder an seinen Hunger noch an die zwei, drei Donnerwetter noch an den Pastor noch an die Sündhaftigkeit dieser Marktfahrt, nein, Pike denkt an Sieg und Gloria, an Maleen und die Geschenke im Heck des Bootes. Ein Ewer kommt von See herein, und sein Schiffer vergißt das Steuern als er Pike auf den Wellen tanzen sieht. Pike grinst mit geschwellter Brust, dir werde ich es auch noch zeigen, dir auch, du verdammter dicker Skipper du, dir und allen anderen. Drei Boote kommen noch herein, und jedes hinterläßt ein Kielwasser wie etwa ein angetrunkener Weihnachtskarpfen, na, und das vierte Boot, das hereinkommt — gute Nacht, murmelt Pike und legt das Paddel hin. Steen steuert'. Als er Pike erblickt, gibt er Rückwärtsgang. Drei Längen vor Pike bleibt das Boot liegen. O du gottverdammter Hund, brüllt er, wir haben alle gedacht, du wärst ersoffen. Ich? fragt Pike. Nö. He, fragt Steen, du warst doch nicht auf dem Markte, nicht? Warum? fragt Pike und tut einen Paddelschlag. O du siebenundachtzigtausendmal Millionen hundert — schreit Steen und gibt Vollgas. Pike kentert fast, so scharf wirft er sein Boot herum, und dann ist der Bug des Schiffes hoch und dunkel über ihm, die Bugwelle klatscht hoch und schlägt über das wankende Boot hin und Pike muh immerzu nur eben das Schlimmste abwenden. Steens Schiff geht vorbei, und Pike kann nicht aus dem Sog kommen, und dann gibt es einen Schlag und Splittern, und Pike packt das Dingi, das feinem Boot den Schlag gegeben hat, und er reißt sich fast die Arme aus, als er den Fahrtruck auffängt. Und dann entert Pike mit feinen erstorbenen Beinen das Dingi und packt fein Boot am Heck und hat weiter kein Bestreben, als die kleinen Pakete aus dem leckgeschlagenen Boot zu erretten. Gehst du wohl aus dem Dingi raus, brüllt Steen. Willst du Hund wohl über Bord gehen! Raus aus dem Dingi, oder ich schmeiße dir ein Spill an den Schädel! Ja, und nun ist es höchste Zeit, daß Steens Alter aus der Plicht hervorkommt und seinen Sohn bändigt und Pike an Bord holt, Pike samt seinen kleinen Paketen und dem leckgeschlagenen Faltboot. Wie ist bas gekommen? fragt Steens Alter. So und so, sagt Pike und muß mit den Zähnen klappern. Na die Wucht von Steens Altem ist danach. Die Austernfifcher stürzen sich kopfheister ins Wasser, als sie das Gebrüll von des alten Steens Sohn vernehmen. Das war doch nur Spaß! brüllt der junge Steen. Das hier ist auch nur Spaß, sagt der alte Steen und bewegt das Tauende auf und ab. Und nun geh runter in die Kombüs und mach Pike Kaffee, du Lümmel! Eigentlich müßten wir uns jetzt hauen, sagt Steen zu Pike. Als Männer — Na ja, sagt Pike, los! Ich habe jetzt genug, sagt Steen. Aber beinahe hätte ich dich gerammt Verflucht, ich hätte dich ersaufen lassen. Glaubst du das? Na ja, sagt Pike, ’s ist möglich. Was hast du In den Paketen? fragt Steen. Für Maleen, sagt Pike. Brauchst ihr gar nichts mehr zu kaufen. Ist alles da Och, Maleen, sagt Pike, so’n Mädchen. Wir Männer, sagt Steen, wir — Laß man, sagt Pike, ein feines Mädchen. Und er denkt an die zwei, drei kommenden Donnerwetter, an den Pastor und das zerschlagene Boot, an Froll und Hunger, und daß alles nur für Maleen getan und ertragen fein soll. Ein ganz prima feines Mädchen, sagt Pike laut. Na, na, fagt Steen. Ich kenne eine, die — Sei ruhig! sagt Pike. Na ja, meinetwegen, brummt Steen und kriegt die Kaffeemühle her. Oer Kampf um den Kilimandscharo. Bon Oskar Erich Meyer. Der Kilimandscharo im ehemaligen Deutsch-Ostasrika ist mit seinen 6010 Metern bet höchste Berg des schwarzen Erdteils und erst verhältnismäßig spät erobert worden. Die Geschichte seiner Erschließung entnehmen wir dem von Th. Herzog herausgegebenen und im Verlag 5v. Bruckmann A.-G., München, erschienenen Buch „Der Kamps um d,e Weltberge." Zu Anfang des 16. Jahrhunderts besuchte der Spanier Fernandez de Eneiseo den osiasrikanischen Hasen Mombassa, über dem seit 1507 die portugiesische Flagge wehte. „Westlich von diesem Hafen", schrieb er nach seiner Heimkehr, „liegt der äthiopische Olymp, der sehr hoch ist, und weiter- Yin liegen die Mondberge, von denen der Ril entspringt." Es sollte mehr als drei Jahrhunderte vergehen, ehe das Auge eines Weißen Bese sagenhasten Gebirge, Kilimandscharo und Ruwenzori, sah, die den Schein ihres Eises soweit in die Lande warsen, daß schon das Altertum des Ptolemaios von ihnen Kunde erhielt. , ./nl Abre brach der deutsche Mistionar Johann Rebmann von MÜd Ll’täÄ“’ ?"P'a bei Mombassa ins Innere auf, um den ^as Cbristentum zu bringen. Am 11. Mai schreibt er in sein Tagebuch. Wir sahen diesen Morgen bte Berge von Tschagga immer deut- Itdicr, b'<- ith gegen 10 Uhr den Gipfel von einem derselben mit einer auf. ffieifipbCh ,aC’Iel? F0,1!1; bedeckt zu sehen glaubte. Mein Führer hieß das Weiße, das ich sah schlechtweg „Kälte", es wurde mir aber ebenso klar als gewiß, daß es nichts anderes sein könnte als Schnee." So wurde Afrikas höchster Berg entdeckt. Er trägt den gleichen Namen, nur in anderer Sprache, wie fein europäischer Bruder, der Montblanc: Kilima-Ndscharo, der leuchtende, der weiße Berg. Oldonyo Oibor, wie ibn die Maisai nennen, bedeutet dasselbe. Die Wadschagga, die an seinem Fuße leben, haben keine Bezeichnung für das ganze doppelgipslige Massiv. Sie nennen den höheren Schneedom Kibo, den Hellen, den nichtigeren zerrissenen Felsgipfel Mawenzi, den dunklen. So bezeichnen wir heute mit dem Kifuaheliworte Kilimandscharo die Berggruppe, die in Kibo und Mawenzi gipfelt. Beide Berge sind erloschene Vulkane, die auf einem gemeinsamen Sockel vulkanischer Gesteine stehen. Daß die Natur schöpferischer ist als die Phantasie eines Gelehrten, bewies der Londoner Geograph Desborough Cooley, der auch nach wiederholter Bestätigung von Rebmanns Beobachtung durch spätere Zeugen hartnäckig an feiner Meinung festhielt, daß es unter Tropenfonue keinen Schnee geben könne. Es dauerte freilich lange Jahre, bis eines Menschen Fuß diesen Schiee betrat, den das Ange geschaut. Erst 1871 erreichte der Missionar Charles New in etwa 4000 Meter Höhe die Schneegrenze im Südosten des Berges. Seine Begeisterung für den weißen Dom führte ihn zwei Jahre fpäter noch einmal ins Dschaggaland und zugleich in den Tod. Von dem Häuptling Mandara bis aufs letzte ausgeplündert, starb er auf dem Rückweg zur Küste. Nun wurde es jahrelang still um den Kilimandscharo. Ersteigungsversuche bis 1887 blieben in den unteren Gefilden des Berges stecken. In diesem Jahre erreichte bet Ungar Gras Teleki etwa Montblane-Höhe, wähtenb der Deutsche Hans Meyer bis zum Rand der Eishaube (über 5000 Meter) votdrang, wo die bergsteigetischen Schwierigkeiten beginnen. Diese zu überwinden verhalf ihm zwei Jahre später die Meisterschaft Lndivig Putischellets. Ihr ist es zu danken, daß die schwatz-weiß-tote Fahne als erste auf Deutschlands höchstem Berge wehte. Am 3. September 1889 brachen die beiden mit ihrem Trägerzug von Sansibar auf. Am Morgen des 17. September wurden sie, „eine Höhe ersteigend, zum ersten Male von dem Anblick des Kilimandscharo überrascht. Ueber die dunklen Waldstreifen, die sich am Luniflufse hinziehen, erhob sich, unmittelbar aus bet Ebene aufsteigend, ein riesiger doppelgipfliger Gebirgsstock, dessen höchste Erhebung, der Kibo, hoch in den Aether empvrsteigt. Wer kann es Rebmann verdenken", schreibt Purtscheller, „wenn er hier vor 42 Jahren, überwältigt von der Größe unb Erhabenheit des Bildes, auf die Knie sank, um einen Psalm zur Ehre des Allmächtigen anzustimmen." Am 28. September bezogen sie im Urtoalbgebiet des Kilimandscharos das erste Lager am Berge in 1950 Meter Höhe am Ruabache. Zwei weitere Tagesmärsche brachten sie bei 2900 Meter an den oberen Rand dieser Zone, in der fast ständiger Nebel und feiner Regen eine Pflanzenwelt gedeihen läßt, die den Wanderer auch tagsüber in Dämmer taucht. Am 2. Oktober schlugen sie ihr Zelt, nut von einem Neger begleitet, am Rande des Sattels zwischen Kibo und Mawenzi in 4330 Meter Höhe auf. Am 3. Oktober, morgens um 2 Uhr 30 Minuten, stiegen sie unter Purtschellers Führung über chaotisch gelagerte Blöcke, durch fchluchtartige Wasserrisse, zu dem nördlichen Rücken hinan. Zweieinhalb Stunden später schauten sie von etwa 4700 Meter Höhe in das 150 Meter tiefe eingeschnittene Gletschertal, guerten es ansteigend über Schutt und geschliffene Felsen zu dem südlichen Rücken hinauf. Fels und vulkanischer Sand wechselten endlos miteinander ab. Die lockeren Massen ermüdeten wie ein Steigen in weichem Schnee. Fieberhaft atmeten Lunge und Herz, die feit langem der Höhe entwöhnt waren. Der Blick glitt um 8 Uhr 15 Minuten gelegentlich einer halbstündigen Rast schon über den Gipfel des rotbraun leuchtenden Mawenzi (5270 Meter), lieber ihnen strahlte die Eishaube, unter ihnen dehnten sich graugrüne Hänge, die in dem silbrigen Gewölk verschwanden, das über dem Urwaldgürtel hing. Jenseits, im violetten Dunste verschwimmend, die Weite der Steppe... Kurz nach Mittag war der Eiswall überstiegen, der, von unten gesehen, den höchsten Rand des Kraters vortäuscht. Dahinter zog sich das nun mit Firn bedeckte Eis, in Nadeln und Schneiden des „Büßerschnees" aufgelöst, weiter empor. Die Erde war hinter der Stufe versunken. Nur einzelne ferne Wolken schauten herüber. Dann begann der Kampf der ermüdeten, vom Gletscherbrand geplagten Männer mit dem tückischen Untergrund. Unübersehbar dehnte sich der Hang. Endlich, um 1 Uhr 45 Minuten, erreichten sie feinen obersten Rand (etwa 5750 Meter). Vor ihnen öffnete sich, überwältigend, der Krater des Kibo. Was noch keines Menschen Ange geschaut, der riesige Ringwall, von Eis erfüllt, einen dunklen Auswurfskegel inmitten, dehnte sich vor ihnen aus. Aber noch immer war der Kibo nicht erstiegen. Im Südwesten erhob sich der Kraterrand etwa 180 Meter höher zum Gipfel des Berges, einem aus dem Eise hervorragenden felsigen Kamm. Da Zeit und Kräfte nicht mehr genügten, das schätzungsweise anderthalb Stunden entfernte Ziel zu erreichen, traten sie, willens, wiederzukommen, nach einer guten halben Stunde den Rückweg an ... . Zwei Tage später bezogen Meyer und Purtscheller ein höher gelegenes Lager. In dem südöstlichen Tale, das sie beim ersten Versuche gegiicrt hatten, sand sich unter einer Felswand eine Höhle in etwa 4620 Meter Höhe. Nach einer kalten Nacht (—120 C) zogen die beiden wieder über den südlichen Begrenzungsrücken und seine Blockfelder zur Eishaube hinaus. Besonders glanzvoll entfaltete sich in dieser Nacht die Pracht des Tropenhimmels. Da der Weg bekannt unb viele der Stufen auf dem Eismantel noch brauchbar waren, erreichten fie diesmal schon um 8 Uhr 45 Minuten den Kraterrand. Der weitere Weg zum Gipfel bot keine Schwierigkeiten mehr. Der Firn des fanft ansteigenden Ringwalles führte zu drei aus Felstrümmern getürmten Spitzen, bereit mittlere am höchsten ragte (6010 Meter nach H. Meyer, 5930 Meter nach Klute). Mit feinem Takt ließ Purtscheller beut, ber ihm ben Sieg über Afrikas höchsten Berg ermöglicht hatte, ben Vortritt. So pflanzte Hans Meyer als erster bie beutsche Fahne auf bem Gipfel auf und nannte ihn Kaiser-Wilhelm-Spitze . .. Die verschollenen Urbewohner Afrikas, bie nach ber Dschaggasage im Krater des Kibo Haufen, bie Geister verstorbener Häuptlinge, die vom Dache bes silbernen Doms über bas Wohl ihrer Geschlechter wachen, hat der Bergsteigerschritt vertrieben. Uns aber blieb ber leuchtenbe Berg bas Sinnbilb für beutsche Arbeit, Sehnsucht unb Sieg. tveraniwortlich. Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Vrühl'fche Universitäts-Vuch. und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.