GietzenerZainilienblätter ________Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1955 Freitag, den 20. Dezember Nummer 99 Lars der Gerechte Roman von Wilhelm Scharrelmann (7. Fortsetzung.) (Fr war so bleich wie das Tor, und als Lena ihn herantreten sah, meinte sie im ersten Augenblick, einer Erscheinung zu begegnen. „Lars!" schrie sie auf. „Endlich! Daß du da bist, Lars!" „Jawohl, ich bin es!" nickte Lars und seine Stimme war unnatürlich still und gehalten. „Geh nur jetzt in die Stube, hörst du? Ich habe mit Krick zu reden, und es ist nichts für deine Ohren, was ich mit ihm abzumachen habe. Drücke die Tür fest hinter dir zu, verstehst du?" Er erhob seine Stimme nicht, aber es war etwas in seinen Worten, daß Lena schweigend gehorchte. In der Tür aber wandte sie sich noch einmal wieder um. „Lars!" sagte sie bittend. „Was ist?" fragte er. „Ich bin dir niemals untreu gewesen, Lars, in keiner Minute, und ich brauche die Augen nicht vor dir niederzuschlagen." „Das weiß ich", sagte Lars. Aber er sah nur Krick an. „Gib Krick alles, was ihm zusteht, nicht wahr? Es hat keinen Sinn, daß ihr euch streitet. Im Notfall mußt du ihm einen Schuldschein geben, und wir müssen es abarbeiten. Es muß da doch einen Weg geben, nicht wahr?" „Schon gut", sagte Lars. „Ich habe nicht vor, ihm etwas schuldig zu bleiben. Verlaß dich darauf." Lena schloß die Tür hinter sich, und die beiden, die zurückgeblieben waren, maßen sich schweigend mit einem langen Blick. „Du hast ein wenig auf dich warten lassen", begann Krick, dem das Schweigen zwischen ihnen unbehaglich wurde. „Aber unser einer hat ja Zeit, nicht wahr?" „Das dachte ich auch?", antwortete Lars, kalt wie Eis. „Du haft dir ja auch nicht gerade Langeweile gemacht, wie ich gemerkt habe. Du wirft nun wohl zugeben, daß ich recht hatte, als ich dich vor vier Wochen hinauswarf. Du hättest dich bei Lena nicht darüber zu beschweren brauchen." „Ihr könnt wohl beide keinen Spaß mehr verstehen, Lena und du, wie?" „Aber es ist gut, daß du wiedergekommen bist", fuhr Lars fort, ohne den Einwurf zu beachten. „Es wird Zeit, daß wir die Sache zwischen uns ins Lot kriegen. Denn einem wie dir ist man nicht gern etwas schuldig, siehst du." „Hast du das Geld wirklich zusammengekriegt?" fragte Krick verblüfft. „Alle Achtung! Das muh ich sagen." „Nein", antwortete Lars, immer in der gleichen ruhigen Weise, die wie die Stille vor einem Gewitter in seinem Wesen stand. „Davon kann wohl nicht gut die Rede sein. Ich hätte schon hingehen und einem anderen darum den Hals umdrehen müssen. Aber borm wollte ich dir nun noch keine Konkurrenz machen." „Was soll das heißen?" fuhr Krick auf. „Hüte deine Zunge, Lars Hullmann, verstehst du mich? Denn wenn du dir vielleicht gedacht hast, daß es am bequemsten für dich wäre, mich hinter Schloß und Riegel zu bringen, könntest du dich eklig verrechnet haben, sage ich dir... Darum wäre es vielleicht besser, wir vertrügen uns." „ Lars nickte. „So habe ich vorhin auch gedacht, siehst du, und bin mit der Absicht hierhergekommen. Aber ich muß sagen, du hast es einem verdammt schwer gemacht..." Sein Atem ging hastig, und seine Hände ballten sich, und einen Augenblick lang schien es, als würde nun alles, was sich an Wut und Empörung in ihm ängesammelt hatte, wie aus einem Krater aus ihm herausbrechen. Aber dann erlosch die Flamme in seinen Augen plötzlich wieder und er fuhr ebenso beherrscht wie er vorhin gesprochen hatte, fort: „Es hat wohl keinen Zweck, noch einmal auf das zurückzukommen, was du dir vorhin hier bei Lena zusammengefaselt hast. Die Antwort, die sie dir gegeben hat. war ja wohl deutlich genug, selbst für einen Kerl wie du einer bist, sollte man meinen. Ich will es darum ruhen lassen. Es ist ja auch mal eine Zeit geweien, in der du mir so etwas wie ein Freund gewesen bist. Wenigstens hast du mal so getan Nein, laß mich ausreden und unterbrich mich setzt nicht! Es könnte sonst sein, daß ich mich nicht mehr zu halten wüßte..." Es war ein so drohender Klang in seinen Worten, daß Krick wieder verstummte. Was ging in ihm vor? War er vielleicht nicht mehr ganz bei Sinnen? . Aber" — fuhr Lars nach einem sekundenlangen Schweigen fort und ließ seine Stimme wieder sinken — „ich bin in deiner Schuld, darüber ist nicht weiter zu reden. Du hast mir einen Betrag geliehen, und ich habe ihn dir wiederzugeben, das ist klar. Ich habe das meiste von dem Gelde für den Kauf des Hofes hier verwendet, und kann es darum nicht so schnell wieder flüssig machen. Mühe genug habe ich mir darum gegeben, das kannst du mir glauben. Da bleibt nun kein anderer Weg, als daß du das Haus für dein Geld nimmst, das Haus und die Aecker natürlich die dazu gehören." „Wie", fragte Krick, der nicht recht verstanden zu haben glaubte, was Lars da redete. „Ich will mit alledem nichts mehr zu tun haben", fuhr Lars unbeirrt fort „und ziehe noch in dieser Woche von hier weg. Hab keine Angst, daß ich viel mitnehme. Du behältst so gut wie alles, was hier ist. Nur das Notwendigste nehme ich mit. Wenn du aber willst, laß mir das Pferd. Soviel ist ja am Ende auch die Arbeit wohl wert, die ich hier an die beiden Aecker gewendet habe und an das Heideftllck, drüben, das ich schon zur Hälfte urbar gemacht habe. Denn an dem Pferd hänge ich, siehst du. Ich will es mit in die Stadt nehmen. Vielleicht, daß ich dort ein kleines Fuhrgefchüft beginne, wenn ich mir auch für den Anfang einen Fracht- wagen dafür leihen muß. So, und damit wären wir bann wohl fertig miteinanber." „Bist bu vielleicht verrückt geworben, Lars Hullmann?" rief Krick unb sprang von bem Stuhl auf, ben er sich genommen hatte. „Was in des Teufels Namen soll ich mit beiner schmierigen, alten Moorstelle hier? Meinst bu, ich brenne darauf, meine Knochen zu schinden, wie?" „Mach, was bu willst", entgegnete Lars. „Es gibt keinen anderen Weg für uns, auseinander zu kommen. Denn ich will nun mal nichts mehr mit dir zu tun haben unb bir auch nichts mehr fchulbig bleiben, unb ba ist es ja bas einfachste so, .meine ich..." „Reich so haben wir nicht gewettet", antwortete Krick. „Denn bu bist mir Geld schulbig, Lars Hullmann, unb fein Lanb, soviel ich weiß." „Ich habe aber boch nichts anberes, unb jeber bejaht mit bem, was er hat", beharrte Lars. „Dazu bekommst bu ben ganzen Beschlag, ben ich für teures Gelb gekauft habe, Pflug unb Egge, siehst bu, ben Düngerkarren unb ben Ackerwagen, wenn bu mir ben auch noch für bie nächsten Tage leihen mußt. Ich bringe ihn bir aber halb zurück, ba kannst du ganz sicher fein." Krick krächzte vor Lachen. „Hab ich nicht immer schon gesagt, daß bu ein Schlaukopf bist, Lars Hullmann? Ich will mich hängen lassen, wenn es einen besseren Bauernfänger gibt als bich. Hahaha! Nein, ba kannst bu nun fragen, wen bu willst, ob ich mich barauf einzulassen brauche. Auslachen tut er mich, bas ist gewiß. „Was kümmert mich bas?" antwortete Lars jetzt gereizt. „Dies ist eine Sache zwischen uns beiben allein, meine ich, unb geht niemand sonst was an." Aber es verwirrte ihn boch. Denn baß Krick feinen Vorschlag ablehnen mürbe, hatte er nicht erwartet. „Das ist ja zuletzt bei jeder Hypothek so, siehst du", versuchte er Krick zu erklären. „Wenn jemand seine Zinsen nicht zahlen und das Geld nicht zurückgeben kann, das er auf ein Haus geliehen hat, nimmt der Gläubiger das Haus dafür. Was soll er denn auch sonst wohl tun? Willst du mir das vielleicht mal sagen?" „Hab ich dir das Geld geliehen, oder hast du es dir genommen, he?" fragte Krick. „Nein, Lars Hullmann, das sind Finten, die du dir da ausgedacht haft." „Nun bann tu, was bu willst! Ich will nun mal mit bir unb beinern verfluchten Gelde nichts mehr zu tun haben, verstehst bu mich? Unb wenn du die Stelle hier nicht dafür nehmen willst, bann laß es bleiben. Dann kann in Gottes Namen hier einziehen, wer Lust hat, Basta!" „Aber baß bu bamit beine Schulben bei mir bezahlt hättest, nimmst bu doch wohl nicht an, bu Aalkopf?" fragte Krick höhnisch. „Doch, zum Teufel! Das ist es ja, was ich sage! Wenigstens habe ich bann nicht einen Pfennig mehr von bem, was bir gehört, noch in Besitz, begreifst bu bas immer noch nicht? Alles, was ich hier anfasse, brennt mir an ben Fingern, bas kann ich bir sagen! Und ich will lieber auf einem Dunghausen im Felde verrecken, als noch länger hier bleiben." Er wandte Krick ben Rücken, ging über bie Diele an ben Pferbeftall, klappte bie Futterkiste auf unb schüttete Hopla eine Molle voll Häcksel in bie Krippe. „Komm, Alter", sagte er. „Du hast biese Nacht noch einen weiten Weg vor bir." „Das hast bu bir ja gut ausgebacht", rief Krick ihm nach. „Glaubst bu wirklich, baß ich so bumm wäre und nun einen Strich durch alles machte unb hier sitzen bliebe?" „Tu, was bu willst, unb geh, wohin bu willst!" antwortete Lars. „Gut, benn fahre ich mit bir. Denn es ist ja wohl mein Pf erb unb mein Wagen, bas bu benutzen willst nicht wahr?" Verzweiflung unb Wut überfiel Lars. gehen wird. (Fortsetzung folgt.) „Bist du Satan denn überhaupt nicht wieder los zu werden? schrie I er ergriff eine Wagenrunge, die beim Pferdestall an der Wand lehnte und schleuderte sie mit einem Schwünge auf Sn cf daß das elfen- beschlagene Holz dicht an Kricks Kopf vorbei mit dumpfem Krach an die $Cra“e7Öf*on9'im nächsten Augenblick kam er wieder zur Besinnung. Mein Gott, war es denn möglich? Was hatte er da tun wollen. Eine Schwäche überkam ihn und aufstöhnend brach er in die Kme. Ein paar Sekunden war es still zwischen beiden, daß jeber nur seinen Atem hörte. Auch Krick war erbleicht, und der Schreck ließ seine Knie 3litjSieMt du nun", sagte er leise, „ein wieviel besserer Kerl du bist als ich? Denn da hätte nun wirklich nicht ganz viel gefehlt... Vielleicht, wenn du eine alte Frau vor dir gehabt hättest, Lars Hullmann — wie? Meinst du nicht auch, daß sie hinüber wäre? Und so einer will mit nur nichts mehr zu tun haben und hält den Kopf hoch und spuckt aus, wenn er einem begegnet? Wie? Bin ich im Recht oder nicht? Lena, die in der Stube auf das Gespräch der Manner auf der Diele gelauscht hatte, ohne viel zu verstehen, war drinnen entsetzt auf- gefprungen. q£s bie jür aufstieß und ihren Mann auf den Knien liegen sah. „Lars! Um Gotteswillen! Er hat dir was angetan? Nee", antwortete Krick für Lars. „Für diesmal nicht. Warum muß ich es denn immer gewesen fein? Beinahe könnte man diesmal das Gegenteil sagen, siehst du!" * Das Hotel „Zum Schwan", in dem Dörte dient, liegt in einer der engen und winkeligen Straßen beim Bahnhof. Handlungsreisende übernachten dort, kleine Angestellte und Gewerbetreibende. Der Eingang mit dem abgetretenen Läufer auf den Treppenstufen, die hinter der Haustür auf den Flur führen, verrät schon im Eintreten, daß der Gast hier keine Ansprüche zu stellen hat. „ , Schlimmer noch sieht es in den Wirtschaftsraumen aus. Besonders die Spülküche ist so düster, daß auch bei Tag Licht darin gebrannt werden muß. Der Lichtschacht über dem Spülstein dient eigentlich nur zur Entlüftung, aber der Qualm des heißen Wassers und der Geruch der Speisen, die von der Küche aus in den kleinen Raum bringen, sind trotzdem so dick, daß sich einem schon beim Eintritt die Luft fchwer auf die Lungen legt. Dorf steht Sorte und spült die abgegeffenen Schüsseln, bie man ihr burch den Aufzug hinunterschickt. Seneben darf sie in den Stunden, in denen weniger zu tun ist, Gemüse putzen und Kartoffeln schälen, und der Tag ist lang und dauert bis tief in den Abend, und die Arbeit nimmt niemals ein Ende. t ... , Aber eines Morgens hat es oben mit einem der Zimmermädchen einen Krach gegeben, und bas gleich fo, baß bie Erna noch in derselben Stunde gegangen ist. Nun, bie Sache wirb noch ein Nachspiel vor bem Arbeitsgericht haben, sowohl. Braucht man sich am Ende alles gefallen lassen? Bielleicht, daß bann überhaupt mal Drbnung ins- Haus kommt. Es ist boch seit langem schon ein Skanbol, wie bas Personal im Hause ausgenutzt wirb. Denn was Erna betrifft, fo will sie lieber verhungern, als noch eine Stunbe bleiben, und wenn sie vor bem Richter einmal auskramen wird, was für Zustände im Haufe herrschen, wird sich der Wirt wohl etwas verwundert umsehen ... Erregt setzt sie unten in der Küche ihre Angelegenheit auseinander. Aber natürlich, solange alle im Hause so dumm sind, sich widerspruchslos in alles zu fügen, geschieht ihnen nur recht. Sie jedenfalls bedankt sich schön, und Sorte vor allem ist so einfach polizeiwidrig dumm, für den geringen Lohn, den man ihr zahlt, tagein, tagaus in bem bunftigen, düsteren Loch da hinter der Küche zu stehen. Es werde wirklich höchste Zeit, daß die Gewerbeinspektion da einmal nach dem Rechten sehe ... Eine Stunde später wird Sorte unverhofft ins Kontor zum Geschäftsführer gerufen, und sie wird rot und blaß, als sie gefragt wird, ob sie Lust hat, an Ernas Stelle zu treten? Sie soll bie Zimmer im zweiten Stock bekommen, unb wenn sie will, kann sie heute noch mit ber neuen Arbeit beginnen. Ein anderes Küchenmädchen ist schon bestellt ... Sorte ist beinahe schwindlig vor Glück. Aber sie hot sich bie Arbeit doch leichter gedacht, und nun sie am späten Nachmittag mit den Zimmern fertig ist, ist sie müde zum Umfallen. Als aber am Abend das neue Kattunkleid, das sie bei ihrer Arbeit jetzt tragen soll, aus bem Geschäft gekommen ist, unb sie in ihr Zimmer geht, um es anzuziehen, ehe einer der Gäste sie auf bem Flur in bem alten erblickt, in bem sie ihre Arbeit in der Spülküche getan hat, ist alle Müdigkeit vergessen. Strahlend, wie sauber unb schmuck sie nun ist, geht sie in bie Küche, um sich bort in ihrem Staat zu zeigen und benutzt zugleich die Gelegenheit, ein paar Worte mit ber Neuen in der Spülküche zu wechseln, einem stillen unb blassen Geschöpf, bas sich noch gewaltig sputen muß, wenn es mit ber Arbeit Schritt halten will. Aber Hebung macht viel, unb mit ber Zeit ftnbet man allerhanb Kniffe heraus, sich den Kram ein wenig zu erleichtern. Vor allem soll sie die Schüsseln gehörig lange ab tropfen lassen, ehe sie mit bem Schreiben beginnt, es geht bann noch einmal fo schnell damit. Da hört sie plötzlich vom Flur aus die Stimme ihres Baiers. Ist es möglich? Nein, so ein Glückstag aber auch heute! Wirklich, da steht Lars im Halbdunkel des Ganges, die Schulter an die Wand gelehnt und bie Mütze verlegen in ber Hand. Sorte lacht, überrascht und stoh in dem Selbstgefühl, das ihr die neue Stellung unb besonders das neue Kleid verleiht. Ader sie will nicht selber davon beginnen und wartet nur darauf, daß der Vater die Veränderung an ihr bemerkt unb sie fragt, ob sie mitten in der Arbeit vielleicht Sonntag feiert, ober was sonst mit ihr los ist? Als Lars aber in ben Lichtschein tritt, der aus der offenen Tür in den Flur fällt, erschrickt sie über sein Aussehen, daß ihr eine Blässe ins Gesicht tritt. Was ist denn nur mit ihm. so verfallen und düster, wie er ausschaut? Sein Gesicht ist grau wie schmutzige Kreide, unb bie Arme hängen so müde an ihm herab, als hätte er eine wer weiß wie schwere Last getragen. Besorgt zieht sie ihn in die ßeuteftube, die nach hinten am Ende des Ganges liegt unb in ber Lars auch sonst mit ihr gesessen hat, wenn er mal in bie Stadt kam und nach ihr sehen wollte, em niedriger Roum, in dem es muffig und vornehmlich nach der Schuhkreme riecht, mit der der Hausdiener früh morgens hier den Gästen die Stiefel putzt. Ob etwas passiert ist? antwortet Lars auf ihre Frage. Wie sie nur auf fo etwas kommt? Nein. Es geht allen zu Haufe gut. Er hat sich auf einen der Stühle an den Tisch gesetzt. Blaugefroren hängen seine Hände zwischen den Knien herab, und der Blick seiner Augen ist fo erloschen und tot, daß das Lächeln, zu dem er sich zwingt, Sorte doppelt schmerzlich erscheint. Wie falt dir unterwegs geworden ist", sagte sie verwirrt und nimmt seine Hände, um sie in den ihren zu wärmen. „Warte, ich hole dir eine Tasse Kassee aus der Küche. Oder soll es etwas anderes fein? „Nein, nein", wehrt Lars hastig ab. „Auf keinen Fall, ich wollte nur einmal nach dir fehen ... Ich hatte sowieso in der Stadt zu tun, /Wirklich?" fragte Sorte. O, ihr geht es so gut, wie sie nur wünschen kann. Unb nun kann sie es doch nicht mehr für sich behalten unb sie erzählt ihm, welches Glück sie gehabt hat und jetzt zehn Mark im Monat mehr verdienen wirb. Sie wunbert sich aber im stillen, wie gleichgültig Lars bei allem bleibt. Ja, sie hat ben Einbruch daß er kaum herhort . . Sieht er beim gar nicht, wie gut ihr bas blau- unb weißgestreifte Kleid steht, das sie kaum eine Halde Stunde am Leibe hat und das noch leise knittert, wenn sie sich darin bewegt? Nein, Lars hat heute wohl kein Auge dafür. Geistesabwesend starrt er vor sich bin. . . Eine Anost überkommt sie. So wie heute war er noch nie. Vielleicht, daß er sich krank fühlt und nur nicht sagen will, wie schlecht ihm zumute ist? Hat er ihr nicht sonst immer ein Lächeln gezeigt, wenn sie ihn sah? „Vater", bittet sie ihn leise. „Ja, ja", antwortet Lars hastig. „Laß nur, es ist alles nicht weiter von Belang, siehst du", bricht aber verlegen ab. Denn er will ihr nicht jagen daß er schon seit gestern abend unterwegs ist und die Nacht tm Freien zugebracht hat. Er erinnert auch selber kaum, wie es gekommen ist daß ihn bie Unruhe abermals von Haus getrieben hat. Nur, daß ihm über der Wirrnis, bie in ihm ist, zuletzt die Idee gekommen ist, zu Sorte zu gehen. Cs ist gewiß lächerlich und er schämt sich vor sich selber, nun er darüber I nachbenkt. Aber Sorte ist ber einzige Mensch, ben er wirklich aus tiefster Seele liebt ... Lena ist gut zu ihm, gewiß, aber sie hat etwas in ihrem Wesen, was das Letzte in ihm nicht zu lösen vermag, und er muß endlich einen Menschen haben, bem er gestehen kann, was ihn bedrückt ... Vielleicht liegt es auch nur daran, daß er ihr nicht gleich die volle Wahrheit gesagt hat und manches sonst vielleicht anders gekommen wäre. Er weiß es nicht. Aber jetzt, hinterher kann er es unmöglich mehr. Jedesmal, wenn er es versuchte, war ihm, als schlöffe ihm ein Krampf den Mund. Darum ist er zu Sorte gekommen. Aber nun er vor ihr sitzt und den Srurf ihrer kleinen Hand in ber seinen fühlt, wagt er kaum ben Blick zu ihr zu erheben. Nein, es ist wohl erst recht unmöglich. Was soll auch bas unschulbige Kinb zu dem sagen, was er mit sich herumschleppt? Es war wohl nur feine Verzweiflung unb Ratlosigkeit, baß er überhaupt darauf verfiel, zu ihr zu gehen. Nein, was hat er sich da nur ausgedacht? Ihm kann nun mal niemand helfen, mag es immer fein, wer will. Schwerfällig erhebt er sich wieder. „Also", sagte er, „ich habe ja jetzt gesehen, daß es dir gut geht, da will ich nur wieder gehen. Paß gut auf, wenn du jetzt eine fo schone Stelle gekriegt hast, daß bie Zimmer ba oben immer „hübsch sauber sind, und dir niemand etwas nachsagen kann, nicht wahr?" Aber er kommt nur bis zur Tür, und er muß sich einen Augenblick lang an ben Pfosten festhalten. Aber bann ist es auch schon roieber vorüber, unb es ist gut, baß Sorte es nicht einmal gemerkt zu haben scheint. Nur baß ihr von neuem auffällt, wie verfallen er aussieht. „Nein, daß du jetzt schon wieder gehen willst", sagte sie. „Du bist gewiß krank ... Komm, bleib doch noch ba unb ruh dich wenigstens erst ordentlich aus." Aber Lars schüttelte nur ben Kops. Er ist in seinem ganzen Leben nicht krank unb bettlägerig gewesen. Ober kann sich Sorte vielleicht bar- auf besinnen? Nein, krank ist er bestimmt nicht, bas kann er zu ihrer Beruhigung sagen. Aber gewiß, wenn sie noch ein paar Augenblicke Zeit für ihn hat? Für ihn Drängt es, offen gesagt, noch nicht gerade mit dem Heimwege, unb vielleicht ist es wirklich ganz gut, wenn er sich noch ein wenig ausruht. Denn mübe ist er, bas will er nicht bestreiten. Aber es ist mehr bie Unsicherheit in ihm, wohin er nun gehen soll, nun alles noch immer so ist, wie es immer war ... Am besten, er macht ein Ende mit sich selber. Ist es nicht unmöglich für ihn, jetzt nach Haufe zurückzukehren? „ r , „Erzähl mir doch von zu Hause", bittet ihn Sorte. „Euren Besuch seid ihr nun wohl wieder los, wie?" Senn Sorte ist neulich Sonntags draußen gewesen und hat sich nicht wenig gewundert über die Einquartierung, bie sich bie Eltern ba ins Haus genommen haben. „Nein", antwortete Lars. „Sen werden wir auch sobald nicht wieder los werden ... Er hat dir wohl wenig gefallen, ber BesiuH? Sieht ber Kerl nicht aus, als wenn er jemand umgebracht hätte, wie? Lars erschrickt, aber das Wort ist heraus, und statt in das Lächeln einzustimmen, hinter dem er sich zu verbergen sucht, steht ihn Sorte nur befremdet an. „So etwas muß man nicht einmal im Spaß sagen , verweist sie ihn. Sen Teufel auch, ich sage es durchaus nicht im Spaß, denkt Lars in plötzlichem Trotz. Er hat wohl keinen Eindruck auf sie gemacht, wie? O, er kann ihr Singe sagen, daß sie nicht fo leicht darüber hinweg- Weihnachien. Von Friedrich Schnack. Der Himmel tut so hell sich aus. Der Mond, die Sterne ziehn herauf: / Sie wollen das Kind in der Krippe betrachten, Himmel und Erde feiern Weihnachten. Die Berge sind vom Winter klar, So tief die Nacht, wie nie sie mar. Besteckt mit Kerzen und Sternenlichten, Winken vom Wald herüber die Fichten. Es ist, wie wenn auch die Natur Von der Geburt des Herrn erfuhr. Sie leuchtet rein und traumkristallen: Auch ihr ist Gnade zugefallen. Oer hölzerne Weihnachtsbaum. Eine Geschichte aus Island von Gunnar Gunnarsson. Als es nur noch eins Woche bis Weihnachten war, schien uns Kindern allgemach gar zu wenig zu geschehen. „Wann geht denn der Vater in die Stadt?" fragten wir die Mutter, die mit Mamsell Anna auf dem Schoße dasah und sie fütterte. Am Tisch unterm Giebelfenster ihr gegenüber hockte der Vater, sah uns vier Kinder und die Mutter, die auf ihrem Bett sah, schweigend an und kaute seinen Tabak. Es war nahe an Mittag und trotzdem noch dämmrig in der Stube. So düster war es in Breiddalur nicht gewesen wie hier in Hamrafjördur. Auch war dort eine Kirche, und aus Weihnachten läuteten die Glocken so laut: Komm! ... Komm! ... Komm! ... Komm! ... Aber jetzt waren wir weit, weit fort und würden wohl nie mehr dorthin kommen. Die Mutter lächelte, strich Beta über ihre roten Locken, streifte Vei- gas Wange, in die so leicht eine flackernde Röte stieg, die aber doch lang darauf haften blieb und lächelte mir zu. Zum Vater aber sagte sie: „Könntest du denn nicht heut hinübergehn, Greipur?" Wie gewöhnlich dauerte es eine Weile, bis der Vater antwortete. Dann aber entgegnete er: „Ich meinte, Sesselja, du solltest es dies Jahr leicht haben.. Die Mutter lächelte, aber es war nicht ihr altes richtiges Lächeln. „Etwas müssen wir doch tun ... um der Kinder willen..." Der Vater aber schien doch nicht so ganz unvorbereitet zu fein, wie es den Anschein hatte, denn er brauchte gar nicht lang zum Aufbruch. Dafür wurde uns der Tag um so länger. Die ganze Zeit hingen wir Kinder aneinander, ohne daß uns das aber Vergnügen gemacht hätte, im Gegenteil; wußten wir doch nicht recht, was anfangen. Wir fühlten uns ja so sonderbar fremd aus diesem neuen Hof und in dieser neuen Gegend und unsere Mutter war immer so müde und der Vater mitunter Plötzlich so unlustig zu allem. Nichts glich dem Früheren und alles war schlechter. Selbst als unsere Mutter jetzt, wohl nur um uns die Zeit zu vertreiben, daran ging, Talg in einem Topfe heiß zu machen, um daraus Weihnachtskerzen zu fertigen, — was sie dies Jahr, wie sie sagte, lieber unterlassen hätte, etwas, was wir nicht begriffen — selbst da beim Kerzengießen wurde es uns nicht so heimlich und wohl zumut wie vordem in Breiddalur. Die Arbeit ging ihr einfach nicht so recht von der Hand, und mußte sich die ganze Zeit niedersetzen. „Warum bist du denn immer so müde, Mutter?" fragte ich sie, als sie einmal lange so untätig dagesessen hatte. Ich trage ja an einem Brüderchen für dich", antwortete sie, lächelte und erhob sich. Aber es war ein Lächeln, was mich verstummen machte. Trotzdem war da ein Zorn in mir oder ein Mißmut: warum lächelte sie nicht mehr so wie früher! Sehr bald mußte sie sich wieder fetzen, und da ging für einen Augenblick ein solcher Ausdruck des Erschreckens über ihr Gesicht daß wir drei Kinder uns ganz verlassen vorkamen. Dann schloß sie die Augen für eine Sekunde, öffnete sie wieder, lächelte und begann, uns von Weihnachtsbäumen zu erzählen. Aber was war denn ein Weihnachtsbaum? Und was waren überhaupt Bäume? Der höchste Saum, den wir gesehen hatten, war Nicht dicker als ein Finger und nicht größer als Beta. Und doch wußten wir, daß es da draußen in der Welt Bäume gab, und zwar große Baume, und daß sie Namen hatten. Wir hatten ja Bilder von einer Tanne, einer Eiche, einer Buche und einer Palme gesehen, und unter diesem Palm- baum ritt Maria auf einem Esel mit dem Iesuskmdlein auf dem Schoß, und Josef führte das Tier am Zügel. Aber wie sah wohl ein Weiy- nachtsbaum aus? Vielleicht wie eine Palme? Aber nein, — es war ja eine Tanne. Eine Tanne? Sollten wir ihr das wirklich glauben? Ein Tannenbaum war doch ein Tannenbaum... „Bist du da ganz sicher? Mutter?" Denn jetzt wollten wir nicht betrogen werden, — und sie war doch so müde und irrte sich immer wieder in den Gußformen. La konnte sie ja auch gut sich hierin irren. . „Ganz gewiß, mein Junge! Denn auf die Zweige werden ja Kerzen gesteckt, ganz vorn auf die Spitzen, dort, wo im Sommer, rote es heißt, rote Blüten sitzen und leuchten. Das hat mir der Großvater erzSM Und beim Tannenbaum sind die obersten Zweige die kürzesten, und dann geht es triptrap hinunter bis zu den untersten Zweigen, die die längsten sind. Darum kann man auch auf alle Zweige Kerzen stecken» ohne daß die Kerzen schmelzen oder den Baum anzünden. Wir Kinder standen stumm. Das war doch wohl ein Märchen? „Ist das wirklich wahr, was du da erzählst, Mutter?" fragte ich. Da fah sie mich ganz verwundert an. „Ist das nicht bloß so eine Geschichte?" fragte ich weiter. Da setzte sie sich nieder und lachte, wurde aber doch gleich wieder ernst. „Das ist so wahr als wie ich hier sitze, mein Junge. Reiche Leute, di» sich das leisten können, Haden oft Bäume so hoch wie hier vom Boden bis zur Decke." „Nehmen sie denn da die Bäume mit in die Häuser?" fragte ich. Die Mutter nickte. „Sterben denn da die Bäume nicht?" „Ach, nachher können sie sie ja verbrennen", entgegnete sie. „Ich würde meinen Baurn draußen tm Wald schmücken", meinte ich. „Ich würde mir da einen heraussuchen, der immer Weihnachtsbaum sein müßte und nur Weihnachtsbaum, und jedes Jahr würde ich da neue Kerzen draufstecken. Und vielleicht nicht bloß auf Weihnachten." „Jaja, das sieht dir gleich, mein Junge", meinte die Mutter. „Aber glaubt ihr mir wohl, wenn ich euch sage, daß wir daheim bei unferm Vater und unserer Mutter jedes Weihnachten einen Weihnachtsbaum hatten?" Wir standen schweigend. Wir glaubten es und glaubten es nicht. „Aber es ist doch wahr. Nur war es kein Tannenbaum, sondern ein Baum, den unser alter Vater selber gemacht hatte. Zuerst nahm er da ekn Brett und steckte ein Holz hinein, das ausrecht stand, und in dies ander« Hölzer, ringsherum nach allen Seiten, wie die Zweige bei einem Tannenbaum. Man konnte sich gut vorstellen, daß das ein Tannenbaum war..." Und nun hatten wir so viel zu fragen, daß der Vater schon daheim war, ehe wir mit unserer Fragerei zu Ende waren. Er kam mit vielen Sachen aus den beiden schwer beladenen Pserden daher. Und darunter war verschiedenes, wovon wir Kinder nichts wissen durften. Als er aber die neuen Kerzen sah, sagte er leise zur Mutter: „Und ich habe extra Kerzen gekauft, um dir die Arbeit zu ersparen ..." „Das ist ja nur gut, Greipur", entgegnete sie. „Auf Weihnachten kann man nie genug Kerzen haben." Das meinten wir Kinder auch! Aber wozu diese überschüssigen Kerzen Verwendung finden sollten, das fiel uns nicht ein — nicht bevor rott es den Tag darauf aus der Kammer fügen und hämmern hörten und wir uns klar wurden, daß das unser Vater war, der da drin etwas vorhatte. Mir als dem Nettesten wurde es ja zuerst klar und ich sagte sofort zu den Mädeln: „Ihr dürft auf keinen Fall dorthin gehen. Ja, nicht einmal schauen!" „Wer hat das gesagt?" wollte Veiga wissen. „Schaust denn du auch nicht?" fragte Beta. Darauf antwortete ich nicht und sagte nur: „Macht, was ihr wollt?' und ging meiner Wege. Aber es schaute niemand, und so hatte keiner unseren Weihnachtsbaum gesehen, ehbevor er am Weihnachtsabend auf dem Tische unterm Giebelfenster stand, mit roten, gelben, blauen und weißen Kerzen besteckt. Veiga durste die gelben, Beta die blauen und ich die roten anzünden. Wegen der weißen tarnen wir überein, daß die Mutter sie für Mamsell Anna anzünden sollte. „Niemand soll Kerzen für andere entzünden", sagte die Mutter lest» und zündete die weißen an. Während das geschah, blickten wir alle auf sie und verwandten kein Auge von ihr. Obwohl sie die Augen voller Tränen hatte, strahlte ihr Antlitz. Da lächelte sie, und unsere Benommenheit wich. Wir lachten und klatschten in die Hände. Als ich unfern Weihnachtsbaum näher betrachtete, konnte ich sofort sehen, daß ihn der Vater von den für die neue Stube bestimmten Fußbodenbrettern gemacht haben mußte, und zwar von den mit den meisten Astknorren darin. Besonders an zweien von ihnen erkannte ich das Brett wieder. Demnach hing noch so etwas von einem knorrigen Bodenbrett daran — ein echter Weihnachtsbaum war es also nicht. Da sprach meine Mutter: „Ja, hier schmücken wir nun einen Baum mit Kerzen, zur Erinnerung an die Nacht, in der uns der Heiland geboren ward. Aber was taten die Menschen mit ihm? Sie hängten ihn