SiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 73 Zreitag, den 20. September Jahrgang 1935 unersetzbar, nicht wahr? Mußte diese Liebesgeschichte dazwischenkommen? Ja, sie mußte. Barbara streift seufzend das Haar zurück, das ihr in die Stirn gefallen ist. Sie holt sich das Telephon heran. Wählt. B 5 3750 ... „Ja ... hallo. Ja ... Barbara ... Guten Morgen ... Nein ... Grimmig ... Werde nicht fertig. Zwei Hefte .Medizinische Klinik" ... Vier Münchener Wochenschrift" und weiß der Teufel was noch. Was sagst du? Einpacken ... Einpacken ...?" Der Mund bleibt ihr osfen- stehen. „Einfach mitnehmen, sagst du? Medizinische Zeitschriften auf die Hochzeitsreise?" Rechtsanwalt Alfred Meimberg, der in seinem Schlafzimmer über Akten gesessen hat, Alfred Meimberg, der Bräutigam, lacht. „Ganz einfach, Barbi", sagt er, „ich nehme ein paar Akten mit und du ein paar Zeitschriften, und wenn wir irgendwo gelandet sind, dann holen wir sie "raus und machen unsere Arbeit fertig. Wird uns guttun. Wie?" „Na, großartig", lacht Barbara, „und du meinst nicht, daß man sich schämen muß, wenn man auf der Hochzeitsreise arbeitet? Es gehört sich bestimmt nicht, das ist klar." „Also werden wir unsere Schande tief unten in einem Koffer verbergen", antwortet Meimberg, „und oben drüber legen wir einen Roman oder eine Bonbonniere, oder was man sonst Süßes auf eine Hochzeitsreise mitzunehmen hat. Du wirst das schon wissen." Barbara schüttelt den Kopf. Sie weiß es nicht. Sie hat nicht die geringste Erfahrung in Hochzeitsreisen. Aber ein Mann wie Alfred muß es wissen. „Nein, ich weih es nicht", lacht Meimberg, „und da gibt es nur einen Ausweg: Wir machen es, wie wir wollen. Man nehme einen Koffer oder auch drei, schnalle sie hinten auf den Wagen und fahre los. Ganz einfach. , _. Barbara schweigt. Sie sieht in den kleinen Garten hinaus. S,e blinzelt in die Sonne hinein, die jetzt gerade über den Pappeln des Nachbargartens herausgekommen ist. Sie sieht den Vater die Stufen der Glasveranda hinuntergehen, den weißhaarigen Vater, mit dem hellen, jungen Gesicht. Sie winkt ihm zu, und er winkt zurück, verschwindet hinter der Wildrosenhecke, will sie sicher nicht stören. „Oder siehst du irgendwas Schwieriges?" fängt Meimberg wieder an. „Man geht sich drei Jahre lang mehr oder weniger aus dem Weg. Man sieht schließlich ein, daß man sich doch nicht aus dem Weg gehen kann. Also heiratet man, und schon ist die Sache in Ordnung. Hallo ... Bist du noch da?" „In Ordnung", wiederholte Barbara Schreiner, und leise setzt sie hinzu- Du, Alfred, du mußt mal einen Augenblick ehrlich sein, nein, noch ehrlicher. So, wie du zu einem Mann bist, zu einem Freund, zu Weppen zum Beispiel oder zu Doktor Kleesand. So ehrlich." „Donnerwetter", sagt Alfred, „das ist ja allerhand." Du liebst mich doch, Alfred. Sag mal ruhig: Ja. Gut also. Und du weißt auch, daß ich dich liebe? Nein, es ist mir ganz ernst. Also ja. Und nun sag mal: Du hast also gar keine Angst, mit einem anderen Menschen, einem fremden Wesen zusammenzuziehen, nur, weil du dieses Wesen zu- Komische Ideen hast du, Barbi", wehrt Meimberg ab; „Man weiß doch, wen man heiratet, und man weiß, es ist ganz einfach." ,Gar nichts weiß man", fällt Barbara ein, „und niemand weih etwas. Sie tun nur alle so. Es ist nicht einfach." „ „Liebe Barbi", setzt Meimberg wieder an, „liebe Barbi... Aber man kann Barbara Schreiner nicht trösten. Sie ist kein kleines Mädchen. Sie ist achtundzwanzig Jahre alt, fünf Jahre Operationsschwester bei ihrem Vater gewesen. Sie hat an die 2000 Operationen mitaemacht, 2000 Schicksale miterlebt, komische und traurige, glanzende und armselige. „Liebe Barbi...", damit ist es nicht zu machen Alm wird Meimbergs Jungensgesicht nachdenklich. Er fährt sich mit dem Zelge- finqer der linken Hand, wie immer, wenn er nachdenkt, durch den Scheitel des scharf an den Schädel gebürsteten hellen Haares und sagt schließlich- Also wenn wir hier schon vor dem Richterstuhl stehen: Natürlich, Barbi' jeder Mensch hat ein bißchen Angst vor dem Heiraten. Vor allem jeder Mann Deshalb heiratet man zehnmal nicht. Weil es nicht ganz notwendig ist oder weil die Frau ein Tyrann ist oder ein Frauenzimmer oder eine Dame oder darum oder darum. Aber bei dir ist das alles eben nicht Darum muß ich dich notwendigerweise heiraten, und deshalb . Kopf- ivrunq, los! Und ein bißchen Herzklopfen bat, man vor jedem Kopfsprung, ob man ihn auch tadellos macht. Aber Angst... Nee, Angst nicht. Wenn du Herzklopfen haft", schließt Barbara, „dann ist es gut Dann wirst du es schon tadellos machen und ich auch. Wenn nur erst diese Heiraterei vorbei wäre!" t. Ja da hab' ich dich auch noch allerlei zu fragen , lacht Meimberg. "j)at aber nichts mehr mit Liebe zu tun, sondern nur noch mit ^'untHo sprechen sie denn über den Brautstrauß, und welche der Brautjungfern Dr. Weppen, der eine Sozius, haben soll, und welche Dr. Klee- Liebesroman GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE Von Walther von Hollanöer Lopgright 6y August Scherl G.m.b.h., Berlin 1. Fräulein von Brettwitz, die Hausdame von Professor Schreiner, sitzt am Bett der Köchin Rosa und klagt. Der Schlachter wird bestimmt den Hochzeitsbraten nicht in der richtigen Größe und nicht zart genug liefern. Ob das Gemüse reicht? Erbsen schnurren mehr ein, als man denkt. Der Konditor wollte das Eis schon um elf, zwei Stunden vor der Trauung, liefern. Da hätte man Eissuppe geben können mit Sahneklümpchen. Und das kleine Gebäck ist lange nicht so gut geraten wie zu Weihnachten, wo der Professor gesagt hat: „Brettwitz ... das Gebäck ... großartig." Die Köchin Rosa liegt behaglich, die Arme unter dem Kopf, und sieht die Brettwitz mit einem vor Schläfrigkeit starren Blick an. „Na, na", sagt sie ein paarmal beruhigend, „na, na, wird schon werden." Dann fallen ihr die Augendeckel wieder zu. Mit ein paar eiligen Atemzügen versucht sie, sich noch ein bißchen Schlaf einzupumpen. Die Brettwitz schüttelt den Kopf. Natürlich: alles bleibt wieder an ihr hängen! Während sie seit Wochen schlecht schläft, schweißgebadet und mit Herzklopfen aufwacht, weil sie auch im Schlaf immer an diese Hochzeit denken muß, während sie jede Kleinigkeit besorgt und bedenkt, geht der Professor gedankenlos seiner Arbeit nach, macht Barbara, die Braut, Besuche, Besorgungen, Ausflüge. Und die Köchin Rosa, auf die schließlich einiges ankommt, schlummert wie ein Kind. Sie alle wissen zu genau: die gute, gute Brettwitz wird zur rechten Zeit alles fertig haben. Jawohl: die andern haben es gut. Sie haben ihre Brettwitz. Und wen hat sie. Sie blickt hilfesuchend umher. Niemand ist da. Niemand. Oder? Drüben in dem Spiegel sitzt eine, auf die man sich verlassen kann. Strass in der Haltung, zwei starke Zöpfe um den runden Kopf geflochten: mit gütigem Lächeln: unsere Brettwitz, eine ansehnliche Fünfzigerin mit viertausend Mark Eigenkapital. Man kann sich nur auf sich selbst verlassen — das ist der Grundsatz des Chirurgen Professor Schreiner. Er hat ja >o recht. Fräulein von Brettwitz kann sich nur auf Fraulem von Brettwitz ver- ^Sie legt ihre Hand auf die Schulter der Köchin. „Rosa, Sie werden aufstehen müssen." Rosa schlägt die Augen auf, nickt wohlwollend und seufzt: „Wir werden noch dicke fertig, Fraulein von Brettwitz. Vierund- zwanziq Stunden! Da kann man ein Regiment bekochen. Und indem sie sich langsam aufrichtet: „Nur Ruhe ... sonst brennt es an! „Was brennt an?" fragt die Brettwitz entsetzt. Rosa schüttelt mitleidig den Strumpf, den sie gerade anziehn wollte, unterdrückt ein Gähnen und sagt: „Anbrennen? Ich lasse doch nichts anbrennen. Das hat doch bloß der dicke Komiker gesagt ... Wie heißt er denn ... Na, Sie wissen i ... Na, doch der im Atlantikkino ... Nee ••-3$ fomme mc^t Darauf " Die Brettwitz kennt das Atlantikkino nicht. Sie verachtet solche Volksbelustigungsstätten, und dicke Komiker kann sie nicht le'den. Sie geht schnell aus dem Zimmer. Sie will noch Zwei Sekunden A Barbara hineinschauen, zur Braut. Es ist noch em.ges »u besprechem S e schient au Morgenschuhen aus der Mansarde in die erste Etage hinunter. Sie steht mit nachsichtigem Lächeln vor dem Zimmer Barbaras und k opft. Keine Antwort. Sie klopft ein zweites Mal. Von drmnen kommt em ärgerliches Räuspern. Jetzt entdeckt die Brettwitz auch das kSchild. ..Nicht zu sprechen. Anreden — auch durch ine Tur " hostichst verbetem Die Brettwitz schüttelt den Kopf. So sind die Schreiners! Anreden höflichst verbeten! „Wenn du jemanden brauchst, dem du dem Herz aus schütten möchtest —?" hat sie vor einer Woche zu Barbara gesagt Und Barbara hat sie auf die Schulter geklopft und geantwortet. „Sollte ich wirklich mal jemanden brauchen" (erwartungsvolle> Pause, ... »d°"N -r- schieße ich mich." So ist das Kmd. Heftig wie ihre verstorbene Mutter, Sch«m„. sitzt m ihrem ».HM™.« «»»-,»«"°m SchreMIfch un» lieft. Sie »Q* 6r*' Swe? Dhint- »■ÄÄ,OÄ.SS sie wird es nicht schaffen. Wann soll sie das serttgm ch • klinischen das fertigmachen, wenn sie es nicht fertigmachtt Jn . y ^lr- J°hren, als Operationsschwester ihres Vaters, ha sie langsam alle Ar besten einer Sekretärin für ihn übernommen. 6te i ma(.e3U nein, ein ganzer Mediziner. Eine glanzend eingearbeitete Kraft, ^hezu sand der andere Sozius, und wie man verhindern kann, daß die Tante Anna Schreiner, geborene Löpel von Lösfelholz, mit Fraulein von Brett- win über die Ahnen in Streit gerät, und wie man die alte Frau Meim- berq recht gut setzt, damit sie trotz ihrer Schwerhörigkeit alles mithoren kann, und wie und wie. Es ist alles wirklich einfach. Sie werden den Tag über noch arbeiten oder Besorgungen machen. Und sie werden sich zum Abendessen bei Schreiners treffen, zum Polterabend, zu dem niemand eingeladen wurde, der nicht das Poltern abgeschworen Hal, einschließlich Brautkranzversen und Scherzaufführungen, Man wird nut ein paar Freunden und den notwendigen Verwandten «ine gewaltige Bowle leeren, ein kaltes Büfett ausessen, und um elf oder zwölf wird man alle hinauswerfen, Dann ist nur noch der Hochzeitstag zu überstehen, und dann kann man wieder machen, was man will. Sie hängen beide ganz getröstet ein, während Dr, Meimberg sich vor dem Spiegel einseist und einen Filmschlager pfeift aus „Die Nacht zweier Herzen" oder „Die Nacht der Liebe oder „Eine Nacht m,t dir" oder „Nachts mit dir allein oder „Nachts, nur nachts, mein Herz" oder „Eine Nacht in Budapest mit dir oder „Pußtanacht ,,. Zigeunernacht" oder „Schenk mir dein Herz in Wien bei Nacht" (in Filmen gibt es bekanntlich einen Tag nicht mehr), währenddessen ist Barbara zu ihrem Vater in den Garten hinuntergegangen. Sie hat ihn am Moosrosenbeet gefunden, wie er einen kleinen Strauß von halb erblühten Knospen abschneidet, " Sie hat ihm ein paar besonders schöne Knospen entgegengebogen, und er hat mit einem kurzen Kopfnicken, einem Augenzwinkern gedankt, wie er bei den Operationen zu danken pflegte, wenn sie ihm die Messer, die Tupfer, die Nadeln entgegenreichte, wenn sie auch in ganz schwierigen Fällen gleich das richtige Instrument bei der Hand hatte, Vater und Tochter sind so in ihre Gedanken vertieft und in die gleichen, etwas wehmütigen Erinnerungen, daß der Moosrosenstrauß in der Hand des Professors immer großer wird. Aber endlich ist es doch genug, Schreiner hat ein Stückchen Bast aus der Tasche gezogen, hat den Strauß zusammengebunden, und nun gibt er ihn mit einer kleinen Verbeugung an Barbara, seine Tochter, Die aber nimmt die Rosen mit einem befangenen Kopfnicken, die ersten Blumen, die der Vater ihr schenkt. Sie weih, wieviel Liebe, wieviel Trauer, wieviel Gedenken und wieviel Wünsche mit diesem kleinen Geschenk verbunden sind. Das Moosrosenbeet hat die Mutter vor fünfunddreißig Jahren angelegt, gleich als sie mit dem jungen Privatdozenten Schreiner in das kleine Haus in Lichterfelde einzog. Und feit sie tot ist, seit fünfzehn Jahren also, darf niemand an dem Beet irgend etwas arbeiten oder eine Rose abschneiden. Das macht der Prosessor alles selbst, und er hat bisher alle Blüten am Strauch aufblühen und welken lassen. Was Barbara in der Hand hält, ist also ein Gruß der Mutter, ihr Geschenk und ihr Segenswunsch. So meint es der Vater, und so nimmt sie es auf. Sie gehen schweigend ein paarmal um die Rasenplätze, sie stehen zwischen den Stangen des Teppichklopfers, sie beschauen sich ernst die verrosteten Schrauben der Kinderschaukel, das vermorschte Holz des Sandkastens. Mit einem Mal steckt Abschied in jeder Ecke, Wehmut in jedem Winkel, ganz zu schweigen davon, daß man nicht nur zusammengelebt hat, sondern auch zusammengearbeitet und daß der Vater deshalb jetzt nicht in seiner Arbeit den Verlust seines Zuhause wird vergessen können. Darüber schweigen sie nun miteinander, indem ihre Schritte gleichzeitig vor der Linde zögern, aus deren Wipfel die zornige Mutter ihre ungehorsame Barbara heruntergeschüttelt hat wie einen Apfel (es war ihr gar nichts geschehen, aber die Mutter war tagelang verstört, daß der Zorn sie immer noch besinnungslos machen konnte), indem sie an der „schlimmen" Laube vorübergehen, der ganz zugewachsenen, verwucherten Laube, in die hinein Barbara den amtlichen Bries gebracht hat, daß der Bruder gefallen war, 1918, am 28. Oktober. Zwei ... drei Minuten, dann ist die Gedenkfeier vorüber. Man braucht nicht viel Zeit, sich zu erinnern. Dann stehen sie schon an den Stufen, die zur Glasveranda führen. Oben am gedeckten Frühstückstisch ist die Göttin des Alltags erschienen, Fräulein von Brettwitz, in einem schwarzseidenen Kleid von betonter Einfachheit, und ruft nach den beiden. „Na alfo", sagt der Professor, „dann mach das man auch so gut, wie du bisher alles gemacht hast. So ordentlich, so exakt, so sauber. Bist ein großartiger Kerl." Barbara nickt und springt die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Sie Ist puterrot geworden wie ein kleines Mädchen, und ihre Augen glänzen wie die einer Klassenersten. Der Vater hat sie gelobt!! Zum erstenmal. Er ist einverstanden mit ihr. Dann muß wirklich was an ihr dran sein. Denn er findet sonst das Außergewöhnliche gerade ausreichend und das durchschnittlich Gute nicht weiter erwähnenswert. Wenn aber etwas an ihr dran ist, dann wird sie auch die Ehe, diese Ehe mit Alfred Meimberg, gut und richtig führen, nein, sehr gut. Denn auch sie findet, daß das Durchschnittliche nicht genügt, daß die durchschnittlichen Ehen zum Beispiel keine Anstrengung und kein Opfer wert sind. Noch ein Telephongespräch mit Alfred Meimberg. Sie möchte ihn gern am Kursürstendamm treffen. Sie möchte wenigstens die paar Reisesachen mit ihm zusammen kaufen. Aber Alfred hat wirklich keine Zeit. Steht gerade und wartet auf seinen Wagen. Muß zum Termin, studiert noch am letzten Aktenzipsel und hat am Vormittag außerdem drei Konferenzen und eine notarielle Verhandlung. Barbara muß also allein kaufen. Gut, gut! Oder vielmehr schlecht, schlecht. Barbara hat das Gefühl, daß mau sich zur Herzstärkung vor dem Auftreten als Brautpaar noch einmal sehen sollte. Ihr ist, als wäre das nötig. Aber wenn es nicht geht, dann geht es eben nicht. Sic hat genug Einblick in wirkliche Arbeit und genug Achtung vor Arbeit. Sie wird also allein kaufen. Wird um halb zwölf die Tante Anna Schreiner, geborene Löpel von Lösselholz, von der Bahn abholen, um vier einen Besuch bei Mutter Meimberg machen, um fünf bei Sophie Wahnke zum Mädchenabschiedskaffee sein, und um sechs wird sie zu Hause eintreffen, wo um sieben der offizielle Teil der Festlichkeiten beginnt. Man braucht also nichts zu tun zu haben, um den ganzen Tag bis zur Atemlosigkeit besetzt zu fein. Adieu ... adieu ... Adieu ... adieu ... Um acht Uhr dreißig verläßt der Professor Schreiner mit seiner Tochter die Villa in Lichterfelde. „Machen Sie es nur, wie Sie es für richtig halten, Brettwitz", ruft er zurück, „ein Blankoscheck liegt auf dem Schreib- tisch, und die Schlüssel haben Sie ja alle. Nein, ich weiß nicht, wieviel eine Hochzeit kosten muß. Seien Sie aber, bitte, barmherzig! Sehr großartig sind wir es ja nicht gewöhnt." Die Brettwitz zuckt ergeben die Achseln. Sie geht langsam ins kühle, dämmrige Haus zurück, setzt sich ans Telephon und bestellt, bestellt ... Der Professor aber und Barbara gehen, wie sie immer gegangen sind, ein Stück die Eichen hinunter, unter den hohen Bäumen der Straße und der Gärten, in einem angenehmen Laubschatten. Sie grüßen viel in die Gärten hinein. Sie kennen beinahe jeden Menschen dieser Berliner Kleinstadt, und sie kennen auch jeden Chauffeur an der Ecke. „Heute ist Böckau dran", sagt der Professor, und da steht auch schon der Chauffeur Bockau ein wenig abseits von den andern Wagen mit feinem Wagen, hat den Wagenschlag geöffnet und die Mütze abgenommen. Es find 4 Mark 80 bis zur Klinik zu verdienen und 20 Pfennig Trinkgeld. Eine gute Sache, in die sich wechselnd vier Chauffeure teilen. „Morgen, Böckau", fagt der Professor und nimmt aufseuszend Platz, und Barbara setzt sich rechts neben ihn. Es ist alles wie immer. Die Straßen, der Sommer, die Menschen, die Schweigsamkeit des Vaters. Wie er halb im Auto liegt, di« eine Hand an der Quast« des Halterriemens, den Kopf mit den ziemlich kurz geschnittenen weißen Haaren hintenübergelehnt, die Augen halb geschlossen. Heute endlich begreift Barbara, daß der Vater sich jetzt entspannt, daß er jetzt Krast sammelt, daß hier das Geheimnis seiner Leistungsfähigkeit liegt, der Grund, warum er so frisch in der Klinik ankommt und so frisch zu Hause. Komisch ... sie hat das fünf Jahre gesehen, und am letzten Tag begreift sie es. 2. Am Zoo biegt eigentlich der Weg des Professors vom Weg der Tochter ab. Aber an diesem Tag« bringt er sie noch bis zum Wittenbergplatz. Er spricht sogar das letzte Stück ein bißchen mit ihr. Ob sie wirklich alles hat, was eine Braut aus gutem Hause zu haben hat, einschließlich Kranz, Schleier und Myrte. Ob sie sich nicht doch noch einen Koffer kaufen muß. Nein, dankt Barbara, sie hat eigentlich alles. Höchstens, wenn ihr der Vater zur Hochzeit ein anständiges Tennisrakett schenken will. So? Er muß also ein Hochzeitsgeschenk machen? Donnerwetter, ganz vergessen. Etwa dem Alfred auch? Nicht daran gedacht. Und Brettwitz, die ansehnliche Dame mit dem Eigenkapital, hat ihm auch nichts gesagt. Vielleicht kann er einfach zwei Raketts schenken? Ja? Wäre richtig? Na also, dann wird Barbara die Freundlichkeit haben, das zu besorgen. Der Wagen fährt gerade fehr langsam. Denn er ist eingekeilt zwischen zwanzig andere Wagen, in denen andere Berufsmänner sitzen. In diesem Augenblick winkt jemand vom Gehsteig. Ein Herr in einem gelbweißen Anzug aus grobem Stofs. Er ist groß, ziemlich dürr. Etwas eingetrocknet, ein adlerköpfiger Mann ... ja natürlich: adlerköpftg. Denn die sehr scharfen braunen Augen beherrschen das Gesicht, das eine große, kühne Nase hat, einen kleinen Mund und ein kurzes spitzes Kinn. Er hebt den weißen Sommerhut, einen sogenannten Panama, wie man ihn in Berlin selten trägt, von einem ziemlich kahlen, aber schön geformten Schädel. „Tag, Professor", ruft er, „Tag, Profeffor Schreiner ..." Der Professor richtet sich in seinem Auto ein wenig auf. Er sieht den Herrn auf der Straße an, der vielleicht zehn Schritt vom Auto entfernt steht, getrennt durch zwei andere Wagen. Er greift an feinen Hut. Er kennt den Fremden. Das ist ... warte mal ... das war ein Fall von Darmkrebs ... eine einfache glatte Sache. Gutartig noch. Im Änsanzs- ftadium. Wollte Gott, man kriegte viele solche Fälle zu sehen. Ein billiger Erfolg. Man wird viel zuviel bedankt. Kann jeder Stümper operieren. „Tag, Herr Rauthammer", sagt Schreiner. Denn da hat fein wunderbares Gedächtnis auch noch den Namen heroorgeangelt. Auch Barbara hat gegrüßt. „Tatsächlich, Rauthammer", sagt sie Überrascht. „Tag, Herr Rauthammer." Das Auto ruckt. Böckau, der Chauffeur, bekommt endlich freie Fahrt und zischt davon. „Rauthammer", versucht Schreiner diesen Fall zu beenden, „du wirst dich noch erinnern. Hatte ziemlich verrückte Ideen. Vom Willen, der die Welt aus den Angeln hebt. Na, Gott sei Dank, kann das keiner von denen, die es zu können glauben. Würde sonst noch toller schaukeln, unsere gute Welt. Also adieu denn, mein Kind. Da ist der Wittenbergplatz. Ich komme pünktlich um sieben Uhr. Der letzte Patient ist zu vier Uhr bestellt. Tschö ..." Da steht also Barbara Schreiner aus der Tauentzienskraße, in ihrem hellgrauen Leinenkostüm mit einer rot-weiß gewürfelten Bluse, einem hellroten Hut, den eine kleine Teufelsseder schmückt ... steht vor einem Photographengeschäst, und da fällt ihr ein, daß sie auch kein richtiges Hochzeitsgeschenk für ihren Mann hat. Ein« wunderbare Familie, die Schreiners. Vergeffen alles. Sic sieht im Schaufenster einen winzigen Apparat, den wird sie kaufen und Alfred schenken. Sa etwas wünscht er sich lange, und man muß doch „für später seine Erinnerungen" haben, wie? Sie geht also schnell in den Laden und läßt sich viele kleine Apparate vorlegen und erklären. Aber sie gefallen ihr alle nicht. Es gefällt ihr nur ein ziemlich teurer Apparat. Mittelklein, ausgezeichnet. Man kann damit vierzig. Bilder hintereinander aufnehmen. Sie zögert eine Weil«. Sie steht in der Tür des Photvgraphengefchäfts und sieht durch den Sucher die Straße an, die sommerlich bunte, luftige Tauentzienstraße. Sie findet gerade, daß das Leben in der Stadt feine besondere Schönheit und Farbe hat und daß die Städter eigentlich jetzt auch ein bißchen stolz werden sollten auf die besondere Art ihres Lebens. Sie blinzelt einem Auw nach, das fast wie Alfreds Auto aussieht. Es ist aber die Type vom vorigen Jahr ohne Heckmotor und Stromlinie... Es ist ... weg ist es, und an feine Stelle tritt ein Mann ins Bild, der Mann mit dem Panama- Hut und dem gelbweißen Anzug aus sehr grober Wolle ... Rauthammer. (Fortsetzung folgt.) Oie Hausgeister. Von Hans Thyriot. Sieh, wir saßen schon mit dir am Tisch, Als du noch im Kinderkleidchen spieltest, Ball und Bilderbuch in Händen hieltest ... Teilten mit dir Brot und Wein und Fisch Später, als du jene längst vergessen, Deiner Liebsten schriebst die ersten Briese ... Wir, in deines Zimmers Schattentiefe, Haben ungesehn bei dir gesessen Als dein Hausgesinde, ganz verschwiegen. Doch du fühltest tröstlich unsre Nähe, Und du brauchtest, wenn dich keiner sähe. Nachts im Mondlicht, nicht allein zu liegen. Nie leibhaftig sind wir dir begegnet, Doch wir mischten dir den Trunk im Krug; Stern und Blume, die die Liebe trug, Haben wir behütet und gesegnet. Und nicht einen leisen Schlag der Herzen Und nicht einen dunklen Uhrenschlag Warst du einsam. Selbst am Hochzeitstag Hielten wir euch still die goldnen Kerzen. Mag dein Leben dir vorüberwehn Jahr um Jahr: noch in der letzten Stunde Werden wir, auf daß der Ring sich runde, Lautlos hinter deinem Sarge gehn. Wir hüten die Pferde... Von E r n st W i e ch e r t. Wir: das find Christoph, der Sohn des Schulzen, Adam, der Kätner- fohn, David, der Dorfhirt, mein Bruder und ich. Die Pferde: das find die Pferde und Fohlen des Dorfes. Fünfzehn. Das Dorf hat drei Höfe und zwei Kätnerstellen, und Kutschpferde gibt es nicht. Das Dorf liegt hinter dem Moor auf einem Sandberg. Vom Forsthaus können wir jeden Menschen sehen, der es betritt und verläßt, und wenn Wichtiges geschehen ist, klettert Christoph auf sein Scheu- nendach und winkt uns mit seinem Säelaken, damit wir kommen. Wichtig ist, wenn sie einen Iltis gefangen haben oder einen Igel, wenn David ein Erdnest der Wespen gefunden oder mit der Schleuder eine Krähe getroffen hat, ober wenn Zigeuner am Horizont aufgetaucht sind. Wir sind alle zehn bis zwölf Jahre ult, haben jeder eine Schleuder aus einem gespaltenen Haselstock, Bogen und Pfeile mit eingeschmolzenen Eisenspitzen, mein Bruder und ich außerdem einen Sechs-Millimeter- Tesching, für Kugel- und Schrotschuß, den wir nach einem schwierigen Erbfolgerecht abwechselnd führen, und der uns eine sagenhafte 1leben legenheit sichert. Aber mehr eine des Besitzes als des Ruhmes. Denn an der Spitze unsrer Schar steht David, einer Witwe Sohn. David führt die Herden des Dorfes und heißt wahrscheinlich Michael. Aber niemand weih das mehr. Mit neun Jahren hat er in dem großen Kampf um die Wald- roeibeqrünbe ben Hirten des Nachbardorfes besiegt, einen langen und breiten Patron, der noch einmal so alt war wie er. Mit der Schleuder hat er ihn an die Stirn getroffen, daß er bewußtlos unter den Kiefern lag, hat die fremde Herde fortgetrieben und das Schlachtfeld behauptet. Niemand würde wagen, ihn anders als David zu nennen. Die Welt riecht nach Heu und Flieder, und am Samstag in der Frühe wird bestimmt, daß wir die kommende Nacht lang die Pferde hüten dürfen, auf der Wiese am See, die dem ganzen Dors gehört und die von den Schilfrändern wie ein Pfeil tief in ine Walder fpnngt Sie Sonne geht unter, als wir reiten. Wir sammeln uns auf dem Schulzenhof und stehen neben den Pferden. Mein Bruder und ich haben jeöer eine große grüne Botanisiertrommel auf dem Rücken, mit aufgemalten Feuernelken, darüber eine Decke als Mantel gerollt. David hat nichts als feinen schweren Hirtenrock über dem Arm, aber feder v°n uns hat die geschärfte Holzlanze in der rechten Hand. „Auf! ruft David leise. Unsere Gesichter sehen aus wie vor der Schlacht von Mars la Tour, und das ganze Dors steht da und sieht uns an. David hat die Spitze mit drei Pferden dann kommt jeder oon uns mit zwei. Wir haben einen Trensenzugel und weder Sattel noch Wwlach. Die Fohlen folgen wie Kälber hinterher. Es wird aus Vordermann geritten, die Lanzenspitze neben dem rechten Pferdeohr. „Mein Gott ... wie sie da reiten ..sagt eine grauenftimmeam Weg, und es klingt, als fei das alles traurig uni) gefährlich unb groß^ Hinter der letzten Kate hebt David die Hand und wir traben Rotlich noch steht der Staub über dem Wege, al- wir schon auf der Wiese sind Der Fischadler zieht heim, und Nebel heben sich über dem: Erlensließ. Die Pferde werden gekoppelt, die Lanzen im Kreis um den Eingang der Rohrhütte gesteckt. Dann sammeln wir Holz zum Feuer unb türmen es mitten auf der Wiese zu einem großen Berg. Unb bann beginnt bie fRad^ Wir liegen vor ber Hütte. Das Gras ist warm, unb Spinnen laufen über die Halme. Ungeheuer steht ber Walb hinter uns, unb m feinem vorjährigen Laube beginnt das Geheimnis sich zu regen. Unter ben Erlen fpricht bas schwarze Wasser, und ber erste Reiher fällt mit seinem verwunschenen Ruf in bas Schilf. Schon steht ber Nebel um bie Füße ber Pserbe, unb ihre Körper schwimmen riesengroß über ben weißen Tüchern. Daoib stopft eine kleine Holzpfeife mit getrocknetem Klee. Er liegt auf bem rechten Ellbogen gestützt, unb seine hellen grauen Augen folgen bem Flug bes Reihers. „Der Schwarzfpecht hat geschrien", sagt er, „ben ganzen Tag ... heute könnte er vielleicht kommen ..." „Wer?" rufen wir leise aus einem Munbe, unb Abam greift nach seinem Lanzenschaft. Daoib sieht uns langsam ber Reihe nach an. ,Wie schön seine Stirn ist', benke ich noch. „Der Moorwolf", sagt er ruhig. „Eine Elster flog über meinen Weg unb lachte mich aus." So ist Daoib. Unbewegt ist fein Gesicht, unb es wäre lächerlich, unter seinen Augen nicht an ben Moorwolf zu glauben. Er selbst glaubt an ihn, aber er fürchtet sich nicht, unb bas ist ber Unterschieb zwischen uns. Mit einem Schlag ist bie Erbe anbers geworben unter seinem Wort. „Er kommt", flüstert bas Wasser. „Er kommt", flüstert bas Schilf. Der Abenbstern steht über ben Fichten, aber er ist kalt unb sehr fern. Wirb er zu unsrem Haus gehen unb um Hilfe rufen, wenn bie Stunbe ba ist? „Im Namen bes Vaters unb bes Sohnes unb bes Heiligen Geistes! muß man rufen", fage ich. Aber Daoib sieht mich gebankenvoll an. „Unb wie war es mit Piontek?" fragt er. „Ein Testament trug er auf bem Herzen, Tag unb Nacht, unb hat man ihn nicht gefunden, bas Gesicht im Rücken?" Wir wissen es alle. Erschlagen hat man ihn gefunben, vor zwei Jahren, aber niemanb weih, wer es getan hat. „In seine Augen muh man sehen", sagt Daoib, „unb ben Stein hineinschleubern zwischen sie .. ." Ob man nicht Feuer machen sollte, fragt Abam leise. Aber Daoib schüttelte ben Kops. Ein Ast bricht im Walbe, unb unsre Gesichter sind weih. „Ein Reh", sagt David. „Auch im Krieg ist es nicht anders in der Nacht." Mit diesem Wort richtet er uns wieder auf. Der Wald ist wieder warm und schön, die Pserde rupfen sorglos das Gras, der Stern ist hell und milde wie ein Abendgebet. Hinter dem See steht ein Licht auf und ist allein im dunklen Raum. Wir streiten, ob es bei Davids Mutter fei ober in Christophs Hof. In ber vorigen Nacht hat Abam ein Licht' gesehen auf bem Moor. Es ging vor sich hin, blieb stehen, ging weiter. Ein müber Schein, ber plötzlich ertrank. „Meine Mutter brennt kein Licht", sagt Daoib. „Wir sinb zu arm." Eine Weile ist Schweigen über bas schwere Wort. Dann packen wir aus unb beginnen zu essen. Eine große Flasche Kafsee geht von Hanb zu Hanb. Daoib bekommt bie besten Stücke aus unsren grünen Kapseln. Nun ist bie ganze Welt weiß, unb bie Erlen stehen wie Türme über bem milchigen Glanz. „Alles ist groß im Nebel, sagt Christoph. „Der Lehrer, wenn er hier sein möchte, wie ein Haus würde er fein." Ja, der Lehrer ... was würde fein Stock ihm nützen in dieser wilden Welt? „Nirgends steht in der Bibel", sagt Christoph, „daß Gott bie Lehrer geschaffen hat. Bloh Sonne unb Mond unb alle Tiere unb alle Pflanzen, unb zuletzt Adam unb Eva." Christoph hat einen schweren Kopf und er liebt den Lehrer nicht. Der erste Kauz erwacht und ruft in der Eiche über uns. Man sieht nur die Schwärze des Waldes, und so ist es, als ob die Schwärze rufe. „Ist es wahr, daß er anmelbet?" fragt Adam. Wir antworten nicht. Es ist schwer zu wissen, ob die Lehrer recht haben ober Davibs Mutter, bie abenbs auf ihrer Schwelle sitzt unb Geschichten erzählt. Nur Christoph sieht unruhig zu bem finstern Gewölbe empor. „Solch eine Nacht war", jagt er, „als Wilhelm roiebertam, aus bem Lager in Frankreich. Auch damals hat er gerufen. Der Braune war krank, und ich muhte auf der Stallfchwelle fitzen. Da hörte ich, wie es kam. Es knarrte bei jedem Schritt, und dabei war etwas Dumpfes, als ob ein Pferd über das Moor geht. Und da kam Wilhelm, auf Krücken, und fein rechtes Bein war ab. Keiner hatte es gewußt, denn er hatte es nicht geschrieben. Den Koffer hatte er auf ben Rücken gebunden. Milhelm', sagte ich, ,bist du es, Wilhelm? Was ist?' Da sah er mich an. .Friede ist', sagte er und lachte, daß es mir kalt am Rücken wurde ... die ganze Nacht haben sie gemeint ... und auch damals rief der Kauz ..." Wir schweigen, unb ungeheuer ist bie Stille ber Nacht. Der große Bär flammt über ben Wölbern, unb immer neue Sterne steigen lautlos aus ben Wipfeln. „Jetzt haben sie Tag in Neu-Seelanb", sagt Abam, und noch größer wirb bie Welt bei feinem Wort. Wiebep knackt ein Zweig hinter ber Wiese, unb Daoib steht auf. „Wollen Feuer machen", sagt er kurz. Unb plötzlich ist alles anbers. In bem roten Kreis ist alles nahe unb lebenbig unb warm, aber bahinter steht bie Nacht noch unburch- bringlicher. Ein Pferb taucht aus bem Nebel, sieht lange mit glänzenben Augen auf un<- unb versinkt roieber im Dunkel. In ber heißen Afche beginnen bie lirtoffeln zu braten, unb wir sprechen vom Herbst, ber kommen wirb, unb baß wir In bie Stabt auf bie Schulen sollen. Unb wie Wilhelm sich erhängte am Balken auf bem Speicher, unb wie ber faüenbe Baum Davibs Vater erschlug, unb wie wir bas ßanb verteidigen werden, wenn die Russen kommen, und wie der Mann ohne Kops am Graben stand. Und bann kommt es durch den Wald, ein schwerer Schritt, der die Zweige bricht, und wir stehen da, die Schleudern und die Lanzen in der Faust. Unb bann ist es ber alte Michael, ber ein bißchen bettelt unb ein bißchen trinkt unb nun nach Hause stolpert. „Ach, ihr Teufel", stöhnt er unb sucht sich ben wärmsten Platz. „Ein Feuer haben sie rote bie Herren ja" Sein Gesicht ist roilb unb traurig, unb seine Augen tränen immer'von bem Schnaps, ben er trinkt. Er bekommt Kartoffeln unb Brot Den Kafjee will er nicht, aber feine Pfeife raucht er mit Davibs Steinklee. Er spricht nicht viel, aber es ist immer, als stehe em großer Raum um ihn, ein großes Schicksal, fremb für unsren Sinberftnn. „Ja , sagt er , weit ist bie Welt ... sehr weit ... eine Brücke werde ich bauen über bas Moor unb hineingehen auf ins Parabies .. Er faltet bie grauen Hänbe um bie Knie unb sieht über uns hinweg. „2öie bie Blinbschleichen leben sie itn Dorf, unb auch ihr werbet fo Pferde lie- Leibern. „ 14,1 Unb'' aebotfam steht er auf. „Weit ist die Welt", wiederholt er und am Torsbruch, da wartet einer auf mich ..Sem Schattenbricht!durch den roten Kreis, richtet sich auf an der Nebelwand und zerfließt. Wieder bre$ie Wie^nschnarre ruft hinter dem Dorf, und wir wickeln uns 'N unsre Decken. Nur David bleibt sitzen den Blick ms Feuer g^nkt Vieles aebt in feiner Seele vor, und bevor die Augen uns zufallen, fetzen wir hSÄn?'. ? Ä" »"»" !-• b"^Der^T^g°beg,°nnt"mit Adams Schrei. Er schreit so, daß es uns saßt zerreißt, und es dauert eine Weile, bis mir es begreifen. Die braune Stute von Christophs Hof steht über ihm, und seine Nüstern suchen freundlich über sein Gesicht. So dicht neben dem Feuer und unsrem Schlaf ist ihr Körper riefenhaft, und als Adam erwacht ist hat er gedacht, der Moorwols liege auf seiner Brust. Wir lachen ihn aus und sehen uns um. Der Nebel ist fort Tau liegt auf Gras und Schilf, und über dem Walde baut ein rotes Tor sich auf. Auch David steht auf und sieht uns lächelnd an. ,Kocht nun Kaffee , sagt er „ich hole euch einen Hecht." Ob er nicht geschlafen habe? Er schüttelt den Kopf. „Vieles war unterwegs", sagt er und b tickt nach dem Wald. „Lange Zeit war da ein graues Gesicht, und die Pferde schnaubten und waren dicht zusammengedrängt ... aber bann ging em JJiann über bas Moor, weit hinten, unb fang unb da war es fort ... nun holt noch Holz, gleich bin ich wieder da." lind er taucht unter im Schilf und winkt uns zu, daß wir den Reiher sehen, der aus den nassen Halmen sich hebt. Die Sonne geht auf. Die 9ßfcrbe (ieqen in itjrem roten £id)t. (Ein dünner liebel fteijt über ihren Keibern. „Wie schön es ist ..." sagt Adam und sieht uns glücklich an. (eben ihr Teufel ..." Wir fragen nichts, denn wir fürchten ihn. Boses wird von ihm erzählt, und silberne Ringe trägt er m den Ohren. Nur David sieht ihn furchtlos an. „Geh nun, Michel", sagt er, „wir wollen Oie Waldwiese. Von Ruth Schaumann. Siehst du nicht die Angesichter Nach dem Schritt der Sonne drehn Enzian und Orchideen Unb ber Iris blaue Lichter? Siehst bu nicht ber Bienen Zug Nach bem wilben Kirschbaum steigen? Iebe finbet bort zu eigen Einen weihen Honigkrug. Pan singt fern unb Echo hier. Daß bein Leben sich bebiene, Dreht mein Hals mein Haupt zu bir, Wie ber Winb ben Kelch zur Biene. Llnter den Kletterrosen. Eine Geschichte von Selma Lagerlöf. Jetzt, wo bie Arbeitszeit angebrochen ist, fragt man mich oft, womit ich meinen Sommer verbracht habe. Dann gleitet alles andre aus meiner Erinnerung fort, und es will mir scheinen, als hätte ich tagaus, tagein auf der Veranda unter den Kletterrosen gesessen und Duft und Sonnen« schein eingeschlürft. Was tat ich da? Ach, ich sah zu, wie andre arbeiteten. Da war eine kleine Tapezierbiene, die vom Morgen bis zum Abend, vom Abend bis zum Morgen arbeitete. Aus den weichen grünen Blättern sägte sie mit ihren scharfen Kiefern ein zierliches kleines Oval, rollte es so zusammen, wie man eine richtige Tapete rollt, und die kostbare Bürde an sich drückend, flatterte sie fort zum Parke und lieh sich auf einem alten Baumstumpf nieder. Da vertiefte sie sich in dunkle Gänge und geheimnisvolle Galerien, bis sie endlich den Grund eines lotrechten Schachtes erreichte. In dessen unbekannten Tiefen, in die sich weder Ameise noch Tausendfüßler je gewagt hatten, breitete sie bie grüne Blattrolle aus und bedeckte den holprigen Boden mit dem schönsten Teppich. Und als der Boden bedeckt war, holte die Biene wieder neue Blätter, um die Wände des Schachtes zu bekleiden, und arbeitete so rasch und eifrig, daß es bald in der ganzen Rosenhecke kein Blatt gab, das nicht seinen ovalen Ausschnitt hatte, der bezeugte, daß es zur Ausschmückung des alten Baumstumpfes das Seinige hatte beitragen müssen. Eines schönen Tages änderte das Bienchen feine Beschäftigung. Es bohrte sich tief in die Blätterwirrnis der Riesenrofen und schlürfte und trank aus ihren schönen Vorratskammern nach Herzenslust, und jedesmal, wenn es feinen Mund voll hatte, schwirrte es gleich hinüber zu dem alten Baumstumpf, um die frischtapezierte Kammer mit dem klarsten Honig zu füllen. Aber die kleine Tapezierbiene war nicht die einzige, die draußen in der Rosenhecke arbeitete. Da gab es auch eine Spinne, eine ganz unvergleichliche Spinne. Sie war größer als alles, was ich bisher vom Spin- nengefchlechte gesehen habe, sie war klar gelbrot mit einem deutlich punktierten Kreuz aus dem Rücken, und sie hatte acht lange, weiß und rot gestreifte Beine, alle gleich schön gezeichnet. Ihr hättet diese Spinne sehen sollen! Jeder Faden wurde mit der äußersten Genauigkeit gezogen. Von den ersten an, die nur zur Stütze und zum Halt dienten, bis zu dm innersten feinen Websäden. Und ihr hättet sehen sollen, wie s,e bett chmalen Fäden entlang balancierte, um eine Fliege zu haschen oben hren Thron in der Mitte des Netzes einzunehmen, regungslos, gebulbig , tunbenlang wartend. Diese große rotgelbe Spinne gewann mein Herz: sie war so gebulbig und so weise. Jeden Tag hatte sie ihr kleines Scharmützel mit Der Iapt. zierbiene, und immer zog sie sich mit dem gleichen untrüglichen Takt aus | ber Affäre. Die Biene, beren Weg bicht an ihr vorbeifuhrte, blieb ein- 1 mal ums anbre in ihrem Netz hängen. Sogleich begann sie zu surren uni 1 ru reiften, sie zerrte an bem feinen Netz unb benahm sich ganz toll, was I natürlich zur Folge hatte, baß sie sich immer ärger unb arger verwickelt» unb Flügel unb Beinchen in bas fiebrige Gewebe verstrickte. Sobalb bie Biene ermattet unb erlahmt war, kroch bie Spinne zu ihr heran. Sie hielt sich immer in gebührlicher Entfernung, aber mit bei äußersten Spitze eines ihrer eleganten rotgestreiften Beine gab sie bei Biene einen kleinen Stoß, so baß sie sich im Netz herumdrehte. Unb nenn die Biene wieder herumgeschnurrt und sich müde gerast hatte, bekam |i« abermals einen ganz sachten Pufs, und bann noch einen."nd noch einen:, bis sie sich wie ein Kreisel brehte unb in ihrer Raserei nicht ein noti aus wußte unb so verwirrt war, baß sie sich nicht zur Wehr setzen tonnte Aber bei biefem Herumschwingen brehten sich bie Faden, bie sie hieltm immer mehr zusammen, und die Spannung wurde so groß, daß |ie n| (en und die Biene zu Boden fiel Ja, das war es natürlich, was bi* Spinne gewollt hatte. Unb biefes Kunststück konnten bie beiben Tag für Tag wieberholew solange bie Biene in ber Rosenhecke Arbeit hatte. Nie konnte der kleine Tapezierer es lernen, sich vor dem Spinnennetz in acht zu nehmen, un» i nie zeigte die Spinne Zorn ober Ungebulb. Ich mochte sie wirklich alle , beibe gerne leiben, bie kleine eifrige zottige Arbeiterin geradeso wie bin ! große schlaue alte Jägerin. Es begaben sich nicht oft Ereignisse in dem Hause mit den Kletten rosen Zwischen den Spalieren konnte man den kleinen See in der Sonin.: liegen und blinken sehen. Unb bas war ein See, ber zu klein unb z«i umfriedet war, um sich in wirklichen Wellen erheben zu tonnen, ata bei jedem kleinen Geträufel des grauen Spiegels flogen taufende Neu» I Mntchen auf, die auf den Wellen glitzerten und tanzten, es sah au- als wäre die ganze Tiefe von Feuer erfüllt, das nicht heraus tonnte Und fo war auch das Sommerleben dort draußen; es war gewohnt:« ganz still, aber tarn nur das allergeringste fleine Geträufel — ach, wui tonnte es da schimmern und glitzern. Und es bedurfte keiner großen Dinge, um uns froh zu machen. Blume oder ein Vogel konnte uns Heiterkeit für mehrere Stunden drm- gen, von der Tapezierbiene gar nicht zu sprechen. Ich werde nie Den- gellen, wie seelenvergnügt ich einmal durch sie wurde. Die Biene war wie gewöhnlich im Spinnennetz gewesen, und Di-ii Spinne hatte ihr wie gewöhnlich herausgeholfen, aber sie hatte tuchiiu feftgefeffen, so daß sie sich ungeheuer lange herumdrehen mußte unb gon.ii zahm unb gebänbigt war, als sie bavonflog. Ich beugte mich vor, um zischen, ob bas Netz großen Schaben genommen habe. Das hatte es gim licherweise nicht, bagegen saß eine kleine Raupe im Netz fest, em fleine sabenschrnales Untier, bas nur aus Kiefern unb Krallen beftanb, unb « war erregt, wirklich erregt, als ich es erblickte. Kannte ich sie nicht, biefe Larven ber Maikäfer, die zu Tausendei:, die Blumen hinaufkriechen und sich unter ihren Kronenblättern Den stecken? Kannte ich sie nicht und bewunderte ich sie nicht auch, diese et? harrlichen schlauen Parasiten, die verborgen dasitzen und warten, nui warten, und wenn es wochenlang dauern sollte, bis eine Biene komm in deren schwarzgelbem Pelz sie sich verbergen können? Unb wußte i« nicht von ihrer hassenswürbigen Geschicklichkeit, gerabe wenn bie rleiM Zellenbauerin einen Raum mit Honig gefüllt unb auf besten Dberfiam bas Ei gelegt hat, aus bem ber richtige Eigentümer ber Zelle unb op> Honigs hervorkommen soll, gerabe ba auf bas Ei hinabzukriechen um. unter eifrigem Balancieren barauf sitzen zu bleiben wie auf einciy- Boote, denn fielen sie in den Honig hinab, fo müßten sie ertrinken, um während die Biene das fingerhutähnliche Nestchen mit einem grunn ■ Dach bedeckt und behutsam ihr Junges einschließt, schlitzt die gelbe Jiaupy- mit scharfen Kiefern bas Ei auf unb verzehrt besten Inhalt, wahrem, bie Eischale noch immer als Nachen auf bem gefährlichen Honigsee Diene- Aber so nach unb nach wirb bas schmale gelbe Ding platt unb groß unb kann selbst auf bem Honig schwimmen unb bavon trinken, unb wem. bie Zeit sich erfüllt hat, kommt ein fetter schwarzer Maikäser aus o • Bienenzelle. Aber bas ist es sicherlich nicht, was bas kleine Bienchen 'M feiner Arbeit erreichen wollte, unb wie schlau unb behend ber Maitazr. sich auch betragen hat, so ist er boch nichts anbres als ein fauler Schm rotzer, ber keine Barmherzigkeit verbient. Unb meine Biene, meine kleine, fleißige Herzensbiene war mit soim einem gelben Parasiten im Pelz herumgeflogen. Aber wahrens Spinne sie im Kreise gebreht hatte, hatte er sich losgelöst unb war bas Netz gefallen, unb jetzt kam bie große Gelbrote unb gab 'Hw cv Biß mit ihrem Giftzahn unb verwanbelte ihn in einem Augenblia ein Skelett ohne Leben unb Inhalt. Unb als bie kleine Biene zurückkam, war ihr Surren wie eine ßote- hymne an bas Leben. , „O bu schönes Leben!" sagte sie. „Ich banke bir, baß auf wein " die röhliche Arbeit unter Rosen im Sonnenschein gefallen 'st. Ich dir, daß ich dich ohne Angst und Furcht genießen kann. Wohl weitz '-te daß Spinnen lauern und Maikäfer stehlen, aber mein tft bte frob'iw Arbeit und die mutige Sorglosigkeit. O du schönes Leben, bu Herri'-Y-- Dasein!" Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Drühl'fche LlniversitätS.Buch. und Steindruckerei. A. Lange, Gießert