Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 59 Montag, den 20. Mai ahrgang 1955 >6fl », Qui] men tw ju einer auch, ir >r Ach» tenmn, i i 3enij« ifjuet. K r @ewt» Sichch n be gelt d-rn In| '9 tote] '««ul n ^ünfel in dich erschein, ngen ch te zu in Serie* tt ut, daß Du da bist ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR Copyright 1933 by August Scherl G- m. d. Berlin (Fortsetzung.) „Das scheint mir phantastisch, Ludwig ..." „Aber er blieb dabei, als ich ihn ernsthaft zur Rede stellte ... Wir c erben also das Haus kaufen, sowie ich unterschrieben habe. Und alles, lUl 6 äßie 6Ü feine A er wÄ’ tni(er» f erweiiet item ei*1 i Sich» mb onte» ) 34 W; ; Rche fieum«11 ert” der 9* , ein ff üt N lierli»« lasses ie Sir« ■t und'' **jj jez'-ttl' KL Ann° ■baue« ” 14. Im Saal hatte man die ganze Tafel beiseiteaerückt bis an die eine Lingswand, um größeren Raum zum Tanzen zu schaffen. Die Harmonika hitte ein blutjunger Schauspieler übernommen, der ausgezeichnet spielte Md über ein mannigfaltiges Repertoire verfügte. Erst nach einigem Suchen entdeckte Thiele Mira von Alten in einer licke des Saales, wo sie den Mittelpunkt einer Gruppe bildete, die sich ns Steinlen, Grolman, dem Journalisten Ollendorf und Gerda Diemer zisammensetzte. Der platinblonde Filmstar schäumte innerlich vor Wut, daß Steinlen gerade in dem Augenblick, in dem sie sich dem Direktor Grol- ■lan mit ihrem bezauberndsten, oft photographierten Lächeln nähern tonte, diese Frau von Alten heranführte, an die sich sofort der Journalist mit seiner „interessanten" Freundin anschloß. Man konnte nicht in Abrede feilen, daß Grolman ein gewisses Interesse für die beiden Brünetten Mgte, die sogar eine entfernte Aehnlichkeit miteinander aufwiesen, eine A-Hnlichkeit, auf die Gerda Diemer besonders stolz zu sein schien. Denn lit sing sofort an, Gesten und Sprechweise Frau von Altens zu kopieren. ®>er noch gab die blonde Schönheit nicht alle Hoffnungen auf, sondern »ersuchte so gut es ging, ihre Wut zu verbergen. Sogar zu einem kurzen Lnz ließ sie sich überreden, von ihrem ständigen Begleiter, dem Redakteur, irr schon stark angeheitert war. In der gegenüberliegenden Ecke saß Doktor Hartl allem, nüchtern und beobachtend, in einem niedrigen Sessel. Thiele steuerte auf ihn zu und ließ sch bei ihm nieder, doch so, daß er Mira im Auge behalten konnte, lki brachte feinen Pokal mit und zwei Flafchen Wein. „Wo ist Lisa?" fragte Hartl, nachdem Thiele ihm und sich emgeschenkt Satte. „Ich sehe sie schon seit geraumer Zeit nicht mehr." „Wir haben ein wenig frische Luft geschöpft. Jetzt ist sie schlafen Rangen. Sie muß sich ein wenig schonen." „Ist etwas nicht ganz in Ordnung mit ihr?" „Ich kann mir benten, was du damit meinst, Otto, und kann dich Ruhigen. Sie ist weder böse mit mir wegen Mira noch krank. Ich habe hi soeben alles erklärt. — Es ist etwas ganz anderes, etwas Schones, Tites sogar!" Ludwig beugte sich zu ihm vor und sah ihm in die Augen. Der Widersinn der tiefen Bewegung, die ihn soeben auf der Terrasse vom lalle, lag noch über feinem breiten Gesicht. „Sie erwartet ein fttnb. , „Ist das wahr?" fragte Hartl beinahe bestürzt und erstaunte innerlich !'l>st, daß die Tatsache ihn so stark erregte, und zwar zunächst gar nicht kg, sondern angstvoll und ablehnend. Gleichzeitig schalt er sich wegen dos dazu gehört. Du wirst alles haben, wenn es so weit ist mit dem Prinzen." „Rur dich nicht. Denn da wirst du drüben (ein." „Ja", sagte Thiele gedehnt, „daran habe ich noch nicht gedacht." „Du hast recht damit, da es ja nicht zu ändern ist. Ich werde schon iirechtkommen — allein, wie ich dir vorhin schon sagte. Das darf bin richt bekümmern, vor allem nicht heute." „Nein!" antwortete er verändert, in seinem alten, übermütigen Ton. ^heute nicht und auch später nicht! — Komm, Lisa, du kannst dich ersten. Jetzt wölken wir tanzen. Schade, daß der Franz so jämmerlich stell. Aber er wird es nie richtig lernen. Dazu muß man an Bord uvesen fein. — Komm!" „Laß mich weg! Ich werde jetzt hinaufgehen und mich hinlegen, ohne daß es jemand merkt. Ich bin zum Umfallen müde. — Was sitzt noch kommt, weiß ich ja. Ich fürchte, es ist zuviel Wein da. Er ttirb wohl bis fünf Uhr reichen. Aber ich muß auch ein wenig an ben Prinzen denken, und du solltest noch einmal mit dem Direktor sprechen!" „Du hast recht, wie immer!" sagte er, küßte sie nochmals, bevor er allein in den Saal zurückkehrte. Elisabeth aber ging rasch um das Haus herum und trat durch die tirbcre Tür in den Vorplatz, von dem eine breite Treppe nach oben j« ihren Zimmern führte. Higen, it erben urta.t. >rnebmft( mb tjeri ib Ijanbe! wird * '« gelier isondechi ssen ch :ad)t wirt u r g mir ie alte in' aber n; ©labt) nben (ju Burs ob! ahierG r Mess e geM t und m dieser unverständlichen Regung, so daß sie langsam einem warmen Mitgefühl Platz machte. „Das scheint dir ja eher Sorge zu machen, alter Freund? Ueberlah das gefälligst mir!" lachte Ludwig. Da griff Hartl nach seiner Hand und hielt sie fest. „Verzeih, wenn ich es nicht gleich so erfaßte, wie ihr beide erwarten konntet! Ich bin ein bißchen schwerfällig geworden in meinem Empfinden, weißt du... Und dann der Gedanke: du und ein Kind, Ludwig!... Bei Elisabeth ist das etwas ganz anderes... Daß ich mich von Herzen mit euch freue, brauche ich nicht erst zu betonen. Aber das Ganze scheint mir eben ein bißchen kompliziert." „Du wirst immer der vorsichtige Skeptiker bleiben, der alles auf unnötige Weise schwer nimmt. Kompliziert! Was ist daran kompliziert? Ein Kind ist eine einfache runde Tatsache, ein Naturereignis, ein Wunder, wenn du willst. Aber davon kannst du nichts wissen, alter Einsiedler. Ich geb dir zu, daß ich bisher auch nicht geahnt habe, was das eigentlich bedeutet." „Auf deinen Sohn, Ludwig!... Es wird doch ein Junge werden?" Hartl hob mit einem Lächeln fein Glas und stieß mit ihm an. „Natürlich wird es ein Junge!... Aber im Grunde ist das gar nicht so wichtig. Ein Mädel ist mir genau so lieb." „Hör mal, Ludwig...", begann Hartl nach einer kleinen Pause vorsichtig: „Was soll das jetzt mit dieser Frau von Alten? Man könnte eigentlich annehmen, daß du genug mit ihr durchgemacht hättest voriges Jahr... Und Lisa auch!" „Ach, das verhält sich ganz anders! Das hab ich auch Lisa eben erklärt, und sie hat mich verstanden. Mira gehört eben auch zu mir. Das ist alles. Was soll denn daran so gefährlich fein, wenn ich mit ihr befreundet bleibe? Ich finde eher das Gegenteil unnatürlich. Und was geschehen ist, ist geschehen." „Ich glaube fast, du betrügst dich ein wenig." „Ader versteh mich doch, Otto! Du als Mann wirst das doch noch viel besser können als eine Frau. Du weißt doch, wie sehr ich Elisabeth Hebe, an ihr hänge. Sie ist der einzige feste Punkt, um den sich bei mir alles dreht. Ich brauche das, habe das eigentlich immer gebraucht und schließlich bei ihr gefunden. Ich ginge ja sonst vor die Hunde ... Sie ist glücklich dabei und ich auch. Das hat sich seit langem erwiesen in den schwierigsten Lagen. Aber das schließt nicht aus, daß ich noch andere Menschen um mich herum brauche. Männer und auch Frauen. Sieh mal, Otto... es ist vielleicht merkwürdig... aber das ist mir heute aufgegangen, als ich sie wiedersah nach so langer Zeit: Ich kann eher auf alle anderen Frauen verzichten... was ich ja auch tue... auf sie kann ich nicht verzichten und will es auch nicht! Das ist gar nicht so gemeint, wie du vielleicht glaubst. Sie ist eben für mich der Inbegriff von all dem Weiblichen, was Lisa nicht hat oder nur in geringerem Maße. Wie soll man das genau bezeichnen? Sie hat das Fremde, Unbekannte, Undurchdringliche ... Du kannst es vielleicht auch oberflächlich, unbeständig oder böse nennen ... Für mich hat sie eben etwas Unerreichbares, Kostbares, das mir fehlt, wenn sie gänzlich aus meiner Nähe verschwunden ist, selbst wenn ich gar nicht an sie direkt denke, wie es in dieser letzten Zeit tatsächlich der Fall war... Du kannst jetzt sagen, alles, was ich da zusammengeschwatzt tjabe, fei albernes, überspanntes Zeug, oder ich sei reichlich betrunken ... und das mag auch von deinem nüchternen, sachlichen Standpunkt aus richtig sein... Trotzdem ist es so, wie ich sage." Hartl schwieg und sah vor sich hin. Dann antwortete er nachdenklich: „Du weißt, ich bin kein trockener Moralist geworden, obgleich ich die Vierzig längst hinter mir habe und also bald acht Jahre älter bin als du. Eigentlich sind es viel mehr als diese acht, denn du bist innerlich sehr viel jünger geblieben als deine Jahre. Ich erwähne das nicht aus pedantischer Uederheblichkeit, die ja immer nur ein Zeichen uneingestandenen Neides wäre. Ich bin weder hochmütig noch neidisch. Nur habe ich mir angewöhnt, alle menschlichen Dinge aus einer gewissen Distanz anzusehen, und habe mich damit einigermaßen abgefunden, daß sie ganz anders sind und ganz anderen Gesetzen folgen, als wir denken und glauben. Das gelingt mir zwar nicht immer, aber ich gebe mir wenigstens die nötige Mühe. Sieh mal: Vor etwa fünfzehn Jahren waren wir beide noch, was man fo Revolutionäre nennt. Damals in Dresden — erinnerst du dich noch fo gut an die Zeit wie ich?" Ludwig nickte ein wenig zerstreut und mußte sich Mühe geben, aufmerksam zuzuhören. „Damals, nach dem Ende des Krieges, als die wirkliche Revolution einsetzte, alles drunter und drüber ging, außen im Leben genau fo wie in uns selbst, da glaubten wir, daß endlich auch alle die freiheitlichen und menschheitsbeglückenden Ideen, von denen wir besessen waren, verwirklicht werden könnten. Wir sind damit bei dem ersten Zusammenstoß mit dem Alltag kläglich gescheitert und nach jahrelangen vergeblichen Be- msthungen mit einst »erbitterten Enttäuschung und einem elenden Katzen- I iitr i St ei i« H Ne »tn «g «1 L tt St N fat Ih! 01 « sich Ä« Ilinji Mi ii ■'hl ta «in litt •tni •* 'ich » Cll[ ! Jtt 8ti »«6 Üt Stil r-i Mm $h «ii Schönheit, sich tritt der ganzen Gewalt ihres weiblichen Scharms auf ihn zu stürzen, wohl bemerkt. Er kannte diesen Typus der Filmdiva zur Genüge und ging ihm am liebsten ganz aus dem Wege, da er weder geschäftlich noch persönlich etwas damit ansangen konnte. Doch die beste Verteidigung bestand nach seiner Erfahrung darin, sich hinter anderen Frauen zu verschanzen, und zwar hinter solchen von dem gerade entgegengesetzten Typus, und ein lebhaftes Interesse für sie an den Tag zu legen. Damit hatte er ähnliche Angriffe, denen er allzu häufig ausgesetzt war, meistens im Keim erstickt. Gerda Sterner wurde von seinem offensichtlichen Interesse geradezu sasziniert und verlor in der Anstrengung, sich von der allergünstigsten Seite zu zeigen, den letzten Rest von Natürlichkeit. Was Grolmans geschulten Augen nicht entging. Selbst der Journalist geriet auf die falsche Fährte und begann, sich romantischen Hoffnungen über seine Freundin hinzugeben, die allerdings wieder von seiner privaten Resignation getrübt wurden. Doch hatte er nicht vom Anfang ihrer Beziehungen an damit rechnen müssen, die Freundin eines schönen Tages auf diese Weise zu verlieren? War das nicht das üble Ende aller solchen Beziehungen? Konnte er also in diesem Falle etwas Besseres für sie tun, als ganz hinter ihre große Karriere zurückzutreten? Nur Mira von Alten ahnte etwas von dem, was den mächtigen und verwöhnten Mann bewog, sich ihr und der Gruppe um sie für eine Zeitlang besonders und ausschließlich zu widmen. Sie selbst spürte ein gewisses Interesse für ihn. Da dieses Interesse frei war von jeder Absicht, konnte sie sich nicht darüber täuschen, daß seine Haltung auch ihr gegenüber gerade durch ihre betonte Liebenswürdigkeit eine durchaus unpersönliche blieb — wenigstens bis zu einem bestimmten Augenblick. Dieser Augenblick aber — kurz bevor sie die Gruppe wieder verließ — genügte, um sie zu überzeugen, daß es ihrer Erscheinung und ihren wenigen Worten doch noch gelungen war, seine inneren Vorbehalte zu durchdringen und jenen Funken in ihm zu entfachen, wie sie es bei Männern in seinem Alter und von seiner Haltung gewohnt war. Hier war noch etwas mehr als nur ihre weibliche Eitelkeit mit im Spiel gewesen. Sie war mit sich sehr zufrieden, vor allem auch deshalb, weil sie sich im richtigen Moment wieder losgelöst hatte, und hing sich darum mit einem heiteren, beschwingten Lächeln an den Arm Thieles, als er ihr nach feinem Gespräch mit Hartl entgegenkam. „Ich glaube, du hast heute ein unerhörtes Glück gehabt. Aus ein paar Worten dieses Herrn Grolman, die er zu Steinten sagte, konnte ich erraten, daß man dich für eine große Filmsache halten möchte. Er ist doch der leitende Mann von der Hollywooder Gloriä-Corpora- tion?" fragte sie, während er sie wie im Triumph durch den ganzen Saal führte. „Natürlich ist er das. — Willst du mir nicht auch verraten, was er zu Steinten sagte? Das interessiert mich einigermaßen. Aber nur im Wortlaut", antwortete er und tat mit Absicht geheimnisvoll herablassend, was ihm gar nicht gut zu Gesicht stand. „Ich werde mich hüten, dir vielleicht falsche Hossnungen zu machen. Aber möglicherweise kann ich dir dabei nützen." „Du ...? Wieso gerade du? Was hast du damit zu tun?" „Ich meine das allgemein, da ich den Eindruck mitgenommen habe, dem Direktor Grolman gefallen zu haben." „Das dachte ich mir gleich, als ich dich neben ihm sah. Daß du nichts anderes im Schilde führst, als Männern den Kopf zu verdrehen! Warum? Wozu? Was hast du für Absichten, Mira? „Man kann nie wissen ... Du siehst ja: Vielleicht kannst du mich bei Gelegenheit brauchen." „Ernsthaft, Mira! Ich bitte dich: Bleib aus dem Spiel! Es geht tatsächlich ums Ganze, um meine ganze nächste Zukunft!" sagte er ver- ändert, eindringlich und preßte ihren Arm an sich. „Das ist es ja. Da lehnt man doch die geringste Hilfe nicht einfach ab. Ober bist du schon so perfekt mit ihm?" Ich bitte dich nochmals: Sprich nicht mehr davon und misch dich, um Gottes willen, nicht da hinein! Das könnte mir alles im letzten Augenblick kaputtmachen." „Sei doch nicht kindisch, Ludwig! Was fürchtest du?" „Daß ich meinen klaren Kopf verliere, wie immer, wenn ich dich in etwas verwickelt sehe, was nur mich angeht." „Du weißt doch, daß ich nie etwas täte, was dir im entferntesten schaden könnte." „Komm, Mira!" flüsterte er ihr hastig zu. „Machen wir einen Gang durch den Garten! Ich hab' dir so vieles zu sagen. Aber sprechen wir nicht mehr davon! Ueberlaß das mir ganz allein — Hier liegt dein Pelz. Den nimmst du um, und wir gehen ein paar Schritte. Draußen ist eine schöne, dunkle, ganz laue Nacht ... Komm!" „Und du ...? Du bist so erhitzt!" sagte sie, mit einem schwachen Versuch, sich gegen sein Drängen zu wehren. „Ich .. .1 Glaub mir, mir tut diese Nacht nichts! Im Gegenteil. Ich brauche jetzt Luft und Kühle und dich. Dich allein, deine Nähe, Mira" , „ (Er hatte im Vorbeigehen ihren Pelz ergriffen und drängte sich rasch mit ihr durch die Paare, die wieder zu tanzen begonnen hatten, nach der Tür zur Terrasse zurück, die immer noch halb offen stand. Draußen half er ihr in den Mantel und ging voran die paar Stufen hinab, die in den Garten führten. Sie folgte ihm langsam, ein wenig zögernd. Die frische Nachtiust tat ihr wohl. Sie atmete sie ein mit Hefen, durstigen Zügen. Er ging noch immer einen halben Schritt vor ihr her, schweigend, den Kops gesenkt, schon auf dem Gartenweg. , Die dichtstehenden kahlen Säume und Sträucher rechts und links sahen in der Dunkelheit aus wie ein Spalier aus schwarzen, gesp^isti- schen Skeletten, an dessen Ende ein bleiches, riesiges Bahrtuch schimmerte, der Spiegel des Sees. Mira ging rascher und hängte sich wieder an seinen Arm. (Fortsetzung folgt.) jammer erwacht. Aber auch dieser Katzenjammer war Im Grunde nichts anderes als das Erwachen aus dem Traum unserer Jugend. Wir waren ganz einfach aus schwärmerischen Kindern Männer geworden. Das ist nichts weiter als ein biologisches Gesetz. Ich weih noch genau, daß du dich nie damit abfinden, nie etwas davon wissen wolltest und immer wieder in den Rausch deiner großartigen Schauspielerei geflüchtet bist. So ist es noch heute mit dir, lieber Ludwig. Du weißt es nicht, in welchen wirklichen Zusammenhängen du stehst und spielst. Du willst nichts davon wissen und brauchst es im Grunde auch gar nicht. Du spielst eben und fpielft auch dich selbst. Das ist dein Berus und deine Berufung. Was die Menschen um dich herum tatsächlich bewegt, was sie von dir wollen, wozu sie dich brauchen oder auch mißbrauchen, geht dich nichts an und berührt dich nur ganz von außen. Darum muht du in allen Dingen das tun, wozu„es dich innerlich treibt, auch wenn du und andere daran zugrunde gehen. „3a, ja. Das wird schon so sein. Das ist deine Psychologie oder Soziologie oder wie man das nennt. Ich versteh davon nichts", antwortete Ludwig unbehaglich. „Irgendwo bin ich sicher, daß du recht haft. Aber wenn ich das alles so auseinanderklauben müßte, dann wurde ,ch „elenD danebenhauen und mir vorkommen wie eine Mücke im Spinnennetz!" „Vorhin, als du noch nicht hier warst, hörte ich zufällig ein Gespräch mit an, das dir und deiner Kunst gegolten hat..." „Erzähl mall Das interessiert mich!" unterbrach ihn Ludwig, sofort angeregt. „Wer war es denn?" „Das ist gleichgültig. Aber es ist ein gutes Beispiel. Man ging von der allgemeinen Krise des Theaters aus und kam dabei logifcherweife auch auf die Politik. Nun bin ich im Grunde fest davon überzeugt, daß auch du dich innerlich sehr gewandelt hast, obgleich du ein durchaus unpolitischer Mensch bist; daß du auch über alle die absoluten, internationalen künstlerischen Ideen hinausgewachsen bist, die wir einmal brennend verteidigten. Du hast es, wie wir alle, erlebt, daß aus Deutschland erst einmal eine klare, festgefügte Nation werden mutz, bevor man überhaupt daran denken kann, auf diesem Fundament weiterzubauen — auch rein künstlerisch. Und nun hörte ich, wie man gerade deine erdhafte. selbstverständliche Kunst zum Exponenten einer Parteipolitik machte, einer Politik, der ich aus meinen jetzigen Erkenntnissen heraus keineswegs fernstehe. Trotzdem scheint mir das vollkommen falsch. Bei deinem Direktor Steinlen und der Gründung des Deutschen Volkstheaters, von der ich natürlich auch in Dresden gelesen habe, mag das zutreffen. Er ist ein kluger, kühler und fcharssichtiger Rechner. Aber bei dir? Ich bin sogar der Ansicht, daß deine persönliche Wirkung in einem linksradikalen Parteitheater genau die gleiche wäre. Mit dem gleichen Schein von Recht könnten beide, könnten sogar alle Parteien dich für ihre Tendenzen reklamieren und würden es sicher tun. Dir würde das gleichgültig sein." „Allerdings, lieber Otto! Aber ganz fo naiv, wie du mich hinstellst, bin ich nicht. Ich weih genau, für was sie mich in der letzten Zeit ausgeben; daß man mich für gesinnungslos Höll, weil ich früher dort gespielt habe, jetzt hier spiele und morgen vielleicht ganz woanders spielen werde. Das ist nun mal so, wenn man Erfolg hat! Da wird man ebensosehr mit Dreck beworfen wie mit Lobeshymnen. Ich mach' mir aus beiden» nicht so viel!" Er schnippte mit den Fingern und stand auf. „So kommen wir nicht weiter, Otto. Man kann sich nicht damit abgeben, was die andern denken und wollen. Man hat genug mit dem eigenen bitzchen Gehirn zu schaffen. Du kannst dir das leisten. Aber wenn du zum Beispiel kein Geld hättest, würden die Menschen dir kein Stück Brot geben für deine Psychologie. Gott sei Dank hast du mehr als du brauchst. Aber mit dem Leben kommst du doch nicht so ganz zurecht. Das liegt sicher mit daran, daß du zuviel weißt oder wissen willst. Mach dir nichts draus! Ich habe einen kleinen prächtigen Rausch ... Aber so ist auch dein Stück, das du mir einmal gegeben hast." ... „Hast du es jetzt gelesen?" fragte Hartl rasch und wurde rot dabei, wie ein Mädchen. „Natürlich hab' ich es gelesen!" „Und du könntest die Hauptrolle spielen?" „Ich weitz nicht recht ... Das Ganze scheint mir gut und dann wieder ebenso schlecht. Nimm mir’s nicht übel, alter Junge! Ich hab' ja kein Urteil. Es gefällt mir, und auf der anderen Seite kann ich wieder nichts damit anfangen. Genau wie mit deiner Weisheit, und dabei hab' ich dich doch feit Jahren gern ... genau so, wie du bist!" „Vielleicht lieft du es gelegentlich noch einmal?" „Selbstverständlich! ... Verlaß dich drauf!" rief Thiele eifrig und hatte sich schon ein paar Schritte entfernt Denn er sah Mira allein nach der Flügeltür gehen, die er nicht mehr geschlossen hatte. 15. Gleich nachdem man vom Tisch aufgestanden war, hatte Direktor Grolman seine Unterredung unter vier Augen mit Steinlen gehabt, die, so kurz sie auch war, ihn dennoch befriedigte. Er wußte jetzt ganz genau, unter welchen finanziellen Bedingungen er seinen Willen durchsetzen konnte, und diese Bedingungen waren so, daß er sie bequem von sich und von seiner Gesellschaft abwälzen konnte. Henschkes Bedenklichkeit in bezug auf den Enderfolg der Verhandlungen Thiele betreffend, die ganz in seinen Händen ruhten, stieg, als er diese Unterredung, von der er ausgeschlossen war, aus der Ferne beobachtete. Er witterte, daß der Schauspieler und damit auch er selbst die Leidtragenden sein würden, wenn es überhaupt noch zum Vertragsabschluß kommen sollte — woran er auch schon zu zweifeln begonnen hatte. Der Agent beschloß, unter allen Umständen heute nacht noch selbst mit aller Entschiedenheit mit dem Filmdirektor zu sprechen. Denn von der Kunst, eine solche Verhandlung zu sühren, verstand Thiele herzlich wenig — selbst in vollkommen normalem Zustand. Grolman war einigermaßen froh, als Steinlen ihm Frau von Alten und gleich darauf Gerda Diemer mit ihrem Freund, dem Journalisten Ollendorf, zuführte. Denn er hatte die mehrfachen Versuche der blonden 'OH I 3i ie *5 faib. über« heute wirk- hing Abendregen. Von Gottfried Keller. Langsam und schimmernd fiel ein Regen, In den die Abendsonne schien; Der Wandrer schritt auf schmalen Wegen Mit düstrer Seele drunter hin. Er sah die großen Tropfen blinken Im Fallen durch den goldnen Strahl; Er fühlt es kühl aufs Haupt ihm sinken Und sprach mit schauernd süßer Qual: Nun weiß ich, daß ein Regenbogen Sich hoch um meine Stirne zieht, Den auf dem Pfad, fo ich gezogen. Die heitre Ferne spielen sieht. Und die mir hier am nächsten stehen, Und wer mich wohl zu kennen meint, Sie können selber doch nicht sehen, Wie er versöhnend ob mir scheint. So wird, wenn andre Tage kamen, Die sonnig auf dies Heute sehn, Um meinen fernen blassen Namen Des Friedens heller Bogen stehn. nommen hatte. _ „Na", hatte Klas zu ihm gesagt, „dann vergiß auch das Wiederkom- OaS Denkmal. Von Wilhelm Scharrelmann. flüffig war. „Nichts. Wie immer", antwortete Ol-Trin. Nachdenklich schüttelte Klas den Kopf. „Und dabei hatte ich ben ganzen Tag so ein Vorgefühl, als wenn er nun heute Abend lich kommen mußte ..." Ol-Trin antwortete nicht daraus. Sie kannte das schon. Klas nun mal an seiner Einbildung, da war nichts zu machen. Er wurde cvohl langsam wieder zum Kinde. Nun ihm doch alle, bis zum Pastor hinauf, versichert hatten, daß es völlig ausgeschlossen sei und er sich nicht länger unnütze Hoffnungen machen solle, daß sein Lür noch einmalwieder znrückkehren werde ... Aber der Alte war nicht zu überzeugen. Mochten |ie alle sagen, was sie Lust hatten! Wie war es denn mit Krügers Hermann gegangen, he? War nicht auch er erst Jahre nach dem Friedens- Ichluß zurückgekommen, als niemand mehr angenommen hatte, daß er noch lebte? Ebenso ruhig und selbstverständlich würde auch Lur eines Tages wieder da sein und den Damm heraufkommen, an dem der kleine Hof lag, ganz wie an dem Tage, als er von ihnen Abschied ge- men nicht, hörst du?" .. , .. ... , Kein Wort sonst. Und Lür hatte dazu gelächelt, wie es sich gehörte, trenn sein Vater einen Scherz machte, ein stilles, ruhiges Lächeln ... Jahre waren nun darüber hin. Aber was wollte das besagen? Em (Jahr — was war das viel? Ihrer fünf oder zehn waren am Ende noch nicht soviel, wie ein Atemholen des lieben Gottes, und wenn Lur heute nicht kam, kam er eben morgen ... Vielleicht hatte er Grund, sich Seit zu lassen, wer konnte darüber etwas wissen? Der Pastor und der Superintendent wußten auch nicht mehr, als sie gelernt hatten, seht 'yr. Aber Lür kam auch am nächsten Tage nicht und auch an keinem (•er folgenden. Dafür brachte der Postbote ein paar Wochen spater emen Brief. Klas traute feinen Augen nicht. Er wußte die Seit nicht mehr, daß jemand an ihn geschrieben hatte. „Siehst du, Mutter", sagte er zu Ol-Trm, „nun hat er geschrieben. Aber er hätte sich nicht erst groß anzumelden brauchen ... Als der Alte endlich die Brille gefunden hatte — s'.e ^Nichten sie beide, wie es gerade kam, und Ol-Trin hatte sie mal w. der weiß der Deibel! in ihrem Sttickkorb vertütert — las er den Brief und es ging schneller damit, als er erwartet hatte. Der Inhalt war kurz und bündig. S(as alte Schwester Aleid, die bei tyren Smbern tn der Stadt wohnte mar gestorben, und der Mann ihrer Tochter zeigte es Klas und Ol-Trin en. Die Beerdigung sollte am nächsten Tage fein. Klas ließ den Brief finken und seufzte. Sie hätte wohl noch etwas leben können, achtundsechzig ^ohre waren eigentlich fein Alter. Aber sie hatte ja schon seit Jahren gekränkelt. Nun rar es vorbei mit ihr. Gott hab sie selig. Wir alle müssen einmal fterbem Er hatte ja zuerst gemeint, daß der Brief von Lur fei. Nun war lange wurde. Hier stand der Roggen schlecht, und dort wurde es Df die Kartoffeln auch Zeit, daß sie gehäufelt wurden ... Als die Beerdigung vorüber war und die gute Aletd ihren letzten Weg hinter sich hatte, nötigte ihr Schwiegerson den Alfen vom Kirchhof wieder in fein Haus und bewirtete ihn dort, wie es Sitte war. Sie wollten sich nicht lumpen lassen, hatten sie zueinander gesagt, feine Frau und er, so wenig sie es auch dazu hatten. Darum gehörte es nur dazu, daß man dem Alten auch ein Glas von dem Wein vorsetzte, den man für die Beerdigung angeschafft hatte. Ein Gläschen Kümmel hätte es am Ende auch getan, aber Klas und Ol-Trin und die Nachbarn sollten hinterher nicht sagen, daß sie es an etwas hätten fehlen lassen. Trotzdem stand der Alte früher wieder auf, als man angenommen hatte. „Wollt Ihr schon wieder gehen?" fragte feine Nicht«, die sich eine Küchenschürze vor ihr Trauerkleid gebunden hatte und in der Küche stand und Schüsseln spülte. Ja, das wollte er. Er murmelte, daß er ja zu rechter Seit wieder zu Hause sein müsse, da Lür vielfach gerade heute — hm. Er meine nur fo ... Niemand verstand, was er damit sagen wollte, ober schließlich war der Weg ja auch weit. Swei bis drei Stunden brauchte er wohl nach Hause, he? O, meinte Klas, es könnten wohl vier werden, und nun es schon über Mittag sei, werde es — weiß der Deibel — wirklich Seit für ihn..« Und bann könne er ja auch sowieso die Stadt nicht leiden. Man möge es ihm nicht übelnehmen, aber daß es Aleid hier solange ausgehalten habe, sei gewiß kein leichtes Stück für sie gewesen ... Auf dem Heimweg muß er einen Platz überqueren, auf dem sich eine große Menschenmenge staut, am dichtesten vor der Tür zu einer Kirche, die sich düster und ernst in die lichte Bläue des Frühlingshimmels hebt. Musik erschüttert mit ehernen Akkorden die Luft, und alle, die vor chm und um ihn stehen, reckten die Köpfe. Was denn da los fei? erkundigte sich der Alte. Leise verständigte man ihn, daß da drüben bl der Bonifatius- kapelle im Eingang der Kirche ein Denkmal für die Kriegsgesallenen errichtet werde. So, fo! nickte Klas, und will fchon weiter, als Me Musik verstummt» und eine schallende Stimme von der Kirche her zu der Menge $n sprechen beginnt. , , . „ Besangen bleibt der Alte an seinem Platze, kann aber bet aller Müh» nichts Rechtes verstehen, und nur hin und wieder erreichen ein paar abgerissene Worte fein Ohr. Nein, es hat wohl keinen Sroecf, noch länger zu warten. Wer weiß, wie lange das da drüben noch dauert ... Aber da dröhnt dumpfer Trommelwirbel zu ihm herüber, und nun fetzt die Musik wieder ein und geht leise in die Melodie zu „Ich halt' einen Kameraden" über. Ergriffen hört der Alte zu. Ja, das Lied kennt er, und das ist eine Sprache, die auch er versteht. Aber als das Lied verklungen und die Feier zu Ende ist, ist es erst recht unmöglich für ihn geworden, feinen Weg wieder auszunehmen. Auch hinter ihm stehen jetzt hunderte von Menschen, die noch nach ihm hinzusttömten, und alles um ihn bewegt sich nun langsam auf die Kirche zu, wo das Denkmal jetzt zur Betrachtung freigegeben ist. Ein Schauer überrinnt den Alten, als ihm in der sonnenwarmen Mittagsstille des Tages plötzlich der kühle Atem der Kirche entgegen- schlägt. Mit zittrigen Händen entblößt er seinen greifen Kopf und tritt bann von der lchweigenden Menge gedrängt, über die Schwelle. 3m selben Augenblick verschlägt es ihm den Atem. Mit weiten Augen starrt er dem jungen Krieger in das Antlitz. 3a, irrt er sich nun oder trügen ihn seine Augen wirklich nicht? Der da in unbeweglicher Ruhe ausgestreckt liegt, die Augen geschlossen, bte Lippen wie in ewigem Schweigen aufelnanbergeprefjt — ist ja niemand anders als sein Lür! — Nein, da ist überhaupt kein Steifet möglich, bas ist Lür, niemand anders als er, und ganz fo, wie er leibte und lebte. So, genau so sah er aus, als er damals Abschied nahm und ms '^'ßei’fTbringen aus der Tiefe der Kirche die Klänge der Orgel zu ihm herüber^" „amme((e &er mit bebender Stimme. „Lür! mein Lür!" Der Duft der Blumen und Lorbeerkränze, die in verschwenderischer Fülle den steinernen Fußboden der Kapelle bedecken, benimmt dem Alten fast die Sinne. Er weiß kaum mehr, was um ihn herum vorgeht, will stehenbleiben, sträubt sich gegen den Druck der Nachdrängenden. Aber es fit unmöglich, und unwiderstehlich wird er von der Menge weiter- geschoben, die in ehrfürchtigem Schweigen an dem Denkmal und der aufgestellten Ehrenwache vorbeizieht und sich bann langsam tn das Dämmerbuntei der Kirche verliert ... Durch einen bet Seitenausgange ber Kirche gelangt ber Alte enblich roieber ins Freie — . . Als er am Abenb, sehr viel später als er gerechnet hat, roieber nach Hause kommt, steht Ol-Trin besorgt auf bem Damm unb blickt nach ihm aus Es ist so ganz gegen seine Weise, länger als notig aus,jubleiben, unb bie Sonne ist schon im Untergehen. Schließlich ist Klas ein alter ^'gtein" faqt er, „nun stehst bu schon roieber ba unb guckst den Damm hinunter Aber bas hat keinen Sroect mehr, siehst du. Denn jetzt weiß ich er kommt nicht mehr wieder, unb ber Pastor hat ganz recht barmt gehabt Aber bafür hat man ihm nun in ber Stabt ein Denkmal gesetzt Ol-Trin, was sagst bu? Ich hätte es ja in meinem Leben nicht für möglich gehalten, aber es ist so wie ich sage Ol-Trin meint, baß es nun wohl ganz aus ist mit seinem Verstände. Vielleicht, daß ihm die Beerdigung feiner einzigen Schwester so nahe gegangen ist und ihn nun ganz aus dem Geleise gebracht hat? Du sprichst doch wohl nicht von Lür?" fragt sie. Doch. Natürlich spricht er von Lür. Don wem sollte er sonst wohl reden? Aber das wunderbarste sei doch die Aehnlichkeit, so daß jeder, „Hast du noch mal den Damm hinuntergesehen, Mutter?" rief Klas über bie Diese feines kleinen Hauses und gab ber Kuh, ber einzigen, t»ie er besaß, die Strohschütte vor, die sie an jedem Abend nach bem Füttern bekam. Ol-Trin, bie vom Kohlhof roieber auf bie Diele getreten war unb nun »n ben Herb zurückkehrte, nickte verbrofsen. „3a, ja", sagte sie und machte eine abwehrende Bewegung mit ber Fand. „Du hättest ja sonst doch keine Ruhe gegeben." „Na, und?" fragte ber Alte, wenn er auch wohl wußte, baß es 3nb2(m hfotgenben fege in aller Frühe nahm Klas seinen Abendmahls- "vck aus bem Spind, fetzte feinen ebenso alten Zylinder auf und macht ich auf ben Weg in bie Stadt. Es war ein anstrengender Marsch, aber ber Alte ließ sch Z- . dazu gab es auf ben Feldern so viel zu sehen, bah ihm ber Weg nicht der Lür gekannt habe, ihn auf den ersten Blick erkennen müsse. Gleich morgen wolle er wieder hin, und Ol-Trin müsse auch mit, da helfe nun alles nichts. Verzweifelt und unglücklich schüttelt Ol-Trin den Kopf. „Wie so was bloß möglich ist?" denkt sie im stillen und hilft dem Alten, daß er erstmal seinen Rock ausbekommt und die engen Lederstiesel. So, da sind seine Holzschuhe... Ja, sie hat neues Haferstroh hineingelegt, er soll mal probieren, ob sie es auch zu gut gemeint und zuviel hineingeltopft hat... „Vielleicht, daß es ja noch mal wieder vorübergeht mit ihm", denkt sie, „wenn er nach der Aufregung, die ihm der Tag gebracht hat, erst wieder richtig zur Ruhe gekommen ist." Sonst muh sie morgen unbedingt nach Diemenbusch hinüber, damit ihr Harm Klüth ein Sympathiemittel gibt für Klas. Keiner versteht sich so darauf wie er. OReife ins Llrtangmeer. Von Dr. R. H. Francs. Wir waren erst wenige Tage von den Küsten Zentralamerikas entfernt und fuhren unter einem paradiesischen Himmel, als sich plötzlich die große, blaue Leere des Atlantischen Ozeans um uns änderte. Wenn man die Weltmeere befährt, und auch auf unseren schnellfahrenden Dampfern wochenlang nichts sieht als Himmel und Wasser, gewöhnt man sich daran, auch die kleinste Aenderung in diesem Bilde zu beachten, und hier begann allmählich, dann überwältigend ein vollkommener Wechsel in der Meeres- natur. Goldgelbe und fuchsrote Tangbündel trieben im tiefblauen Wasser, zunächst ein von den Wogen zu einem langgedehnten Streifen ausgezogenes Hundert, dann kamen viele Streifen und zuletzt schimmerte das ganze Wasserrund goldgelb von Tausenden und aber Tausenden kleinen und großen Tangen. Wir waren in der Sargassosee und durchfuhren sie fünf Tage lang. Ein Erdteil von Wasserpflanzen war das. Auf jeder Karte der Weltmeere findet man ihn eingezeichnet wie eine riesige Wiese, aber von der Größe ganz Mitteleuropas. Seitdem Kolumbus mit seinen Holzschiffen darin sestgehalten wurde, war eine Seemannssage mehr entstanden von dem furchtbaren Tangmeer, das den Schiffen die Fahrt verwehre und sie bis zum Verhungern ein* schließe und gefangenhalte. Ich glaube es schon, daß die alten Schiffer festgehalten wurden in jenen Regionen, aber nicht von den Pflanzen, sondern mit den Tangen zusammen von dem Mangel an Strömung in Luft und Meer. Gerade hier dehnt sich eine der ruhigsten Gegenden der Erde. Die Wasser des Meeres, sonst überall in Strömen dahinwallend, stehen hier still, und wachen- und monatelang spannt sich über ihnen ein seidenblauer Himmel und ruhige Luft, die auch nicht ein Wellchen kräuselt. Lieblich wogen die Tage auf und nieder, spiegelglatt dehnt sich die See bis zum Himmelsrand. Wenn irgendein kleines Glitzern und Getümmel die Wasserfläche erzittern läßt, so ist es höchstens ein Zug Flügelschnecken oder eine kleine Flotte von Staatsquallen, die geheimnisvoll mit rosa Segeln kommen, aus fernem Blau, und wieder dahinfahren in blaue Fernen. Die Geschichte von der Entstehung des Lebens erzählt uns, daß einst, in letzter Vergangenheit der Erde, es überhaupt kein anderes Leben unb Sein gegeben habe, als solche Urtangmeere, auf einer Erde, die fast nahezu oder vielleicht überhaupt nur von blauem Wasser bedeckt und in lautloser Einsamkeit dahindämmerte. Können wir das glauben? Das jetzige Sargassomeer, übrigens nicht das einzige auf Erden, ist kein Ueberbleibsel einer Urzeit, wenn es auch feit des Kolumbus Zeiten unverändert geblieben ist, also wahrscheinlich schon seit Jahrtausenden an gleicher Stelle wogt. Die darin lebenden Tange gehören hauptsächlich einer Gattung an, dem gewöhnlichen Blasen- tang, von dem Verwandte auch an deutschen Küsten, ganz besonders häufig in der Ostsee, auf Steinen und Holzwerk angewachsen sind. Das sind keine Urzeitpflanzen, sondern hochentwickelte, vielzellige, wohlgebaute Gewächse, von denen man annimmt, daß sie an den Küsten der zentral- amerikanischen Inseln wachsen, durch Stürme abgerissen und durch Strömungen zusammengetragen sind. (Was ich übrigens nach meinen persön- fidjen Untersuchungen nicht glaube.) Immerhin wäre die erste Pflanzenwelt auf Erden nicht gut anders vorzustellen. Sie muß im Meer gelebt haben, denn alle Wasserpflanzen sind einfacher, als die Landpflanzen, und nach allgemeiner Erfahrung ist das Einfachere meist das Aeltere. Im Meer aber kann sie nur die Form von Kleinpflanzen oder aber Tangform gehabt haben. Eine andere Vorstellung ist nicht möglich. Noch heute gibt es in den großen Ozeanen Tangwälder von wahrer Urwaldpracht. Gerade die allergrößten Gewächse der Erde, dreihundert Meter lange Riesentange fluten dahin; in hunderterlei Formen wuchern gelbe, braune, rote, wie Palmen oder Blattpflanzen anzusehende Algen, bald klein wie die Kräuter und Gräser, bald dichte Büsche bildend, zwischen denen sich dann Riesenbäume erheben. Ein Dickicht undurchdringlich und schattig, in dessen Laubengängen die Fische aus- und einschlüpfen, große Tintenpolypen ekle Arme heben und das gefräßig-räuberische Volk der Krabben und Meeresspinnen sein Unwesen treibt, das ist der Tangwald von heute. Und der aus den Urtagen der Erde kann wohl kaum anders ausgesehen haben, wenn auch keine Spur von ihm übrig geblieben ist. Dieser letzte Ausdruck entspricht zwar nicht ganz der Wirklichkeit, denn Spuren einer untergegangenen Pflanzenwelt finden sich in den allerbesten Gesteinen massenhaft. Aber es sind eben nicht mehr erkennbare Pflanzen, sondern es ist bloß — Kohle. Wenn Pflanzen derart vermodern, dann hinterlassen sie Kohle. Das weiß heute bereits jedermann. Denn alle Welt kennt die Steinkohle und Braunkohle, und gelegentlich hat schon jeder in ihr Blattabschnitte oder Holzreste mit eigenen Augen erkannt. Darum hat sich auch die Forschung daran gewöhnt, überall, wo sie Kohle sieht, einstiges Leben anzunehmen. «verantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Brühl Man fleht riesige Gebirge aus Schiefer aufgebaut, der ganz unzweifelhaft erkennen läßt, daß er nichts anderes als trocken gewordener, durch Erdrindenbewegungen aufgefalteter und durch den dabei entstehenden Druck „schiefrig", das heißt plattig gewordener Meeresfchlamm ist. Man kann, wenn man Meeresschlamm trocknet und unter den Druck der hydraulischen Presse bringt, diese Spaltung in Platten künstlich nachahmen. Dieses Schiefergebirge und seine Platten aber sind allgemein bekannt. Als Abcschützen haben wir die Schiefertafel herumgetragen und mit dem Griffel gekritzelt und uns daran gefreut, wie prächtig der weihe Strich auf der schwarzen Platte erschien. Und als wir dann das erstemal von Berlin nach München fuhren, dann hat wohl jeder von uns staunend hinabgesehen auf die kohlschwarzen Ortschaften, als der Zug durch die schönen Waldberge des bayrischen Frankenwaldes fuhr. Ludwigstadt, Lehesten und andere Orte dieser Gegend sind aus tiefschwarzen Schiefer- platten erbaut, auch die Hauswände sind mit ihnen belegt, denn in jener Landschaft ist Schiefer das billigste Baumaterial. Von dort kommen die deutschen Schultafeln und Griffel her, der ganze Frankenwald ist ein Tonschiefergebirge, und in bergeshohen Massen ist dort jener älteste Meeresschlamm aufgehäuft, der schwarz ist von der Kohle einstiger Sar- gassoseen und Tangwälder. Vergeblich sucht man in ihnen irgendwelche Versteinerungen; sie sind ganz leer, und nur einzelne Algenspuren verraten, daß unsre Meinung von einem Urtangmeer, in dem sich diese Schlammschicht abgesetzt haben, richtig ist. Solche Urtonschiefer aber gibt es viele auf Erden. So gewaltige Ge- fteinsmaffen, daß zur Goethezeit die Meinung verbreitet war, im wesentlichen hätte sich die ganze Erdrinde nur aus Wasserabsätzen gebildet. Nach dem Schutzgott der Meere nannte man bas die neptunische Theorie. Blasentange und allerlei rätselhafte Algenfäden fand man in diesen Bergen und sonst nichts und man baute nun mit luftiger Phantasie darauf eine Urgeschichte der Erde auf, die in alten, populären Büchern aus der Kinderzeit ganz ergötzlich zu lesen sind. Allen Ernstes erzählte man da, als ob man dabei gewesen wäre, wie das kochende und brodelnde Urmeer ungeheure, viele Meilen im Durchmesser haltende Blasen aufgeworfen habe, die bann platzten unb tiefe Einsenkungen im weichen Schlamm- grunb hinterließen. So seien Täler unb Untiefen im Meer zustanbe- gekommen. Großpapa hat solche Dinge gläubig hingenommen, unb sich zweifelsohne gebucht, baß unsre liebe Erbe boch ein furchtbarer Hexenkessel gewesen sein muß unb es wahrlich sehr gut sei, in ben jetzigen fortschrittlichen unb ruhigen Zeiten zu leben, in benen solches ausgeschlossen unb selbst die Wildnis schon merklich gezähmter sei. Aber das Wissen von heute belächelt das alles als naive Vorstellungen, unb so wie sie ben Neptunismus aufgab, so hat sie auch mit ber Ansicht gebrochen, als habe es jemals „roilbere" unb katastrophenreichere Zeiten gegeben als just eben jetzt. Sie stellt sich auch bas Urtonschiesermeer nicht anbers vor, als etwa bie Saragossasee in unseren Zeiten: blau, lieblich, leer unb ruhig unb nur im geheimen mirtenb und bauend an den Gesteinen künftiger Jahrmillionen. Einfach dadurch, daß Körnchen und Körnchen in die Tiefe rollt von dem feinen Staub, den die Winde dahertragen, von den letzten zerlösten Trübungen die ins Meer als zur letzten Nuhe- ftätte geraten. Wir Haden uns von jenem Zeitalter nur insofern noch ein phantastisches Bild zurechtgemacht, als wir jenes Urmeer für frei vom Tierleben ansehen. Wir nennen es das algonkische Weltalter, was aber nicht die Algenzeit bedeuten soll, wie man nach dem ähnlichen Klang vermutet, sondern auf den Stamm der Algonkin-Indianer bei den großen Seen der Vereinigten Staaten zurückgeht, auf deren einstigen Grund und Boden jenes Urmeer besonders große Schichtungen hinterlassen hat. Zwanzig- und dreihig- taufenb Meter dick sind jene Meeresabsätze und man kann dort, wo sie nebeneinander liegen, wie die Seiten eines auf den Rücken gestellten Buches, an diesem Buch der Vergangenheit tagelang hinwandern, ohne daß sich die Natur dieser längftoergangenen Welt änderte. An diesem Punkt aber höre ich einen Einwand meiner denkenden Leser. Sie sagten sich, der Meeresschlamm bilde sich doch nur sehr langsam. Ein Zentimeter entsteht nicht einmal jedes Jahr. Gewiß nicht, auch zehn Jahre sind dafür noch keine übertriebene Annahme. Ein Meter entspricht sicher einem, wahrscheinlich sogar mehreren Jahrtausenden. Und da liegen, noch durch ihr Gewicht zusammengepreßt, 20 000 Meter dicke Meeresschlammablagerungen. Dreißigtausend Jahrtausende, dreißig Millionen Jahre, lang wogte dort die See und sanken die Schlammteile, und wenn es zehnmal schneller ging, drei Millionen Jahre lang ... Wer kann das glauben? Die Erdforscher von heute aber machen strenge Mienen unb sagen: Wir schätzen bie Zeit, bie seit bem Algonkium vergangen ist, auf fünfzig Millionen Jahre, aber bie Mächtigkeit ber ersten Ablagerungen zwingt uns, bas algonkische Zeitalter für ebensolang zu halten. Wir hören bie Botschaft, aber uns fehlt ber Glaube. In fünfzig Millionen Jahren (immerhin angenommen, biefe phantastischen Ziffern feien richtig) habe sich auf Erben nichts entwickelt, es sei kein Fortschritt geschehen, unb in ben barauffolgenben sei alles anbers geworben, ja in ben letzten fünftausenb Jahren sei ber jämmerliche Menschenfresser unb Tiermensch zum Mann von heute geworben! Man versuche, das nur auf ein Papier von einem Meter Länge aufzutragen, um ein bißchen Anschauung dieser unglaublichen Dinge zu erhalten. Fünfzig Zentimeter lang ist ber Stillftanb, bie anderen fünfzig sind die Entwicklungszeit des Lebens. Unb ber allerletzte Millimeter (ich bitte, ben zwanzigsten Teil eines Millimeters aufzuzeichnen), bas ist bie Entwicklung ber menschlichen Kultur... Aber ba liegt bie breifjig Kilometer birfte Schlammschicht bes Urtangmeeres unb sagt in ber Sprache ber Natur: Gebirge bezeugen es, wie um faßbar alt bie Welt, wie groß bie Naturkräfte und wie klein das Menschengeschlecht ist. Fröstelnd blickt man hinaus in bas ferne Blau dieses Ozeans des Einst, der noch immer der Ozean von heute unb bie blaue Dämmerung von morgen ist, unb fühlt sich so erbrütft, baß selbst bas Wissen, bas man von biefen Dingen hat, nur wie ein Mythos erscheint. sch« Antveriitäts-Buch- und Steinbruckerei» A. Lange, Gießen.