Gießener KmnlienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Samstag, den 20. April Nummer 5| Zahrgang <935 i1' der die hals das heiraten Was Was Was Daß Und streust du Licht und wieder Licht, stehst du still und siehst mich an? hat man deiner Hand getan, sie ein rotes Mal durchsticht? sieh, auch deine Füße ... 11 ander,, wirich« ®uten 1 ohnG )renb bts auf bem ' Spezich .ich M 5d)langen, recht ftil Osterfrühe. Von Ruth Schaumann. Der Morgen lebt und tönt doch kaum. Die Berge schwingen wie ein Hauch, Gesegnet steigt wie Tempelrauch Der Amsel Lied vom Birkenbaum, Des Zweige fromm gewahrten Der Hasen Spiel im Garten. Wo bist du Herr, wo ist dein Leib, Den wir gesalbt, den wir gepflegt? Wo hast du ihn mir hingelegt? 0 sieh, ich bin ein armes Weib, Ach, Gärtner, mit dem Spaten, Willst du mich nicht beraten? 0 Herr, daß ich dich grüße! Und lautre Kühle macht mich rein — 1 Was stockt mein Herz, was wehrst du mir? Der aufgeftiegnen Sonne Schein Steht wie ein Schatten hinter dir. Die Amsel singt mit Beben — Du lebst und ich darf leben! be» 3u Der, chnitt. Jlammej °Srük^ '«en Uni) oben Sie lmd doch T Qanjen Es war einmal ein Schustergeselle, ein geschickter Bursch, fchönsten Schuhe zu nähen und zu klapsen wußte. Aber was «lies? Da war nicht genug Arbeit in seiner Stadt, und als er . vollte, konnte und konnte er sich nicht einmal einen Hochzeitsschmaus ersparen. Er ging deshalb trübsinnig norm Tor spazieren, hatte wenig Leder und wenig Nägel und wußte nicht, was er mit seiner Zeit ansangen |»ltte. „Wenn ihr einmal Schuhe zu beschlagen habt", sagte er schließlich zu den raschelnden kleinen Unwesen im Graben unter den Farren, „wenn ihr einmal etwas zu besohlen habt, bringt es mir getrost, ich habe doch Itnb sie piepsten ihm zu, ihr Bruder Schuhmacher sei krank, und jeder ter kleinen Herren hatte daheim etwas zu klopfen und zu nahen und i de der Frauen etwas zu pulsen und zu pochen, zu aurnen und zu fohlen, msch sollte er mitkommen. Aber der Geselle hat solche Angst bekommen, n um R war, nnir» (eunigfe* ,e war. ® ,r die I®1 ■ Feind J sich6 iewehr ' da?" | Sfen"”1 [djlafeff,* mürb'"' 1'ehia- er 2"-' einmal wieber über bas Fensterbrett geklommen, kleine Elwen und Unterirbifche bie schwere Menge, sogar ein bitter Hagemann ist babei gewesen. Haben biesmat auch gleich Rock unb Mantel und Hose für den Schuster mitgebracht. Unb weil es für den zu klein schien und er nach seinen eigenen Sachen greifen wollte, da haben sie ihm blitzschnell alles übergeftreift, und es paßte wie angegossen. Dann mußte er, hast du nicht gesehen, mit in die schönste österliche Nacht hinaus. Das war schon ein buntes Geben da draußen, wie sollte es auch anders sein! Viele Tiere warteten schon aus den Schuster; kleine Katzen wollten neue Pfötchen haben, der Pudel weiße Stiesel, die Wicht« neue Langschäfter und die Elwen wünschten blitzblanken Silberschlag aus den Schuhen — was hatte ber Bursch für seltsame Kunden, und wie eilte er sich, alle zufriedenzustellen. Selbst ein böser Berlocker kam vorbei und hielt ihm hochmütig seinen Huf hin, er solle ihn mit Leder umklopfen. „Hüt dich aber, ein einziges Mal vorbeizuschlagen", drohte der Böse und kicherte in sich hinein — es war wohl zu merken, was er erhoffte. Der Schuster hatte alle Furcht vergessen, er beklopfte auch den Huf mit dreidoppelten Hacken. Bis er jedoch die Rechnung ausgeschrieben hatte, war der feine hohe Herr zum Tanz. Unb alle Tiere und kleinen Unholden waren auch von bannen, sie mochten ben letzten Kunden nicht, und noch keiner hatte dem Mann etwas zum Lohn in die Mütze gelegt. Da kam, es wird wohl gegen Mitternacht gewesen sein, eine schöne Hollentochter des Weges. Aus die hatte der Wald noch gewartet; es klang und sang und flötete und trillerte ihr aus allen Zweigen entgegen, und viele Leute drängten sich schon von weitem und wollten mit ihr tanzen. Wie die Frau aber den Fremden am Rand der Wiese sah, ging sie zuerst auf den zu; mit einem jungen Gesellen hatte sie lange nicht mehr getanzt, der schien ihr besser als alle wartenden holden und unholden Herrn. Der Schuster schaute gerade noch griesgrämig in die leere Mütze; er horchte kaum auf, als bie Waldfrau zu ihm trat. Ob er mit feinem Geschäft nicht zufrieden fei, begann sie. Der Mann schüttelte ärgerlich den Kopf, die Hälfte des Leders, das er bei sich hatte, war schon draufgegangen. Er nahm denn auch kein Blatt vor den Mund und beklagte sich bitter über die Leute, die nicht bezahlt hatten. „Wollen wir doch einmal sehen, ob die nicht bezahlen können", lachte die Hollentochter. Und sie nahm ben Schuster in ben Arm unb tanzte mit ihm runb um bie Wiese, immer von Schatten zu Schatten, wo kein Mond noch doppeltes Licht hineinscheinen konnte. Und alle Herren, die aus einen Tanz mit ihr gewartet hatten unb viele kleine Jungfern folgten eifersüchtig hinterdrein. Aber wie auch ber böse Verlocker mit seinen mannslangen Armen burchs Dunkel griff und beinahe die Tanzenden erreichte — krickkrack, sagte es, und er saß mit dem Huf in einem Fuchseisen. Und niemand durste ihm helfen, ehe er nicht den Beutel gezogen und bie halbe Mütze bes Schustergesellen gefüllt hatte. Als ber Böse nun humpelnd unb schimpfend von bannen gezogen war unb die Musik wieder einsetzte — auf einmal hingen viele Spinnweben im dunklen Gras der Waldwiese. Und alle Elwen, die hinterdrein folgten, zerrissen sich bie Schuhe daran. Als sie jetzt aber zum anbernmal nach dem Gesellen riefen, da besannen sie sich unb hatten alle kleine silberne Geldstückchen zum Lohn bereit — hätte ich nur den großen Schlapphut mitgebracht, dachte der Bursche schon. Auch ber Pudel kam an, er hatte sich schwarze Wolfsmilch über bie juchtenen Stiefel gegossen, unb die Katze hatte sich die Krallen durch die Schuhe gestoßen als der Kater tarn, und ich weiß nicht, was weiter den Leuten an kostspieligen Unfällen int Nu zuaestoßen war. Was hatte der Schuhmacher zu tun! Gut, daß ihm alles wmdschnell von der Hand ging, bas gehörte wohl mit zu solcher Zauberstunde. Und lustig mar es, wie sich ihm die Mütze füllte. Bis an den Rand war es drin gehäuft, unb was noch hinzukam, rollte schier ins Gras zurück. Ab»r am schönsten war es doch, als er zuletzt auch der Hollentochter die herrlichsten Perlen aus Spange und Lasche nähen mußte, so reich, wie er noch nie ein paar Schuhe besetzt hatte. Ja, es gelang ihm so gut, ber Schuh gleifite unb flimmerte, es mußte eine Lust sein, die schöne Frau über die Wiesen zu führen. „Nun dürfe er noch einmal mit ihr tanzen", sagte sie fröhlich, das schien ihr wohl ber höchste Lohn, unb bann müsse er eilig heim, ehe es he» werde. Hm", sagte ber Schustergeselle, schaut« prüfend aus die Schuhe unb überlegte, wieviel bie Arbeit wohl wert sei und was er dafür verlangen könne — ein rechter Gierhahn, der er geworden war. „Gleich bin ich so weit", sagte der Schuster mürrisch und holte seine Mütze. -n ging durch ben Kopf, daß er auch drüben jemand zum Tanzen hatte, unb daß ein Jahr viel länger ist als eine Osternacht. Er hielt also der Hollentochter zuerst die Mütze hin, und alle Leut« fingen 0,1 Mer Re schöne Eitelkeit meinte wohl, ein Tanz mit ihr fei der schönste Lohn auf Erden. Und sie war so erbost über ben unhöflichen Schuster, sie nichts zu tun." . , , , _ 1( . Nun weiß ich nicht, ob er es gleich fo ernst gemeint hat. Das kleine »Olk hat ihn jebenfaUs beim Wort genommen. Abends, wie der Schuster- gcfelle grabe einschlafen will, knistert es vor seinem Fenster; zimperklem unb libellustig kommt einer nach dem andern von draußen heremgehupst, Männchen und Weibchen, und will, daß er mitkommt, um Schuhe zu i räfjen. Aber der Schuster kriegt solche Angst vor dem Spuk, er zieht bie - »ettdecke über ben Kops unb gibt keinen Laut von sich, so viel die Kleinen «uch am Tuch zerren und zupfen. , r In ber nächsten Nacht hat bas Völkchen es leiser begonnen, ftanb schon !ie ganze Kammer voll, als ber Schuster zu seinem Schrecken erwachte. Ang Ihm keinen Gulden, sie brach Ihm nicht eine Perle vom Schuh. S e berührt« ihn nur eben, mit einem zornigen Wort ist der arme Geselle kopfüber und kopfunter in die Stadt zurückgepoltert, er hat gemeint, es ginge mit ihm geradewegs in die Hölle hinein. Er ist gottlob nur bis in feine Kammer und mit dem letzten Satz gerade noch unter die Bettdecke 0e*$lbcr die Mütze hatte er bei aller Angst gegen die Brust gedrückt, kopfüber wie kopfunter. Und die Leute sagen, der Schuster sei die ganze Nacht nicht mehr zum Schlafen gekommen, so eifrig habe er gleich die Münzen zusammenzuzählen begonnen. Und es ist genug Geld sür Heiratsgut und Häuschen zusammen gewesen. Aber viele meinen, ein wenig freundlicher sei doppelt so lohnend für den Schuster gewesen, und ein guter Segen der Hollentochter sei mehr wert als eine Perle vom Schuh, aus die es der Geselle in seiner Gier wohl abgesehen hatte. Osterlegende. Von Hermann Claudius. Herrgott - Vater — in der Osternacht hat er sich heimlich auf den Weg gemacht. Schreitet er über dos Land nach heiligem Brauch. Jesus Christus folgt ihm, Ma^ia auch. Ueber Aecker und Wiesen wallen sie hin. Einer weiß um des andern Weg und Sinn. Und wo die Erde berührt Marias Fuß, öffnen Marienblümchen sich ihr zum Gruß. Und wohin Jesus Christ seine Augen schlägt, es in allen Knospen sich drängt und bewegt. Herrgott - Vater schreitet den Bauernpfad über den Acker. Hinter ihm keimt die Saat. Und fo schreiten sie hin, die heiligen drei, aus daß Acker und Wiese gesegnet sei. Und so schreiten sie hin nach heiligem Brauche Herrgott, Jesus Christ — und Maria auch. Oas Osterwunder in öer Kunst. Von Dr. Friedrich Spree n. Die Auferstehung des Herrn ist in dem großen Drama der Passion das jubelnde Finale, der letzte rauschende Abschluß dieser von tiefem Leiden durchwühlten Menschheitsvision, die die Karwoche darstellt. Wie wir heute noch alljährlich diese unvergleichliche Folge von Erscheinungen durchleben, so haben sie durch die Jahrhunderte Millionen von uns empfunden und mit aller Schönheit, aller Empfindungsfülle, die das arme Menschenherz zu geben vermag, ausgestattet. Kunst, Dichtung und Musik haben geeifert, in diesem erhabenen Stoff ihre innersten Wirkungen zu erschöpfen, und die gleiche selig süße, traurig trostlose Melodie tönt aus Goethes „I a u ft", aus Bachs Passionen und Rembrandts Bildern. Am reichsten aber hat doch die bildende Kunst die Szenen der Oster- gefchichte gestaltet. Nächst dem tragischen Drama der Kreuzigung, das den eigentlichen Grundakkord der christlichen Kunst bildet, hat, sie sich am meisten den Begebnissen der beginnenden Osterzeit und dem verhallenden Nachspiel der Tragödie zugewandt. Seltsamerweise steht in dieser Gruppe der Passionsbilder das eigentliche Osterwunder, die A u s e r ft e h u n g , etwas zurück. Sie ist viel seltener gemalt worden, als etwa die Kreuzabnahme ober die Beweinung oder die Grablegung. Diese drei sog. „Vesperbilder", d. h., die die Vorgänge am Abend nach der Kreuzigung erzählenden Darstellungen, erfreuten sich der höchsten Beliebtheit, boten sie doch dem Maler Gelegenheit, wundervolle Komposiiions- gruppen, reich bewegte Szenen leidenschaftlichen Schmerzes bei der Kreuzabnahme zu zeigen, das tiefste Weh mütterlicher Empfindung in der Pieta darzuftellen und die schwermutsoolle Melancholie, das Zugrabe- tragen aller Menschheitshoffnungen auszudrücken. Die Auferstehung aber ist ein Mysterium, dessen reale Vorgänge der irdische Geist nur ahnen, nur unvollkommen darstellen kann. Hier rührt die Kunst an das Un- erforschliche, an ewige Geheimnisse überirdischen Waltens: die Phantasie des Künstlers wagt sich nur zögernd und tastend an die Sphäre der Ewigkeit, sie verweilt lieber bei den idyllischen Erzählungen von den Dingen, die an jenem herrlichen Frühlingssonntagsmorgen geschahen, da der Herr als Gärtner sich Maria Magdalena zeigte und sie in zarter Demut ihn erkannte, da die heiligen Frauen zum Grabe wallten und Christus auch ihnen erschien. Die älteste christliche Kunst wagt es überhaupt nicht, das Mysterium der Auferstehung mit den endlichen Vorstellungen menschlicher Erfindung wiederzugeben. Erst im 4. Jahrhundert tritt sie dem Stosse näher und schildert zunächst nur die der Auserstehung folgenden Momente: so begnügt sich die Darstellung eines Sarkophags im Latcranmuseum damit, das Grab und die schlafenden Wächter zu zeigen und an die Stelle des Auferstehenden das in der frühchristlichen Kunst allgemein übliche Monogramm Christi mit dem Kreuz zu setzen. Eins der Oelfläschchen in Monza zeigt den Engel, der das leere Grab bewacht, und die heiligen Frauen, die es besuchen. Darüber halten schwebende Engel das Kreuz. Nur leise und ehrfurchtsvoll angedeutet wurde das Wunder durch solche Schilderungen. Es bedurfte der Entwicklung langer Jahrhunderte, bis die Menschen boA Unfaßbare zu gestalten versuchten, bis bie Kunst so weit heran- Ömar, um die formalen Probleme dieses Stoffes zu bewältigen. DI« inft hatte bereits den heiligen Vorgang besungen. Die im 11. Jahr, hundert der Liturgie eingereihte Sequenz „Victimae paschah" bot manche ^deutlichen Bilder und prägte sich der Phantasie ein. 3m .12. 3ach» hundert sang der tief empfindende Adam von St. Victor fern schönes Osterlied von den 3ubelchören, die den Herland begrüßen. Man Ireh nun das Brustbild des Herrn auf dem Grabe thronen und ging ans den prachtvollen Schmelzmalereien des Kölner Albinusschrecns vom Ende des 12. Jahrhunderts schon zu einer noch unfertigen Schckd» runq des in verklärter Schöne aufschwebenden Heilandes über. Doch das bleibt noch auf lange eine seltene Kühnheit. Die Merster jener ersten künstlerischen Blütezeit, die man die .byzantinische Renaissance genannt hat, stellen alle nur das geöffnete Felsengrab dar, ans dem nach den Vorfchristen des Malerbuches vom Athos der Herland her» ansschreitet, und deuteten das soeben geschehene Wunder durch erne innige Geste des davor sitzenden Engels an, der voN ernster Scheu auf die leere Höhle hinweist. Das Meisterwerk am Ende dieser byzantinischen Entwicklung ist D u c c i o s Gemälde in Siena, auf dem mitten in der felsigen Oed« der Engel majestätisch feierlich auf dem erbrochenen Grabe thront und mit großer würdiger Gebärd« den scheu nach ihm blickenden Frauen die Auferstehung verkündet. Ein wundersamer Schauer der Ehrfurcht vor dem Ramenlosen, geheimnisvoll Ewigen liegt über dieses Bild gebreitetI Unterdessen kam ein mächtiger Antrieb zur realistisch anschaulichen Darstellung des Auferstehungsmotivs aus den Passionsspielen in die Kunst. Auch die O st e r s p i e le stellten zunächst die Begegnung der Frauen mit dem Engel in den Vordergrund. Wir finixm diese Szene schon in einer St. Gallener Handschrift des 10. Jahrhunderts ausgeführt. Gar bald drängen sich komische Elemente dazwischen Reben dem Salbenkrämer Rubin, der Maria Magdalena die Schminke verkauft, werden die vier „Ritter" näher charakterisiert, die am Grabe itzes Herrn wachen sollen 3hre Schläfrigkeit muh mit ein Paar Worten motiviert werden: einer ist besonders dumm, was zu spaßhaften Szenen Anlaß gibt: ihre Verwunderung und Wut über das Verschwinden der Leich« äußern sich in burlesker Weise; sie beschuldigen sich gegenseitig der Unachtsamkeit und des Diebstahls, geraten in Streik, und schließlich endet ihr Auftreten in wüster Prügelei. Anderseits erschien Christus früh in diesen auf großes Gepräge bedachten Schaustellungen in voller Herrlichkeit, hoch über das Grab herausragend, in glänzenden Prachtgewanden, als Besieger von Tod und Hölle, mit der Kreuzesfahne in der Hand. Solche eindrucksvolle Bilder mußten die Phantasie der Künstler gefangen nehmen. Die über dem Grab schwebende Triumphgeftalt des Heilandes, die darunter schlafenden Wächter, zuerst nur vereinzelt in kleineren Erz- und Elfenbeinreliefs dargestellt, werden immer häufiger und allmählich notwendige Bestandteile des Motivs. Giotto hat in iber Arena-Kapelle zu Padua noch das leere Grab und den darauf hinweisenden Engel, verbunden mit der leidenschaftlich«, ergreifenden Szene der begierig die Hände nach dem Heiland ausstreckenden Magdalena. Daneben aber wendet er den schlafenden Wächtern seine besondere Aufmerksamkeit zu, die er in den verschiedenartigsten Stellungen, lang ausgestreckt mit gelösten Gliedern, hockend in einem fast krampfigen Schlaf, mit stumpf müdem Ausdruck in leisem Schlummer den Kopf hintübergebeugt, schildert, mit einer deutlichen Lust an der genauen Beobachtung schlafender Personen. Christus erscheint dann, in der Mandorla über dem offenen Grabe sitzend, den Kreuzesstab in der Hand, in einem dem Simone Martini nahestehenden sienesischen Bilde. Diese Auffassung erhält ihre vollkommenste Ausprägung in dem großen Auserstehungsbilde der spanischen Kapelle in St. Maria Novella zu Florenz. Tief unten die schlafend ausgestreckten und aufgestühten Wächter; das offen« Grab von zwei grohssügligen Engeln bewacht; aus der leicht angedeuteten Landschaft treten die heiligen Frauen heraus, während auf der anderen Seite Christus in einem baumreichen Garten der Magdalena erscheint. Ueber dem allem schwebt hoch, still und schön die Gestalt des Herrn, in der einen Hand einen Palmenzweig, in der anderen die flatternde Siegesfahne. Die über dem Grabe schwebende Gestalt, deren formale Gestaltung schon vorher in den Himmelfahrts- und Verklärungs» bildern Christi erfolgt war, genügte aber dem Realismus des jüngeren Geschlechtes nicht. Sie wollten den aus dem Grabe steigenden Heiland geben, den Augenblick der Auferstehung selbst schildern Riccolo M Pietro ©erini stellt so den lockenumwallten Tod^s- überwinder dar, der, die Hand hoch erhoben, den einen mit dem Ragelmale geschmückten Fuß fest aus den Rand des Sarkophages setzt, um den anderen Fuß nachzuziehen uird herabzuspringen. Taddeo Bartoli setzt das Grab in eine öde düster« Felsenlandschaft. 3n tiefem schweren Schlummer sind die Wächter zusammengekauert und monumental hingelagert. Aus dem wie ein dunkler Rachen breit aufklaffenden Sarge aber steigt eine massige, das lange Totengewand hinter sich herschleppende Gestalt, abgezehrt, bleich, von wirrem Haar und Bart gespenstisch das ernste Gesicht umrahmt, in den großen starren Augen die Schauer des Todes, von Grabesluft umwittert und doch in einem unheimlich glühenden Lichte leuchtend- 3n diesem großartigen Bilde ist die Rote bereits angeschlagen, die die Kunst des Quattrocento immer realistischer ausgestaltete. 3n der germanischen Kunst dagegen waltet eine idyllische Stimmung. Christus ist hier mehr der Frühlingsgott; in weiter Landschaft liegt ein Grab, und unter Dlumengewinden und grünen Bäumen tritt er langsam, lieblich strahlend aus dem Sarg heraus, — bei M e m l i n g, Schongauer, Dürer. So war in der älteren Kunst das Osterwunder in feiner ganzen Gefühls- und Gestaltenfülle allmählich erfaßt worden und der Boden geschaffen, aus dem die erhabensten Gestaltungen dieses Themas in der Hochrenaissance, im Barock und bei Rembrandt erwuchsen. für meinen „ folgte euch. Ich sah, wie i , war alles aus, das Ei blieb liegen. 3,,l9en. fc " 11-j vOfo, .®«n litt 6 9tng ^nz bot Schild, über. 5U nster jene fflaiffantc t, aus edanb fo durch ei, Oer Sch«. Uib« bjeid 5 auf H auf btt stark bc unbet Li, geheimi» ""F?au S°biüe"wutzte nicht, ^ob sie Rührung °der Mi.leid zeige^und vor allem wie sie den Jungmüdchcnstolz in ihrem 3r°ue h 3 nMjauIifa sfpieli! Degegum, inben bi* chrhunkiö kzwifA ie vchaiß : am Sich ein l» s zu sich t über bii fe; sie ie ÄebftM in teufe auf grofti hoch üb« tfö ÄcsW mb. :r gefragt ! §eilanbs in kleinen' iufiger uii to hat i kn km' trgrziftnbc sstreckend« 1 MOa knartizp nd in eines in leis» r KuiW n. Chrij«- rabe W Marti» t ihre » k der p ; unten üj offene 0t» ingcbeukl« nb auf » fflagba» die -er antwf 2 Gesta« [ärungi' ilisinus &■ x W"? ft f^®S 'rfs Ts Äs W’J 5 sKl.1' Das rote Osterei. Don Per Schwenzen. Es war ein sonniger Ostermorgen, ja wirklich, die Sonne bekannte sich schon voll zum Frühling und der gepflegte Park leuchtete schon in mailichen Farben. Die Kinder tollten mit freudigem und aufgeregtem Zuruf über den kurzen Rasen, kletterten auf Leitern und Gartentischen herum, um die Regenrinne des Geratehäuschens zu untersuchen, durchsorschten die Höhlungen und Winkel im Grottengestein und der kleine Horst war soeben in der Hundehütte verschwunden. Sie suchten Ostereier. Die Mutter leitete mit verheißenden und warnenden Rufen die Eierjagd: „Warm — kalt — warm — heiß — ganz heiß!" und unter Jubelgeschrei hielt eine Kinderhand ein buntes Etwas in die Höhe! Bon der Veranda verfolgte der Vater und Gatte, Professor Wendler, das Spiel und mit ihm sein Mitarbeiter und Freund Dr. Holm. Dr. Holm verfolgte Überhaupt alles, was Professor Wendler dachte, sagte, tat oder unterlieh. Er war ein idealer Freund und Mitarbeiter. Nur als Wendler damals geheiratet hatte, schien Holm nicht einverstanden. Mochte er nun Angst gehabt haben, daß Wendler durch Frau und Familie von der gemeinsamen Forschungsarbeit abgeleitet werde, oder mochte er ein Wei- berseind schlechthin sein — Wendler hatte das nicht näher untersucht. Außerdem war Holm ja gleich nach seinem Physikum lange im Ausland gewesen, und vielleicht hatte er dort seltsame Erlebnisse gehabt, die ihn verwirrt haben mochten. Sonst — soweit Professor Wendler in den vielen Jahren der Zusammenarbeit zu beobachten Gelegenheit hatte — ronr Dr Holm ein fleißiger, ernster, Vorurteils- und leidenschaftsloser Mann. Außerdem hatte er eigentlich allen Grund, sich über seine, Wendlers, Heirat mit der schönen Sabine Harmer, zu freuen. Denn der alte fierr Harmer, der ihnen damals als Studenten fein gastliches Haus geöffnet hatte, hinterließ eine stattliche Erbschaft. Sabine brachte dieses Vermögen in eine glückliche Ehe und somit ihm und seinem Freunde Holm erst die Möglichkeit, ihre wissenschaftlichen Ziele zu verfolgen. Das alles schien Holm offenbar ein Frauenverächter von Natur, allmählich auch richtig zu bewerten, denn in letzter Zeit war es ihm sogar gelungen, einen unbefangenen und herzlichen Ton Sabine gegenüber zu finöen. Nett, diese kindliche Spielerei, nicht wahr, Holm? — „Reizend. Latz uns" in den Garten hinunter gehen. Auch ich habe ein Ei versteckt. — „Ich weiß, Holm, für die Kinder. Sehr lieb von dir. „Nem, Holm, nicht für die Kinder, für Frau Sabine, komm." «rau Sabine muß ein Osterei suchen. Die Kinder jubeln, daß die Mutter genau so dumm ist wie ein Kind, das nicht weiß, wo ein Ci steckt. „Kalt — warm — heiß — kalt — warm - heiß — ganz heiß — glühend heiß!" ruft Onkel Holm. Und auf einmal wird es also brennend heiß, daß man es schon beinahe schmecken, riechen und Horen kann wo das Osterei liegen muh, nur sehen kann man es noch mchll Onkel Holm muß -lange rufen, bis er sie fo weit hingelotjt hat — da endlich — hinter der Putte in der Nische des Pavillons, sehr hoch und geradezu gemein versteckt, sindek die Mutter ein festes, rotes El. Es ist ziemlich groß und aus Holz. Es ist von einer verwaschenen, schmuHlg-roten Farbe. Sie kann es aufschrauben. Was mag darinnen liegen? Große Spannung. Was ist das? Die Mutter ist ja so komisch...? Frau Wendler hat ein Etm aus dem Ei genommen. In dem Etui liegt em Ring mit einem Siem. Und ein Zettel, er sieht vergilbt aus. Wie sie ihn liest, macht sie fast erschrockene Augen, blickt hilflos umher, tritt dann an ihren Mann und flüstert ihm CtroDer3üeft setzt auch den Zettel, dann schickt er die Kinder ms Haus. Sagt zu Holm' „Hör mal, lieber alter Freund, bist du eigentlich uber- geschnappt^" Der aber lacht und sagt; er wäre nicht ubergeschnappt und Wendler möge gefälligst den Text des Zettels laut lesen. Das will er nicht aber Holm zwingt ihn lachend dazu, bis auch 5rau ?odme lacht unb es befiehlt Da rückt der Professor an der Goldbrille und liest: „Liebe, ön eb'etet7Lbine° Nimm dkfen^Ring und mein Herz für, immer zum Fruhlingsseste unseres Lebens! Ich hebe dich! Dem Ernst. Hier ist z |,s'nBÄiTÄ unb was dieser Ring?" Holm nimmt seinem Freund den vergilbten fcg* ä ä echten Liebeserklärung vor zwanzig Jahren hinterdiese Putte Das wollten die Eheleute nicht glauben, Frau Sabine Uetz hren1 Mann WWES-SSLM srLSchMLMi-fs SÄ"‘. «I.‘'S™.-" I». Sn- M. « »WIM> ii-d-n, 3.1=1 l*n auslachen könne. Aber Sabine hatte 3°» ,-m Ohr für Mich chn.ern nur - ■ Freund Wendler. Ich starb alle Tode d r E serfuch unb ver - - - ■ ihr euch hinter dem Geratehauschen kutzter. Da lieb liegen. Bis $eutc. Ich hatte es spater ganz kämpfen sollte. „Und warum, lieber Holm, fiel Ihnen das fjnifc wieder ein, nachdem dieses Geschenk wunderlicherweise zwanzig Jahre verborgen hier harrte? — „Es gibt Dinge im Leben, die müssen ihr Ende finden. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, diese hoffnungslose Liebe sand viele Jahre kein Ende, obwohl ich das bunte Ei hinter der Putte vergessen hatte." — „Und wie kamen Sie jetzt darauf?" „Das will ich Ihnen jagen, Frau Sabine. Mir fiel der Ring vor ein paar Tagen ein — als ich Ringe kaufte. Da muhte ich Sabine erst das Pfand meiner unglücklichen Liebe finden lassen, ehe ich ein Pfand meiner glücklichen Liebe vergebe. Ich werde mich heute verloben. Meine Braut kommt mit dem Nachmittagszug aus Hamburg. Ich habe sie im Ausland kennen Siehst du, Holm", rief der Professor, „alter Schwindler, ich habe doch immer gesagt, daß dir im Ausland etwas Fürchterliches zugestoßen fei! Ich gratuliere! Ich wünsche echte Ringe und echte Liebe! Sabine, das war ein Osterei!" Das Fähnlein der sieben Aufrechten. Novelle von Gottfried Keller. (Fortsetzung.) Als der Verhöbnte sah, daß mit dem fröhlichen Paare nichts anzufangen fei, zog er feine Schreibiasel hervor und schrieb ihre Namen auf. Nun traf es sich zum Unglück, daß er gerade in einem von Ruckstuhls Hausern wohnte und, da eben Ostern vorüber war, den Mietzins noch nicht bezahlt hatte sei es weil er nicht bei Geld war ober weil er des Dienstes wegen die Sache versäumt. Kurz, Ruckstuhls Genius verfiel urplötzlich auf diesen Gegenstand, und er stotterte lachend, indem er gegen den Offizier torkelte. „Bezahlen — zahlen Sie zuerst Ihre Schu — Schulden, Herr Leutnant, e — eh Sie di — die Leute auffdjrcibcn — schreiben! Wissen Sie wohl? Spörri aber lachte noch lauter, schwankte und krebste rückwärts mit dem Kopfe wackelnd, und fistelte: „Be — be, be be — zahlen Sie Ihre Schulden, Herr Leutnant, da — da das ist gu — gut gesagt, gut gesagt. „Stehen vier Mann auf", sagte jener ruhig, „und führen die Arrestanten auf die Wache! man soll sie augenblicklich scharf einfperren, in drei Tagen wollen wir vorläufig fehen, ob sie ausgefchlafen haben. Werft ihnen die Mäntel über und gebt ihnen die Hofen auf den Zirm. ^Sie Ho Ho Ho - die Ho - Hofen", schrie Ruckstuhl, „die brauchen wir;' da — da da fällt noch wa — wa — was raus, wenn man sie Ra — ra raus, wenn man sie fch — schüttelt, Herr Leutnant! wiederholte Spörri und beide schwangen die Beinkleider herum, datz die Taler darin erklangen. So zogen sie mit ihrer Begleitung lachend und lärmend durch die Gänge, die Treppe hinunter und verschwanden bald in einem kellerartigen Raume des Erdgeschosses, worauf es fülle mU2[m folgenden Mittag wurde bei Meister Frymann der Tisch ungewöhnlich reich gedeckt. Hermine füllte die geschlissenen Flaschen mit Sechsundvierziger, stellte die glänzenden Gläser neben die Teller, legte schöne Servietten darauf und zerschnitt ein frisches Brot aus der Backerei zur Henne, wo ein altherkömmliches Gastbrot gebacken wurde dos Entzücken aller Kinder und Kaffeeschwestern von Zurich. Auch schickte sie einen sonntäglich geputzten Lehrling zum Pastetenbeck die Maeearoni- pnftete und den' Kaffeekuchen zu holen, und endlich stellte sie auf einem Seitentischchen den Nachtisch zurecht, die Wi uni) Dffleten, das Gleichschwer und die Psafsenmümpfel oder den Gugelhupf. Frymann, der durch die schöne Sonntagsluft angenehm erregt war, entnahm aus diesem Eifer, daß die Tochter feinen Plänen keinen ernstlichen Widerstand leisten wolle, und er sagte vergnügt zu sich selbst: „So sind sie alle. Sobald eine annehmbare und bestimmte Gelegenheit „an sie herantritt, so machen sie kurz ab und nehmen sie beim Schopf!" Nach alter Sitte war Herr Ruckstuhl auf Punkt Zwölf geladen. Als er ein Viertel nach Zwölf nicht da war, sagte Frymann: „W,r wollen essen; man muß den Musjö beizeiten an Ordnung, gewöhnen! Und als er nach der Suppe immer noch nicht kam, rief der Meister die Lehrlinge und die Magd herbei, welche heut allein essen sollten und teilweise schon fertig waren, und sagte zu ihnen: „Da eßt noch mit, wir wollen bas Zeug nicht angaffen. Haut zu und laßt es euch schmecken, wer nicht kommt zur rechten Zeit, der soll haben, was übrig bleibt! Das ließen sich die nicht zweimal sagen und waren fröhlich und guter Dinge, und Hermine war am aufgewecktesten und empfand um so besseren Appetit, je verdrießlicher und unluftiger der Baker wurde. „Das scheint ein flegel zu fein!" brummte er vor sich hm; sie horte es aber unb sagte: „Gewiß hat er keinen Urlaub bekommen, man muß ihn nicht voreilig verurteilen!" „Was Urlaub! Verteibigst du ihn schon? Wie wird der keinen Urlaub bekommen, wenn es ihm darum zu tun ist? Aeußerst unmutig beendigte er die Mahlzeit und ging sogleich unb qeqen seine Gewohnheit auf ein Kaffeehaus, nur um sich nicht mehr von bem nachlässigen Freier antreffen zu lassen, wenn er endlich tarne. Gegen vier Uh? kehrte er, statt wie gewohnt seine Sonntagsgestllscha t, die: sieben Männer, auszusuchen, nochmals zuruck, neugierig, ob Ruckstuhl sich nicht gezeigt habe? Als er durch den Garten kam, sah Frau Hediger mit Herminen da es ein warmer Frühlingstag war, im Gartenhaus und si? ttanken den Kaffee und aßen die Pfaffenmümpfel und den Gugelhupf und fchienen sehr aufgeräumt. Er begrüßte die Frau, und obgleich ihr Anblick ihn wurmte, frug er sie sogleich, ob sie nichts aus der Kaserne mühte, und ob vielleicht die Schützen einen gemeinsamen Ausflug 9em°3(h glaube nicht", sagte Frau Hediger, „am Morgen sind sie in der Kirche gewesen und nachher ist Karl zum Essen zu uns gekommen, wir hatten Schafbraten, und den läßt er nie im Stich! „Hat er nichts von Herrn Ruckstuhl gejagt, wo der hm fei? ' „Von Herrn Ruckstuhl? Ja, der sitzt mit noch einem km scharfen Arrest, weil er einen schrecklichen Rausch trank und sich gegen die Vorgesetzten verging; es soll eine große Komödie gewesen sein." „Hol' ihn der Teufel!" sagte Frymann und ging stracks hinweg. Eine halbe Stunde später sagte er zu Hediger: „Nun hockt deine Frau bei meiner Tochter im Garten und freut sich mit ihr, daß mir em Heirats- projekt gescheitert ist." , „ . „ . „Warum jagst du sie nicht fort? Warum hast du sie nicht an- O^^Wie kann ich, da wir in alter Freundschaft stehen? Siehst du, so verwirren uns diese verdammten Geschichten jetzt schon die Verhältnisse! Darum festgeblieben! Nichts von Schwäherschaft!" „Nichts von Gegenschwäher!" bekräftigte Hediger und schüttelte seinem Freunde die Hand. Der Juli und das Schützenfest von 1849 standen nun vor der Türe, es dauerte kaum noch vierzehn Tage bis dahin. Die sieben Männer hielten wieder eine Sitzung; denn Becher und Fahne waren fertig und wurden vorgezeigt und für recht befunden. Die Fahne ragte in der Stube aufgepslanzt und in ihrem Schatten erhob sich nun die schwierigste Verhandlung, welche die Aufrechten je bewegt. Denn plötzlich stellte sich die Wahrheit heraus, daß zu einer Fahne ein Sprecher gehöre, wenn man mit derselben aufziehen wolle, und die Wahl dieses Sprechers war es, die das siebenbemannte Schifflein fast hätte stranden lassen. Dreimal wurde die ganze Mannschaft durchgewählt, und dreimal lehnte sie es der Reihe nach des entschiedensten ab. Alle waren erbost, daß keiner sich unterziehen wollte, und jeder war erzürnt, daß man gerade ihm die Last aufbürdete und das Unerhörte zumutete. So eifrig sich andere Herbeidrängen, wo es gilt, das Maul aufzusperren und sich hören zu lassen, so scheu wichen diese vor der Gelegenheit zurück, öffentlich zu reden, und jeder berief sich aus sein Ungeschick und darauf, daß er es noch nie in seinem Leben getan und weder tue noch tun werde. Denn sie hielten noch das Reden für eine ehrwürdige Kunst, die ebensoviel Talent als Studium verlange, und sie hegten noch eine rückhaltlose und ehrliche Achtung vor guten Rednern, die sie zu rühren wußten, und nahmen alles für ausgemacht und heilig, was ein solcher sagte. Sie unterschieden diese Redner scharf von sich selbst und legten sich dabei das Verdienst des aufmerksamen Zuhörens, der gewissenhaften Erwägung, Zustimmung oder Verwerfung bei, welches ihnen eine hinlänglich rühmliche Ausgabe schien. Als nun auf dem Wege der Abstimmung kein Sprecher erhältlich war, entstand ein Tumult und allgemeiner Lärm, in welchem jeder den andern zu überzeugen suchte, daß er sich opfern müsse. Besonders hatten sie es auf Hediger und Frymann abgesehen und drangen auf sie ein. Die wehrten sich aber gewaltig und schoben es einer auf den andern, bis Frymann Stille gebot und sagte: „Ihr Mannen! Wir haben eine Gedankenlosigkeit begangen und müssen nun einsehen, daß wir am Ende unsere Fahne lieber zu Hause lassen, und so wollen wir uns kurz dazu entschließen und ohne alles Aufsehen das Fest besuchen!" Eine große Niedergeschlagenheit folgte diesen Worten. „Er hat recht", sagte Küfer, der Silberschmied. „Es wird uns nichts anderes übrig bleiben", Syfrig, der Pflugmacher. Doch Bürgi rief: „Es geht nicht! Schon kennt man unser Vorhaben und daß die Fahne gemacht ist. Wenn wir's unterlassen, so gibt es eine Kalendergeschichte." „Das ist auch wahr", bemerkte Erismann, der Wirt, „und die Zöpfe, unsere alten Widersacher, werden den Spaß handlich genug ausbeuten." Ein Schrecken durchrieselte die alten Gebeine bei dieser Vorstellung, und die Gesellschaft drang aufs neue in die beiden begabtesten Mitglieder; die wehrten sich abermals und drohten am Ende sich zurückzuziehen. ,Hch bin ein schlichter Zimmermann und werde mich niemals dem Gespötte aussetzen!" rief Frymann, wogegen Hediger einwarf: „Wie soll erst ich armer Schneider es tun? Ich würde euch alle lächerlich machen und mir selbst schaden ohne allen Zweck. Ich schlage vor, daß einer von den Wirten angehalten werden soll, die sind noch am meisten an die Menge gewöhnt!" Die verwahrten sich aber aufs heftigste, und Pfister schlug den Schreiner vor, der ein Spaßvogel sei. „Was Spaßvogel?" schrie Bürgi, „ist das etwa ein Spaß, einen eidgenössischen Festpräsidenten anzureden vor tausend Menschen?" — Ein allgemeiner Seufzer beantwortete diesen Ausspruch, der das Schwierige der Aufgabe aufs neue vor die Augen stellte. Es entstand nun allmählich ein Hinaus- und Hineinlaufen und ein Gemunkel in den Ecken. Frymann und Hediger blieben allein am Tische sitzen und sahen sinster drein, denn sie merkten, daß es ihnen am Ende doch wieder an den Kragen ging. Endlich, als alle wieder beisammen waren, trat Bürgi vor jene hin und sprach: „Ihr zwee Mannen, Chäpper und Daniel! Ihr habt beide so oft zu unserer Zufriedenheit unter uns gesprochen, daß jeder von euch, wenn er nur will, recht gut eine kurze, öffentliche Anrede halten kann. Es ist der Beschluß der Gesellschaft, daß ihr unter euch das Los zieht, und damit Basta! Ihr werdet euch der Mehrheit fügen zwei gegen fünf!" Ein neuer Lärm bekräftigte diese Worte; die Angeredeten sahen sich an und fügten sich kleinmütig endlich dem Beschlüsse, aber nicht ohne die Hoffnung eines jeden, daß das bittere Los dem andern zufallen werde. Cs fiel auf Frymann, welcher zum ersten Male mit schwerem Herzen die Versammlung der Freiheitsliebenden verließ, während Hediger sich entzückt die Hände rieb; so rücksichtslos macht die Selbstsucht die ältesten Freunde. Frymanns Freude auf das Fest war ihm nun dahingenommen und seine Tage verdunkelten sich. Jeden Augenblick dachte er an die Rede, ohne daß sich der mindeste Gedanke gestalten wollte, weil er ihn weit in der Ferne herum suchte, anstatt das Nächste zu ergreifen und zu tun, als ob er nur bei seinen Freunden wäre. Die Worte, welche er Unter diesen zu sprechen pflegte, erschienen Ihm als Geschwätz, Und er grübelte nach etwas Absonderlichere und Hochtrabendem herum, nach einem politischen Manifest, und zwar nicht aus Eitelkeit, sondern aus bitterem Pslichtgefühl. Endlich fing er an, ein Blatt Papier zu beschrei- ben, nicht ohne viele Unterbrechungen, Seufzer und Flüche. Er brachte mit saurer Mühe zwei Seiten zu stände, obgleich er nur wenige Zeilen hatte abfassen wollen; denn er konnte den Schluß nicht finden, und die vertrackten Phrasen hingen sich aneinander wie harzige Kletten und wollten den Schreiber nicht aus ihrem zähen Wirrsal entlassen. Das zusammengefaltete Papierchen in der Westentasche, ging er bekümmert seinen Geschäften nach, stand zuweilen hinter einem Schuppen, las es wieder und schüttelte den Kops. Zuletzt anvertraute er sich seiner Tochter und trug ihr den Entwurf vor, um die Wirkung zu beobachten. Die Rede war eine Anhäufung von Donnerworten gegen Jesuiten und Aristokraten, und dazwischen waren die Ausdrücke Freiheit, Menschenrecht, Knechtschaft und Verdummung und dergleichen reichlich gespickt, kurz es war eine bittere und geschraubte Kriegserklärung, in welcher von den Alten und ihrem Fähnlein keine Rede war, und dazu verworren und ungeschickt gegeben, während er sonst mündlich wohlgesetzt und richtig zu sprechen verstand. mal also." „Hier steckt eben der Teufel!" rief er, nahm ihr das Papier aus der Hand und zerriß es in hundert Stücke. „Fertig!" sagte er, „es geht nicht, ich will nicht der Narr fein!" Doch Hermine riet ihm nun, überhaupt gar nichts zu schreiben, es daraus ankommen zu lassen und erst eine Stunde vor dem Aufzug einen Gedanken zu fassen und denselben dann frisch von der Leber weg auszusprechen, wie wenn er zu Hause wäre. „Das wird das beste sein", erwiderte er, „wenn's dann fehlt, so habe ich wenigstens keine falschen Ansprüche gemacht!" Hermine sagte, die Rede sei sehr kräftig, doch scheine ihr dieselbe etwas verspätet, da die Jesuiten und Aristokraten für einmal besiegt seien, und sie glaube, eine heitere und vergnügte Kundgebung wäre besser angebracht, da man zufrieden und glücklich fei. Frymann stutzte etwas, und obgleich die Schärfe der Leidenschaft in ihm, als einem Alten, noch stark genug war, so sagte er doch, sich an der Nase zupfend: „Du magst recht haben, verstehst es aber doch nicht ganz. Man muß kräfig auftreten in der Oefsentlichkeit und tüchtig aufsetzen, sozusagen wie die Theatermaler, deren Arbeit in der Nähe ein grobes Geschmier ist. Dennoch läßt sich vielleicht hie und da etwa» mildern." „Das wird gut sein", fuhr Hermine fort, „da so viele .also' vorkommen. Zeig' einmal! Siehst du, fast jede zweite Zeile steht ein» Dennoch konnte er nicht umhin, den bewußten Gedanken schon jetzt fortwährend aufzustören und anzubohren, ohne daß er sich entwickeln wollte; er ging zerstreut und sorgenvoll herum, und Hermine beobachtete ihn mit großem Wohlgefallen. Unversehens war die Festwoche angebrochen und in der Mitte derselben fuhren die Sieben in einem eigenen Omnibus mit vier Pferden vor Tagesanbruch nach Aarau. Die neue Fahne flatterte glänzend vom Bocke; in der grünen Seide schimmerten die Worte: „Freundschaft in der Freiheit!" und alle die Alten waren vergnügt und luftig, spaßhaft und ernsthaft durcheinander, und nur Frymann zeigte ein gedrücktes und verdächtiges Aussehen. Hermine befand sich schon in Aarau in einem befreundeten Haufe, da ihr Vater sie für musterhaft geführte Wirtschaft dadurch zu belohnen pflegte, daß er sie an allen feinen Fahrten teilnehmen ließ; und schon mehr als einmal hate sie als ein rosiges Hyazinthchen den fröhlichen Kreis der Alten geziert. Auch Karl war schon dort; obschon durch die Militärschule seine Zeit und seine Gelder genugsam in Anspruch genommen worden, so war er doch auf Herminens Aufforderung zu Fuß hin- marschiert und hatte merkwürdigerweise ganz in ihrer Nähe ein Quartier gefunden; denn sie mußten ihrer Angelegenheit obliegen, und man konnte nicht wissen, ob das Fest nicht günstig zu benutzen wäre. Gelegentlich wollte er auch schießen und führte nach seinen Mitteln fünfundzwanzig Schüsse bei sich; die wollte er versenden und nicht mehr noch weniger. Er hatte die Ankunft der sieben Aufrechten bald ausgespürt und folgte ihnen in der Entfernung, als sie mit ihrem Fähnlein eng« geschlossen nach dem Festplatze zogen. Es war der besuchteste Tag der Woche, die Straßen von ab- und zuströmendem Volke im Sonntags« gewande bedeckt; große und kleine Schützenvereine zogen mit und ohne Musik daher; aber so klein war keiner, wie derjenige der sieden. Sie mußten sich durch bas' Gedränge winden, marschierten aber nichtsdestoweniger mit kleinen Schritten im Takt und hielten die Arme stramm mit geschlossenen Fäusten. Frymann trug die Fahne voran mit einem Gesicht, als ob er zur Hinrichtung geführt würde. Zuweilen sah er sich nach allen Seiten um, ob kein Entrinnen wäre; aber seine Gesellen, froh, daß sie nicht in feinen Schuhen gingen, ermunterten ihn und riefen ihm kraftvolle Kernworte zu. Schon näherten sie sich dem Festplatze; das knatternde Schützenfeuer tönte schon nah in die Ohren, und hoch in der Lust wehte die eidgenössische Schützenfahne in sonniger Einsamkeit, und ihre Seide strasste sich bald zitternd aus nach allen vier Ecken, bald schlug sie anmutige Schnippchen über das Volk hin, bald hing sie einen Augenblick scheinheilig an der Stange nieder, kurz, sie trieb alle die Kurzweil, die einer Fahne während acht langen Tagen einfallen kann; doch ihr Anblick gab dem Träger des grünen Fähnleins einen Stich ins Herz. Karl hatte, indem er die luftige Fahne wehen fah und sie einen Augenblick betrachtete, den kleinen Zug plötzlich aus dem Gesichte verloren, und als er ihn mit den Augen suchte, konnte er ihn nirgends mehr entdecken; es war, als ob ihn die Erde verschlungen hätte. Rasch drängte er sich hin und wieder bis zum Eingänge des Platzes und Übersah diesen; kein grünes Fähnlein tauchte aus dem Gewühl. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'scheUniversitäts-Duch« und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.