SießeimZainilienblätter ________Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1955 Montag, den 19. August Nummer 6< Seine Kraft war in ihm mächtig Gin händd-Roman von Cm st 9Iurm Copyright 1935 by Deutsche Verlags-Mnotalt, Stuttgart und Berlin (9. Fortsetzung.) In dieser Zeit erhielt Händel die Nachricht vom Tode seiner Mutter. Gebeugt vom Schmerz, allein, erschöpft, suchte er nach einem Menschen. Jene Choristin, Susanna Arne, welche ihm Liebe schenken wollte, war nicht mehr der zweiten Opernakademie beigetreten. Händel hatte sie im Arbeitsfieber vergessen. Jetzt dachte er traurig an sie und ließ nach ihr suchen. Aber man fand sie nicht. Niemand in der Straße, wo sie gewohnt hatte, wußte mehr ihren Namen... 5. Kapitel. M a n l a. In dieser Zeit gab sich Händel einen künstlichen Auftrieb, der dem eines Fanatikers glich und nicht vom Zorne des starken Herzens gespeist wurde, sondern vom unversöhnlichen Hasse. Das Verzeihen, das hinter allen Grobheiten des Riesen sein Leben lang stand, blieb diesmal aus, und er glaubte nicht das Feld räumen zu dürfen vor Menschen, an die er nur mit zusammengebissenen Zähnen denken konnte. Ja, er wollte sie schlagen und vernichten. Und Unheil kam mit dem bösen Vorsatz über seine Seele, die Kraft versagte ihm, er lernte das beschämende Nackenbeugen, und düster wurde sein Sinn. Nachdem es keine Royal Academy mehr gab, übernahm Händel auf eigene Faust das Haymarkettheater. Zwar hatte er weiterhin Heidegger neben sich, da dieser Pächter der Oper war, aber nun ließ sich Händel nichts mehr dreinreden. Er ging mit kalter Wut daran, sich wieder eine Truppe zu schaffen, scheute zu diesem Zweck sogar die Mühen einer Ueberfahrt nicht und — beging drüben den ersten Fehler. Er hatte die Wohl zwischen zwei männlichen Sängern und entschied sich für den geringeren, den in Spätblüte stehenden Carastini. Fahren ließ er den neuen Gott des Gesanges, den umjubelten Farinelli. Händel haßte in seinem Innern diese ganz Großen so sehr, daß er sich vornahm, ohne sie seine Oper durchzubringen. Seltsam wurde die Wiederbegegnung mit der Dura- stante, die er einst neben der Bordoni nicht halten konnte. Sie war eine zweite Größe geblieben und ging gerne wieder nach London mit. Händel gewann Zuversicht, als er auch noch die Schwestern Maria und Rosa Negri und den Sopransänger Scalzi verpflichten konnte. Rasch kehrte er nach England zurück und stürzte sich dort in die Vorarbeiten zum Wiederbeginn. Er glaubte gut daran zu tun, wenn er als selbständiger Opern- leiter nicht mit einem eigenen Werk anfing. Aus Italien hatte er sich seinerzeit eine Menge Partituren der neuen Schule mitgebracht und wählte nun aus ihnen drei, die er der Reihe nach bringen wollte. Im übrigen tat er mehr als je bei einer seiner Opern, um die Eröffnung planzvoll zu gestalten. Er setzte alle seine Freunde in Bewegung, daß sie für ihn warben und schrieben und legte den Tag der ersten Auf- sährung auf den Geburtstag des Königs fest. Persönlich überreichte er dem Zeremonienmeister seine Einladung an die königliche Familie und erhielt die Zusage ihres Erscheinens. Damit hatte er das vornehme London, Adel und Reichtum, für den ersten Abend zu Gast. Aber die Feinde waren reich an Zahl und verbissen wie er. Sie kündigten in den großen Zeitungen eine Versammlung an, zu der alle gebeten wurden, die mithelfen wollten, eine neue „untyrannische" Oper ins Leben zu rufen, und es bedeutete ein Ereignis, daß alle großen Sänger der Royal Academy, die Cuzzoni und Senefino an der Spitze, Zünftig diesem Opernverband angehören wollten. Viele Gesellschafter der ehemaligen Akademie, die Händel an deren Niedergang schuld gaben, wagten nun aus Trotz gegen ihn ihr Geld. Die Gegenoper wurde gekündet, und ihr Schirmherr war der englische Kronprinz. Händel hatte 'ach auch ihn zum Feind gemacht, als er die Königsfamilie zur ersten Vorstellung lud. König und Sohn lebten in bitterem Zerwürfnis miteinander. Und der Kronprinz war beliebter beim Volke. _ Nun hatten die Italiener trotz Glückes am Anfang auch etwas Pech. Ss fehlte ihnen der Komponist. Bononcini hatte sich durch eine dunkle beschichte in London unmöglich gemacht und lebte außer Landes. Hasse «hnte ab, ebenso Pergolesi, denn diese Komponisten achteten Händel zu -he, um ihm schaden zu wollen. Aber einer besann sich nicht lange, Nicolo Porpora. Er hatte mit einem Werk in der ersten Royal Academy Mißerfolg gehabt und konnte diesen Händel nie verzeihen. Nun ergriff er die Gelegenheit, sich aufzuschwingen. Es paßte ihm, daß Händel als vierte Oper in der Spielzeit ein neues Werk aus eigener Feder brachte, dessen Stoff Porpora gleichfalls vertont hatte. So gab es im Haymarkettheater eine „Ariadne" und — in der anderen Oper auch! Ein Zeitungskrieg war die Folge. Arbulhnot, ber mit seinem Feingefühl ahnte, daß Handel sich in Gefahr befand, schrieb eine Satire zu seinen Gunsten. Als sie erschien, eilte Händel zu dem Freund, um ihm zu danken. Er fand A» buthnot schwer krank daniederliegen. Händel verbarg seine Bestürzung und versuchte zu scherzen: „Ist dir ein Gebräu nicht geglückt oder ein fremder Salat? Komm! Das läßt sich auswetzen, eine Scharte im Magen! Ich habe gestern eine Fleischbrühe getrunken — von der bring ich dir das Rezept! Da wird dir — schluckst du's, merkst du's! — im Handumdrehen besser!" Aber der Arzt lächelte müde, und matt, ganz matt war seine Stimme schon: „Guter Goliath, — es wird verdammt wenig helfen ...' „Höre, ich verbitte mir jedes Wort Aberglauben aus deinem Mund! Verstehst du?" „Leider kenne ich von anderen kaputten Leibern her das, was in mir vorgeht, schon zu gut ..." „Arbulhnot!" „Erschrick nicht, Frederic. Für uns darf bas nichts bedeuten. Am wenigsten für dich. Tausende kleine Arbuthnots wirst du leben und sterben sehen, beglücken und überdauern — sieh! Es bleibt dir ein treues Gesicht von ihnen in Erinnerung, ein verläßliches Kochbuch, und — vielleicht achtest du auch noch auf ihren Rat ..." „Sage ... du willst mich verlassen ..." „Achte den Rat — der Freunde — mein Mammut — irre nicht ab ...” Mühsam sprach Arbulhnot die letzten Worte und sank darauf in Ohnmacht. Gelähmt sah Händel auf bas sanfte Gesicht bes Freunbes, in bas kein Leben kam, solange er auch wartete. Wassertropfen unb Streicheln erweckten bie Seele nicht aus bem Schlaf. Als eine Wärterin kam, ging Hänbel starr unb betäubt... Welche Einsamkeit inmitten bes Opernwirbels! Unb wie grimmig im Schmerz bie Abwehr der Feinbe! Die Italiener vermochten Heibegger von besseren Aussichten zu überzeugen, bie sie gegenüber Hänbel hätten. Sie rechneten längst schon mit bem Opernhaus. Unb nun tat ihnen ber Schweizer ben Gefallen unb setzte Hänbel mit seiner Truppe vor bie Tür. Gleichzeitig lieh er bie Italiener in bas Haymarkettheater überfiebeln. Es war eine erschütternbe Nieberlage Hänbels, die sich noch verschärfte dadurch, daß er kein anderes Haus für feine Vorstellungen fand als jenes, welches bie Feinbe verließen. Es war Lincolns Jnn-Fielbs- Theaker in ber Vorstabt ... Aber nicht mit ber Würbe bes gebeugten Königs zog Hänbel bort ein, fonbern roütenb und haßverzerrt. Rich, burch bie Bettleroper vermögenb geworben, baute ein neues Theater in vornehmer Stabtgegenb, unb Händel sicherte sich die erste Pacht. Inzwischen mußte er einen Monat lang, um nicht seine Sänger leer zu bezahlen, im Nothaus spielen. Der Schlag gegen ihn wurde dadurch gemildert, bah eine Prinzessin aus bem Königshaus, eine Deutsche, bem Landsmann helfen wollte und gerade feine Vorstellungen draußen in der Vorstadt mit ihrem Besuch beehrte. Das brachte ihn wieder auf die Füße, unb als er nach bem Umzug in bas neue Conventgarbentheater bort mit einem Ballett anfing, hatte er gute Einnahmen. Aber er bachte zu sehr an feine Gegner unb freute sich, seiner Kraft nicht angemessen, allzu schabenfroh über ben geringen Zulauf, ben bie Italiener im Haymarkettheater hatten. Nicht bei ihm war bie Gunst bes Schicksals in biefem niebrigen Opernwettstreit. Kaum fing Hänbel an aufzuatmen, verstauben es die Feinbe auch schon, ihm bas Publikum wegzunehmen mit einer Zugkraft, bie er selbst verschmäht hatte vor zwei Jahren. Bonbon verfiel, wie schon so oft, wieder einmal der Starleidenschaft, als Farinelli auf bem Plan erschien. Dieselben Geschichten wie einst mit ber Borboni unb Senefino spielten sich ab. Ausspannen ber Pferbe, Gebränge vor bem Bühneneingang, Auflauf vor bem Gasthof. Unb wieber bas gnäbige Lächeln einer eitlen Fratze ... Vielleicht war es bie furchtbare Strafe an ber Hohlheit, baß Senefino vor Jahren selber Gegenstanb biefer Begeisterung war unb nun unbeachtet zusehen mußte. Jetzt lief eine Weile alles Farinelli nach. Es war schon genug, um Händel zu gefährden. Er machte verzweifelte Anstrengungen, neue Werke zu schreiben. Zwei davon halfen ihm wenig. Erst ein drittes, das er in schlaflosen Nächten komponierte, füllte wieder bie Häuser, vor allem burch eine Glanzleistung der Straba, bie Hänbels Sorgen mitfühlte unb sich um seinetwillen mehr Mühe gab, als wegen bes eigenen Ruhmes. Doch bie Treue ber einen Sängerin war ben anberen fein Vorbild. Besonders Carestini zeigte, über Farinellis Austauchen in London verärgert, einen schlechten Charakter unb machte Hänbel bei ben Proben zu schaffen. Zur Beherrschung gezwungen, um ben Sänger nicht zu verlieren, babei über- reizt und maßlos überarbeitet, meldeten sich mahnend bei Handel die Nerven. Gerade war er dabei, einen in unversöhnlichem Ton gehaltenen Bries als Antwort auf feindliche Zeitungsartikel abzufassen, als er plötzlich ein Gefühl der Benommenheit im Kopf hatte und nicht weiterschreiben konnte. Die Buchstaben tanzten vor ihm, die Gedanken liefen kreuz und quer ... Als er die Hand erheben wollte, blieb sie auf dem Tisch liegen Nach einer Weile ritz sich Händel zusammen. Aber ohne den Brief fertlg- aeschrieben zu haben, ging er aus dem Theater fort. Vis Ende Sommer hielt Händel durch. Dann ging er in das Bad Tunbridge Wells, um feine Gesundheit aufzufrijchen. Es nützte nicht viel, daß er sich rasch erholte und kräftig wieder das Steuer seiner Oper in die Hand nahm. Gleich bei den ersten Proben gab es den lange schon m der Lust schwebenden Krach mit Carestini, und der Kastrat, von Handel Hund und Esel genannt, trat von dem Recht zurück, seinen Vertrag zu erneuern. Es fand sich in der Eile kein passender Ersatz für ihn. Handel behalf sich mit Notbesetzungen. Ein Trost war, auch den Feinden ging es nicht besser als ihm. Dennoch fühlte er den Leerlauf in seinem Leben schmerzlich. Kein Aufschwung kam in diesem innen und außen nebelgrauen Herbst. Gerüchte liefen um, beide Opernhäuser würden bald schließen. Müde sah Händel das Prophezeite langsam Wahrheit werden. Zwei wunde Hirsche lagen, er und die Italiener, mit zerriebenen Geweihen am Boden. Da brachte ihm kurz vor Weihnachten die Post ein überraschendes Schreiben. Mit wachsendem Staunen las er: „Verehrter Herr Händel! Sie erinnern sich vielleicht nicht mehr an mich und an unseren gemeinsamen Besuch der Bettleroper. Ich habe mich bei der zweiten Royal Academy um keine Stelle mehr als Choristin beworben. Mein Lebensweg wurde auch bald anders bestimmt, als ich einen Mann kennen und schätzen lernte, der mir die Ehe anbot. Ich habe vor drei Jahren geheiratet. Trotz anderer Pflichten blieb ich der Kunst treu und nahm Gesangsunterricht, um mich für ein Fach auszubilden, das mir besser entsprechen dürste als die Oper; nämlich der Konzertgesang. Etwas über das Sümmchen bin ich schon hinaus. — Reben meinem kleinen Leben achtete ich auch ohne Unterbrechung auf Ihr großes. Ich weiß von Ihren Hoffnungen und Kämpfen, fast jeden der von Ihnen geleiteten Opernabende besuchte ich mit meinem Mann, und als Sie aus dem Haymarkettheater vertrieben wurden, tat es mir ebenso weh, wie es Sie schmerzen mußte. Und nun ein Vorschlag: mein Vater trägt sich mit dem Gedanken, der italienischen Oper, die Ihnen soviel Enttäuschungen brachte, eine englische Oper, aber besser als die Bettleroper, entgegenzustellen, vielleicht sogar etwas anderes als eine Oper, etwa Konzertabende. Er denkt dabei an Werke einer Gattung, in welcher Sie, Herr Händel, sich schon meisterhaft erprobt haben. Wurden Sie zur Aufführung eines Oratoriums aus Ihrer Feder die Erlaubnis geben? Oder wäre Ihnen eine persönliche Mitwirkung lieb? In unwandelbarer Treue Ihre Susanne Cibber." Die Choristin! Das Weib, dessen Mädchenname niemand mehr wußte, als Händel nach ihr suchte. Nun löste sie selber das Rätsel: sie hatte geheiratet ... Und ihn nie vergessen, Theaterkarten gekauft, damit seine Oper nicht leer sei, hatte für ihn gebangt und war gewiß der Anlaß, daß ihr Vater Oratorienkonzerte plante ... Was für ein reiner, gesunder und nüchterner Mensch — ihr eigenes Leben erfüllend und Zeit findend, über ein anderes, titanisches, zu wachen ... Händel kam sofort in Bewegung. Er setzte sich hin und antwortet der Cibber, daß es ihn freue, sie und ihren Vater aus so schönen Wegen der Kunst zu wissen und daß er nichts dagegen habe, wenn ein Werk von ihm aus der genannten Gattung aufgesührt würde. Er könne sich nicht den Rahmen dafür denken im Augenblick. Auch wäre es ihm persönlich kaum möglich, derzeit außerhalb seiner Oper zu wirken, da er mit Arbeit überlastet sei. Selbst wo ein Mensch wie diese wertvolle junge Frau im Spiele war, übte Händel Vorsicht und wollte erst beobachten, ob sich Arnes Unternehmen bewährte. Er war erstaunt, zu sehen, wie der gute Vater die Sache anging Dieser bekam von den Italienern, die lieber Miete ein- steckten als schlecht besuchte Vorstellungen gaben, das Haymarkettheater für einige Abende frei und brachte so neben der künstlerischen auch eine andere Leistung zuwege: er begann seinen stillen Krieg gegen die italienische Oper in der Höhle des Löwen. Auch wie er die Londoner und vor allem womit er sie unauffällig an eine neue Kunstart gewöhnen wollte, war klug: er wählte eines der sprühendsten Werke Händels im Oratorienstil, richtete es als Oper ein und fand so den Weg zur Ueberlsitung. Junge Gesangskräfte englischer Herkunft bestritten die Ausgaben mit Geschmack, die an sie gestellt wurden. Auch Susanne Cibber erntete Lob. Der starke Zulauf, den David Arne mit Händels „Acis und Galatea" hatte, machte auch andere Köpfe der Londoner Musikwelt stutzig. Es sprach sich herum, daß Händels Oratorien unter Umständen ein besseres Geschäft seien als seine Opern. Er selber bekam Wind von diesen Munkeleien und horchte auf. Konnte er seine eigenen Schätze nicht selber heben, brauchte er fremde Leute dazu? Warum kam er nicht selbst auf Arnes Einfall, ein Oratorium aufzusühren? Und wo steckten die Partituren?! Bei Händels reicher Arbeit mar es natürlich, daß er sich nicht immer um die Rechte (einer Werke kümmerte und für ihren Schutz ungenügend sorgte. Gab er eine Partitur auf eigene Kosten heraus, fo wurde sie tot- sicher nachgedruckt. Ueberließ er sie einem Verleger, bann hatte er noch den Merger, daß ihm stets nur eine geringe Äuflage vergütet wurde, während der Geschäftsmann die Raubauflage, welche er neben der anderen druckte, absetzte. Gefürchtet war in dieser Hinsicht John Walsh, der „Räuber des Notenmarktes". Als Händels Verleger noch der alte Cluer war, druckte Walsh nach, die Rodalinde, Julius Cäsar, Ottone, die Krönungs- anthems, alles. Händel wußte sich nicht anders zu helfen, als den Räuber zu seinem Verleger an Stelle des verstorbenen zu bestellen. Walsh machte einen Vertrag und betrog den Komponisten fortan hinterrücks. Händel merkte das und fuhr dazwischen: er ließ die Höhe der Auflagen, die von seinen Werken gedruckt wurden, gerichtlich beglaubigen, forderte pünltliche Abrechnung und drohte mit dem Galgen. Walsh stutzte und wurde vorsichtig. Aber bald hatte er einen Ausweg gesunden, um das anständige Geschäft zu umgehen: er gewann Cluers Witwe dafür, daß sie nun Raubdrucke von Händels Partituren anfertigte und den Ertrag des Verkaufes mit ihm, John Walsh, ehrbar und redlich teilte... Wie die Verleger, so die Konzertunternehmer, die Theater. Arne bot Händel einen Teil der Einnahmen aus „Acis und Galatea" an. Das lehnte der Komponist ab, er wußte, Arne war selbst nicht reich. Aber von anderen Leuten, die jetzt daran dachten, seine Oratorien aufzusühren, wollte er sich nicht übers Ohr hauen lassen. Es hals nur eines: er mußte ihnen zuvorkommen. Einer, der sich Bewunderer Händels nannte, war fast schneller. Er hatte den Komponisten schon in Cannon kennengelernt und dort von ihm als Zeichen der Freundschaft eine „Esther"-Partitur zum Geschenk erhalten. Gewiß besah dieser Mann, Bernard Gates, der später Chormeister der Hoskapelle geworden war, große Achtung vor Händels Kunst, aber er teilte die Leidenschaft seiner Landsleute, jedes Geschäft wahrzunehmen, das Erfolg versprach. Noch während Arne mit „Acis und Galatea London entzückte, studierte Gates in seinem Hause zu Westminster mit deii königlichen Sängerknaben „Esther" ein, gewann ein Orchester von Rus, das Philharmonische von Joung, zur Mitwirkung und führte das Oratorium in halbem Bühnenstil auf. Es war eine Art Generalprobe, die Gates, schon vor breiterem Publikum, im Saale eines vornehmen Gasthauses wiederholte. Der Erfolg bewies ihm, daß er wagen konnte, was er plante: eine konzertmäßige Aufsührung vor ganz London. Im Hause der Vorkbuildings sollte sie stattfinden. Als Händel von dieser Ankundi- gung fjörte, geriet er in helle Wut. Mcin betrog ihn vorne UNO hinten! Aber diese Füchse sollten sich getäuscht haben! Händel hatte schon manchen Läufer überholt! Mit rasender Hast richtete er nun die Partitur desselben Werkes, bas Gates antünbigte, für [ein Opernhaus ein, erweiterte bas Werk bedeutsam und zwang bann seine Truppe zu Proben bei Tag und Nacht. Obwohl er fast nur italienische Solisten hatte, mußten auch diese, wie der Chor, englisch fingen. Auch verbat er sich, um den Charakter bes Oratoriums besser zu wahren, jebe Bewegung auf ber Bühne. Nur Kostüme unb Kulissen sollten daran erinnern, daß man in einem Theater war. Und er hatte Glück durch seine Eile! Genau einen Tag bevor Gates seine „Esther" aufführte, brachte Händel das gleiche Werk heraus. Die zweifache Ankündigung hatte London neugierig gemacht, und Covent- qarben bekam viel Besuch. Um so weniger Leute gingen am nächsten lag; ins Äorkbuilding. Hänbels Ausführung würbe als bie schönere unb lebendigere gepriesen. Gates wagte keine Wiederholung mehr, Handel bafur konnte bas Werk noch mehrere Male spielen. Der Reinertrag war nicht QCri2Iber seine Feinbe gönnten ihm den Erfolg nicht. Es war, als ahnten sie bas mächtige Reich, in welches Hönbel burchzustoßen begann. Sit glaubten auch hierin es ihm gleichtun zu können wie mit feinem Opernschaffen. Flugs ging Porpora baran, auch ein Oratorium zu schreiben, wobei ihn bie älteren Meister biefer Gattung beeinflußten, aber auch Hönbel. Nun ftanb biefer nicht müßig babei, er suchte sich rasch aus einem Bekanntenkreis einen Textdichter. Unschwer verfiel er babei, ba Arduth- not nicht mehr lebte, auf Samuel Humpreys, ber schon an ber „Esther Anteil hatte. Der feinfühlige Schriftsteller unb Händel setzten sich mit der Bibel an einen Tisch. 'Sie entschieden sich für die Geschichte ber Debora des seherischen Weibes, unb in ganz kurzer Zeit steckte Hönbel Hals über Sopl in ber Arbeit. Wieber überholte er bie anberen, bie alttestamentarischen Worte beflügelten ihn feuriger als bürre Operntexte, unb er komponiert! Debora" in einem Zug. Ohne Aufenthalt, schier mit nassen Notenblättern, ging er ans (Einftubieren. Er tünbigte eine Festaufführung an, mit neuen Bühnenbilbern, allerbings zu erhöhten Eintrittspreisen. Dieses Uebertrumpfen ihrer eigenen Absichten war den Italienern zuviel. Sie nahmen Klagen ihrer Landsleute aus Händels Truppe, daß er bei den Proben Unmenschliches verlange, zum Anlaß, einen Zeitungskrieg gegen ihn zu eröffnen. Einen Skandal aus der politischen Well und die in seinem Mittelpunkt stehende Persönlichkeit zogen sie zum Vergleich heran. Es war Walpole. Niemals beliebt beim Volke, hatte er (ich durch eine grausame Steuervorlage völlig verhaßt gemacht. Früh schon fanden boshafte Leute zwischen diesem vierschrötigen Gelbstatthaltet und Händel, dessen nach außen oft brutale Kraft doch anderen Zielen diente, eine Aehnlichkeit. Nun schrieben dies seine Feinbe in widerlichen Schmähschriften, verteilten Flugblätter auf ber Straße und warnten jebermann vor bem Besuch ber „Debora", bie einen geldgierigen um menschenquälerischen Sadisten, einen vom Dersolgungswahn Besessenen, reich machen solle, damit er seine tolle Tyrannei vergrößern könne. Dte Italiener scheuten nicht davor zurück, an Händels deutsche Abstammung zu erinnern. „Schenkt dem Ausländer eine Irrenhauszelle oder schickt ihn heim!" . Die Aufsührung kam. Der König besuchte sie. Aber es schadete Handel eher, als daß es ihm genützt hätte, denn noch immer währte die Verstimmung mit bem Kronprinzen, bem zu Gefallen das breite Publikum aus- blieb. Freilich konnte „Debora", bas mächtige, bämonifche Werk, nut) abgelehnt werden, und Händel durfte bie Aufführung sogar mehrerema wieberholen. War auch ein durchschlagenber Sieg nach ben vielen Verleumdungen nicht mehr möglich, so konnte Hönbel boch beweisen, daß Unrecht geschah unb baß er Künstler fei, nicht Narr. Was böse Menschen ihm antun wollten, bas -machten gute wieber recht. Es kam ehrend uno überraschend für ihn eine Einladung ber Universität Oxforb, für De. Schluß bes Schuljahres ein Oratorium zu schreiben. Nun rasch einen Text, vielleicht etwas aus ber hohen Literatur, mit Geschmack bearbeitet Da mußte Humphreys wieber helfen. Er schlug Racines „Athalia vor, zweifellos ein Werk, bas in Oxford Verehrer hatte. Humphreys lockert bie kalten Verse bes Franzosen, Hönbels Blut überströmte alle Worte . - Mit bem neuen Werk unb älteren in ber Mappe reifte Händel, bie Serien seiner Oper früher als sonst ansetzenb, ab nach ber Stadt ber Doktoren (Fortsetzung folgt.) Eine Billardpariie. Von Frank g. Braun. Es war nicht Berlin oder Hamburg, wo diese Affäre spielte, aber Immerhin eine der nächsten großen Städte, denn Adalbert Steier fand sich plötzlich in einem Viertel, in welchem er sich nicht auskannte, obgleich er seit mehreren Jahren in dieser Stadt wohnte. Er kam eben zu wenig heraus; immer an diesem Schreibtisch sitzen und Kriminalromane aus dem Tintenfaß ziehen — freilich, — nur in der Tinte entwickelten sie sich. Die schönsten Blüten aus diesem Gebiet brachte jenes geschweifte Marmorsläschchen hervor. Im Leben passierte ja nichts. Es gibt keine Talente mehr unter den Verbrechern! Jawohl, er hatte diesen Sah behauptet und an seinen Romanen gemessen, mußte man das zugeben. Gott sei Dank. Aber die Menschheit besteht nun nicht nur aus Moralisten. Es gibt da etliche, die so etwas wie Bewunderung aufbringen für die Außenseiter der Gesellschaft, wenn sie nur kühn sind und verblüffen, Ochsen und Kühe sind höchstens schätzenswert, aber imponieren, selbst hinter den Eisenstäben, können uns nur die großen Katzen. Aber wo kam man da hin. Das war sein Romanschluß gewesene die grüne Hand; gut für ein Romanende, aber im Leben ... Adalbert Steier bog um die Straßenecke, ah, da war ein Schild, Markgrafenallee, nun jetzt würde er sich zurechtfinden. Ein feiner Regen fiel. Man merkte ihn erst, wenn man naß war. Adalbert Steier sah ein Restaurationsschild und bog daraus ein. Wenig nach ihm betrat Jens Jensen den Raum. Tische und Stühle hockten an den Wänden und schienen zwecklos. In der Mitte des Zimmers stand ein Billard; saftiggrün, massig. Der Wirt wartete hemdärmelig hinter der Toonbank. Als Adalbert Platz genommen hatte, schwenkte jener bei und fragte: Bier? Der Schriftsteller nickte. Jens Jensen saß plötzlich am Nebentisch und rief ebenfalls: Bier. Steier fah sich um. Zum erstenmal bemerkte er diesen Mann, der lautlos hinter ihm eingetreten war. Aber dieser Filzhut mit dem hellgrünen Streifen — hatte er diesen Mann nicht vor einer Viertelstunde nach dem Weg gefragt? Jens Jensen beugte sich vor. Wollen den Regen abwarten? fragte er vertraulich, und als Steier nickte: Wie wäre es inzwischen mit einer Partie Billard? Das Spiel begann. Jensen jonglierte sich und das Queue. Der Wirt zog sich zurück. Er steckte im Keller ein neues Faß an. Da verpaßte Jens Jensen eine totsichere Sache. Er zog sich die Jacke aus und trat zurück. Adalbert spielte, aber erfolgte bald dem Beispiel des andern; ihm ward auch heiß. Die beiden Jacketts hingen nebeneinander, baumelten wie halbe Gehenkte mit leeren Armen. Jens Jensen blieb im Hintergrund. Er lehnte sich gegen den Garderobeständer und wartete. Worauf? Daß sein Spiel beginne? Adalbert war in Hochform. Er ließ feinen Ball aus. Wollen Sie eine Minute aussetzen, bat Jens Jensen, ich bin sofort wieder da. Steier setzte den Stock ab, trank sein Glas Bier aus und wartete gegen das Billard gelehnt. Das Spiel war ihm nicht mehr zu nehmen. Jens Jensen entblätterte auf der Toilette eine Brieftasche. Sorgsam las er einen Bries, sortierte Scheine, Papiere ... Da zog er feinen Füllfederhalter und tat zwei Striche. Zwei Striche auf ein weißes Papier; sonst nichts. Aber doch; auf der Treppe kehrte er noch einmal um und zog einen Brief heraus. Er lächelte dünn. Dann nickte er sich selber eine Bestätigung zu und schrieb mehrere Zeilen auf die Rückseite des Papiers. Er steckte die Tasche wieder ein und ging hinauf. Als die Stunde um war, hatte der Regen aufgehört. Jens Jensen warf seinen Anteil der Zeche auf den Tisch. Dann zog er seine Jacke an. Schon da ward er unruhig. Nanu, meinte er und begann cm Euchen. Was ist, haben Sie etwas verloren? Meine Schlüssel. Ich habe sie herausgetan. Hier auf den Tisch hatte Ich sie gelegt, sie hinderten mich beim Spiel. Herr Wirt, haben Sie meine Schlüssel hier weggenommen? Der Wirt beteuerte das Gegenteil. Vielleicht hat der andere Herr versehentlich ... Aber kein Gedanke, sagte Adalberg. Sie können immer- hin einmal nachsehen ... aber das ist vollständig sinnlos, ich habe doch Ihre Schlüssel nicht, Herr! Sie könnten immerhin nachsehen, sorderte nun auch der Wirt. Adalbert schüttelte den Kops. Schön! Hier. Und leerte die Hosentasche auf den Tisch. Ein Buch, ein Bund Schlüssel, in der anderen Tasche ein Notizblock — ober das sind ja meine Schlüssel, rief Jens Jensen. Waas? Adalbert war baff. Geben Sie meine Schlussel zurück, Mann! Wie können das die Ihren sein! . . Jens Jensen hatte die Schlüssel fest in der Hand. Hm, meinte er, ich habe Sie nicht gefragt, mit wem ich es zu tun habe, aber roenn Sie mir so kommen ... Adalbert glühte auf einmal rote Feuerwerks körper. Die Schlüssel her! Eins, zwei ... ■ Sagen Sie ruhig drei. Jens Jensen schien ruhiger zu werden. Herr Wirk, sagte er, wenn der Mann keine Vernunft annehmen will — wo ist hier die nächste Polizeistelle? . . „ gr. Adalbert lehnte am Billard. War er blödsinnig geworden? Aber er beherrschte sich. Schön, stimmte er bei, holen mir einen Schutzmann — Der Wirt telephonierte, er war einen Augenblick ”ertorounben. $ie beiden Billardgegner sahen sich grimmig an. ©le hieltensich 'M B >ck keiner wich aus. Es kommt ein Kriminaler sagte der Warf. Er mußte da am Telephon einen ganzen Roman erzählt haben, tatsächlich kamen ein Schutzmann und ein Kriminalbeamter. . , ,. Sie sind nicht betrunken, meine Herren, nein? Gut. Dann darf ich zunächst um Ihre Ausweise bitten. Die Schlussel nehme ich an mich. Bitte wollen wir uns setzen. nrs., Jens Jensen reichte seinen Meldeschein hinüber. Herr Adalbert Steter, Schriftsteller, las der Kommissar, gut, danke und er gab das Papier zurück. Jens Jensen zog seine Brieftasche; sie war, He lge b ledern und fast neu. Da hinein tat er den Anmeldeschein. Adalbert Steier sah starr. Das ist, sagte er, und hatte die Hand am Herzen, dort, wo seine 3i«f- tasche, die hellgelblederne, gesessen hatte, das ist ... Das war mein'Ausweis, erklärte Adalbert. Dieser Mensch muß mir meine Brieftasche gestohlen haben, während des Spiels vielleicht Jens Jensen sah den Wirt an, bann den Schutzmann, zuletzt, etro» dringlich, den Kriminalbeamten. Ist so eine Frechheit schon dagewesen? Der Kommissar zuckte die Achseln. Er überprüfte die beiden Gesichter. Meine Herrn, warnte er, das ist eine Komödie, die Ihnen teuer zu stehen kommen kann! Adalbert rang nach Luft. Jens Jensen nickte. So plump, meinte er kopfschüttelnd. Da schien dem Kommissar eine Idee zu kommen. Wie hieß denn Jl;re Mutter? fragte er den ratlosen Adalbert. Der schoß einen triumphierenden Blick. Johanna, Hedwig, Margarete, sagte er. Jens Jensen lachte hell auf. Nun sagte der Beamte. KePi Name stimmt, lachte Jensen, meine Mutter hieß Paula, Anna, Luise. Adalbert sprang auf. Ihre Mutter, schrie er, plötzlich wütend geworden, wer will die Namen Ihrer Mutter wissen! Nach der meinen war gefragt! Der Komisfar bat sich noch einmal die Brieftasche aus. Wann sind Sie geboren? fragte er den Schriftsteller. Adalbert, wie aus der Pistole geschossen: 2. Januar 95. Jens Jensen hieb sich auf jein Knie. Dann stutzte er. Aber die Jahreszahl stimmt. Er sah den Kommissar zweifelnd an. Der lächelte begütigend. Zufall, sagte er, geschätzt. Und zu Adalbert: Sie sind am 12.11.95 geboren, werter Herr; wenn Sie Adalbert Steier wären, müßten Sie das wissen. — Jetzt prustete auch der Wirt los. Der Kommissar schien nicht mehr zu schwanken. Sie wissen selbstverständlich ihre Adresse, lächelte er Jens Jensen an. Jens nickte. Natürlich, Kirchtorplatz 16, eine Treppe links. Danke. Herr Wirt, ist ein Adreßbuch zur Hand? Gewiß, Herr Inspektor. Der Kriminalbeamte blätterte auf. Stimmt, sagte er, es steht ja auch auf Ihrem Schein. Wer ist Ihr Hauswirt? Herr Ziermann. Wohnt? Parterre. Richtig. Und der Beamte sah höhnisch den unglücklichen Adalbert an. Wie heißt denn Ihr Hauswirt mit Vornamen, wissen Sie das zufällig? Adalbert schwitzte Blut. Er verstand, das war eine Chance, die fein Glück ihm ließ, aber sein Pech war stärker. An der Tür im Parterre stand lediglich Ziermann. Dieser Ziermann, ein plumper, dicker Mensch, war ihm unsympathisch; wie hätte er dessen Vornamen wissen können. Der Mann kam jeden Ersten des Monats einkassieren, sonst bestand keine Verbindung. — Herr Kommissar, hob er an, es sind kleine Wohnungen da, am Kirchtorplatz, der Hauswirt kassiert das Geld selber ein ... Wie heißt er mit Vornamen, Herr? Ich weiß es nicht. Jens Jensen sah den Schriftsteller bedauernd an. Er schüttelte nochmals den Kops. So plump ... wiederholte er. Der Hauswirt steht ja auch im Adreßbuch. Friedrich mit Vornamen. Sehr richtig. Der Kommissar sah nach. Es ist natürlich alles sonnenklar, meinte er und zögerte. Jens Jensen sah das. Fragen Sie ihn, bat er leise, beugte sich vor und sprach es dem Kommissar ins Ohr, wie der Friedrich Ziermann aussieht. Beschreiben Sie mir Ihren Hauswirt, forderte der Kommissar. Adalbert beschrieb. Dick und rund und rot. — Merkwürdig äußerle Jens Jensen, ob wir einen Irren vor uns haben? Mein Hauswirt ist ein kleiner patenter Kerl, er sieht aus wie ein Kellner — aber das wollen die Herren ihm bitte nicht als meine Aeußerung hinterbringen. — Die Beamten lächelten. Und Jens Jensen spielte Trumps Aß aus, er sagte seinen Satz dem Kommissar nicht ins Ohr, sondern er redete laut: Ich habe da einen Bries in der Tasche, und hastig: vom Sonnenverlag, — was habe ich auf diese Anfrage erwidert? Der Kommissar zog den Brief heraus. Er las, dann fixierte er Adalbert. Der schwieg erschüttert. Der Brief ist überhaupt noch nicht beantwortet, sagte er schließlich matt. Jens Jensen nickte. Sie müßten auch Gedankenleser sein, um dies erraten zu können, sagte er (schließlich) saust. Die Antwort, Herr Kommissar, ich pflege bas stets so zu handhaben, steht aus der Rückseite des Briefes. Wollen Sie bitte umdrehen, dort. Der Kommissar las Ja, sagte er, der Fall scheint mir denn doch nun ganz klar. Er sah sich nach seinem Beamten um, der nickte. Hm aber Sie entschuldigen, Herr Steter, und er sah Jens Jensen bedauernd an, ich muh Sie bitten, mit in die Wohnung zu kommen. Eine Person Ihrer Umgebung muß Sie ausweisen. Es ist das einsachste für Sie, Sie brauchen dann nicht mit uns zur Wache. Selbstverständlich, gern, sagte Jensen, ich wäre jetzt sowieso noch Hause gegangen. Die vier Leute brachen auf. Der Wirt sah ihnen nach. Adalbert, zwischen den beiden Polizisten, fing diesen Blick tiefer Verachtung gerade noch auf. Er trottete mit den anderen durch die Straßen; wie geistesabwesend war er. So etwas gab es doch nicht? Nicht einmal in seinen Romanen kam eine derartige Frechheit vor. In aller Kümmernis mußte er plötzlich lächeln. Wie nun, roenn man Kirchtorplatz 16 angelangt war, roenn der dicke, rote Ziermann seine Tür öffnete — und — und — es war nicht auszudenken. Da war der Markt, dort die Kirche. Die vier Leute bogen um die Ecke Das dritte Haus, links, sagte Jens Jensen. Adalbert ärgerte sich. Er hätte das gerne selber gesagt. Aber nun war es schon gleichgültig. Mochte dieser Gauner noch zwei Minuten seinen Triumph feiern, vor der Tür ober im Hausflur würde er gewiß entwischen wollen. Adalbert nahm sich vor, die Augen offen zu halten. .. Da war die Nummer 16. Zwischen zwei winzigen Vorgarten zur Rechten und zur Linken führte der Aufgang zum Haustor. — Hier in der Tür geschah eine Begegnung. Ein kleiner, patenter, dunkler Herr wollte heraus, stieß gegen den vorderen Polizeimann und musterte ihn mißtrauisch. Ader dann bemerkte er den Jens Jensen, und sein Gesicht hellte sich auf. Guten Tag, Herr Steier, sagte er freundlich, und lüftete den Hut Jens Jensen hielt diesen Mann an. Herr Ziermann, bat er, walten Sie bitte dem Herrn Kommissar bestätigen, daß ich meine Miete regelmäßig gm 1. bezahlt habe — daß ich keine Schulden bei Ihnen habe. Der Kommissar fand diesen kleinen Ausweg des vermeintlichen Adal- Bert Steier ganz yeschickt. Er beschloß, die peinliche Angelegenhell, peinlich für Herrn Steter, abzukürzen. Sie sind der Hauswirt Friedrich Zier- mann? sagte er und zeigte seine Marke. Zu dienen. Kennen Sie diesen Herrn? Den Herrn Steier? Wo werde ich ihn nicht kennen? Er ist mein Mieter. Liegt denn etwas gegen Herrn Steier vor? Es liegt gar nichts vor. Kennen Sie diesen Herrn? Der Kommissar schob Adalbert vor. Der neue Hauswirt kannte den alten Mieter natürlich nicht. Nein, beteuerte er. Aber Sie sind auch gar nicht der Hauswirt, schrie Adalbert, was für ein verteufeltes Spiel gelingt hier! Herr Kommissar, ich beantrage, daß man bei dem Hauswirt Ziermann anläutet. Er wird öffnen, er wird... Herr Ziermann, der neue, stand ftarr; sein Mund blieb einfach offen. Wer ist denn der Mann, Herr Steier, fragte er entsetzt. Herr Steier zuckte die Achseln. Wollen Sie nicht ein Glas Wein zu sich nehmen, Herr Kommissar, sagte er, und er lächelte den Schutzmann an, eine Zigarre? Der Kommissar wehrte ab. Wir find im Dienst, Herr Steier, und er legte Adalbert die Hand auf die Schulter. Kommen Sie gutwillig mit zur Wache! Adalbert riß sich los. Ich bin doch kein Idiot! Lassen Sie mich bei Ziermann anklingeln ... aber er kam nicht einmal bis in den eigentlichen Borflur. Der Polizist erwischte ihn rechtzeitig. Stop, sagte er, nicht in den Keller, mein Guter! Der Kommissar sagte: Hier sind Ihre Schlüssel, Herr Steier! Ab! befahl er ärgerlich zur anderen Seite hin. Jens Jensen nahm das klirrende Bund. Danke, sagte er, und er nickte einen Gruß. Sie hören noch von mir, meine Herren. Im Abgehen vernahm der Kommissar, wie der Hauswirt Ziermann betroffen fragte: Was ist denn eigentlich los, Herr Steier? — Ja, sehen Sie mal an, Herr Ziermann, da kommt dieser Kerl — hier riß das Gespräch ab. Jens Jensen und der neue Hauswirt probierten die Schlüssel. Adalbert zog mit seinen Bewachern auf das Polizeirevier. Er verbrachte eine unruhige Nacht. Der Morgen kam grau und kühl. Er hatte hier keinen Rausch, nur Jammer abzulösen. Adalbert konnte von Glück sagen, daß er schon an diesem Tag vor den Untersuchungsrichter kam. Der Richter war ein Mann seiner Art, mit ihm vermochte Adalbert zu reden. Er setzte es durch, daß man Herrn Ziermann nochmals beorderte. Da kam der richtige Hauswirt. Es gelang prompt, den guten Adalbert loszueisen. Gravierte Uhr und Siegelring, das war ihm über Nacht eingefallen, taten ein Uebriges. Etliche Bekannte, telephonisch verständigt, marschierten auf. Am Mittag fuhren sie in feine Wohnung. Ein Schlosser öffnete die Tür. Sie war nicht verschlossen, nur das Schnappschloß war zugeschlagen. Auf dem Bord in der Dielengarderobe lagen Adalberts Schlüssel. Ein Brief dabei. Er riß ihn auf. Sehr geehrter Herr Steier! Es besteht die Notwendigkeit, Ihnen zu beweisen, daß die Talente in unserer Zunft keineswegs ausgestorben sind. Man soll Ehrenangelegenheiten nicht mit dem Geschäft verknüpfen. Der Vertreter Ihres Hauswirts und der er- gebenst Unterzeichnete haben daher lediglich eine Flasche Rotwein und eine Kiste Zigarren als Andenken mitgehen heißen. Hochachtungsvoll Jens Jensen. Adalbert und Genosten haben sofort die Wohnung, Schublade und Kasten durchsucht. Es fehlte nichts. Von Jens Jensen und seinem Kollegen hat keiner wieder etwas gehört. Kleine Vögel längs der Eisenbahn. Von Franz Hotzen. Als Student kam ich auf Fußwanderungen in die Werraberge oft über einen im Buchenhochwald einsam gelegenen Bahnübergang, den ein Bahnwärter betreute, dessen Art und Wesen mir vertraut wurde. Ein ernster, gescheiter Mann mit einem Kinderherzen, der aus blanken, klugen Augen warm in die Welt blickte. Ost lauschte ich den Erzählungen meines Freundes von dem, was er in jahrzehntelangem Dienst an der gleichen Stelle erlebt hatte. Er besaß vor allem eine Eigenschaft, die den geborenen Forscher kennzeichnet — er sah und beachtete auch das Kleine, scheinbar Unbedeutende in der Natur und brachte es in Zusammenhang und Wechselbeziehung zu dem Nakurgeschehen. Er kannte jedes Insekt, jeden Käfer, jede Schnecke, und ^og aus ihrem eigentümlichen Verhalten sichere Schlüsse auf das Eigenleben der Tiere, auf bevorstehende atmosphärische Veränderungen und andere Erscheinungen. Besonders vertraut war ihm die Vogelwelt: kein Vogelschlag, den er nicht richtig ansprach, aus Form und Stoff eines Nestes erkannte er die Vogelart, und auf weite Entfernungen unterschied er an den seinen Abweichungen des Flugbildes alle Tag- und Nachtvögel. Im Herbst lieferte eine kleine Anpflanzung von Sonnenblumen freie Weide für die größeren Gäste, und für die Winterzeit stand neben feiner Bude ein selbstgezimmertes Futterhäuschen, unter dem es von Finken, Ammern, Grünlingen und allen Arten von Drosseln wimmelte. Als ich ihm mein Erstaunen über fein Wissen aussprach, erwiderte er mit der Schlichtheit des wirklich Kenntnisreichen: „Ich habe nie ein Buch über Vogelkunde in der Hand gehabt, aber die Hecke dort drüben" — dabei wies er auf eine jenseits der Gleise an der Böschung des Einschnitts sich hinziehende, fast zwei Kilometer lange Weißdornhecke — „in der fast alle hier lebenden Vogelarten nisten und wohnen, ist mein Lehrmeister geworden." An diese Worte erinnerte mich eine Mitteilung in einer naturwissenschaftlichen Zeitschrift, in der ein Thüringer Zoologe Ergebnisse von Beobachtungen bekanntgab, die er an zwei Weißdornhecken gemacht hatte. Beide Hecken zogen sich an einer Schnellzugstrecke mit lebhaftem Tag- und Nochtverkehr entlang. In der einen von ihnen, 1000 Meter lang, fanden sich nicht weniger als 132 Nester von Rotkehlchen, Braunkehlchen, Finken, Grasmücken. Rotschwänzchen, Grünlingen, Stieglitzen, Ammern, Schwarzblättchen, Singdrosseln, Spöttern, Hänflingen. In der änderen, von 1600 Tiefer Länge, zähste er 115 Nester, zusammen also auf nur 2*/$ Kilometer Heckenlänge 247 Brutstätten. Rechnet man gering geschätzt durchschnittlich vier Eier auf das Nest, so ergibt das eine Vermehrung um annähernd tausend nützliche Vögel. Man erkennt daraus, wie wichtig die Anlage und Erhaltung von Weißdornhecken für den Vogelschutz ist. Denn diese Heckenstrauchart bildet, zumal wenn sie alljährlich i m Herbst verschnitten wird, ein dichtes, festes Gestrüpp, das für vierläufiges Raubzeug wie Marder, Katze, Wiefel, Eichhörnchen nur sehr schwer zugänglich, für Raubvögel aber — und auch für den gefährlichsten Nesträuber, den Eichelhäher — undurchdringlich ist. Der Hauptgrund, daß gerade die Hecken an Eisenbahn st recken von der Vogelwelt zur Verrichtung der Brut bevorzugt werden trotz des durch die Züge verursachten Geräuschs, dürfte darin liegen, daß die brütenden Tierchen hier am wenigsten gestört werden: denn ihre größten Feinde, die Menschen, die ohne Ehrfurcht vor den Geheimnissen dec Natur das Brutgeschäft am häufigsten zu beunruhigen pflegen, haben hier nichts zu suchen. An den Zugverkehr gewöhnen sie sich schnell, wie ja auch das Wild sich dadurch in keiner Weise stören läßt. Es kommt hinzu, daß die täglich mehrfach und regelmäßig wiederholten Aufsichtsgänge der Streckenbeamten das Raubzeug fernhalten und dadurch den Vögeln ein Gefühl der Sicherheit geben, das ihnen jeder Naturfreund von Herzen gönnen wird. Nicht selten wählen gewisse Arten ihre Brutplätze an Stellen, wo man sie kaum vermuten sollte. Als nach dem schweren Eisenbahnunglück bei Eschede unweit Celle die zerstörten O-Zugwagen nach der Reparaturwerkstätte Leinhausen bei Hannover abgeschleppt und dort auf gerichtliche Anordnung auf einem toten Gleise sichergestellt worden waren, fand man später nach Abnahme der Plomben in dem Gepäcknetz eines Abteils erster Klasse ein verlassenes Singdrosselnest. Die Tierchen waren durch die zertrümmerten Scheiben in das Abteil gedrungen und hatten dort die Brut durchgeführt. Der Steinschmätzer wählt häufig als Niststätte einen Platz unter dem sogenannten Herzstück der Weichen und läßt sich durch den Zugverkehr weder in der Brut noch in der Aufzucht stören. Auch Nester der gelben und weißen Bachstelze hat man wiederholt in Hohlräumen unter den Schienen gefunden. Aus dem Güterbahnhof von Treuchtlingen entdeckte man auf einem seitlichen Schwellenstück unmittelbar neben der Schiene ein Nest der in Deutschland sehr seltenen Kalanderlerche, das von den Beamten sorgfältig geschützt und durch ein Drahtnetz abgeschlossen wurde, dessen Maschen zwar den alten Vögeln den Durchschlupf gestatteten, unberufenen Eindringlingen aber den Zugang verwehrten: sämtliche Insassen wurden flugbar. Die „Natursor- schende Gesellschaft zu Altenburg" bewahrt in ihren Sammlungen das Nest eines Rotschwänzchens, das über der Koppelung eines Güterwagens angelegt war. Um den Tierchen den Abschluß des Brutgefchäfts zu ermöglichen, war der Wagen auf Bitten der Gesellschaft sogar für einige Wochen aus dem Verkehr gezogen und auf dem Altenburger Güterbahnhof abgestellt worden. Auch sonst ist die Reichsbahn bemüht, den Naturschutz, sonderlich den Vogelschutzgedanken zu fördern. In West- und Mitteldeutschland kann man neuerdings längs der Bahnanlage zahlreiche dichte Schlehdorn- und Schwarzdornpflanzungen und junge Fichtenhorfte wahrnehmen, die zwar vornehmlich der Bodenbefestigung an Böschungen, Dämmen und Einschnitten, zugleich aber den Vögeln bei Frost, Niederschlägen und in Gefahr als Zuflucht dienen sollen. Andere Anpflanzungen werden zu Futterzwecken in beerentragenden Straucharten, wie Eberesche, Mehlbeere, Kornelkirsche und Schneebeere ausgeführt. In einigen Direktionsbezirken ist man noch weitergegangen und bemüht sich, künstliche Nistgelegenheiten in größerem Umfange zu schaffen, und zwar unter Berücksichtigung der verschiedenen Vogelarten. So hat die Direktion Karlsruhe in vorbildlicher Weise 1000 Nisthöhlen in ihrem Verwaltungsbezirk anbringen lassen, darunter solche für Wildenten. Erwähnt sei auch die Schwalbenkolonie von Ahütte an der Linie Adenau—Gerolstein in der Eifel, an dessen kleinem Stationsgebäude sich annähernd zweihundert Schwalbenpärchen, eins neben dem andern, angesiedelt haben, die 3roar dem Stationsbeamten manche Arbeit verursachen, aber gleichwohl liebevoll gehegt werden. Von einer merkwürdigen „Anpassung der Vögel an den Bahnverkehr" berichtet Professor Komvert: „Letzten Sommer konnte ich eine Anpassung der Lachmöve an den Bahnverkehr gelegentlich einer Reise von Dresden nach Breslau beobachten. Als der Zug in Liegnitz einfuhr, tauchten auf einmal Scharen von Lachmöven am haltenden Zuge auf, den sie mit heiserem Schreien umkreisten, offenbar gewöhnt, von den Reisenden gefüttert zu werden. Die aus den Abteilen ihnen zugeworfenen Brotbrocken singen sie geschickt in der Lust auf oder lasen sie vom Boden auf. ohne sich durch den Verkehr der Reisenden stören zu lassen: sie begleiteten den abfahrenden Zug sogar noch eine Strecke weit, solange ihnen nämlich noch etwas zugeworfen wurde. Dann verschwanden sie nach dem östlich von Liegnitz gelegenen Kunitzer See, der eine starke Brutkolonie der Lachmöve birgt. Auf der Rückreise sah ich dasselbe Schauspiel. Die Vönel beobachteten genau die durchfahrenden Züge, um von ihnen ihren Durchgangszoll an Nahrungsmitteln zu erheben." Ein Gegenstück hierzu bietet ein Vorgang, den jeder Fahrgast der Nordfeebäder-Dampfer täglich beobachten kann. Sobald bet* Dampfer Helgoland verlassen hak, sammeln sich Scharen von Silbermöven, sogenannte Blaumäntel, die dem Schiff das Geleit bis zur Landungsbrücke von Hörnum-Sylt geben, ohne auf dem fast vierstündigen Flug zu ermüden. Die Reifenden vergnügen sich damit, ihnen Brotbrocken zuzuwerfen, die die Möven in der Luft auffangen. Mißlingt dies, bann stürzen sie sich mit wirrem Geschrei in ben Gischt bes Heckstrubels, und wenige Augenblicke später erhebt sich bie vom Glück Begünstigte in die Lust, wo sie ben Brocken verschlingt, währenb bie Schar ben Flug fortsetzt. In ber Nacht ruhen die Tiere in den hohen Dünen von Hörnum, um, wenn ber Dampfer sich zur Rückfahrt nach Hamburg in Bewegung setzt, bas Spiel von neuem zu beginnen. In fielgolanb kehren sie ZU ihren Niststätten auf ben roten Klippen unb Felsen zurück.