Gießener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1935 Freitag, den 19. Juli Nummer 53 ürchtete die Dienerschaft des nen Seine Kraft war in ihm mächtig 6m Bändel-Roman von Ernst Älurm Aber wenn sein Haupt so aufzuragen begann, da fühlten die Bauern bald, daß er ein König aus dem Menschengeschlecht war, der Herr eines sReidies. das ihm Gehorsam entgegenbrachte und das er zornig oder bald, daß er ein König aus dem Men,cheng Reiches, das ihm Gehorsam entgegenbrach! wohlwollend lobte und tadelte. Niemals fi—,— . . Schlosses Cannon einen Gast wie diesen, der vor wenigen Wochen in einer derben Kutsche aus London kam, einen Hausen unbeschriebenes Papier auf sein Zimmer bringen ließ und in die Schloß!,rche lies noch ehe er sich dem Besitzer des Hauses, dem Herzog von Chandos oorstellte. Und welcher Ton, als der Fremde vor feiner Hoheit stand! „Sieben Pfeifen" schrie er beim Eintritt in das Empfangszimmer des Herzogs, „sind an der Kirchenorgel kaputt, ausgemistet muhte sie werden mit Besen durchgekehrt!" Halbe Antworten auf des Herzogs Fragen dafür aber Gehaltsvorfchläge, plumpe Sorgen eines Mannes, der auf Geldverdienste fah ... Und nach der Unterredung mit dem vornehmen Gönner sogleich der Weg in die Küche! Es muhte die Leute, welche dort beschäftigt waren, empören, daß ein Fremder ihren Arbeitsbereich so durchforschte. Zuerst glaubte man, der Hofmeister habe einen Lebensmittelbeschauer bestellt, aber als es sich herumflüsterte, daß der Eindringling bloh des Herzogs neuer Musikdirektor fei ging der Küchenmeister auf ihn los und herrschte ihn an, was er hier suche^ Da geriet der neue Schlohbewohner in Erregung, und es war rührend, wie er dies außergewöhnlichen Rechte schilderte, bie fein Leib forderte d, doppelten Mengen und kräftigen Speisen. Rührend auch sem Bück * .i «edaRen der Küche auf einen Berg rohen, rosigen Hammelfleisches, das auf die Zubereitung wartete ... Bald fühlten es die Leute im Schloß: er war unschuldig m seinen Leibesaenüssen unschuldig in seinen Wutausbruche», er hatte das große Herz emes Kindes Und er besaß die schönste Gabe des Menschen den Fleih. Täglich stand er ganz früh auf, machte Spaziergänge und aß tüchtig, aber dann kamen die Musiker der S-hlohkapelle, und es wurden viele Stunden geprobt, nicht so wie unter dem früheren Leiter, zimperlich und mit Maß, sondern oft bis zur Erschöpfung^Die Leute standen, matt von den Instrumenten auf und ?'Ngen Heun zu ihren Familien er aber ah und trank jetzt für drei, breitete dann Blatter aus in seinem Zimmer und schrieb sie voll Und nachher kam> er in das Dorf- wirtshaus und trank wieder und war frisch wie am Morgen ... Es war keine Arbeit für ihn, auf Cannon Musikdirektor zu sem, sondern eine Erholung. Die Leute des Schlosses hatten keine Ahnung, was für e"n Ung-Heuer aus dem Gnadenreich der Kunst unter ihnen weilte Gott lieh Ihn einsam sein, ohne We,b. Er gab lhmeinenGaw men, dem alles schmeckte, und einen dazu geschasscnen Leib der aus Masten zugeführter Speisen Kräfte bauen konnte. Und Gott endlich verlieh ihm den herrschenden und doch reinen Ton den selbst Könige als natürlich achteten, so dah dem zornpolternden R'esen memals der Gehorsam verweigert wurde, niemals böse Ungunst, g .. Freiheit drohte. Ohne diese Gesundheit seines Leibes und ohne die Gröhe seines Charakters hätte er den Strapazen fernes^äußeren und inneren Lebens nicht standgehalten und wurde ihn die Welt semdselig Copyright 1935 by Deutsche Verlags-Hnstalt, Stuttgart und Berlin Erstes Kapitel. Anthem. Den Bauern der Landschaft Cannon war der Riese neu, ebenso den Leuten des Schlosses Cannon, von welchem die Landschaft ihren Namen hatte. Aber wer ihn einmal erschaute, vergaß ihn nicht wieder, wer ihn reden hörte, nährte monatelang die Phantasie mit den Bildern dieses Gemütes, und wer ihn essen oder trinken sah, bekam Durst, bekam Appetit! Wenn er an ihren Gehöften und Ställen vorbeikam oder auf Feldwegen zwischen Aeckern ging, aus denen sie pflügten, sahen die Menschen des Landes nach ihm und verglichen seine schwere und kräftige Gestalt mit der ihrer Tiere. Auch er blieb manchmal stehen und hob den Kops wie ein Hengst, der soeben noch das Futter zu seinen Fußen achtete und nun zu fressen aufhörte und Schweigen gebot durch die Gewalt seines weiten Blickes, der seltsam über die Erde wegging ... zermalmt haben. Denn er riß sie aus wie einen schlafenden Hund. Er störte sie beim unterwürfigen Spiel, beim säuselnden Gesang, er sperrte die Fenster auf und lieh frische Lust herein! Und überall war sein Bor- recht dabei zu fein, größer als das der anderen. Seine Akkorde waren kraftvoller, feine Melodien wärmer und wahrer als die der Wettbewer- der Und wie er sich mit Lichtftrömen der Musik und mit weltlicher Unternehmungslust Bahn durch die Gesellschaft brach, wie er immer ge- bieterischer wurde, sich hinwegfetzte über die Gebrechlichkeit der irdischen Majestäten, wie er mit den Primadonnen der Oper reinen Tisch machte und in Chören die Gewalt Gottes sammelte, daß sie immer mächtiger in den Ohren der Menschen klang, der Königsbefehl aus Ewigkeiten, vor dem eines Tages endlich der König eines Erdenreiches ganz selbstverständlich sich erhob — das war der Sieg des kahlen Riefen Handel! Er trug in Cannon nur an Sonntagen, wenn er die Orgel m der Kirche spielte, feine lockenreiche Perücke, fonst eine Mütze auf dem Kopf ohne viel Haar. Das nahm ihm nichts von der Würde und gab ihm ein gutmütiges Aussehen. Es paßte auch zu feinen etwas krummen Beinen, an denen stets die Strümpfe ein wenig rutschten. Die peinliche Ordnung an den Kleidern mochte er nicht. Oft genug zog er beim Orgelspiel den Rock aus und schwitzte noch in Hemdärmeln recht stark. Gerne ging er an so heihen Tagen hinaus in die Landschaft und bestellte sich in manchem Bauernhaus ein kräftiges Esten mit Trunk, bei dem er luftig und gesprächig wurde und sich auch fragen lieh, von woher er sei. Born Schloß. Schon immer dort gewesen? „’Rein, lieber Freund. Der neue Musikdirektor bin ich. Habt ihr den alten nicht gekannt?" „Der kam nie zu uns." „War wohl ein scheuer Gimpel! So sind bie meisten Musikanten! Ich "bin anbers, Bauer. Immer schon gewesen ..." Viel gereift?" "Allerdings Noch dazu kreuz und quer. Kennt ihr die Bärentreiber? Ja,"die kennt ihr. Und so bin ich, ein Bärentreiber, aber der Bar und der Treiber in einem. Wenn's mir wo nicht mehr patzt, bin ich Der Treiber, und wenn's was zu fressen gibt, bin ich der Bär!" Horen mögen, was sie zu den Lebensformen feinerer ™ ' doch bann lieh er es bleiben, sie, benen ber Acker bie Wett war, von bem Dasein anspruchsvollerer Menschen zu unterrichten. Lieber erzählte er ihnen wie bas Getreide in anderen Landern wuchs, welches Geflügel er dort gesihen hatte, und bat, ihn durch ihre Stätte zu fuhren. D.e Bauern taten es nicht ohne Stolz, zeigten Pferde und Binber, und betonten vor einer stattlichen Herde von Jungfchafen, daß nur die Ha ste im Pferc' fei. Die andere Hälfte befinde sich >m Weidegebiet. Und nächstes Jahr würden es wiederum fünfzig Stuck mehr fern ... Nachdenklich ging Händel ins Schloß zurück. Das Bäuerische gefiel ihm, er konnte bie Freube an h-nbgreiflichen Erfolgen, an Fruch en unb Zuchttieren mitfühlen, aber fremb blieb ihm, was em Bauer zeitlebens über mufr bie Gebulb. Jählings trieb ihn bie Borstellung zu schnellerem Gehen °n,' bah er hier auf den Feldern mit langsamer Hand em Leben hindurch den Pflug führen mühte. Und wie er fetzt fühlte, daß fein Leben drängte, frag er sich mit einemmal, wohin es bisher gedrängt hatte und die Jahre feiner Entwicklung standen, noch viele Möglichkeiten für die Zukunft offenlastend, vor feinen Augen. Zuerst die Wahl des Berufes, gegen bes Vaters Willen, die Jugend in Halle, mit Telemann als Anreger, die Zeck in Hamburg, die erste Berührung mit der Oper, die Wander,ahre in Italien, das verfuhre- ritoc Geben dort die Musikanten des Südens, die Gefahren ... Dann die Rückkehr nach dem Norden, bie Berufung nach London Und immer trat, ber Erfolge eine Unzufriedenheit mit sich felbft, und em wenig Gtticksgefühl nur im Kampf mit Komponisten und 3-'iungsleuten und Sänaern Und eines Tages, jetzt, als der Ruf des Herzogs von Chandos tarn, die Annahme dieses idyllischen Postens, von dem aus obwohl die kunltliebende Gesellschaft Londons auch hier zu Gast war, sich doch nicht die Welt erobern lieh ... Es trieb ihn etwas zu diesem rasch gewählten Erholungsurlaub für unbestimmte Zeit. Und doch war es die Borbereituug großer Taten auch Die Bauern freuten sich, dah der Herr aus dem Schloß fö offenherzig über sich sprach Und sie schienen ihn auch mit bem feinen und sicheren Gefühl des gefunden Volkes nicht mißverstanden zu haben, es chien, fie sahen ihn nicht für einen Frehbold an, sondern für emen Einsamen, der doch vernünftig genug war, dah er sich das Herz mch: zu schwer werden lieh auf dieser Welt. Er ging und kam ein anderes Mal wieder. Und danach wußten die Leute schon, daß er m Deutschland geboren war und Italien gesehen hatte und den königlichen Hof! von London kannte. Gern hätte Handel diesen unverdorbenen Menschen etwas über das Gelichter der Städte vorgeschimpft, hatte woh auch sie zu den Lebensformen feinerer Menschen jagten, ooch oann ueß ei es bleiben, fie, denen der Acker die Welt mar, von dem Dasein anfpruchsvollerer Menschen zu unterrichten. L'eber erzählte durch Arbeit, nicht allein durch Sammlung. Handel war es gleich in den ersten Tagen seines Ausenthalts in Cannon bewußt geworden, die Schloßkirche gefiel ihm besser als das Opernhaus in London. Dort waren Sänger, ewiger Wettstreit mit dem Orchester das Merkrnctt gewesen, hier gab es die Orgel, die so unwiderfprechlich klang ... Slng- stimm'en, Menschenstimmen, sie traten im Gottesdienst nie derart anmaßend hervor wie auf der Bühne, sie waren Dienst am Brausen, sie klangen mit, sonst nichts ... Händel hatte bei der Aufführung ferner, ersten Kirchenwerke, bei „Tedeum" und „Jubilate , schon ei.ne größere Macht der Musik empfunden, als er doch, der Anfänger in London, noch so fehr nach dem Glanz der Erde strebte, daß Oper oder Kirchenmusik ihm gleichviel galten. Inzwischen hatte es Enttäuschungen gegeben. Sein Mißtrauen gegen die Italiener war erwacht. So gegiert und füß wie ihre Melodien empfand der Deutsche sie bald selber. Aber er dachte beileibe nicht daran, um ihretwillen die Oper aufzugeben. Nur eben jetzt in Cannon wurde er mit einer Form der Kirchenmusik vertraut, die bescheiden, fromm und demütig während der Gottesdienste erklang. Händel hatte zweierlei Musikdienst auf dem Schlosse des Herzogs von Chandos. Der größere Teil galt der Hausmusik, einschließlich aller Darbietungen im Park und an Orten außer Hauses für besondere Stimmungen. Aber der Herzog wollte auch, daß sein neuer Direktor die Schönheit der Sonntagsmessen in der Schloßkapelle durch fein schon berühmt gewordenes Orgelfpiel hebe. Händel suchte nun die Bestände der Notenschränke n^ben dem Orgelkasten durch und fcknb Musikstücke, deren Bezeichnung ihm neu war. Auf den meisten Notenblättern stand als Titel das Wort „Anthem". Keine besondere Sache, ein Wechsel von Einzel- und Chorgesang, mit Orgel und Orchester als Begleitung. Ein biblischer Text gab die Unterlage. Händel hatte etwas Aehnliches in seiner Jugend schon mit der Vertonung der Passionstexte von Brockes geschaffen. Dies war freilich keine Tat großer Frömmigkeit von ihm gewesen, er hatte mit Stucken aus Opern und Oden nicht gespart, und obwohl die Melodien der Anthems, welche er da in der Kapelle Whitchurch auffanö, an Glanz den seinen in den Passtonstexten nicht gleichkamen, so klangen sie doch — er spielte sofort die meisten durch — viel verklärter und mehr gottnahe. In seiner Kirchenkomposition hatte ihn ein eitles und schwülstiges Dichterwort zu Versuchen verführt — hier in den Anthems fang das Volk, das schlichte und innige, mit mäßiger Kraft, doch mit gutem Vertrauen. Und plötzlich wurde es Händel bewußt: man mußte Vertrauen zu einem höheren Wefen soffen, bann galt die eigene Kraft viel mehr! Dann kam man auf den richtigen Ton! Und er fetzte sich hin und schrieb Über einem Schriftwort der Anthems, das längst schon vertont worden war, neue Musik, ebenso einfach, demselben Zwecke dienend, nur mit dem Händelschen Nachdruck ... Der Herzog von Chandos hatte den richtigen englischen Spleen. Sehr begütert, einsam und kinderlos, herb und doch liebebedürftig, war er zu einer hohen, wenn auch nicht einhelligen Bildung der Seele gelangt und öffnete sein Haus den Anwärtern der Kunst und Wissenschaft, den schöpferischen und ringenden Geistern feiner Heimat, aus deren Widersprüchen er noch am ehesten die Kraft zur Erhaltung des Gleichgewichts für sich selber empfing. Er lud an mehreren Wochentagen regelmäßig nicht nur die Londoner Angehörigen feines Standes, sondern noch aufmerksamer die Künstler und Gelehrten zu Gast auf fein Schloß, ermahnte jeden namhaften Besucher, das nächste Mal ein unbekanntes Talent mitzubringen, und kam ein solcher Schützling an, so konnte er der Teilnahme und der Förderung sicher sein. Wer einmal auf Schloß Cannon gesehen wurde, der hatte es auch in London viel leichter. Dichter, die hier zum Vortrag ihrer Verse kamen, fanden leichter einen Verleger, Maler, von deren Bildern man sprach, konnten diese eher und gut verkaufen. Und wie im Hause des Grafen von Burlington mochten auch hier von scheuen und errötenden Gelehrten, die ihre mächtigen Erkenntnisse mit weniger als Kinderkraft darzulegen wußten, Dinge ausgesprochen und von manchem Gast überhört werden, die ein Jahrhundert später das Geistesgebäude der Kultur erschütterten. Händel hörte, wenn sein Vortrag als Dirigent oder Meisterspieler beendet war, gerne schweigend die Gespräche der Geister mit an und begann erst mitzusprechen, wenn Gelächter in die Gesellschaft kam. Da übertönte er die anderen. Kühl blieb er vor den Aristokraten, die an nichts so sehr Anstoß nahmen als an seinem stets hochaufgerichteten Haupte. Es fah sich an, als wären feine Schultern und fein Nacken Erz gewesen und der Kops darüber unbeugsam — vor jedermann. Und Händel konnte sich nicht beugen. Sein Verneigen vor den Damen war so knapp, daß viele es kaum gewahrten. Er überragte sitzend oder stehend jeden Mann. Das paßte nscht den Lords und Herzögen, die das heimliche Königtum des Musikers nicht ahnten. Von dem Tage an, da Händel fein erstes Anthem schrieb, wandte er seine neue Liebe der Kirchenmusik zu. Außer seine Kapelle brauchte er hier zur Mitwirkung einen Chor und gute Solostimmen, zunächst drei: Sopran, Tenor und Baß. So bescheiden, ganz nach der Ueberlieferung, stattete er den Wechselgesang aus bei der Niederschrift des früheren Anthems. Der Einzelgesang sollte auch nur überleiten, wenn während des Gottesdienstes der Chor, der Verstärker der heiligen Handlungen, schwieg. Zart oder mahnend riefen ihn Sopran und Baß an. Händels Vorgänger hatte ihm an Singstimmen nicht eben viel des Guten hinterlassen. Kinder, Mägde und Männer aus dein Schloß, Dienerschast, geduckt lebend, geduckt fühlend, riefen sie zaghaft Gott an. Händel fühlte bei der ersten Probe, daß die Demut mächtiger, freudiger gesungen werden mußte. Er entsann sich seiner bäuerlichen Freunde in den umliegenden Ortschaften. Sein eingeborenes Geschick dafür, die Leute zu finden, die er brauchte, hals ihm auch hier. Er ließ sich Volkslieder vorsingen, alte Balladen und fromme Melodien. Er konnte bald zwei recht begabte Burschen und einen Schmied mit gehörigem Brummbaß zu sich auf das Schloß bestellen, um mit ihnen die Kirchenmusik einzuüben. Seine besondere Entdeckung aber war ein Bauernmädchen mit Altstimme und von merkwürdiger Nuhe des Wefens, bei einundzwanzig Jahre Alters. Sie hieß Mary Black und lebte allein mit ihrer alten Mutter. Der Vater war schon lange gestorben, ein Bruder tat Soldatendienste im königlichen Heer, ein anderer hatte Abenteurerblut in sich und lebte als Seefahrer meist fern der Heimat. Die Blacks waren arm, sie hatten ein Häuschen, ein paar Morgen Land, ein Stück Rind und mehrere Schafe Biel Arbeit gab es für die beiden Frauen, für die jüngere befon- ders Sie mußte ackern, mähen, das Haustier verforgen, Brennholz Herrichten, im Winter weben, und hatte überdies alle Wege zu Maller, Schuster oder Schmied zu machen. Doch ihr Körper, groß und kräftig, war diesen Mühen gewachsen. Feiner mochte ihre Seele sein, empsmd- famer da sie das Lied liebte und den Blick, den langen Blick, in das Morgen- oder Abendwerden der Landschaft. Ader es lag keine Schwermut, nicht einmal Sehnsucht, in ihren runden, braunen Augen, sondern eine Ruhe sprach daraus, eben die Ruhe ihres Wesens. Kein Ding war so groß, daß sie es nicht gelasien in ihren Blick ausgenommen hatte Händel erkannte, als er auf sie zutrat, sogleich eine schwere, doch echt weibliche Kraft. Sie an ihm eine Fülle, nicht nur leiblich, sondern auch im Willen. So stellte sich Mary Black wohl unbewußt das Kommen des Bräutigams vor. Doch der Fremde sprach nicht vom Freien, sondern von Musik. . .. o, , . Er frug Mary, ob sie fingen könne, und erkannte an ihrer Antwort im Redeton, daß sie cs könne und welches ihre Stimmlage sei. Er bat bann um ben Vortrag eines Liedes. Das Mäbchen sagte gefällig zu, schlug aber vor, in bie Stube zu gehen, wo sie ben Herrn auch mit ihrer Mutter bekannt machen könne. Selbe, Bauernmutter unb -tochter, fahen eine Ehre barin, als ber leibesstarke unb gutgetleibete Mann ihr Haus betrat. Hänbel schaute sich um in ber sauberen Stube, hatte sosort em kluges Wort für bas gute Gewebe in den Betten unb freute sich, kaum baß er faß, Brot unb Speck vor sich liegen zu fehen. Unb ber warme, ruhige Blick bes Mäbchensl Mary fang ein Lieb. Es war eine Ballade von Lebenslust unb kühnen Taten, boch auch von Unglück unb Verzweiflung. Trotzbem sie viel fingen mochte unb ihre Stimme voll unb kräftig klang, war ihr Gesang boch völlig ungeschult unb würbe verwohnten Musikkennern wohl nur em Lächeln abgezwungen haben. Aber Hänbel hörte nur nach ber menschlichen Ueberzeugungskrast bieses einfachen Gesanges. Da fühlte er, als das Mädchen den getrosten Schlußton der Ballade dreimal gesteigert anftimmte, daß sic glaubte. „Gott fah bas Rechte vor", waren bie letzten Worte des Liebes. Unb Hänbel hörte, baß man Glauben singen konnte — er hatte bas noch nie fo gehört, er nicht, in keinem Gottesbienft, geschweige denn in einer Oper! Das war immer Anpassung unb unterwürfiger oder eitler Ueberschwang. Das war kein Ton, kein Blick, wie dieses Mädchens runder, voller Blick! „Gott sah das Rechte vor" — das hieß tn ihrem Blick: ich weiß es schon, was man dazutun, wie man’s sagen muß! Das hieß ja — Händel dachte, daß in seinem ersten Anthem für diese Mad- chenstimme keine Noten waren, er dachte an ein zweites Anthem mit einer Stimme, die zu Gott sprechen sollte voll Maß und Menschenstolz und Wärme... J Doller Freude ging Händel an das Niederschreiben neuer Anthems, und mit gleicher Lust an die Ausbildung des Bauernmädchens für den Gesang im Gottesdienst. Als Mary das erstemal zu einer Probe den Chorraum betrat, dachten die Musiker, sie habe sich verlausen, und spöttisch meinte einer: „Was will die Mähre da heroben?" In das Gelächter der anderen hinein gab Händel laut Auskunft: „Sie bringt in Ihre dünne Luft, meine Herren, etwas vom Roßstall!" Sie brachte die geheimnisvolle Kraft zum richtigen Strömen in Händel, wenn sie neben ihm fang ober auch nur stand. Sie gab seinem Herrscherwillen Ruhe, und wenn er sich später einmal in bie Tyrannei bes Opernleiters verlor, hätte er nur an bieses Mäbchen zu benken brauchen, um sofort davon abzulassen, schwache Menschen unmäßig anzu- treiben oder ein geschäftliches Ziel allzu wild zu verfolgen. Den Ehrgeiz in lautere Tatkraft umzuwandeln, die Welt nicht durch Herrschsucht, sondern durch Freude zu bändigen und mitzureißen durch den Ton Gottes — dazu brauchte seine Kraft einen Wegweiser. Der Allmächtige schickte nicht nur einen in Handels Leben. Aber Mary Black war der früheste und rührendste. Sie stand in blaugefärbten Linnenkleidern unb hielt in arbeitsrauhen Hänben ein Notenblatt unb fang. Sonst brauchie sie ber Chorregent zu nichts, buchte sie. Wohl hatte er gute Worte für sie, so manches Mal nach bem Gottesdienst, doch er hielt sie nie zurück. Auch während sie noch in der Woche zweimal aufs Schloß kommen durfte, in fein schönes Arbeitszimmer, hatte er nach dem Gesangsunterricht sie jedesmal gehen lasten. Zuweilen lud er sie vorher noch W Weißbrot und Schinken ein — wobei es schon ein Genuß war, allein ihn essen zu sehen — und machte die Tafel noch kurzweiliger durch Scherze, die ihm kunterbunt einfielen. Aber das, woran Mary zwar nicht zu denken wagte, was sie aber aus gesundem Wefen wünschte, das schien dem doch nicht zimperlichen Musiker nie in ben Sinn zu kommen. Er war zu stark, um zimperlich zu sein. Hätte er Mary begehrt, er würbe sie genommen haben, ohne sich viel dabei zu benken. Aber in seiner Natur, bie beinahe allen menschlichen Leibenschasten Raum netz, fehlte bie bes Geschlechtes. Hätte er sie besessen, mürbe es bei feiner Kraft eine überroältigenbe Berührung mit dem Irdischen geworden fein, segnend und verheerend. Nie wäre aus einer solchen Gemeinschaft mit dem Weide die Musik geboren worden, die nach dem Engelskampfe dieses Künstlers mit sich selber entstand: die Händellche Mufik! Der Mangel an Geschlecht bei dem leibesstärksten aller Künstler, welche dieser Erdball jemals trug, ist das Gleichnis des Vaters im Himmel: wo immer wir uns ihn denken, in Familien, in Völkern, im Zorn, in der Siebe, im Segen ober im Fluch — immer wirb er nicht nur einem Geschöpfe gerecht, sondern dem zweiten fo gut wie dem dritten, unb ist immer einsam... «Fortsetzung folgt.) Hili In | iblt I tten I rere I Io» I her. 1 l"t I * ■ bin II »«■ U, btt» K Hat Ä ättt. I tti | aud) W bis I bet» W trott ■ bet I X 1 Ihm ■ alle» ■ rjatis ■ ei« ■ tarnt I imt, 1 hm I tagen I botfi W ; ei« i !"W' I als 11 -Ml 6 etzlen ff« ite- I »teige b! ober | । tfieiis ! Ihtm I I les I Mi I «mit uftolj I HM irbe» e den , unb ai !ie; ■n i" L- 4 en !• leine« ranne! benten am«' :M(ii -hfuM 1 Ion ästige ar bej ■n»1 rauebl* rle K jitni“' ontn*" siinlti’ o4 f aBet« . bot® ,r n# t, b«* ittttn"1. sende Landschaft. — rechtzeitig irgendwo verkrochen haben." — „Vielleicht liegt es immer noch draußen vor den Holmen", murmelt Ina. „Es waren noch ziemlich kleine Kerls, die zwei in ihrem neuen Boot", sagt Sverre, „und als der Mond durchkam, waren sie noch ziemlich dicht bei uns." Die Decken sind einigermaßen trocken, Ina bringt sie ins Zelt. Sverre füllt den Kochtopf mit Glut, Asche und heißem Sand, das gibt einen guten Ofen für das Zelt. Dann wickelt sie die Herdsteine in Handtücher — Wärme für die Füße. Sie reißt das Feuer auseinander, löscht es mit nassem Sand, steckt eine Kerze an und kriecht zu Ina ins Zelt. Das Licht glimmt matt durch den Zellstoff, dann löscht es aus. Sturm. Die ganze Nacht Sturm, erst mit dem Morgen ist seine Gewalt gebrochen. Die Sonne jindet eine klarsarbig windstille und schla- Ma^onna im Malsfeld. Von Hans Thyriot. Sie steht mit dem Kind aus dem Arm Im wehenden Welschkornwald, Die schrägen Strahlen der Sonne vergolden die sanfte Gestalt Und winden zu» slimmernden Krone den rostigen Heiligenschein; Sie aber schaut über Wiesen und Schilsrohr zum silbernen Main. hinter ihr steigt, in den fränkischen Sandstein gestuft, Der Weinberg ins blendende Blau, wo der kreisende Turmsalke ruft. Zu ihren Füßen die Straße, von Apfelbäumen besäumt, Läuft in den Acker, den reisender Roggen gelb überschäumt ... So stehn sie bei Tag und bei Nacht, in Sonne und Wind, In Sternglanz und Hagelschlag: Mutter und Kind, — Im roten Stein erstarrtes Gebet einer gläubigen Zeit, . Die Landschaft sommerlich fegnend mit ewiger Fruchtbarkeit Sverre muh die Augen schließen. Die Sonne steht schon hoch. Der See glitzert und sprüht in Licht und jungem Frühwind. Die Lust kommt kühl über das Wasser, dustend und warm von den Wiesen und heiß von den Sünden her. Die Schilsholme stehen wellig bewegt, gelblich und blitzend grün in der durchsichtigen Frische. Sverre läuft ins Wasser, wirst sich atmend hinaus und schwimmt selig vor Krast und starker Gestrasstheit bis an den Holm. Eine Schar Enten fliegt klingend auf. Sverre saht Grund und watet, bis der See offen vor ihr liegt. Sie blickt umher, besinnt sich und schwimmt zurück, weckt Ina und gibt ihr auf, ein Frühstück zu bereiten; bann zieht sie das Boot zu Wasser, setzt Segel und gleitet aus der Bucht heraus. Sie segelt an den Holmen entlang, an den Wiesenniederungen, sie späht hin und her. Wie stand der Wind heute nacht, überlegt sie, wie lief der Wellenschlag, wo ungefähr haben wir das Boot der Jungens verloren? Sie sucht, wendet, der See ist groß, sie fucht einen langen Uferbogen ab. Wo kann das Boot der Jungens geblieben fein? Sie begegnet etwas Treibendem und erschrickt — ach, nichts, Astwerk und Schils. Ein graues Boot mit rotem Verdeck, wo kann es geblieben fein? Sverre segelt ein waldiges Userstück an, geht an Land, nichts. Eine ausgedehnte Schilfinsel, Buschwerk und Gras in der Mitte, Scharen von Wasservögeln steigen auf, nichts. Sverre segelt zurück, späht nach der nächtlichen Einfahrt zwischen den Holmen. Ina wird schon warten. An einer Stelle des Holmes ist die Schilfwand durch eine schmale Gasse eingebrochen, die Halme sind srifch geknickt, eine auffällige Lücke. Sverre muß lebensgefährlich halfen, das Boot steckt die Nafe in den Wind, Sverre stellt sich auf. Ja, das rote Verdeck. Das Boot der Jungens. Sverre bringt in bie Gaffe ein. „Hel" ruft sie, „he, Jungs 1 He!" Ein Kopf richtet sich' schwer auf, will sich umroenben, finkt zurück. Sverre klettert vor, verknotet bie Bootsschnur an ber Hecköse bes Jungenbootes und ftaatt vorsichtig aus der Gaffe heraus. Draußen nimmt sie das Boot in Schlepp und segelt behutsam in die Bucht zurück. Die Jungen sind nur schwer wachzukriegen. Sie blinzeln und wackeln mit den Köpfen. Ina hat Tee, Haferslocken und das trockene Innere naßgeworbenen Brotes. Die Jungens schlingen wie Wölfe, kaum daß sie die Augen dabei ausmachen. Sie sind nur mit Schwierigkeit ins Zelt 3U ",Für"uns" kein Frühstück unb für alle vier nichts zu Mittag", stellt Ina fest, „was kann man ba tun, Sverre?" — „Nimm ein Messer unb ein paar Beutelchen mit und komm", erwidert Sverre. — Doppelrenner erwacht. Er kneist sich in bie Nase, aber es wirb dadurch nicht anders. „Elchhäuptling", flüstert er, „Mann, wach auf!" — „Was 's los?" fragt Elchhöuptling. „Wir find entführt und gefangen! — „Au, Mann", fägt der Häuptling etwas unsicher. „Ist doch wunderbar!" freut sich Doppelrenner. Geräusche. Elchhäuptling späht. „Zwei Squaws!" flüstert er. „Mach hurtig", treibt Sverre, „damit wir fertig find, wenn sie aufwachen. — „Ha, das haben sie nicht gefunden^, flüstert Doppelrenner und zieht fein Taschenmesser hervor. „Wollen wir raus, wenn sie ahnungslos sind, unb sie sesseln unb skalpieren?" — „Hier finb bie Oueckenwurzeln, bie Teichkolbenstiele unb bie jungen Farnwebel. Du mußt sie schälen unb genau wie Spargel kochen. Wo hast du die Brennesselblätter? So, bazu nimmst bu Löwenzahn», Wegewarte- unb Sauerampserdlätter unb kochst ie wie Spinat. Aus dem Pfennigkraut, Lössel- und Psesserkraut machst du fo etwas wie Salat. Verstanden?" — „Die wollen uns vergiften, merkst du das?" — „Gib mir dein Messer, ich bin ber Häuptling!" Sverre blickte burch ben Zeltvorhang. „Na, schon erwacht?" Schweigen. „Euch liegt biefe Nacht wohl noch ein bißchen in den Gliedern, wie? — Mensch" sagt Doppelrenner, „Häuptling, wir wären ja heute nacht beinahe —* — „Ist ja richtig!" schlägt sich ber Häuptling vor den Kopf, o Mann" sagt er, unb „o Mann", wieberholt ber Renner, unb beiden wird noch nachträglich ein wenig sonderbar zumute. „Daß man so etwas vergessen kann", wundert sich der Häuptling, „nee!" Nun bleibt man liegen", sagt Sverre, „in einer halben Stunde gibt es Mittagessen. Ihr kennt uns doch noch? Wir kamen gestern zusammen durch die Schleuse und —" — „Klar", sagen die Jungens, „aber ... — Was aber?" — „Wir banken auch schön ... bah Sie uns aus dem Schils äeholt haben ... wir Haden ben Kahn einfach auf Grunb gesetzt, als wir nicht mehr konnten, aber ... nö, bann wollen wir man schon Fehen, nicht, Doppelrenner?" — „Jaja, unb schönen Dank auch, Fräulein? Ina schüttelt ben Kopf. Sverre sieht unbewegt hinter ben Jungens her. Wir hätten es ba ja ganz bequem gehabt", hört sie ben kleinen Doppelrenner faqen „fast wie bei Mutter mit Mittagessen unb Kaffee, aber nee!" _ ‘„Dafür geht man auch grabe von Mutter weg auf See unb in bie Prärie, was?" — „Nee Aber was bie da kochen wollen, md)t? — Na giftig wird es schon nicht gewesen fein. Ober was meinst du? — "Och, es wäre vielleicht sogar ein ganz listiger Fraß geworben. — tin" vielleicht" — „Wollen wir nochmal ,Aus Wiebersehen rufen? — 3a' los- Auf Wiebersehen!" — „Auf Wiebersehen!" ruft Sverre. Ina schweigt „Wiebersehen", rufen die Jungens, „Wiedersehn!" Ob bie wohl immer so etwas elfen?" fragt Elchhöuptling, als das Boot aus bem Holmen heraus ist. „ULelß bu was", sagt Doppe renner, wir fangen einen Hecht unb schießen mit bem Bogen — müssen ro r I uns nachher gleich machen — schießen ein paar Enten. Die bringen wir 3n einer Bucht hinter Schilfholmen. Von Gorge Spervogel. Der Glanz bes Sees oerbuntelt sich, Böen ziehen toroergraue Streifen über bie adenbliche Spiegelung, mit ihnen wehen Kühle und dichtere Dämmerung herauf. Die Schilfholme gewinnen ein saufendes Leben, ber Winb wispert unb schauert barüber hin, von den Kiesernwäldern kommt dieses gleichmäßig tiefe Orgeln, das die Nacht erst zur Nacht macht. Der große Mond gewinnt für eine Weile Macht und Fülle, die Wellen glitzern auf und zersprühen fein Licht, dann treibt hastig eine schwere Wolke vor, die Hügel am'Horizont verwischen, die Nacht wird vollständig. Das Boot liegt vor den Schilsholmen, bie Wellen Haden mit ihm ihr Spiel, saugen es an, schleudern es vor. Die winzige Fock saßt wenig Wind, das Boot hat nur geringe Fahrt. Weiße Wellenkämme rauschen vorbei, waschen über Bord unb Deck, verlausen In ber Dunkelheit. Das Sausen im Schils verstärkt sich, es übertönt ben Schwall bes Wassers. Das Boot muß quer zum Wellenschlag halten, es kämpst sich ben Schils- holm entlang. Das Sausen entfernt sich, kommt von backborbs verstärkt heran. Das Boot breht in ben Winb, von fteuerborb nähert sich wieder das Rauschen, aber nun von rückwärts, unb bann bleibt plötzlich ber Wind aus, das Wasser ist ruhiger als draußen, bas Boot hat die Lücke zwischen ben Holmen unb bamit die Bucht gewonnen. Das Boot läuft auf. „Sverre", sagt eine Stimme, bebenb vor Kalte unb Anstrengung, „hier müssen wir bleiben." — „Nimm bas Zelt heraus", lagt Sverre, „pack bas Heck leer, ich sehe mich nach einem Platze um." — „Ach Sverre", sagt Ina mühsam, „bleib boch bitte hier .. . tm Boot ist alles naß geworben ... ich friere fo, bas Wasser läuft an mir herunter ... o Gott, was wirb das für eine Nacht werben .... Sverre?" Sverre ist längst fort, sie geht über ben Sanb bahin, ber Winb klatscht ihr die Haare ins Gesicht, aus dem Sweater tropft unb rinnt es ben Körper entlang. Einen Lagerplatz muß ich finben, denkt sie, und trockenes Holz unb ein paar bitte Steine. Einen Lagerplatz in biefer Finsternis, in diesem verdammten Sturm. Ina hört Schritte, rechts, links, überall Schritte. Die Wellen klatschen gegen die Bootshaut, die Fock schlägt und knallt. Der Sturm nimmt zu, heult über bie Wälber hin, verwählt sich im Wasser, fangt sich WiUenb unb faulenb im Schilf. Wieber Schritte, schreckhaft plötzlich eine Gestalt „Ina? Nimm bie Pabdel unb das Zelt. Ich habe einen Platz. Sverre watet ins Waifer, zieht das Boot hinter sich her. Ina geht am Ufer entlang, stolpernd, mit wankendem Schritt. Die Paddel sind ungebärdig, ber Winb packt sie an, er verfängt sich im Zelt, bläht ee auf, schlagt es um Inas Knie. Das Mäbchen haftet voran, um ben rauschenden Schritten draußen zu folgen. Der Strand macht einen Knick. Ina stemmt sich gegen ben Sturm an. Voraus muß ein Gebüsch sein, es flattert unb raulcht. „Komm hierher, Ina! Pack an!" Die Mäbchen ziehen bas Boot an Land, drehen es um, damit das Wasfer hinausläuft. Undichte Spritzdecke. Beim Auspacken: die zwei Mäntel, trocken. Decken: zur Home naß. Die Bodenzeltplane: «rocken. Der Kleiderfack: triefend. Der Kochtopf mit Streichhölzern, Fotobox, Gewürzpäckchen, Zucker, Salz unb Tee — trocken. Streichhölzer. Naja. Nasa! Alles halb fo schlimm. , Das Gebüsch umschließt eine kleine Mulbe, mit hohem Gras beffanben, roinbftill unb trocken. Ina schleppt bie Sachen über Stranb unb Ufer- ranft Sverre lucht Holz, bürres Astwerk, angeschwemmte Wurzelstrunke unb grobe Klötze. Sie sucht blind, tastet mit Fuß- unb Fingerspitzen ben Strand ab. Feuer, Licht, Wärme, bas ist bas Wichtigste. Ina muß versuchen, bas Zelt aufzuschlagen, ob es nun krumm, schief ober gerabe wirb - Hauptsache ist, es steht. Sverre baut bie Feuerstelle, der Zeltöffnung gegenüber. Sie berechnet Wind. Funkenslug unb Untergrund schleppt Sanb im Kocktopf unb Steine auf bem 2lrm herbei, sie baut einen richtigen kleinen Herb. Dann sucht sie trockene Busche unb Halme, knickt und bricht bürre Zweige. Als endlich die Streichholz- flamme auf- unb überspringt, ist die Hoffnungslosigkeit geringer, die Müdigkeit aber vollständig geworden. Ina hockt matt und leer am Feuer. Sverre trägt den Kochtopf voll Wasser herbei. Sie bereitet das Sager Sie versorgt bas Boot zur Nacht. Sie sieht: Ina sitzt in einem flein u Rreile ber Geborgenheit, bie Gebüsche blicken nut Sieffen unb «lottern in das büpfenbe Feuer, die Gräser stehen wach das Ze" wirsteinen Schatten. Aber hinter bem hellen Kreise steht bte rauschenbe Nacht unb blickt herein; kein Dach, keine Wanb schützt vor bem Hereingnfs des schwarzen, sausenden Himmels Das heiße Wasser gibt einen guten Tee. Sverre legt dicke Wurzel- ftocke und daraus Steine in die Glut. Die Decken hangen auf die Paddel «-spannt, nahe am Feuer. ..Wo wohl bas anbere Boot geblieben , fragt Ina in ihre Teetasse, „bas heute morgen mit uns burch bie Schleuß gekommen ist?" — „Wirb schon klüger gewesen sein als wir uno pey Das Antlitz Lübecks. Gröhe und Schönheit einer allen deutschen Stadt. Von Wilhelm Hausen st ein. Dem Zureisenden steht das Profil der Stadt als eines der reinsten, die man erleben kann, im bewundernden Blick, der sogleich auch Vertrauen saht: da ist die Stattlichkeit und Sicherheit der alten Stadt. Das Holstentor, das berühmte, in weihnachtlichem Marzipan schon den Kindern, auch im deutschen Süden, gar wohl bekannt, bestätigt sicy nun endlich im Märchen der Wirklichkeit — sein eigenes Siegel. Die fest zusammengedichteten Ziegelsteine sind ein Urbild des Massiven und ^Am^ User der nahen Trave halten sich die Salzspeicher. Mit ihren Treppengiebeln hangen sie zurück — den Rücken anlehnend an die stutzende Geisterkrast einer Vergangenheit, die auch in diesem lichten Morgen als eine wirkliche Macht anwesend ist. Das Wasser vor den Hausern steht moorig aus. t , .. , ... .. Der viereckige Platz mit dem Rathaus und der Marienkirche ist einer der schönsten Platzräume, die es geben kann. Es ist eine Piazza, wie nur je in Italien eine gewesen ist: auch der Markt in Nürnberg ist nicht glücklicher! Die rüstige Gotik des Rathauses hat sich spielend und auch großartig bewußt in die Höhe gestreckt; eine verwegene Backsteinwand durch kreisrunde Windlöcher gegen nördliche Stürme geschützt, die von der See her durch die Luken schießen, dem Gemäuer aber eben darum nichts anhaben können — diese Mauer sitzt wie ein Diadem auf der Stirn des bürgerlichen Stadtpalastes, und schlanke Türme über der Wand sind wie Zinken eine Krone; auf der Brust trägt dies Rathaus mit reizender Eitelkeit den Schmuck der gleichsam vorgesteckten Renaissanceformen aus hellem, plastisch ziseliertem Haustein. Dies Bild ist köstlich. Aber den entscheidenden Zug der Größe empfängt der Platz von der Marienkirche, die mit einfacher Mächtigkeit das Rathaus und den Platz überschattet und versichert, wie überhaupt die Kraft des geistlichen Lebens dem bürgerlichen Selbstgefühl, der bürgerlichen Heiterkeit das Recht, das Maß und vollends den Hintergrund jenseitiger Bürgschaften verleiht. Veran »wörtlich: vr. Hans Thhriot. — Druck und Beklag: Brühl'sche Universitäts-Buch, und Steindruckerei. 2L Lange, ffiiefie»- Jakob, die Katharinenkirche: dies ist der nämliche Akkord - bloß wem. aer mächtig angeschlagen, weniger großartig gespielt Aber jenfetts des Hauptplatzes, dem südlichen Rand der Altstadt nahe, erhebt sich eine Kirche von kathedralischem Geist. Der Dom, den Heinrich der Lowe 1173 gestiftet hat. Die romanische Stirnseite mit den mächtigem die hundert Meter weit übersteigenden Türmen ruht hinter einem Schleier von Baumzweigen: rot vom Backstein. Auch innen hat die gewichtige Gewalt romanischer Form an der Gestalt gebildet, und dies so sehr daß man des romanischen Wesens am gewissesten und liebsten ,nne wird Der Dom umschließt überm gotischen Lettner ein erregendes Flam- bonantkreuz des Bernt N o t k e. Er umfangt einen Altar aus der Hand des M e m l i n g , und niemand wird leugnen, daß Kreuztragung, Kalvarienberg, Grablegung, auch Auferstehung, wie sie von der vollkommenen Innigkeit eines großen gotischen Meisters da gemalt sind, dar Gemüt auf ebenso nachdrückliche wie seine Art anruhren. Der Künstler und Kunsthandwerker der Renaissance haben eine große Uhr hereingetan, damit die Gläubigen lernen, die Zeit zu betrachten. Aus dem Zifferblatt ist eine Sonne eingesetzt; sie wendet die Nutzen nach। rechts und links -r- sieht alles drüben wie Huben, bringt auch alles an den Tag Nun ist es zwölf Uhr. Nun schlägt in Gestalt eines Jungt,ngs das Leben selb« viermal mit dem Ham.uer an die Glocke, um anzumelden, daß die Vollendung der Stunde, die Mitte des Tages da ift Unb nun geschieht'-, daß der Tod in der Gestalt eines Gerippes das Stundenglas umdreht und schrecklich den Schädel schüttelnd, den Hammer zwölf harte Male an die Glocke fahren läßt. r. . _. . Die wahrhaft gewaltigen Baudenkmale der Stadt sind durch Straben und Gassen verbunden, in denen die Einheit des lübischen Geistes be scheidener und dennoch eindringlich genug sich bezeugt: die Hauser sind in rotem Backstein aufgemauert, und gotisch gestaffelte oder barock! ge schweifte Giebel — zurücksinkend da und dort wie an den Salzspeichern — sind säst die einzige Zierform. Mitunter haben bie Hauser einen simplen Verputz und Anstrich empfangen. Da sind von Gaffen abge- zweigt kleine Höfe, in denen alte Witwen wohnen: Hofe gleich den Beghinenhösen Flandern oder der unvergessenen Fuggere, in Augsburg. Alte Weiblein sitzen aus grüner oder weißer Bank vor ihrenl Puppen- Häuschen und sonnen sich oder sie putzen das Messing ihrer Türklinke mit eifernden Händen. Und wenn sie den Fremden em aden das Innere des Häuschens zu besehen, so ist ein winziges, mit alten Linge überfülltes und sehr behagliches Stübchen da, in dessen Grund ein reinliches Bett den Alkoven einnimmt. Es gibt ein Heiliggeisthospital. Man tritt in eine schöne gotische Kirchenhalle, die durch seine unb robuste Schnitzaltäre der Gotik ausgezeichnet ist; aus dieser Kirche blickt man in das angeschlossene Hospiz, in dem die alten Menschen, Greste und Greisinnen, als Psründner in Zellen sitzen, rote Mönche und Nonnen in ihren Klosterzellen tun. Wenn sie zur Straße wollen, dann neh- men sie immer gern den Weg durch die Kirche — denn er ist der gegebene; und ebenso kehren sie zu ihren Zellen zuruck. In merkwürdiger Begegnung ergibt sich, daß aber auch das Museale dieser Stadt eine leidenschaftlich angreifende Gewalt empfangen kann, der Sankt Jürgen, dem Original des großen lubischen Spatgotikers Bernt N o t k e in der großen Stockholmer Kirche vorzüglich nachgebildet und in der zu einem erstaunlichen Museum gewandelten Lübecker Katharinenkirche mit anderen bewundernswerten Drngen ausgestellt - dieser heilige Georg ist ein Werk von unerhörter Gegenwärtigkeit! Alle Modernen, die je nach Kraft und Ausdruck begierig waren, dürfen froh sein wenn sie, zusammengenommen, als Heer, die pulsierende Gewaii der Form, die phantastische Fülle des Ausdrucks besäßen, die von dieser Gruppe eines mittelalterlichen lübischen Meisters noch in unserem Augenblick erregend und vollkommen überspringt, wie die Schweden ehedem in Staunen hielt. 1143 nahe einer alten wendischen Siedlung, als deutsche Stadt ge gründet, erfährt Lübeck die Gunst Heinrichs, den man den Löwen nannte und die Freundschaft des Rotbarts, auch jenes zweiten Friedrich, der unter den Staufern der genialste, der weiteste m Raum und Idee am großartigsten ausgespannte Geist gewesen ist. 1367 wird Lübeck Vorort der Hansa. An der Spitze dieses wirtschaftlichen und weltpolitischen Verbandes stehend, greift Lübeck nach Flandern und nach Krakau, nach Köln und Breslau, nach London und Nowgorod, nach Lissabon und Island nicht nur handeltreibend, sondern auch gebieterisch aus; es git» der nordischen Welt auch das Beispiel der Kunst! Nicht em einziges Schiff auf der Ostsee, das in jenem Zeitalter vor Lübeck nicht anlegt Die dänischen Könige halten eine Weile die gepanzerte Hand aus Der Stadt; aber sie schüttelt sich, und siehe, 1370 gewinnt sie sogar die Ae- fuqnis, die dänischen Könige zu bestätigen! Es verschlägt ihr auch nichts, das unbotmäßige Kopenhagen zu zerstören. Diese ungeheure Herrschast währt bis etwa 1500: bis zur Entdeckung Amerikas und der atlantischen Gewässer. Dies wird die Katastrophe für Lübeck — dies unb bie Abwon- berunq des Heringszuges, der vordem den Lübeckern ein Monopol erbeutet hat. Ist bas Gewicht bes Ereignisses unwahrscheinlich? So le!' man in Hamsuns Romanen, wie ber Schwarm ber Fische Leben uno Sterben einer Küste schicksalhaft regelt ... Mit biefen Dingen stimmt es überein, wenn bie große Gestalt oer Stabt romanisch unb gotisch ist. Ader noch in ben Zeiten nach 1500, Die wir Renaissance und Barock nennen, ist die Kraft der Stadt zum wenig ften so stark, daß Rathaus und Kirchen aus eine überschwengliche Weil- geschmückt werden können. Nun empfängt der Dom den barocken Staats- altar, nun die reiche Barockorgel in Braun, Weiß und Gold, nun w- Alabasterreliefs der Renaissancekanzel; nun empfangt die Aeglbienkirm- die gewaltige Orgel, deren Form von der Renaissance zum Barock vm- überschwillt, und den prächtigen Renatssancedeckel auf dem gottschea Taufstein ... Die Spannungen der Reformation und der barocken ^onn- lust sind wenigstens noch in diesem stolzen, ja schwelgerischen May oes Schmuckes ein produktiver Antrieb geworden, und noch m jenen Zene hat das Meer die lübische Flagge hoch geehrt. Es ist eine Kirche von kathedralischen Graden: kathedralisch außen, kathedralisch auch innen, wo die weihgetünchte Kirche die ganze gott- selig ausgejchwungene und demütige Ueberlegentjeit der weitesten und edelsten Gotik beurkundet. Der Ausbau hat aus späteren Zeitaltern die lebhastesien Verzierungen empfangen, ohne an kirchlichem Adel einzubüßen. Eine gewaltige Orgel gehört jener spätesten und am Üppigsten entwickelten Zeit der Gotik an, die man um ihres gleichsam flammenden, um ihres feurig ausschlagenden Charakters willen das Flamboyant genannt hat. Renaissance und Barock haben ein Übriges getan: die Kirche starrt vom Dekor der nachgeborenen Jahrhunderte. Die Fülle nimmt der Reinheit des gotischen Bauwesens und der gotischen Andacht den Platz nicht ernstlich fort. Die Dinge schieben sich voreinander, aber man erkennt die Gröhe gotischen Ursprungs. Die Marienkirche, bereit Großartigkeit bem noblen Stil französischer Kathedralen nicht auszuweichen braucht, ist das überragende Beispiel der lübischen Kirchen des gotischen Mittelalters. Sankt Aegidien, Sankt ihnen bann nachts hin. Wo sie uns doch aus dem Schilf geholt haben.- — „Und die Pfeile lasten wir in den Enten brm, das gut aus. „ Unb wir könnten ihr Lager nachts bewachen, wo es bodj TOabdjen finb. — Ja", sagt ber Häuptling, „aber jetzt wollen wir erst einmalorbentlich was essen." — „Das ist ein Gebaute", fagt Doppelrenner unb legt fein Pabdel weg. ____ Morgenlied an die Sonne. Von Matthias Claubius. Da kommt sie her: Der Berg frohlocket laut unb bringt ihr feinen Rauch! Das Tal frohlockt, geschmückt wie eine Braut! Unb mir frohlocken auch. Auf, denkt an den, der sie erschaffen hat! Der ist ein großer Herr: Held, Friedesürst und Vater, Kraft und Rat, und keiner ist wie er! Ihm wird's nicht Tag, er hat kein Schlasgemach, er schläft und schlummert nicht! Sein Daterherz ist ewig, ewig wach und ewig Lieb' und Licht! Er sitzt dort hoch in stiller Einsamkeit und sinnt aus unser Wohl; • den großen Schoß voll Wohltat weit unb breit, unb beibe Hände voll! ' Unb sieht herab auf Sterne, ßanb unb Meer mit unverwanbtem Blick, sieht seine Kinber alle rund umher, ihr Elend und ihr Glück! Du Gnädiger! o du Barmherziger! Barmherzig für und für! Du Gnädiger! o du Barmherziger! Herr Gott, dich loben wir!