SWnerKmiilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1935 Montag, den 18. November Nummer 90 Liebesroman GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE Von Walther von Hollanöer Copyright 6g August Scherl S.m.b.h., Berlin 17. Fortsetzung. Sie steht und sagt: „Gott sei Dank, daß ich dich gefunden habe, Alfred!" Er antwortet: „Ich habe dich da oben gesucht", und zeigt auf das Haus am Hang. „Und Ich habe Rauthammer gesucht. Aber ihr wäret beide nicht da. Nur Sophie Wahnke war da. Weißt du das?" Barbara nickt. Sie dreht sich langsam um und geht wieder weg. „Barbara!" ruft Meimberg. Sie bleibt stehn, aber sie sieht sich nicht um. „Barbara!" Er geht ihr nach. Er steht neben ihr. „Warum hast du mich eigentlich vorhin gerufen?" fragt Barbara leise. „Das klang so ... so ... als wüßtest du endlich alles." „Ja", sagt er schnell, „ich weiß jetzt auch alles ..." „Nein, nein", fällt sie ein, „nicht, wie du es meinst, nicht, wie es jetzt aussieht. Und vielleicht immer aussehen wird. Ich dachte, du wüßtest, wie es wirklich ist. Das dachte ich." Damit will sie nun endgültig weggehn. Für immer. Aber etwas muß sie doch noch sagen. „Ich bin natürlich schuld an der ganzen Sache", sagt sie und legt ihre Hand auf Alfreds Arm. Genau so, wie sie ihn beim Autofahren immer draufgelegt hat. Das ist sehr merkwürdig. Denn nun ist ein Kontakt geschlossen. Da kann man machen, was man will. Nun versteht man sich plötzlich. Das geht durch alle Mauern des Mißtruaens und der Mißverständnisse. „Ich bin schuld daran", wiederholt sie, „als wir heirateten, steckte mir noch ein bißchen Liebe zu Rauthammer im Blut. Ich wußte es nicht, bis ich ihn gesehn hatte. Und ich hatte auch noch Angst um meine Selbständigkeit. Darum war ich geheimnisvoller als nötig. So ist alles gekommen. Ganz klar ... jo ist es gekommen, wenn ich auch im einzelnen nicht mehr verstehe, wie es kommen konnte." „Also ist es doch gekommen", sagt Alfred, „bis jetzt hatte ich immer noch gedacht, du könntest mich nicht betrügen ..." Barbara dreht sich nun endlich wieder ganz um. Sie sieht ihren Alfred an Sie muß die Sache nun ganz entwirren, wie sie sie ganz verwirrt hat. Jedes Wort macht die Sache scheinbar noch verrückter. Schließlich weiß sie selber nicht mehr, was sie getan hat. .Alfred", sagt sie, „nun sag mal ganz deutlich, was du eigentlich denkst. Hier ins Ohr sollst du es mir sagen. Ganz leise ..." „Mir ist gar nicht nach Niedlichkeiten und Späßen zumute , murrt Alfred. Die Backpfeife sitzt sehr gut. Gut, denkt Barbara, das war für das erste Verschweigen, und für das zweite Verschweigen war der eisige Empfang vorhin, und für das dritte Verschweigen oder Verzögern werde ich gleich noch eine Ohrfeige kriegen, und dann werde ich noch wegen des letzten Restes von Liebe zu Rauthammer bestraft werden, und dann wird ja endlich alles Hezahlt sein. „Du mußt jetzt sprechen", fängt sie von neuem an. Sie legt die Arme um seinen Hals, sie läßt auch nicht los, als er sich ungeduldig befreien will. Dritte Ohrfeige! denkt sie. Sehr gut. Es geht schneller, als ich dachte. Es ist wohl eine schreckliche Marter, einem Mann am Hals hangen, der einen gar nicht haben will. Aber er irrt ja. Er will sie ja haben. <-ie weiß es genau. Die Frau, die sie wirklich ist ...tue will er bestimmt haben Und nur dieses Phantasiegebilde, das er sich zurechtgemacht hat, diese kleine Lügnerin und Gaunerin und Verschwörerin, die will er Rechtens loswerden. Und da sagt er es denn endlich Aber nicht ,n ihr Ohr, sondern laut über die Wiese weg. „Es muh w,rkl,ch m,t dem Ve^ stecktspiel ausgehört werden. Du hast ganz recht. Was ich glaube? Ich glaube, daß du mich gestern abend mit Rauthammer betrogen hast. Als er es gesagt hat — so mit dürren Worten gesagt — glaubt er es selber schon nicht mehr. So in der Sonne wird der Verdacht unsinnig. Aber Barbara nickt. „Gott sei Dank, nun ist es gesagt. Nun kann es klarwerden. Ich habe dich wirklich betrogen. Es ist wahr Aber ganz anders, als du denkst, und ich meine, du wirst mir verzeihen können, wenn ich dir ^VnbS f,Ub>" Alfred versteht sie ganz gut. „Anders?" Sie haben schon einmal über Siebe gesprochen und über Abenteuer. Damals auf der ersten Fahrt nach der Hochzeit. „Anders ... , sagt er zart ... „zlnöera .' ich glaube" ich verstehe dich. Ich glaube ,. du ... es w,rd vielleicht doch noch gut zwischen uns ... meinst du .. - f(innt „Ja ich meine, wir werden es schon kriegen , sagt Barbara. Es kli g nicht gerade sehr mutig. Sie sieht nämlich jetzt, rote ungeheuer leichtsinnig sie beide ihre Liebe angefangen haben. Und daß es wirklich kein Wunder ist, wie schnell die Sache schiefging. Und sie sieht, wie viel Arbeit und Kummer, wieviel Versuche und wieviel Demütigungen dazu gehören werden, um zu einer richtigen, zu einer gut gebauten Liebe zu kommen. Vom Hause Rebstock klingt das Mittagsgong ins Tal. Es brummt und schwingt durch die Mittagsglut und beendet diese Szene, deren Schauspieler sonst noch lange keinen Abgang gefunden hätten. „Jetzt werden wir erst mal wie ganz normale Sommerfrischler essen gehn", sagt Barbara, „ich habe auch gar keinen Hunger. Das ist einerlei. Wir wollen uns aber — das mußt du mir schon zuliebe tun — denen da unten stellen. Sie denken alle dasselbe, was du gedacht hast, und ihnen kann man es nicht einmal Übelnehmen. Und dir kann ich es nicht Übelnehmen, wenn du mir böse darüber bist, daß ich dir das eingebrockt habe." „Aber Barbi", lacht Alfred, „glaubst du wirklich, daß mir das was ausmacht? Nein, wirklich nicht. Da soll dich nur mal jemand falsch angucken, dem drehe ich den Hals um!" (Er kennt anscheinend keine andere Todesart über seine Gegner, unser Meimberg.) „Außerdem fahren wir einfach heute nachmittag weg, und dann kann uns die ganze Gesellschaft den Buckel ’rauffteigen ..." „Heute nachmittag?" fragt Barbara, und sie beantwortet es selbst: „Ich glaube, wir fahren erst morgen früh. Frühestens sogar." Sie gehen Arm in Arm über die Wiese zum Fluß. Drüben sind schon die Gäste gor dem Haus erschienen. Sie haben teilweise schon an ihren Tischchen Platz genommen. Bei gutem Wetter, nicht wahr, ißt man unter der Esche. Hauptmann (Beriete hat „für diesen Tag" sogar ausdrücklich seinen Tisch wie immer mit Meimbergs zusammen haben wollen. Wozu einen Krach, wozu die Aufregungen seiner Frau? Morgen werden sie abfahren. Dann ist der Fall Meimberg erledigt. Man sieht also den beiden gespannt entgegen. Körners winken. Die Kichermädchen winken, der Oberlehrer winkt, der (Blpbetrotter, der alle Frauen verehrt. „Schnell, schnell!" ruft das eine Kichermädchen — ganz recht, die mit der roten Glaskette. „Schnell! Wir warten schon!" „Einen Augenblick!" ruft Alfred zurück. Und zu Barbara: „lieber die Brücke, das ist viel zu unbequem ... und viel zu weit!" Er hat mit zwei Griffen sich ausgezogen, steht im Badeanzug. Er wirft feine Kleider mit einem ordentlichen Schwung über den Fluß, greift Barbara, hebt fis hoch und trägt sie langsam durch das Wasser. Es ist gar nicht so leicht. Die Steine sind glitschim das Wasser reicht bis an die Hüfte. In der Mitte des Flusses sagt Barbara: „Und was hättest du getan, wenn ich dich betrogen hätte, wenn ich nun doch Rauthammer liebte?" Alfred antwortet: „Ich weiß es nicht. Ader am liebsten hätte ich dich dann genommen wie jetzt, wäre in einen tiefen Fluß mit dir gegangen und hätte mich mit dir zusammen fallen lassen. Ertrinken wäre dann sehr schön gewesen." Und Barbara: „Das wäre wirklich das einzig Richtige gewesen. Und außerdem war das die erste Liebeserklärung, die du mir gemacht hast." Damit betreten sie das andere Ufer, als wären sie andere Menschen geworden. So frei fühlen sie sich. Alfred läuft in die Hütte, sich anzuziehen. Das Mittagessen kann beginnen. Und Rauthammer? Rauthammer sitzt immer noch am Markt in der Gaststube mit dem dicken Kaufmann und feinem leberkranken Partner, der in der rechten Tasche Schlüssel trägt und in der linken Markstücke. Und wenn er nichts sagt, so klappert er abwechselnd mit den Markstücken und mit den Schlüsseln. Oder mit beiden zusammen. Er ist ein gescheiter Geschäftsmann. Nur zu mißtrauisch und zu langsam. In diesem Fall aber kommt er mit feiner Langsamkeit nicht durch. Rauthammer treibt zur Eile. Zwei Stunden hat man gesessen, zweieinhalb Stunden. Die Bedingungen sind sestgelegt. Es handelt sich nur noch um die Verteilung des Risikos, das sehr gering ist. Rauthammer bietet sich an, das Risiko allein zu übernehmen. Nur damit man fertig wird. Aber der dicke Kaufmann und fein Partner wiegen bedenklich die Köpfe. Was verlangt Rauthammer dafür, daß er das ganze Risiko trägt? Gar nichts? Wieso gar nichts? Was steckt dahinter? Sie ziehen sich mit ihrem Notar in eine Ecke zurück. Sie beraten ausführlich. Warum will Rauthammer das Risiko tragen? Er ist em ausgezeichneter Kaufmann und ein Kenner der fernöstlichen Verhältnisse. Ist es nicht möglich, daß er in Mandschukuo irgendein Recht eingeraumt bekommt auf Grund des übernommenen Risikos? Vielleicht sind die Leute dort so. Was der Rauthammer von ihnen erzählt, ist recht unheimlich und un$“rrd^jar9 fann Hx^en leider nur Auskünfte über deutsches Recht geben und Fragen aus dem Vertrag beantworten, die sich auf die Verrechnung über Deutschland beziehn. lieber Mandschukuo weiß wohl niemand etwas Während sie noch beraten, kommt Sophie Wahnke herein und flüstert erregt mit Rauchammer. Die Herren spitzen ihre Ohren, aber sie können doch nur verstehen, daß dte Frau zur Vorsicht rät, daß er abreisen sott, der Rauthammer. Man wird also doch schnell zupacken müssen Rauthammer schickt die junge Dame hinaus. Sie sitzt auf dem Mar» zwischen den staubigen Efeuwänden, springt einmal aus, als em Auto über das Pflaster fährt, setzt sich wieder, springt nochmal auf. Es mutz wirklich was im Gange fein. „Also", sagt der Partner endlich und klingelt mit Markstücken und Schüsseln,'„wir sind mit unseren Beratungen so ziemlich fertig." Rauthammer nickt: „Ich habe auch höchstens noch zehn Minuten Zeit. Dann muß ich eine andere dringliche Sache erledigen. Seit)«.' „Wir nehmen dann die Bedingungen an", sagt der dicke Kaufmann. „Aber", fällt der Partner ein, „wir wollen nicht, daß Sie das ganze Risiko tragen, das ist uns unangenehm." . Die Schreibmaschinendame wird hereingeholt, eine weißhaarige Stenotypistin, eine hängengebliebene Sommerfrischlerin. Der Vertrag wird herumdiktiert. Die Telegramme nach Mandschukuo find bereits am Tag zuvor abgeschickt. Die Ware — es handelt sich um Chemikalien und ärztliche Instrumente — ist auf Abruf bestellt. Es ist eigentlich keine Schwierigkeit zu erwarten. Jeder der Anwesenden hat wahrfcheinlich eine fünfstellige Ziffer verdient. r., .. Rauthammer kommt pfeifend auf den Markt. Setzt sich zu «ophie Wahnke. „Macht doch Spaß", sagt er, „aber komisch ist es. Früher hab ich mir nicht den Kopf darüber zerbrochen, aber jetzt seh ich den Unfug: Drei fetzen sich an einen Tisch und bekommen für eine Ware, die einem Vierten gehört, viel Geld, weil ein Fünfter die Ware kaust." Der Partner kommt noch einmal herausgeschossen. Man sollte vielleicht doch lieber noch zusammen nach Stuttgart fahren und einen Kenner der fernöstlichen Verhältnisse und Rechtsgestaltungen befragen? Rauthammer weigert sich. Er hat keine Zeit. Entweder kriegt er jetzt den Vertrag auf der Stelle zur Unterschrift, oder aus der ganzen Sache wird nichts. „Das ist gut fo", sagt Sophie, „Sie muffen nämlich sofort abreisen. Sie kann jetzt endlich erzählen, wie Alsted den Berg herausgestürmt ist, wie er geklopft hat, wie er sie gepackt hat. Rauthammer muß wirklich fort. Bitte. Ein Meimberg spaßt nicht. „So", sagt Rauthammer, „ein Meimberg spaßt nicht? Run will ich Ihnen sagen: Ich spaße auch nicht! Glauben Sie etwa, ich wüßte nicht, was daraus folgt, wenn man die Frau haben will, die ein anderer hat, wenn man sie haben muß, und sie hängt noch am anderen? Halten Sie mich für einen kleinen Jungen? Ich habe diesen Meimberg vor der Trauung an der Kirchentür gesehn. Er ist ein entschlossener Mensch. Vielleicht ist er sogar ein bedeutender Mensch. Sehn ja alle gleich aus, diese jungen Leute. Haben dos gleiche verschlossene Gesicht, in dem man schließlich ebenso gut lesen kann wie in den offenen Gesichtern meiner Generation. Ich denke also, der Meimberg ist ein Kerl. Drum wird der Kampf nicht einfach fein." „Sie wollen sich also schießen?" sagt Sophie leise. „Alfred Meimberg schießt bestimmt sehr gut." „Um fo besser! antwortet Rauthammer. „Dann wird es einmal ein ganz richtiges Duett. Ich schieße nämlich auch sehr gut. Also werde ich gewinnen." „Warum werden Sie gewinnen?" fragt Sophie. „Das verstehe ich nicht." Rauthammer lacht. Man weiß das, aber man kann es nicht sagen. Sophie soll fein fo trauriges Gesicht machen. Wer weiß, ob es zu einem Duell kommt? Vielleicht verzichtet diefer Meimberg überhaupt, oder er verzichtet nicht, und Barbara kommt zu ihm, zu Rauthammer. Aus immer. Das ist doch auch möglich. Er steht auf. Er mutz gehn. Wo ist der »ertrag? Roch nicht fertig? Er geht hinein. Die Stenotypistin schreibt noch. Rauthammer sieht auf die Uhr. „In drei Minuten muh ich leider gehn. Wenn wir bis dahin nicht unterschreiben können, muß ich verzichten. Tut mir leid, die andere Sache ist ebenso wichtig." Er steht auf dem Marktplatz neben Sophie. Er stützt sich schwer auf sie. Da ist wieder diese scheußliche Atemnot, diese Schwäche. Es ist, als ob das Herz in einem Fahrstuhl ins Bodenlose fällt. Man kriegt keine Atemluft mehr, obwohl doch ringsumher soviel schöne, gute, sonnige Luft ist. Es ist verdammt schwül. Es wird ein Gewitter geben. Nein? Einen Augenblick mal ... Er fällt auf einen Stuhl. Er duckt sich hinter die Cfeuwand. Er zieht die Wand dicht an sich heran und birgt fein Gesicht in den staubigen Blättern. Einen Augenblick ... „Rauthammerl" ruft Sophie. „Rauthammer ...I Was ist ._..?" Er sieht ganz wächsern aus, totenfarben, die Lippen bläulich, der Atem ... Wo bleibt der Wem ...? Da kommen die Herren endlich mit ihrem Vertrag aus der Wirtsstube. Die Stenotypistin ist ans Fenster getreten und sieht verhetzt und böse herüber. „Wir sind nun also in allem einig", sagt der dicke Kaufmann. Und es ist, als ob das Geschäftliche Den Kaufmann Rauthammer zurückrufe. Er hat fein Herz wieder in der Gewalt. Er lacht. Lacht schattend. „Man wird alt, klapprig. Eine Schande mit zweiundfünfzig JahrenI Na, das werden wir bald wieder in Ordnung haben." Er fetzt feinen Kneifer auf, schraubt am Füllfederhalter, hat unterdes schon alles gelesen, hat zwei Tippfehler verbessert und unterschreibt. Er hat eine winzige gestochene Schrift. Druckschriftähnlich. Er schreibt seinen vollen Namen: Karl Rauthammer. Bitte! Damit ist dies also erledigt. Er muß sofort gehn. Er drückt den Herren flüchtig die Hand. Er hebt feinen Panamahut grüßend vom Kopf, er nimmt Sophie Wahnkes Arm, und indem er sich ziemlich wenig auf sie stützt, geht er mit ihr über den Marktplatz, der in der prallen Mittagssonne liegt, der eine trockene Pflasterhitze flimmert, und verschwindet zwischen den schmalgiebeligen Häusern dem Waldtal zu. „Toller Kerl!" sagt der Partner und klimpert mit Markstücken und Schlüsseln. „Hat da sicher schon wieder eine zweite Sache im Gange." „Könnte ja auch eine Sache mit der Rothaarigen sein, wie?" lacht der dicke Kaufmann. „So was ist auch mal nett, wenn man Geld verdient hat." Der Notar und der Partner schütteln die Köpfe. Die Rothaarige gefällt ihnen nicht. Und nun fangen sie ein Männergefpräch an über die Vorzüge und Nachteile Sophie Wahnkes und darüber, was sie eigentlich von einer Frau wollen. Es ist nicht viel, was sie verlangen. Rauthammer aber ist mit Sophie Wahnke oben in feinem Haus angekommen. Er fall sich hinlegen? Nein, das kommt nicht in Frage. Er hat noch einiges zu regeln. Er fitzt eine halbe Stunde an feinem Schreibtisch, macht eine Anweisung an seine Bank, zeichnet die Begegnung mit den Geschäftsleuten kurz auf und schreibt in sein Tagebuch: „Herz bedroht. Vorsicht! Aber ungeheures Glücksgefühl." Ein ungeheures Glücksgefühl! Langsam kommen auch die Kräfte wieder. Das Herz arbeitet gut, nicht wahr. Etwas zaghaft und langsam noch. Man muß sich an das neue Leben, an dieses stille Leben auf eine Frau hin, an ein zurückgezogenes, ruhiges Denken und Dasein erst gewöhnen. Es ist ihm ganz klar, wie das alles sein wird. Meimberg? Meimberg geht ihn nichts an. Es wird höchstwahrscheinlich ohne diese blutige Auseinandersetzung, ohne Duell, gehn. Denn Barbara wird zu ihm kommen. Er weiß es. Barbara wird kommen, und bann wird jenes Leden beginnen, das der chinesische Freund das „wirkliche" Leben genannt hat, das Leben in der Stille der guten Gedanken, im Studium der Welt und ihrer Gesetze. Er hat es immer gespürt: Es ist unwürdig, in einem Erwerbsberuf bis ans Ende zu verharren; es ist unwürdig, Geld zu verdienen, wenn man es nicht um der Freiheit und Würde des Alters willen verdient. Das Ziel ist aufgetaucht, er ist darauf zumar» chiert, und nun wird er es gleich haben. Barbara ... und das Leben. Durch Barbara ist er entscheidend darauf aufmerksam geworden, durch Liebe hat er Barbara gewonnen. Liebe, wirkliche Liebe hat ihn gerettet Er ruft nach Sophie. Er umarmt sie freundschaftlich, als sie hereinkommt „Ich bin fo glücklich", sogt er. „Ich bin auch Ihnen fo dankbar. Sie haben mir fo gut geholfen. Ich habe nur noch eine Bitte ..." Sophie nickt. Sie denkt, es komme etwas Großartiges; aber Staut» Hammer braucht nur noch einen starken Kaffee, einen fehr starken. Er muß sich nur noch einmal konzentrieren können, muß noch einmal alle Kraft auf das eine Ziel werfen, daß er Barbara herbeizieht. Nicht wahr, sie wird ihm diesen Dienst noch tun? Er geht in den Garten, nimmt sich einen Liegestuhl, stellt ihn in den Schatten der kleinen Linde, dorthin, wo man das Tal überblicken kann. Er hat sein Fernglas mit. Aber er braucht es nicht Er sieht auch so, er weiß auch so, daß Barbara kommen wird. Ja ... sie wird kommen. Unten in der kleinen Holzhütte sitzen Meimberg und Barbara unter dem Teerpappendach, das unter der Sonne knistert wie von Mausezähnchen, neben dem Fluß, der durch die offene Tür hereinblendet, hereinspricht mit Glucksen und Schurren. Der Fluß rennt, die Zeit verrinnt Barbara hat endlich gesprochen. Sie hat ihrem Mann alles erzählt Vom Krankenhaus damals, und wie Rauthammer sie wirklich hätte mitnehmen können, wohin er wollte. Wie er sie unter den vielen unentschlossenen Kranken, unter den vielen, die nicht wußten, ob sie nun weiterleben sollten und wozu sie leben sollten ... wie er sie dadurch anzog, daß er sich gegen die Krankheit stemmte und nach der Gesundheit Sreifte. Dadurch, daß er mit seinem Willen alles anging in der festen eberzeugung, daß man bekomme, was man bekommen will. Aber sie, Barbara, hat er doch nicht bekommen? Nein. Das kam daher, daß er sich nicht klar entschieden hatte. Daß er noch feine Frau hatte, mit der er verbunden blieb, obwohl er von ihr getrennt lebte. Er wußte eben nicht, daß man in der Liebe auch nur dann gewinnen kann, wenn man rückhaltlos, mit aller Kraft, offen und ohne jede Angst liebt. Darum bekam er sie nicht. Es lag nicht an ihr. Sie will sich jetzt nicht nachträglich in ein moralisches Licht stellen. Sie hätte keine Bedenken gehabt, mit ihm zu gehn. Sie hätte auch auf niemanden Rücksicht genommen: auf ihren Vater nicht und auf feine Frau nicht. Aber zuvor muhte er ganz zu ihr stehn. Und das tat er nicht. Und nun die Geschichte dieser vierzehn Tage: Sie will nichts beschönigen und nichts entschuldigen. Sie liebte noch nicht rückhaltlos, als sie Alfred heiratete. Daran lag alles. Und vielleicht war er auch nicht so weit. Wie? Nickt er? Ja, er nickt. Er hatte noch die Üblichen männlichen Vorbehalte. Da war verschiedenes, was „wichtiger" war als Liebe. Nicht wahr? Ach, sie will doch nicht einen ewigen Honigmond aus dem Leben machen, besonders jetzt nicht, nachdem sie gesehen hat, was es mit dem berühmten Honigmond auf sich hat, daß er ju den schwierigsten und gefahrvollsten Dingen des Menschenlebens gehört, die Zeit, in der man alles falsch machen kann und bestimmt vieles falsch macht. Aber wichtiger als Liebe ist nichts, und wenn man sie auch nicht vor andere Dinge fetzen darf, fo muß sie doch durch alle Dinge durchfcheinen. Ja? Das muß man wissen. Und man wußte es nicht. Wer liebt, soll auch wirklich lieben, und wer noch Vorbehalte hat, soll nicht heiraten. Sie waren beide also noch nicht so weit, als sie schon mitten in der Ehe faßen. Dann kommt man eben in solche Geschichten hinein. Und so tarn die Sache mit Rauthammer, und so glitt sie hinein ... und fo war es bann. Sie erzählt ihm alles. Wort für Wort. „Gut", Jagt Alfred zum Schluß, „und vielen Dank! Wir wollen uns nun feine Schuld mehr zuschieben, wir wollen uns auch nicht entschuldigen. Wie es kam, mußte es wohl kommen. Wie es uns geht, wird es mit ganz anderen Schicksalen den meisten gehen, die anfangen, sich zu lieben. Man kann es nicht gleich. Und es hat nicht jeder das Glück, daß er gleich im Anfang so heftig, fo unausweichbar gerüffelt wird. Man muß sich ganz anders einsetzen. Das habe ich kapiert. Wenn die Menschen etwas haben wollen, bann setzen sie sich ein. Unb wenn sie etwas halten wollen, bann strengen sie sich sehr an. Aber mit den Frauen halten es bie Männer anbers. Eine Frau kriegen ... dafür kämpfen wir ja noch. Aber eine Frau halten und lieben ... dafür tun wir recht wenig. Wie man ja überhaupt immer dazu neigt, alles im Leben bis zu einem gewissen Grad gut zu machen unb nachher nicht mehr." (Schluß folgt.) Grenzen der Menschheit. Von I. W. von Goethe. Wenn der uralte, Heilige Vater Mit gelassener Hand Aus rollenden Wolken Segnende Blitze lieber die Erde sät, Küß ich den letzten Saum seines Kleides, Kindliche Schauer Treu in der Brust. Denn mit Göttern Soll sich nicht messen Irgendein Mensch. Hebt er sich aufwärts Und berührt Mit dem Scheitel die Sterne. Nirgends haften dann Die unsicheren Sohlen Und mit ihm spielen Wolken und Winde. Steht er mit festen. Markigen Knochen Auf der wohlgegründeten Dauernden Erde, Reicht er nicht auf, Nur mit der Eiche Oder der Rebe Sich zu vergleichen. Was unterscheidet Götter von Menschen? Dah viele Wellen Vor jenen wandeln, Ein ewiger Strom: Uns hebt die Welle Verschlingt die Welle, Und wir versinken. Ein kleiner Ring Begrenzt unser Leben, Und viele Geschlechter Reihen sich dauernd An ihres Daseins Unendliche Kette. Oie Dohle. Eine Geschichte von Hans Franck. lieber dem seitlichen Haupteingonge der Breslauer Kreuzkirche sieht man, heutigen Tages noch, auf dem Simse des zweiten Giebels — vom Turm aus gezählt — eine steinerne Dohle. Sie scheint da oben zwischen den Strebepfeilern keinen anderen Zweck zu haben als Tausende von Steintieren an den deutschen Domen: den des beziehungslosen Schmuckes. Und doch weiß die Sage über ihre Herkunft und Bedeutung eine der absonderlichsten Geschichten zu erzählen, eine Geschichte von menschlicher Gier und Leichtfertigkeit, von göttlicher Strafe und wundersamer Errettung. ~ Vor vielen Jahrhunderten stiegen an einem Fruhsommermorgen zwei Domschüler heimlich auf den Turm der Kreuzkirche. Der eine hieß Bertel, der andere Barthel. Sie waren beide gleichen Alters. Sie trugen beide gleiche Gewandung. Sie hatten beide das gleiche Ziel: Dohlennester ausnehmen! Der Plan war in Bertel aufgestiegen. Denn er war gerissen Und im Hinblick auf seine elf Jahre ungewöhnlich groß. Barthel hatte seinem unermüdlichen Drängen endlich zugestimmt. Denn er war dümmlich. Und für seine Jahre ungewöhnlich klein. Auch jenseits des Zieles gingen ihre Wege auseinander. Bertel wollte sich die aus dem Nest geraubten Vögel unbemerkt braten. Die Klosterkost war schmal, und er mußte manches Mal hungrig vom Tisch aufstehen. Barthel hingegen dachte an Futter streuen, Trinkwasser erneuern, Streicheln, Aus-die-Hande-hup- fen-lassen, Sprechen lehren. Zunächst freilich, darin waren beide beim Hinaufsteigen wieder einig, zunächst mußte man die halbfluggen Vogel .Mchts leichter als bas!" versicherte Bertel — fast ohne Atem, wahrend Barthel leichtfüßig die Steinstufen der Turmtreppen vor chm hinaus- sprang — „zu Dutzenden sind Nester voll junger Dohlen da. Wir können uns die leckersten — die schönsten!" verbesserte er hastig, als Barthel erschreckt nach ihm umsah — „unter ihnen aussuchen!" Es waren allerdings Dutzende von Dohlennestern oben am Turm vorhanden. Aber mit dem Aussuchen stimmte es nicht. Denn die Dohlen hatten ihre Nester keineswegs drinnen tm Dachgebalk gebaut, wie Bertel dem Barthel auf Erden hundertfach zur Ermunterung versicherte sondern draußen in den Löchern, Nischen und Höhlungen des T m gemäuers. So weit Bertel sich auch nach links — nach rechts, nad) oben — nach unten ausreckte, feine Arme reichten zu keinem der Nester him Und doch saß zu ihren Häupten, in dem Steinkranz, der das südliche Schauloch des Turmes regendicht abschloh, eines der begehrten Dohlenhauser, aus dem es verheißungsvoll zu ihnen herabkrächzte. „Was nun?" fragte Barthel, der die Sache verloren gab „Man muß einen Schritt, einen einzigen, aus dem Schalloch hinaus- tun", antwortete Bertel. „Daß man sich nicht vorn Boden herauf um ben dicken Lukenkranz herumzuschlängeln hat. Sondern davor steht Vom dort draußen braucht man nur halb so groß zu sein als von hier drinnen. Und kann doch h,neinlangen ins Nest. Kann beinah hineinsehen." „Ja , lachte Barthel und tat sich auf seine vermeintliche Schlauheit "er^Luft'stehen?^ --DOn bort draußen! Aber wer kann in „Wart nur!" schnitt Bertel, dem ein verwegener Gedanke gekommen war, das Gelachter Barthels ab und lief davon. Nach kurzer Zeit kam er mit einem zwei Meter langen Brett zurück, das er vor der Gerätekammer des Glöckners gefunden hatte „Das legen wir auf die Brüstung des Schalloches", bedeutete Bertel dewustaunenden Kameraden. „Ich halt es hier drinnen fest, und du steigst „Rach dort draußen? In die Luft hinaus? bangte Barthel. „Nein!" „Gut", entschied Bertel, „wenn du ein Hasenherz hast, steig' ich nach draußen, und du hältst hier drinnen das Brett fest. Komm!" „Wenn ich dich Mehlsack niederwippen könnte!" lachte Barthel aus vollem Halse. „Wenn--ja, bann ginge es wohl." „Nun also", triumphierte Bertel. „Siehst du ein, daß du hinausklettern mutzt? „Freilich", gestand Barthel zu. „Anders geht es nicht." „Zieh doch erst deine Schalaune aus!" befahl Bertel. Schalaune nannte man damals den weiten steifen Radmantel, welche alle Breslauer Domschüler sommers und winters, sobald sie das Gittertor des mauerumfriedeten Schulhofes verließen, über ihrer enganliegenden schwarzen Hausgewandung tragen mußten und bei harter Strafe außerhalb der Schulfreiheit nicht ablegen durften. „Nein!" wehrte Barthel ab. „Dich da drinnen kann man allerdings von unten nicht ohne Schalaune sehen. Wohl aber mich." Da lachte Bertel aus vollem Halse. .Welch ein Einfaltspinsel!' dachte er. ,Als ob, wenn ihn überhaupt von unten einer fleht und erkennt, das Mantelablegen das größere, das Vögelmausen das geringere Vergehen geheißen roürbel' Weil er aber befürchtete, der Widersprechende könne bockbeinig werden, falls er auf feinem Befehl bestände, und es mit seiner Bereitwilligkeit, das Brett zu betreten, vorbei fein: so willigte Bertel ein, daß Barthel mit feinem Schülermantel hinausstieg. War ja ohnehin nur ein Weg von zwei, drei Schritten! Barthel spazierte also auf dem Brett, welches Bertel drinnen im Turm so weit niederdrückte, daß es säuberlich in der Schwebe blieb, aus dem Schalloch hinaus. Er konnte mühelos in das Dohlennest zu seinem Haupte greifen. Einen der flaumigen, des Fliegens noch nicht kundigen Vögel nach dem andern holte er heraus und tat ihn in seine Mütze, die er mit der Linken — vorsichtig! vorsichtig!! Daß die Schreienden keinen Schaden durch ihn litten! — an sein Herz barg. „Wieviel hast du?" rief Bertel, als bas Nest geleert war, hinaus. „Sieben!" jauchzte Barthel. „Vier kriege ich!" entfchieb Bertel. „Ich kriege vier!" widersprach Barthel. „Wer hat das Brett heruntergedrückt, dah du hinausspaziere» konntest?" „Wer ist hinausgeklettert, daß dein Brett-in-die-Luft-Strecken eines Sinn hatte?" „Ich habe das Schwerste getan. Glaubst du, es war leicht, hier drinnen dir das Gleichgewicht zu halten?" „Ich habe das Gefährlichste getan. Glaubst du, es war einfach, nach unten zu gucken und nicht schwindlig zu werden?" „Ich kriege eine Dohle mehr als du. Punktum." „Ich kriege die eine Dohle. Streusand draus." „Ich kriege vier, du drei. Damit basta!" „Ich kriege vier, du drei. Damit: Sela!" „Papperlapapp! Wer hat ben anbern in ber Hanb? Ich hier brinnen dich ober bu da draußen mich?" „Schnickdischnack! Wer hat die Vögel in der Mühe? Ich hier draußen ober du da brinnen?" „Ich laß das Brett los, wenn ich nicht vier kriege!" „Ich setz sie alle sieben roieber ins Nest, wenn ich nicht vier behalten bars." „Gibst bu mir vier?" „Nein!" „Ich laß bei Gott unb allen Teufeln, wenn ich die eine Dohle nicht kriege, bas Brett los!" „Tust du ja doch nicht, Bertel!" ,Zch tu's!" ,Lch kann die sieben Vögel aus meiner Mütze wieder ins Nest zurücksetzen. Du aber, du kannst das Brett nicht loslasien!" ,Hch — kann — es — nicht?" „Nein!" „Zum letztenmal, zum allerletztenmal: krieg' ich vier von den siebe« Dohlen?" ,Lum letztenmal, zum allerletztenmal: Nein!" Da — hat der Tobende brinnen vergeßen, daß bas Brett nicht wie eine Wippe über einem Baumstamm zu ebener Erde liegt, sondern in schwindelnder Höhe auf der Schallochbrüstung des Turmes der Kreuzkirche? Hat die Wut über ben einfältigen Kameraden ihn von Sinnen gebracht? — da läßt Bertel brinnen bas Brett los, unb draußen faust Barthel mit [einen Vögeln ins Bodenlose. ,Hilfe!" schreit Bertel, wachgefchreckt, auf. „Hilfe! Hilfe!" und rast die Treppen hinab. Plötzlich erinnert er sich, daß er feine Schalaune, nach der er im letzten Augenblick vor der Flucht griff, noch nicht anhat. Er will sie im Lausen überwerfen. Verfängt sich darin. Stolpert. Kollert die Steinstufen hinunter. Bleibt mit gebrochenen Beinen liegen. Draußen langt zur selben Zeit Barthel auf der Erde an. Wohlbehalten. Die Schalaune hat sich nach einigen Sekunden des Todesschreckens — durch die Luft, die sich unterwegs darin verfing — aufgebläht und ihn wie ein Fallschirm zur Erde getragen. So langsam, so Mit macht". Oer Erzähler Ulrich Sander. Bon Hanns Arens. «m^twörtlich: vr. Hans Thhriot.-Druck und Derlag: Brühl',che Univerf itäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieb«»- Ulrich Sander ist 1892 in Anklam, Vorpommern, geboren. dieser Landschaft, den Bodden, Buchten und Inseln — skandinavischer Einfluß noch heute — ist Sander blutsmäßig verbunden. Am liebsten wäre er wohl früher nach Schweden und da in die Gosta-^rling- Wätder gezogen. Kurz vor dem Kriege gab er sein Studium — Germanistik — auf, da es ihm zu trocken und tot erschien. 1914 geht er als Fahnenjunker eines Pionier-Bataillons in den Krieg, den er bis 1918 als Leutnant und Kompanieführer im Osten und Westen mitmacht. Anschließend ein Jahr Grenzschutz. In den Jahren 1919 bis 1925 war er im Landbund tätig, versuchte viel für die Bauern zu tun, hatte aber ost mit dem Großgrundbesitz Streit. 1926 dann, um endlich d,e alte Sehn- ucht, eigenes Land zu besitzen, zu erfüllen, fangt er als kleiner Bündner an der hinterpommerschen Küste ganz von vorne an. Es folgen harte Jahre des Kampfes. Auch die werden überstanden. Als einer der ganz wenigen hat er schon 1922 auf einer selbstgegriindeten Bauernhochschule — zusammen mit Bruno Tanzmann und Georg Stammler — die Hakenkreuzfahne gehißt. 1933 beruft ihn Reichserziehungsminister Rust zum Leiter der damals neu gegründeten nationalsozialistischen Erziehungsanstalt in Potsdam. Nun lebt er als freier Schriftsteller auf seinem „Kotten" an der Ostsee. Seine bisher erschienenen Bücher heißen: „Pioniere", ein Front- bericht: „Kompost", Roman: „Das seldaraue Herz, Bekennt- ni» ^rnnHnihnfpn (ffiuaen Diederichs Verlag, Jena): „Nord- Auch wir wollen hier keine langatmigen Untersuchungen anstellen, sondern nur aus den Dichter Ulrich Sander mit Nachdruck Hinweisen weil wir glauben, er hat uns, vor allem der Jugend, viel zu sagen und ?u ge^en Und gerat« für die, die nicht im Felde waren, ßnd se.ne ^Pioniere" von Bedeutung. Daraus ersehen wir, was es heißt, Front- oibat gewesen zu sein, erfahren, viel besser als aus den weiften Kriegs- lächern, die wunderbare Selbstverständlichkeit des persönlichen Einsatzes. Begriffe wie Pflicht, Treue, Kameradschaft, Mut werden in diesem herrlichen Buch nicht etwa zerredet; sie erhalten durch die Kraft der Darstellung, durch die Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit der Sanberschen Haltung ihre unbezweiseldare Bestätigung. „Die Pioniere sollten von allen denen gelesen werden, die durch Beruf und Berufung die Verantwortung einer Führung übernommen oder übertragen bekommen haben. Denn das Buch spricht von dieser Generation in der Führung alles ist. Sander nennt sein Buch einen „Frontbericht - Diese tatsächliche Bezeichnung deckt sich allerdings mit dem erzählten Inhalt, aber als künstlerische Gestaltung eines Erlebnisses besitzt dieses Buch eine weit größere Bedeutung. Auch von dem Bekenntnis eines Frontsoldaten, dem Feldgrauen Herz", läßt sich sagen, daß es als Aeußerung eines Mannes der Front mehr innere Kraft ausstrahlt als mancher dickleibige Wälzer der sich in der Aufrollung von Problemen nicht genug tun kann. Anders bei Sander; er berichtet auch hier w seiner t aren und plastischen Sprache von den inneren und äußeren Einflüssen, die der Krieg in ihm (und vielen andern) hinterlieh. Und wenn man dieses kleine Buch von 64 Selten gelesen hat, so ist es einem als ob man einen Band von 640 Seiten in sich ausgenommen hat, so voll von Erkennt- nissen, Einsichten und Klarheiten und gültigen Formulierungen ist dieser Buch, so angefüllt mit Lebenskraft, durchstromt von der elementaren Wucht der Erlebnisfülle, daß wir Jüngeren, die w,r den Krieg nicht mehr mitmachten, jene Frontgeneration nur beneiden können ob ihres einmaligen Erlebnisses, das für alle Dauer ihres Ledens ist. So sollen wir von ihr lernen und versuchen, jeder auf einem ?°^n, uns ihrer würdig zu erweisen. Nicht in Unterwürfigkeit, sondern in Kameradschaft. Auch Sanders Buch „Kompost" ist ein Kriegs-Buch allerdings in einem Anderen Sinne. Hier kämpft ein Mann um fein Stuck Land, das er nach Krieg und Revolution sich erobert hat; nun muß er es vertei- digen gegen taufend Feinde. „Man mühte ein Stück Land haben - nur so groh dah ein Haus darauf stehen kann und man einen kleinen Garten und Karlofselland hinter dem Hause liegen hat. Man wäre dann ein eigentlicher Mensch." So Sander. Darum geht es ihm, um seinen Kotten". Sander berichtet nun von diesem Kotten, den Kämpfen um das kleine Stück Land, das er halten will gegen Widerstände jeöer nur möglichen Art. „Wir sind durch den Krieg belehrt , sagt er im „Feldgrauen Herz", „dah nur d a s Volk siegen und gesund bleiben wird, das am wenigsten Büros und Fabriken, und am meisten Bauernhöfe hat, siegen nicht in einem kleinen Weltkrieg, sondern für die Ewigkeit Mit Kompost" hat Ulrich Sander vielleicht eines der wesentlichsten Bucher der letzten Jahre geschrieben, von dem man nur wünschen mochte daß viele es lesen wollten. Derb und zuweilen heftig ist seine Sprache, aber immer ehrlich, nie nur „kraftmeierisch", wie es bei andern Buchern ähnlicher Art zu beobachten ist. Sander meint es verdammt ernst mit seiner Siedelei an der Küste; sein „Kotten" kostete ihm meSumme und erforderte durch einige Jahre einen harten "Stellungskrieg . Die Unerbittlichkeit und Hartnäckigkeit des ehemaligen Frcmto f Ziers war notwendig, um Land und Haus zu halten. Davon berichtet fein mutiges Buch, und es ist klar, dah der Dichter Sander es eben fo ernft mtt bem Schreiben meint. Auch dieser Bericht von einer „Front wird vieles Überdauern, was heute als Bauern- oder Siedlerroman auf den Markt bericht; „Kompost", Roman; „Das feldgraue Herz nis des Frontsoldaten (Eugen Diederichs Verlag, Jena); deutsche Mensche n", Novellen; „Inge Holm , Roman (Verlag Korn, Breslau); „K l i f f ( o m m er", Roman (Propylaen-Ver ag Ber- (in); „Jungens, Roman (Eugen Diederichs Verlag, Jena). Neben seiner dichterischen und schriftstellerischen Arbeit malt und radiert Sander; in einem Novellenbuch „Norddeutsche Menschen" (ein zweiter Band erscheint im Frühjahr 1936), sind eine Reihe Linolschnitten enthalten. Sein erstes Buch „Pioniere" erschien 1933; toanber war bereits 40 Jahre alt. Man sieht, er ist erst spät zum Schreiben gekommen. Der Krieg unb bas mit ihm oerbunbene starke Erlebnis erst gab ben Anlaß zu dichterischer Arbeit. Aber wie so ganz anders schrieb er seine Bücher. Dieser Mensch, der ein sehr bewegte Leden hinter sich brachte, konnte nicht so schreiben, wie es die Literaten tun, oder so, wie es ein Lesepublikum gern haben wollte. Man muß Sander einmal gesehen und gesprochen haben, um sofort zu wissen, wie wohl seine Bücher geschrieben sind. Sie sind nichts für literarische Akrobaten, für „Aestheten", die immer nur nach psychologischen Spitzfindigkeiten suchen. Nein, diese Leser sollten lieber gar nicht erst anfangen seine Bücher zu lesen. Demjenigen aber, dem ein Stück Schwarzbrot aus der Hand des Bauern besser schmeckt als das schönste Stück Torte aus der Konditorei, seien die Bücher von Sander empfohlen. Wie kann wohl das Buch eines Frontsoldaten beschaffen fein, der in den Schlachten vor Ppern und an der Marn« die ganze Fragwürdigkeit alles dessen an sich verspürte, was nicht echt, gesund und natürlich war — also auch im Bereich der Literatur unb ber Kunst. „Wir lehnen alles sosort ab, was nicht gesunb ist, weil es nicht natürlich ist", heißt es im „Feldgrauen Herzen". So kann unb bars man nicht erwarten — wie es heute immer noch viele tun — baß so ein Frontsoldat, wenn er zur Feber greift unb ein Dichter ist, „in Literatur geworfen wirb. Hier sei schon anbeutenb auf ein neues Buch von Sander hmge- wiesen: „Jungens". Auch dieses Buch, das vor dem Kriege spielt, ist aus per önlichstes Erleben aufgebaut. "Jungens" ist die Generation vor dem Kriege, die vom Schicksal gewissermaßen frhon oorbereitet wird für bas was sie einmal zu leisten hat. Es ist kein Gesellschaftsroman im üblichen Sinne, fefjon beshald nicht, weil Sanber bewußt bie Wett von Heu aus betrachtet. Er sieht bie zwei Jahrzehnte vor bem Kriege immer bunt) das Blickseid des Krieges. Wenn man einen Vergleich Ziehen will, bann mit ben „Pionieren". Leiber finb bie zwei Bücher „Inge Holm" unb „Norbbeutsche Men- [eben" bisher nicht recht an ein breiteres Lesepublikum berangetornmen. Zu Unrecht, benn beibe Bücher, vor allem bie "Nordbeulschen Menschen, zeigen Sauber von einer ungemein starken erzählerischen .Seite. Die Novellen spiegeln Menschen und Landschaft ferner Heimat m farbigen Bildern; in ihnen offenbart sich der Dichter tn feiner ganzen g-abulter freubigteit. Aber was uns biefe Novellen besonders lieben laßt, ist ber Ton ber Sanberschen Sprache, seine Einsachheit ber Zeichnung b.e sortwährenb mitreißenbe Urwüchsigkeit feiner Haltung. Sanber erzählt wirklich; er erfinbet nur sehr wenig. Immer stehen wir mit beiben Füßen auf feiner Erbe, immer auch haben wir bas Gefühl, unmittelbar bei seinen Personen zu sein: wir vermeinen sie leibhaftig sprechen zu hören, so plastisch unb burchsichtia stellt fie ber Dichter vor uns hm. Mag sein, baß es Menschen gibt. Die bie Sanbersche ossene Art des Erzählens nicht „mögen", mag fein, aber dann liegt es trotzdem weniger an dem Dichter als an dem Leser. „ . Zum Schluß dürfen wir noch auf „Inge Holm verweisen, das von allen seinen Büchern wohl das sommerlichste ist; heiter und leichter als . seine andern. Wir. die wir seine Art besonders schätzen freuen uns über diese große Liebesgeschichte. Wir erquicken uns an dem Frühling unb Sommer, ber in biefem Buch aus eine munberbare Weise ein- gefangen ist. Aber warum noch so lange über Sanber reben? Man so» feine Bücher lesen, soll fie immer nahe bei sich haben wie gute Freunde, mit denen man auch einmal ein Wort auf Plattdeutsch reden kann, derb und saftig. behutsam, daß die Mütze mit den Vögeln schneller fiel, härter aufschlug als der Domschüler. .. .. Der Gerettete wie wenn nichts Absonderliches geschehen wäre, geht ftiner Mütze sicht hinein und jammert: „Tot. Alle sieben tot. Arme Erst als man den wimmernden Bertel auf einer Bahre in den Schlaffaal schleppte wurde Barthel seiner wundersamen Rettung mne, A zu de'm Domherrn, gestand" was sich, begeben hatte un b bat um feine Strafe. Der geistliche Oberherr von Kirche und Schule brachte den Mui nicht auf, den gutherzigen Dümmling zu bestrafen Er ließ nur als Warnung unb Weisung — in den steinernen Sims über dem seitlichen Haupteingang der Kreuzkirche die Dohle einmeißeln. An die Geliebte. Von Eduard Mörike. Wenn ich, von deinem Anschaun tief gestillt. Mich stumm an deinem Heilgen Wert vergnüge. Dann hör ich recht die leisen Atemzüge Des Engels, welcher sich in dir verhüllt. Und ein erstaunt, ein fragend Lächeln quillt Aus meinem Mund, ob mich kein Traum betrüge, Daß nun in dir, zu ewiger Genüge, Mein kühnster Wunsch, mein einiger, sich erfüllt. Von Tiefe dann zu Tiefen stürzt mein Sinn, Ich höre aus der Gottheit nächt'ger Ferne Die Quellen des Geschicks melodisch rauschen. Betäubt kehr ich ben Blick nach oben hin, Zum Himmel auf, ba lächeln alle Sterne; Ich kniee, ihrem Lichtgesang zu lauschen.