Nummer 22 Montag, -en 18. März Jahrgang 1955 miteinander buri Und von uns le! Eichener MiljenbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Die Hochzeitskuh Roman einer jungen Liebe von Aosef Magnus Wehnee Copyright 1 9 2 8 b y Georg Müller Verlag A.-G., München VV3 JlUUclP Ulli UlC JVIVW/v UV|. ~ ~ ™-----1« Ü 'J O K cuf die Toten und Lebendigen herab, und selbst das kochende Lodern der Artillerie ringsum schien in diesem Lichte milder zu werden. Sie erzählten sich ihre letzten Schicksals, indem sie die Arme umeinander schlangen und sich an die Friedhofmauer lehnten. Keiner aber wollte von der Zukunft anfangen. , . ... Da schwang sich Erich, der Denker, auf die Mauer, dehnte sich aus Md brachte das Gespräch auf den Tod. . - . . Seine Worte zitterten und klangen um em Mädchen in der Heimat. Gr sagte, er werde sie nicht wiedersehen. Bertold stritt ihm das ab und sagte ihm, er werde in diesem Ka.apse richt fallen. „Bertold weiß das", bestätigte Eduard lächelnd. Da fühlte Bertold Ottos Augen auf sich ruhens sie glanzten rätselhaft Md fragend und so voll Liebe, daß Bertold w,e zerschmettert an seine Brust stürzte. Erich hob sich erschrocken auf, Eduard zog sich einen Schritt zurück gegen ein frisches Grab und stützte sich auf das Holzkreuz. Es wurde unendlich still. Da hörten sie die jungen Lindenbäume über den ganzen Friedhof rauschen. Sie erschauerten und fühlten die rieselnde Macht des Lebens. „Keiner weih, wo er hinkommt", sprach Erich nach einer Weile, „und ob er drüben Freunde findet. Aber ich glaube, wenn wir fallen, dann werden wir um die Lebendigen sein, so lange, bis uns der letzte Mensch vergißt. Dann mag die Erde in die Sonne stürzen und alles wiedergeboren werden." „O nein", erwiderte Eduard, „es gibt Tieferes als den Kampf. Ich sah einst in die Augen eines sterbenden Kindes. Seitdem weiß ich von der ewigen Ruhe." Donnerschläge erschütterten plötzlich die Luft. Aus allen Tälern zuckten Feuergarben. Die Erde schien plötzlich ringsum zu schwanken. „Da werden sie geopfert, die Menschen", ries Erich. „Jetzt geht der Kampf auf der Höhe der Welt, der uralte Kampf, der vor aller Zeit schon begann zwischen den Göttern und dem Neid. Der Neid will herrschen und töten, der Gott durchdringen und zeugen. Und wir kämpfen diesen Kampf, und die lebendigen Götter werden erliegen." Otto sagte jetzt, indem er Erichs Kopf in die Arme nahm: „Noch sind wir lebendig. Und wenn uns hier die Sonne erlischt, dann blüht uns die Fackel. Ich habe keine Angst in der unendlichen strömenden Welt." „Aber die Götter unterliegen", beharrte Erich. „Deshalb ist es Zeit, daß wir gehen. Unser Opfer wird ihnen helfen. Ich spüre ihren Drang und Atem." „Es ist mir, als ob ich noch warten müsse", sagte Bertold. „Du bist schon oft der letzte gewesen", lächelte Erich. „Laß ihn gehen", erwiderte Otto. „Er ist stärker al» wir, wir gehen ihm voraus." „ „Es wird kein Spiel sein und auch kein Lied , sagte Bertold. ,Lhr werdet es sehen, was ich weiß." Und er ging auf die beiden Freunde zu und sah ihnen in die Augen. Sie sprachen nun kein Wort mehr, sondern hielten sich umschlungen. Als ihre Stunde um war und sie gehen wollten, da sahen sie Eduard auf dem Grabe knien und beten. Er hatte seinen Kopf gesenkt, sein hellblondes Haar schimmerte. „Ich bin ein Christ", sagte er leuchtend im Aufstehen. „Warst du eben in der Ewigkeit?" fragte Bertold lächelnd. „Ich war jenseits", erwiderte er. m , „Und wir waren im Herzen der Welt", sagte Bertold leise in bie „(Bott gebe uns ein Wiedersehen", schloß Eduard Blank. Musik weckte am nächsten Morgen. Sie gingen in die Kirche und hörten die Messe und sahen die Hostie unter dem Wirbel der Trommeln aus dem Wald der gesenkten Fahnen steigen. Es war ein kriegerischer Gott. • Dann zogen die Regimenter in die Schlacht. Mit Keulen, Stöcken und Handgranaten, ,eder den Blick in seine Ferne gewandt, so zogen die Riesen in die Schlacht. Otto und Erich winkten an der Spitze ihrer Kompanien Bertold und Eduard zu, dann verschlang sie Musik und das Grauen der rauchenden ^Bertolds Kompanie trat zum Abmarsch an. (Fortsetzung.) Sie wateten durch den Talschlamm, durch pestfahnenschwarze Dörfer, schliefen im Schnee und litten furchtbaren Hunger. Aber sie trieben den Feind von Berg zu Berg, es war ein einziger Sturm hoch oben über den gewaltigen Flußtälern, über die Weinberge der Morawa und die granitnen Täler des Jbar. Sie fühlten Tornister und Gewehre nicht mehr, sie jauchzten und schrien, wenn es zum Sturm ging. Sie fühlten Deutschlands Grenze vor der Brust und trugen sie jubelnd und tod- rerachtend in die Unendlichkeit. Es ging mit feuriger Gewalt vorwärts durch alle Schrecken. Täglich brausten sie über das Kampfziel hinaus lind mußten in der Nacht ein Stück zurückgehen. Sie kamen in mohammedanische Städte und stauten sich an den silbernebligen Gebirgen von Griechenland, unter dem magischen Mond, der da unten hell und körperhaft leuchtete. Nur einmal schrak Bertold auf. Sie waren in ein mazedonisches Dors einmarschiert, das, von Dornen überwachsen, von Wassern überstürzt, in einem Seitentale lag. Bertold lourde in ein Bauernhaus gewiesen. Er hatte kaum die gebälkreiche Stube betreten, da sah er am Feuer ein Mädchen sitzen. Sie war über- «us schön und trug eine kostbare Tracht. „Glaubt nicht", sprach Bertold, „daß ich frevle, wenn ich jetzt etwas sage. Der Tod gilt mir nichts, und ich würde für euch tausendmal sterben, wenn ich dürfte. Als ihr so lange von mir fort wart, da fjabe ich oft vor euren Bildern gekniet, die auf einmal um mich waren. Und auch jetzt bin ich so im Traum, daß ihr als Bilder vor mir steht. Ich sehe Mondslammen um euch spielen, ihr Großen. Und wenn ihr mich noch hört, dann sage ich euch auf diesen Gräbern: Meine Brust will zerspringen wie in den Tagen meiner Jugend. Lust und Weh erschüttern mich, und der Tod hat sprengende Kraft. Und ich sehe uns als Sterne emporsteigen in die blaue Nacht, flammend und fern. Und wir schreiten ' ch die glühenden Gründe und jauchzen im Untergang. ____ ____ ____ ,ebt die Welt, und wir essen und trinken von ihr und werden zerrissen von ihr im Feuer, ewig, und ein Kuß —“ Jetzt stand sie auf und ging zu ihm. Ihr Gang war priesterlich ruhig. Sie bot ihm aus einer Buchsbaumflasche zu trinken. Da stürzte er vor ihr nieder, als ob ihn der Blitz getroffen hätte, und stammelte sie an. Die Kameraden lachten ihn aus. Er stand verwirrt auf und rieb sich die Augen, aber die Besessenheit wich nicht von ihm. Vas Regiment brach noch in dieser Nacht auf, er drückte feinen Schmerz gewaltsam hinunter und wünschte sich den Tod, so sehr hatte ihn die Schönheit der stillen Fremden verwundet. Aber als sie weiterrnarschler- len da wurde ihm klar: Er hatte nicht mehr an Birge gedacht. Hatte tr sie überhaupt nicht schon längst vergessen? Ebenso wie den Vater, iie Geschwister, wie sich selbst? Im heißen mazedonischen Frühling traten sie nach Sicherung der Front den Rückmarsch an. Sie kamen wieder nach Frankreich und übten lange in den Dörfern hinter der Front künstliche Stürme. Der Name öcrbun wurde zwar in dunkler Ahnung genannt, doch niemand wollte Hauben, daß das stolze Regiment in jener Hölle eingesetzt werde. Aber ler Zug, der sie einlud, fuhr in der Nacht mit heimlicher Biegung gen Verdun. . , t . ,. In einem hügeligen Gelände wurden sie ausgeladen. Dort, wo tue Wolken finster im Hintergrund standen, war das Schlachtfeld, unsichtbar, von ständigem Donner umhüllt. Drei Monde schon dauerte der Kamps. Setzt sollte der letzte Durchbruch erfolgen. Jeder wußte, daß sich hier der Krieg entscheiden werde. u Sie lagerten in einem kleinen Dorfe in der Nahe der Riefengeschutze imb warteten auf ihre Stunde. Als sie fo in der dämmrigen Scheune saßen, hatten sie nicht gemerkt, laß zwei Offiziere auf sie zukamen und vor ihrem Holztisch stehen bheben. Nützlich sah Bertold auf. Die beiden Ankömmlinge nahmen ihre Stahlhelme ab. Es waren Otto und Erich, und sie flogen sich in die Arme. „Wir stürmen morgen mit euch", rief Otto. Sie gingen nun, nachdem Eduard und Bertold Urlaub genommen hatten, die steile Dorfstraße hinaus auf den Friedhof, der auf der Hohe les Hügels um die Kirche lief. Der Mond war aufgegangen und schien schrien, Nacht- grinste Zwölftes Kapitel. Verdun. Die ^Komparüe'^marsch^rte bergauf, bergab Zerschlissene und mürbe Soldaten die aus der Schlacht einzeln zuruckkamen, gingen wie Ge- fpcnfter vorbei. Die Friedhöfe, auf denen viele Sarge standen, rochen nach frischem Tannenholz. Sie marschierten auf den Seuergurtel ber Artillerien los, die wie eine einzige Maschine rings um Verdun standen und Luft und Erde erschütterten. . Aus den kleinen Wäldern fchossen feurige Zungen. Je mehr es Abend wurde, um so stärker wurde der Donner. 2)ie ersten schweren Geschosse heulten heran und rissen die Aecker auf. Die Kompanien lösten sich in Reihen zu zweien auf unb gingen langsam an den Fesselballonen und den eigenen schweren Geschützen vorbei. Es wurde schwül. . . m ... Sie waren jetzt auf einem Hügel. Granaten gurgelten über ihre ftäupter und hielten jedes Herz in Bann. Brandgeruch schwelte über die Aecker notdürftig Begrabene stanken aus ihren Grabern herauf. Fern hingen die feindlichen Fesselballone wie Fledermäuse am rauchigen Bertold blickte zuweilen auf, um sich am Himmel zu trösten. Aber er hing voller Rauch, unb Orion, der in den Schützengräben, in Serbien und Italien so oft in seine Seele geschienen hatte, war mit allen Sternen erstickt. Sie klommen den Berg Douaumont hinauf. Hunderttausende von Geschossen glühten und zuckten wie ein undurchdringliches Geflecht über ihnen. Keine Seele konnte da hindurchfliegen. Von allen Seiten flügelte und zischte Eisen heran, und der Brand- und Totengeruch wurde bald so furchtbar, dah keiner mehr atmen mochte. Plötzlich ging es steil hinunter wie im Gebirg auf Felspfaden. An Brustwehren vorbei, unter Ueberhängen hindurch, eine tiefe, feucht? Treppe hinunter, die nach Karbol roch. Man war in Douaumont. Cs wurde Rast gemacht. Jeder sank in die Knie und trank aus feiner Flasche. Aerzte mit Sägen und Gummihandschuhen eilten durch die Gänge, Ordonnanzen flogen, und in manchen Winkeln lagen lallende Frontsoldaten, die irr geworden waren. Die ganze Festung aber wankte dumpf vor den unaufhörlich einkrachenden Geschossen. Verwundete stöhnten in den Höhlen, wo die Aerzte ihr Werk verrichteten. Tote wurden binausgeschleift. Die Kunde lief durch die Reihen, der Bataillonsführer sei mitsamt seinem Adjutanten vor dem Abmarsch plötzlich krank geworden. Einige lachten. Das Gerücht wurde bald bestätigt. Bertolds Kompanieführer erhielt den Befehl über das Bataillon. Die Kompanie muhte sofort weiter. Es war aus Douaumont heraus ein einziger Ausgang gegen den Feind, und dieser lag unter ständigem Feuer. Man konnte nur hinauskommen, wenn man unmittelbar nach dem Einschlag einer Salve hinaussprang. Biele Tote lagen dort und Verwundete wurden blitzschnell herein- geworsen; es war schwer, durch das Gerümpel zu fliegen. Man sprang zu zweien durch den schmalen Ausgang. Die ersten Paare tarnen glücklich hinaus. Der alte schwäbische Landwehrmann muhte mit Bertold springen. Bertold lag herzklopfend zum Sprung bereit. Donner — und er sprang hinaus in die saure Luft, wirbelte herum und sah nach seinem Kameraden. Er sah ihn im Erdspalt stehen, unfähig, einen Schritt zu tun. Da krachte eine Brandgranate herab und hüllte den Alten in loderndes Feuer. Sein Bart brannte, er ringelte sich zusammen. Im nächsten Augenblick sauste das nächste Springerpaar aus dem ^estungsschlund. Sie waren sehr aufgeregt und stießen Bertold mit dem Gewehr in die Seite, er solle weitergehen. Sie sprangen zu britt weiter und sausten in eine haushohe Schlucht hinunter, die von einer Zwei- undvierzigzentimeter-Granate ausgewühlt war. Sie traten in vermorschte Leiber, die mit Kalk bespritzt waren, tote Franzosen, und klommen eilig roieber den jenseitigen Hang hinauf, um die Verbindung mit der Kompanie nicht abzureihen. Rufe, Schreie schollen durch das Feuer, jeder lies dem Schatten des anderen nach, den Hang hinunter an den Bahn- bamm. Es war gesagt worben, hier solle gesammelt unb bann ber Bahnbamm, ber im Salvenfeuer lag, übersprungen werben. Aber alle waren schon hinüber. Da ging auch Bertolb, ber nun seine Ruhe roiebergefunben hatte, aufrecht hinüber. Eine riesige Granate fauchte vor ihm in ben Boden und hob ihn in die Lust; es war aber ein Blindgänger. $"ai5l bie Sonne hinter bem Berg Douaumont, ber hoch über ben anberen Hügeln stand, untergegangen war, hörte man die ganze Kompanie atmen, keiner fluchte mehr. Sie waren jetzt an der schweren Artillerie vorbei und tarnen tn die 3one ber Verwesung, zuerst zu den toten Pferben, bann sahen sie bie ersten Toten, um die sich keine Hand rühren konnte, zähnegrinsende Gesichter, blau unb schwarz, entfleischte Knochen, bie mit glänzenben Fliegenschwärmen debeckt waren. Verwundete mit weißen Kopfbinden, aus denen das Blut quoll, gingen, feierlich grüßend, vorüber. Der Weg wurde ungangbar. Man muhte von Trichter zu Trichter springen, um vorwärts zu kommen. , Da lag ein Toter. Ein Munitionswagen, der zur leichten Artillerie fuhr ging über ihn, und sein Leib bog sich krachend um die Räder. Es wurde halbfinster. Ein Gefauch unb Geheul war unaufhörlich in ber Lust wie von fltegenben Katzen, unb ber Laut eines einfallenden Geschosses glich dem Lustgeschrei von Katern. Da krachte die erste Granate in die Kompanie. Sterbende die Sanitäter flogen, die Kompanie zog weiter. Der Kotsarg von Douaumont lag gespenstisch unter bem Himmel. Riesige Feuerblitze entschossen ihm. Bertold schrak plötzlich auf. Am Wegrand sah ein Toter. Er „ . bie Vorübergehenben an. Die eine steife Hand hatte er ausgestreckt. So sah er wie ein Bettler unb grinste. Ein schwerer Druck schnürte allen ben Atem. Hier war kein Ausweichen unb kein Gebanke möglich. Hier galt nur ber Befehl. Er hatte heftige Lust, feine Freunde zu sehen. Aber alle flohen eilig durch den Wald, der nur noch aus kniehohen stumpfen Sauten bestand, um in die Feuerlinie zu kommen. Gegen Mitternacht tarnen sie hort an unb sanken erschöpft in ihre Grantlöcher. Geschosse mit glühenden Spitzen pfeilten durch die Nacht, mit Hall und Schlag bebte die Erde, aber jeder schlief fest. In der Frühe weckte sie teuflischer Donner. Der Feind wurde sturmreif geschaffen. Jnfanteriekugeln pfiffen über das Gelände, Maschinengewehre knatterten, der Sturm schwoll zum Orkan an, weit und breit die aufgerissene Erde warf Wolken von Staub und Schollen in das rote Feuergezisch. Befehle wurden durchgefchrien, die Uhren gestellt. Plötzlich ein gellender Pfiff: Sturm! Die Soldaten reckten sich, standen aufrecht »m Feuer, zwischen Bertold und Eduard ein glühender Blick, ber letzte? Sprung auf, marsch, marsch! In die Feuerwalze hinein, bie sich langsam weiterfrah. Sie stürmten über freies Felb, burd) Rauch unb Tote, bie Gesichter geschwärzt. Sie schrien unb stampften; Männer in blauen Uniformen tarnen ihnen flehenb entgegen, französische Gefangene. Vorbei! Rauch- gebilbe aus geborstenen Granaten zergingen wesenlos neben ihnen. Es gab keinen Tod mehrl • Nun standen sie atmend in ben feinblichen Graben. Sie wollten weiter. Nichts! Die Linie war erreicht! Sie legten sich nicht nieber, bie Stürmer. Sie gingen lachenb zuem- anber, und der verwirrte Feind störte sie nicht. Sie standen auf dem freien Feld wie auf einem Acker und fangen; alles Schwere war vergessen. Eduard kam lächelnd auf Bertold zu: er lebte also noch. Sie warteten die ganze Nacht auf den Befehl zum Weitersturmen. Er kam nicht. Kam weder in Tagen noch in Wochen. Es war unendlich schwer, sich da hineinzufinden und stilliegend zu vermodern. _ ... Eines Morgens erfuhr Bertold, Eduard Blank fei in der Nacht beim Waffertragen gefallen. Eine Granate habe ihm das Bein am Leib abgerissen. Er sollte keine Kinder mehr haben, dachte Bertold bitter. Er versuchte, wenigstens seine Leiche zu finden und zu begraben; aber es war unmöglich, bie vielen Toten in der Nacht voneinander zu unterscheiden. Bertold kroch verzweifelt zurück. Endlich kam der Befehl zum Weiterstürmen am nächsten Morgen. Bertold war einige Tage vorher auf Patrouille geschickt worden unb hatte allein mit zwei Mann bes Nachbarregiments — bie anderen Mitgänger fielen — eine Gruppe Franzosen gefangen genommen, bie roeit- gehenbe Aussagen machten. Man hielt jetzt auch bei ben Stäben ben Sturm für notwendig. Bertold wurde das Eiserne Kreuz erster Klasse versprochen. . Da er sich auch sonst ausgezeichnet hatte, wurde er zum Unteroffizier befördert. Er erhielt am Tage vor dem Sturm den Befehl, da er das Gelände genau kannte, mit zwei Leuchtpistolenschützen zwischen die feindlichen und die eigenen Gräben zu kriechen, den Feind zu beobachten und bas Feuer wirkungsvoll zu lenken. Er löste seine Aufgaben. In ber Frühe rollten bie Regimenter zum Sturm. Es galt, bie letzten festen Hügel vor Verbun zu nehmen. Bertold stürmte an ber rechten Flanke. Da sah er plötzlich Otto nebenan vor seiner Truppe stürmen. Er warf ben Helm in seine Hand und jauchzte ihm zu. Otto sah ihn an. Da prallte Feuer aus der Erde. Otto versank. Bertold stürzte halb von Sinnen auf ihn zu. Die Kompanie ging einen Augenblick in Stellung. Otto lag in Bertolds Armen; ein Eisenstück hatte ihn an den Kopf getroffen. Er lallte mit verdrehten Augen, fein Blut tropfte auf Bertolds Knie. Auf einmal wurde fein Auge lebendig. Er riß den Rock auf und deutete in die Brusttasche. Die Hand zerbrach mitten in der Bewegung. Bertold sah einen Stoß Briefe unb nahm sie an sich. Sie trugen ben Namen Birges als Adsenber. Otto verzog sein Gesicht, als ob er nun alles getan habe, und starb. Bertolds Herz klopfte fieberhaft. Die Welt verging ihm. Da rief ihn der Hauptmann; er deutete auf feinen Freund. Der Hauptmann rief: „Ich muß Sie haben." Die Kompanie duckte sich zum Sprunge. Bertold ließ feinen toten Otto auf die Erde gleiten. Seine Hände waren noch warm. Blut rann ihm in die Augen. Bertold wischte mit dem Aermel (ein Gesicht rein. „Sprung auf, marsch, marsch!" Im Sturm flogen bie 2ßälber vor Bertolbs Augen. Er sah einen Fluß schillern. Der Hauptmann rief ihn neben sich. Sie stürmten die Festung hinauf: da lag Verdun. Der Feind floh weit und breit. „Weiter!" schrien die Soldaten bie Front hinunter. Ihre Ruse würben eine unerhörte Branbung. Sie wollten nach Verbun, dann war ber Krieg gewonnen. Kein Schuß fiel mehr. Die Offiziere geboten Halt. Hier war bie befohlene Linie. Die Salbölen ächzten vor Wut. Nichts half. Der Befehl galt. Da warfen sich bie Männer auf ben Doben. Die Stahlhelme kollerten über bie Erbe. Sie lagen stumm ba und atmeten aus. „Es wirb ewig Krieg sein!" Bertolb würbe wieder zwischen die Fronten geschickt. Er erwirkte vom Hauptmann die Erlaubnis, daß vier Mann von der Kompanie Otto zurücktrugen, damit er in guter Erbe begraben werbe. Er beschrieb ihnen genau ben Ort, denn er durfte selbst nicht mitgehen. lieber Erich konnte er nichts erfahren. Als er jetzt in feinem Granatloch faß, kam ungeheure Müdigkeit über ihn. Ader er mußte die Augen offenhalten. (Fortsetzung folgt.) In der Fremde. Von Ludwig Thoma. Wo ist bie Heimat? Ach, so weit! Wer über hundert Hügel geht, Wer auf dem höchsten Berge steht. Kann sie noch nicht erschauen. Wir hören's wohl im frohen Mai, Es grüne in der gleichen Welt Der deutsche Wald, das deutsche Feld, Und 'wollen schier nicht trauen. Wo liegt die Heimat? Ach, so nahl Ich weih mit jedem Herzensschlag, Daß nichts von ihr mich scheiden mag, Nicht Berg und Fluß und Auen. Angriff auf die Nordwand. Wie die Brüder Schmid das Matterhorn bezwangen. Von Luis Trenker. Der Verfasser ist einer der überzeugendsten Künder von der Schönheit der Berge und vom Heldentum ihrer Bezwinger. In seinem im Verlag Th. Knaur Nachf., Berlin, erschienenen Buch „Helden der Berge" gibt Trenker auch eine fesselnde Schilderung der Erstbesteigung der Matterhorn-Nordwand im Jahre 1931, mit der sich die Brüder Franz und Toni Schmid ruhmvoll neben den bedeutendsten Alpinisten behauptet haben. ... Es ist vier Uhr früh im ersten Morgengrauen, als sie die jähe Wand angehen. Sie schlagen keine Stufen. Sie verlassen sich nur aus ihre Steigeisen; denn alles kommt jetzt darauf an, daß sie diese Eiswand so rasch wie möglich bewältigen. Trotzdem der Neuschnee noch die Flanken des Berges bedeckt, schlagen unaufhörlich Eis- und Steintrümmer nieder, springen mit der ungeheuren Wucht eines Sturzes aus tausend Meter Höhe links und rechts in die Felsen oder klatschen, tiefe Löcher wühlend, rings um sie ins Eis. Sie müssen schneller sein als der Tod. Und doch, jedes unrichtige Einsetzen der Zacken ihrer Steigeisen kann sie in die Tiefe reihen, wo breit und gähnend die Riesenkluft des Gletschers alles verschlingt, was über die Wand herabkommt. Wie sie mitten in diesem splitternden Steinhagel sich emporkämpfen, kommt es ihnen vor, als würde eine feindliche Gewalt hoch in der Wand oben mit tückischer Absicht ihre Geschosse nur deshalb so schlecht zielen, um das seltene Spiel mit den beiden Menschen tief unten ganz auskosten zu können; denn je höher sie kommen, desto näher rücken die Einschläge, desto enger und enger wird der Raum um sie abgesteckt, aus dem sie nicht entrinnen können. Und doch — mit dem Glück, das sich stets dem Mutigen stellt, kommen sie beide ohne ernsthaften Schaden aus dieser Hölle heraus und queren über vereiste Felsen in die senkrecht aufschiehende Wand . . Mit durchgekletterten, aufgeweichten Fingern, die völlig gefühllos geworden sind, klettern sie weiter; denn es ist unmöglich, hier eine Stelle zu finden, an der sie die Nacht über bleiben können, überall glatte Wände, überhängende Eiswülste, Rinnen, durch die der Steinschlag niebertyeult ... ..... Es wird eine schlimme Nacht werden. Irgendwo hier müssen sie bleiben. Wenn sie wenigstens soviel Platz finden würden, daß sie mit beiden Füßen dort stehen können! Hastig suchen ihre Augen die Felswand ab. Eis, überschneite Plattenstürze, immer das gleiche Bild. Schon ist es so dunkel, daß sie kaum mehr die Einzelheiten unler- Icheiden können. Da entdecken sie endlich noch im letzten Augenblick em wenig links einen winzigen, verschneiten Felsvorsprung. Kaum einen Quadratmeter groß und zudem noch abschüssig. Ein gewagter Quergang, der ihnen nur gelingt, weil sie wissen, daß er die letzte 'Möglichkeit für sie ist, bringt sie auf die kleine Kanzel. Im beginnenden Nachtdunkel reinigen sie die Stelle von Schnee und Cis. • Sie schlagen einige Haken in die Wand und binden sich kurz an, um 1 im Halbschlaf nicht in die Tiefe zu fallen. Mühsam lösen sie die Steigeisen von den Schuhen und hängen sie mit den Pickeln zusammen in i»ie Haken ein. . . . Dann versuchen sie vorsichtig, eng aneinandergeschmiegt, sich auf dem ichmalen Postament niederzulassen. Den Schlassack stülpen sie sich über i»le verrenkten Glieder, so gut es eben geht. Jede kleinste Bewegung, i lelbft die Uhr aus dem Sack zu ziehen, ist hier eine Gleichgewichtsübung. Cs ist halb neun Uhr abends. Also sind sie sechzehn Stunden ununterbrochen geklettert. , . , . .. Der Höhenmesser zeigt 4150 Meter. Das bedeutet, daß sie fast »00 Meter hinter sich gebracht haben. Nur 350 Meter trennen sie noch »om Gipfel. Sie essen eine Tafel Schokolade und etwas Dörrobst. Für den grimmigsten Hunger muh das genügen; mehr wagen sie nicht zu nehmen; i»enn der kärgliche Proviant muh noch mindestens für einen zweiten Tag reichen. Ein kalter Wind fegt über die Wand. Eisige Schauer sthutteln lie, denn ihre Kleider sind von der Eisarbeit völlig durchnäßt. Nur die Gummihülle schützt sie vor dem sicheren Erfrieren. An Schlaf ist nicht yu denken. ,. , .... lieber ihnen spannt sich unendlich weit der Sternenhimmel. Deutlich ireten die Umrisse der Berge hervor. Sie erscheinen von dieser Hohe aus xesehen weniger bedeutend, obwohl genug Viertausender unter ihnen lind. Irgendwo In der Tiefe rauscht ein Gletscherbach durch die Einsamkeit der Nacht. Im Tale flimmern die Lichter van 3ermatt. Zehn Stunden müssen sie in dieser Lage ausharren. Endlich um Üben Uhr morgens können sie aufbrechen. Die Glieder sind völlig fteit, iairch die erzwungene Lage beinahe erstarrt. Fast unmöglich ist es. Die Steigeisen anzuschnallen. Das Selk steht ein Stück waagerecht in die Lust hinaus wie eine Eisenstange. Sie hoffen, nun leichtere Felsen zu finden, doch ihre Hojsnung wird zunichte. Was ihrer nun wartet, ist das Schwierigste, was die Wand hat. Es find glatt aufstrebende, vereiste Platten, senkrecht sich aufbäumenb, an beiden Seiten durch Steilrinnen flankiert. Mit zäher Verbissenheit kämpfen sie sich empor. Alles, was sich ihnen bisher entgegengestellt hat, ist hier in einer einzigen Wandstelle vereinigt. Mehrmals sind sie dem Verzweifeln nahe und blicken hinunter in die grauenvolle Tiefe. Es gibt nichts anderes, als ein — Durch! Jetzt klettern sie um ihr Leben. Es sind Stellen, wo sie alles auf das eine setzen müssen: Leben, leben, erlöst werden aus dieser peinigenden Gefahr, durchkommen, irgendwie, nur durch — wie, das ist gleichgültig. Dies ist der große Augenblick, da nicht mehr technisches Können und sichere Führung entscheiden, da es auf den ganzen Menschen ankommt, jetzt muh sich zeigen, aus welchem Holz sie geschnitzt sind Da sind sie an der übereiften Plattenwand, schweben mehr als sie stehen, die beiden Schmidbuben vom Baierbrunner Klettergarten draußen im grünen Isartal, und die nächsten Augenblicke entscheiden über ihr Leben. Sie sprechen kein Wort. Sie sind völlig eins. Sie verstehen einander ohne viel Reden. Ueberhaupt, feit sie in der Wand sind, haben sie noch kaum etwas zu sprechen brauchen, nur die nötigsten Zuruse am Seil. Franz ist fast am Ende. Verzweifelt kämpft er sich zurück, erreicht mit letzter Kraft feinen kleinen Stand wieder. Toni oerfucht es, aber auch er kommt nicht durch. Fast tausend Meter sind sie hier über dem Einstieg — ein Zurück ist Wahnsinn, der sichere Tod. Wieder ist Franz vorn. Auf dem steilen, rotgelben Fels halbrechts hat er eine angefroene Schneeschicht entdeckt. Sie wagen das Aeußerfte, queren hinüber. Und kommen durch; Kaum sechzig Meter Wand haben sie vier Stunden Arbeit gekostet Es war das Schwierigste, was sie ie in ihrem Ringen in Fels und Eis erlebt haben. Nun beginnen steile, tief verschneite Felsrinnen, die sie rasch emporsühren. Um zwei Uhr nachmittags erreichen sie den Grat, mitten im Blitz und Hagelschlag eines überraschend hereingebrochenen Hochwetters. Dreiundzwanzig Stunden sind sie in der Wand geklettert. Nun stehen sie am Gipfelkreuz. In wortlosem Druck finden sich ihre blutenden, zerschundenen Hände. Sie wissen in diesem Augenblick nicht, was ihr Sieg bedeutet, wissen nicht, daß er einem leidgeguälten Volk Ausdruck seiner unzerstörbaren Lebenskraft wurde, wissen nicht, daß eine ganze Welt in ihrer Tat ein Sinnbild jenes jungen Deutschland sah, das sich in diesen Tagen und Wochen aus tiefster Not und Zerrissenheit zu Licht und Freiheit emporkämpfte. Ihr ganzes Leben drängt sich in diesem Augenblick zusammen, und in der höchsten Anspannung ihres Willens, im letzten, das sie zu geben vermögen, liegt die Zusammenballung alles dessen, was sie bisher geleistet und erkämpft haben. „Oie Tänzer sollen beyderseits Handschuh anhaben!* Von Dr. Kurt Warnecke. Nicht eine Geschichte des Tanzes im Wandel der Zeiten soll hier gegeben werden und auch zur Ausstellung von Regeln über den schönen und liebenswürdigen Tanz sind wir nicht befugt, das soll den sachverständigen Tanzmeistern und nicht zuletzt den tanzenden Paaren selbst überlassen werden, die in rechter Fröhlichkeit und gutem Geschmack schon selber finden, was sich schickt. Aber einiges von dem, was zu Zeiten sozusagen an den Rand der Geschichte des Tanzes geschrieben wurde und an Lob und Tadel zuweilen in strenge Verordnungen und ernste Mahnungen geformt wurde, das ist ein reiches kulturgeschichtliches Inventar, dem wir einige absonderliche, sowohl ernsthafte wie komische Aeuhe- rungen entnehmen wollen. Zwei Tanzsormen bestanden in Deutschland vom frühen Mittelalter an nebeneinander und sie geben schon die Standorte an, von denen aus eine Kritik und eine Ordnung der Tänze möglich war. Hier war es der ausgelassene, heitere, lebendige Bauerntanz bei den großen Volksfesten im Freien, bei dem es müßig gewesen wäre, nach enabegrenzten Regeln zu suchen. Uralte Sitte hatte in den verschiedenen Landschaften Tänze entstehen lassen, von hohem Reiz und lustigem, abwechslungsreichem Figurenspiel, Tänze, die heute wieder belebt werden. Dort gab es einen gemessenen, ruhigen und vornehmen Gesellschaftstanz der Adligen und der Patrizier in geschlossenen Räumen, der sich streng an Sitte und Brauch der höheren Stände richtete. Aber zuweilen drangen Formen des Bauerntanzes auch in diese Festsäle ein und dann entstand oft eine Tanzübung, die viel Mißfallen und manchen Tadel hervorriefen. Die hohe Obrigkeit muß schließlich zur Wahrung von Anstand und Sitte eingreifen und sie tut dies auch mit ihrer etwas papiernen Ausdrucksweise, die aus dem Aktenstaub der Amtsstuben stammt. So lefen wir in einem Nürnberger Stadtgesetz aus dem 14. Jahrhundert, „daß niemand, es sei fraw ober man nach der letzten (12.) Stunde einen tantz haben soll. Auch soll niemand nicht länger tantzen, denn zwischen den zweien malen und man soll aufhören, wenn man vesper zusamme schlägt, und in welchem Hause man darnach tanzet, der must geben zehn pfund." Und ein Polizeigesetz aus dem 15. Jahrhundert genügt sich nicht in eine Begrenzung der Tanzzeit, sondern rügt auch das Beneh- tnen der Tanzenden und die von ihnen neuerdings mit Vorliebe gewählten Tänze. „Nachdem an einen ehrbaren rate hat gelangt, daß vil ungewöhnlicher schändlicher unzymlicher und neuer Tänze täglichen getrieben wird, das nicht allein Sünde und der allmächtige Gott ohn Zweifel myßfällig ist, sondern auch mannigerlei unehrlicher leichtfertig- feit und darzu nachrede gebären mag, gebieten unsere Herren, daß hinfüro nymant an den längen an einander it halsen ober umbfahen sollen." Vielleicht hat es dazumal aber auch nur an geschmackvollen und gestrengen Tanzmeistern gefehlt, die zwei Jahrhunderte später schon ein achtsames Auge darauf warfen, daß die Paare, denen sie ihre Künste beibrachten, sich nicht gegen die Lehren ihrer Schulmeister vergingen. Dafür konnten sie aber auch mit gutem Gewissen und im eigenen wohl- verstandenen Interesse gegen dte auch dann noch vorhandenen Kritiker Stellung nehmen. In vielen Tanzbuchern aus dieser Zett können wir wohlgesormte Verteidigungsreden der „edlen Kunst des Tanzes gegen die Sittenrichter lesen, die den Tanz „als etwas Bestiales oder Sund- liches beurteilen. In dem wichtigsten dieser Werke, der 1707 erschienenen Beschreibung wahrer Tanzkunst" von Johann Paschen heißt es daß die Tanzkunst auf nichts anderes als aus honnetete, Modestie, Sittenhaffter Manier und tugendhaftem Verhalten begründet" sei. Allerdings muh Tanzmeister Paschen mit Bekümmernis zugeben, „daß der wahren Tanhkunst durch greuliche Abusus heutzutage mancher Tort und Schandfleck zugezogen worden, wann nemlich kein gebührender Unterschied zwischen dem alten und neuen Tantze und zwischen dem kunstmaßlg- und lasterhassten irregulairen Täntzen gemacht wird. Und nun stellt er einen Sittenkodex des Tanzes auf, den er „Ordinatwnes zur Sittenlehre" nennt; mit geharnischten Worten wendet er sich gegen die Unarten, die sich in die schulgemähen Tänze eingeschlichen haben, und er versäumt es nicht, die Schuldigen zu nennen, die ländlichen Tanze, aus denen die Schleifer und Hopser übernommen wurden. Er verspricht sich viel davon, wenn ältere Leute mit kritischem Blick die Tanzenden und dem Tanzmeister zusehen. „Die Täntze", erklärte er, „foUen nimmer anders, als in praesence alter, ehrbarer und honetter Leute geschehen. Es könnte nicht schaden, wenn allezeit gar eine Geistliche Person dabet wäre, damit die Tantzenden ihre actiones desto respectueuser verrichten mühten und die lieben Herren selbst sehen könnten, wie es darbei hergehet; zumal wenn sie sich nur theoretisch vor einem rechtschaffenen Meister hätten im Grunde dieser Kunst instruiren lassen, vielleicht schütteten sie nicht so gar das Kind mit dem Bade aus, wie einige thun!" Die Voraussetzung für einen wohlgefälligen Tanz aber ist nach Ansicht dieser Tanzmeister die strenge Beachtun^der von ihnen ausgeklügelten Regeln und die Wahrung nötigen Anstandes, wobei allerdings oft ein sehr merkwürdiges Benehmen gefordert und anderes, was uns seltsam erscheint, gebilligt wird. „Wenn man die Dame bei der Hand saht, soll es nicht lange und bei dem Aeuhersten der Finger geschehn und sollen auch die Tänzer beyderseits Handschuh anhaben!" Und wenn es „in- zivil" erscheint, „im Vorbeitanzen der Dame näher als eines Schrittes zu nahen, so ist es .zivil'", dah sich die Paare das Gesicht zuwenden, denn „das Abwenden des Gesichtes würde eine Verachtung sein!" Auch das Gesicht des Tänzers und die Miene, die er bei diesem Anblicken der Partnerin macht, werden genau vorgeschrieben. „Hierbei sollen die Gesichter weder lachen, noch sauer sehen, sondern sich modest und indifferent erweisen. Reden kann man gar nicht in den Täntzen, so nach wahrer Kunst eingerichtet sind, und wenn man ausgetanzt hat, so ist man denen anderen honetten Leuten so nahe, daß es sich sehr Übel schicken würde, von unanständigen Dingen zu reden!" Bei den Damen muh aber selbstverständlich „die Modestia alle Zeit die Ueberhand haben und dürfen ihre Sprünge niemals das Contreternps überschreiten." Neben diesem gestrengen Herrn Johann Paschen aber sind andere angesehene Tanzmeister zu nennen, die zwar sicher nicht weniger ehrenwert, aber doch ein wenig duldsamer und nachsichtiger waren und ihren Schülern auch hin und wieder einen kleinen Seitensprung ober ein Küßchen in Ehren beim Tanz nicht verwehren wollen. So äußert sich der Leipziger Gottsried Taubert in seinem 1717 erschienenen „Rechtschaffenen Tantzmeister" folgendermaßen: „Eine Dame vom Verstand und Esprit, so nicht weniger als andere keusch und züchtig, bedencket, daß ihr ein Kuß um nachfolgender dreifacher Ursache willen im geringsten kein Macul weder im Gewissen noch in der Fortun zuwege bringen kann, nemlich: 1.) weil es das Spie! so mit sich bringt, 2.) weil ehrliche Leute babet) seyn, und 3.) weil es andere auch thun und leiden müssen. Ob sie sich daher schon anfänglich aus Schamhaftigkeit, weil sie dergleichen Lecerey ungerechnet ist, ein wenig weigert, und ihren Nachbar freundlich bittet, daß er sie damit verschonen wolle; so leidet !le es doch endlich, wenn sie fielet, daß es nicht anders ist und wehret ich nicht zu närrisch!" Mit diesem nachsichtigen Grundsatz sollte aber offenbar auch einem Wunsch der Eltern der Tanzenden Rechnung getragen werden, denn diese sahen in einem solchen Tanzvergnügen etwas sehr Zweckmäßiges; es sollte „zu aoantageufen Heyrathen nicht wenig contribuieren". Welcher Tanz aber mar für einen solchen Zweck geeigneter als der um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts aufkommende Walzer, der aus Allemande und Ländler hervorgegangen den französischen Gesellschaftstanz besiegte und dem Einzeltanz der Paare den Weg ebnete. Aus einem Gesellschaftsspiel vieler, bei dem die Einzelnen wohl ihre Paffen trieben und sich hin und wieder einmal zu einer „Extratour" beiseite stahlen, war nun ein Tanz geworden, der eine Art Zwiesprache zweier Menschen darstellt. Zunächst roar man über das „Herumhopsen einzelner Paare" sehr entsetzt, aber bald gewöhnte man sich an seinen Anblick, und wer erst einmal im Dreivierteltakt durch den Raum schwebte, dem „hing der Himmel voller Geigen". Jahrtausende unter dem Hut. Zur kullurgeschichte brr männlichen kopsbebeckun^ Don Dr. Wolsgang Frahm. Ueberblufen mir die bunte Fülle der männlichen Kopstrachten durch die Jahrhunderte und in allen Zonen, so tritt uns in ihnen fast immer ein Symbol von Herrschermacht und Standesbereußtsein, von volklicher Eigenart ober religiöser Gedunbenheit entgegen, bas reeit mehr ist als das Verlangen nach einem zweckmäßigen Schutz gegen bie Unbilben der Witterung ober ein inbioiduelles Schmuckbedürfnis. Die Ursprünge der Kopfbedeckung verlieren sich im Dunkel der Vorgeschichte. Bei den Grie- chen mar sie jedenfalls als Pilos vor allem bei Schiffern und Handreer- kern als Petasos, dem in Thessalien getragenen flachen Filzhut mit verhältnismäßig breiter Krempe, und als tellerförmiger Strohhut bereits tütff verbreitet. Von großer westgeschichtlicher Bedeutung ist die phry. gische Mütze mit der nach vorn gebogenen Spitze geworden, die im Altertum die Tracht der Phryger war, die in dec französischen Revolution von 1789 das Wahrzeichen der Republikaner wurde und die auch jetzt noch bei manchen Bewohnern der Mittelmeerküsten wie bei den Neapolitanern zu Hause ist. Die alten Römer gingen gewöhnlich barhaupt, später aber wurde das Tragen einer Kopfbedeckung Üblich, ja sie galt als das Vorrecht des freien Mannes, und dem Sklaven wurde sie ausdrücklich mit seiner Freilassung gewährt. Jrn Mittelalter kannte man im allgemeinen keine Kopftracht, aber schon im 10. Jahrhundert stoßen wir auf Stroh- und Stoffhüte aus grober Wolle, und im 11. Jahrhundert sind deutlich Modeschwankungen zu beobachten. Der Hut wird immer mehr zum Schmuckstück, und häufig wird er mit kostbarem Pelzwerk verbrämt. So erzählt bas Nibelungenlieb von Siegfried, daß er einen „huot von ,30beie, ber riche was genuoc" trug. Die Pfauenfeber, bie wir heute eigentlich nur noch in Faschingszeiten als Zeichen närrischster Ausgelassenheit bulben, war im 13. Jahrhundert ein bei roürbigen Bürgern geschätzter Hutschmuck. Noch lange blieb ber Hut bas Sinnbild des Abels unb entwickelte sich erst allmählich zu einem Abzeichen auch für anbere Stäube unb Berufe. Biccius berichtet: „Auf bem Haupt eines Hertzogs saß ein rother atlaffer Hut, mit Lassatz über« stülpet, einer zweren Hanbbreik. Der ßanbgrafenfjut roar von braunem Damast, forne mit einem fehem Aufschlag. Der Markgrafenhut auch von braunem Damast, besten Ueberschlag forne von Bundwerg ist." Auch als Zeichen ber Schaube mußte er getragen werben. Wer feinen Gläubiger in Geschäften betrogen hatte, erhielt ben gelben Hut aufgesetzt. Um bie Mitte bes 14. Jahrhuuberts würbe ber Hut eine Zeitlang burch bie Gugel verbrängt, eine Kapuze mit Schulierkrageu, bie sich bis in bas 16. Jahrhunbert hinein erhalten hat. Daneben kam bas Barett auf, es muhte aber halb bem hohen spanischen Hut weichen. Dann folgte ber uieberläubifche sog. Rubeushut unb später zu Beginn bes 17. Jahr- hunberts ber breitkrempige schwedische Schlapphut, der uns als Sol- dateuhut mit wilder Federupracht aus dem dreißigjährigen Kriege bekannt ist. Diese Tracht aber wurde, als Europa wieder zu gesitteteren Formen überging, der Perücke zum Opfer gebracht. Unter Ludwig XIV. wurden Hüte mit vorn unb hinten aufgeschlagenen Krempen getragen, woraus bie sog. Zweispitze unb Dreispitze entstauben finb, von benen wir Ueberrefte noch heute in ber Tracht der italienischen Karabiniers unb bet ber spanischen Polizei finben. Die Kopf- bebetfung am Hofe bes Sonnenkönigs, bie natürlich auch in ben oberen Schichten ber anbereu Länber nachgeahmt würbe, würbe so zum Symbol der überlieferten Herrschermacht ber Dynastien, unb es roar beshalb ver- ständlich, baß überall bork, wo bie Bollwerke ber alten Gewalten in blutigen Revolutionen niebergeriffen würben, eine neue Huttracht aufkam. Cromwells puritanische Reiter unterschieden sich von ihren Gegnern, den Soldaten des Stuartkönigs Karl I., durch ihre runden Hüte, nach denen sie ben Spottnamen „Rundköpfe" erhielten, unb die französischen Jakobiner trugen zum Entsetzen ber Umwelt nicht mehr den allgemein üblichen Dreispitz, sondern runde Hüte mit rundem Kopf und hohe Krempe. Das sind die aufrührerischen Vorfahren bes roürbigen Zylinders, ber beshalb bei feinem Auftreten zuerst von allen staats- erhaltenden Kreisen ingrimmig verfolgt würbe. In einem Hamburger Blatt von 1797 heißt es: „Der runbe Hut schändet bie Figur bes Mannes ebenso sehr als bie Hunbsohren, womit er sich zu schmücken beliebt. Unter ber Ueberflügelung seines Hutes scheint er irgenbeine schänbliche Absicht, eine schwarze Tat auszubrüteu, sowie ber Bebiente in ber Komöbie mit niebergeftülpfem Hut, zu bem fein Kamerad sagt: er gleiche einem Mitverschroorenen wie ein Wassertropfen dem anderen. Offenbar ist ber runbe Hut bem behilflich, ber ben Blicken anberer entschlüpfen will, ein Mann von feinem Gefühl wirb daher schon dadurch sich zweideutig zu machen fürchten. Dieser Hut ist ein Schlupfwinkel her Verworfenheit und Schande, unb ba er zubem bie Gesichts- unb Körperform entstellt, so konnte unmöglich ein Mann ihn mit ber Staatsfleibung Zusammentragen." Der Erfinber bes Zyliubers, ber Londoner Hutmacher John Hetherington, würbe sogar allen Ernstes verhaftet, als er mit bem aufsehenerregenden röhrenartigen Gebilbe auf bem Kopf burch bis Straßen ging. Im Polizeibericht warbarüber zu lesen: „Hetherington erschien auf ber Straße mit einem hohen glänzenben Bauwerk auf bem Kopfe, bas er einen Seibenhut nannte unb bas geeignet war, ängstliche Leute in Furcht zu versetzen. Bei bem ungewöhnlichen Anblick fielen mehrere Frauen in Ohnmacht, Kinber schrien, Hunde bellten, ein kleiner Junge brach ben Arm, weil er von ber Menge um« gestoßen würbe. Der Verhaftete erklärte, daß er nur sein gutes Recht ausgeübt habe, nach bem jebem (Engländer volle Freiheit in ber Wahl feines Hutes zustehe." Die politische Zeichensprache ber Hüte würbe nun immer eindringlicher, und bald wurde sogar der biedere Zylinder, in dem sich zu Anfang des 19. Jahrhunderts der aufstrebende Liberalismus verkörpert sah, als Symbol ber Rückstänbigkeit verbächtigt unb in ber revolutionären Bewegung ber breifjiger und vierziger Jahre von dem sog. Kalabreser abgelöst, der feinen wildromantischen Namen nach der Heimatprovinz ber italienischen Verschwörer ber Carbonari führte. Das war ein nieb- riger, weicher Filzhut in schwarzer Farbe unb mit breiter Krempe, ber seinem Träger bas gewünschte Ausrührer-Aussehen gab. Die Frei- fchärler Heckers haben ihn zu höchster Vollenbung gebracht. Aber fchon nach einiger Zeit geriet seine revolutionäre Vergangenheit in Vergessenheit, unb bie Mobe nahm sich bieser praktischen weichen Hutform an, stutzte sie ein wenig auf bie Bedürfnisse bes bürgerlichen Alltags zurecht unb machte bie Kopsbebeckung baraus, bie wir auch heute noch in mannigfaltigen Abwandlungen überall antreffen. Seitdem auch Bismarck sich zu dem gxoßen breitkrempigen Schlapphut bekannt hat, sind die letzten Spuren seiner politischen Vorgeschichte getilgt, unb er behauptet sich neben manchen anderen Hutformen im Reiche der männlichen Kopftracht. Verantwortlich; Or. Hans Thyriot. — Druck undDeriag:Drühl'scheUniversitäts»Buch» und Eteindruckerei,A. Lange, Gießen,