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Als der Zerrwanst erklang und die Paare zum Tanz antraten, gab Anna ihrem Freund ein Zeichen, ging hinaus, er folgte ihr unbemerkt und fand sie, zum Heimgehen gerüstet, am Garten stehen. Sie brach eine Aster ab und steckte sie sich in den Gürtel. Dann gab sie Bertold den Arm und zog mit ihm in den warmen Föhn. Sie drückte sich an ihn und sang von unten herauf. Ihr Haar war frei, ihre Hände heiß. Plötzlick blieb sie stehen. Er sah ihr blasses Gesicht, das von der Nacht überströmt war, ihre Augen waren wie Samt. Sie bot ihm den Mund. In diesem Augenblick kam der Schmiedejunge daher. Er ging mit starken Schritten, und von seinem Hufeisen stoben die Funken. Als er die beiden erblickte, drängte er sich zu Anna. Bertold ging des Weges zurück, niemand rief ihn mehr. Am Bildstock blieb er stehen. Fern und tief hallte die Nacht. Er hörte die lachende Stimme des Schmiedejungen, der immerzu sprach, ohne von der verstummten Anna eine Antwort zu erhalten. Bertold blickte in die wunderbaren Mond- gewölke und schwieg. Auf einmal, leise wie der Schlag eines Ruders, flog ein Bild um ihn und umhüllte ihn ganz. Ein süßer Schmerz umflorte seine Brust, und endlich wuchs stark und lieblich eine Gestalt in ihm empor und stand vor ihm. Er sagte: „Birgel", feierlich, fast im Traum, als stünde sie eben aus dem Grabe aus Er mußte sie jetzt sehen und ging in das Haus zurück. In der Küche war sie nicht. In der Stube stampften die Tänzer, vielleicht flog sie da mit. Er ging hinein und prüfte die Gesichter im Wirbel.' Sie war nicht da. Er eilte in die Kammer, auch da nicht. Hott! Er war nicht in der Stube ... Bertold stürzte, wahnsinnig vor Schreck, aus dem Haus. Ein Wirbel trieb ihn durch den Hof, er ries ihren Namen, leise, inbrünstig. Dann sprang er um das Haus herum in den Garten. Kaum war er um die Ecke, da — was war das? Dort im Grase? Er hörte zwei Menschen lachen. Hott und — Da schlug ihn der Wirbel herum. Er erstickte den Schrei und ging Er taumelte in den Hof. Da sah er Licht aus der Scheune dringen, dachte, es fei der Knecht und ging auf das Licht zu. Kaum hatte er die Tür geöffnet, da schrie er ihren Namen: „Birge!" Sie war es wirklich, stand vor einem großen Haufen Stroh und band Seile. Sie stand völlig in Gold und . Licht, zog die Augen hinauf und sprach fast erschreckt: „Da bist du ja!" Bertold wand sich an der Tür, endlich ging er zu ihr und half ihr. Er erzählte ihr bei der Arbeit von seinen früheren Streichen, sie banden Seile, bis die Leute aus dem Haus gepoltert waren. Birge deckte ihm heute das Bett selbst auf, aber trotzdem hatte Bertold schreckliche Träume. Er mußte über ein großes Feld fahren und Garben mit der Gabel aufladen. Jede Garbe aber war ein Bauer, und sie wurden immer dicker und schwerer. Zuletzt am Ende der Reihe aber lag ein Paar: Hott und die Magd. Bertold stach zu. Da wachte er auf und sah den Mond scheinen. Drittes Kapitel. Föhn. Vorn Süden her über die Berge wälzte sich der Föhn in mächtigen Wellenschlägen. Zuerst kam er, Donner unter den Füßen, Himmel und Erde erfüllend, seine nächtliche Bahn daher, man hörte einen lang- gezogenen dunklen Ton und sah ungewisse Helle aus der Schwärze des Raumes aufbranden. Dann wurde es ebenso ungeheuer still hinter ihm. Einzelne Sterne schmolzen aus ihren blauen Feldern herab. Aus dem Berghof tappte reisefertig Friedrich, der Pate, stülpte seinen Hut fest und rief, als er vor dem erleuchteten Fenster des Nachbarn angekommen war, krächzend und hustend: „He, Matthies, es ist ja höchste Zeit." „No, no, Friedrich, halb so wild", gab eine fette und brummige Stimme zurück, „ich muh mir doch das Brot noch erst in den Ranzen reinstecken." , „Derweil bind ich das Kalb los. Tummel dich, tummel dich. Friedrich klatschte in die Hände. Bald darauf gingen die beiden Bauern und das Kalb, das auf den Markt gebracht werden sollte, die fahle Straße zum Fluß hinunter. Alle drei ließen den Wind gewähren; Friedrich steckte seine hageren Beine seitwärts fest in den Boden, Matthies torkelte, wenn der Föhn einhielt, und schwamm mit zugekniffenen Augen, wenn er losblies; das Kalb stolperte in der Mitte, senkte, wenn der Wind kam, die Deckel über die vorgetriebenen Schlafaugen und ließ sein Fell zittern, wenn es sttll wurde. Bor einem kleinen Wald, der das Gelände mit kurzen Tannen überlief, blieb Matthies plötzlich stehen, deutete mit seinem Stock rückwärts und fragte gedämpft, als stecke das Tannicht voller Wegelagerer: „Ist dein'Pate schon fort, der Student?" „Was weiß ich!" entgegnete Friedrich mürrisch. „Ich hab' ihm jedenfalls ein paar Pfennig neben feinen Rucksack gelegt, daß ihm der Abschied nicht so schwer fällt." „Das ist ein Volk", meckerte der Dicke und schneuzte sich. „Er hat aber was los", knurrte Friedrich, der seine Patenschaft nicht so leichtfertig in den Wind hängen wollte. „Jawohl", krähte Matthies mit hoher Stimme und fiel beinahe über das Kalb, das inzwischen eingeschlafen war. Dann, indem er Wort für Wort dem Kalb sein Schnupftuch um das Maul klatschte, ließ er seine Gedanken, die er sich in der Nacht zusammengeschirrt hatte, los „Jawohl, Seile hat er mit ihr gebunden bis in die finstere Nacht. In der Scheune hat er bei ihr gesteckt Und mein Hans — mein Hans — kannst du dir denken, dem ist der Mund sauber geblieben .. Das wär mir eine Schwägerschaft Prost!" Dieses Prost hatte eine eigentümliche Wirkung auf Friedrich. Er trank oft und gern mit Matthies in der Stadt einen guten Schnaps und war auch bei solchen Sitzungen mit ihm einig geworden, daß Hans und Birge einst ein Paar werden sollten. Ja und nun, als Mat- thies Prost rief, stiegen alle Widerwärtigkeiten, die das Patenkind gestern Über seinen Hof gebracht, als trockener Dampf in seinem Halse heraus, zugleich aber auch, unsichtbar wie die Sonne, die goldene Flasche, deren Bild eben durch das Prost ihm lebendig vorgemalt worden war. Voll Eifer, den Streit zu beenden und möglichst schnell ins goldene Morgenland zu kommen, gab er dem unschuldigen Kalb einen Schlag über den Rücken, so daß es entsetzt auffuhr, und rief, indem er wie ein Reiter dem in den Wald dahinstiebenden Kalb den Zügel lüpfen ließ: „Richtet nichts aus, nichts bei der Birge. Wird sich in den Finger schneiden. Hallo!" Und der Wald nahm mit seiner allmächtigen Ruhe das widerspenstige Dreigespann auf. Im selben Augenblick wachte Bertold in seinem Bett langsam auf. Er ließ die Augen zu und horchte. Der Wind drehte sich lustvoll schnarrend, gurgelnd und heulend durch Lehm und Läden des alten Hauses. Da hörte er unten einen Schritt gehen. Er setzte stark und geschmeidig an und verrauschte dann wie Wellenschlägen. Birges Füße. Wenn sie doch da wäre! Sie hätte wenigstens einmal von unten an die Decke stoßen sollen, klingend, mit dem Besen. Aber ihre Brüder waren noch da und die Schwester. Bertold legte sich in die Welle des Windes und wartete. Pferdegetrappel weckte ihn wieder. Da fuhren sie den Berg hinauf, die Brüder, eilig hinter dem Pflug. Dann kam die Viehherde, die Hochzeitskuh. Hinter dem Hirten tauchte die Schwester auf in einem Ballen von Mägden. Sie trugen rotwollene Kopftücher, und in den Händen schwangen sie Kessel mit Essen, aus denen noch der Rauch stieg. Die Kessel waren so groß, daß sie für den ganzen Tag reichten. Zuletzt schnarrte der Knecht mit einem andern Pflug aus dem Hof und den Berg hinauf. Dann war es totenstill. Auch der Wind legte sich. Birge? War sie noch im Hause? War sie nicht unter den vermummten Mägden gewesen? Bertold hörte etwas die Treppe heraufstreichen, nicht anders, als wenn ein Busch unter dem Wind über das Fenster streift. Da blieb es auf dem Vorplatz stehen, lauschte, hustete .. Bertold stellte sich schlafend. Die Türklinke zwitscherte, und Birges Kopf schnupperte in die halbhelle Stube. Er atmete laut und langsam, als ob er im tiefsten Schlaf hinge. Sie kam zögernd näher, dehnte ihre Hand aus und hielt sie ihm über die Stirn, streifte bann sein Haar, indem sie immer die Tür im Auge behielt, und wollte ihn eben am Ohr, nur ganz leicht, ansassen. Da auf. etwas wunderte sich sehr, in die Wohnstube machten dann gar nicht ab« ja heute fort nirgends zu sehen. Wasser gegangen. „Heute abend gehst du mit mir {ort, Birge!" „Meinst du?" Arge wollte tapfer lachen, unerwartet kamen ihr aber die Tränen, sie schaute Bertold an und weinte, ohne daß sie es wußte. 3n diesem Augenblick kamen ein paar Holzschuhe um die Ecke gegangen. Sie gingen so langsam und heimlich, daß man hätte meinen können, es sei nur ein Holzschuh. Darin stak ein Bursch von zwanzig Birge war blitzschnell zur Türe hinaus. Bertold sprang aus dem Bett und kleidete sich an. Als er kam, war der Tisch festlich gedeckt, Birge aber war Er glaubte in jähem Sck>reck zuerst, sie sei ins HCyu,.Hriu Dann siel ihm ein, daß hier oben nur der Brunnentrog voll Wasser sei: er schaute aber doch zum Fenster hinaus und stellte fest, daß Birge nicht im Brunnen verschwunden sein könne. Er fand sie in der Küche. Sie stellte verschiedene Topfe durcheinander und wieder zurück an ihren alten Platz. 0 * „Schlag’ die Trommel Birge", rief Bertold und verließ die Stube .?ar verschwunden. Bertold ging an die Ecke des Gartens bietl(S ?n6U?Cr ®a“n unb beobachtete Hans, der nun wieder gemeßen ?lL entlang ging unö dann ziemlich siegreich dreinschauend in le *!e.n etnbog. Friedrichs Garten lief bis an Matthies' Hof Hans drehte M) um und legte sich ebenfalls an feiner Lieblingsstelle neben eihncm er Utber ben 3aun- Da sah er plötzlich Bertold sich gegen« u!d spuckten SmÄn* ,id) abEr 9(Cid) einen fürchterlichen Mut „Willst du unsere Blumen düngen?" fragte Bertold. „Da kommt er, Hans", rief Birge und verschwand in der Echlaf- bes .Köters. Dort nahm sie unter der alten Trommel Auf- nehen 9f»tn esnbOH ? aJer dem Siebziger Krieg mit heimgebracht und Imtm hn6 ® L8eban9 ^te. Hans ging langsam. Bertold merkte es kaum daß er schon eine Weile vor dem Fenster stand „Guten Morgen Hans", rief er endlich und riß das Fenster "Mom grollte Hans unsicher. Er hatte volle Apfelbacken. „Wolltest du etwas bei uns borgen, Hans?" „Bei euch? Ich wollte nur sehen, wer alles zu Haufe ist." „Birge und ich. Fährst du heute nicht auf den Acker?" m?Aann mir einrichten, wie ich will?" „Paßt dir etwas nicht?" „Komm doch heraus, wenn du etwas willst." »Was ist das für ein Spiel?" fragte Bertold. „Das Topfguckerlspiel", antwortete Birge. Sie aßen bann und tranken, nicht viel, ertappten sich oft dabei, wie sie sich unermüdlich und fromm in die Augen schauten, und einen künstlichen Aufruhr gegen den armen Kuchen, der nehmen wollte. Plötzlich dachte Bertold daran, daß er müsse zu seiner Tante. hatte er sie schon am Handgelenk. Sie schrie nicht auf, so erschrocken — wollte ja nur Nachsehen, ob du schon ausgestanden seist." Nein, liebe Birge", sagte Bertold. Es war ihm beklommen zumut, doch wollte er sie nicht loslassen. Er bat sie endlich, sich ein wenig auf fein Bett zu fetzen Sie tat es arglos, doch fetzte sie sich genau auf den Rand unb erzählte auf feine Frage, baß bie Brüder und die Schwester aufs Feld feien. „Unb der Vater?" fragte Bertold. Birge seufzte. „Er ist mit dem Nachbar in die Stadt auf ben Markt. Er kommt manchmal sehr spät heim. Sie trinken gern, bie zwei. Hast bu Hans fdjonjjortfäbren hören?" „Wer ist Hans?" Birge errötete. „Hans? Das ist hoch dem Nachbar feiner, ber älteste." „Warum bist bu da rot geworden?" Birge schwieg. Bertold fragte: „Soll ich es dir verraten?" Ihre Augen wurden dunkel, bann sagte sie: „Das haben sie eben unter sich ausgemacht, daß ich hinüberheiraten soll. Der Vater will es so." Es würbe Bertolb kalt. Dann sprach er jäh: „Du mußt bem Vater nicht gehorchen, Birge. Besser es brennen bie beiben Häuser ab, seins unb eures, als bah dein Herz verbrennt. Glaubst du denn, ich —". Er suchte nach einem Wort, um ihr zu sagen, daß er ihr bis zum Aeußersten Helsen werde. Da sah sie ihn voll an. Er tat einen heimlichen Schwur gegen den Paten, den dürren Trinker, der vielleicht heute in einer geschwätzigen Schenke mit dem prahlenden Dicken über Birges Haupt bie Würfel warf. Dann bog er ihr süßes und strahlendes Haupt an seinen Mund. Er sah ihr in die Augen. Alle Freude, Frömmigkeit unb Kraft ihrer Seele strahlte jetzt aus ihrem Blick, unb im Grunde ihrer Augen lag, blau unb fern, uralter Ernst unb Treue, bie keine Lüge kennt. „Willst bu mir bein Leben erhalten, Birge, so wie ich dir bas meine erhalten werbe?" fragte er. „3a", sagte Birge unb legte seine Hanb auf ihre Brust. Sein Herz schlug mit bem ihren zusammen einen leisen Doppel- gefang. Er brückte ihr Haupt an fein Gesicht. Sie lauschten bem jubeln« ben Föhn unb schwiegen. Sie brückten sich die Hände und wurden ganz voller Feuer. Er glaubte einen zarten Schrei von ihr gehört zu haben, mitten im Kusse. Birge ging zum Fenster und schaute ihn an. Sie sprach: „Weißt du, warum ich vorhin gerufen habe, Bertolb?7' „Nein, Birge." „Ich habe meine Mutter bei bir stehen sehen." „Warum solltest bu ba erschrecken?" „Ich habe meine Mutter bei mir stehen sehen." „Unb weiter boch nichts?" Hans stieß einen verächtlichen Lacher aus unb blinzelte einladend zu feinem Hackklotz herunter, in dem ein Beil stak. Das war zu viel. Bertold ging kriegerischen Schrittes zu Hans, zog, ohne daß dieser sich muckte, das Beil aus dem Klotz und ließ es zum Spott auf feiner Hand tanzen. Dann hieb er es zischend ins Holz; es war ihm leid geworden, den unglücklichen Burschen zu kränken. Schon wandte er sich zum Gehen. Aber Hans, der nicht locker lassen wollte — vielleicht schaute Birge durchs Küchenfenster — warf sich von neuem auf und rief: „Du brauchst gar nicht so frech zu fein." „Eigentlich nicht." „Es gibt noch mehr Studenten wie dich." „Zum Beispiel?" „Hott." Hans brüllte fast unter Tränen den Namen heraus. Bertold zuckte. Was wollte Hans mit Hott, Hott mit Hans? Wer wollte dem anderen helfen, Birge zu gewinnen? Hans fuhr fort, von feinem Schutzherrn zu erzählen, er wolle in ben Ferien hier herauf zu ihm kommen, ja, sie wollten sich sogar Briefe schreiben, Hott von der Universität herab! „Ihr paßt ja auch ganz gut zusammen", sagte Bertold. „Hoffentlich werdet ihr euch auch gut vertragen." „Besser als mit dir", drückte Hans heraus und ging auf den Stall zu. Mitten im Hof aber blieb er stehen, gurgelte ein Gelächter, das recht boshaft fein sollte, aus seinem Hals und rief, indem er sich auf die Schenkel schlug: „Bettelstudent, Bettelstudentl" Als Bertold anlief, flog Hans schon über den Mist in den Statt; dort machte er sich an der Krippe des großen Bullen zu schaffen. Der Bulle stellte ben Buckel hoch unb sah böswillig auf Bertolb, ber in ber Stalltür ftanb. „Gegen so zwei kann nur eine Kuh ankommen", rief Bertolb unb warf bie Statttür zu, baß ber Riegel klirrte. Dann ging er langsam unb mit feiner Wut kämpfenb burch ben Baumgarten auf ben Stoppelacker, auf bem ein Lager Holzer eingerichtet war, unb warf fo lange Steine unb Stämme, bis er ben Bettelftubenten hinuntergeschluckt hatte. Mit Hott wollte er aber boch reben, wenn er ihn einmal auf ber Universität treffen würbe: mit der Waffe in ber Hanb! Als er am Brunnen ftanb, sah er Birge vom Feld her durch den Garten kommen. Sie mußte sehr schnell gelaufen sein. Er fragte sie, woher sie komme und sie antwortete, das werde er am Abend schon noch erfahren, sie verrate jetzt kein Sterbenswörtchen. Am Nachmittag schien die Sonne, als fei sie von gewaltigem Wind aus ben Wolken gepreßt, strahlenb unb voll. Es gab sich fast von selbst, baß Birge unb Bertolb zusammen auf ben Bobcn gingen in Birges Kammer. Bertolb fetzte sich vorsichtig, währenb sie ben Schrank aufsperrte, auf ihr Bett, bann zog er bie bunteibunten Vorhänge über bas kleine Fenster, baß nicht einmal bie Sonne in Birges Geheimnisse hineinschauen konnte. Sie zeigte ihm alles, was sie hatte, unb bebecfte mit (eibenen Tüchern, Schürzen, Gold- und Silberschmuck alle Stühle, Truhen und ihr Bett. Bertoib würbe es wunberlich zumute in biefem wallenben Garten von schonen Kleibern. Er umpreßte in Gebanken Birges Brust mit ben golbenen ©Hebern, schlang bie Schnüre unb Ketten einzeln um ihre Gelenke und spannte bie flammenden Kleider um ihre Hüften. Wie gern hätte er sie in jedes Kleid gesteckt und wieder herausgezogen. Das Gewoge und Geflute von den Kleidern unb getrockneten Riechkräutern würbe schließlich so stark, bah er aufstanb, um, wie er sagte, im Schranke frische Lust zu schnappen. Denn Fenster unb Tür hätte er nie aufgemacht. Da stürzte sich Birge mit einem Schrei auf ihn. Aber er hatte es schon gesehen, das hellblaue Seidenkleid an ber bunfelften Bauchwand des Schrankes. Er griff banach. Sie war bem Weinen nahe, faßte sich aber schnell und sagte: „Nun kannst bu's auch wissen, es ist nun boch verraten. Das wollte ich anziehen, wenn ich bich einmal auf ber Universität besuchte." „Dann zieh' es wenigstens jetzt einmal an", sprach Bertolb ungerührt. „Es muß zu beinern gelben Haar prachtvoll stehen." „Meinst bu?" Birge war roieber versöhnt. Sie schickte Bertolb hinaus, unb als sie ihn roieber hereinrief, ftanb sie schlank unb schön im Fenster, unb bie Selbe zitterte an ihren Hüsten. Das war roieber eine anbere Birge! So fest unb fein in bie Höhe gebaut! Bertolb nahm ihr Hänbe unb tanzte leise mit ihr. Das rau- schenbe Licht brausten, das Murmeln des Brunnens, die Linde im Hof und das brausende Blut, alles verwirrte die beiden selig. Sie tanzten und küßten sich. Da fragte Birge zart: „Bertolb, soll ich mein Kleid jetzt wieder ausziehen?" „Nie, in Ewigkeit nicht", antwortete Bertolb unb hals ihr alle bie anberen Kleiber unb Tücher roieber einräumen. Die Sonne war untergegangen. Cs kam eine milbe Nacht mit fernem Wetterleuchten. Unb beibe waren sie ganz in einer fremben unb boch heilig nahen Welt, als sie plötzlich bie Gäule in den Hof knarren hörten. Da sprach Birge schnell zu Bertolb: „Geh' nach bem Essen heimlich durch ben Grasgarten, daß bich niemanb vom Nachbarhof sieht, unb warte beim Wiesenpsad auf mich. Da habe ich beinen Ruck ack schon hin- gelegt." Geschwister und Knechte stampften herein, als der Mond schon im Apfelbaumgarten ging. Sie fetzten sich müde um den Tisch und sahen kaum, daß Birge, die das Essen auftrug, ihr neues Kleid anhatte. Bertolb aß mit ihnen. Sie schliefen schon halb Dann ftanb er auf unb tagte, er müsse jetzt schnell fort, wenn er vor Mitternacht noch bei ankommen wolle. Die Brüber schielten zweiflerisch über ihre Milchlöffel, bie Schwester rieb bie Hand an ihrer Schürze, endlich legten alle drei die Lössel klappernd nieder, streckten ihm fast gleichzeitig die Hand hm unb sprachen: „Ja, ba mach's halt gut" Hinter ber Scheunenecke aber, bie in ben Garten geht, ftanb Birge schon unb spähte heimlich nach Bertolb. (Fortsetzung folgt.) Der Vater. Don Emil Strauß, „Komm, laß mir deine warme fianb, ich wärme mich noch dran; nun plötzlich ja verkühlt der Brand, der mich so lang durchrann, so lang durchrann, seitdem die Fei in meine Wiege lachte, und einer Geige Sehnsuchtsschrei im Säuglingsohr erwachte. Wo wogt es her? Wo wogt es hin? Es wiegt dich aus und nieder, verzaubert deinen Erdensinn, entkörpert deine Glieder: du stürzest ab, du ringst dich auf, was dir gerät, mißlingt, ist nur des Fiedelbogens Lauf, und das Ewige singt — Es singt so süß, es singt so wild, es schmelzt dich in sich ein; du willst dich sträuben, Menschenbild?! kannst du denn anders sein? Die höchste Krone, die du hebst mit trotzigem Genick, was ist sie, wenn du klingend bebst vom ewigen Augenblick? Du hörst die Melodien nicht, die heute in mich münden, mit meiner frühsten Tage Licht nun diesem letzten zünden, ausglühen, was ich tat und war, bis auf den einen Ton: wie schwillt er an, wie rinnt es klar! ich fing es dir, mein Sohn!" Und anhob seine greise Stimm und kämpfte tiefbewegt — so raschelts und greinte, wenn Windesgrimm vereiste Büsche fegt, ein Raunen, Zittern, Seufzen nur — fein Auge blaukristallen lauschte, als schritt er auf Maienflur im Rausch der Nachtigallen. Das Lenchen und die Ida. Bon Hermann Claudius. Ohne Frage: ich hatte nut meinen elf Jahren das Lenchen sehr lieb. Ich hatte es mit den Augen lieb, und ich hatte es mit den Ohren lieb. Und ganz heimlich wußte ich wohl: das Lenchen mag dich auch. Und daß es heimlich war, das war ungewuhterweife die Hauptsache dabei. Wenn ich mitten unter den anderen Knaben stand und wir redeten von ganz anderen und oft groben Dingen, vermochte ich mir Lenchens schmales Gesicht mit der feinen, leise gebogenen Nase und den lichtblauen Augen, in denen immer ein heimlicher Funke lauerte, deutlich oorzustellen. Hatte ich doch, ehe ich es gewagt hatte, ihr irgendein offenes Zeichen meiner Zuneigung zu geben, oft genug mein Gesicht gegen das Glas der Fensterscheibe unserer Speisekammer gedrückt, derart, daß mir die Nase hinterher schief stand, weil ich von dort her unbeobachtet das liebe Gesicht betrachten konnte, wenn Lenchen vor der Werkstatt-Tür ihres gestrengen Vaters, des Olafen Meisters Peter Popp, in der Sonne faß und häkelte oder strickte. Was ist Zeit — und was ist Ewigkeit? Reichten sie sich nicht beide damals lächelnd die Hände? Und wieviele Male hatte ich mit meiner Rechten, die wohl zu zeichnen verstand, die beiden Buchstaben L und P auf kunstvolle Urt miteinander verschnörkelt? Diese Zettel mit den Berschnörkelungen steckte ich Lenchen verstohlen zu und wagte kaum, ihre Hand dabei zu berühren. Und bann kam jene glückliche Zeit, in der wir beide unser jedwedes jiingftes Brüderchen im Kinderwagen vor uns herschoben — den Eppen- teorfer Weg entlang — nach dem Eimsblltteler Gehölz. Aus der stillen grünen Wiese ragte eine alte gabelige Pappel und rauschte im leisesten Winde. Dort lagerten wir, das Lenchen und ich, und spielten mit den Veschwisterchen Mutter und Kind. Dabei gerieten unsere Blicke bann unb Dann ungewollt ineinander. Fing Lenchen in solchem Augenblick an zu lächeln — unb es war ein Lächeln nur um bie Augen herum —, so Darb ich verwirrt unb schoß schnell im Gras koppheister ober machte irgenbeinen anberen albernen Ausfall. Danach kehrten mir beibe schnell in ben Ernst unseres Spiels zurück, der dennoch nichts weiter war als i in verkapptes Versteckspielen voreinander. Lenchen sagte plötzlich zu mir: „Was willst du werben, wenn bu groß düst?" Sie sah mich nicht an unb summte leise vor sich hin. Ich glaube. ich habe ein sehr dummes Gesicht gemacht. Was ich werden wollte? Darüber hatte ich im Ernst noch gar nicht nachgedacht. Etwas Besonderes wollte ich werden. Das war klar. Etwas, was die anderen Buben nicht werden konnten. Und ebenso plötzlich antwortete ich: „Maler will ich werden!" — und machte eine sehr wichtige Miene dazu. Da lachte das Lenchen schelmisch aus und sagte mit ihrer tiefen Stimme: „Ich will aber einen Mann haben, der bei der Feuerwehr ist wie mein Vetter." Wenn man zum Ausgehen angezogen ist, und es wird plötzlich Regenwetter — so war mir auf einmal zumute. Die alte Pappel rauschte auch sehr verdächtig. Lenchen summte wieder vor sich hin. „Warum soll ich kein Feuerwehrmann werden können?" — fragte ich schließlich verdrießlich. „Kannst du auch klettern?" fragte sie dagegen und fah mich saft spöttisch an. Ich sagte gar nichts, sondern fing an, bie alte sperrige Pappel zu ersteigen. Ich war in biefen Dingen sonst kein Helb, aber wir warb bei jebem Meter, ben ich höher stieg, um so wohliger zu Sinn. Als ich in bem einen schröghängenben Gipfel saß, wagte ich hinunter zu blicken. Da ftanb Lenchen unb sah fast ängstlich zu mir auf. Ich warb vor lauter Stolz übermütig unb fing an, auf meiner Gipfelschwebe zu schaukeln. Unb beinahe wäre ich abgerutscht. Ich fühle ben Schreck noch heute im Blut, wenn ich ber Szene gebenfe. Sehr sehr langsam kletterte ich roieber hinab. Meine leinene Bluse war über ben weißen Einsatz weg grau unb schmutziggrün geworben. Es sah häßlich aus. Das Lenchen schien es nicht zu bemerken. Es saß unb summte roieber vor sich hin. Mein kleiner Bruber machte bann beutliche Zeichen, baß etwas Not- roenbiges mit ihm vorzunehmen sei. Ich war ihm bantbar bafür und entschwanb mit ihm im nahen Gebüsch. Balb barauf schoben wir nach Hause. Vom Feuerwehrmann fiel kein Wort mehr. Am selben Adenb im Bette vor bem Einschlafen war zum ersten Male nicht mehr bas große Singen in meiner Seele vom Lenchen unb mir, jene allerersten, ungeschriebenen Gebichte, bie mich durchbraust haben. Die große Orgel schwieg still. Ich kniff die Augen zu und schlief trotzig ein. Ich weiß nicht mehr, wie es anging, aber ich weiß, daß es bald danach die rund- und rotbackige Ida Lüttmann war, bie mir Abend für Abend einen runden und reifen Apfel zusteckie, ehe wir nacheinander zum Abendbrot und Schlafengehen in die Häuser gerufen wurden. Diesen Apfel steckte die Ida mir immer sehr heimlich zu. Und bald wußte ich, daß sie ihn ebenso heimlich Abend für Abend aus der Apfel- tifte ihres gestrengen Herrn Vaters entwendete. Ich wollte es dann nicht mehr dulden. Aber Ida Lüttmann sagte: „Wenn du mein Mann bist, bann müssen wir ein schönes Haus haben mit einer Werkstatt dabei." Ich begriff nicht, was ich mit einer Werkstatt follte, sagte aber ja. „Dann mußt du viel Geld verdienen und bann reifen wir nach Itzehoe." Warum wir nun gerabe nach Itzehoe reifen wollten, wußte ich wiederum nicht. Aber ber Name klang gut. Ich sagte wieder ja. „Dann mußt du gut auf die Kinder aufpaffen, hörst bu? Damit sie nicht ins Wasser laufen." Ich nickte Das Wasser interessierte mich. „Da ist auch ein Walb", sagte Iba Lüttmann eifriger, „ber geht immer weiter — immer weiter. Da wohnt meine Großmutter. Aber wirklich!" Dabei sah sie mich an, unb ihre Augen würben ganz groß. Ich war schon in Gebanken halb beim Wolf angelangt, als Iba Lüttmann mich anstieh unb fragte: „Du, wieviel Kinber wollen wir haben?" „Vier" — sagte ich unvermittelt. Meine Brüber unb ich waren auch vier. Da lachte sie sehr luftig los, und ihre Augen kugelten beinahe heraus. „Haha! Vier? Nee — acht! Vier Jungs und vier Mädels. Und Pfingsten kriegen sie alle neues Zeug. Das macht Spaß! Fass' mal eben ben Wagen mit an", sagte sie im selben Atemzug weiter, „bas eine Rab ist in eine Kuhle gerutscht." Ich hob ben Wagen, in bem bie bicken Zwillingsbrüderchen saßen unb auf ihren Daumen lutschten, bis das Rad roieber heraus war. Danach schoben wir nach Hause, unb abends bekam ich wieder meinen runden roten Apfel. lieber solchen Apfel ging aber eines Tages unsere kinderreiche Liebe auseinander auf Nimmerwiedersehen Der gestrenge Herr Vater, der Tischlermeister Andreas Lüttmann (sie hießen sich alle mit Standesstolz Meister, die in unserer langen Terrasse und ihrer Nachbarschaft hausten: ber Küpperrneister, der Malermeister, der Drechslermeister — bis auf den Schuster Jessen, von dem ich noch erzählen werde), Herr Tischlermeister Andreas Lüttmann mit der goldenen Brille auf ber großen Nase hatte seine Tochter beim Entwenden des abendlichen Apfels beobachtet unb bes ferneren auch gesehen, wo ber Apfel verschwanb. Ueberhaupt schienen ihm bezüglich seiner Tochter unb mir bie schwersten Bebenken zu kommen. Ich ftanb in unserem Hauseingang. Herr Lüttmann kam langsam auf mich zu. Im Rücken verbarg er etwas. Daß bei Lüttmanns bie Rute noch eine Rolle spielte, wußte ich bereits. Der offenbaren Schanbe zu entgehen — denn auf lange Reben mürbe sich ber immer mürrische Meister nicht ein= lassen, — verließ ich mich auf meine langen Beine unb kniff aus. Der Meister hinterher. Ich in ben nächsten Eingang hinein, bie Treppen hinauf wie ein Eichhorn. Der Alte wie ein Marber hinterher. Ich hörte beutlich fein roütenbcs Keuchen. Aus ber engen obersten, ber Boben- treppe, dachte ich: wenn die Tür nun verschlossen ist? Unb ber Angstschweiß brach mir aus allen Poren. Ader — Gott sei Dank! — bie Bobentür ftanb offen. Ich schlüpfte hinein unb fchlug bie Tür hinter mir zu. Ich hörte, roie ber Meister sie roieber aufriß, baß sie mit bem Eisengriff gegen bie Bretterroanb prallte. Dann eilte ich im Halbbunkel des Äachgiebels über bie langen Balken weiter, vorsichtig taftenb immer weiter bis an bie Dachluke Hier verkroch ich mich in eine große leere Kiste, bekam bas ganze Gesicht voller Spinnweben, blieb aber ruhig barin hocken unb horchte Sobalb ber Meister mir nachkäme, müßte ich aus ber Luke heraus unb über bas Dach hinweg in ben Dachbaben bes nächsten Hauses kriechen unb durch bie Treppe biefes Hauses entwischen. Ich lauerte in ber Kiste unb horchte lange. Ich schalt mich innerlich in eine große Wut auf bie dumme Ida hinein: ihretwegen saß ich nun «er oben in der dreckigen Kiste! Ich sah immer ihr rundes Gesicht vor mir Und dieses Gesicht lachte. Ich machte im Dunkeln eine Faust. Es wurde wirklich langsam völlig dunkel. Dicht über meinem Kopf fing eine Maus »»der eine Ratte an zu knabbern. Ganz egal! — dachte ich und kroch vorsichtig aus meiner Kiste heraus. Ich balancierte und kletterte so leise, daß es mir saft unheimlich wurde. Endlich stand ich wieder vor der Tür der Rettung. Stufe um Stufe schlich ich die Haustreppe hinab. Die Treppe schien gar kein Ende zu nehmen. Unten war niemand. , ,, .. , Zu Hause kam das Nachspiel Meister Luttmann hatte mich als gemeinen Apfeldieb gebrandmarkt. Meine Mutter weinte über ihren ungeratenen Aeltesten. Mein Vater lachte und meinte: ohne Aepfelstehlen wird kein richtiger Junge groß. Rach dem Abendbrot aber nahm mich meine Großmutter ins Gebet und redete vom siebenten Gebot und von Himmel und Hölle . Ich träumte dieselbe Nacht vom Teufel, der hinter mir her war. Er hatte der Großmutter Gesicht. Aber der liebe Gott half mir und jagte ihn fort. Und der liebe Gott sah leibhaftig aus wie mein Vater. Menschen im Hüttenwerk. Von Heinrich Hauser. Großzügigkeit. Ein Hüttenwerk nach einigen Jahren Wiedersehen, heißt: es nicht wiedererkennen. In einem Hüttenwerk wird beständig gebaut, verbessert und wieder umgebaut, in älteren Werken findet man alle Zeitalter der Hüttentechnik nebeneinander und ineinander verschachtelt vor. Man kann annehmen, daß etwa der zehnte Teil der Gesamtbelegschaft Bauhandwerker sind Was dem Laien bei diesem beständigen Vorwärtsstreben und sich Erneuern besonders imponiert, das ist die Größe der dabei aufgewandten Mittel, die Großzügigkeit in der Lösung technischer Aufgaben und die Leichtigkeit in der Bewältigung großer Massen und hoher Gewichte,,die ganz allgemein ein Hüttenwerk auszeichnen. Rehmen wir ein Beispiel: die Hütte, um die es sich handelt (sie gehört zum Klöckner-Konzern) baut augenblicklich einen von vier Hochöfen vollständig neu auf. Das erfordert etwa eine Million Mark. Sie erstellt zwei neue Martinsösen, von denen jeder eine halbe Million kostet. Dazu kommt die Unzahl der fortlaufenden kleineren Erneuerungen und Verbesserungen Früher nannten wir alles, was uns an großartiger Technik imponierte, „amerikanisch". Die Arbeitsmethoden des Reviers sind aber von jeher amerikanisch-großzügig gewesen. Da ist etwa eine Halle zu klein geworden und soll durch eine größere ersetzt werden. Wie geht das vor sich? Man sollte meinen, die alte Halle mühte zuerst abgerissen werden, damit man die neue aufbauen kann. Keineswegs! Hier hat man die neue, große Halle einfach um die alte, kleinere herumgebaut. Soeben ist alles fertiggestellt, und man beginnt die alte Halle abzubauen, während der Betrieb in ihr ununterbrochen weitergeht, ohne daß eine Stunde dabei verloren geht. 3n der Gießhalle: Schmelzer am Werk! Ein Abstich — und sehe man ihrer tausend, der Tausendste wird wie der erste gefangennehmen. Wie es möglich ist bei so viel dörrender Hitze und strahlender Glut, kann man nicht erklären, aber das jung aus dem Ofen sprudelnde Eisen besitzt eine Frische, die belebt und erquickt. Die Arbeit der Schmelzer am Ofen ist nicht mehr so schwer, wie sie noch zu meiner Zeit gewesen ist, geschweige denn in der Vorkriegszeit, die noch das Zweischichtensystem kannte, statt der drei Schichten seit Kriegs ende. Die Arbeit des Schmelzers ist von den „warmen" Betrieben vielleicht sogar die leichteste — wenn der Betrieb glatt und störungslos verläuft. In der Nachkriegszeit entstanden durch die allgemeine Erschöpfung des Materials viel mehr Störungen als heute. Es kam oft vor, daß das flüssige Eisen sich durch das Steinfutter der Ofenwand hindurchsrah Dann begannen die eisernen Außenwände zu glühen und die Wasserrohre der Kühlmäntel barsten. Wenn es galt, die rotglühenden defekten Rohre mit Schraubenschlüsseln abzumontieren, das Leck abzudämmen und zu dichten, und danach neue Rohre einzusetzen, das waren allerdings Stunden „mörderischer" Arbeit. Da brannte die Haut der Hände, da verkohlten die Holzschuhe und die Haare konnten unter dem Schlapphut zu Zunder werden. Viele Störungen entstanden auch dadurch, daß der Bauch des Hochofens ein „schlechtes Fressen" erhielt, was er nicht verdauen konnte, dann überschwemmte er unsere Bühne mit vielen Tonnen von Schlacke und schmiß mächtige Feuerkugeln donnernd in die ganze Gegend Das ist heute alles anders geworden; auch Gasausbruche bedeuten kaum mehr eine Gefahr, feit die Schmelzer Gas- masken tragen, und die gröbsten Arbeiten, die wir noch mit der Hand verrichten mußten, werden heute von Maschinen ausgesührt. Wenn die Ihomasbirne „gefüttert“ wird. ®ieJe1t“n't'9cn braufenden Flammen im Thomaswerk entstehen, wenn Kaltluft unter Druck durch den Boden der Thomasbirne eintritt mH«* reBll?,!n<.^onnet’ DOn flüssigem Eisen darin durchströmt, durch- s . betanni, daß durch alle möglichen Verbrennungsprozesse h«;5m®