GiehenekZamMenbMek Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1955 Zreitag, den 18. Januar Nummer 5 HANS DOMINIK • EIN STERN FIEL VOM HIMMEL COPYRIGHT 1934 BY KOEHLER Ä AMELANG G. M. B. H., LEIPZIG (Fortsetzung.) Captain Andrew wollte von Anfang an systematisch vorgehen und so wie er es von seinen früheren Expeditionen her gewöhnt war, auf der Strecke, die sie einzüschlagen beabsichtigten, in nicht allzu weiten Abständen eine Kette von Treibstoff- »nd Lebensmitteldepots anlegen. Ohne Zweifel schasste ein derartiges Vorgehen größere Sicherheit für die Expedition, aber ebenso zweifellos mußte es auch mit einem erheblichen Zeitverlust verbunden sein. Immer wieder mußte man ja bei seiner Ausführung zu der Landungsstelle zurückkehren und neue Ladung nehmen, bis endlich alles einmal in der gewünschten Weise verteilt war. Bolton aber war ganz von der Idee beherrscht, daß sie keine Zeit mehr verlieren dürften. Aergerlich schlug er während der Aussprache auf den Tisch und schrie Andrew an: „(So etwas hat man nicht nötig, wenn man über einen zuverlässigen Raupenwagen versügt. Der deutsche Dr. Wille denkt gar nicht daran, seine Zeit mit solchem Humbug zu vertrödeln. Er fährt los, wohin er will und kehrt erst um, wenn er die Hälfte seines Treibstoffes verbraucht hat." Andrew schüttelte den Kopf. „Sie vergessen, Mr. Bolton, daß Dr. Wille einen unbezahlbaren Rückhalt in den deutschen Stratosphärenschiffen hat, die er im Notfälle immer zu Hilfe rufen kann. Hätten Sie Lust, die Deutschen heranzufunken, wenn uns irgendein Zwischenfall passiert? Möchten Sie sich dann von einem der .St'-Schiffe, etwa von Mr. Eggerth jun. oder Mr. Berkoff nach Hause bringen lassen?" Bolton und Garrison tauschten einen Blick, in dem eine ganze Geschichte lag. Die Namen Eggerth und Berkosf wirkten auf beide wie ein rotes Tuch. „Von den Deutschen müssen wir unter allen Umständen unabhängig sein", sagte Garrison mit Entschiedenheit. Und auch Bolton gab seinen Widerstand auf. „Ich freue mich, daß Sie sich von mir raten lassen, Mr. Bolton", sagte Andrew. , , , Die wahren Gründe dieser Meinungsänderung konnte er,a mcht wissen, ba-es die Herren Bolton und Garrison vorgezogen hatten, über ihr Abenteuer auf der Robinson-Insel zu jedermann zu schweigen. . . Mit Proviant und Treibstoff bis an die Grenze seiner Tragfähigkeit beladen, stieß der große Raupenwagen zunächst nach Westen vor. Fast unablässig machte Captain Andrew dabei astronomische Ortsaufnahmen, und in Abständen von hundert zu hundert Kilometern wurde ein kleines Depot mit je hundert Kilo Treibstoff und einigen Lebensmitteln errichtet. Das sechste Depot war angelegt. . Für ein siebentes haben wir noch Vorrat rm Wagen , sagte Andrew. „Dann müssen wir zur Küste zurück und neues Material holen. Es geht ungefähr auf, ivenn wir das siebente an der Stelle anlegen, an der Dr. Wille seine Station hat." . _ „. Er griff wieder zum Sextanten, um eine neue Ortsbestimmung zu machen, denn aus den Kompaß war in diesem Gebiet so nahe dem magnetischen Südpol kaum Verlaß. „ t , Die Beobachtungen von Dr. Schmidt scheinen zu stimmen , sagte er, während er zu rechnen begann. Der magnetische Südpol muß seit seiner ersten Entdeckung von Shackleton stark nach Süden abgewandert sein, ^zch denke aber, daß wir die Stelle mit Hilfe der astronomischen Ortsbestim- muncten finden werden." . x Mit wachsender Ungeduld ertrug Bolton die mehrfachen Aufentha te, die Andrew durch seine wissenschaftlichen Beobachtungen und weckerhin durch die Benutzung der Funkstation verursachte. Bei Benutzung der Rabw- anlaae war es ja unvermeidlich, den bohen Mast auszukurbeln, und das konnte nur geschehen, während der Wagen auf vollkommen ebenem Gelände sicher feststand. Der Funkverkehr Andrews war Bolton em Dorn rm Auge. Am liebsten wäre es ihm geweien, wenn die Welt gar nichts über den weiteren Verbleib der Expedition erfahren hatte. Wie wäreer erst ausgebraust, wenn er geahnt hätte, daß jedes Funkgespräch Andrews den deutschen Peilstationen Gelegenheit gab, seinen jeweiligen Standort, bis aus wenige “ÄÄtiÄSi M chm w «WH MO- in «e*-im°-, Erzfund/: So oft es einen Aufenthalt gab, stürzte er aus dem Wagen und über aiofte Strecken schneefreie Gelände Mit dem Glas ab. Mehr als einmal sah er es dabei verführerisch aufblinken, eilte zu der betreuenden Stelle bin und konnte einen Erzbrocken in die Tasche stecken. Tie einzelnen Stücke waren nicht groß, höchstens einmal em paar Kilogramm schwer, aber allmählich begann sich ihr Gewicht erfreulich zu addieren. Vergnügt zeigte er Garrison eine Kiste, die fast bis zum Rande mit den Fundstücken gefüllt war, und meinte dazu: „Wenn's so weiter geht, muß ich es bald ebenso machen wie Captain Andrew." „Wie meinen Sie das?" fragte Garrison. „Depots anlegen! Wenn ich neben jedem unserer Lebensmitteldepots ein ordentliches Erzdepot aufbauen kann, will ich zufrieden fein." Garrison schüttelte den Kopf. „Dazu langt's vorläufig noch nicht, aber vielleicht ein paar hundert Kilometer südlicher. Wenn wir in ein Gebiet kommen, über das der Bolide tüchtig gestreut hat, könnte es Ihnen wohl glücken." Während er sprach, erwärmte er sich an seinen eigenen Worten. „Das wäre eine Sache, was Bolton? Wenn wir eine volle Schiffsladung für die .City of Boston* an den Mac-Miirdo-Sund bringen könnten. 3000 Tonnen kann der Dampfer bequem laben. 3000 Tonnen Erz, Bolton, da wäre für uns beide ausgeforgt." ,Für mich bestimmt*, dachte Bolton, aber er zog es vor, den Gedanken für sich zu behalten.---- * Kratergold in Deutschland. Mit gemischten Gefühlen verfolgte man auf deutscher Seite das Dor« rücken der amchnkaniichen Expedition. Ging es in dem bisherigen Tempo weiter, so mußte sie in wenigen Tagen die Grenze des deutschen antarktischen Gebietes erreichen, und man würde bann genötigt sein, in irgend einer Form offiziell zu ihr Stellung zu nehmen. Eine längere Beratung gab es daraufhin in der Kraterstation zwischen dem Ministerialdirektor Reute und Professor Eggerth, zu der zum Schluß auch noch Hein Eggerth hinzugezogen wurde. „Ihr Herr Vater sagte mir, daß Sie eine brauchbare Idee haben", empfing ihn Reute, „hoffentlich ist fie nicht fo radikal wie Ihr neulicher Einfall, die beiden Amerikaner einfach auf einer einfachen Jnfer auszuietzen." „Durchaus nicht, Herr Ministerialdirektor. Im Gegenteil", beeilte sich Hein Eggerth ihn zu beruhigen. Mein Vorfchlag ist diesmal rein psychologischer Art. Er gründet sich auf dem Charakter der Herren Bolton und Garrison, den ich einigermaßen zu kennen glaube, und ich möchte meine Hand dafür ins Feuer legen, daß er die gewünschte Wirkung haben wird." In kurzen Worten entwickelte Hein Eggerth seinen Plan, und überraschend schnell stimmte Reute ihm bei. Kurz darauf wurde im Krater an einer Stelle gebohrt und gefprengt, die bisher nicht auf dem Arbeitsplan verzeichnet stand, und wiederum kurz danach stieg ein Schiff der St-Type auf. In seinem Leib trug es eine Last von hundert Tonnen, viele tausend Brocken des eben an der neuen Sprengstelle gewonnenen Erzes. In nördlicher Richtung stürmte es in zehn Kilometer Höhe dahin. Neben dem Piloten stand Hein Eggerth und suchte mit einem Fernrohr die Gegend ab. Jetzt schien er gefunden zu haben, was er suchte. Das Schiff ging bis auf 5000 Meter herunter, eine Klappe öffnete sich, an der Unterseite seines Rilmpfes, blank und stückig, begann es aus der Oefsnung in die Tiefe zu riefeln, während das Schiff in langsamer Fahrt nach Süden drehte. Um hundert Tonnen erleichtert, kehrte es zum Krater zurück, und noch mehrere Male roieberbolte es den Flug.--- Einen Augenblick horchte Garrison auf. „Hörten Sie etwas, Bolton? Mir war's eben fast fo, als hätte ich irgenbtvo ein Flugzeug gehört." Eine kurze Zeit lauschte Bolton, bann schüttelte er ben Kopf. „Ein Irrtum von Ihnen, Garrifon. Jchchöre nur ben Wagenmvtor. Unsere Maschine macht für ihre siebzig Vferbe einen ganz anftänbigen Krach." Gerabe in biesem Augenblick gab Andrew ben Befehl zu halten, bet Wagenführer fetzte den Motor stille. — „Sehen Sie, daß ich recht hatte", sagte Bolton. „Jetzt müßte man e3 bestimmt hören, wenn ein Flugzeug in der Nähe wäre." Während et es sagte, war ,St 11‘ schon wieder in die Stratosphäre gestiegen, aus der kein Ton und auch fein Motorgeräusch bis zur Erde hinab- brang. Jnbes aus bem Wagen langsam bet Antennenmast in bie Höhe wuchs, eilte Bolton seiner Gewohnheit getreu ins Freie, um die Oiegenb nach Erz abzusuchen. In der Ferne weit voraus iah er es in den Strahlen der tiefstehenden Sonne aufblinken. Hier und da und dort, an mehreren Stellen zugleich. Schon lief er darauf zu. Kaum daß er sich noch die Zeit nahm, dem andern zuzutnfen: „Da liegt wieder Erz, Garrison." Nach etwa dreihundert Metern erreichte er das erste blinkende Stück und griff begierig danach. Es war ein stattlicher Brocken, an die zehn Kilogramm schwer, zackig und sperrig, zu groß, um in die Tasche gesteckt zu werden. Volton bereit ihn im Arm, wandte sich der nächsten St-'Ne zu, an der er das lockende Blinken bemerkt hatte, und sah mißmutig, dxiß Garrison bereits dorthin eilte und etwas Schimmerndes aushob, bevor er selbst heranzukommen vermochte. Schnell lies er auf einen dritten Punkt zu und traf keuchend von dem Kauf bei einem dritten Brocken, der noch größer als die beiden ersten war, nut Garrison zusammen. Gleichzeitig wollten beide danach greifen, bückten sich und prallten hart mit den Köpfen zusammen. Fluchend rieb sich Bolton den Schädel. „So geht das nicht, Garrison. Ueberhaupt —", noch einmal schaute er sich prüfend nach allen Seiten um. Von mehr als zwanzig Stellen blinkte es ihm aus größerer und geringerer Entfernung entgegen. „Ueberhaupt brauchen wir hier etwas anderes, um den Segen aufzulefen. Mehr als die drei Brocken hier können wir ja kaum schleppen. Wollen die mal erst zum Wagen zurückbringen und sehen, wie wir es weiter machen." Polternd sielen in dem Raupenwagen drei Erzbrocken, zusammen wohl einen halben Zentner schwer, in eine Kiste, und schon liefen die beiden Amerikaner wieder ins Freie hinaus. Zu groß war ihre Gier nach dem kostbaren Erz, und in der Eile wollte ihnen kein besserer Weg einfall'en, es zu holen. Doppelt so lange Zeit wie beim ersten Male blieben sie diesmal fort. Jeder brachte zwei große Brocken herangeichleppt, als sie in der Nähe des Wagens wieder zusammentrafen. „Ich glaube, Garrison", stieß Bolton zwischen heftigen Atemstößen heraus, „wir haben eine. Stelle entdeckt, an der sich's lohnt. An wenigstens hundert Punkten habe ich es funkeln und blinken sehen." „Ich auch, Bolton", bestätigte Garrison seine Entdeckung. „Der Bolide muß hier krästig gestreut haben. Aber lange Zeit wird es in Anspruch nehmen, bis wir das alles zusammensuchen und in den Wagen bringen. Wer weiß, ob Captain Andrew uns die nötige Zeit dafür läßt. Sehen Sie, der Funkmast wird schon wieder eingezogen, gleich wird die Fahrt weitergehen." Wie eine gereizte Bulldogge fuhr Bolton empor. „Andrew wird ivarten, so lange es uns beliebt." Sie stiegen in den Wagen, um ihren F-ünd in Sicherheit zu bringen. „Zeit, Gentlemen", empfing sie Andrew. „Wir wollen weiter." Mit einer schroffen Bewegung hielt ihm Bolton das Erz vors Gesicht. „Was sagen Sie dazu, Mr. Andrew?" Prüfend beugte sich Andrew noch dichter darüber. „Meteoriteisen, wenn ich mich nicht irre. Vermutlich Nickeleisen--" „Nickcleisen oder sonst ein Eisen", siel ihm Bolton ins Wort, „jedenfalls ist es hier in Mengen zu finden, und wir wollen kein Stück davon liegen lassen." Vergeblich versuchte Andrew zu widersprechen. Bolton zog seinenVertrag aus der Tasche und deutete auf eine bestimmte Stelle darin. Es war ein kleiner, aber schwerwiegender Paragraph, den Andrew mit allen andern Paragraphen des Vertrages damals unterschrieben hatte, ohne ihm besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Aber genau besehen besagte er nicht mehr und nicht weniger, als daß Mr. Bolton die Bewegungen der Expedition zu bestimmen hatte, sobald sie in ein Gebiet kamen, in dem Meteoritenerz lag. Nach kurzem Ueberlegen gab Andrew das Schriftstück zurück. „Sie haben recht, Mr. Bolton. Wenn hier Erze liegen, muß ich Ihnen die Zeit lassen, sie auszicheben — sie aufzuheben — berücksichtigen Sie das wohl — so ist der* Wortlaut unseres Vertrages. Von irgendwelchen Fahrten, um das Erz zu entdecken, steht nichts darin." „Ist auch nicht nötig, Eaptain. Es liegt hier. Soweit man sehen kann, blinkt und blitzt es —Bolton hielt es für angebracht, etwas zu übertreiben. „— an tausend Stellen." „Dann heben Sie es in Gottes Namen auf", sagte Andrew und machte sich an feinen Instrumenten zu schaffen.--- Naturgemäß hatte Hein Eggerth keine Ahnung von dem Vertrag zwischen Captain Andrew und feinen Partnern, aber wenn er ihn Wort für Wort gekannt hätte, hätte er nicht zweckmäßiger verfahren können, als er es getan hatte. Läßt man aus einem sich mäßig schnell bewegenden Flugzeug aus 6000 Meter Höhe Erzbrocken von der hier benutzten Größe herausfallen, so streuen sie bei ihrem Sturz bis zur Erde recht hübsch nach allen Seiten. Etwa tausend Tonnen der blinkenden Lockspeise hatte ,St 11‘ aus seinen Flügen ausgewvrfen. Mehr als hunderttausend Brocken waren es, die ziemlich gleichmäßig verteilt, ein etwa fünf Kilometer breites und dreihundert Kilometer langes Gelände bedeckten. Nicht Tage, sondern Wochen mußte es beanspruchen, diese Erzmenge auszusammeln. ■By allein Uebersluß bog die derartig gesalzene Strecke unter dem 75.Grad südlicher Breite nach Westen ab. Wenn die beiden Erzliebhaber ihr, wie Hein Eggerth es vorausfetzte, folgten, mußten sie sich wieder von der deutschen Grenze entsernen. Die nächsten Tage brachten den Beweis, daß der Plan geglückt, der ausgelegte Köder angenommen worden war. Wie die deutschen Funkpeilungen ergaben, rückte die amerikanische Expedition nur noch sehr langsam vor und schwenkte unter dem 75. Grad nach Westen ab.-- „Gelungen! Mr. Volton hat angebissen", rief Hein Eggerth und machte einen Freudensprung. Hoffentlich kommen die Herrschaften nicht aus den Gedanken, gleich das spezifische Gewicht ihrer Funde zu bestimmen", warf Reute ein. Hein Eggerth lachte. „Und wenn sie es zehnmal täten, Herr Ministerial- direktor, es würde sie doch nicht davon abbringen, den blanken Brocken nachzulausen, joiveit sie sie glänzen und blitzen sehen." Er behielt mit seiner Prophezeiung recht. Wie hypnotisiert folgten Bol- ton und Garrison dem schimmernden Köder, den ,St 11‘ ihnen über den Weg gestreut hatte. Andrew ließ sic gewähren, ohne sich selbst irgendwie an dieser mühevollen Arbeit zu beteiligen. Schweigend beschäftigte er sich mit seinen Instrumenten und wissenschaftlichen Auszeichnungen, und ebensowenig waren der Fahrer Parlett und der Funker Bowson geneigt, das Spiel mitzumachen. Mit Muhe erreichte es Bolton, daß Andrew über die reichen Funde von Meteoritenerz nichts sanken ließ. Für die Welt, soweit sie aus Funksprüche angewiesen Ivar, befand sich die Andrews,he Expedition in langsamem Fort- k 1'idwestlicher Richtung, eifrig mit wissenschaftlichen Arbeiten und Entdeckungen beschasilgt. Nur kn der deutschen Kraterstation wußte man über ihre wirkliche Tätigkeit Bescheid. Für mehrere Monate waren die Herren Bolton und Garrison hinreichend beschäftigt, und man brauchte sich vorläufig nicht weiter um sie zu kümmern.-- Die Welt wußte wenig über die wirkliche Tätigkeit der Andreivschen Expedition, aber noch weniger über die deutschen Arbeiten in dem neuen antarktischen Kolonialgebiet, nämlich gar nichts. Es war tatsächlich gelungen, die Errichtung der großen Station am Krater vollkommen geheimzuhalten. Wie bereits gesagt, hatte man ausgesuchte Leute dorthin geschickt, auf deren Verschwiegenheit und Zuverlässigkeit das Reich sich nach ihrer ganzen politischen Vergangenheit unbedingt verlassen konnte. Die Löhne für die zweihundert Mann, die in der Kraterstation arbeiteten, waren jo hoch bemessen, daß sie reichlich davon nach Hause schicken, und darüber hinaus schöne Ersparnisse machen konnten. Weiter hatte man mit allen Mitteln der Technik und Hygiene Lebens- und Arbeitsverhältnijje geschaffen, die irgendwelche Unzufriedenheit und Sehnsucht nicht aufkommen ließen. Und schließlich — alle Beteiligten hatten sich dem freiwillig und gern unterworfen — hatte man eine Zensur für die Korrespondenz in die Heimat eingeführt. In allen Briefen, die aus der Antarktis nach Deutschland kamen, stand nur zu lesen, daß man eifrig mit Schürf- und Abteufarbeiten beschäftigt sei und stellenweise bereits abbauwürdige Kohle gesunden geworden sei. Begreiflicherweise ließ es sich nicht vermeiden, daß solche Briefe in Deutschland von Hand zu Hand gingen und daß gelegentlich der eine ober andere auch einmal in unrechte Hände geriet. Aber ihr Inhalt war infolge der Zensur so unverfänglich, daß weder im Inland noch im Ausland irgend jemand den wahren Sachverhalt ahnte. In den ausländischen Zeitungen erschienen hin und wieder ironisch gefärbte Artikel über deutsche Kohlenfunde in der Antarktis, verbunden mit Berechnungen, welche die wirtschaftliche Aussichtslosigkeit derartiger Unternehmungen Überzeugend zu beweisen versuchten. Mit der Erwerbung der antarktischen deutschen Kolonie hakte man sich in den andern Staaten längst abgesunden. Es lohnte sich nicht, um diesen Fetzen vereisten Landes noch diplomatische Noten zu wechseln, es wäre schade um das dabei verschriebene Papier gewesen. So war die allgemeine Lage, als der Tag sich jährte, an dem die ersten Bauten an dem Krater entstanden waren und die ersten Maschinen dort zu arbeiten begonnen hatten. Unablässig waren seitdem die Stratosphärenschiffe mit ihrer kostbaren Last nach Deutschland geflogen, zuerst noch mit Goldbarren, seit Monaten schon nut gemünztem Gold beladen. Nach reiflicher Ueberlegung hatte sich die Reichsregierung entschlossen, auch die Ausprägung der Goldmünzen in der Antarktis vorzunehmen, weil nur dort absolute Gewähr für die Geheimhaltung gegeben war. Stetig war der Goldschatz in der Reichsbank dabei gewachsen, bis an die Gewölbedecken ihrer Keller war die goldene Flut gestiegen.-- Da kam die große Ueberraschung, die der internationalen Hochsinanz für Tage die Sprache raubte und die Welt den Atem anhalten ließ. Drei kurze Zeilen im Reichsanzeiger waren es, welche diese gewaltige Wirkung hervorriefen: ,Die Verfügung vom 2. August 1914 wird aufgehoben. Die Reichsbank ist wieder verpflichtet, ihre Banknoten in Gold einzulösen/ Dunkel kam den älteren Leuten die Erinnerung an längst versunkene Zeiten vor dem großen Kriege, da noch funkelnde Goldstücke von Hand zu Hand gegangen waren. Die jüngeren wußten nichts davon, hatten noch niemals in ihrem Leben ein goldenes Zwanzigmarkstück gesehen. „Vater, was sind Goldstücke? Mutter, was heißt das, Goldmünzen?" fragten die Kinder. „Soll es wirklich wieder so werden, wie in jenen alten Zeiten? Soll man wieder bestimmen dürfen, ob man eine Summe in Papier ober in Gold haben will?" zweifelten die Alten. Nur vorsichtig wagten sie den Versuch. Hier und dort gab der eine ober anbere in einet Bankfiliale einen Schein hin, fragte zögernb, stockenb, wie benommen, ob er Gold bafür erhalten könne. Sah bann, baß kein Traum ihn narrte, baß bas Wunber Wahrheit würbe. Slingenb fprang der Gegenwert seines Bankscheines in Form blintcnber Golbmünzen auf bas Zahlbrett unb würbe ihm hingefchoben. Wie ein Lauffeuer ging bie fiunbe von Munb zu Mund: ,es ist wirklich wahr. Man bekommt in den Banken Golb für fein Papier, für bas es so viele lauge Jahre immer nur toiebcr anderes Papier gab.* Wer wollte noch Papier nehmen, wo er ohne Schwierigkeit Gold bekommen konnte? Zn bittet brannte im Gedächtnis von Hunderttausenden noch das große Verbrechen der Inflation, bie Erinnerung an bie Ausplünderung eines fleißigen sparfamen Volkes durch eine schwindelhafte Ausgabe von ungedecktem Papiergeld. Jetzt war man davor gesichert, jetzt konnte man bie ersparten Rotgroschen in gutem (Selbe anlegen. Der Erkenntnis folgte der Entschluß zur Tat. Tagelang brängte sich bas Volk an den Bankschaltern unb in ben Wchselstuben, um seine Noten einzu- lösen; jeher von bem Gebanken getrieben, noch rechtzeitig zu kommen, noch etwas von bem goldenen Segen zu erhaschen. Denn daß der Schatz nicht ewig reichen könne, daß er bald, vielleicht schon morgen — vielleicht schon in der nächsten Stunde erschöpft sein müsse, das hielten alle für gewiß. Richt nur in Deutschland, sondern auch an den auswärtigen Geldplätzen war man felsenfest davon überzeugt. Die Reichspost konnte in diesen Tagen hohe Einnahmen verbuchen. Auf viele Stunden mieteten sich die Berliner Korrefpondenten der großen ausländischen Zeitungen die teuersten Drähte, um jede Phase der neuen Entwicklung ihren Redaktionen sofort zu melden, und geringfügige Zwischen- fälle blieben in dieser aufgeregten Zeit auch nicht aus. Hin unb toieber geschah es, baß ber Golbvorrat itgenbeiner Depositenkasse bem Ansturm nicht gewachsen war unb bie Auszahlungen unterbrochen werden mußten. Selten dauerte es länger als eine Stunde, bis bann ein Panzerauto vor ber Filiale hielt, schwere Kisten ausgelaben würben unb gleich banach wieder bas tlingenbe Spiel auf den Zahltischen einsetzte. Das gab den Berichterstattern Gelegenheit, wilde Nachrichten über bie Grenzen zu fabeln, we schon kurz banach in den ausländischen Zeitungen unter schreienden Schlagzeilen erschienen. (Fortsetzung folgt.) (£m Lied hinterm Ofen zu singen. Von Matthias Claudius. Der Winter ist ein rechter Mann, Kernfest und aus die Dauer; Sein Fleisch suhlt sich rote Eisen an Und scheut nicht Süß nach Sauer. War je ein Mann gesund, Ist er’s; Er krankt und kränkelt nimmer, Weih nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs Und schläft Im kalten Zimmer. Er zieht sein Hemd im Freien an Und läßt's vorher nicht wärmen Und spottet über Fluh im Zahn Und Kolik in Gedärmen Aus Blumen und aus Vogelsang Weiß er sich nichts zu machen, Haßt warmen Drang und warmen Klang Und alle warmen Sachen. Doch wenn die Fuchse bellen sehr, Wenn's Holz im Ofen knittert, Und um den Ofen Knecht und Herr Die Hände reibt und zittert; Wenn Stein und Bein nor Frost zerbricht Und Teich und Seen krachen; Das klingt ihm gut, das haßt er nicht, Dann will er tot sich lachen..— Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus Beim Nordpol an dem Strande; Doch hot er auch ein Sommerhaus Im lieben Schweizerlande. Da ist er dann bald dort, bald hier, Gut Regiment zu fuhren, Und wenn er durchzieht, stehen wir Und sehn ihn an und frieren. Oer Erzieher. Von Wilhelm von Scholz. Eine mir — mit „mir" bezeichne ich mich, nicht den Verfasser, der diese kleine Geschichte vielleicht gegen meinen Willen einmal drucken läßt — Also: eine mir befreundete Familie — Vater, Mutter, Tochter von acht und Sohn von sechs Jahren — luden mich des Sonntags ost zu Fahrten mit ihren: Wagen ein. Ihr bequemer Ford lief gut und nicht nur über Geschäftsunkosten. Der Besitzer, mein Freund Dr. Erhardt, war Architekt und hatte neben städtischer eine ausgedehnte Bautätigkeit an verstreuten Landorten. Ein Wagen zu Geschästszwecken mußte ihm zngestanden werden, wenn auch seine seltener gewordenen Aufträge nur noch verringerte Einnahmen erbrachten. UebtigenS war Erhardt ein ausgezeichneter, ebenso sicherer wie vorsichtiger Fahrer,- dem man sich gern anvertraute. Um sich für die Blätter der eleganten vornehmen Welt am Steuer oder an den Kühler gelehnt photographieren zu lassen, war sein Wägelchen ungeeignet. Von der Geburtsfirma abgesehen, hatte es dazu schon einige Jahre zu fleißig arbeiten müssen. In seiner Polsterung und seinem Glanz hatte es auch durch Hero und Max, die Kinder, gelitten, die das Spielzimmer lange nicht so sehr als ihr Zuhause betrachteten wie den Wagen, der sie jeden schönen Sonntag im Sommer und Winter über Land führte, zu auswärts wohnenden kleinen Vettern brachte, in dem sie auch Spielgefährten manchmal von weit herbeiholen dursten. Dp ihnen das Stilllitzen befchwerlich fiel, kletterten sie ost während der Fahrt vom Rücksitz, wo sie die Mutter vergeblich zu bändigen suchte, über die Polsterlehne zum Führerplatz vor neben den Vqter und wieder zurück. Der Junge hatte schon technische Neigungen. Er schraubte an allein, was nicht mit dem Motor zusammenhing — hier hatte der Vater denn dock) rechtzeitig ein Machtwort gesprochen — herum, so daß es längst zweifelhaft war, ob die Uhr, der Kilometerzähler, der Schnelligkeitsmesser und der Benzinzeiger noch als glaubwürdig, dagegen nicht, daß sie verkratzt anzusehen waren. Ich bin kein ausgesprochener Freund des Luxus. Mich stören abgenutzte Polsterungen, brüchiger Lack, erblindete Politur und selbst cm abg-schraubter Geschwindigkeitsmesser nicht sehr, wenn der Wagen bequem, der Fahrer zuverlässig ist, und die Fahrt in die Weite von Land, Berg, Fluß, See und Wald huiausgeht — und wenn sich, woraus ich mich bei Erhardt stets verlassen konnte, am Ziel auch immer ein gutes Gasthaus findet, dessen Wirt zum miichesten aus einem Gebiet Meister ist: sei cs aus dem wichtigsten des Weins oder dem der Forellenbereitung, eines wenigstens brauchbaren Tees, oder wenn er für Kasfee und Kuchen Lob verdient. Unter diesen Gaststätten, die irgendeinen Taselrekord hielten, waren natürlich gelegentlich auch Ranghotels. In denen machten wir sowohl mit dem Wagen wie mit den in ziemlicher Wildheit ausgewachsenen Kindern keine durchaus entsprechende Figur. Und ich gestehe, daß ich recht gern eine etwas strengere väterliche Autorität und Einslußnahme aus die Kinder gewünscht hätte. Im Speisesaal eines Kurhauses, auf der Aussichtsterrasse eines Berghotels, gelten eben andere ungeschriebene Verhaltungsvorschriften als auf einem Schulhof oder einem Turnplatz; auch wird ein Barren doch nur sehr unvollkommen durch Stühle ersetzt, die man von zwei Nachbar- tischen holt und Rücken zu Rücken stellt, um dazwischen sich zu schwingen oder Handstand zu versuchen. Eigentlich war nur ich um Erziehung bemüht, und Vater Erhardt lachte einmal, als Max und Hero trotz meiner Onkelermahnungen durch den Saal fortgetollt waren: „Ich wünschte, sie folgten dir. Wir beide, Lilly und ich, haben es schon lange ausgegeben." Frau Lilly nickte mir resigniert zu und wandte sich dann an ihren Mann: »Aber vernünftigerweise geht es doch so nicht weiter!" „Unsere eindringlichsten Vorstellungen und Bitten nützen doch aber gar nichts!" erwiderte der Vater, der im Streben nach einer gewissen IterierelnfHmnmng seines Lebens nnd seiner Banwekse In der Er^ehung den neuesten Grundsätzen huldigte. Er ließ sich, trotzdem er in vielem auf mich hörte, iperim auch von mir nicht beeinflussen. Es focht ihn nicht an, daß ich ihn für einen ausgesprochen schwachen Vater erklärte; es erschreckte ihn nicht, wenn ich düstere Prophezeiungen von den viel härteren Methoden des Lebens als Erzieher aus- sprach, das Immer balm eingreife, wenn die Eltern eS hier am Nötigsten hätten fehlen lassen — womit ich altväterisch genug neben der bewegenden überzeugenden Rede auch mal einen Klaps nnd Knuff meinte. Ich resignierte den Eltern — wie die Eltern den Kindern gegenüber. * Wir hatten uns längere Zeit nicht gesehen. Ich las zn meiner Freude in der Zeitung, daß Erhardt einen großen Auftrag, den Bau eines Sanatoriums oder Internats, übertragen bekommen hatte und auch sonst seit jüngster Zeit viel im Zusammenhang mit staatlichen Plänen genannt wurde. Da gehörten seine Sonntage wohl der Schreibtischarbeit. Ich selbst luar damals oft auf Reifen, so daß Erhardt mich gewiß mehrmals vergeblich zn erreichen versucht haben mochte. Die sonntäglichen Autotouren hatten sich nnmerklich bei mir wieder in Wanderungen und kleine Bahnfahrten zurückverwandelt. Daß mir das doch sehr leib tat, erkannte ich an Folgendem: ich suchte mir alle Augenblicke klar zu machen, daß es eigentlich so viel angenehmer sei; und unter den Gründen für meine jetzigen Wanderungen und gegen die früheren Wagenfahrten war auch ber? daß das Benehmen der Kinder, die bei jedem Ansslug ihren Anzug zerriffen und beschmutzten ober plötzlich ohne Schuh und Strümpfe ankamen, wirklich keine Freude mehr gewesen sei. Das sprach mein Kopf, aber mein Herz zog mich deshalb doch oft an die gewohnten Ausflugsorte, in die Speisesäle, in denen es nun ohne die kleinen Erhardts, ohne Nero und Max, langweilig gefittet und korrekt zuging. Nach einer kurzen überfüllten Bahnfahrt, an die sich eine dreistündige Waldwanderung angcschlossen hatte, betrat ich im Grandhotel Quellenhof den Speisesaal, in dem damals der Barren aus Stuhlrücken errichtet worden war, setzte mich, bestellte — und erstaunte auss Freudigste, als ich unter den sich gemessen benehmenden Gästen zwei, drei Tische von mir die Haarschleife von Hero und den Schopf von Max, also Erhardts, entdeckte, die meiner auch erst im selben Augenblick ansichtig wurden und mich nun zu viert an ihren Tisch zogen. Nach herzlicher Begrüßung sprach ich meinen aufrichtigen Glückwunsch zu den neuen großen Aufträgen ans, übet die befonders Fran Doktor Erhardt als über ein rechtes Glück lebhafte Freude äußerte. Wir affen, waren fröhlich, wieder zufammen zu fein, lachten, es war wie stets bei unseren Ausflügen — und doch: es war irgend etwas anders geworden. Ich kam über die Wiedersehenssreude nicht gleich darauf, was mich immerfort störte und mir Erhardts auch angenblicksweise fern rückte. Jetzt hatte ich's, natürlich: die Kinder liefen, turnten, tollten nicht im Saal herum, fie saßen artig auf ihren Stühlen, sie aßen manierlich, sie schwiegen, wenn wir Erwachsenen sprachen, sie antworteten bescheiden und deutlich, wenn man sie etwas fragte, und sahen einem dabei offen ins Ange. Der Vater schickte sie bann mit einem Ton in bet Stimme, wie ihn nur bas ausgesprochene Oberhaupt einer Menschengruppe hervorbringen kann, zum Spielen hinaus: woraus Hero und Max sofort aufstanben, eine artige Verbeugung machten und sich leife entfernten. Ich glaube sogar — ober ich kann mich, da ich ihnen von einem dazu ungeschickten Platz nachsah, auch getäuscht haben — sie gingen Hand in Hand I Der Vater hatte meinen verstörten, noch nicht alles fassenden Blick bemerkt und lachte: „Ich kann es mir denken, wie du dich wunderst und wie wenig es dir recht ist, daß die Kinder angefangen haben, ihr Naturburschentum abzustreifen. Aber so sehr du die Dressur in Freiheit, die einfach ein Dutchgehenlasfen aller Unarten ist, immer gepriesen hast, es war längst Zeit, daß die beiden einen Anslug des guten Benimm bekamen. Es ging so nicht mehr." Mein Erstaunen wuchs. Aber ich sagte zu der geschichtlich nicht einwanb- sreien Vertauschung unserer Standpunkte, die Erhardt mir nichts dir nichts vorgenommen hatte, kein Wort, weil mir in diesem Augenblick auffiel, wie außerordentlich gut Erhardt und seine Fran diesmal angezogen waren. „llebrigens darfst du nicht böse sein, daß wir heute ohne dich gefahren sind", fuhr Erhardt fort, „ich habe dich vor ein paar Tagen ans Argendorf angerufen und keine Antwort bekommen, nahm also an, daß du noch in Spanien feist. Aber es war unrecht, daß ich es nicht nochmals versuchte, dich zu erreichen. Nun fährst du natürlich mit uns zurückI" „Gern", erwiderte ich, „aber ich habe deinen Wagen draußen gar nicht bemerkt. Ich spielte mit dem Gedanken, daß ihr hier (ein könntet, und habe die Wagenpatade wie ein General abgefchritten, euren Wagen aber zu meinem Bedauern nicht entdeckt." „Er steht am alten Platz, wo ich immer parke. Du mußt geschlafen haben", fcherzte Erhardt. „Und ich bilde mir ein, jeden Wagen angesehen zu haben, und die Physiognomie des deinigen kenne ich doch wahrlich genau. Hast du ihn umlacken lassen, als ob er eine 9lutoräubergaragc passiert hätte ? Selbst das wär' keine genügende Entschuldigung für mich, ihn nicht zu erkennen." Wir hatten gezahlt. Die Kinder waren wie auf einen drahtlosen Ruf sofort zur Stelle, wir gingen hinaus. Erhardt behauptete: „Du wirst dich gleich überzeugen, daß mein Wagen am alten Platze steht." Er zog einen kleinen Patentschlüssel ans bet Tasche mit einer Bewegung, an bie ich mich gar nicht bei ihm erinnerte; und kcnn- zeichnende Bewegungen prägen sich mir nierkwürbigerweise stets sehr fest ein. Sollte ich benn aus dem Staunen heute gar nicht herauskommen? Erharbt, ber, wie mit jetzt einfiel, auf meinen Rat, ben Wagen abzuschließen, einmal mit bem mittelhochdeutschen Vers „verloren ist das slüzzelin" geantwortet hatte, hielt den Wagenschlüfsel in der Hand? Und die Kinder, die sonst, wenn wir aus dem Hotel traten, bereits durch die vier offenen Tüten des Wagens, über die Lehnen und Sitze weg jagten, gingen ar': j hinter uns? Träumte ich? OJeran‘*ottn$. Dr. Haus Thyriot. - Druck und Berlag: Brühl fche Univerfitäts-Duch- und Steindruckerei. L. Lange. Si-ßen. Dichter und Sprache. Von Ina Seidel. In den letzten Jahren haben wir in fast allen Bereichen der deutschen Dichtung ein stärkeres Bewußtwerden der großen Aufgabe beobachten können, die dem Dichter im Schoße des Volkes gegenüber dem Kulturgut der Sprache gestellt ist. So mehren sich auch die Kundgebungen, die der erlebten und durchdachten Haltung zur Sprache, sei es in einem einfachen Bekenntnis, sei es in einer zukunftweisenden Forderung, weithintönenden Ausdruck verleihen. Im Chor dieser Stimmen verdient die Aeußerung Ina Seidels in dem bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart erschienenen Sammelband „Dichter, Volkstum und Sprache" besondere Ausmerksamkert. Der Dichter und sein Volk — das ist ja in erster Linie ein ganz einfacher, unmittelbarer Lebenszusammenhang, von dem jener irrt gleichen Maße abbängt wie jeder andere Volksangehörige. Er findet sich beladen und begnadet zugleich mit dem Blutserbe seines Volkes, seines Stammes, feiner Familie. Sein Körper und sein Antlitz tragen die gleiche Prägung wie die Menschen, die ihn umgeben, die Prägung letztlich, die Himmel, Klima und Bodenbeschafsenheit gerade diesem Volk durch Jahrhunderte hindurch verliehen haben, und die geheimnisvoll auf die tiefe Einheit hinweist, in der Volk und Landschaft untrennbar verbunden sind. Ihr entspricht auf dckr anderen Seite die Verwandlung des von einer Nation durch viele M-rlch-»-»-- "»»«ch jJÄ'taS SÄE rTs? sWä« »•XÄTüsreyss Väter »erb“tenbeinem.übe^t^ gzolk ^steht, ob es ge- sataüfvJ ’ü Schwein Ste umsangt ihn, wenn ^r s *bn .t toirb wird er es in den engen heranwachsend stch fernes Dasems v B ' ’ bört weit eher, als er oder werten Grenzen des Volkstui^, zu be 9^ ^^ndliche Weltall den Erbteil dre Erde über sich kreisen sieht, finden I SjÄ Fastungskrast Au gang und Ende dort, wo der Hnnmel «ngs um den Horizont mtt dem Boden der Heimat zusammenzustoßen schemt. di- Elemente der Blutsverbundenheit und der gemern- I SLXtar eines Volkes ' Haben wir es jemals schon ganz ersaßt, daß wir WWW SÄ, 3Ä WS ffifbä*wÄRta Ausd^ck^efunden i'unb® rwar, weil toir ia von unsrer Sprache ausgehen, in den Jahrhunderten, fett Ulsüas setne Moten Brechen lehrte: Unser Vater, der Du bist im Htmmel! Natürlich aber läßt sich jeder alte, int Gebrauch noch lebendige Spruch, des Lied, jede Dichtung von einst, wenn sie noch unmittelbar von uns nacherlebt werden kann, ebenso einsetzen, um uns etwas von dem gebundenen Zauber , der Worte ahnen zu lasten, die in aller Munde sind, dre rhren Klang ,a oft ihren Sinn mit den Geschlechtern wandeln und doch der Verbindung mit Uriiun und Urlaut so wenig verlustig gehen als das Volk des Blut- Zusammenhangs mit seinen frühesten Vätern. Eingeweihte haben zu al (len Ä.ten von einer geheimnisvollen Weltchronrk wissen wollen, rn dre alles einginge, was auf Erden geschähe: für jedes der großen mdogermamschen Völker besteht solche lebendige Chronik in feiner Sprache, die allem in den Namen und Dingworten die Schlüssel zu allen Rätseln der Vergangenheit birat wiederum freilich nur für den Kundigen (womit ich tm Augenblick tiifT t'bpn Dickter sondern natürlich die Germanisten meine X Unb tote alle Wandlungen?die'die Kultur und der Gottesbegriff eines Volkes durchlaufen haben, wie sein edelstes Streben, seme Treue gegen sich selbst, fem Heldentum seine Frömmigkeit, sein Glaube und seine Liebe in der Reinheit seiner Sprache ihr geistiges Denkmal haben, so weilt doch auch kem anderes Ausdrucksmittel \o erschütternd die Male der Schande und der Erniedrigung, der Rot und des Untergangs auf tote die Sprache: lahrhundertelang leuch- ten die Narben und Striemen an ihrem Leibe, an den Krücken der Fremd Worte schleppen sich die Sätze daher, weil eine Lähmung m emem frühen Entwicklungszustand hemmend auf die Bildung etgener Worte für die aus fremden Kulturen übernommenen Begriffe war. Dennoch ist eine Sprache weder jung noch alt, solange f,e noch gesprochen wird und dem Leben dient. Immer im Fließen, immer wandlnngssahig, bereit, sich anzuschmiegen, wo neues Erleben zu neuem Ausdruck drängt, immer auch m der Gesahr, zu versanden, blaß, matt, schwach zu werden, gl e i chs amzue r- kranken wenn sie nicht fortwährend aus den innersten Zellen des völkischen Lebens'gespeist wird, ist die Sprache von der Erscheinung dieses Lebens selber kaum zu trennen und zu unterscheiden. Wie sie ine ursprünglichsten Beziehungen innerhalb des Volkes trägt und vermittelt, so breitet üch feder Eultnrantrieb nur dilrch sie aus, so ist die Kultur in jeder ihrer Formen für ihr Emwicklung angewiesen aus den Ausdruck des schöpferische^ Geistes auf die Mitteilung, auf das Wort. Wo aber bte Sprache eines Volkes sich gleichsam ihrer lelbst bewußt werden, wo sie aufhören will Mittel zu sem und nun Selbstzweck drängt, wo sie kristallisieren, zum Gebild zusammen- schießen zum Gedicht werden will: da wächst ihr aus der Masse des Volkes der Mensch ni' in dem sie Gewalt werden kann. Anders wird kein Dichter, als daß sein Volk in ihm sich seiner Sprache, und in ihr seiner tiefsten, heiligsten Besitztümer, seiner höchsten, gottnächsten Wünsche und Ziele bewußt wird. Und hierin liegt für mein Gefühl die letzte und gültigste Bindung zwischen einem Volke und seinen Dichtern. Mer nun e* e$ m^toie^denselben ^°^^RätM I ^Geheimnlssts"zugleich bic bejcefenbe^tf“onIfe$ti^tfa^eet)taunem Lack Doktor Erhardt schritt aus einen p^ „nz anschauenden Mercedes- glänzenden, mit großen ^ÄnVurbe, die schönste, sauberste, be- wagen zu, der, als er ausgejchtosf rief Erhardt mit einem frohen lieW, meta SB««« W «"> ««*" VÄ« SÄ Erzieher____________ Hymnus auf die deutsche Sprache. Von I o s e s W e i n h e b e r. Oh, wie raunt, lebt, atmet in deinem Laut der tiefe Gott, dein Herr; unsre Seel', die da ist das Schicksal der Welt. Du, des Erhabenen starres Antlitz, mildes Auge des Traumes, eherne Schwertfaustl Eine Helle Mutter, eint dunkle Geliebte, stärker, furchtbarer, süßer als all deine Schwestern: bittern Kampfes, jeglichen Opfers wert: Du gibst dem Herrn die Kraft des Befehls und Demut dem Sklaven. Du gibst dem Dunklen Dunkles und dem Lichte das Licht. Du nennst die Erde und den Himmel: deutsch! Du unverbraucht wie dein Volk! Du tief wie dein Volk! Du schwer und spröd' wie dein Volk! Du wie dein Volk niemals beendet! Im fernen Land furchtbar allein, das Dach nicht über dem Haupte, und unter den Füßen die Erde nicht: Du einzig seine Heimat, süße Heimat dem Sohn des Volks. Du Zuflucht in das Herz hinab, du über Gräbern Siegel des Kommenden, teures Gefag ewigen Leides! Vaterland uns Einsamen, die es nicht kennt, unzerstörbar Scholle dem Schollenlosen, unserer Nacktheit weiches Kleid, unserem Blut eine letzte Lust, unserer Angst eine tiefe Ruhe: Sprache unser! Die wir dich sprechen in Gnaden, dunkle Geliebte! Die wir dich schweigen in Ehrfurcht, heilige Mutter!