SietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1935 Montag, den (7. Juni Nummer 46 ut, daß Du da bist ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR Copyright 1933 by August Scherl G. m. b. H, Berlin (Qurtlegung.) „Bitte!" sagte Elisabeth matt. „Wie ich höre, haben Sie die Absicht, hierzubleiben und alles hier durchzumachen. Ich würde Ihnen, so wie es der Herr Kollege schon getan hat, empfehlen, für die letzten Tage in meine Klinik llberzusiedeln. Dort wird alles viel einfacher und leichter gehen." „Nein!" sagte Elisabeth. „Ich möchte das nicht! Ich kann das nicht!" Der Arzt zuckte die Achseln. „Dann werde ich Ihnen rechtzeitig eine erfahrene Schwester schicken." Billy las in Elisabeths Augen, daß ihr der Vorschlag des Arztes, eine Pslegerin zu sich zu nehmen, unangenehm war. Sie hatte schon mehrmals bemerkt, daß Elisabeth eine seltsame, heftige Scheu vor jedem fremden Gesicht bekommen hatte, und entschloß sich darum, zu sprechen. „Das wird nicht nötig sein, Herr Professor. Ich habe zwei Jahre im .Giselahaus' Dienst getan. Auf der Entbindungsstation." „Sie sind Schwester?" „Ich war beim .Roten Kreuz'... Bis vor einem Jahr." Elisabeth sah sie verwundert an, und ein Lächeln erschien auf ihrem blassen Gesicht, das erste seit vielen Tagen. Aber sie sagte nichts, sondern wartete, bis der Professor sich verabschiedet hatte. Doktor Kern begleitete ihn bis zu seinem Wagen. , Mir war es schon immer erstaunlich, wie gut du Bescheid wulstest, und dem Doktor Kern auch. Warum hast du uns nie ein Wort darüber verraten?" „Ich hatte es euch rechtzeitig gesagt. — Aber eine fremde Pflegerin lasse ich nicht Hierherein!" „Du willst wirtlich noch diese Arbeit tun, Billy? Billy lachte. „Das ist gar nichts! Im Haus damals hab ich oft zehn bis fünfzehn Wöchnerinnen gehabt. Dazu noch die Nachtwachen. Nee, Lisa, bei dir wird das ein reines Kinderspiel fein. Im übrigen hat der Professor recht mit dem, was er sagte!" . „Wenn d u das bestätigst, Billy, wird es wohl so sein! lächelte Elisabeth. Sie legte sich zurück und schloß die Augen. — Hartl erfuhr alles durch Doktor Kern. Er riß sich zusammen und führte von jetzt ab Elisabeth täglich im Garten spazieren, hielt sie zur Arbeit an. las ihr vor und zwang sich zu leichten, zerstreuenden Unterhaltungen. Sie war schwerfällig geworden in den letzten Wochen und litt sehr darunter. Trotz der Bemühungen ihrer ganzen Umgebung gelang es nicht immer, die nervösen Anfälle zu vertreiben. Mehrmals diskutierten sie über den Begriff der Freiheit, der Hartl — da er auch feine Arbeit wieder ausgenommen hatte — besonders fesselte. Sie zeigte eine starke innere Anteilnahme an fernen Ausführungen und wiederholte feine oft recht komplizierten Satze so lange, bis sie den Sinn verstanden hatte. Er mußte auch fein Manuskript mitbringen und daraus vorlefen, wenn sie vom Gehen müde geworden war und auf ihrem Liege- siuhl im Garten ausruhte. So kam es, daß er ihr auch EMstehung dieser Arbeit erzählte, die aufs engste mit seiner eigenen men chlichen und geistigen Entwicklung verbunden war, so daß sie auf eine abstrakte Ebene übertragen, gewissermaßen seine eigene Biographie enthielt. Das erfaßte ihr Instinkt sofort, und er entdeckte oft viel zu spat und mit Reue, wieviel von sich selbst er auf ihre Fragen hin bekannt hatte. Dann brach er das Gespräch bestürzt ab und lenkte es auf die belanglosen Dinge be.> Alltags. — Es wurde Juli. .. . .. ~ . „Manchmal in der Nacht und auch am Tage habe ich solche Furcht daß ich fast den Verstand verliere", sagte Elisabeth eines Spatnachmsttags in eine Gesprächspause hinein leise und mit flackernder Stimme. S,e lag, von einer leichten Decke verhüllt, auf ihrem Stuhl m einem warmen geschützten Winkel des Gartens. Haril, der ihr gegenubersaß, bordjte auf Sie hatte noch nie zu ihm davon gesprochen Bevor er etwas Ablenkendes sagen konnte, fuhr sie fort, und ihm war, als liefen dunkle Schatten über ihr Gesicht, in dem die Augen geschlossen waren und die Lippen sich kaum bewegten. „Wissen Sie, was das ist, Otto, Todesangst? Ich habe sie me gekannt, habe immer davon gesprochen wie von etwas Feigem, Verach - lichern. Aber die wahre Todesangst ist ganz anders. Sie ist furchtba, Otto. Man glaubt zu ersticken. Das Herz setzt aus, unb man sieht unb hört nichts mehr als die eigenen keuchenden Atemzuge. Man atmet noa) — das ist das einzige, an dem man sich verzweifelt festklammert. L ann aber kann man plötzlich auch nicht mehr atmen, Aus der Brust liegt ein ungeheuerlicher Stein und preßt sie zusammen. Man greift mit den Händen danach und kann ihn nicht bewegen. Und dann stirbt man wirklich. Alles ist schwarz und purpurn im Tode, und das Allerletzte ist ein pfeifendes, schneidendes Licht... Ist es nicht sonderbar, Otto, daß man so ost sterben muß, wenn man ein Kind zur Welt bringen soll?" „So etwas sollten Sie nicht denken, Elisabeth!" sagte Hartl. „Sie wissen doch..." „Ja, ich soll mich zusammennehmen und durchhalten. Aber ich kann es einfach nicht. Je mehr ich mich wehre, desto schrecklicher ist es. Man kann sich doch gar nicht gegen den Tod wehren. Das ist so dumm und sinnlos wie das meiste, was wir im Leben tun. Er kommt über einen, der Tod, wie ein wildes Brausen und mit Schmerzen, die immer rasender werden. Man kann sie nicht mehr ertragen. Zwischendurch lassen sie nach — wissen Sie, Otto, genau so, wie wenn in einer unbeschreiblichen Steigerung plötzlich die Musik abbricht zu einer kurzen Fermate... Alle Nerven zucken darunter zusammen wie unter einem Schlag. Und bann setzt alles von neuem und noch viel rasender ein... Ach, es gibt keine Vorstellung davon, was Todesangst wirklich ist! Aber ich weiß es jetzt unb habe genau die gleiche Angst vor ihr wie vor dem Tod selbst!" „Ich bitte Sie, Elisabeth...", sagte Hartl und ergriff ihre Hand, die er mit einer verwirrten unb scheuen Zärtlichkeit streichelte. „Glauben Sie nicht auch, baß man sterben muß, wenn man ben Tod tennengelernt hat? Ich glaube es, Otto. Vielleicht ist es gut so. Ich bin so bäßliaj geworben. Jcy tann mich gar nicht mehr ansehen und will auch nicht, daß mich jemand ansieht. Außer Ihnen, Otto, unb Billy unb dem braven Kern. Es ist gut, daß Ludwig nicht da ist. Ich würde fortlaufen und mich vor ihm verkriechen. Sagen Sie nichts, Otto! Ich weiß, daß das eine abscheuliche Eitelkeit ist und daß Ludwig ganz anders fühlt. Aber vielleicht bleibe ich nun mein Leben lang fo häßlich, daß er, daß ihr alle stets nur noch Mitleid für mich habt. Das könnte ich nicht ertragen. Es ist viel schlimmer als der Tod. Das ist die Hölle. Wenn ich sterbe, wird Ludwig allein fein, und das ist böse für ihn. — Nein, nicht ganz allein. Er wird das Kind haben. Trotzdem wird es das gleiche fein, wie wenn ich ihn verlassen hätte..." Heber Hartl kam eine schwere Besorgnis. „Sie phantasiere^... Ihre Hand ist heiß unb ftucht. Ich fürchte, Sie haben Fieber... Ich werbe Billy rufen, unb wir bringen Sie jetzt ins Haus zurück..." „Lassen Sie mich noch eine Weile hier! Ich habe kein Fieber. Ein bißchen vielleicht. Aber bas habe ich jetzt öfter. Es geht gleich vorüber. Es tut mir wohl, wenn ich hier liegen kann. Ich habe ja keine Schmerzen. Unb Sie versprechen mir, baß Sie alles roieber vergeßen werben! Es ist nicht so wichtig. Nichts ist mehr wichtig, wenn man bie Angst hat, zu sterben. Glauben Sie nicht auch, Otto, baß es besser sein wirb, wenn Lubwig Billy heiratet? Nicht bie andere. Kalte, Hochmütige... Für Billy wird es auch besser sein, als daß sie den Doktor Kern heiratet. Das haben Sie doch auch schon bemerkt, daß er ihr Augen macht? Ich habe es zuerst nicht geglaubt. Bisher hat er nämlich überhaupt nicht gesehen, daß sie auch eine Frau ist. (Eine bessere kann ein Mann sich nicht wünschen ... wenn sie auch gar nicht hübsch ist." „Allerdings. Unb wie steht es mit ihr? Mag sie ihn benn?" fragte Hartl hastig. Er stürzte sich blinbtings auf biefes Thema, um Elisabeth von ihren büfteren, schmerzlichen Vorstellungen unter allen Umftänben abzubringen. „Natürlich hat sie es längst gemerkt. Er ist ja so ungeschickt. Wie ein Student. Und ist dabei noch so stolz aus seinen .Zynismus'!" antwortete Elisabeth verändert und öffnete bie Augen. Sie lächelte. Hartl ließ ihre Hanb los unb ftanb auf. „Sehen Sie, Otto, so geht es mir jetzt oft. Auf einmal weiß ich nicht mehr, wo ich bin, unb damit fängt bie Angst an. Heut aber war es nicht mehr so schlimm. Heut habe ich gar nicht geschrien. Hab' auch nicht nötig gehabt, bas Kissen vor ben Munb zu pressen, baß man mich nicht hört. Heute ging es so schnell unb gut vorüber. Ich hab' sogar sprechen können. — Ja, ich hab' mich ganz beutlich gehört. Nur weiß ich nicht mehr recht, was ich gesagt habe. Hab' ich etwas Schlimmes gesagt, Otto? Sie sehen so erschreckt aus." ,fNein, nein. Nur ganz Allgemeines. Das finb Schwankungen bes Bewußtseins, von benen Kern gesprochen hat. Sie finb ja vorüber. Ganz vorüber." „Ich glaube, es ist etwas anberes. Besseres. Vielleicht wirb es jetzt immer fo fein, ohne ben großen Schrecken? Ich glaube wirklich, Otto, jetzt kann ich es burchhalten." Sie verfuchte, sich zu erheben, was ihr mit Hartls Unterstützung gelang. Er führte sie langsam ins Haus zurück unb verbarg feine Erschütterung. Als Elisabeth sich zu Bett gelegt hatte, kehrte er noch einmal an ben Platz im (Barten zurück. Aus bem Tischchen neben ihrem Liegestuhl lag ein Stoß illustrierter Blätter, in benen sie am Nachmittag gelesen hatte. Das oberste zeigte ein paar leicht zerknitterte Stellen unb faltete sich, als er es mechanisch aufnahm, wie von selbst in ber Mitte ausemanber. Er sah auf eine Reihe von »Bildern vom Tage'. Kopfe von Diplomaten, icr hti auf die Cnt- iillf! N N &|kn Äe ^ti •$ii I Hw I M< I äjalte I M« I Lr I Bel" I Ein, I tii nie I curbe I *i ü I Eijiilai I 3er I rillen I 'N .. _ , .... Kugenblirf fallen kannte und die immer nach nicht kämmen wallte Er hatte keinen anderen Gedanken, als daß es um Elisabeths Leben ging, um das Teuerste, was er auf der Welt bt-faft. Hundertmal sagte er sich, daß er ahne Zögern sein eigenes Leben hingeben wiirdc, wenn sie durch dieses Opfer erlöst werden könnte. 3« tu fiel jfejei einen i *Nn Me I S-r I#* I cwnsta l*u I Sie Llein IH g|( lliijur I fierten I Pkie I Mch I tiijun Inin I Sie | ien fio| I Shtzei Das Schlimmste war, daß er zu völliger Untätigkeit verdammt war, nichts für sie tun kannte als dableiben und warten, während sie ihren schwersten Kamps bestand. Der einzige Trast in seiner Berzwcislung war Billys gespanntes, aber zuversichtliches Gesicht, das van Zeit zu Zeit aus dem ersten Stockwerk austauchte und dem er kurze, unwillige Berichte abzwang, aus denen er nur heraushörte, daß Elisabeth nach am Leben war. Und endlich tarn am späten Abend van ihr die befreiende Nachricht. Hartl zwang sich, zuzuhörcn, aber es wallte ihm nicht gelingen. Diesen Tag und diese Nacht würde er nie mehr im Leben vergessen. Er hatte die ganze Skala menschlicher Empfindungen durchlaufen, van zitternder Angst, hiisiaser Verzweiflung bis zum äußersten Gipfel der Freude und dankbarer Erlösung. Wenn er daran dachte, wie er am Morgen erwacht war, geweckt van einem Schrei, der sa vall tiefster menschlicher Not war, wie er ihn nur damals im Felde draußen gehört hatte, begann er von neuem zu zittern. Den ganzen Tag über war er wie ein Gefangener umhergegangcu, immer wieder den gleichen Weg vom Haus in den Garten und wieder zurück, und hatte fieberhaft ' " ~ ' scheidung gewartet, die in jedem Augenblick fallen konnte ur Sie rief ihm lachend van der Treppe herab zu und war schon verschwunden. Alles war vorüber und war gut. Das Kind war da, ein Mädchen, und Elisabeth war gerettet, lag erlöst und glücklich in ihren Kissen. Daß der Prasessar nicht rechtzeitig eingetroffen war, kannte er ihm i nicht verzeihen, auch jetzt nicht, wo er wußte, daß seine Anwesenheit gar nicht nötig gewesen war. Doch Elisabeth lebte, das Kind war gesund — alles andere war in diesem Augenblick winzig und ohne Bedeutung. Die beiden Aerzte erhoben sich. Man erlaubte ihm, einen Augenblick mit hinauszugehen. Wieder schoß ihm der Gedanke durch den Kopf- Man behandelt mich wie ihren Mann. Und er lächelte zerstreut vor sich hin. Von Elisabeth sah er nur das Gesicht, das ihm volltammen oerönderi erschien: fern und wie verhüllt von. einer jenseitigen Empfindung. Erst als sie für einen Augenblick die Augen aufschlug und sie ihm zuwandte, erkannte er das Gesicht der Elisabeth wieder, die er liebte. Der Professor konnte ruhig nach Hause fahren. Mit einem plötzlichen, glücklichen Entschluß überwand Hartl seine Abneigung gegen ihn, schloß sich ihm an und bat, ihn im Wagen mit in die Stadt zu nehmen. „Es ist zwölf Uhr vorbei. Sie werden kaum mehr Gelegenheit haben, in der Nacht zurückzukommen!" warnte ihn der Professor. „Ich habe sehr srüh in der Stadt zu tun." „Wie Sie wollen. Selbstverständlich steht Ihnen ein Platz in meinem Wagen zu Verfügung." Sie fuhren ab. Kern und Billy blieben allein im Saal zurück. „Nun mache ich noch eine Flasche auf!" sagte der Arzt und rückte in einiger Verlegenheit seinen Zwicker zurecht, der wieder einmal schief und vorne aus seiner Nase saß. „Warum denn das?" brummte Billy. „Das werden Sie gleich merken. — Nein, nun bleiben Sie hier, Billy. Sie wissen ganz genau, daß droben für Sie nichts zu tun ist. Setzen Sie sich hierher! Ich habe eine sinnlose Freude, daß alles so gut gegangen ist. — Warum ist Hartl eigentlich in die Stadt gefahren? Merkwürdig. Was halten Sie davon, Billy?" „Er wird seine Gründe haben. Cs hat ihn viel stärker mitgenommen als zum Beispiel Sie! Und ist das alles, was Sie wissen wollten? Deshalb halten Sie mich hier auf?" „Seien Sie nicht kindisch, Billy! Warum ich Sie aufhalte, ist nicht fa einfach zu sagen. Aber ich bin sicher, Sie wissen es längst." „Nichts weih ich." „Dann muß ich es eben sagen. Sie zwingen mich dazu. Gut, Billy. Als ich Sie kennenlernte, vor dreiviertel Jahren — erinnern Sie sich? — habe ich nicht viel von Ihnen gehalten." „Halten Sie den Mund!" „Nein. Damals waren Sie noch am Theater. Warum Sie eigentlich dorthingelaufen sind, weiß der Teufel. Es ist also Ihre eigene Schuld, daß ich damals ein Esel war." „Sie sind wohl der Meinung, daß das seitdem besser geworden ist mit Ihnen?" I „Allerdings. Ich bin, Gott sei Dank, nicht mehr so blind in bezug aus Sie. Vielleicht wieder in einer anderen Hinsicht. Aber jetzt habe ich Sie kennengelernt. Nicht nur in der letzten Zeit droben bei Elisabeth. Und Sie haben mich kennengelernt, wenn Sie auch immer grob und abscheulich gegen mich gewesen sind!" „Das war ich nicht." „Doch! Das waren Sie! Und sind cs im Augenblick immer noch." „Daran sind Sie schuld. Sie haben keinen Funken von Feingefühl!" Kern lachte gezwungen. „Elisabeth ist darüber ganz anderer Meinung. Sie scheinen es nur nicht bemerkt zu haben. — Ernsthast, Billy: Ich habe Sie lieb." Er rückte an sie heran und legte vorsichtig den Arm um ihre Schulter Sie ließ cs geschehen und rührte sich nicht. Kerzengerade sah sie auf ihrem Stuhl, und ihre Schuster gab auch dem sanften Druck seiner Hand nicht im geringsten nach. Nach einem langen Schweigen war Kern so oer- wirrt geworden, daß er die Hand langsam zurückzog. „Warum tagen Sie keinen Ton, Billy? ... Was ist denn mit Ihnen? Es ist mein voller Ernst. Daran können Sie doch jetzt nicht mehr zweifeln." Da immer noch keine Antwort erfolgte, stand er beschämt und unwillig auf. „Verzeihen Sie, wenn ich roieoer grob und unhöflich gewesen bin, aber ..." Jetzt erhob sich Billy mit einem Ruck, drehte sich um und legte mit einer eckigen, ungeschickten Bewegung die Arme um seinen Hals. Ihr Mund blieb geschlossen, als er sie kühte, und ihr Körper ein wenig hölzern. Nur ihre dunklen Augen sagten ihm altes, was er wissen wollte. Aber auch er war weder erfahren noch zugänglich im Umgang mit Frauen. Er hatte sie zuerst schätzen und dann lieben gelernt. Es hatte lange gedauert, bis er sich erstaunt und verlegen eingeftanb, daß bei (einen Besuchen in Nikolassee die kleine Billy immer wichtiger für ihn geworden war. Und auf einmal hatte er sich dabei ertappen müssen, dah der Gedanke an eine Heirat alle Schrecken für ihn verloren hatte. „Du würdest also meine Frau werden, liebe kleine Billy?" sagte er mit aller Zärtlichkeit, deren er fähig war. „Du hast mich noch nicht gefragt. Nicht einmal, ob ich dich überhaupt mag." „Das weiß ich." „So! — Aber ich kann doch nicht von hier weg." „Warum denn nicht?" „Ich muß das Kind pflegen, bis Ludwig wieder da ist." „Das dauert ja nicht mehr lange. Höchstens zwei Monate. Das läßt sich doch aushalten." „Ich darf also hierbleiben, und du kommst jeden Tag heraus!" sagte Billy leise und glücklich. „Bis du ganz zu mir kommst. Sagen wir: im Oktober." (Fortsetzung folgt.) Hsiiteu •w i 3e Ml| Jt MR Wen Jj Win M k k Gelehrten, Künstlern; eine sensationelle Sportaufnahme stand darunter, und dann folgte ein halbseitiges Bild mit prominenten deutschen Schauspielern aus Hollywood. Ganz im Vordergrund stand Ludwig Thiele, breitbeinig, im offenen Sporthemd, und schüttelte mit lachendem Gesicht einem Kollegen die Hand. Rechts von ihm war der Direktor Grolman zu erkennen, dahinter aber — Hartl erschrak, als er sie identifizierte — Mira von Alten mit ihrer Kusine. Ja, cs gab keinen Zweifel! Sie war es. Das Bild war technisch ausgezeichnet und erfüllte vollkommen feinen propagandistischen Zweck. Ebenso klar und deutlich wie Ludwig Thiele war auch Mira zu erkennen und die lange, knochige Gestalt ihrer Kusine Aenne. Wahrscheinlich hatten die beiden gar nicht gewußt, daß der Photograph sie als einen wirkungsvollen Hintergrund mit in sein Bild einbezogen hatte. Hartl [egte die Zeitschrift auf ihren Platz zurück und sah sich scheu um, wie ein ertappter Sieb. Die andere, Kalte, Hochmütige — wie Lisa sie genannt hatte — von der sie so lange nichts mehr gehört hatten, war also drüben in Hollywood mit Ludwig und lebte sorglos mit ihm. wie vor anderthalb Jahren! Sicher war sie schon im Frühjahr mit hinüber» gefahren und hatte fern und insgeheim erreicht, was sie wollte. Jetzt aber hatte ein Zufall Elisabeth alles verraten. Sie mußte das Bild gesehen haben. Das Blatt trug noch die Spuren ihrer erregten Hände. Vielleicht wußte sie schon seit Tagen alles und hatte geschwiegen? Hastig nahm Hartl die Zeitschrift noch einmal und suchte nach ihrem Datum. Die Nummer war zehn Tage alt. Mein Gott, sie wußte es also längst und hatte alles in sich vergraben. Sie wollte sterben, weil Ludwig sie wiederum an die andere verraten hatte. Jetzt schien cs Hartl, als ob die Zusammenhänge sich klärten. Jetzt mußte er eingreifen, sie retten. Sie durste nicht sterben. Sie mußte leben, weiterleben mit ihm, später, nachdem alle Stürme sich gelegt hatten. Sie hatte ihm nichts gesagt von ihrem Wissen — und niemandem. Aber vielleicht war es der tiefe Schmerz dieses Wissens gewesen, der sie so überwältigt hatte, daß sie gegen ihren Willen, aus halbem Bewußtsein alles ausgesprochen hatte, was in ihr vorging, auf die Spitze getrieben von ihrer tödlichen körperlichen Angst. Hatte sie darum auch allen seelischen Widerstand aufgegeben und ließ sich hilslos hinabgleiten in das purpurne Dunkel...? Das durfte nicht sein! Aber von diesem Wissen, das jetzt auch sein eigencs^geroorbcn war, durste Hartl keinen Gebrauch machen. Die Person Ludwigs, und was er drüben getan hatte, fern von ihr, durfte nicht in Hartls Händen zur Waffe werden gegen ihn. Ludwig hatte getan, was er mußte. Er mußte allein damit fertig werden, wie Hartl selbst mit sich fertig geworden war und wie Elisabeth allein und tapfer damit gerungen hatte. Sie allein war jetzt am Unterliegen und muhte zuerst gerettet werden... Hartl ließ die Zeitschriften liegen, wie er sie gefunden hatte. Er ging In fein Zimmer, als er erfuhr, daß Elisabeth schlief, und erschien nicht mehr an diesem Abend. Am nächsten Tag begannen bei Elisabeth die körperlichen Schmerzen. Doktor Kern, von Billy telephonisch herbeigerufen, kam mit dem Professor sofort heraus. Doch sie mußten feststcllen, daß sie viel zu früh crfdjiencn waren. Der Professor fuhr nach einer halben Stunde wieder zurück. Doktor Kern aber blieb da und vereinbarte mit ihm, ihn sofort zu verständigen, sowie eine Veränderung eintreten sollte. Die Schmerzen, die Elisabeth zu erdulden hatte, wurden keineswegs so heftig, wie alle erwartet hatten. Sic ertrug sie tapfer, und Kern konstatierte befriebigt, daß auch ihr seelischer Zustand viel härter, nüber» standsfähiger geworden war. Wie durch ein Wunder hatte die Angst, auch als sic jetzt wiederkam, ihre schlimmsten, vernichtenden Schrecken für sie verloren. In der Nacht kam das Kind zur Welt. Bis in die letzten heftigsten Schmerzen hinein blieb Elisabeth bei Bewußtsein und hielt durch. Es ging schneller zu Ende, als selbst die Hebamme gehofft hatte. Dann war der Augenblick da, in dem sic erlöst und verklärt in eine nie erlebte Schmerzlosigkeit zurücksinken konnte, wie in ein Meer von Stille und Harmonie. Nebenan wusch die schwatzhafte Hebamme das Kind. Von dort kam ein hoher, dünner Laut, wie der Schrei eines kleinen hungrigen Vogels. Der „Prinz" war ein Mädchen. 27. Der Professor traf ein, als das Kind schon da war. Es blieb für ihn nichts mehr zu tun, als nach der Feststellung, daß alles normal verlaufen war, mit Doktor Kern eine Flasche Wein zu trinken unten im großen, hell erleuchteten Speisesaal, wo auch Hartl saß. Die beiden Aerzte vertieften sich bald in ein Fachgespräch über Interessante Fälle aus der Praxis. Spruch für zwei. Von Georg Grabenhorst. Deine Hand in meiner: Gott entgegen gehn. Deine Augen meinen: Ihm ins Antlitz sehn. Deine Lippen meinen: Kelch und Auferstehn. Deine Hand in meiner: Was kann uns gescheh»? | Liebe im Leihhaus. Don Gert Lynch. Der Schriftsteller Peter Brauneifen stand mitten in einer Menfchen- schlange vor der Pfandannahme des Städtischen Leihamtes. Es war ein Samstag, vierzig Minuten vor Schalterfchluh. Die Luft der Halle war stickig und schwül, und es roch nach Kampfer und Klcidermuff. Die Leute drängten und schoben nach. Ein Bursche versuchte psissig zu sein und stellte sich vor die anderen hin. „Ich habe Eile, mein Zug geht gleich!" erklärte er unsicher. Aber man lachte ihn aus und wies ihn zurück in die hinterste Reihe. Sie hätten noch viel mehr Eile, versicherten die Umstehenden, und ihr Zug ginge noch früher. Peter freute sich an dem gesunden Instinkt der Leute. Er setzte das Kösserchen mit der Schreibmaschine aus die Steinsliesen, um seinen Arm auszuruhen. Seine Finger schwitzten und zeigten weiße, blutleere Striemen in der Breite des Ledergriffs. Die Reihe fchob ruckweise nach, und Peter gelangte allmählich an den Kops der Schlange. Eine Frau mit Bettwäsche kam eben dran. Der Schätzer breitete jedes Stück aus dem Tische aus, drehte es um, fragte „auf welchen Namen?" und diktierte dem Schreiber an feiner Seite: „Lehmann — Bettwäsche — fünf Mark." Frau Lehmann knickte den Pfandschein zusammen, steckte das Geld ein und maulte enttäuscht zum Schalter hin: „Der blonde Schätzer, der Ihr Kollege ist, der hat immer acht Mark gegeben!" Der Beamte schwieg diese Bemerkung tot und rief: „Der Nächste, bitte!" Eine Frau mit Sommerkleidern trat vor. „Damenkleider belehnen wir nicht", fagte der Schätzer und hob abwehrend die Hand. Die Frau wurde ganz blaß vor Schreck und verlegte sich auf das Bitten: „Bloß zwei Markel, bittschön, geben S' zwei Markei, für meine Tochter zum Schulausflug Der Beamte wurde ungeduldig und fagte frostig: „Bcdaure, wir müssen uns an die Anordnung halten. Der Nächste, bitte!" Peter war an der Reihe. Er schob sein Kösserchen vor, der Schlüssel steckte. Der Schätzer öffnete, nahm die Maschine heraus, klappte den Mechanismus auf und überprüfte die Hebel. In diesem Augenblick setzte sich etwas Kleines, Leises, Lebendiges an Peters Wange. Er fühlte ein leises Krabbeln und dachte an eklige Fliegenbeine. Er hob schnell eine Hand und fuhr sich mit einem energischen Wischer über die Backe, und drinnen, hinter dem Schalter, gab es einen winzigen, gerade noch hörbaren Bums. Es klang, wie wenn ein Finger auf runde Pappe ober gewelltes Holz tippt. Peter beugte sich vor, so weit er konnte, und spähte umher. Als sein Blick in den hohlen Kasten der Schreibmaschine gelangte, entdeckte er das Gesuchte. Davor hätte es ihm wirklich nicht zu grausen brauchen! Es waren zwei harmlose Marienkäferchen gewesen, rot und mit schwarzen Punkten. Die kleinen Tierchen hingen zusammen unb konnten nicht voneinander. „Ich frage Sie schon zum zweiten Male nach Ihrem Namen! Der Schätzer sprach laut und drängend. „Ach so, Brauneijen", beeilte sich Peter zu sagen. Der Beamte diktierte: „Brauneisen — Schreibmaschine Nr. 2081 — Peters Finger griffen mechanisch nach Geld und Psandschein, aber feine Augen hingen unverwandt an den Marienkäferchen, drinnen im hohlen Kasten ... Der Schätzer nahm diesen Kasten, stülpte ihn über die Schreibmaschine und ließ das Schloß schnappen. „Der Nächste, bitte. „fialt — halt!" rief Peter und fuchtelte mit den Armen. „Was wollen Sie noch?" fuhr ihn der Schätzer an, und Peter fühlte, wie chn ein Dienstmann mit fünfter Gewalt wegschieben wollte Da krampfte sich Peter mit der freien Hand am Schalterbrett fest und begann hastig- si") überhudelnd, zu erklären: „Die Sache ist nämlich bie: zwei Marien- käferchen, verstehen Sie? — Sie sind doch ein Tierfreund, nicht wahr? — drinnen am Schreibmaschinendeckel ein Pärchen, em Siebespardjenl Es würde umkommen, glatt verhungern, verstehen Sie? — Wenn Sie den Kasten nochmals aufschließen möchten ..." „Der Nächste, bitte!" . . _, ..... die armen Tierchen verhungern ,n meiner Schreibmaschine — gemeine Tierquälerei wäre das — toie werden doch nicht solch ein R Y lm®,jßenn Sie nicht augenblicklich verschwinden lasse 'ch Sie absühren!" brüllte der Schätzer. „Wir sind hier nicht zum Scherzen dal Der Nächste, '""Peter wurde gewaltsam beiseite gepreßt. Die Leute reckten die > fiälfr unb wurden aufmerksam. Die Umstehenden grinsten und bohrten sich - von wegen so und so — in die Schläfe. Peter war wütend Erstens über das Benehmen des Schätzers, vor allem aber, weil er ihn und feine Worte nicht genommen hatte. Er beschloß, sich sofort zu beschweren, unbekümmert um alle Gaffer. Er ging zum Schalter der Direktton und klopfte fünfmal hart an die Srf)Das Milchglas wurde hinaufgeschoben, und ein Sraumriierier Spitzbari mit stechenden Augen hinter Brillengläsern kam zum Vorschein. „Sie wünschen?" fragte eine nüchterne Stimme. Du bist auch nicht der wahre Jakob, dachte sich Peter, laut aber fagte er: ,Zch möchte mich über ihren Schätzer vom Schalter drei beschweren wegen Anbrüllens und wegen Tierquälerei im kleinen ..." „Wie, bitte?" Der Direktor rückte seine Brille zurecht und glaubte nicht recht verstanden zu haben. „3a", erzählte Peter, „da ließ ich eben eine Schreibmaschine belehnen, und im Koffer saßen zwei Marienkäferchen, ein Pärchen. Es nt mit verschlossen worden und müßte elend zugrundegehen. Ich möchte Sie höflichst ersuchen, den Koffer öffnen zu lasten und die Tierchen heraus- zunehmen. Hier ist mein Pfandschein ... Da wirbt man allenthalben für Tierschutz, Humanität und Gott weiß, was noch, aber wenn es drauf ankommt, da versagen zuerst die Herren Leihhausbeamten ..." Knall. Das Fenster schoß herunter. Peter stand vor der blinden Scheibe. Er unterdrückte ein kräftiges Wort und ging feiner Wege. Hinter ihm Kichern unb Murmeln. Peter holte zuerst feine Wäsche ab unb zahlte bann ein paar kleine lästige Schulben weg. Es blieben immer noch einige Mark. Der nächste Tag war ein Feiertag. Peter würbe unerwartet zum Essen eingelaben. Dabei erzählte er seinen Gastgebern, Herrn unb Frau Oberbergrat Meißner, von seinem Erlebnis im Leihhause. Und ob er, Peter, nicht eine Bitte äußern bürste? Man möchte boch so gefällig sein und ihm zwölf Mark anvertrauen. Er brächte sie morgen bestimmt zurück. Er wollte nur schnell sein Pfand auslöfen, die Tierchen befreien und dann die Schreibmaschine wieder belehnen lassen. Die Zinsgebühren im Leihamt könnte er selbst bezahlen. Peter erhielt das Geld augenblicklich. Als er am anderen Morgen zum Pfandhaus kam, mußte er warten. Er war zu früh daran. Pünktlich acht Uhr wurden die Schalter geöffnet. Fünfzehn Minuten später eilte Peter mit einem neuen Versatzschein und zwei Marienkäferchen, fürsorglich in eine leere mit Gras gepolsterte Zündholzschachtel gebettet, der Villa des Oberbergrats zu, um das Geld zurückzubringen. Das Mädchen öffnete ihm. Die Herrschaften wären grab in bie Stadt gefahren. Aber sie sollte diesen Brief übergeben, und Herr Brauneisen möchte am Sonntag wiederkommen. Er riß den Umschlag auf, zog ein Kärtchen hervor und las: 12 Mark dankend erhalten. Meißner, Oberbergrat. Peter fpeiste an diesem Tage auf der Veranda des Künstlerhauses. Schließlich stellte er ein Fünfmarkstück auf die Kante und daneben die offene Zündholzschachtel, und bann hauchte er fo lange auf bie Marienkäferchen, bis sie ben silbernen Berg erklommen. Erst flog bas eine bovon, unb bann bas artbere ... Vom Element des Komischen. Von Dr. Eckart von Naso, Dramaturg am Staatlichen Schauspielhaus in Berlin. Das Geheimnis b^s Komischen, bem die ernsthafte Wissenschaft schon so oft nachgespürt hat, wird am deutlichsten dort, wo Humor Zweck der künstlerischen Darstellung wird: also auf den Bühnen der Theater und Kabaretts, im Variete, im Zirkus, auf der Leinwand des Films und neuerdings im Funk. Hier überall wird das Komische bewußt sichtbar oder auch bewußt hörbar gemacht. Was aber ist komisch — und zwar im landläufigen, nicht im philosophischen Sinne? (Denn es kann hier nicht der Ort sein, auf die Fülle der wissenschaftlichen Deduktionen über das Wesen des Komischen, des Humors oder auch des Witzes einzugehen.) Die herrschende Ansicht bezeichnet als komisch die Abweichung von der Norm: mithin das Unvermutete, Ueberraschende ober Ungewohnte. Komisch ist aber auch bie lleberfteigerung der Norm zu einem Typ, der erst durch diese lleberfteigerung komisch wird: der zerstreute Professor, die zänkische Köchin, das schwärmerische alte ober junge Fräulein. So zahlreich wie bie komischen Erscheinungen bes Lebens, bie zum Anlaß der Darstellung werben, so zahlreich sind ihre Arten, sie umspannen den gesamten Kreis des menschlichen und dinglichen Seins, sie werben ebenso in den körperlich plumpen Prugelszenen des Hanswurstes wie in ben Beseelungen Shakespearescher Lustspielprinzessinnen offenbar. Wobei denn bie Frage entsteht, ob es zweierlei Komik gibt: eine körperliche unb eine geistige, ober ob bas Komische zwischen Körper unb Seift hin- unb herpenbele, inbem es je nachbem die eine oder andere Funktion einbeziehe, samt Mimik, Geste, Bewegung, Stimme und dem Tonsall selbst. Dagegen scheint es mir das Geheimnis des Komischen zu (em, daß es weder Körper noch Geist ist, nicht einmal beides zugleich — sondern ein Drittes, Losgelöstes, eine absolute Kraft, die man nicht nur beim Darsteller die vis comica nennen sollte: kurz, ein Element. In jeder Art des primitiven Theaterspiels tritt dieses Element in seiner wirklich elementaren Gestalt in Erscheinung: als Possenreißer unb Marktschreier, als Tölpel unb Harlekin, als Stegreifspieler männlichen und weiblichen Geschlechtes. Es bebarf nicht einmal ber Verwanbkungs- tratt der Jahrhunderte, es bedarf nur einer kleinen räumlichen Entfernung zwischen den Ost- und West-, den Süd- und Nordvierteln ein und derselben Großstadt, um die Zusatzelemente zu destillieren, bie ben Hanswurst zum Bonvivant, bie Pierette zur Salondame werden lasten. Die Typen bleiben. Sogar bie Requisiten barstellerischer Komik scheinen ewigen Bestanb zu haben — nur daß bie Pauke ber Somöbianten heute zum Saxophon, bas Lied des Bänkelsängers zum Chanson — fein „Hereinspaziert!" zur Conference geworden ist. . Rührt das Genie an die stets wiederkehrenden Typen, beginnt das Element zu glühen. Cs formen sich bann, auch im Komischen, jene erlauchten unb einmaligen Gesichte, bie in ben Bezirken ber großen Kunst wohnen. Sie heißen Falstaff oder Ochs, Riccaut, Just, Beckmesser ober Mephisto. Sie wechseln Erscheinungen unb Arten. Sie stehen auf anbe- rer Ebene roieber auf als Patachon ober Grock. Unb wenn K l e i ft in feinem (viel zu Wenigen bekannten) Aufsatz „Ueber bas Marionetten- theaker" — der in der Tat eines der „letzten Kapitel von der Geschichte der Welt" ist — die Marionette als dos Urbild der Grazie erkennt, die in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten scheine, der entweder gar keins oder ein unendliches Bewußtsein habe: in dem Gliedermann oder in dem Gott — so wird man auch das Komische in seiner Grazie dort wiedersinden, wo es regelrecht marionettenhaft erscheint und etwa als Micky Maus in das Fabelreich einer bloßen optisch-akustischen Bewegung einzieht. Es mag auf den ersten Blick seltsam, vielleicht sogar befremdlich anmuten: aber die Linie des höchsten oder auch tiefsten Humors, dem immer jene Kleistische Grazie innewohnt, führt — um nur einige Namen zu nennen — über Shakespeare und Mozart, über Goethe und K! e i st bis in den künstlerischen Tricksilm unserer Tage hinein. Wie aber unterscheidet sich jetzt die Komik des Rüpelspiels, die reine Clownerie von den Spitzenwerten der komischen Kunst? Das Element Komik bleibt offenbar immer das gleiche. Trotzdem muß der Unterschied zwischen Komik und Komik jedem Achtsamen klar werden. Ich möchte es einen Unterschied nach Stoff und Form nennen, wobei die Grenzen häufig genug verschwimmen. Wie in der Wirklichkeit des Lebens der körperliche Stoff-Mensch neben dem geistigen Form-Menschen steht, ja in der gleichen Persönlichkeit sich Stoff und Form befehden oder auch binden, so sind in jeder Art der komischen Darstellung stoffliche und formale Bestandteile enthalten. Auch der Clown, wenn ihm ein Gott tieferes Talent gab, wird es nicht bei Ohrfeigen und Witzerzählungen bewenden lassen. Das Komische greift auf seine seelischen Funktionen über: es wird Form. Und wenn wir an G r o ck denken, wird es dämonische Form, in der das Lachen sich mit dem Weinen paart, in der das Komische erschüttert und die Schwermut leicht wird. Hier liegt auch der Unterschied zwischen der Buffooper und der Operette, der Komödie und dem Schwank. Je höher das Komische im Kunstwerk oder auch in der Darstellung steigt, um so mehr nähert es sich dem Schmerzlichen, um mit ihm vereint die Himmel des menschlichen Herzens zu durchmessen. Und weil die Luft der Höhe dünner wird, beginnt es zu schweben. Man vergleiche die Lachsalven, die eine handfeste Variete- oder Zirkusnummer aufprasseln läßt, mit den stilleren, doch gelösteren Heiterkeiten der Rosalinde und des Figaro: die Wellenlänge des Komischen, auf das Unendliche eingestellt, läutert die Sinnlichkeit des Empfanges. Weil aber alle dargestellte Kunst sinnlich ist und sinnlich bleiben muß, soll sie nicht Kaviar fürs Volk werden, so sind noch den erlesensten Lustspielen Shakespeares die Rüpel- und Räuberszenen gleichsam als Fleischgang eingefügt, und der Vers — durch zauberhafte Verstellungen des Wortes, durch sprachliches Ingenium und rhythmischen Fall zum Humor d^r reinen Form erhoben — wird durch eine Prosa abgelöst, die zum komischen Stofs in der doppelten Bedeutung des Begriffes zurückfindet. Beiden, Stoff und Form, gemeinsam aber bleibt das Element des Komischen, das, einmal dem Leben entnommen, jetzt die Darstellung des Lebens durchdringt. peder streichelt einen großen Hund. Von Görge Spervogel. Peder hätte damals klagen können, aber er war schon immer so beschaffen, daß er alles, was ihm das Leben bot, mit Lächeln und Milde ertrug. Er wohnte in einem Bett mit einem Zimmer nach Maß darumher; daß in diesem Zimmer noch ein winziger Tisch und ein Stühlchen Platz fanden, war eine Offenbarung von geschickter Raumausnutzung. Peder klagte nicht, obwohl er mehr Sorgen hatte als Sand am Meer. Eines Tages kam Teste zu ihm, Teete mit seinem wunderbaren Hunde. Der Hund, dachte Peder, muß der Sohn einer Kuh sein, lieber Gott, so ein großes, dickes Lebewesen von einem Hunde hatte er bisher nur in Alpträumen erlebt. „Kusch", sagte Teete, und der Hund legte sich auf das Bett. „Da ist er uns wenigstens aus dem Wege", meinte er. „Hast du gesehen, wie er gehorcht?" Ja, Peder hatte es gesehen, er bot Teete seinen Stuhl an und lehnte sich gegen die Tür, dort konnte er wenigstens unverrenkt stehen. „Tja", sagte Teete, „so ein Hund, das wäre auch etwas für dich. Du glaubst nicht, was ein derartiges Tier für Freude macht, vor allem, wenn es so dressiert ist wie dieses hier. Paß einmal auf. Schinken!" rief er, „so heißt er nämlich", fügte er hinzu, „Schinken, mach hübsch!" Schinken wollte schlafen. „Raja, er sieht den Grund nicht ein", sagte Teete und griff unter den Tisch, wo der Blechkasten mit dem Brote stand. „Mach hübsch, Schinken", sagte er und hielt einen Brotkanten hoch. Schinken reckte sich ein wenig und verschluckte den Kanten. „Guter Hund, guter Hund", brummte Teete zärtlich und klopfte ihm auf die Hirnschale, was Schinken übel nahm, denn er knurrte aus Abgrund- tiesen, als hätte er einen lebendigen Löwen verschluckt, der sich nun in seiner letzten Not röhrend und wild vernehmen ließ. „Er hat heute einen schlechten Tag", sagte Teete, „sonst ist er nicht so. Aber das kann er vielleicht noch: Schinken, gib Laut!" Schinken wollte schlafen. „Schinken, wie spricht der Hund? Na, wie spricht er denn?" Schinken verriet es nicht, „Brau, brau, brau!" schrie Teete, „Brau! Hau! Auwau!" Nachdem Schinken einmal in seiner Ruhe gestört war, machte es ihm nichts aus, seinen Herrn zu verbessern. Es hörte sich an wie ein Zoo bei Feuersbrunst. Es nahm kein Ende. Peder mußte in seinem Schrecken an einen verrückt gewordenen Urwald denken. Teete schmiß ein Viertelbrot in den offenen Rachen. Es war Peders letztes Brot und stellte die Ruhe wieder her. „Ich habe leider nicht mehr die Möglichkeit, ihn zu behalten", fing Teete wieder an. „Es tut mir geradezu blödsinnig leid. Ich werde ihn sehr vermissen. Er ist so anhänglich und treu. Einmal hat er mir sogar beinahe das Leben gerettet, als ich nachts im Wald einen verdächtigen Kerl traf. Aber ich kann nichts mehr tun, als ihn in die besten Hände zu geben, die Ich kenne. Verdienen will ich nichts an ihm. Hör zu, Ped,r, weil du es bist, sollst du ihn für zwanzig Mark haben." Peder must, geradezu ein wenig lachen. „Du siehst doch, wie beschränkt ich wohn«", sagte er, „es wäre eine Brutalität, solch ein Tier derart einzusperre^ Einen Garten müßte man haben oder einen ganzen Wald." „Aber du kannst ihn doch spazieren führen", entgegnete Teete. „Di, sind alles Ausreden. Schön, ich will dir entgegenkommen: fünszebn Mark." „Woher sollte ich fünfzehn'Mark nehmen?" fragte Peder. „Du kannst sie ja in Raten abbezahlen, ich will doch nichts, als daß Schinken in liebevolle Hände kommt." „Es nützt nichts, Teete, es geht wirklich nicht", sagte Peder. „Du fügst dir selber Schaden zu, denn du weißt nicht, wie sehr ein treuer Hund das Leben erheitert. Ein Wesen, das' an ifir hängt, - bedenke doch, welch ein schöner Gedanke! Aber du mußt abhandeln utb noch einmal abhandeln. Fünfzig Mark könnte ich an jeder Straßeneö! für so einen wunderbaren Hund bekommen, aber weil ich will, daß ir nicht in ungute Hände kommt, biete ich ihn dir für fünf Mark u, Schlag ein!" „Unmöglich, Teete", antwortete Peder, „du mußt einsehen, daß tjj mit dem Tier nichts anfangen kann. Ich habe keinen Raum, keine Zeit und kein Geld dafür." „Wenn du die fünf Mark nicht hast, schön, ich will es glauben, ig unwahrscheinlich es auch ist. Aber laß uns einmal ganz davon absehei und die Sache von einem größeren Gesichtspunkt aus betrachten. Jh liebe dieses Tier, es ist mir ans Herz gewachsen. Ich kann es nickt mehr behalten, es ist unmöglich, die Gründe sind unwidersetzlich zwingend. Ich habe einen Freund, bei dem ich das Tier aufs beste abgehoben weiß. Der Freund bist du. Weil ich das Tier liebe und bir wohlwill, schenke ich es dir. Und nun Schluß. Heulen könnte ich, ach ich werde mir in der nächsten Zeit sehr einsam Vorkommen." „Ich würdige deine Gefühle, Lieber", sagte Peder herzlich, „aber gerade diese Gefühle müßten dich zwingen, den Hund nicht ausgerechnet mir zu geben. Er würde bei mir vielleicht manchmal hungern müsse«. Ich bin auch nicht seßhaft, bin ewig auf dem Sprung. Dir, mir un) dem Hund zuliebe — laß ihn nicht hier!" „Man soll die Menschen nicht zu ihrem Glück zwingen", gab Tee»! etwas schroff zurück. „Je besser man die Menschen kennt, desto mehr liebt man die Hunde. Du scheinst die Menschen noch nicht zu kenne«, aber immerhin kennst du jetzt diesen Hund. Komm mit und hilf mir, anderen Freunden zu beweisen, wie wunderbar er ist." Schinken wollte noch nicht fort. Er kratzte sich mit der Hinterpsti- eine Menge Haare aus dem Fell und lieh sie auf der Bettdecke liegen. „Man kann sie abbürften", sagte Teete. „Kann man Hunde nicht baji abrichten, ehe sie ins Bett gehen, die Füße abzuputzen?" fragte Pedrt betrübt. „Daß du kein Tierfreund bist, habe ich zur Genüge 'gemedf, gab Teete zurück. „Hast du keinen Wurstzipfel?" „Nein, wozu?" — „Damit könnte man ihn gut locken. Es geht aber auch so. Deffne nur eben die Wohnungs- und Zimmertür", befahl Teete, steckte eine Zigareib an und blies den Rauch unter Lebensgefahr in Schinkens Antlitz. Schinken entwich mit Sätzen. — Nach drei vergeblichen Besuchen bei Freunden riß Teete die Geduld!. Er verlor einsach jede Form vor Wut. Was er nun über Schinken sagte, konnte befremden. „Ein ganzes Jahr habe ich mich nun mit diesem Vieh herumgeschlagen", fing er an. „Bedenke: Sreihundertfünfundsechm Tage und ebensoviele Nächte. Ich kann es nicht mehr und tue es nidin mehr. Aus dem Bettvorleger mußte ich schlafen, weil er im Bette laj, zweimal monatlich mußte ich die Wohnung wechseln, ach, die Arme habe ich mir lahm geprügelt, als er noch kleiner war. Tag und Nacht fürchte ich für mein Leben. Wenn ich an fein Halsband fasse, schnappt er schm nach mir. Und ich werde ihn nicht los, kann es anstellen, wie ich roiöl Fünf Mark, Peder, wenn du ihn mir vorn Halse schaffst." „Wie fall ich das können?" fragte Peder. „Zehn Mark", bot Teete:, „fünfzehn, meinetwegen zwanzig Mark, wenn du mir diesen Teufel in die Hölle schaffst. Kennst du niemanden, der mit ober aus solchen Hunden irgendetwas macht?" Peder kannte niemanden. „Hör zu", sagte Teete plötzlich ruhig, „wir kaufen eine Wurst. Halt« ihn fest, ich hole eine." Teete ging. Peder hielt die Seine. Schinken sch zu Peder auf. Hunde sehen Menschen sonst nicht in die Augen, abftt dieser hier sieht mich wirklich an, mußte Peder denken. Schinkens Kops! stieß an Peders Hand. Er wagte nicht, seine Hand fortzunehmen. End-- lich kam Teete zurück. „Und nun", sagte er, „stellen wir uns an einem Park, mieten ein Taxi, werfen die Wurst weit fort, damit er baoonläuft unb sie sucht — bertneilen fahren wir schnell ab." „Das barfst bu nicht", sagte Peder nach einem Schweigen, „er roirho verhungern ober überfahren werben." „Du hast eine schnelle Auffassungsgabe", meinte Teete. „Sann gib ihn bod) lieber in irgenbein Tierheim. Hundepensiom nennt man das, glaube ich." „Nun habe ich bie Wurst gekauft, unb mehr roenbe ich nicht mehr: an ihn." „Es geht nicht. Du barfst nicht. Tu es nicht", bat Peber. „He, Taxe!" rief Teete. Peder nahm bie Leine fest in bie Hanb unb ging mit bem Hund« davon. Teete warf bie Wurst hinter ihnen her. Der Hund riß sich los« holte bie Wurst unb legte sie vor Pebers Füße. Das Auto fuhr an.. Schinken webelte. „Nun müssen wir es wohl miteinanber versuchen"» murmelte Peber unb streichelte ganz vorsichtig über Schinkens Kopf- Schinken legte bie Ohren an und schloß bie Äugen. Peber streichelte' etwas beherzter. Schinken webelte. „Hat man dich denn noch gar nichö gestreichelt?" fragte Peder. „Unb hast bu benn auch Lust, im Sommer mit mir über bas weite Lanb zu gehen?" Schinken machte ein paar Sprünge, bellte unb hüpfte umher wie ein Ziegenbock. „Naja", sagte: Peber, ,roenn bu so ein lustiger Kerl bist, bann komm nur mit." „Hau!" schrie Schinken unb tanzte. „Hau! Muss! Brauwau!" lveranttoörtlich: llr. Hans Thyriot. — Druck und "Berkag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Stein dl uckerei, 2d. Lange, Dietzen.