SietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 58 Zreitag, den \L Mai Jahrgang 1955 ut, daß Du da bist ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR Copyright 1933 by August Scherl G. m. b. Berlin (Fortsetzung.) Die Schmauserei begann und nahm bald laute, ausschweifende Formen an. Thiele selbst gab den Anlaß. Er schob seinen Teiler beiseite und zog dafür eine der dicken Holzplatten heran, auf der ein knusperiges Huhn prangte. „Weiht du, Lisa, das ist einer der größten Tage meines Lebens!", sagte er leise und zu ihr vorgebeugt, während er mit wenigen krustigen Schnitten das Huhn mehr zerriß als zerlegte. „Zuerst mein Erfolg als Götz, an dem wir beide ja nie gezweifelt haben, und dann--Natürlich kam der Filmmann mit Henfchke zu mir in die Garderobe, und nachher waren wir noch einen Augenblick zusammen in der Kneipe. Drei große Filme soll ich drüben mit ihm machen! Denk dir aus, was das heißt! Ein halbes Jahr lang wird die ganze Produktion der .Gloria' nur auf mich eingestellt Jein... Und Wirkung... Wirkung über die ganze Welt... Nach diesem halben Jahr wird mein Name in ries! gen Lettern in allen Straßen zu lesen fein, wo man ins Kino geht! Von Neuyork über Moskau bis Honolulu und Tokio. Das ist es, wovon ich als Schiffsjunge geträumt habe und was vom Theater allein aus nie zu erreichen war!" „Ich kann gar nicht jagen, wie ich mich freue!" jagte stockend Elija- deth, die nichts mehr aß, fett er — am Kopfende des Tisches — zu ihr allein zu sprechen begonnen hatte. „Der Vertrag ist also perfekt? Ihr habt alle Einzelheiten schon durchgesprochen?" „Nein'... Merkwürdigerweise war davon nicht mehr die Rede. Doch ich bin absolut sicher. Das habe ich im Gefühl. Der Direltör wäre sonst gar nicht mitgekommen. Ich habe den Eindruck, daß ich ihm irgendwie sympathisch bin, wenn er auch äußerlich stets und oerschlossen geblieben ist. Er stammt aus Bremen, mußt du wissen! Auch Henfchke ist über zeugt, daß wir in den nächsten Tagen unterschreiben. Nur Steinten machte ein paar unbegreifliche Schwierigkeiten. Aber das ist neben» fachlich. Mit dem werde ich schnell fertig... Und dann, Lisa, dann sind wir dort angelangt, wo wir hingehören!" Während er sprach, hastig, mit Pausen und ohne die Worte zu wägen, so, als bräche eine lange zurückgestaute Welle aus ihm heraus, führte er die Stücke des vor ihm liegenden Huhns zum Munde, Brust» stücke und die Keulen, ohne die Gabel zu benähen. Er saßte fie an Den Knochen und biß hinein mit einem gewaltigen Appetit und einer Hingabe an diese Lust des Essens, die ebenso ursprünglich war wie die unge» nungen. wieder herab. wöhnliche Form. , , , . . . Zwischen den einzelnen Bissen griff er nach feinem Pokal und tränt in langen, genießerischen Zügen, die Die breite Höhlung des Glases in der fein ganzer Kopf eingetaucht schien — bald geleert hatten. Direktor Grolman, der ziemlich entfernt in der Mitte der Tafel saß und sich bemühte, mit Steinten, seinem Nachbar ein neutrales Gespräch zu führen, ließ den Schauspieler nicht aus den Augen. Zuerst, als Thiele sich hinter seinem Riesenpokal verschanzte und diese Festung noch mit einem Wall von Speisen verstärkte, in die er nun Schlag auf Schlag eine gewaltige Bresche zu legen begann, konnte Grolman sein etwas erschrecktes Staunen nicht ganz verbergen. Der Anblick dieses stämmigen Mannes, der sich der Arbeit des Essens und Trinkens mit breiten, ausladenden Gesten hingad und selbst dabei noch zu wachsen und sich aus« zudehnen schien, drängte ihm zunächst das Wort „barbarisch auf. Je länger er aber beobachtete, desto mehr verwandelte sich dieser erste Eindruck. Er fand, daß diese gewaltigen Mengen von Speise und Trank und die Form, in der sie vertilgt wurden, nicht die geringste Spur einer Absichtlichkeit in sich trugen, daß sie vielmehr genau dem Wesen des Mannes entsprachen, also durchaus natürlich waren. Unb schon sah er dieses Bild mit anderen Augen, mit den Augen des Fachmanns und Filmproduzenten. Er erkannte die suggestive Wirkung, die davon ausging und die durchweg positiv, ja, sympathisch roar, u''° beschloß innerlich, eine solche Szene in einen der drei geplanten Groß- filme mit aufzunehmen. , , , ,<„„..»1 Der Agent Henfchke aber, dem Grolmans gespannte Aufmerksamkeit nicht entging, begann auf feinem Stuhl zu fefjroi ?em»or Mnflft unb Der» lor allen Appetit, da das vollkommen beherrschte Gesicht des Direktors nichts davon verriet, was ,n ihm nnraina. Als Thiele sw dem neu; “ j in ihm vorging. Als Thiele sich jetzt noch mit gefüllten Pokal plötzlich erhob, sank das Barometer feiner Hoff» bas bisher auf „Schön" gestanden hatte, bis auf „Veränderlich Thiele, der, wenn er nicht auf der Bühne stand, im allgemeinen schwerfällig sprach und ohne rechten Zusammenhang, konnte im sriihe» Stadium ocr Trunkenheit beredt werden. Heute war es weniger der Einsluß des Weins als die innere rauschartige Hochspannung, die zu einer Entladung drängte. Doch dieser Rausch war so anders und so stark, daß er kaum die Worte sand für das, was er empfand. „Freunde...!" rief er, und [eine gepreßte Stimme übertönte Lärm und Lachen. „Wie ihr mich hier seht, stehe ich am entscheidenden Wendepunkt meines Lebens ... als Sqjaujpieler und auch als Mensch...!" Der Lärm im Saal verebbte, unb es trat eine Stille ein, in der alle Köpfe sich nach der einen Richtung drehten. „Wir haben oft hier gesessen mit heißen Köpfen und Herzen, haben gestritten und geschimpft und alle Mittel und Wege erwogen, die uns dahin bringen sollten, wo wir das, was wir wollten, auch verwirklichen l'öimten ... so daß es weithin sichtbar ... fühlbar ... und wirksam würde... Was aber war das im Grunde...? Wir sind uns nie einig darüber geworden... Der eine nannte es so, der andere so... Einig waren wir immer nur darüber, daß den Menschen heute und ihrer Gemeinschaft ... wie sie sich auch immer gebärden ... irgend etwas Wesentliches fehlte... Etwas, was sie verloren haben, und was man ihnen zurückgeben müßte, damit sie endlich wieder einen Weg und ein Ziel finden!... Was roar das nur, was roir ihnen geben wollten? ... Warum stehe Ich plötzlich hier und rede, wo ihr doch alle wißt, daß ich gar nicht reden kann ohne den Rückhalt einer schönen Rolle?... Weil ich ein Wort gesunden habe für das, was wir geben wollten und was ich heute, vor eine große Aufgabe gestellt — ganz aus meinem Gefüllt heraus geben konnte: Ein Stück Natur! Das kleine Stückchen, das roir eben find ... aber ganz und gar so, rote roir es sind! Und daß das eine Wirkung tat, daß Die Menschen das spürten und immer tiefer spüren werden, bis sie alle selbst sich wieder daraus besonnen haben, wer sie eigentlich sind — das ist es, was mich glücklich macht!" Seine Stimme war immer leiser unb taftenber geworben und die Stille ringsum immer tiefer. Auf einmal aber warf Thiele den Kops zurück, atmete fauchend ein und stieß diesen Atem wieder heraus als sein altes, dröhnendes Lachen. „Darauf wollen wir trinken!" rief er, und seine Stimme hatte den Ton einer Fanfare. Alle hoben Die Gläser. Biele standen auf, traten zu ihm und stießen mit ihm an. Der ganze Saal roar wieder erfüllt von Stimmengewirr unb Lärm, die nur noch einmal für einen kurzen Moment verstummten — in dem Moment, als Mira von Alten mit ihrer Kusine Aenne eintrat. 12. Thiele, der neben seinem Sessel am Kopfende der Tafel stand, setzte sich sofort in Bewegung und ging mit seinen langen, wiegenden Schritten auf Mira zu. Daß er Den leeren Pokal noch in Der linken Hand trug, wußte er nicht. Erst bei der Begrüßung entdeckte er ihn und stellte ihn auf die Konsole neben der Flügeltür. (Später fand er ihn wieder vor seinem Platz auf dem Tisch. Ein junger ausmerksamer Kollege hatte ihn zurückgestellt.) Mira trug nicht mehr das Abendcape, auch nicht die elfenbeinfarbene Abendtoilette, sondern ein einfach hellgrünes Seidenkleid und darüber einen langen Sportpelz, den Thiele ihr abnahm und mit Aennes schwarzem Schneidermantel auf einen freien Stuhl in der Ecke legte. Nur Elisabeth bemerkte sofort, daß beide sich umgezogen hatten. „Eben sprach ich davon, daß ich glücklich bin, und glaubte ganz fest, baß du kommen würdest. Da warst du schon unterwegs, Mira!" sagte Thiele und sah nichts von dem schnellen überlegenen Blick, mit dem sie ben ganzen Saat überflog. Er führte sie um die Tafel herum bis in bie Nähe bes Doktor Hartl, der sich erhob, Elisabeth gegenüber. Ich habe Mira gebeten ... Sie ist erst vor kurzem zurückgekom- men!" sagte Thiele unb sah Elisabeth bittenb an, wie ein ungezogenes ÄinÖgrau von Alten ...", antwortete Elisabeth leise, mit einem hoch» mütigen, verjchlosienen Gesicht. „Als roir uns vor zwei Stunben trafen, zweifelten sie noch, ob Sie den Mut finden würden ..." Es gelingt mir einfach nicht, Ludwig einen Wunsch abzuschlagen! unterbrach sie Mira mit ihrem heitersten, liebenswürdigsten Lächeln. Auch meine Kusine roar kaum zu bewegen, nochmals ins Auto zu steigen, unb machte mir unterwegs bie heftigsten Vorwürfe wegen meines Leichtsinns. Ich bitte um Ihre Nachsicht, Frau Elisabeth!" Elifabeth drehte den Kopf und begegnete jetzt erst den bittend auf fie gerichteten Augen ihres Mannes. Steht er nicht da wie ein bummer unb frecher Junge, ben man bei einer Untat ertappt hat, und der heimlich noch stolz darauf ift? dachte fie. Alles übrige liegt bei mir. Diesmal werde ich besser auf Ihn auspassen! beschloß sie, und der Hoch mut verjchwand aus ihrem Gesicht. zurück?' 13. Wärme und Zärtlichkeit. voll, durchpulst von sie mich abstößt. — Ich hasse diese Hand und von da aus den ganzen, viel zu großen, schweren und lauten Mann, der jetzt in seinem Ersolg noch viel weniger zu ertragen sein wird als früher! Warum gehe ich nicht einfach fort und komme nie wieder hierher Bon dem Wein, den Martin ihr eingeschenkt hatte, mutzte Mira wohl etwas zu rasch und zu viel getrunken haben. Denn sie phantasierte noch immer von der Hand, während diese längst vom Tisch verschwunden war. Ludwig Thiele war ausgestanden und hatte rasch, unauffällig den Saal verlassen. Als er nach ein paar Minuten wieder eintrat, hielt er ein Musikinstrument in den Händen, eine Ziehharmonika, wie die Matrosen sie lieben und abends auf ihren Schiffen oder im Hafen zu spielen pflegen. Was Ludwig aus dem Instrument herausholte, war nur eine kleine Melodie, ein Stück aus einem neuen beliebten Tanzschlager. Und diese kleine leichtsinnige Melodie — nicht viel mehr als ein paar Takte — bekam durch den besonderen Klang des Instruments etwas Rührendes, Wehmütiges, was zu ihrer Frivolität in einem packenden, erregenden Widerspruch stand. Zweimal wiederholte sie Ludwig, dann aber siegte der Rhythmus. Die begleitenden Akkorde mit ihrem betonten Takt und ihren Synkopen drängten sich immer stärker hervor, und die kleine leichtsinnige Melodie flatterte nur noch schwach darüber hin, wie ein gefangener, trauriger Vogel. Thiele wanderte langsam um den ganzen Tisch, der seiner Musik zuerst Beifall klatschte, dann aber ihrem lauten, mitreißenden Rhythmus unterlag. Paar um Paar erhob sich und begann zu tanzen, bis der ganze Saal vom Drehen, Wenden und Gleiten der Tanzenden erfüllt war. Die Tafel stand plötzlich leer. Denn wer nicht tanzte, zog sich in die Ecken zurück, wo Sessel und kleine, niedrige Tische mit Schnäpsen und Rauchzeug bereitstanden. Thiele, der sich wie ein befriedigt schmunzelnder Rattenfänger durch die tanzenden Paare schob, landete wieder an seinem früheren Platz und brach mitten in einer marschartigen Variation seines Themas ab. Er löste den Lederriemen der Harmonika von seiner Schulter und reichte das Instrument dem Bildhauer Martin hin. „Spiel du weiter, Franz!" rief er ihm zu, und von allen Seiten flogen die gleichen Ruse der Paare herüber, deren Bewegung durch das plötzliche Verstummen der Musik gelähmt war. Marttn hing sich die Harmonika um und zog neue Töne heraus. Nicht mehr fo rein und sicher wie Thiele, aber taktfest genug, um das Vergnügen der Tanzenden in Gang zu halten. Ludwig faßte feine Frau um die Schulter und zog sie mit sich fort bis an die Flügeltür im Hintergrund des Saales, die auf die Terrasse führte, jetzt aber geschlossen und verhängt war. Er schlug den Vorhang zurück und öffnete sie halb, da die Lust im Saal dicht und schwer geworden war. Die Nachtlust, die hereinwehte, war für die Jahreszeit auffallend lind und weich. Beide sahen einen Augenblick schweigend in die Nacht hinaus. „Warum hast du sie eingeladen?" fragte Elisabeth zögernd. „Mutz ich das erklären? Ich kann es nicht ... Als sie zu mir in die Garderobe kam, hatte ich das Gefühl: Auch das gehört noch dazu. Weißt du, so, als fei auch sie ein Teil meines Erfolges. Auch sie kommt jetzt zurück, um alles wieder gutzumachen, was sie mir einmal angetan hat. Mir und dir. Um mein Freund zu fein und zu bleiben. Irgendwie gehört sie ja auch zu mir. wie die andern Freunde. Kannst du das nicht verstehen, Lisa?" „Doch! — Und ich weiß, daß das wahr ist, soweit es dich betrifft. Sie aber ist ganz anders. Sie ist weder gut, noch wird sie jemals dein Freund fein. Sie hat Absichten, böse Absichten. Glaub mir das, Ludwig!" „Die fürchte ich nicht mehr." Elisabeth schüttelte zweifelnd den Kopf. „Manchmal kommst du mir vor wie ein Schlafwandler. Bisher bist du immer wieder auf die Füße gefallen. Aber es kann einmal anders kommen." „Hast du wirklich Angst um mich, Lisa — oder um dich?" fragte er nach einer Pause. „Nur um dich. Ich weiß längst, daß ich mit mir allein fertig werden muß, und bin es auch immer geworden. Jetzt habe ich ja noch einen so schönen und festen Halt." Ludwig legte den Arm enger um ihre Schulter und zog sie weiter durch die halboffene Tür bis auf die Terrasse, wo sie allein waren. Dort küßte er sie auf den Mund. „Unser kleiner Prinz!" sagte er und schob feine rechte Hand behutsam tastend über die Seide ihres Kleides. Die Hand, die jetzt auf Elisabeths Leib tag, war die gleiche, die noch vor kurzem Miras abwehrende, haßerfüllte Gedanken beschäftigt hatte. Sie war auch jetzt, trotz der Dunkelheit, in ihren Umrissen klar zu erkennen. Die Finger waren ein wenig gespreizt und nach innen gebogen, als umfaßten sie etwas Kleines, Weiches, Rundes Aber ihr Ausdruck war von einer starken, schützenden Männlichkeit. Sie hatten nichts mehr von der schweren und plumpen Leblosigkeit, wie noch vor kurzem. Ihre Ungepflegtheit erschien setzt als das, was sie in Wirklichkeit mar: einfach und selbstverständlich, und ihre helle Haut blut- Diese Veränderung ihres Ausdrucks hatte zur Folge, daß Thiele mit einem Schlag in seine frühere Laune zurücksand. „Lieber Freund!" rief er und legte dem Bildhauer Martin die Hand auf' bie Schulter. „Es wäre lieb von dir, wenn du dich einen Augenblick Mira widmen und die Vorstellung übernehmen wolltest — soweit das nötig ist." Damit fetzte er sich wieder in seinen Sessel, wahrend Martin mit Humor seinen Auftrag durchführte. Außer Professor Bernau, Ollendorf und den Intimen des Hauses wie Hartl, Doktor Kern und von Gerber, kannte niemand Frau von Alten persönlich. Aber fast alle hatten von ihr gehört und von den Ereignissen vor einem Jahr. Mira spürte, daß ihr Erscheinen hier wie eine Sensation wirkte, und hatte das auch erwartet. Gerade diese Atmosphäre, voll von lüsterner Neugier, verhaltener Ablehnung, uneingestan- öener Bewunderung, Eifersucht und Erotik war ihr eigentliches Element, spannte ihre Nerven und machte sie schlagfertig und beinahe geistreich. Sie gestand sich auch ein, daß dieser prickelnde Reiz, den sie jetzt, wie immer in solchen exponierten Situationen, direkt auf der Haut zu spüren glaubte, einer und vielleicht der wesentlichste Grund war, warum sie hierher gekommen war. Sie nahm zwischen Aenne und Martin Platz. Der Bildhauer gab sich Mühe, sie zu unterhalten, bediente sie mit Wein und bot ihr auch zu essen an. Aber nur ihre Kusine Anne, die kaum ein Wort sprach, machte davon ausgiebigen Gebrauch. Mira ließ sich Zigaretten geben und hörte mit halbem Ohr auf die waghalsigen Anekdoten des Bildhauers, der die Grenze der Nüchternheit schon überschritten hatte. Wer war doch der kleine, magere Mann neben Elisabeth, der sie mit falten, abschätzenden Blicken musterte, mit Blicken, die fast schon unhöflich waren und eine Herausforderung enthielten? Ja, das war der Arzt und Freund Ludwigs, der schon vor einem Jahr aus seiner feindseligen Haltung ihr gegenüber fein Hehl gemacht hatte. Der sich eines schönen Tages berufen gefühlt hatte, für Elisabeth einzutreten und gegen sie, Mira, einen heftigen Ausfall zu machen. Das hielt er wohl für seine Freundespflicht. Ludwig hatte stets eine Schar treu ergebener Freunde um sich. Oder vielleicht war er auch nur heimlich in Elisabeth verliebt? Man müßte ihn einmal höflich, aber birett danach fragen, wenn er wieder aggressiv werden sollte. Oder traf das nur auf den stillen, friedlichen Doktor Hartl zu, der stch, wenn auch auf andere Weise, innerlich genau so verhielt? Martin, der Bildhauer, dagegen — den man nebenbei etwas bremsen müßte in bezug auf feine Geschickten — war eigentlich immer nett zu ihr gewesen, obgleich er mit Ludwig noch enger befreundet war. Er hat mir sogar den Hof gemacht in seiner naiven Art. Er hat nie etwas Böses ober Gefährliches barin gesehen, baß Lubwig mich liebte, unb hat nie für Elisabeth Partei genommen. Ueberhaupt ist er ber sympathischste Mann hier. Wenn er nur besser angezogey. wäre unb weniger trinfen mürbe. Am besten sieht rnohl ber Filmdirektor aus. Wie hieß er gleich? Grolman ober so ähnlich. Der wäre ein Mann für mich. Sympathisch, zäh unb flug. Aber vielleicht ist bas, rote so oft, nur interessante Fassade. Elisabeth Hai stch veränbert in biesem Jahr. Sie scheint reifer unb sicherer. Mein Gott, sie tut, als wäre ich gar nicht ba. Sei nicht zu sicher, mein Kinb! Du müßtest wissen, baß gerabe bas mich reizt. Du glaubst, bah bu einmal ben Sieg über mich baoongetragen hast unb baß bas immer so bleiben wirb. Das ist erstens nicht wahr, benn ich habe mir nie bie Mühe gegeben, Ludwitz so fest an mich zu fetten, wie bu annimmst. Zweitens tonnte es jetzt ja anders tommen. Ich brauche nur zu wollen ... Will ich benn? ...Da sitzt Lubwig hinter seinem Glas. Ich fönnte seine Hanb mit bem Finger erreichen, wenn ich mich etwas vorbeuge. Er ist ftärfer geworben seit letztem Jahr. Jetzt sieht man bas erst ganz deutlich. Diese Falten im Nacken unb unter dem Kinn waren damals nicht ba. Nur seine Augen unb fein Mund finb bie gleichen geblieben, unb sie haben auch noch ben gleichen starten Reiz für mich, der mir immer rätselhaft bleiben wird. Ueberall am Tisch hatte man zu rauchen begonnen, und die Weinflaschen freisten schneller. Auch Thiele, ber selten rauchte, hatte eine schwere Zigarre zwischen den Lippen. Seine Augen funtelten manchmal zu Mira herüber, während er abwechselnd zu Doftor Hartl und zu Elisabeth sprach. Da die Luft im Saal immer heißer und rauchiger wurde, zog er den Rock aus und warf ihn über die Lehne seines Sessels. .Seine Brust und seine Schultern sind noch breiter’, spann Mira ihre Gedanken weiter, während sie sich nach allen Seiten hin freundlich und höflich zu unterhalten schien. .Immer wirkt er auf mich wie ein wildes, aber gutmütiges Tier, wenn er so dasitzt in Hemd unb Hose, Wein vor sich und irgendein unförmiges Stück Brok ober Fleisch. Jrgenb etwas sst dann an ihm, was mich abstoßt ...? Ich kann bas nicht unter- scheiben. Will es auch gar nicht. Jetzt jedenfalls nicht. — Doch es war immer so, von Anfang an. Es ist merkwürdig: manchmal, sogar in unserer besten Zeit, hat es Tage, ja ganze Wochen gegeben, in denen ich ihn nicht ertragen konnte, wo ich krank wurde, wenn ich nur seine Stimme hörte! Und am Abend lief ich trotzdem ins Theater und war hingerissen wie ein alberner Backfisch. Vielleicht dürste ich ihn immer nur auf der Bühne sehen und gar nicht persönlich kennen. Doch auch im Leben ist er wieder ganz anders als andere Schauspieler, auf die dieser Grundsatz paßt. — Warum habe ich jetzt wieder dort angefangen, roo' ich vor einem Jahr aufhörte? Dieses ganze Jahr über habe ich doch kaum mehr an ihn gedacht. Ich weiß genau, daß ich ihn nicht liebe ober nicht mehr. Er weiß das im Grunde auch. Nichts ist eindeutig und klar zwischen uns als seine hemmungslose Leidenschaft für mich. Ist es die, die mich wieder zurückgeführt hat? Da liegt seine Hand mitten in einem Weinfleck. Wie häßlich sie ist, diese Hand! Sie liegt da wie tot. Die Finger sind rund und dick, wie geschwollen. Die Nägel sind nicht richtig gepflegt, die Haut ist gelb und überall von diesen kleinen braunen Härchen besetzt, die ich hasse. Sie reizt mich in ihrer Plumpheit derart, daß ich am liebsten dieses Messer nehmen und sie mit einem Schnitt vom Arm ab trennen würde! Wie Er löste den Arm von ihrer Schulter und deutete in die Nacht hinaus, irgendwohin in die Richtung nach dem See. „Jetzt können wir es kaufen, das Haus dort drüben, das wir uns schon lange ausgesucht haben. Jetzt lassen wir es uns Herrichten, ganz wie wir wollen. Für uns und für den Prinzen. Bis er da ist, wird alles fertig fein." „Glaubst du wirklich, daß wir das alles kaufen können?" „Henschke murmelte neulich etwas von hunderttausend Dollar, die I sie mir drüben für die drei Filme zahlen wollen. Das wird doch für viel mehr reichen." (Fortsetzung folgt.) Am Zaun. "Jon Eberhard Wolfgang Möller. Ein Gespräch am Zaune halten, der die beiden Gärten trennt, wenn der Nachbar seine alten Stauden und Gestrüpp verbrennt, und so über vieles reden, wenn die Hand den Rechen dreht und der weiße Rauch der Peden hoch und dünn in Schwaden steht. Feucht schon um den Fuß im Beete ist der Dill und Majoran und vom Bahndamm kommt das stete Summen einer Eisenbahn. Ach, dann steht der Abend stille, und die Welt ist gut und weit. Im Gesträuch besingt die Grille silbern die Unendlichkeit. Fern im Himmel bleibt ein kleiner schwarzer Punkt, ein Drache, stehn, so als hätte Gott aus seiner Laube auf uns hingesehn. Oer Kirschbaum. Von Paul E r n st. Ein wilder Kirschbaum blühte am Rand eines Weges, der zwischen grünen Feldern mit handhoher Saat in den stillen braunen Wald führte. Ein junger Ritter saß auf seinem Roh und kam unter den blühenden, oon Bienen umsummten Baum, auf den vom blauen Himmel hernieder die.Sonne freundlich schien. Plötzlich war es ihm, als fühle er eine Zärtlichkeit gegen den Baum; er hielt an, umarmte den jeidenglänzen- den glatten Stamm und küßte ihn; wie er das getan, schämte er sich ieines törichten Handelns, ließ den Stamm los, ergriff wieder die Zügel and drückte leicht mit den Knien das lustige junge Pferdchen, daß es -röhlich wiehernd und mit dem Kopf nickend sich in eine rasche Gangart jetzt«. Da war es ihm, als spüre er hinter sich ein leichtes, federleichtes Wesen sitzen; er wunderte sich nicht und sah sich nicht um; zwei feine Hände in zarten, seidenweichen Handschuhen schoben sich von hinten und ichlangen sich um seinen Leib, das leichte Wesen hielt sich an ihm fest. „Wenn ich denn schon träume!" dachte er, zog den einen Handschuh leise □on dem Händchen und steckte ihn. in die Tasche. Ein silberhelles Lachen ertönte von dem Wesen hinter ihm und eine zarte helle Stimme sagte: „Nun hast du mich gefangen, und wenn ich bei dir bleiben soll, so darfst du mir den Handschuh nie wiedergeben." Hier wendete er sich um und ah ein wunderliebliches Gesicht, hell wie eine Kirschenblllte, mit blauen, liefen Augen wie der Himmel und goldenem Haar wie ein reifes Weizen- -eld. Er blickte sie erstaunt an, und das Mädchen lachte wieder mit dem Klang eines silbernen Glöckchens. Das Pferdchen hielt still, riß den Kopf ;ur Erde und kaute am Gebiß, der Jüngling starrte noch immer; da ngte das Mädchen: „Willst du nicht umwenden und zu deinem Hause hinaufreiten? Denn ich bleibe doch nun bei dir." „Ja, das will ich tun, wenn du nun bei mir bleibst", erwiderte er, wendete um und ritt , fernen Weg zurück. Wie er unter dem Kirschbaum durchkam, rief das Mädchen: .Lebe wohl, lebe wohl." „Wie, willst du gehen, ich denke, du willst bleiben?" fragte erschrocken der Jüngling; das Mädchen lachte und iprach: „Nicht von dir nahm ich Abschied." .. So brachte er das Mädchen nach Hause, und sie blieb bei ihm; sie Uihte ihn und lachte ihm zu mit heiter glücklichen Augen; und wenn sie »u ihm lachte, bann vergaß er sein Haus und die Menschen und die 5nge, und es war ihm, als liege er ruhig und ohne Gedanken unter einem schönen Baum, in dessen grünen Laube golden die Sonnen- trahlen irren. Sie stand am hohen Fenster und sah ins weite Land hinaus, und die Bienen tarnen, viele Hunderte, und umsummten sie, »e aber stand ruhig und ohne Angst inmitten des Schwarmes, und zuletzt hegte sie lachend: „Fliegt weiter zum Birnbaum, fliegt weiter, zum Schlehdorn. Verblüht ist die Kirfche, nun blüht bald der Apfesi Da zogen sich die Bienen zusammen zu einem dunklen Schwarm unö ^Nach°Wochen war es, als ob ihre weiße, durchsichtige Haut sich leise röten wollte wie eine helle Kirsche; ihre freundlichen Lippen- lächelten eütiq, und der Jüngling Tagte: „Ich denke, du mußt schone Gaben reichen jedem, der voruberkommt, Erquickung dem müden Wanderer^ id) kann mir nicht anders denken, als daß das so ist, und hast du m • »icht auch Heiterkeit gebracht, Leichtigkeit und Gute? "2chf0lllbe>d>r k d-leiben", antwortete sie, „versprich nur,, daß ou mir nicht nadtgeben rillst, wenn ich dich einmal um etwas bitte benn wennbu nur ruty gibst, fo wirb ein Unglück folgen." „Ach, du Liebe, du hast doch noch nie I -iwas von mir erbeten", sprach er, „du bist nur immer Göhlich un bist | «reundlich zu mir; wenn ich dir em kleines Geschenk mttbrmge, etnen Ring oder ein Band oder einen Gürtel oder Aehnsiches, sb fr f <$> d-amit ich mich über deine Freude freue, aber bann fegst du bas Ge^ chenk fort. Bitte boch einmal etwas von mir, bamtt ich roeifj, roas Dtr -ine wirkliche Freude machen kann, bamit ich es dir taufe ober suche. Da würbe das Mädchen ängstlich, in ihren klaren Augen stiegen Tränen auf, sie faltete flehend die Hände und sagte zu ihrem Freunde: „Siebet, ich flehe dich an, wenn ich dich einmal um etwas bitte, fo gewähre es mir nicht, denn wenn du es mir gewährst, so folgt ein Unglück." Da lachte er, küßte sie auf die Stirn und sprach: „Wie bist du doch kindisch!" Aber sie lieh nicht nach mit Flehen, bis er ihr versprach, daß er ihr niemals eine Bitte erfüllen wolle. Wie dieses nun gewesen war, da erzählte nach einigen Tagen der Jüngling, daß er ausgeritten sei und sei durch Zufall an dem Kirschbaum vorbeigekommen, bei dem er sie damals getroffen im Frühjahr, und der Baum habe voller weiß und roter Kirschen gehangen und habe feine Früchte ihm bargeboten, unb ihm sei gewesen, bah er immer habe an sie benten müssen bei bem anmutigen Baum unb ben schönen Früchten. Da faßte sie auf ihr Herz unb sagte zu ihm: „Nun ist schon Sommer unb ber Roggen beginnt zu gilben, nun war ich so lange hier in beinern Hause unb habe dir noch nicht eine Bitte gesagt. Jetzt aber bitte ich um etwas, nämlich daß du mich auf deinem Roß mitnimmst zu dem Kirschbaum, denn ich will den Kirschbaum sehen!" Da dachte er daran, daß er versprochen, ihr nie einen Wunsch zu erfüllen, aber er dachte: „Wie kann ich ihr denn abschlagen, um das sie mich bittet? So lange ist sie schon bei mir und hat mich lieb, und noch nie hat sie mir einen Wunsch gesagt; und nun will sie so Kleines." Deshalb versprach er ihr, daß er mit ihr reiten wolle am anderen Morgen, und stieg am anderen Morgen auf fein Roß und hob sie hinter sich, und sie schob ihre Hände wieder vor, eine Hand mit einem Handschuh und eine bloße Hand, faltete die Hände, und so hielt sie sich an ihm. Wie er aber ritt, da fühlte er, wie ihre Tränen ihm auf den Nacken fielen. Er fragte sie: „Weshalb weinst du?" „Ich meine, weil du mir meinen Wunsch erfüllt hast", sagte sie. Da dachte er: „Wie gut ist sie, daß sie sich bis zu Tränen freut, weil ich ihr diese Kleinigkeit gewährt habe." So tarnen sie nun unter den Kirschbaum, der feine Zweige darbot, und wie das Pferd mit ihnen unter dem Kirfchdaum war, da sagte das Mädchen: „Nun hast du mir meinen Wunsch erfüllt, und ich freue mich, daß ich wieder unter dem Kirschbaum bin. Aber nun habe ich noch einen zweiten Wunsch, und weil du so gut bist und mich so lieb hast, so bitte ich auch noch um den zweiten." „Sage mir, was du willst", antwortete er, „ich will dir erfüllen, was du wünschest." „Als du mich im Frühjahr fandest, da zogst du mir einen Handschuh aus und nahmst ihn zu dir", sagte sie, „und ich weiß, daß du ihn noch bei dir führst. So gib mir nun auch meinen Handschuh wieder." Da lachte der junge Ritter und sprach: „Wenn du doch um ein Großes bitten möchtest, denn Liebe will so gern schenken!" Und damit nahm er den Handschuh vor, unb scherzend zog er ihn ihr selber an die weihe Hand, die sie ihm unter seinem Arm hindurch nach vorn reichte. Aber wie der Handschuh über die Hand gestreift war, da horte er fte tief seufzen, und unter Weinen sprach sie: „Nun lebe wohl", und wie er sich erschrocken nach ihr umsah, da war sie verschwunden, und wie er auf seine Brust vor sich sah, über die noch eben ihre Hände geschlungen waren, da waren die Hände verschwunden, durch den Kirschbaum aber ging ein leises Schauern. Bismarck und der deutsche Wald. Von Dr G u st a v W u s s o w. Bismarck und ber Sachsenwald, die Gestalt des eisernen Kanzlers und das Rauschen der uralten Buchen und Eichen: sie gehören zusammen und sind in der Vorstellung des Volkes vom „Alten von Friedrichsruh schon fast zu einem mythischen Bild verschmolzen. Cs erscheint uns, als ob in Bismarcks enger Verbundenheit mit der Natur und in seiner Liebe zum Walde wieder das tiefe Gefühl der germanischen Vorfahren für die Heiligkeit der Baumriefen durchgebrochen ist. Er war ein Landedelmann, und deshalb fetzt es uns nicht in Erstaunen, wenn es ihn aus der Stadt immer wieder in die kraftvolle Stille des Landes drängte, wo er sich neuen Mut für die Erfüllung feines schweren Amtes holte. Hier fand er das Gegengewicht gegen den Lärm der Städte, das Ränke- spiel an den Höfen und die unaufhörlichen politischen Kämpfe und Reibereien mit Parlament und Ministerien. Bekanntlich war Bismarck ein überaus empfindsamer und häufig auch reizbarer Mensch, aber er besaß auch die Gabe, sich durch die Berührung mit der Natur verhältnismäßig schnell neue Spannkraft zu verschaffen und die großen und kleinen Sorgen des Alltags vor der Feiertagsstimmung von Himmel und (Erbe von sich abzuftreifen. Vor allem aber zog es ihn mit zauberhafter Gewalt immer wieder in den Wald, zu den alten Bäumen von Schönhausen, Varzin und Friedrichsruh, von denen er gesagt hat: „Ich liebe sie so das sind die Ahnen/' Durch seine Briefe, feine Gespräche unb Reden zieht sich die Sehnsucht nach der kühlen Stille des Waldes wie ein unbeirrbares Leitmotiv, und es ist bezeichnend, wenn er einmal SU seinem Mitarbeiter Busch in Friedrichsruh sagte: „Am wohlsten ist mir zumute, wo man nur den Specht hört." Tiedemann gegenüber äußerte er einmal, er habe eigentlich feinen Berus verfehlt: er HAK Förster werden müssen, dann hätte er es vielleicht sogar zum „Oberlandforstmeister" gebracht. Es war gewiß kein Zufall, daß der junge Bismarck, obwohl er be- kanntlich ein unermüdlicher und tollkühner Reiter war, dennoch nicht zur Kavallerie ging, sondern fein Jahr bei der Jägertruppe abbiente, werft im Gardejägerbataillon in Potsdam und bann bei den Greifswalder Jägern. Während des Jahrzehnts in Kniephof lebte er ganz feinen Pflanzungen und Parkanlagen, den weißen Brücken und Bänken feines Gartens," Auch später, als die Politik feine Kräfte schon ganz in Anspruch nahm, blieb ihm die Entwicklung seiner Baumpflanzungen immer besonders wichtig, und mit liebevollem Blick umfing er während seiner kurz bemessenen Urlaubstage die aufsprießende Pracht der Schonungen, die er selber geschaffen hatte Deshalb nahm er am 26. Juni 1871 die fürstliche Domäne des Sachsenwaldes als Geschenk für das große Werk der Reichsgründung aus den fänden seines Königs mit Freuden ein, denn nun konnte er in den ausgedehnten Laubwaldforsten seiner neuen Besitzung, zu denen er einige Jahre später das am Rande des Waldes gelegene Schloß Friedrichsruh hinzuerwarb, in der freien Zeit, die ihm fein verantwortungsvoller Dienst an Volk und Staat ließ, seiner Neigung für Wald und Wild leben. Zwar hat Bismarck, der in seinen jungen Jahren ein eifriger Jager gewesen war, im Sachsenwald selber nicht mehr gejagt, aber er ist nie müde geworden, das weite Revier zu Fuß, zu Pferd und mit dem Wagen zu durchstreifen und an allem, was in seinem Wald vorging, regsten Anteil zu nehmen. In seinen letzten acht Lebensjahren wohnte er bekanntlich ständig in Friedrichsruh in unmittelbarer Nähe seiner geliebten Bäume, deren Kronen sich bis über sein Haus neigten. Täglich machte der Kanzler, nachdem die Last der Staatsführung nicht mehr auf seinen Schultern lag, seine Wanderungen durch den Wald, meist von seinen großen Doggen begleitet. Oft traf man ihn weit draußen an den entlegensten Stellen. Für die wirtschaftliche Durchforstung des Gebietes hatte er ein besonderes Augenmerk. Bereits 1877 hatte, er sich den Dberförfter Lange aus der Oberförsterei Zehdenick in der Mark Brandenburg herbeigerusen, der in unmittelbarer Nähe des Schlosses wohnte und bei dem Fürsten eine Vertrauensstellung einnahm. Er hat seinem Guts- und Jagdherrn zwanzig Jahre lang treu gedient und seinen Sachsenwald umsichtig gehegt und gepflegt. Bismarck ließ es sich aber nicht nehmen, überall in feinen Forsten selber nach dem Rechten zu sehen; bei jedem Waldfeuer war er einer der ersten an der Brandstätte, und mit den Waldarbeitern hat er manches offene Gespräch geführt. Der Wald aber war für ihn mehr als ein nützlicher Baumbestand, als ein ergiebiges Jagdrevier oder eine angenehme Quelle der Erholung; er war für ihn ein heiliges Zeichen der Natur und zugleich ein Symbol des menschlichen Lebens. Bezeichnend für feine Auffassung ist ein Vergleich in einem Bries an seine Frau: „lieber die Kinder, äußere und innere, wie über die kleinen Bäume im Walde geht der Sturm hinweg, der in den Kronen der alten braust und sie beugt und bricht; wenn sie größer werden, wachsen sie in die Sturmschichten hinein, und ihre Wurzeln müssen kräftiger werden, wenn sie nicht untergehen sollen." In diesen Worten spürt man ein tiefes Gefühl der Schicksalsverbundenheit mit den Riesen des Waldes, eine Empfindung, die in ihm noch stärker geworden fein mag, als das Zerwürfnis mit dem jungen Kaiser ihn aus seinem Amt trieb und als er, der grollende Alte vom Sachsenwald, einsame Zwiesprache mit seinen Bäumen hielt. Am hellsten leuchtet Bismarcks Verhältnis zum deutschen Wald aus einer Antwort hervor, die er einer Abordnung bergischer Frauen gab, die wie so viele andere Deutsche zu der geweihten Stätte von Friedrichsruh gepilgert waren: ,Lch bin hier im Walde lange nicht so einsam, wie oft in den vorhergehenden dreißig Jahren. Man ist immer am einsamsten in. großen Städten, am Hose, im Parlament, unter seinen Kollegen; dort fühlt man sich mitunter wie unter Larven die einzig fühlende Brust. Aber im Walde fühle ich mich niemals vereinsamt. Das muß in der Natur des Waldes begründet fein. Ich weiß nicht, ob Sie in Ihrem Leben so viele Förster kennengelernt haben wie ich; jedenfalls habe ich vorwiegend zufriedene Förster gekannt. Die Waldeinsamkeit muß für uns Deutsche etwas Befriedigendes haben." Es liegt ein tiefer Sinn darin, daß der größte Staatsmann des Deutschen Reiches, der getreue Eckehard seiner Nation, nicht in der Fürstengruft des neuen Berliner Domes beigesetzt worden ist, wie es nach einem kaiserlichen Wunsch geschehen sollte, sondern daß er seine letzte Ruhestätte unter den Bäumen des Sachsenwaldes sand, unter denen er im Leben so viele Male, in tiefe Gedanken versunken, gewandelt ist. Nur im deutschen Wald durste Bismarck begraben fein, in der Stille, die er selber so oft gepriesen hat und die er sich auch für feinen Tod ersehnt hat. Die gewaltigen Eichen und Buchen bewachen den Schlaf des großen Kanzlers. Auf den Spuren alter Städteherrlichkeit. Don Dr. Wilhelm Gemperle. Noch heute gibt es in Deutschland schöne alte Städte, in denen die Zeit den Atem angehalten zu haben scheint. Dort begegnen wir auf Schritt und Tritt den Zeichen eines behaglicher als jonft in der Welt dahinfließenden Lebens, und doch liegt auf diesen Staaten kein Mu- feumsftaub. Von den uns erhaltenen Kostbarkeiten des deutschen Städtebaus in den vergangenen Jahrhunderten wie Rothenburg ob der Tauber, Dinkelsbühl, Lüneburg oder Stralsund geht ein verlockender Reiz unverwüstlicher Daseinsfreude und starken Lebenswillens aus, der als gesunde beharrende Kraft auch in der gegenwärtigen Kultur noch feine wärmenden Strahlen aussendet. In den großen Städten finden wir die Spuren solcher alten Stüdteherrlichkeit nur noch gana feiten und niemals mehr als geschlossene Einheit, sondern als einen halb vergessenen Winkel inmitten der Unrast der glänzenden und lärmenden Straßen und. Häusermassen. Hier müssen wir uns schon die Mühe machen, in vergilbten Stadtchroniken zu blättern oder einen alten Stich in die Hand zu nehmen. Diese Dokumente sind in Deutschland noch in Hülle und Fälle vorhanden, und wir sind erstaunt über die Tatsache, daß der Blick der Bürger auch vor Jahrhunderten weit über die Mauern der eigenen Stadt hinausging. Es hat schon damals Vorläufer des Baedecker gegeben, die den Reiselustigen mit den Schönheiten der deutschen Heimat bekannt machten und ihm halsen, den Weg zu den Sehenswürdigkeiten der deutschen Städte zu finden. Das berühmteste Werk dieser Art ist wohl die „Topographia Germaniae" des großen Kupferstechers Matthäus Merian, der im 17.Jahrhundert vor allem in Frankfurt wirkte. Diese Arbeit, die von seinen Erben sortgeführt wurde, umfaßt vierzehn Bände in Großsolioformat mit 31 Teilen, 2142 Einzelansichten und 92 Karten; sie ist eines der aufschlußreichsten Kulturdenk- möler der deutschen Geschichte Im allgemeinen und über die Jugendzeit der deutschen Städte im besonderen. In der Vorrede aus dem Jahn 1652, die auch der bei Wilhelm Langewiesche-Brandt unter dem Tiiel „Merians anmüthige Städte-Chronik" erschienenen Sammlung voran gestellt ist, heißt es in der bedächtigen Weise dieser Zeit: „Aber nachdem unsere Vorjahren ihre kriegerische und wilde Art nach und nach hinweg gelegt, sich angefangen höflicher Sitten zu gebrauchen, etwas in Künste« und Sprachen zu lernen und zur Vermeidung des Müßiggangs da; Erdreich zu pflanzen und zu bauen, da hat Teutschland, sonderlich al; dje wahre Christliche Religion in demselben herfür zu leuchten beguntt und die höchste Würde des Römischen Reiches an dasselbe gelangte, herrlich zu grünen und von Tag zu Tag an Macht, Gewalt, Schönheit und aller Dingen Uebersluß zuzunehmen angefangen. Also daß hernach gleich wie in der gautzen Welt nichts Herrlicheres als Europa, auch k Europa nichts Edlers und welches in allen Dingen so vollkommen wär; als Teutschland, zu finden gewesen." Welche beschauliche Liebe für die deutsche Heimat lebt in diese« Schilderungen, die uns oft fo merkwürdig und spielerisch erscheinen, weil wir einseitig auf systematisch-gründliche Reisebeschreibungen eilt gestellt sind, bei denen das Seltsam-Possierliche und Chronikhafte zu kur, kommen muß, weil es nach der Rangordnung der „ernsten Werte" tat sächlich keinen Platz in der ersten oder zweiten Reihe beanspruchen kann „Leser sey indächtigl": das ist die rechte Forderung an denjenigen, bet diese Blätter in Ruhe betrachten will. Welche Erinnerungen werden hiet an die Vergangenheit unserer Großstädte wach. Bei Frankfurt a.’M. lesen wir: „Zu den ansehenlichen und in gantz Teutschland vornehmster Jahr-Messen ober Märckten kommen jährlich im Frühjahr und Herbfl fast aus allen Christlichen Ländern in Europa Keufleuthe, und handeln dahin mit allerhand Maaren, die man nur begehrt, fjergegen wird aber auch viel Gold und Silber aus dem Lande in die Frembde geführt darüber schon vor längsten geklaget worden. Es ist aber insonderheil der Buchhandel zu loben, der zu solcher Zeit in der Buchgassen allhi« getrieben und dadurch mehrers Geld ins Reich als darauß gebracht rotrb, andern Nutzens, so man darvon hat, zu geschweigen." H a m b u r g wirb beschrieben als „eine schöne und ansehnlich Stadt, die jetzt in die alte uni Neue getheilet wird, darzwischen inwendig ein Wall ist, beide aber rooi befestiget seyn und wegen der hohen Thürnen fast nur eine Stadt zu seyn scheinen". Weiter heißt es über die Börse und den blühenden Han del: „Wer umb den Mittag ober auff den Abend in die Burs ober Börß (ein zierlich Gebäu, so theils bedeckt, theils offene Spatzier-Platz hat) gehet, der wird sagen, daß täglich mehr als ein Leipziger Meß ba jene und daß kein dergleichen Zusammenkunft der Kaufleute geschehe, da nicht etlich Tonnen Goldes Werth Maaren kaufst, verkaufst und vertauscht werden. Wie man denn von zwölss Haupt-Schreibstutzen gesagt hat, in welchen allezeit zur Noitursft Gold und Silber vorhanden gewesen, und sonders Zweifsels noch einen Sauffmann, der etroan zu einem wichtigen Handels Gells bedörstig, damit zu heissen. So ist auch, auf dem Rathhause ein öffentlicher Geltkasten, so sie nach Art der Amsterdamer, Venediger und anderer den Bancum oder Banco nennen, in welchem zu allen Zeiten auff gewisse Versicherung man den Wenigen, denen man trauen barff, große Summen (Belts fürftrecten ihuet. Und solche Ersinbung ist ber Statt, bem gemeinen Mann unb ber Gewerkschaft sehr ersprießlich. Unb tan einer, ber gern sein Gelt in Sicherheil unb Verwahrung hätte, es bahin bringen ober legen..." Von Köln schreibt Merian: „Man hält Cölln vor die größte Stadl in gantz Teutschlanb so wol biß- als jenseits bes Rheins. Hai keine Vor- ftäbte, ligt wie ein Bogen nach ber Länge am Rhein, über welchen Kaiser Constantinus ba eine Brücken geschlagen, bie aber Kaiser Ott« ber Große roieber hinweg geihan hat. Anno 1180 ist bie Stabt erweitert worden, hat jetzt 82 ober 83 Thürn zur Beschützung herum, item einem hoppelten Graben unb starcke hohe Mauren mit bebeetten Gängen, innerhalb berfelben auch hin unb roieber Weingärten, Apsfel und andere fruchtbare Bäume, schöne Spatziergäng und Lustbarkeiten; unb 34 Thor- Ist sonsten auch rool erbauet unb stehen sonberlich um bas Ratharch auf bem Marcki ansehnliche Häuser, ingleichem auch auf bem Heumarckl- Die Gassen seyn schon roeyt unb mit breiten Steinen gepflastert." Von Leipzig wirb gerühmt: „Die Häuser unb (Bebäue ber Stabt seyn groß, geraum, ordentlich, stattlich und roolgebauet, auch ein groß; Theil steinern und gemeiniglich drey Gemächer hoch und mit Ziegeln: gedeckt; inwendig aber in den Stuben und Zimmern sauber, zierlich und- ansehnlich, unb mit Zinn, Teppichen unb schönen kostbahrem Taffelwenk' sorool auch anberm Zierath mehr geschmücket unb geputzt. Die Straßen unb Gassen sink) lang, eben, reinlich, mit Steinen gepflastert unb abgängig, bavon bas Wasser allzeit seinen Abschuß haben mag.“ Von München heißt es, „ber Lusst seye allba gar gesunb." — „Unter benen Sachen, so weiters vornehmlich zu sehen, leuchtet hersur die Hauptkirchen zu unser Frauen, welches ein schönes großes Gebäu mit einer schönen Cantzel unb zwei hohen gleichen Thürnen gezieret ist beren jeder 333 Werckschuh hoch ist, darinnen seine Glocken, auch in her Kirche sehr schöne Altar und eine schöne Orgel so sehr große Buchsbäume geträhete Pfeissen hat. Ist erstlich eine Capell gewesen, hernach Anno 1271 von S. Peters Pfarrkirch abgesondert, und felbften zu einer Pforr gemacht, folgend; solche alte Capell abgebrochen unb Anno 1681 biese herrliche schöne Kirchen, wie sie jetzo zu sehen, zu erbauen aw gesangen." Welche Freube am Verweilen bei ben kleinen Eigentümlichkeiten einer Stabt spricht aus biesen Chroniken, bie nur ein Mensch geschrieben haben kann, ber bie Welt noch mit einem unoerbilbeten Gemüt betrachtet unb bem es nicht barauf ankommt, ben Schönheiten abseits bes großen Weges ebenso viel liebevolle Aufmerksamkeit zuzuroenben wie ben weltberühmten Sehenswürbigkeiten. Wie ein Stoßseufzer, hinter bem bas ganze Lebensgefühl bieser Zeit steht, klingt ber Satz inmitten einer bieser Stadtschilberungen: „Würbe aber allhie zu lang, wenn man alles beschreiben wollte". Vera»(wörtlich; vr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl^che Untverfitäts'Duch« und Sleinbiudetet, R. Lange. Gießen.