MtzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1955 Montag, den 16. Dezember Nummer 98 aber wir beide wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben, verstehst du? Er erwachte mit einem Ruck, und es war strahlend hell in der Stube. Die blanke Wintersonne schien ihm gerade ins Gesicht. Er schämte sich vor der Magd, die jetzt an einem der beiden Fenster vor dem Schanktisch sah und ihn wohl betrachtet hatte und nun so tat, als müsse sie die Maschen zählen, die sie ans ihren Stricknadeln hatte. Draußen fröstelte ihn in der kühlen Morgenlust, aber die Bewegung tat ihm wohl. , , „ s , Erst beim Wegweiser überlegte er, wohin er nun gehen solle, uno als ihn drüber wieder die ganze Schwere der Dinge überfiel, die ihn von Haus getrieben hatte, war ein Verwundern in ihm, daß diesmal nicht das Erschrecken damit verbunden war wie sonst immer, wenn er morgens aus dem Schlafe gekommen und die Erinnerung ihm wie ein Messer durchs Herz gefahren war. Alles schien ihm mit einem Male weit weniger schlimm. Zum Teufel auch, hatte er den Mord begangen oder Krick? Brauchte er da wie ein Verbrecher herumzulausen, der keine Ruhe fand, wohin er auch immer ging? Warum war er überhaupt gestern über Land gegangen? Er war wohl ein wenig kopflos gewesen? Ja weiß Gott, das mußte er wohl gewesen sein. Alles war doch ganz einfach, und er hatte gar keinen Grund, Krick etwa aus dem Wege zu gehen. Er sollte nur kommen^ Nichts konnte ihm lieber sein, als die Geschichte mit ihm ins Reine zu bringen. Brauchte er nicht bloß zu sagen: So und so, und nimm gefälligst den Hof für dein Geld? Denn der Hof ist dem Eigentum nicht wahr, nicht das meine etwa. Was mich betrifft, so ziehe ich mit Lena und dem Jungen einfach wieder in bi« Stadt, woher ich ge= kommen bin. Ja, wenn du willst, kannst du alles, was ich habe, noch dazu nehmen. Du tust mir sogar einen Gefallen damit. Denn was geht es mich an, woher du das Geld damals genommen halt. Da sieh gefälligst selber zu! Ich habe es damals nicht gewußt und will auch setzt nick^ davon wissen, verstehst du? Also nimm alles, was du willst: das Hau- und das Pferd und die beiden Aecker hinter dem Hause und das Stück Heideland, das ich über Herbst zur Hälfte urbar gemacht habe, und wenn du meinst, daß es nicht langt, nimmt von meinem Hausrat dazu, was du willst ... Konnte Krick da noch etwas wollen, rote? Da hatte er sich nun wochenlang den Kopf zermartert und war die vorige Nacht wie ein Irrsinniger herumgelaufen — unb nun war mit einem Male alles so einfach, daß es ein. Kind begreifen konnte. Deubel machen könne ... Als der Wirt hinter dem Schanktisch fertig war und hinausging, kam eine solche Müdigkeit über Lars, daß ihm der Kopf auf die Brust sank. Im Traum sah er sich auf feinem Heidestück stehen. Es ronr ein warmer Tag, die Sonne schien ihm heiß ins Gesicht und die Hände brannten ihm von der Arbeit. Er hatte sich auf einen alten Kiefern- ftubben gesetzt, um sich auszuruhen und aus Lena zu warten, die ihm Nachmittags immer sein Vesperbrot herausbrachte. Jawahl, da kam sie ja auch schon vom Hause her, aber sie hatte keinen Korb in der Hand. Statt dessen lies Jan neben ihr her, und er winkte ihnen von weitem: „Na nun guckt euch mal an, was ich heute nachmittag schon alles geschasst habe!" Aber als Lena näherkam, sah sie ihn gar nicht an und sagte zu dem Jungen: „Guck nicht hin, Jan, da sitzt Lars Hullmann, ■ ' " llen nichts mehr mit ihm zu tun haben, verstehst du?" Lars der Gerechte Roman von Wilhelm Scharrelmann 6. Fortsetzung. Ob er vielleicht handeln wolle?, fragte der Wirt. Drei Häuser weiter bei Behrmanns stände eine Kuh ... Ja, er wolle sie sich gern einmal ansehen, nickte Lars. Wenn man nicht zu viel dafür verlange? Die Preise wären ja verdammt niedrig heute. Man müsse beinahe noch Geld zugeben, wenn man etwas wieder los sein wolle ... Eine Fliege kroch über den Tisch und nippte an dem Brantweinring, der beim Aufheben des Glases auf der Tischplatte entstanden war. Lars hätte gern etwas gefrühstückt. Die Kälte draußen und der Weg hatten ihn hungrig gemacht. Aber er wollte kein Geld dafür ausgeben unb verkniff es sich lieber. Nanu? Die Fliege war wohl betrunken? Sie stand auf dem Kopf und brummte wie ein Kreisel über die Tischplatte. Ja, es sei überhaupt ein Elend mit der Zeit, meinte der Wirt. Ob er schon gehört habe, daß ein Anbauer in Silkendorf gestern sein Haus angesteckt habe, weil man ihm für feine Steuerschulden Zwangsversteigerung angedroht habe? Zwei Häuser auf der Nachbarschaft seien mit draufgegangen Nein, Lars wußte es nicht. Aber verstehen könne er es schon. Es gäbe manche Dinge heute, bei denen man die Wut kriegen und dann so etwas noch mal, daß er sich so hatte ins Bockshorn jagen lassen. Warum war er nur nicht gleich auf den Gedanken gekommen? Mochte es zehnmal saurer [ein, so mit einem Ruck davongehen zu müssen und alles hinter sich zu lassen — Freude konnte er nun ja doch an keinem Tage mehr an seinem Hofe haben. Ja, es war eine Befreiung, und er würde zum erstenmal wieder froh sein, und jedem wieder ins Gesicht blicken können, Gott sei Dank! Er wußte die Zeit nicht mehr, daß ihm so leicht gewesen war, wie an diesem Morgen. Nun wollte er nach Hause, sofort und auf dem kürzesten Wege. Eine fieberhafte Ungeduld überkam ihn, als er veranschlagte, wieviel Stunden er noch vor sich habe, so weit, wie er vorige Nacht gelaufen war. Alle Müdigkeit war wie weggewifcht, und selbst die Natur schien an feiner Freude teilzunehmen: der Reis, der in der Nacht gefallen war, schimmerte im Glanz der Morgensonne wie blitzendes Silber, die Birken standen wie verzaubert in der unbewegten Lust, und die Felder schimmerten wie gebleichtes Leinen. O, es war herrlich, daß er nun doch noch einen Weg gefunden hatte, aus dem Furchtbaren wieder herauszukommen, das mit so entsetzlichem Druck auf ihm gelegen hatte. Er war so froh, daß er leise vor sich hin zu pfeifen begann. Ganz leicht würde es ja trotzdem nicht werden, so wie er an dem Stück Erde hing, das er als das feine betrachtet hatte. Es würde damit gehen, wie mit den Kiefern, die selbst, wenn der Sturm sie niederwarf, die Erde nicht lassen wollten, in die sie ihre Wurzeln gesenkt hatten, und sie in einem gewaltigen Klumpen mit sich heraushoben. Dazu kam, daß er erst in dem kommenden Sommer eine richtige Ernte gehabt hätte. Krick verstand ja nichts von solchen Dingen und würde nie wissen, welche Arbeit er sich darum hatte machen müssen. Aber das sollte ihm gleich bleiben. Mochte er sich nachts in seinem Wandbett strecken und sich an dem gütlich tun, woran er keine Arbeit gewendet hatte, was ginge es ihn an? Auch Lena würde nach dem ersten Schreck sicher froh fein, wenn er mit ihr nun wieder-" in die Stadt zurückkehrte. Hatte sie nicht immer gemurrt, daß er sie hierher auf Land geschleppt hatte, wo es zehnmal soviel Arbeit für sie gab, als früher in der Stadt? Da würde sie gewiß den Kopf nicht lange hängen lassen, wenn er nun heimkam und sagte: So, jetzt habe ich die Geschichte klar, Lena. Unsere Zeit ist herum, siehst du. und der Hof gehört Krick, wenn man die Dinge bei Licht besieht. Ich habe es ja selber nicht gleich begriffen, und wenn ich dir nicht sofort klaren Wein eingeschenkt habe, so muht du das verstehen ... Wegen des Umzuges brauchst du dich am allerwenigsten zu sorgen. Krick wird uns das Pferd wohl dafür leihen, so daß wir uns nicht selber wieder vor den Karren zu spannen brauchen wie damals, als wir hierher zogen, nicht wahr? Denn die Wahrheit zu sagen, Lena, es nxir ja kein Leben mehr, was wir hier geführt haben in der letzten Zeit... Es ging schon auf den Abend, als er den Weg endlich hinter sich hatte, jo kurz wie die Tage schon waren, und als er Heidmanns Kamp überquert hatte und nun auf feinem eigenen stand, fah er in feinem Haufe schon Licht brennen. Leise ging er näher und spähte im Borübergehen durch die Fenster auf die Diele. Zum Teufel, hatte er es sich nicht gedacht? Da saß Krick ,a schon, und genau an demselben Fleck, wie damals, hatte die Hände in die Taschen geschoben und streckte die Beine von sich, ganz so, wie er das vorige Mal dageiessen hatte, die slache Mütze in die Stirn gezogen und das Kinn auf die Brust gesenkt. Regungslos blieb Lars stehen und betrachtete ihn. Ja? pünktlich war er, das mußte man sagen, pünktlich wie ein Gerichtsvollzieher. Wo mochte denn bloß Lena stecken? Vielleicht, daß sie das Haus verlassen hatte, um nicht mit Krick allein zu sein und erst abwarten wollte, daß er zurückkam? Oder sie war ihm entgegengegangen und hatte ihn verfehlt, weil er den Weg hinter den Tannen herumgekommen war? Ach, nein, da kam sie ja aus der Stube, den kleinen Jan an der Hand. Daß sich der Bursche immer noch führen lassen muhte! Aber etwas mehr Courage schien er ja diesmal zu haben, und auch Lena schien nicht so bedrückt zu sein, wie er angenommen hatte. Wenigstens hantierte sie am Herde, als müsse das so sein, so nahe sie auch an Krick herantreten mußte, der sich feinen Platz am Feuer dadurch nicht einengen ließ und seine Beine noch immer so lang in die Gegend streckte wie vorher. Ja, lächelte Lena nicht, nun Krick sich mit dem Kleinen unterhielt und ihn nun sogar aufs Knie hob und darauf reiten ließ: Hopp, hopp, hopp, ’n Beffensteel, ’n Beffensteel, bat is nich peel, Giss mi ’n Hoges Peerd, ’n Peerd mit n langem Steert! Nein, Lars brauchte keine Sorge zu haben, niemand von den dreien würde ihn hier draußen bemerken, wenn er auch so nahe ans Fenster Sekreten war, daß er Krick drinnen so deutlich singen hören konnte und de Silbe verstand. Nun sie da im Hause bereits Licht brannten, hätten sie schon die Hände an die Augen und die Gesichter dicht an die Scheiben bringen müssen... . _ Lena machte wohl schon das Abendbrot zurecht, rote? und sie wollte sich wohl nicht lumpen lassen, daß sie sogar ein paar Eier dazu tn die Psanne schlug, wenn die Eier auch um diese Zeit rar waren, und sie sonst jedes für den Verkauf zurückhielt? Sieh doch, wie Krick Lena bei jeder Bewegung, die sie machte, mit den Augen nachging, nun er den Kleinen wieder von den Knien los war. Er ließ ja einfach keinen Blick von ihr... Er konnte sich wohl nicht beklagen, wie Lena ihn behandelte, wie? Nun, sie hatte ja keine Ahnung, das war es. Da zündete sie sogar die Hängelampe über dem Tisch im Unterschlag an. Die Stallaterne, bei der sie sonst miteinander aßen, um an Petroleum zu sparen, war ihr heute wohl nicht gut genug, wie? Und jetzt legte sie sogar ein Tischlaken auf? Ja, zum Satan, so einem rote Krick konnte man es nicht angenehm genug im Hause machen! Wahrhaftig, da setzten sie sich drinnen in aller Seelenruhe zu Tisch. Sie erwarteten wohl nicht, daß er heute abend noch wieder zurückkehren werde, wie? Hahaha! . Krick saß so, daß ihm der volle Schein der Lampe ms Gesicht fiel, hatte die Mutze abgenommen und kaute mit vollen Backen. Natürlich hatte Lena für jeden einen Teller aufgesetzt. Sonst aßen sie immer aus der Pfanne, und Teller gab es nur an hohen Festtagen einmal... Nein, was fiel Krick denn nun bloß ein? Das war doch eine Flasche mit Schnaps, die er da herauszog und mit einem Schwung auf den Tisch haute, daß die Teller klirrten? Lena schüttelte den Kopf dazu, oh, er sah jede Bewegung, die sie machte, aber sie stand doch auf und holte das kleine Spitzglas aus dem Schrank... Aber Krick war mit einem Olafe nicht zufrieden und gab nicht eher Ruhe, bis Lena auch eins für sich mit auf den Tisch stellte und mit ihm anstteh, und dann, während Krick das feine in einem Zuge hinunterkippte, sich an dem ihren verschluckte und den Husten darüber bekam, daß sie kaum wieder zu Atem kommen konnte. Lars mußte eine Weile wegblicken, ehe er sich entschloß, endlich zu ihnen hineinzugehen, so fremd wie ihm Lena und der Kleine mit einem Male erschienen... Ein hübsches Fest, das sie da mit Krick begingen! — Nein, er wollte nicht ungerecht sein: Lena hatte wohl nur Furcht vor Krick, und da war es zu begreifen, wenn sie für feine Frechheiten noch ein Lächeln hatte, und ihr war kein Vorwurf zu machen, daß sie dem Schurken da drinnen soviel Ehre antat... Vielleicht sollte Krick auch nur nicht merken, daß sie sich irgendeine Sorge machte, weder um Lars noch um das Geld, das Krick zu bekommen hatte. Worüber er sich jetzt da drinnen mit ihr wohl unterhielt? Ob er noch ein wenig näher ans Fenster ging? „Na, Lena, komm, auf einem Bein kann man nicht stehen, lachte Krick drinnen. „Nein, keinen Tropfen mehr, Krick! Genug ist genug!" „Na, denn der Kleine, komm her, Jan." „Aber Krick — was fällt dir denn ein? Das fehlte auch noch! Branntwein ist Gift für ein Kind!" „So einer ist doch neugierig, Lena! Tu ihm ein Stück Zucker hinein. Du sollst mal sehen, wie ihm das auf die Beine hilft! Und schlafen tut er danach wie ein Ratz! Nun du ihn doch nachts bei dir im Bett hast — wie?" Nein, verflucht, es war genug mit dem Gefasel da drinnen! Leise tappte Lars ums Haus... Richttg, er hatte es sich doch gedacht? Die Tür zum Psevdesiall, durch die er gestern den Dünger hinausgekarrt hatte, war nicht wieder verriegelt. Lena hatte wohl kein Auge darauf gehabt. Er drückte die Tür nach innen und trat in den Stall, Hopla hob verwundert den Kopf und fchnob durch die Nüstern, erkannte ihn aber sofort und reckte den Hals nach ihm, um sich die Kehle kraulen zu lassen, die liebste Liebkosung, die es für ihn gab. Zum Teufel, hatte Lena noch nicht daran gedacht, ihn für die Nacht zu versorgen! Nicht eine Handvoll Heu hatte das Tier in der Raufe! Vorsichtig spähte Lars über die Krippe hinweg zu den dreien hinüber. „Ich weih es nicht, Krick", antwortete Lena. „Er wird wohl in die Stadt gegangen sein, ich sagte es dir doch schon! Vielleicht, daß er sich noch Geld leihen will. Die Kuh und das Schwein hat er ja schon für dich verkauft, so sauer wie es ihm auch geworden ist. Aber die Preise sind heute niedrig, siehst du, und er hat nicht mal die Hälfte von dem wiedergekriegt, was er selber dafür bezahlt hat. Natürlich war es unsinnig, das wissen wir auch, aber nun wollte er dir doch gern alles zurückgeben^ was du ihm geliehen hast, und da hat es nun doch wohl nicht ganz gelangt, siehst bu. „Wie?" schrie Krick und bog sich vor Lachen. ,Hahaha! Nicht ganz gelangt? Was ihr hier draußen für Spaßmacher geworden seid, Lars und du." „Was ist denn dabei zu lachen?" fragte Sena. „Es ist heute für niemand leicht, Schulden zu bezahlen, das kannst du mir glauben." Nein, Krick konnte sich gar nicht wieder beruhigen, so lachte er. „Eine Kuh und ein Schwein! Hahahahaha! Glaubst du wirklich, daß ich deswegen aus Amerika wieder herübergekommen bin, wie? Hahaha!" „Wieviel hast du denn von Lars zu kriegen?" fragte Lena, und Lars hörte das heimliche Beben in ihrer Stimme wohl, nun sie Krick fo fragte. „Nein, steh an, haft du vielleicht das Geld hier im Haufe in Verwahrung?" antwortete Krick und prustete von neuem vor Lachen. „(Eine Kuh und ein Schwein! Hahahahaha! Lars wollte wohl nicht damit heraus, wieviel er mir schuldig ist, wie? Na, laß nur, Lena Ich werde mit ihm schon einig werden, siehst du, und ihm auch den Kops nicht abreißen. Aber er soll nicht wieder so tun, als wüßte er von nichts und andere Flett. (Fortsetzung folgt.) Leute könnten gefälligst allein ausbaden, wovon er den Vorteil gehabt hat! Und einen noch dazu wie einen Hund bei Nacht und Nebel aus dem Hause zu jagen! Oder war es zuviel verlangt, als ich ihm vorschlug, daß ich hierbleiben wolle und ihr mich für das, was er mir schuldig ist, eine Weil« ins Futter nehmen solltet. Aber so ist das nun. Da hot man sich um eurethalben früher die Hacken abgelaufen, und nun man wieder» kommt, ist nie was gewesen. Deubel noch mal!" „Aber Krick", antwortete Lena verstört, „von alledem weiß ich nichts, nicht ein Wort." „Wäre es nicht ganz schön gewesen, wenn wir hier zu dreien beieinander gesessen hätten, wie?" Er stieß Lena verttaulich mit dem Ellenbogen in die Seite und blinzelte sie aus zusammengekniffenen Augen an. „Ich weiß nicht", wich Lena ihm aus. „Ihr hättet euch auf die Dauer doch wohl nicht vertragen, Lars und du." „Ach, tu nicht fo, altes Mutterfchaf!" unterbrach Krick sie und fetzte das Glas, das er von neuem geleert hatte, fo hart nieder, daß der Fuß daran zersprang. „Als wenn es dabei auf Lars angekommen wäre! Oder haft du vergessen, was mal zwischen uns beiden war, he? Denn was mich betrifft, fo weiß ich noch ganz gut, daß mal eine Zeit war, in der du nicht ganz so zugeknöpft gegen mich warst, wie heut«. Bis — ja, bis Lars kam und dich mir wegnahm." „Nein, was sind das für Redenl" antwortete Lena und stand auf. „Denn du vergißt wohl, daß ich dich niemals genommen hätte, wie? Oder habe ich dir jemals Aussichten gemacht? Hab ich dich nicht zweimal deutlich abgewiesen, du, weißt du das nicht mehr? Einmal vorher, ehe ich heiratete. Aber davon wollen wir nicht mehr reden, nicht wahr? Und bann, als du eines Abends mal in unsere Wohnung kamst und Lars Nachtschicht hatte, und du —“ „Ach. Sieh doch an, was für ein Gedächtnis du hast!" unterbrach Krick sie gereizt. „Darf ich bann vielleicht an einen anderen Abenb erinnern, als bu weniger abroeisenb aufgelegt warst? Es war in ben Jahren, als Lars nicht recht was für dich zu beißen hatte, wenn bu bich daran erinnern willst, und bu immer hungriger warft, als du es für dich allein wohl gewesen wärest —." „Nein, nun hör auf!" rief Sena. „Wenn du hierher gekommen bist, mir das zu sagen--!" „Soll man sich lieber wie ein Hund hier von euch treten lassen, so vor- nehme Seute wie ihr heute seid, wie? Nein, danke. Und da meint man, man kommt nach langer Zeit zu alten Freunden! Mahlzeit! Raus mit dir! Hahahaha!" „Ja, vielleicht war es unrecht, wenn Sars neulich so unfreundlich zu dir war. Ader er hatte gewiß feine Gründe dazu, denke ich." „Meinst bu? lachte Krick höhnisch. „Natürlich, ein Mahner ist nirgend, willkommen, bas ist eine alte Geschichte." „Ach, bas wirb es wohl nicht gewesen sein", antwortete Sena. „Du weißt boch, wie gut Sars sonst immer zu dir gewesen ist." „Papperlapapp! Verstehst bu? Gut zu mir gewesen? Das ist so ein Weiberschnack, ben bu ba an den Tag bringst. Ich habe eine ganz andere Meinung von Sars, wenn du sie hören willst." „Nein, spare deine Worte. Ich brauche deine Meinung über ihn nicht und weih allein, was ich von ihm zu halten habe." Sie hatte den Kleinen an die Hand genommen und zog ihn jetzt vom Tisch weg. „Ins Bett mit dir", sagte sie. „Es wird Zeit für einen, rot« du bist." Gehorsam folgte Jan und wollte tn die andere Stube gehen, wo er sonst im Wandbett schlief. ' „Nein, geh in die Wohnstube", rief Sena ihm nach. „Du schläfst diese Nacht bei mir." „Gut, daß du ihn wegschickst", sagte Krick, der dem Kleinen mit zu- (ammengetniffenen Augen nachgeblickt hatte. „Denn jedesmal, wenn ich ihn so ansehe, muß ich denken--Na, was meinst du, woran ich bann bentcn muß? Hahaha! Daß er gewiß ein fixerer Kerl geworben wäre, wenn bu bamals vernünftiger gewesen wärst unb statt Sars mich genommen hättest, siehst bu? Hahaha!" „Was sagst bu ba?" fragte Sena, unb eine ftommenbe Röte stieg In ihr Gesicht. „Du bist wohl betrunken, baß bu bich nicht schämst, so etwas zu sagen, he?" Sars hatte bie rechte Hanb in bie Mähne bes Pferbes verkrallt, als müsse er sich zurückhalten, um sich nicht auf Krick zu stürzen. Wie festgewurzelt stand er auf feinem Platze und hatte nur Mühe, sich nicht durch seinen keuchenden Atem zu »erraten. Jetzt! durchzuckte es ihn. Warum trat er noch immer nicht heraus? War es noch nicht genug mit dem, was er sah und hörte? Oh, nur ein paar Augenblicke Geduld noch, redete er sich zu. Er war ja da, unb nichts entging ihm. Sein Herz schlug wie ein Schmiebeham- mer, und feine Augen brannten. „Betrunken?" lachte Krick auf. „Das glaubst du doch wohl selber nicht. So ein paar Gläschen?" Er war Sena nachgegangen und wollte jetzt seinen Arm um st« legen. „Komm, sei nicht böse, du!" lachte er. „Du brauchst doch nicht jedes Wort gleich auf die Goldwaage zu legen, — fo gute Freunde, wie wir immer gewesen sind!" „Nein, laß mich los!" rief Sena und stieß ihn mit dem Ellenbogen zurück, daß er taumelte. „Was meinst du eigentlich, wen du vor dir hast? Ich will nichts mit dir zu tun haben, wenn bu bas noch nicht weißt, hörst bu? Nichts!^ Sars hatte ein Brausen vor ben Ohren, unb vor seinen Augen flimmerte es. Ader nun löste sich ber Krampf der Eifersucht, ber ihn gequält hatte. Slufatmenb stieß er die Tür auf, die vom Stall auf die Diele führte, und trat aus dem Halbdunkel in den Sichtschein der Sampe im Weihnachismartt. Von Karl Bröger. Aus leichtem Holz ist er, aus Segeltuch und armen Flittern nur gemacht und wird doch in der frühen Nacht ein Paradies, voll Licht und Festgeruch. Dann glänzen Kugeln, Schmuck und Flimmerketten und viele halbversteckte Herrlichkeiten. Die Kinder, die durch diese Gassen schreiten, träumen davon, daß sie das alles hätten. Sie sehnen sich. O ging die Zeit doch schneller! Vielleicht, so kommt in einer schöneren Ferne ein Engel dann von einem fremden Sterne und bringt das Paradies auf einem Teller. Das gestohlene Christkind. Von Jakob Kneip. Anna Kriftel war jünger als ich und faß in der Schule einige Bänke unter mir ... Ihre großen braunen Augen, ihre dunkle Gesichtsfarbe, ihr Gang und ihre Bewegungen waren nicht wie die der anderen Mädchen. Anna hatte einen Eckplatz, und wenn sie sich aus der Bank beugte, wenn ihr die dicken, braunen Zöpfe über die Schulter sielen, konnte ich kein Auge von ihr abwenden. Noch lieber aber sah ich Anna im Spiel. Keine war so flink und behende, keine hatte so tolle Einfälle, keine spielte so wild und ausgelassen wie sie. Zuweilen aber konnte sie mitten im Spiel in Schluchzen und Tränen ausbrechen, um sich schlagen und mit den Füßen aufstampfen. Ja, Anna Kristel war ein sonderbares Mädchen, und ich fand sie wohl schöner als alle anderen Mädchen aus unserem Dorfe, aber der Lehrer mußte schon ein strenges Auge auf sie haben; denn Anna hatte keinen Vater; und ihre Mutter, die immer bei den Bauern als Tagelöhnerin arbeiten mußte, konnte sich wenig um sie kümmern. Aber oft erschien mir der Lehrer gar zu hart gegen Anna, wenn sie einmal zu wild und ausgelassen wurde: dann sah sie stundenlang schweigend und verstockt in ihrer Bank, und der Lehrer brachte kein Wort mehr aus ihr' heraus. Ach, der Lehrer verstand auch oar keinen Spaß! War sie nicht eine der besten Schülerinnen? Wer gab so rasche und treffende Antworten wie sie? Im Lesen, Schreiben, Rechnen war Anna allen Mädchen ihres Alters weit voraus: und immer hatte sie einen kleinen Kreis von Freundinnen, die ihr anhingen und die ihr wie einer Aelteren oder Vornehmeren gehorchten. Der Pfarrer, ein fttller, alter Mann, dessen Gesicht dem von Gott Vater auf dem Bilde über dem Hochaltar wohl ähnlich sah, war sehr gut zu Anna und lachte oft recht herzlich über ihre sonderbaren Fragen und Antworten. Er lieh sie sogar im Hochamt den Opferteller rundtragen; das war vor der Gemeinde eine hohe Ehre. Ja, es war gewiß: der Pfarrer mußte Anna vor allen anderen in sein Herz geschlossen haben! Nun ist da ein ganz besonderer Tag, von dem ich erzählen muß; an dem Tage trug sich mit Anna Kriftel etwas so Merkwürdiges zu, daß mir jene Stunde noch heute vor der Seele steht. Der Pfarrer hatte unserem Dorfe zu Weihnachten eine ganz große Ueberraschung geschaffen: Als wir zur Mette in die Kirche traten, war da in einer Ecke neben dem Hochaltar der Stall von Bethlehem mit der Krippe aufgestellt. Maria und Joseph waren fast lebensgroß zu sehen; in der Krippe aber, auf einem Bündel Heu, lag das Jesuskind, und heller Schein fiel von einem großen Stern in den Stall, gerade auf die Krippe hin. Auch Schäflein standen um die Krippe, und die Köpfe von Ochs und Esel schauten durch zwei Löcher in der Wand neugierig auf das Kind herab. Hinter dem Stall aber sah man auf einer Sttahe zwischen Palmbäumen die Hirten heraneilen. Die alte Backesbas, eine fromme, kinderlose Witwe, hatte, wie sich später herausstellte, auf ihrem Sterbebette der Gemeinde dieses Wunder gesttftet; und das alles war nun so schön und für unser armes Hunsrückdorf so neu und überraschend, daß diese Weihnachtsmette wohl vielen, die sie gleich mir erlebten, in Erinnerung sein Am Weihnachtsnachmittag gingen wir dann nach gewohnter Weise zum Pfarrdorf hinüber, wo die Vesper abgehalten wurde. Die feierliche Abendandacht aber war, um diesen großen Tag zu beschließen, in unserer kleinen Kirche angesetzt. Wir Kinder sollten dabei vor der Krippe stehen und singen, und die Musikanten von Guntershausen sollten mit Klarinetten, Trompeten und Geigen die Begleitung dazu spielen. Als die Vesper zu Ende war, hatte sich das Wunder der Krippe schon im ganzen Pfarrdorf rundgesprochen, und viele Leute pilgerten in dem klaren, müden Winternachmittag mit zu unserem Dorf hinüber, um die Krippe zu sehen und die feierliche Abendandacht mitzubegehen. Da, wie wir in höchster Festfreude und Erwartung wieder in unser Dorf eintreten, kommt uns voller Erregung die Frau des Sauhirten entgegen und ruft: „Das Christkind ist gestohlen!" — „Das Christkind?" — , „Ja, das Christkind, das in der Krippe lag. Mit einmal war es fort. Kein Mensch weiß, wo es hingekommen ist." . Wir Buben stürmten darauf sofort die Dorfsttaße hinauf nach der Kirche hin; denn diese Kunde klang uns so ungeheuerlich, daß wir sie nicht fassen konnten und uns selbst an Ort und Stelle davon überzeugen wollten. Als wir an der Kirche anlangten, lief eben der Küster barhaupt über den Friedhof nach dem Schulhaus hinüber. An der Kirchenpforte aber begegneten wir einigen Frauen aus dem Dorfe, die erregt miteinander sprachen. Kapps-Linkser, der Rothaarige, kam dazu, und rott hörten, wie er lachend sagte: „Am Ende ist es ein Streich der Kendenicher. Die verfluchten Kesselflicker und Besenbinder gönnen unserem Dors bte Freude nicht." Wir traten nun in die Kirche ein und mußten mit Schrecken feststellen, daß die Krippe wirklich leer war. Wir liefen dann zur Schule hinauf wo fich der Lehrer mit dem Küster eben auf der Treppe zeigte. Eine Anzahl Kinder stand schon erwartend vor dem Schulhause; Mädchen und Frauen traten aus den Haustüren und kamen neugierig heran. Da liefen plötzlich vom Unterwalde her ein paar Kinder herauf, die riefen: „Anna Kriftel sitzt im Schuppen hinter der Kuhttänke und hat das Jesuskind auf dem Schoß." Mich durchfuhr ein Schreck, als ob ich selbst auf einer bösen Tat entdeckt worden sei. Es lies mir heiß und kalt Über den Rücken, und ich zitterte vor Angst, was nun mit Anna Kriftel geschehen würde. „Habt ihr das mit eigenen Augen gesehen?" sagte der Lehrer, als die Kinder herankamen. „Ja, ja — Kreins Lis, Schollesen Gret und Klara Holnich sind bei ihr." „Das konnte nur Anna Kriftel anftiften", sagte der Lehrer. „Ich hab« es ja immer geahnt. Das Kind hat den Teufel im Leib." Und eine schreckliche Drohung stand in seinem Gesicht. Dann aber setzte sich mit dem Lehrer und dem Küster an der Spitze eiligst ein Zug in Bewegung, in der Richtung nach der Kuhtränke hin. Ich zog unter den lärmenden Buben mit hinab, aber mir war, als würde ich selber vor ein Strafgericht geführt, und mir bangte fckwn vor dem Anblick, der uns dort unter dem Heuschuppen werden sollte. Aber als wir an den Schuppen herankamen, hörten wir, daß di« Mädchen sangen, und bann sahen wir Anna Kriftel in der Mitte des Schuppens auf einem Holzklotz sitzen und die anderen Mädchen um fle herumtanzen. Plötzlich stutzten die Mädchen und wurden sttll. Sie mußte« wohl den Zug erblickt haben, der sich drohend über die Felder auf sie heranbewegte. Sie stoben auseinander und flohen hinter den Heuhaufe«, der an einer Seite des Schuppens aufgebaut war. Und nun saß Anna Kristel noch allein auf dem Holzklotz und starrt« die Herankommenden an. Die Sonne sank eben im Westen herab. Glutrot fiel ihr Schein über die Felder; und der Schuppen, der Heuhaufen und Anna, die da vornübergebeugt auf dem Holzklotz saß — alles war ganz von rotem Licht übergossen. Ich sah, wie Annas Augen groß und erschrocken standen. Und plötzlich schlug sie hastig ihre Schürze um einen Gegenstand, den sie auf dem Schoße hatte, und wollte hinter den anderen Mädchen davonlaufen. Aber da war schon der Lehrer hinter ihr unter dem Schuppen. „Halt", rief er, „halt, dJ entkommst uns nicht." Und da stand auch schon der Küster neben ihr, faßte sie am Arm und riß ihr das nackt« Jesuskind unter der Schürze hervor. Wir alle drängten uns nun um Anna, die mit herabhängenden Arme« und niedergeschlagenen Augen äaftanb. „Ich t)abe bir ja allerlei Böses zugetraut, Anna", sagte ber Lehrer, „aber für fo schlecht hätte ich bich nicht gehalten. Das ist ja ein schänblicher Gottesraub, ein Raub am Allerheiligsten, den du ba begangen hast. Ader jetzt marsch zur Kirche zurück! Du wirst beine Strafe schon finden." Und als Anna noch immer unbeweglich bastand, faßte ber Küster fie heftig am Arm unb zog fie vorwärts. Ich sah nur mehr ihr gebeugtes Köpfchen unb ihr blasses, erschrockenes Gesicht. Aber zu meiner Verwun- berung sah ich keine Träne bei ihr. Ja, ihr Gesicht schien gänzlich erstarrt, und willenlos ließ fie sich von dem Küster über den Feldweg hinaufführen. Als wir ans Dorf herankamen, sahen, wir die Leute schon an der Sttaße stehn und uns erwarten. Um mich her aber wurden unter den Buben und Mädchen schlimme Vermutungen laut über die Strafe, die nun Anna treffen sollte. Da geschah etwas Unerwartetes: aus dem Hohlweg, der vom Pfarrdorf heraufführt, trat der Pfarrer. Ich sah, rote er stutzte und bann langsam auf uns herankam. Der Zug machte halt, und der Pfarrer sagte mU seiner ruhige» Stimme: „Was gibt es? Ist der Kleinen etwas zugestoßen?" „Zugestoßen? Nein", rief der Küster, „ein ganz schändliches Kind ist das, es bringt die ganze Schule, das ganze Dorf in Verruf." Und nun wurde abwechselnd von Lehrer und Küster über das Geschehene Bericht erstattet. Mir klopfte während all dem da? Herz bis zum Halse, und meine Augen hingen gespannt an dem Gesicht des Pfarrers. Ich sah, wie feine Züge zuerst sehr ernst und traurig wurden. Aber, als ber Lehrer bann erzählte, wie Anna mit dem Jesuskind aus dem Holzklotz unter dem Heuschuppen gesessen habe und wie die Kinder dabei singend um sie herumgesprungen seien, kam ein Lächeln auf das Gesicht des Pfarrers. Und dann sah ich plötzlich, wie die kleine weiße Hand von Anna sich zögernd unb zaghaft auf seine schwarze Sutctite legte, so als wollte sie bei ihm Hilfe suchen. Und nun sah ich nichts mehroks diese bange hilfesuchenbe Hand. Einen Augenblick trat Stille ein; ba legte ber Pfarrer feine Hand auf Annas Scheitel unb sagte: „Was wolltest du denn mit dem Jesuskind, Anna? Warum hast du es aus der Krippe fortgenommen?" Da lösten sich die ersten Tränen aus Annos Augen, unb unter Schluchzen brachte fie, mit beiden Händen sich an die Sutane klammernd, bie Worte hervor: „Ich wollte — mit bem Jesuskind — boch nur eia popeia machen — unb es nachher wieder hinlegen ..." Der Pfarrer nickte, unb bas Lächeln auf feinem Gesicht war nun ein ganz breites unb frohes Lachen geworben. „Ich glaube", wandte er sich zu dem Lehrer und Küster, „der Fall ist nicht so schlimm, wie er wohl zuerst erscheinen konnte. Ueberlassen Sie mir das weitere mit dem Kinde. Ich glaube, die Anna wird später mal ein gutes Mütterchen, dem Gott viele Kinder schenkt, mit denen sie „eia popeia" spielen kann. Und wir wollen uns das schöne Weihnachts- fest durch diese Aufregung nicht verderben." Das alie Krippenlied. Bon Ruth Schaumann. Such hier dein Krippenlied, ja such! Sprach jener Engel mit dem Buch. Ich wandte Blatt um Blatt bei Licht, Die alte Weise fand ich nicht. Die alte Weise, süß und bang, Die ich als Kind dem Kinde sang. Ich schloß das Buch, ich blies das Licht, Ich barg in Nacht mein Angesicht. In Nacht, die nur ein Stern durchscheint, Und hab das Krippenlied geweint. Wäldler-Weihnacht. Von Johannes Linke. Es geschieht mitunter, daß ein Mensch aus einer der großen Städte, der keine Eltern mehr hat und sich noch keinen eigenen Hausstand gründete, aus der Trostlosigkeit seiner Junggesellenstube mit ihrem nichtssagenden H«usrat in unser Grenzgebirge flieht, um hier ein gemütvolles, heimeliges Weihnachtsfest zu feiern. Die waldreichen Berge und die stillen, verschneiten Täler sind ihm aus Bildern und Schilderungen vertraut, und wenn er ihre Bewohner auch nicht kennt, so weiß er doch von ihnen, daß sie, anders als die meisten Städter, einfach und bescheiden und den ewigen Gesetzen der heimatlichen Natur treu geblieben sind. Darum, meint er, wird er in diesem Lande, unter diesen Menschen einen Weihnachtsabend erleben, wie er ihn bisher nur in der Sehnsucht seiner Seele erträumte, es wird eine unendliche Stille über dem Gebirge ruhen, die durch einen fernen Glocken- ruf nur noch tiefer wird. Alte und Kinder werden inniger, als er es je geyört, Christlieder fingen, und der breitnadelige, dunkelgrün und silbern schimmernde Tannenbaum, von dessen Zweigen wohl eben erst der letzte Schnee geschmolzen ist, der ihn in der Frühe noch völlig verhüllte, wird mit seinem kräftigen Pechdust die getäfelte Stube erfüllen. So tritt er denn im Marktflecken, wo die steilen Lehnen der Berge der Eisenbahn den Weg versperren, in seine Schneeschuhe und gleitet den Bergdörfern zu. Auf dem Waldwege zerschneiden die tiefen Geleise der Zugschlitten und die breiten vereisten Mulden des Blöcherzuges den dicken Schnee, der die Tannen vermummt und zu fremdartigen Wesen verwandelt hat. Es kommen auch jetzt noch, am Nachmittag des heiligen Abends, Holzzieher vom Berge herabgesaust, und er hat bei den vielen Kehren der unübersichtlichen Straße Mühe genug, rechtzeitig vor ihnen zur Seite zu springen. Sie hocken auf dem Querholz zwischen den aufgekrümmten Kufen ihres Schlittens, der hoch mit Aeften beladen ist, und hinter dem ein Bündel Scheiter an stählerner Kette nachschleift, überschauen mit wilden, verwegenen Gesichtern die Bahn und jauchzen und schreien, daß es weithin durch den atemlosen Winterwald gellt. Dieses unweihnachtliche Arbeiten und Lärmen hat der einsame Schneeschuhfahrer wohl nicht erwartet. Aber dann, wie er auf einem schmalen Gangsteige dahinfährt, wo noch kein Fuß und kein Holz den tiefen Schnee berührt hat, über dem die Zweige der geneigten Tannen zu einem dämmerig glitzernden Gewölbe zusammenschmelzen, wächst das Schweigen wieder feierlich an. Die Sonne senkt sich schon glutrot in die Dunstschwaden des hügeligen Vorlandes, wie er den Wald verläßt und in sanfter Abfahrt einem Dorf entgegengleitet, das sich in einer überschneiten Wiesenmulde birgt. Er hört keine Weihnachtslieder, aber aus der Schmiede klingt der Hammer des Meisters, der einen Schlitten mit eisernen Schienen besohlt. Im Wirtshause, wo er auf einen Trunk und Imbiß einlehrt, steht er keinen Tannenbaum stehen, und kein grüner Zweig steckt über den Bildern an der Wand. Der Wirt reitet auf der Heinzelbank und nagelt altes Leder aus die selbstgeschnitzten Holzschuhe, und verwundert sich über die Maßen, daß an diesem Tage ein fremder Gast zu ihm in die Stube kommt. Die Wirtsfrau trägt ihm Milch und Käse und altbackene Salzwecken auf und bedauert, daß sie ihm nichts anderes oorfetzen könne, aber die Wurst sei noch nicht fertig, der Rest des alten Hausbrotes fei beinhart, und das frische Brot liege noch im Backofen. Der Städter ist ein wenig enttäuscht, denn alles das, was ihm hier begegnet, entspricht durchaus nicht seinen Vorstellungen, die er in das Waldgebirge mitbrachte, aber er läßt sich die einfache Kost schmecken, bezahlt die geringe Zeche und fährt über den krachenden Schnee in die Dämmerung hinein. . Die höchsten, baumlosen Zinnen des Gebirges glühen in den letzten Strahlen der abendlichen Sonne, während die Täler schon im Schatten und frostgrauem Reife liegen. Die einzelstehenden mächtigen Buchen und Ahorne am Hange starren im Rauhreif, der seine Nadeln in Büscheln und Zeilen um Zweige, Astwerk und Stamm geordnet hat. Ein Hase humpelt über den Harsch den Hütten zu, wo er noch ein paar Hälmchen zu finden hofft, aber auch der Fuchs leidet Hunger, zwischen den angerauten Stämmen des Jungwaldes schnürt er dem Häslein nach, und die drohenden Zurufe des Schneeschuläufers, die ihn von feiner Beute verscheuchen sollen, bringen ihn nicht von der Spur ab. Die Sterne funkeln kristallisch am Himmel, dicht über den Graten und Höhen, und der Schnee glimmert den Gestirnen in unzählbaren Blättchen entgegen, als der Städter den Weiler erreicht, wo er seine Weihnacht feiern will. Außer einem Forstverwalter und einem Gastwirt, bei dem Im Sommer die Wanderer und Im Winter die Schlittenzieher verkehren, hausen hier oben nur notige Holzmacher, die einen kleinen Erdäpfelacker bestellen und eine Geiß und eine Sau kümmerlich genug durch- füttern. Auch hier findet der Fremde tn der sauber ausgescheuerten kleinen Wirtschaft keinen Weihnachtsschmuck, wie er ihn erwartete, und die Wirtin, die ihm das Bier ausschenkt, meint kopfschüttelnd: „O nein, was sollten denn mir mit einem Tannenbaum in unserer Stube? Das mögen die Städter tun; für die ist ein solcher Baum etwas Seltsames. Und das ist auch recht so, daß sie sich Christbäume kaufen, denn das schafft Arbeit für unsere Mannsbilder — aber wir haben Tannenbäume genug draußen im Wald." Ja, das ist nun freilich kein Weihnachtsabend, wie er ihn sich dachte, als er aus der Stadt aufbrach, und nun weicht die Christfreude, die er mitbrachte, aus feinem Herzen, unfeierlich verdrossen und müde von der langen Fahrt legt er sich zu Bett, und während er noch über die gefühllosen Wäldier murrt, die nicht einmal das Weihnachtssest recht feiern können, schläft er an diesem heiligsten aller Abende ein. Aber kaum, daß er ein paar Stunden geschlafen hat, fährt er aus dem Traume und ist gleich hell wach. Ein wirres Brausen klingt durch das eisoerblumte Fenster. In kriegerischer Eile fährt er in seine Kleider und reißt den angefrorenen Fensterflügel auf. Ist ein Unglück geschehen? Bricht ein Sturm die Wälder nieder, ober steht die Nachbarhütte in Flammen? Kinder schreien mit gellender Stimme, Hornrufe heulen durch die Nacht, Schüsse knallen, und über dieses Getöse brausen vom Tal her die Glockenstimmen. Geschwind tastet er sich die Holzstiege hinab und springt auf die feftgetretene Gasse hinaus. Ein Bursche brennt einen Böller ab, ein Weib stößt unablässig in eine Trompete, der Förster schießt mit seinem Jagdgewehr in die Lust, und ein paar Buben knallen mit der Geißel und mit Zündpistolen. Und aus der Ferne, vom Talgrunde her und aus dem Pfarrdorfe, wo er gegen Abend rastete, bringt Krachen unb Lärm unb Glockengeläut. „Was gibts benn?" ruft der Stadter den Wirt an, der eben mit einer uralten Buchse aus dem Gasthause tritt. „Was es gibt?" lacht der mitleidig. „Christkindelschießen tun wir!" Und damit legt er seine Büchse an unb jagt einen Schuh über fein Hausbach hinweg. „Wo kommt benn ber Herr her, baß er das nicht einmal weiß? Heute ist doch Weihnacht! Das ist die allergefährlichste Nacht im ganzen Jahr?! Das ist eine Losnacht, Herr! Da muß man die Teufel unb die Hexen und die toten Leut, die keine Ruh finden, unb bie Drub unb die Weihz unb bas ganze Gelump miteinander, die muß man anweihen, daß sie keine Gewalt kriegen über uns! Das ist fein Lebtag schon so gewesen, und das wird auch nicht anders!" Unablässig dauert das Schießen und Lärmen und Schreien fort. Ununterbrochen tönen die Kirchglocken. Da vergeht dem Fremden mit einem Male der Aerger, der in ihm angewachsen war, und das unheimlich fremdartige Treiben dieser heiligen Nacht bekommt Gewalt über ihn. Er spürt, wie sich uraltes Heidentum ber Heimat mit ber frohen Botschaft bes Heilandes verquickt, und zum ersten Male begreift er den Sinn des Namens „Weihnacht", den er so oft unbesonnen horte und aussprach: Es ist die Nacht, in der die bösen Geister angeweiht werden müssen, nicht nur mit Weihrauch, Kreuz und Weihbrunn, sondern auch mit Feuer und Lärm, damit ihre finstere Macht zerfällt und sie dem Dorfe und seinen Menschen nichts anhaben können. Denn immer und überall, wo der Erlöser ins Licht steigt, sammeln sich die höllischen Widersacher zum Kampfe. Allmählich verebbt das Getöse, ab unb zu burchpeitscht noch ein Schuß bie eiskalte Nacht, unb nur die Glocken fingen noch eine Weile über bas Gebirg. Nun kommen auch bie Mettengänger wieder heim. Sie hatten sich dicht beisammen. Es gibt wohl in jedem noch so kleinen Dorfe einen, der am Sonntag seinen Weg allein zur Kirche wandert, weil das die einzige Stunde in seinem arbeitsreichen Leben ist, wo er ungestört seinen Gedanken über Gott und Welt nachhängen kann — aber auch dieser eine geht heute nicht für sich allein, sondern zieht in der Schar mit, denn in dieser Nacht, wo bie Geister ber Finsternis losgebunben finb, um gegen ben Herrn bes ewigen Lichtes anzustürmen, hütet sich ein jeder, ihnen ohne Beistand zu begegnen. Fröhlich gehen die Holzhauer, die Weiber, die Burschen und Kinder auf ihre erleuchteten Hütten zu, sie schälen sich aus ihren Mänteln und Umhängen und Kopftüchern, reiben sich die durchfrorenen Finger unb wärmen sich am Herbe, wo schon bas Kaffeewasser siebet. Die Kinber sitzen schon um ben Tisch, als ber Gast roieber ins Haus tritt, bie Wirtin schüttet ben kräftigen, mit Rahm geweißten Kaffee in bie bauchigen Tassen, ber Wirt schneidet den unberührten Brotlaib an und legt nach altem Brauche jedem eine mit Semmel und viel Gewürz durchsetzte Mettwurst auf den Holzteller. Hungrig halten sie ihr nächtiges, Mahl, an dem auch der Fremde teilnimmt, langen immer wieder neu zu und danken mit singendem Gebete für die Speise. Dann zündet die Hausfrau ein paar Lichtlein an und loscht die Campe aus. Und nun findet der Gast aus der Stadt auch noch das, was er sich zur Weihnacht ersehnte. Die Dinge des täglichen Gebrauches sind im Dunkel versunken, und nur eine Krippe, kunstlos aber liebevoll aus Rinde geschnitzt, steht im Licht. Die Seidenflicken und Silberflitter, mit denen die Muttergottes und die heiligen drei Könige behängt sind, flimmern unter den Kerzenflämmchen, und es ist, als ob sich der Vater Josef und die Hirten und Schafe bei dem Geflacker des Lichtleins regten. Ein Mädchen stimmt zaghaft an, und nun fallen sie alle, mit rauhen, ungeübten Stimmen, aber voll Herzensfreude in den Gesang ein: Stille Nacht, heilige Nacht ... Nein, die bösen Geister werden keine Macht über das Dors bekommen, unb auch aus ber Seele bes einsamen Mannes, ber ins Gebirg kam, um Weihnacht zu feiern, sind sie längst ausgetrieben. HeranttDortlitfc: Dr. Hans Thtzrivt. — Druck und Berlag: Brühl'fche Universitäts-Buch, und Steindruckerei. 3t Lange, Gießen.