SiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1935 Montag, den (6. September Nummer 12 Oer alte Garten. Von Joseph von Eichendorfs. Kmserkron' und Päonien rot, Die müssen verzaubert sein. Denn Vater und Mutter sind lange tot. Was blühn sie hier so allein? Der Springbrunn plaudert noch immerfort Von der alten schönen Zeit, Eine Frau sitzt ejngeschlasen dort, Ihre Locken bedecken ihr Kleid. Die hat eine Laute in der Hand, Als ob sie im Schlafe spricht, Mir ist, als hätt' ich sie sonst gekannt — Still, geh vorbei und weck sie nicht. Und wenn es dunkelt das Tal entlang, Streift sie die Saiten sacht. Das gibt einen wunderbaren Klang Durch den Garten die ganze Nacht. Oie Söhne des Senators. Von Theodor Storm. > (Schluß.) Statt dessen vernahm Herr Friedrich am nächsten Vormittage ein Geräusch, das ihm wie mit einem Schlage die seltensten, aber höchsten Freuden seiner Knabenjahre vor die Seele führte; er hatte eben die Hoftür geöffnet und seinem draußen beschäftigten Ausläufer etwas zu- «erufen, als er horchend stehenblieb. Er wußte es genau; er sah es vor sich, wie jetzt drüben auf dem Hofe des Elternhauses die großen Reisemäntel ausgeklopft wurden; ja, er sah sich selbst als Knaben in seinen Sonntagskleidern an seiner Mutter Hand daneben stehen und hörte den frohen Ton ihrer Stimme, womit sie bei solchem Anlaß einstmals ihrer Kinder Herz erfreute. Er erschrak fast, als der Gerufene ihm jetzt entgegentrat, und ihm entfiel unwillkürlich die Frage, was denn für eine Reise drüben wohl im Werke sei. Aber bevor der Mann den Mund aufzutun vermochte, kam bereits die Antwort aus der naheliegenden Küche: Frau Antje Möllern hatte selbstverständlich schon lange die genauesten Nachrichten; ein Glück, daß sie es endlich nun erzählen konnte! Die junge Frau Senatorn wollte mit ihrem Erbprinzen auf Besuch zu ihren Eltern, obschon das liebe Kind mit jedem Tag ins Zahnen fallen könne und Pankratius und Servatius noch nicht einmal vorüber seien; und der gute Herr Senator müsse auch mit auf die Reise, denn was kümmere das die Frau Senatorn, daß eine große Ladung Ostseeroggen erst eben auf der Reede angekommen fei! „Herr Joverssi' schloß Frau Antje ihre Rede, als der Arbeitsmann sich entfernt hatte, und wies mit dem Daumen nach dem Hofe zu, »glauben Sie es oder glauben Sie es nicht — die hat's nicht ausgehalten, daß sie uns von drüben nun nicht mehr in unsere Töpfe gucken kann! Ein fast grimmiges Zucken fuhr um Herrn Friedrichs Lippen; dann aber sah er die alte Dame nur eine Weile mit etwas starren Augen an. „Also das ist Ihre Meinung, Möllersch?" sagte er trocken, und als sie hieraus beteuernd mit ihrem dicken Kopf genickt hatte, setzte er hinzu: „So wolle Sie die Güte haben, dergleichen Meinung künftig bei sich selber zu behalten!" , , , s. Als er das gesprochen hatte, ging er fort, und Frau Antze blieb die Hände über ihren starken Busen gefaltet, noch eine ganze Weile liehen, Die Augen unbeweglich nach der Richtung, in der ihr Herr verschwunden war. Dann plötzlich trabte sie an den verlassenen Herd zuruck und rührte unter heftigen Selbstgesprächen in dem über dem Dreifuß stehenden Topfe, daß die kochende Brühe zu allen Seiten in die lodernden Flammen spritzte. Es mar unverkennbar, daß die Mauer draußen, obgleich sie kemes- wegs behagliche Gefühle in ihm erweckte, nach ihrer abermaligen Loll- Dndung eine geheimnis»olle Anziehungskraft auf Herrn Friedrich Jo- oers übte. Freilich hatte er noch immer vermieden, an dem neuen Wert emporzusehen; jetzt aber, nachdem der Abend herangekommen war, Uetz ihm auch hierzu keine Ruhe mehr. Er hatte sich ""^spiegelt, lem lunger Küfer, der zur gewohnten Stunde aus dem Gelchast gegangen war, köniie das Auffüllen der neuen Fässer unterlassen haben, welche in Dem Keller hinter dem Hofe lagen; allein er hatte schon darum verges- >en, als er kaum den Hof betreten hatte. v Oben an dem dunklen Frühlingshimmel schwamm die schmale Sichet des Mondes und warf ihr bläuliches Licht auf den oberen Rand der Scheidemauer und _bas Dach des elterlichen Hauses. Herr Friedrich stand jetzt an derselben Stelle, von wo aus er an jenem Abend ein stummer Zeuge der Familienfeierlichkeit gewesen war; er stand dort ebenso stumm und unbeweglich, aber auf seinem Antlitz lag jetzt ein unverkennbarer Ausdruck der Bestürzung. So sehr er seine Augen anstrengt«, es wurde nicht anders: hinter dem neuen Maueraufsatz waren die Fenster des alten Familiensaales bis zum letzten Rand verschwunden. Es war schon spät am Abend; nichts regte sich, weder hüben noch drüben; nur das Klirren eines Fensterflügels, der im Hauptbau auf der andern Seite offenstehen mochte, wurde dann und wann im Aufwehen der Nachtluft hörbar. Herr Friedrich wollte eben in sein Haus zurück- kehren, da tönte von drüben plötzlich die Stimme des alten Kuba-Papageien: „Komm röwer!" und nach einer Weile noch einmal: „Komm röwer!" Wie ein eindringlicher Ruf, fast schneidend, klang es durch die Stille der Nacht; bann nach kurzer Pause folgte ein gellendes Gelächter. Herr Friedrich kannte es sehr wohl; der verwöhnte Vogel pflegte es auszustoßen, wenn ihm die Nachahmung der eingelernten Worte besonders wahlgelungen war. Aber was sonst als der unbehilfliche Laut eines abgerichteten Tieres gleichgültig an seinem Ohr vorbeigegangen war, das traf den einsamen Mann jetzt wie der neckende Hohn eines schadenfrohen Dämons. „Komm röwer!" feine Lippen sprachen unwillkürlich diese Worte nach; über seine selbstgebaute Mauer konnte er nicht hinllberkommen. Noch lange stand er, das Hirn voll grübelnder Gedanken, ohne daß etwas anderes als das gewöhnliche Geräusch der Nacht zu seinem Ohr gedrungen wäre; fast sehnte er sich, noch einmal den Schrei des Vogels zu vernehmen; als aber alles still blieb, ging er ins Haus und legte sich zum Schlafen nieder. Allein er hörte eine Stunde nach der andern schlagen, und da er endlich schlief, war es nur eine halbe Ruhe. Ihm war, als fei er auf dem Wege zum Garten; aus der Pforte kamen feine Eltern ihm entgegen, von denen er gemeint hatte, daß sie beide schon im Grabe lägen; als er auf sie zuging, sah er, daß ihre Augen fest geschlossen waren; er wollte sie eben bitten, ihn doch anzusehen, da war die hohe Mauer vor ihm aufgestiegen, und dahinter scholl das Gelächter des alten Kubavogels, das wie in einem Echo an hundert Mauern hin und wieder sprang. --Das Geräusch eines dicht unter feinen Fenstern vorüberrollen- den Wagens weckte ihn. Es war schon Morgenfrühe; die dicke, goldene Taschenuhr, welche er von seinem Nachttisch langte, zeigte auf reichlich fünf Uhr. Rasch war er aus dem Bette, zog das Vorhängsel von einem Guckfenster in der vorspringenden Seitenwand zurück und sah auf die Straße hinab. Von Osten her lagen die Häuserschatten noch auf den feuchten Steinen und bis hoch an den gegenüberstehenden Gebäuden hinauf; vor der Treppe des brüderlichen Hauses hielt ein bespannter Reisewagen: Koffer wurden durch den alten Diener hintenauf geladen und Kisten und Schachteln unter den Wagenstühlen festgebunden. Bald darauf sah er seinen Bruder und Frau Christine in Reiserock und Mantel aus dem Hause treten; dann folgte eine gleichfalls reisefertige Magd mit einem anscheinend nur aus Tüchern bestehenden Vllndelchen, an welchem die junge Frau Senatorn noch viel zu zupfen und zu stecken hatte und worin Herr Friedrich nicht ohne Grund seinen ihm noch unbekannten jungen Neffen vermutete. Endlich war alles auf dem Wagen Herr Friedebohm, von der obersten Treppenstufe, schien eiligft noch mit Kopf und Händen die Versicherung getreuen Einhlltens zu erteilen; dann klatschte der Kutscher, und bald war die Straße leer, und Herr Friedrich hört« nur noch das schwache Rollen des Wagens droben in der Stadt, wo es zum Ostertore hinaus- fllhrte. Aber auch ihn selbst duldete es nun nicht länger im Hause; rasch war er angekleidet und ging in den frischen Morgen hinaus. Er war hinten um die Stadt herumgegangen, an der stillen Gasse vorüber, in welcher di« Pforte zu dem Familiengarten sich befand; jetzt schritt er langsam, feinen Rohrstock unter dem Arme, drüben auf dem breiten Gange bes Kirchhofes unb schaute über ben alten Hagebornzaun nach bem feit einem halben Jahre von ihm gemiebenen Familiengrunbstücke hinüber. Bäume unb Sträucher ftonben schon in lichtem Grün, unb bort von ben jungen Apfelbäumen, bie fein Vater, ber alte Herr Senator, noch gepflanzt hatte, lachten ihn bie ersten roten Blütensträuße an. Balb auch gewahrte er mit Verwunberung, baß ber Garten, wie in jebem Frühjahr, in orbnungsmäfjigen Slanb gesetzt war, unb — täuschte ihn benn fein Ohr? — er hörte ein Geräusch, als ob geharkt und daraus Beete mit bem Spaten angetlopft würben; aher ber Pavillon unb bas hohe Gebüsch zu helfen Seiten verwehrte ihm bie Aussicht. Er blieb stehen unb lauschte, währenb bas Geräusch bes Arbeitens sich ebenmäßig fortsetzte. Da wallte es in ihm auf; wer konnte sich unterstehen, ben in Streit befangenen Garten anzufasfen? „Heba!" rief er. „Was wirb ba getrieben?“ Hansen lag. * Und acht Tage später, an einem sonnigen Spätnachmittage, hielt der Chaisewagen des Senators wieder vor dessen Haustür; die Reisenden samt Kind und Kindsmagd waren heimgekehrt. Als der schlafende Erbe glücklich vom Wagen und oben in der Kinderstube untergebracht war, lies die junge Frau, wie zu neuer freudiger Besitznahme, durch alle Räume ihres Hauses, und als sie hier überall gewesen war und, dank der alten schwiegcrelterlichen Köchin, alles in musterhafter Ordnung vorgefunden hatte, schritt sie langsam den Gang hinab, der an der Küche vorbei zur Hostür führte. Ihr Gesicht war plötzlich ernst geworden, und es dauerte eine Weile, bevor sie die Klinke aufdrückte und hinaustrat. Allein so zögernd sie hinausgegangen war, so rasch kam sie jetzt zurück; sie flog fast an der Küche vorüber nach dem Hausflur; ihre Augen strahlten: „Christian, Christian Albrecht!" rief sie. „Wo steckst du? Komm doch. Meinung nicht vernehmen. Frau Christine, die in stiller Freude dem Gespräch der Bruder Ai gehört hatte, hob jetzt ihre Uhr empor, die sie, noch von der Reise HM an einem schweren Gürtelhaken bei sich führte. „Vesperzeit, wenn s v°e liebet!" rief sie. „Und, Friedrich, du speisest doch heut abend bei um. Die alte Magret wird schon löblich vorgesehen haben! Freilich — oeiM perdrix aux truffes, die hast du ein für allemal verlaufen*." seine Hand entgegen. „Friedrich!" „Christian Albrecht!" Die Hände lagen ineinander; aber jetzt erhob Herr Friedrich den Kops, als ob er nach den Fenstern des elterlichen Hauses hinüberlausche. „Woraus hörst du, Bruder?" frug ihn der Senator. Einen Augenblick noch blieb der andere in seiner horchenden Stellung, dann ging ein Lächeln über sein ernstes Gesicht. „Ich meinte, Bruder, daß unser alter Papagei mich riefe, aber er hot es neulich abends schon getan." Und als er das gesagt hatte, legte er die eine Hand auf den oberen Rand der Mauer, und mit einem Satze schwang er sich hinüber. „Mein Gott, Friedrich", rief Frau Christine, indem sie einen raschen Schritt zurücktrat, „ich habe dich noch niemals springen sehen!" Und dabei, standen ihre Augen voll von Tränen. E? faßte seine Schwägerin an beiden Händen. „Christine", sagte er, dieser Sprung war nur ein Symbolum; ich werde fünftig wieder hübsch auf ebener Erde bleiben." omm geschwinde!" Da trat er schon mit heiterem Antlitz aus der Schreibstube auf sie zu. „Komm!" rief sie nochmals und ergriff ihn bei der Hand. „Ein Wunder, Christian Albrecht, ein wirtliches Wunder! Wie aus dem Döntje von dem Fischer un sine Fru! Ein schwarzer jütscher Topf, ein Haus, I, y -r - «.M s-7 'ME'ÄÄyS 11,11 I-» mit glürffellgen Aus-» -u >h>.m ■- Z L 6rto„ Auch aus seinen guten Augen leuchtete ein Strahl des Glückes. „Ich hauszuhalten; denn die da - und sie nidte nufjt eben eni habe es schon gesehen", sagte er; „aber es ist kein Wunder, es ist viel alten Kausherrnhaus hinüber haben nun auch Herrn F ch d besser als ein Wunder." | ganz 'n ihren Schlingende, Ant,- Mollern,^habe tue- .dem letzteren Und als sie dann Arm in Arm auf den Hof hinaustraten, der wieder hell und frei wie früher vor ihnen lag, da sahen sie die hohe Mauer bis aus ihr altes Maß hinabgeschwunden, und hinter der niedrigen Grenz- Icheide stand Herr Friedrich Jovers und streckte schweigend dem Bruder ganz in ihren Schlingen; sie, ütm,e Mouern, yaoe oies uem „ rundheraus gesagt und dann zugleich auf Michael gekündigt; und d Nachbarn Jipsen erwiderte darauf, heute gleichfalls nicht zum erstem^ dah sie das alles längst vorausgesehen habe. J Unten im Ratsweinkeller saß an diesem warmen Nachmittage » -> goldene Advokat und demonstrierte dem Herrn Stadtsekretar, der den oberen Rathausräumen zu einem kühlen Trunk berabgelties war, wie er die scharssinnigen Deduktionen seiner Klage- und . rezesse, welche denn doch über den Horizont des ehrenwerten Magisir^ hinausgingen, nun leider ganz umsonst geschrieben habe; und der i 1 höfliche Herr Stadtsekretär tupfte dem Goldenen recht freundlich aui , Schulter und sagte lächelnd: „Umsonst, Herr Siebert Sonnen • M wohl nicht ganz umsonst! Da müßten wir die Herren 3oper5 fonft ru i kennen!" — Und der Goldene lächelte gleichMs und griff behaglich " Das Arbeiten hörte auf, und nach einigen Augenblicken trat der alte I Andreas m>t einem Spaten auf der Schulter hinter dem Pav.ll°n hervor^ „Er, Andreas?" herrschte ihn Herr Friedrich an. „Was hat®r Jn« zu schaffen? Hat Ihn mein Bruder etwa hier zur Arbeit herbeordert. Der Alte schob seine Pudelmütze von einem Ohr zum andern. Die Frage mochte ihm unerwartet kommen; hatte er doch noch von dem seligen Herrn her einen Schlüssel zu der Gartenpforte und seit über einem Bierteljahrhundert einzig nach dem Kalender, den er m letnem Kopse trug, die Beete umgegraben, Erbsen und Bohnen nach seiner eigenen Wissenschaft gelegt und Bäume und Gesträuche angebunden und beschnitten. „Herbeordert?" sagte er endlich. „Nein, Herr; so herbeordert hat mich niemand; aber wenn's nicht alles in die Wildnis gehen sollte, jo war es just die höchste Zeit." ... .. „Was kümmert Ihn das", rief Herr Friedrich, „ob es hier Der» ^Der Alte hatte seinen Spaten in die Erde gestoßen. „Was mich das iimmert?" wiederholte er und sah völlig verdutzt zu dem Sohne feines Iten Herrn hinüber. . . „Freilich Ihn!" fuhr dieser fort; „denn wer wohl, meint Er, dah Ihm eine Arbeit hier bezahlen werde?" „ Nun, Herr; es wird schon alles ungeschrieben. So schreib' Er's gleich nur in den Schornstein , rief Herr Friedrich, und vertu' Er seine Zeit nicht, die Er besser brauchen kann!' Andreas wischte mit der Hand den Schweiß von seiner Stirne. „Wenn das Ihr Ernst ist, Herr Jovers", sagte er, „so kann ich freilich nur nach Feierabend hier noch arbeiten; das aber" — und er erhob den Spaten und zeigte damit nach dem Kirchhofe hinüber — „tu’ ich meiner alten Herrschaft da zuliebe." Herr Friedrich sagte nichts; Andreas aber ging mit (einem Spaten fort, und bald wurde wieder das einförmige Geräusch des Grabens in der Morgenstille hörbar .... Der andere stand noch eine Weile an derselben Stelle, als müsse er bie Spatenstiche zählen, die er drüben den alten Arbeiter machen hörte; dann wandte er sich plötzlich und ging weiter in den Kirchhof hinein, bis zu dem Grabe seiner Eltern. Hier sah er lange auf den Steinen, welche die Familiengruft bedeckten, und blickte auf den grünen Koog hm- unter und darüber hinaus auf den silbernen Strich des Meeres, wo in der Ferne die Masten des guten, ihm so wohlbekannten Schiffes „Elfabea Fortuna" sichtbar wurden. Als es in der Stadt vom Turme sieben schlug, stand er wieder an dem alten Gartenzaune. Der vorübergehende Totengräber, dessen Gruß er nicht zu bemerken schien, gewahrte mit Verwunderung, wie Herr Friedrich Jovers mit seinem Stocke recht unbarmherzig gegen einzelne der alten Büsche stieß, während doch, wie von einem frohen Entschluß, ein stilles Lächeln auf seinem Antlitz lag. Plötzlich aber richtete Herr Friedrich sich auf und schritt aus dem Kirchhofe in die Stadt hinein; er schritt nicht seiner Wohnung zu, sondern die lange Osterstraße hinaus, wo das Haus des Meisters Hinrich Der Senator blickte hester (n den nun wieder frei gewordenen Luftraum Lieber Bruder", begann er mit bedächtigem Lächeln, „die ganze Mauer "war ja eigentlich nur ein Symbolum, außer daß sie denn doch leibhaftig dagestanden, und währenddem der alte Fnededohm sich [eine Federn nicht mehr schneiden konnte —" .. . . . J fierr Friedrich unterbrach ihn: „Wenns gefällig war«, so nehmet noh einmal euere eben abgelegten Hüte und begleitet mich auf einer kurzen Was^du willst, Friedrich!" rief Frau Christine. „Alles was dus willst'" Und da Herr Christian Albrecht gleichfalls einverstanden roar so gingen sie miteinander durch das elterliche Haus, und Herr Fnedriih führte sie den bekannten Weg hinten um die Stadt, an der grünen Marsy entlang und wieder in die Stadt hinein. Sie hatten längst bemerkt, daß er sie zu dem in Streit befangenen ©arten führe; aber sie fragten nicht, sie gingen schweigend und tn freu, diger Erwartung neben dem Bruder her. Am Eingänge empfing sie der alte Andreas, die Steigharke in bei Hand, ein schelmisches Schmunzeln im Gesicht. Alles zeigte sich m schon- fier Ordnung; an den jungen Apfelbäumen waren alle Blntenstiaus« °"sUerr° Medrich beschleunigte seine Schritte, während er den Muschel, steig zum Pavillon hinaus, dann aber an demselben vorbei und na» der Kirchhofseite zuschritt. Als sie hier aus dem Gebüsch hinaustrateiu stieß Frau Christine einen leichten Schrei aus, wie er sich m freudigen- Ueberraschung so anmutig von den Frauenherzen lost; denn an bei: Stelle des kriippelhasten Zaunes, welcher sonst die Scheide gegen be« Kirchhof hin bezeichnet hatte, erhob sich vor ihnen eine stattliche Maua, wie Herr Christian Albrecht sie sich immer hier gewünscht hatte. „Nm gewißlich", rief die hübsche Frau, „da steht es vor uns, auch d,e Siebe f°n2Iber fierr Friedrich nahm ihr das Wort vom Munde. „Die Frm Schwester meinen", sagte er höflich, „Meister Hansens Leute konnem wenn auch keine Berge, so doch eine Mauer recht gescheit versetzen: mck selber anbelangend, so habe ich hierbei auf des Herrn Bruders gütigen Konsens gerechnet. Und, Christian Albrecht", fuhr er in herzlichem Ion;: I fort, indem er sich zu feinem Bruder wandte, hiemit, so du gleichen-. Sinnes bist, ist unser Prozeß am Ende; du hast bas Urteil unfern! Magistrates für dich; meinen Einspruch habe ich zuruckgezogen. Tin: du nun ein übriges und bestimme als der Aelteste, rote cs mit bem ©arten soll verhalten werden! Wie du die Teilung vormmmst, ich bitt j es jedenfalls zufrieden." , , Herr Christian Albrecht hatte dieser Rede zugehort rote einer, welch«! zugleich einem eigenen Gedanken nachgeht. „Ist das dein Ernst, firtil rich?" sagte er, seinem Bruder voll ins Antlitz sehend; „dem wohlb§- bad)/meinrnJoUer, wohlbedachter Ernst", erwiderte Herr Friedrich ohmt ^Wun denn", rief Christian Albrecht freudig, „fo teilen mir gar nicht Bruder Friedrich! ,Jovers Garten' hat es hier von Großvaters Zett«- her geheißen, so darf es jetzt nicht Christian Albrechts ober Friedrichs ^°E?nen° Augenblick lang zogen Herrn Friedrichs bunkle Brauen ftck zusammen als ob er über einen Gewaltstreich seines Bruders zurm" müsse; bann aber würbe es plötzlich hell aus [einem Antlitz, w>e Chrtsüml Albrecht in fo raschem Wechsel es nur bei ihrem Vater emft geW i hatte. Lebhaft ergriff er feines Brubers Hand: „Topp, Christian Ä brecht! Aber wie war's nur möglich, daß dies damals keinem von unu beiden eingefallen ist?" Herr Christian Albrecht lächelte. „Ich glaube, Friedrich, wir hab- bamals beide etwas laut geredet; da konnten wir die eigene Herzens seinem Spitzglas Roten. , „ .. Draußen in den Gärten aber war es in der Stachelbeerenzen, " in „Jovers ©arten" war heute überdies ein großer Familienkaffee. Herr Onkel Bürgermeister und der Herr Vetter Kirchenpropst mit w . Frauen waren da, und der alte Friedebohm und der alte Avor . waren da, jeder an dem Platze, der ihnen zukam, und 6er alte papun saß auf seiner hohen Stange vor dem Pavillon, und auch Mmche P * Um bie hast du dich durch dein. Weglaufen ein für allemal gebra^ in !' Selb eine' W Sa» «ine d) lufti gute des nur lief) tret Rab [le l zu' Fra fom 8ch plöt 3oo Ant s>- nod (tun ftar tun ft>8« gru [tut ban rön übe der ade teil blii W tot der (pr tigi nai röt Mi da lid lid ief au an bie !°I de' lie an Vi di ai S et tu u di s t I I i i in seinem neuesten Anzug mit einer kleinen Zopfperücke fehlte nicht. Selbst den Heinen Erbprinzen hätte man in seinem Kinderwagen an einem stillen Schattenplätzchen finden können, freilich bis jetzt nur schlummernd unter der Hut der treuen Kindermagd. Im Innern des Pavillons aber vor den weit geöffneten Flügeltüren waltete Frau Christine des blinkenden Kaffeetisches, während drunten vor der Staketpforte sich zusammendrängte, was die kleine Gasse an neugierigen Weibern und luftiger Jugend aufzubieten hatte. Die Weiber erzählten sich von der guten seligen Frau Senatorn und nickten dabei nach der inneren Wand des Pavillons hinüber, wo die unermüdliche Dame Flora nach wie vor mit ihrer Rosengirlande tanzte; die Buben dagegen, die sich allmählich den ersten Platz vor der Pforte erobert hatten, wiesen mit ausgestreckten Armen nach den großen, roten Stachelbeeren, die aus den Rabatten in schwerer Fülle an den Büschen hingen. Mitunter hörte man sie den Namen des jungen Herrn Senators nennen; sie schienen auf ihn zu warten, dessen milde Hand ja auch noch dem Hintritt der guten, alten Frau Senatorn noch vorhanden war. „Da kommt he! Kiek mal, da kommt he!" riefen ein paar von ihnen, deren gierige Augen eben einen Schimmer seines pfirsichsarbenen Rockes erspäht hatten; aber sie wurden plötzlich stille, als sie ihn an der Seite des gefürchteten Herrn Friedrich Jovers aus einem belaubten Seitengange treten sahen. Die beiden Brüder gingen schweigend nebeneinander; aber auf ihrem Antlitz lag noch der friedliche Ausdruck des traulichen Gespräches, welches sie vorhin die einsameren Seitengänge hatte aufsuchen lassen. Auch jetzt noch wandten sie sich nicht wieder zur Gesellschaft, sondern fchritten in stummem Einverständnis den breiten Muschelfteig hinab. Ihnen im Rücken hatte inzwischen Mujche Peters sich der Papageienstange genähert und juchte in Ermangelung gleichberechtigter Unterhaltung mit dem gefieberten Gaste in bescheidenem Flüstertöne anzuknüpfen; sogar ein Stückchen Zucker wagte er dem Papchen hinzuhalten. Aber der grüne Unhold schien für diese Aufmerksamkeiten keinen Sinn zu haben; statt nach dem Zucker hackte er nach Musche Peters' Finger und schrie dann gellend, als wolle er's nun ein für allemal gesagt haben: „Komm röroer!" Als der Schrei des Bogels das Ohr der beiden Brüder erreichte, flog über Herrn Friedrichs Angesicht ein Schatten, wie aus jener Nacht, von der er feinem Bruder heut zum erstenmal gesprochen hotte. Der Senator aber faßte feine Hand und sagte leise: „Mein Friedrich, das hat jetzt keine Bedeutung mehr; du bist nun ein für allemal herüber." Als Herr Friedrich hierauf den Kopf erhob, um feinen Bruder anzublicken, blieben feine Augen auf dem Bubenhaufen vor der Pforte haften, und die finstere Miene wurde von einem fast schelmischen Lächeln fortgedrängt. „Keine Bedeutung mehr?" sagte er, die Worte des Bruders wiederholend. „Meinst du, ich verstünde ganz allein die Papageiensprache?" und ohne eine Antwort abzuwarten, rief er mit lauter, kräftiger Stimme: „Holla, Jungens, wat feggt de Papagoy?" Da kam zuerst eine noch etwas zaghafte Stimme, dann aber eine nach der andern und immer lauter und lauter: ,„Komm röroer! Komm röroer!’ feggt de Papagoy." Und lustig winkend erhob Herr Friedrich den Arm: „Nun denn, alle Mann hoch: .Komm röroer!' und ebenso luftig wies feine Hand nach den brechend voll beladenen Stachelbeerbüjchen. Zuerst faben die Jungen nur einander an und flüsterten angelegene ’ lich mitsammen; sie konnten sich's nicht denken, daß der böse Herr Friedrich Jovers mit einem Male so erstaunlich gut geworden sei. Als aber jetzt die beiden Herren Jovers in ein unverkennbar herzliches Lachen ausbrachen, da war kein Halten mehr, einer wollte nod) eger als der andere, und bald sprang und fiel und purzelte der ganze^Schwarm über die Pforte in den Garten hinab, und unter jeder «tachelbeerstaude saß mit lachendem Angesicht ein unermüdlich schmausender Junge. „Christian Albrecht", sagte Herr Friedrich, den Arm um seines Bruders Schulter legend, „wenn erst deine Jungen hier fo in den Buschen IiC9©a erscholl hinter ihnen vom oberen Teil des Gartensteiges ein helles, fröhliches „Bravissimo!", und als sie sich hierauf umwandten, da stand in der offenen Tür des Pavillons inmitten aller Gaste ixe junge, anmutige Frau Senatorin; mit emporgehobenen Armen hielt sie den Brüdern ihr eben erwachtes Kind entgegen, das mit großen Augen in die bunte Welt hinaussah. Ein großer deutscher Afrikaner. Zu Georg Schweinfurths 10. Todestage. Bon Alfonso. Czidulka. Als ick vor tunem einem Bekannten von meiner Absicht sprach, anläßlich ^er Wiederkehr des 10. Todestages bes e°rel/enÖt®nc ®^^2 Schroeinfurtb ein flüchtiges Lebensbild zu schreiben, fragte er miq erkannt ob ick mick denn nicht irre und ob Schweinfurth wirklich erst vor zehn Jahren gestorben sei. Die Frage 'st.^rstandlich, denn Schwein- furths afrikanischen Anfänge liegen weit zurück. Al- er von seiner ersten Reise zurückkehrte und durch Wien kam, hatte er a^ und Widrigkeiten zu bestehen, weil über die ihn fc'"c£^c™.a‘03„ Ä den Koiser-Ferdinands-Nordbahn gerade die nach der Schlacht von Äomg^ grät; einsetzenden Rücktransporte liefen. Sange v r ch 9 Stanley die doch Jahrzehnte vor feinem Ende starben, hat Georg Schweinfurth den heißen und damals noch fo unerforschten Boden Afr bet®onift die Verwunderung darüber, daß dieser große Afrikaner noch so weit in unsere Zeit hineinragte, wohl zu begreifen und doch au manchen Gründen auch erstaunlich. Erstaun 1 ichvor a..m ->h , sich Schweinfurth nach feiner zweiten und b^uhmtes en Fah^ mcht etw fein übriges unwahrscheinlich langes Leben hindurch m dem Glanze die, Reise sonnte, sondern reisend, forschend und arbe , erfüllten blieb bis in die letzten Wochen seines gesegneten uni fo reu^erfuUUn Daseins. Es ist nicht so gewesen, daßersich dank semeshoh^ Auers eine Art lebendige Mumie aus den ersten Zeiten deutscher Afnkaforscyung noch durch unsere Tage schleppte. Er hat so lange fo Vollkommenes und Einzigartiges geleistet, daß der in seinem Urteil so unbestechliche und nüchterne Sven Hedin zum 80. Geburtstage dieses großes Afrika- reisenden schreiben konnte: „Georg Schweinfurth hat 53 Jahre hindurch mehr als irgendein Lebender oder Toter dazu beigetragen, das Dunkel zu lüften, das über dem schwarzen Weltteil lag." Seine vielen Reisen nämlich, auch feine berühmteste, sind nur ein Teil feiner Verdienste. Während den meisten Forschungsreifenden das Durchwandern unbetretener Gebiete, der Zauber eines geheimnisvollen und von Gefahren umlauerten Morgen, das veredelte Abenteuern also Selbstzweck sind, war Schweinfurth einer der Wenigen, denen das Reifen selbst, bei allem Vergnügen und allem Sensationellen, das sie dabei empfanden, doch nur etwa das bedeutete, was dem Geschichtsschreiber, dem Romandichter, dem Biographen das Studium feiner Quellen und feiner Stoffe ist. Erst der Bericht über Schweinfurths ganzes Leben wird der einzigartigen, vor- leuchtenden Gestalt dieses großen Auslanddeutschen ganz gerecht. Das heißt Auslanddeutfcher war er nur feinem Geburtsorte nach. Die Wefenszüge der Baltikumdeutfchen, denen er zugehörte, konnten sich an ihm wohl kaum noch zeigen. Erft 25 Jahre vor feiner Geburt war fein Vater aus dem Badischen vor der napoleonischen Militärdienstpflicht nach Riga geflohen. Dort wurde Georg Schweinfurth am 29. Dezember 1836 geboren. Als Siebzehnjähriger sah er zum erstenmal Deutschland. Dann studierte er Naturwissenschaften in München und Berlin, wo er bereits die Aufmerksamkeit Heinrich Barths auf sich zog, des ersten der großen deutschen Afrikaforscher. In Heidelberg holte er sich den Doktorhut. Drei Jahre später ging fein Traum in Erfüllung. Worauf sich schon der Knabe, früher Sehnsucht folgend, durch heimliche Uebungcn körperlich vorbereitet hatte: unbetretenes afrikanisches Land zu durchziehen, wurde Wirklichkeit. Auf einer verdienstvollen Reise durchstreifte er drei Jahre lang Unterägypten, die unterste Stufe des abessinischen Hochlands und die südnubischen Bergländer. Diese Reise gab den Anstoß, daß die preußische Akademie ihm für lange Jahre die Mittel der Humboldtstistung zur Verfügung stellte und ihm den Auftrag zu einer Forschungsreise gab, die unter dem bescheidenen Namen meiner botanischen Reise nach den südlichen Nilländern" zu einer der glorreichsten afrikanischen Fahrten werden sollte. In Suakin, dem damaligen Hauptüberfchiffungshafen der Mekkapilger, betrat Schweinfurth im Jahre 1868, in der Höllenglut des afrikanischen Hochsommers, zum zweiten Male Len schwarzen Erdteil. Von dort führten ihn drei Jahre lang feine Ritte und Wanderungen über das feiner Geheimnisse noch kaum entschleierte Chartum, über die Dinka-Djur- und Bongoländer, über den Kannibalenstamm der Njam-Njam in den waldreichen paradiesiefchen Gebieten des damals noch mächtigen Neaerkönig- reichs der Mongbattu, des „merkwürdigsten aller Völker Afrikas zu dem allein schon in der Luftlinie 2000 Kilometer vom Roten Meere entfernten nur dem Hörenjagen nach bekannten Flusse Uelle. Auf dieser wunderbaren Fahrt überschritt Schweinfurth als erster von Norden kommender Europäer die Wasserscheide zwischen Nil und Kongobecken, sand den merkwürdigen Strom Uelle, der sich, an Länge fast die Donau erreichend, in den Kongo ergießt und entdeckte das bis dahin für sagenhaft gehaltene Zwergenvolk der Akka, jene Pygmäen, von denen schon Homer und später Herodot und Aristoteles zu erzählen wußten. Dieser märchenhaste Zug, der erst viele Monate nach dem Siebziger Krieg zu Ende ging, von dem der Forscher erst während der Rückreise erfuhr, war seltenem Glück begünstigt. Wenn er aber im Vergleich zu den Fahrten anderer Afrikaner merkwürdig arm an Gefahren erscheint, so ist die Ursache dafür vor allem in Schweinfurths Bescheidenheit ja juchen, mit der er. über feine Reisen schrieb. Erst wenn man sein wundervoll farbiges, erregendes, oft zu dichterischer Sprache sich steigerndes, bei Brockhaus erschienenes Hauptwerk „Im Herzen von Afrika" aufmerksam lieft und rückschauend überdenkt, entdeckt man, daß die Abenteuer und Gefahren dieser Reise nicht minder aufregend und oft lebensbedrohender waren als die Erlebnisse Barths, Nachtigals und Stanleys. Es ist das auch natürlich. Führte doch Liefe Reife in Gebiete, deren Bewohner noch niemals einen Europäer gesehen hatten und zum Beispiel völlig außer Fassung gerieten, als sie an Schweinfurths entblößter Brust erkannten, daß der „Blattfresser", wie sie ihn wegen feiner botanischen Tätigkeit nannten, auch am Körper nicht sckwarz fei, jondern weiß. Auch lebte Schweinfurth eine Weile mitten unter Menschen- freffern, war sogar Zeuge so grausiger Mahlzeit und hatte auch allerlei Kämpfe mit Mensch und Tier zu bestehen. Dennoch ist dieser unvergeßliche Zug nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Bilde seines Lebens. Und auch die vielen Reifen, die noch folgten — so durchzog er nicht weniger als zwölfmal den Wüftenstrich zwischen dem Nil und dem Roten Meer, bereiste die Landschaft Jemen, den Liba-, non, und die lybische Wüste — erschöpften noch lange nicht feinen Forscher- drang. Will man sich der Krücke eines Vergleiches bedienen, so kann man seine Tätigkeit auf der Reife und in der Heimat, feine wissenschaftliche Arbeit am ehesten mit der Alexanders v. Humboldts vergleichen. An geistigen Ausmaßen nahe an Humboldt herankommend und fast wie diejer das 90. Lebensjahr erreichend, ist Schweinfurth vielleicht der letzte allumfassende Gelehrte gewesen. Ihm war die Welt niemals der Experi- mentiertijch seiner Sonderwisfenschaft und gelehrter Eitelkeit, sondern immer ein lebendiges Ganzes, wie er ja auch sein eigenes Leben zn wunderbarer Geschlossenheit, Erfülltheit und Harmonie gestaltete. Alles, was er tat, tat er vollkommen und mit der gleichen Tiefe und dem zähen, durch nichts zu brechenden Fleiß, mit dem er auf feiner Reife, trotz Krankheit und Entbehrungen, Müdigkeit und Hunger Tag für Tag feine Tagebücher füllte. Gleichgültig, ob es sich um Pflanzenkunde, um die Erforschung altägyptischer Wüstenstädte, um die ältesten Klöster der Christenheit oder um seltsame Felsenzeichnungen handelte. Noch in seinem neunten Jahrzehnt beschäftigte ihn die Geschichte der Nährpflanzen, deren Herkunft Wanderungen und Vorkommen er als den wichtigsten Schlüssel zur Kenntnis versunkener Kulturen betrachtete. Zwanzig Jahre lang lebte Schweinfurth ganz in Aegypten. Als er dann später nach Berlin übersiedelte, verbrachte er doch wieder jeden Winter auf afrikanischer Erde, Mz Berater und Anreger In kolonialpolitischen Dingen hak er vor allem Deutschland unvergeßliche Dienste geleistet. So zum Beispiel, als er in denkwürdiger, angriffsfreudiger Rede vor der Versammlung Deutscher Naturforscher und Aerzte eine Lanze brach für die von Unverstand und Spießertum als Narren und Abenteurer verlästerten Afrikasorfcher. Erst der beginnende Weltkrieg zwang den nun schon fast Achtzig- jährigen zum ewigen Abschied von seinen Sonnenländern. In säst jugend- lieber Gesundheit und Beweglichkeit, begnadet mit einer kristallklaren, wundervollen Altersweisheit, hat er das letzte Jahrzehnt feines Daseins vollbracht. Nach ganz kurzem Leiden hat er in der Morgenfrühe des 19. Septembers 1925 fein fo gesegnetes, fo ganz erfülltes und ausgefulltes Leben sanft beschlossen. Ein Bild germanischer Volkskraft nennt ihn Sven Hedin. Bekenntnis zum Leben. Von Heinrich Anacker. Keiner ist müde, und keiner ist alt, Der sich nicht selber vergreist. Keiner, der nicht mit Teufelsgewalt Stumpf wie ein Maulwurf ins Dunkle sich krallt, Lachen und Licht von sich weist. Welkte und starb dir ein schöner Traum — Faß dich und pflanz auf sein Grab Hoffend ein Reislein — einst wird es zum Baum, Und dir schweben von seinem Saum Rosige Blüten herab. Leben heißt Sterben und Auferstehn, Schwingend im Pendelschwung. Siehst du die Wolken im Sturme verwehn? Siehst du die ewigen Sterne sich drehn? Stark sollst du bleiben und jung! Oer Koburger Marsch. Von Franz Schauwecker. Der Weltkrieg hat keine funkelnden und bunten Angriffe geschlossener Reihen gekannt; es gab keine fahnenflatternde Sturmlinie voll malerischer Gruppierung vor effektvollen Hintergründen; nirgendwo war Trompetengefchmetter und Trommelwirbel zu hören, nirgendwo waren stolz gebäumte Rosse mit pathetisch sich gebärdenden Reitern zu erblicken, nirgendwo sah man begeisterungsjauchzende Gesichter mit strahlenden Augen — da hätten wir lange suchen können ... Was für eine herrliche Kriegsführung wäre das gewesen, du lieber Gott! — Ganz im Gegenteil, bitte sehr: das vergrub sich in Kies und Dreck, das wühlte in Kot und Kreide mit verkrusteten Händen, das kroch durch Schlamm und Geröll mit Augen, rot entzündet von Gasnebeln, das wand und schlängelte sich zwischen Erdbrocken, Granatsturz, Stank des Ekrasits, Balkensplittern, Drahtverhaurost und Sandsackgesetz, mit leeren Mägen, verschweißter Wäsche und hundert Flüchen aus der Lippe. Drüben war es in jeder Beziehung durchaus besser und nahrhafter: Granaten, Tanks, Soldaten, Uniformen, Ablösung, Essen, Trinken, Ruhe, alles war von A bis Z da, viel, gut und jederzeit parat ... es war nicht wie bei uns, wie bei armen Leuten, es war alles da: Bitte schön, bedient euch: Seife, Schokolade, Speck, Fußball, tadelloses Leder, zehntausend Granaten j>ro Geschütz, siebzig Flugzeuge auf ein deutsches, erstklassige Munition, herrliche Uniformen, prachtvolle Mäntel, dick gefüttert, wunderbarer Zeltgurnmistoff, absolut undurchlässig, prima Qualität von ersten Firmen — tjawoll, so war das, buchstäblich genau so! Und auf der anderen Seite lagen wir, verlaust, verschmiert, verhungert, halbe Gerippe, mit Sehnen wie Draht, mit Kinnbackenknochen, die kokett durch die Haut guckten, in morschen Uniformen, mit minderwertiger Munition am Schluß ... bitte sparen, jeden Schuß genau überlegen, nicht mehr als zwanzig Schuß pro Tag und Geschütz! Irgendeine Erhebung gab es für uns nicht. Wo denn? Was denn? Musik? Siegesgewißheit? 1918! Ach Gott, da bezog man alles aus sich selbst allein, da war man völliger Selbstversorger, da hatte man gerade den Grund und Boden fest, auf dem man zufällig stand, umherkroch, marschierte. Aber eines wundervollen Nachmittags im Spätsommer 1918 ...da war für ein paar Stunden ein einziges Mal alles umgekehrt und zurück- aefchraubt in eine Art von fabelhafter Vergangenheit, daß einem der Mund offen stehen blieb, daß man die Augen aufriß, daß man sich in den Arm kniff, ob so was tatsächlich und Überhaupt möglich und wirklich vorhanden sei. Da waren wir nach dem plötzlichen Angriff der Franzosen aus dem Walde von Villers-Cotterets in die rechte Flanke der bis nach Chateau- Thierry vorgebeulten deutschen Linie auf dem Marsch nach vorn, um die zuriickgehenden Kameraden da vorn, die dünne, kümmerliche Reihe von abgekämpften Soldaten, diefe bröckelnde und brüchige Front endlich abzulösen. Wir waren die ganze Nacht hindurch marschiert, unablässig zu auf das Gemurr und Geknurr vor uns hinter dem Horizont, den Hügeln, Schluchten und Wäldern im Dunkel, auf den bleich glimmenden Himmels- rand los, der manchmal auf brüllte und sich wand in bebenden Krämpfen vom Licht und zurückfiel und stöhnte und verstummte und wieder auf- fchrie ... unablässig die ganze Rocht, du meine Güte, mit Beinen, schwer wie Sandsäcke, ach Herrje! und mit dem bezaubernden Bewußtsein, daß da fein Blumentopf mehr zu gewinnen war, und daß man nur durch die Röhre gucken konnte, schnurstracks in den Mond ’rein, die kreisrunde Fratze des Vollmonds. Hinter dem Chemtn des dames, In der Gegend von Vauxaillon, halten wir gegen Morgen in einem kleinen Dorf, wo das Land rundum flach- hüngelig ist wie weite, langhingezogeNe Wogen voll Wäldern, Bächen und Kornfeldern. Da bleiben wir den Tag über. Und am Abend, bevor wir wieder antreten nach vorn — du lieber Gott, da geht das Gepolter unentwegt fort, fast pausenlos! — da fängt unsere Musikkapelle an, auf dem Markt zu spielen. Sie spielt fast nur Märsche: den Hohenfriedberger, den Marsch in Regimentskolonne, den Sedanmarsch, Preußens Gloria ... und indessen treten die Kompanien auf dem Marktplatz an, und das Bataillon findet sich zusammen, und das zweite Bataillon kommt dazu, und das dritte rückt durch die Straßen heran. Da ist das Regiment zusammen. Wir alle wissen, was da vorn auf uns wartet. Keiner von uns ist weniger als ein Jahr an der Front. Viele sind zwei- und dreimal verwundet worden. Es ist im Sommer 1918. Das sagt alles. Unsere Aufgabe ist nicht mehr der Sieg. Es handelt sich nur noch darum, den Sieg von denen da drüben, den ungeheuren Vormarsch des Gegners, zum Stehen zu bringen. Wer weiß, wieviele von uns zurllckkommen werden ... welche Schicksale auf uns lauern ... es gibt da verdammt viele Möglichkeiten, die verdrehtesten Kombinationen, zum Beispiel verwundet in Gefangenschaft, nicht wahr? Oder wie wäre es mit einem kleinen Bauchschuß, drei Stunden lang hilflos auf platter Erde im Trommelfeuer und bann hinterher beim Rücktransport, eine Minute vorm rettenden, bombensicheren Sanitätskeller, ein verirrter Zufallstreffer — ein Schuß von Hunderftaufenden — quer durch die Brust, der einem die letzten Aussichten auf Rettung nimmt! Und in derartigen hinreißenden Phantasien versunken, stehen wir hier in Reih und Glied mit „Rührt euch!" und stellen abwechselnd das rechte Bein vor und zurück und drehen die Köpfe und rucken mit den Schultern die Tornister hoch und fingern am Brotbeutel umher ... wenn wir doch endlich bloß abmarschierten, daß es losginge; denn dieses Warten ist so blödsinnig langweilig und unruhvoll ... weiß der Teufel! Und die Musik stampft und dröhnt und klirrt unentwegt auf einem Fleck, bis mit einem Male eine einheitliche Bewegung in alle Kolonnen kommt. Wir treten zum Abmarsch an. Und mit dem ersten Schritt nach vorn sind wir mit einem Male mitten im Takt des Marsches, werden wir mit einem Ruck plötzlich ersaßt von der brausenden Gewalt der Musik und hochgehoben von einer ungeheuer hinstürzenden Woge des Rhythmus, Sturm und ekstatischen Funkeln und Lachen und Weinen. Mitten im Jahre 1918, wo man es beinahe nicht mehr ertragen kann nach vier Jahren, voll von unaufhörlichen Gefechten, Märschen, Hunger, Dienst, Nachtwachen, Uniform, Lebensgefahr, Verschmutzung, mitten in diesen Wochen, in denen sich das Schicksal sichtbar gegen uns wendet, in denen kein Trost, keine Ermutigung mehr in uns ist ... dennoch ...da bricht aus Dämmerung, Schweiß und tödlichem Licht da vor uns noch einmal flammend das Wunder hoch. Ja, da vor uns, da schreit die Musik donnernd auf. Ein Marsch erhebt sich klirrend, stampfend und schreitet ehern voran. Da wird die Last von Gewehr, Tornister und Koppel leicht. Die zerschlagenen Füße in ihren Stiefeln wie aus Lehm und Blei gehen leicht ... wie mit Flügeln, ja, sie gehen leicht wie mit Flügeln. Der schlitternde Prall der Pauke kracht. Trompeten brausen metallen. Wirbel von Erbitterung und Kraft fegen hin. Wir sind nichts anderes als eine graue, schmale Kolonne, ganz allein für sich, die nach vorn wandert mit tausend Beinen, schwer trappelnd auf dem harten Chausseeboden, ein grauer Zug im Schatten einer düsteren Tragik, ein Zug von deutschen Menschen, der sich langsam und wortlos vorarbeitet in sein Schicksal, ohne allen Glanz des Ruhmes, ohne Fahnen, ohne Licht, gleich einem lebendig gewordenen Teil der großen Landschaft rundum, roie eine Landstraße, die sich plötzlich aufmacht und loswandert, Schritt vor Schritt und Scholle vor Scholle in das Schicksal hinein, das wir alle kennen, das wir alle wissen. Aber da ist mit einem Male eine Erschütterung vor uns, ein Aufschwung, eine Flamme. Das Hagelgeknatter der Trommeln, das gellende Schrillen der Pfeisen, die donnernden Stimmen der metallenen Instrumente — bas führt uns mit einem Schuß burch alle ©lieber mitten in bas Herz hinein, daß es emporbrennt zu lauter weißen Kristallen und Funken, unb zuckt uns burch bas Hirn, daß es uns verrückt macht mit Fäusteballen unb Weinen und Lachen. Ja, ba steht eine Gestalt vor uns auf, bie Gestalt in einer flirrenben Rüstung aus Feuer, bie uns vorangeht unb führt mit einem unerbittlichen Zwang aus Krieg unb Zorn unb Entschlossenheit. Es sind ber Koburger Marsch unb der Armeemarsch Sieben, bie ba vor uns hinbröhnen. Es find die preußischsten Märsche, bie es gibt, die Märsche, in denen Deutschland schon beschlossen ist. Hier rückt eine von der Pflicht preußisch gebändigte Begeisterung, die trächtig und schwer von innen quillt, unaufhaltsam vor, eine besonnene, aber bann nicht mehr nadjgebenbe Entschlossenheit, bie die Schlacht nicht als jauchzende^rast- äußerung und die Tapferkeit nicht als Streitsucht sieht, sondern bie in dieser letzten Notwendigkeit des Krieges den unvermeidlichen Willen des Schicksals erblickt unb ihn ... nun bejaht sie alles ... auf sich nimmt. Ja, hier geht uns voran das schwere Gefühl der Verantwortung vor dem Tode von Tausenden in der fernen Schlacht, in die wir marschieren. So marschieren wir hin, und in das donnernde Hämmern der Pauke mischt sich zuweilen ber bröhnenbe Explosionsschlag ber Granaten aus Ferngeschützen, bie bis hier herüber pauken unb nach uns fassen und hauen, die gewaltigen Musikschläger von drüben. Es vermischt sich der büfterrote Marsch der Musik mit dem feurigen Todesgedonner ber Schlacht. Es geht alles ineinanber über ... Musik, Musik, Granaten! Unb fo erleben wir noch ein einziges Mal in einem roilben, finsteren, schweflig burchzuckten Tornabo aus Lärm, Klang, Trompeten, Marsch, Geheul, Trommeln ben riesenhaften Schwall einer verhaltenen, schmerzlich zerreihenben, todessüchtigen Begeisterung, Schulter an Schuster auf dem Marsch nach vorn, Seele an Seele ... ja, Seele an Seele. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche Llniverfitäts-Duch- und Steindruckerei. 2t. ßanae, Gieße»-