v°r un. let ihrer Mtunq, lanbtüfte v°n her Qefunten en noch ’M1 und l«B ein Loch iige erb. SietzenerKmilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1935 ßreitag, den 16. August Nummer 63 sten das zur Freude an aufregenden Vor- ir eine Gesellschaft, in der während egen und upigipltl richt ein. an durch nso mit itarte im die ein. es deck *en und, 't haben, n Süden ler pfeü' m (Bipftl «gehend ann, der n Manie! [t Hunde, eere: 8«' n, dann, r in d-i >m Lnsri' s Löwen Seine Kraft war in ihm mächtig Gin bändd-Roman von Ernst Alurm Copyright 1935 by Deutsche "Verlaga-Hnatalt, Stuttgart und Berlin (8. Fortsetzung,) [eiefit er' riich w« ihn hi"' > alle » n geg<,! rdig««"' niger ' ng. * iia !>« ** 'S nnn. Die m* hebe" f,ä iniurdp '■ >°"Ä brer Jj nur F1 inigR den M Z ild-"'§ ine.3! ti» s* {Ilten <’ sich un Borstel, 'ndschast, ugtpofit. : $alur. 1 in ein üllig zu. Küsten, n« Fein- auf eine »on den chen der den und )lin (bet 'er Sage, nkte Der. wollen: „fjerr Bündel meint —!" Aber er wehrte ihr ab mit einem leisen Wenk. Und sah sie dann an, milde und groß, die Frage in den Augen: was wellst du ihnen über mtch sagen? Einsam bin ich und ein Besuch aus Erden, du werßt es. Was ttviffort fio Ais die'Gäste des Gasthauses zudringlich wurden und Sänger der Vorstadtoper sich an den Tisch Händels setzten, brach d'efer auf Er verabschiedete sich in seiner kurzen Art von Gay, Ruh und Pepusch, herzlicher von Arne, der ihn und Susann« auf die Straße begleitete. Dort wollte Händel die Choristin in einem Wagen bis Zu ihrer Wohnung bringen^ sie aber fragte ihn, ob er nicht Lust habe, zu Fuß sichrem Stuck zu gehen. Sie wohne nicht allzu weit. Auch sei die Nacht milde und nebelfrei. Nach einigem Ueberlegen nahm Handel biefen Bor- ^Er "bereute es nicht. Es lohnte sich, zu dieser Stunde einen Blick in das Innere der Großstadt zu tun. Seltsam erschien den dunklen verlegenen oder frechen Gestalten, denen sie begegneten das gutgekle,dete Paar. Lauernde Straßenräuber schätzten vom überschatteten Torbogen aus die Kraft des Riesen ab und Dirnen lachten hinter der Reinen her Adelige mit einem Sparren, dachte das Volk. Indessen schenkte Handel diesen Geschöpfen Aufmerksamkeit und ließ die Stimmung der hufchem den Menschen, späterleuchteten Fenster und Klange von fernher aus sich wirken. Er und Susanna Arne sprachen zunächst nur, wenn sie sich über sie"Äer eine kleine Parkanlage durchgueren mußten, hielt der Komponist den Schritt an und sprach zu seiner Begleiterin: „Es war ein sonderbarer Abend." '.Mcht^ enttüuscht^und nicht^befriedigt. Das können Sie sich ja bentem Es berührte mich. Gay und Pepusch, die ich als andere Menschen schon kannte, so verändert wiederzusehen. Ihr Dater gefiel mir gut. Hat er Sie sehr lieb?" reich geliebten Mann: „Ich würde lieben ..." t „ Händel sah herab auf den zitternden Mund, auf die ,etzt alles gestehende Mädchenstirne, in die großen Augen. Er frug als Mann das Weib. Doch nun kam er sich vor wie ein Wachsender, wurde ein Mammut, wurde ein Berg, dehnte sich und erkannte: ich wurde dieses We,b erdrücken, ich kann sie nicht umarmen, w,e Gottvater seine Blumen nicht küssen kann, weil er sie zerpressen wurde, ich bin kein Mann ich trage nur Mannesgestalt, icki bin eine Kraft zwischen den Geschöpfen muß ihnen Helsen, das Wahre zu singen, muß sie schonen, mutz m Mit dem Zurücktreten vor Susanna Arne fühlte Händel in einem Crströmen seiner Seele ohnegleichen das Schicksal seiner göttlichen Em- samkeit, zugleich eine namenlose Baterliebe für das Mabchen, ein grenzenloses Mitleid mit den Geschlechtern, fühlte den heißen Wunsch, die kleine Sängerin glücklich zu sehen und alle Menschen, die es auf Erden sein konnten, mit ihr ... Sie sollten lieben ... Und weit wie ein Strom kam die Melodie der Versöhnung mit dem Verzicht: In'stner'stltsamen und reichen Nacht, als Händel sich zu dem Volke Londons und zu seiner Kunst beugte, gab er einem Weibe zu wissen, daß er fern der liebenden Berührung stünde, und brachte sie auf dem nächtlichen Gang an ihrer Seite einem Verehrer gleichend doch nur als schützender Vater nach Hause. Schritt bann, voll, bes Erlebnisses, ganz langsam aus unb kam an bas Ufer ber Themse, wo ihn bas Spiel bes Mondes auf dem Wasser bannte. Von einer wunderbaren Melodie cn fällt die aus seinem Wesen brach, als- er der großen Entsagung sich bewußt wurde, sah er nun, bas Strömen der Melodie in sich ununterbrochen weiter fühlend, mit Ergriffenheit den Strom der Erde d,e Themse. Schisse trug sie, Schmutz nahm sie auf aber gelassen gmg ihr Weg bis in den Ozean. Gelassenheit wird es auch sein, was die Strome Gottes aus Menschenherzen zum Ziele führt, und manchmal fließen sie unbehindert, rein und lautlos, und der Gruß eines fernen Sternes mag auf ihrem Rücken fein wie ein Spiel voll silberner Zartheit... erfüllen... grauenarme? , Händel stand völlig still, nachdem er schon die letzten Schritte langsam ging. Im Park war mehr Dämmerlicht von oben als in den Gassen. Händel konnte gut ins Antlitz ber Susanna Arne schauen, beren Augen e zu ihm aüfsahen unb gläubig, wie ihre letzten Worte waren. Vier e Jahre schon sah sie so zu ihm auf. In ber Mitte biefer Zeit sagte ie es ihm einmal, er hatte es vergessen, seit einer Woche erst wußte er, daß sie von ihm mehr erwartete als von jedem anderen Menschen auf der Welt. Ihr konnte er seinen Wunsch sagen... Fräulein Arne, wie klang das, als ich von Gay und Pepusch eine bessere Volksdichtung, einen schöneren Humor verlangte, als den der Bettleroper? Still, Sie wollen erwidern, es war schon richtig, nicht einmal schulmeisterlich. Aber ber eine sagte mir boch ins Gesicht, ich möge Selber diese bessere Bettleroper komponieren! Es war sehr herb zu hören im Augenblick und — war die rechte Antwort! Das sollt ich einmal, bas möcht' ich einmal schreiben ... Das Versöhnenbe ... „Herr Hänbel..." m „Ich habe Kamps entfacht mit meinen Werken unb Siege errungen. Das Glück unb auch bas Verzeihen habe ich in Töne gebracht. Aber es galt nicht allen, es wirb nicht alle berühren. Noch fehlt mir bte Melodie bei deren Erklingen das Leiden aller sich mildert und die Sreuben der wenigen allen sich zuwenden, die der Sieche versteht und der Rüpel, die ich fingen oder spielen kann in der Unruhe, breit und so lange bis ich ruhig werde — Fräulein! Was würden Sie tun, um diese Melodie 3U Susanna Arne fühlte, er frug in ihr das Weib. Er frug den Menschen, ber es wagen bürste, an fein Herz zu tasten, weil er dahin tc wollte schon seit Jahren — sie war so klein, Susanne war jetzt nur Sümmchen, die dumme, schweigende Choristin, doch nun war s Zeit „ Rede, und es gab nur eine Antwort an den tiefverehrten, ganz und „Ja, er verehrt mich beinahe." „Und Sie wollen nicht an seiner Oper fingen?" „Wegen ber anberen unb wegen bes Spielplans." „Geben Sie mir also recht mit bem, was ich gegen die Bettleroper einroanbte?" . , _ . , _ „Wie sollten Sie nicht fühlen, was richtig ist, Herr Hanbell „Na, das ist verflucht zuviel gesagt!" Unter einer rauhen Hülle verbarg Händel die Freude über bes Mädchens Glauben an ihn, den er neuerdings fühlte. Wie schön, weiß Gott, wie schön war's doch, daß so ein Mensch an seiner Seite ging! Er hatte Freunde, Arbuthnot und andere. Aber sie waren nur hilfsbereit im Aeußeren, sie setzten nie voraus, daß er einen Wunsch haben könne und eine weiche, warme Berührung brauchte, sich ihn selber zu Händel war, als er diese abgesprengten Künstler und den freundlichen Arne tiefer ansah, auf einmal voll Güte. Er sagte sich, daß nicht sie ihm Helsen konnten, sondern er ihnen, und sprach vieles anders als vorhin. „Lieber Gay, Ihre Oper ist nicht etwa mißlungen. Sie machte mehr Eindruck auf mich als ein Werk Bononcinis ober eines von mir selber. Sie haben etwas aeleiftet unb Pepusch hals Ihnen vorzüglich, bie Worte cus Ihrem Herzen mit lebenbiger unb zuweilen berückenber Musik zu verklären. Aber benken Sie nach, ob Sie nicht ein wenig zu böse waren, als Sie bies schrieben. Walpole hat Ihnen einen Wunsch nicht erfüllt. Warum ihn beshalb gleich als ben gemeinsten Schurken hin- stellen? Er ist bas nicht. Keiner in England ober irgenbroo ist es, ber dunkle Geschäfte treibt ober Menschen förbert, bie ihm zu Gesicht stehen. Keine ber Labys, denen Sie Ehebruch ober tölpische Liebe vorwerfen, irrt freiwillig. Es sind allesamt (Befangene ihres Ehrgeizes oder Sehn- iichtige in. goldenen Käsigen. Klatsch und Freude an aufregenden Vorfällen sind fast die einzige Erleichterung für eine Gesellschaft, in der es verdammt langweilig und trift zugeht. Sie wissen das, Gay. Und sehen Sie, darum glaube ich, ist das Volk weniger unglücklich als die Reichen, und hat gar keinen Grund, diese anzuflegeln. Nein, es mußte sich der Vornehmen erbarmen! Eine Bettleroper, in der Lords und Ladys das saftige Leben ber Lumpenträger mitmachen bürfen, ohne sich habet etwas zu vergeben — so was ließe ich mir gefallen." , . Pepusch verglich wohl währenb Hänbels Rebe dessen Lebenslauf mit dem seinen. Er glaubte ihn auch persönlich zu treffen als er ausrief: „Schreiben Sie boch eine solche sanfte Bettleroper! „Ich, Pepusch! Sie wissen, baß ich roeber zu ben Reichen noch zum Mü^e°inem^Blick"'nach innen verstummte Hänbel plötzlich. Nicht nur Pepusch auch bie anderen warteten, baß er roeiterfpreebe. Und ,ah schien Susanna Arne, bie bisher säst völlig schwieg, etwas für ihn sagen zu Händel schrieb, bahekm angekangk, die Töne der Melodke In Noten auf das Papier und spielte sie dann, spielte bis zum Morgengrauen, bis zum Sonnenaufgang ... Er konnte sich nicht trennen von diesem schlichten und milden Wunder der Musik. Fast sagte er sich: was soll ich damit anfangen? Für eine Oper mit dem Gesang der Italiener ist die Melodie zu schade, in den Kirchen würde sie zu demutsvoll und klagend vorgetragen werden. Sie kam aus dem großmütigen Leben und sollte nicht in Nonnenhäusern auf die Welt verzichten lehren, sondern die Welt verklären. Einer fühlte Verzicht, als er sie fand, aber nicht aus Schwäche, sondern aus einer Kraft, die in ihm mächtig war... Dennoch konnte diese Kraft nicht in Güte sich verschwenden, sie muhte gesammelt bleiben für den Kampf. Händel ging außer Haus und war entschlossen, die Melodie, welcher er die vorläufige Bezeichnung „Largo" gab, einer heiteren Oper einzuverleiben als Gesang der Weisheit, wie er es sich gestern schon gedacht hatte. Nun wollte er in der Oper sich eingereichte Textbücher zeigen lassen, vielleicht war etwas darunter, was er brauchen konnte. Indessen kam es an diesem Tage nicht dazu. Eine aufregende Nachricht erwartete ihn: die Gesellschaft der Royal Academy hatte ihre Auflösung bekanntgegeben. Der Vorstand tagte seit acht Uhr früh, und Händel wurde sofort in das Haus des Herzogs von New Castle berufen. Er traf sämtliche Herren der Leitung an, vor den Türen auch Berichterstatter und bereits auch die ersten Gläubiger, die nach der Meldung in den Morgenblättern einen völligen Zusammenbruch der Opernakademie befürchteten und für ihre letzten Lieferungen die reichen Gouverneure selbst haftbar machen wollten. Doch es stand nicht ganz so schlimm mit der Gesellschaft. Ihrer Auflösung folgte am selben Tag noch eine Neugründung, die alle Verbindlichkeiten übernahm, die Geldeinlagen erhöhte und die Verwaltung vereinfachte. Die zwanzig Herren des Vorstandes wurden nicht wieder- gewählt, bloß die zwei Gouverneure. Händels Gönner Lord Burlington konnte keinen Einfluß geltend machen, und so bekam Händel, obwohl er diesmal als einziger musikalischer Leiter bestellt wurde, einen Vorgesetzten, dem er bisher mit gleichen Rechten zur Seite stand: Heidegger. Dieser gewandte und geschäftstüchtige Schweizer hatte es zuwege gebracht, in den Jahren seiner Tätigkeit an der Royal Academy sich ein Vermögen zu erwerben, da er auch außer der Oper Geld verdiente als Leiter von Vergnügungsfesten, die er vorzüglich durchzuführen verstand. Seine Ersparnisse nun befähigten ihn, bei der Neugründung der Akademie den Gefellschaftern angenehmerweise vorzuschlagen, sie möchten sich der Sorgen um das Opernhaus und den Fundus entledigen. Er sei geneigt, beides zu übernehmen und instand zu halten. Der Gesellschaft konnte es nur recht sein. Heidegger aber bekam damit viel Macht in die Hand. Er verhielt sich setzt sehr zurückhaltend zu Händel und glaubte, diesen rein als Kapellmeister behandeln zu dürfen, dem man eine fertige Truppe irgendwelcher Art in die Hand gab. Aber Heidegger erwies sich nicht als geschickt genug, Leute zu sammeln, noch dazu für ein durch Sängerkriege bloßgestelltes Haus, wie es die Royal Academy war. Er konnte sich keine anderen Zugkräfte in feine Oper denken, als die alten, und reifte der entschwundenen Bordoni nach, ohne sie wieder für London gewinnen zu können. Es blieb Heidegger nichts übrig, als Händel zu bitten, ihm bei der Werbung von Sängern behilflich zu (ein. Die zwei Männer standen sich gegenüber, der trockene in Verlegenheit und der überlegene mit Ruhe. Dieser nickte nur und machte sich einen besseren Plan zurecht als sein Mitarbeiter. Es war Hochsommer geworden, und Händel wollte nach Italien, um ganz neue Sänger zu suchen. Der Anlaß, einmal aus London fortzukommen, war ihm willkommen. Seit seiner letzten Fahrt durch Deutschland hatte er London nicht mehr verlassen. Reifen aber gehörten in fein Leben. Fruchttragende Landschaften zogen an seinem Auge vorüber. Hollands blühende Felder und das rebengrüne Rheintal, Landleute sprachen zu ihm, Wirte, Schmiede und Winzerfrauen, er freute sich an der Mundart und am Humor, sah auf zu den Felsen der Alpen und nieder zum sonnverbrannten Staub der Poebene, aß mit Vergnügen nach Jahren wieder ölgebratene Fische und lauschte den schwarzlockigen Söhnen der Sonne ihre endlosen Flüche ab. Und er hatte eine unbeschwerte Freude beim Hören der Volkssänger, aus deren demütiger Quelle durch Verwöhnung der Welt der Hochmut des italienischen Operngesanges aufsprudelte. Mit frischen Sinnen nahm Händel auch die Mufik der neueren Tondichter im Süden aus, eines Pergolesi, Hasse und Porpora, schon in Mailand und Venedig, noch mehr aber in Rom, wo er mehrere Wochen blieb. Er war dort Gast des Kardinals Ottobuoni, mit dem er schon auf seiner ersten Jtaliensahrt befreundet wurde. Dieser Schätzer der Kunst, eines jener schönen und männlichen katholischen Kirchenhäupter, die den geistigen Adel des päpstlichen Hofes bedeutsam erhöhten, war Händel herzlich zugetan. Er ahnte in ihm die Gewalt Gottes und sah ihn gerne auf den Wegen geistlicher Musik gehen. Nun frug er Händel: „Kam die Gnade, von der wir schon einstens sprachen?" „Zuweilen." „In ganzer Fülle?" „Ja, einmal. Das war erst jüngst..." Auf der Hausorgel spielte Händel dem Freunde das Largo. Erschüttert hörte der Kardinal aus den milden Tonfluten die Ueberwin- dung. Er sah zu dem Gesicht des Gastes aus, das die große Seele spiegelt«. — Kennst du auch schon die Stunden, Gigant, die wir Priester kennen? Oder ist es weiter bei dir und großmütiger, das Gefühl? „Was gab den Anlaß zu dieser Musik?" „Der Verzicht..." In Rom hatte Händel plötzlich ein Gefühl der Bangnis um seine Mutter. Er schrieb nach Hause, daß er sie noch in diesem Jahr besuchen werde. Schon waren Monate mit der schwierigen Sängersuche vergangen. Verpflichtet hatte Händel während dieser Zeit für die Londoner Akademie erst den vorzüglichen, aber doch schon alternden Bernacchi, dessen technisches Können nicht ganz einen fehlenden Glanz ersetzte. In Mailand gelang es ihm, eine bessere Kraft zu gewinnen: die Sängerin Shroba bei Po. Sie hatte Aehnlichkeit mit der Cuzzoni, aber sie besch feinere Seiten des Charakters, und Händel fand den Umgang mit ihr sehr angenehm. Um so weniger gefiel ihm auf den ersten Blick ifa Gatte, eine Zuhälternatur, der die Kunst seiner Frau auszubeuten v-i. stand. Das beschattete Glück ihres Lebens nahm Händel für die Kiinsl. lerin doppelt ein. Eine beseelte Kraft ihrer Art sand sich nicht mehr, trotzdem Händel noch eine Reihe von Sängern den Winter über urj zum Frühling hin verpflichten konnte. Händel eilte, als alles getan war, aus dem Süden fort und tr«f früher, als man ihn erwartete, in feiner Heimatstadt SjaUe ein. Sein innere Unruhe kam aus tiefen Quellen, und was er befürchtet Haiti, bestätigte sich ihm. Er fand die greife Mutter gelähmt vor. Ein Schlag anfall traf sie im Winter und nahm ihr nicht nur die Bewegung bir Glieder, sondern auch das Augenlicht. Tastend glitten ihre gekrümmte: Finger mühsam Über des Sohnes großes Antlitz, sie lächelte matt dein Fühlen der fleischigen Backen und wohl tat ihrem eingefallenen Mund, sein fanfter Kuh. Händels Zeit war bemessen, und er mußte roeiter. Schon wartete man in London auf ihn, und er sollte noch in Hambuc, sich nach Sängern umsehen. Aber diesmal ging er nur ganz schwer-, Herzens von der Mutter. Er spielte ihr das Largo vor. Sie fragte,, was das sei, ein Kirchenlied oder ein Sterbegesang. Trost, wollte et antworten, hörst du es nicht? Nicht als dein Sohn nehme ich Abschiei von dir, sondern mit dem Auftrag des Ewigen, dir inniger als ander« das Scheiden von der Erde zu verklären, du süßer Schoß, der mic trug ... Auch in Hamburg hatte Händel Glück. Er sand den Bassisten Ri» menschneider. Die Hamburger machten Witze, daß der Opernrattenfänget in der Verlegenheit immer käme, um sich das aus der Elbestadt j.i holen, was es in London eben nicht gäbe. Händel erfreute sich fteti von neuem am guten Humor dieser Stadt, der er den Ruhm feinet Jugendwerke verdankte. Er ging durch die Straßen mit ihren schöne: Kaufhäusern, sah auf zu den bunten Fenstern des Bürgersaales am Rathaus und kam im ziellosen Gehen bis zu den Vorratsspeichern m! endlich zum Hafen. Dort schaute Händel einem ausfatjrenben SchG nach, und es war ihm, als sähe er sich selbst, jung und unge? wie er damals war, als er feinen Weg nahm von hier ... Er gerne ein paar Tage sich in jene Zeit zurückversetzt, doch wartende schäfte drängten ihn zur Abreise. Heidegger hatte in Händels Abwesenheit nichts Gutes füx ihr ton. Im Gegenteil waren die Londoner nach des Schweizers Wit- । tuerei der Meinung, daß Händel gegen früher eine sehr untergeorl i Rolle in der Oper spiele. Auch Bononcini, wieder in London, trat mm Heidegger in Verbindung. Trotzdem wagte dieser nur mit einer HändÄ Oper die neue Akademie zu eröffnen. Aber es war ganz deutlich not. vornherein, gegen wen gearbeitet wurde. Man machte den von Händn! mitgebrachten Sängern den Erfolg schwer und stellte die Strata zunächst in einen ungünstigen Vergleich mit der Cuzzoni. Als sie sich trotzdem durchsetzte, ließ man bei der zweiten Aufführung den lenon Bernacchi grausam durchfallen, indem sich keine Hand nach seinem Singen zum Beifall rührte. Händel mußte weiter Umschau halten. Einen wenig erfreulichen Gewinn brachte diese neue Sängersuche den aus London schon abgewanderten Senesino, der mit einem glän1 zenden Jahresgehalt als „Unersetzlicher" neu an die Royal Academy verpflichtet wurde. Der verwöhnte Sänger, seinerzeit während dm Primadonnenstreite etwas vergessen, zeigte jetzt Launen, und doch man Händel kaum Herr über die anderen, so sehr schadete ihm fjeibeggers Vormachtstellung. Nie in ben Jahren ber ersten Akademie hotte es so» viel Wechsel gegeben wie nun innerhalb einer Spielzeit. Von ben ßou-1 bonern wurde jetzt die Oper ber Sängergasthof genannt. Trotz täglichem Aergers komponierte Hänbel mit einem Kraftaufwanb, ben bie Ata> bemie nicht mehr wert war, in brei Spielzeiten sechs neue Opern, vom benen keine ein großer Erfolg würbe. Erst bie siebente in ber viertem Spielzeit füllte roieber mehr bie Häuser ber niemals ausoerkauften, oft fast leeren neuen Royal Acaberny. Aber auch bies war kein echter Sieg für Hänbel. Die Sänger, mH benen er ihn erfocht, waren ihm zum großen Teil feind. Zwischen Senesino und ihm wuchs bie Spannung ins Unerträgliche. Eines Tages kam ber Kastrat mit einer Blume im Knopfloch, stellte sich im Probensackl auf den Dirigentenschemel und rief über bie Sänger unb Musttm hinweg bem eintretenben Komponisten entgegen: „Signor Hänbel, jetzt werde ich einmal der ganzen Versammlung erklären, was in Ihre Dutzendopern noch hinein- und was heraus» gebärt! Ein längst fälliger Vortrag, roiffen Sie!" Das war Händel zuviel. Mit Getöse flog ber freche Sänger zuerst vom Schemel ben Musikern in bie Arme, bann zur Türe hinaus. Wieber, wie bei bem Cuzzoni-Krach, fiel eine Probe ber Akabemie wegem ungeheurer Aufregung Hänbels aus. Aber biesmol wurde ihm von dem Gouverneuren ber Oper nicht recht gegeben, unb Heibegger erging sW in feindseligen Vorwürfen. Er stellte die Frage, ob Händel so blind! fei, zu übersehen, daß Senesino herausgefordert habe, weil hinter ihm eine Macht stünde. Konnten Sie sich nicht den Heinen Scherz gefallen lassen? Was sind Sie jähzornig unb unbiplomatisch, Hänbel! Bononcini will eine Open gegen uns eröffnen, Senesino ist nun totsicher fein erster Star — Sie haben ihn hinausgeworfen, und sein Vertrag mit uns ist gelost!" Dies war wortwörtlich so. Alle Sänger, bie Händel schon kannten ließen eine Klausel in ihren Vertrag setzen, wonach sie frei waren„ wenn Händel handgreiflich mit ihnen verfuhr. Es wurde schwierig fun bie Akademie. Ihre Aktien sanken tief im Wert. Die Vorstellung^ blieben unbefudjt. So wie es ging, lösten bie Sänger Ihren !8ertrag- Keine Kraft von Rang blieb Hänbel treu außer ber Straba. Sie allem aber war zu wenig. Gegen Enbe b* Spielzeit konnte kaum eine Oper genügenb besetzt werden. Und bie zweite Royal Academy loscht« ous- (Fortsetzung folgt.) Ein Pilgrim. Von Conrad Ferdinand Meyer. ’s ist im Sabinerland ein Kirchentor — mir war ein Reisejugendtag erfüllt — ich saß auf einer Bank von Stein davor, in einen langen Mantel eingehüllt, aus dem Gebirge blies ein harscher Wind — vorüber schritt ein Weib mit einem Kind, das, zu der Muter flüsternd scheu begann: „Da sitzt ein Pilgerim und Wandersmann!". Mir blieb das Wort des Kindes eingeprägt, und wo ich neues Land und Meer erschaut, den Wanberstecken neben mich gelegt, wo das Geheimnis einer Ferne blaut, ergriff mich unersättlich Lebenslust und füllte mir die Augen und die Brust; hell in die Lüfte jubelnd rief ich dann: „Ich bin ein Pilgerim und Wandersmann!". Es war am Comer- oder Langensee, auf schlichter Tiefe trug das Boot mich hin entgegen meinem ew'gen, stillen Schnee mit einer lieben Pilgerin — rasch zog mir meine Schwester aus dem Haar, dem braungelockten, eins, das silbern war, und es betrachtend, seufzt' ich leis und sann: „Du bist ein Pilgerim und Wandersmann!". Mit Weib und Kind an meinem eignen Herd in einer häuslich trauten Flamme Schein dünkt keine Ferne mir begehrenswert. So ist es gut! So sollt' es ewig sein ... r - Jetzt fällt das Wort mir plötzlich in den Sinn der kleinen furchtsamen Sabinerin, das Wort, das nimmer ich vergessen kann: „Da sitzt ein Pilgerim und Wandersmann!". Aus der Kulturgeschichte des weisens. Von Dr. Wilhelm Gemperle. „Daß wir uns in ihr zerstreuen, darum ist die Welt so groß." Mit diesem Goethewort ist der tiefere Grund des Reisens und Wanderns als einer Begegnung mit der Welt außerhalb unseres Tagewerks, als einer Erweiterung des Horizonts und einer Vertiefung des Lebensgefühles angedeutet. Heute — im Rückblick auf eine jahrtausendalte Geschichte — wissen wir, daß die Bedeutung des Reisens in den verschiedenen Epochen jeweils mit anderen Augen gesehen worden ist. Die Kreuzzüge der Ritter, die Pilgerfahrten ins Heilige Land und die Züge der Büßer und Geißler in den Pestzeiten waren Wanderbewegungen religiös entflammter Massen, die Handelsreisen der Kaufherren waren geschäftlich notwendige Unternehmungen, und die Wanderfahrten der Hanowerksgesellen dienten der beruflichen Förderung, aber sie haben ihren letzten Ursprung nicht dort, wo gerade wir Deutschen das Wesen des Reisens und Wanderns begreifen: in der Berührung mit den Wundern der Natur, im Abenteuer ohne jede Sensation und in der Bildung und Erhebung des Menschen, dies im weitesten Sinne des Wortes verstanden. Kreuzfahrten und Pilgerzüge, Handelsreisen und Gesellenwanderungen hatten ein Ziel außerhalb dieses Erlebnisses, wenn auch viele Ritter und Wallfahrer, reisende Kaufleute und Handwerksburschen an den Schönheiten der Natur nicht achtlos vorüber- gingen und die Weite der Welt als eine machtvolle Steigerung ihres Lebensgefühls empfanden. Reisen und Wandern, wie wir es im Strom der geistigen Entwicklung Deutschlands begreifen lernten, ist Entdeckung der Natur in der nächsten Umgebung wie in den fernsten Ländern, durch das Auge und das Ohr, mit allen Sinnen und nicht zuletzt mit dem Herzen, ist Verweilen bei den Kostbarkeiten der Kunstdenkmäler, der Landschaften und der Städte, innerlichster Austausch mit Menschen, Sprache und Sitte, kurzum eine Bereicherung, deren Wert in sich selber ruht und die nichts mit den enggesteckten Zielen des Existenzkampfes oder mit den Bedürfnissen des Erwerbslebens zu tun hat. Reisen ohne Geist und Herz, nur aus Freude an Kilometerfresserei und falsch verstandenem sportlichen Ehrgeiz oder gar aus Bildungsdünkel, weil man an diesem Ort gewesen sein ober jenes Museum besichtigt haben muß, ist zum öden Banausentum herabgewürdigt, und wer wie zahllose rastlose Weltenbummler glaubt, eine Reise beginne erst mit dem Betreten eines anderen Landes ober eines fremben Erdteils, der hat das „Zerstteuen" in dem eben genannten Goethewort zur Bedeutung der „Zerstreuung" verfälscht. Reisen ist in erster Linie Begegnung mit der Natur, Selbstbesinnung und Zwiegespräch, zugleich. Die „Kavalierstouren" vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, von deren Wesen wir aus dem Reisetagebuch des berühmten französischen Essayisten Montaigne einen lebendigen Eindruck erhalten, entsprachen zu sehr einer modischen Sitte, die in den Kreisen des Adels und des wohlhabenden Bürgertums verbreitet war, als daß die Ursprünglichkeit kräftigen und erlebnishungrigen Naturgefuhls auskommen konnte. Das Bilbungsoerlangen war noch ganz auf bie Beobachtung ber gesellschaftlichen Zustänbe, auf Eigenarten ber Kleibung, ber Begrüßung unb bes geselligen Verkehrs ausgerichtet, ber Blick mar nod) zu sehr burch bie Maßstäbe einer vornehmlich höfisch bestimmten Lebenshaltung eingeengt, als baß sich die Freude an den Wundern der Natur hätte frei entfalten können. Die Landschaft spielt deshalb in den Reisebeschreibungen des Herrn Montaigne kaum eine Rolle. Daneben aber hat es schon immer eine unbefangen-naive Naturschilderung gegeben, wie die bes Stephan von Gurnpenberg, ber in seinem „Reysebuch bes heyNgen Landes" im 15. Jahrhundert das Dorf (Tana „an einem Bühel" mit den Worten zeichnet: „Es war (o luftig darum, mit Bäumen, Laub und Gras, daß nicht davon zu schreiben ist. Denn wo wir ritten, da stunden Wiesen und Anger mit allerlei Färb' von Blümlein, die man erdenken mag, und Bäum mit voller Blüt." Wie geziert nimmt sich dagegen die Beschreibung des Gebirges bei Ouarinonius aus: „Gebirg ist in dieser runden Welt nichts anderes als ein gespitzter Diamant in einem goldenen runden Ring . Meistens fand man das Gebirge sogar „graulich und langweilig", wenn auch schon im 14. Jahrhundert der italienische Dichter Petrarca bie erhabene Schönheit ber Berggipfel mit ihrem weiten Runbblick gepriesen hatte. Die Natur erschien aber noch verhüllt von einem Schleier ernpfinbsamer ober gelehrter Betrachtungen, man nahm sie als Gleichnis ber göttlichen Allmacht unb belebte sie mit menschlichen Vorstellungen, bas Aug« hatte noch nicht gelernt, sie unmittelbar zu sehen. Auch für bie Aufklärung war bas Reisen wie einst bei ben „Kavalierstouren" hauptsächlich Bildungsmittel. So war Goethes Vater mit einem dicken Reisejournal nach Italien gezogen, um tagtäglich feine Beobachtungen und Entdeckungen sorgsältig einzutragen, die als wichtigster (Ertrag mit nach Hause gebracht würden. Auch Wilhelm Meister bekommt von seinem Vater noch ein solches Reisebuch mit, das er möglichst lückenlos ausfüllen soll, damit kein Bildungskörnchen verloren gehe, und er stellt fest, daß er nur „von Empfindungen und Gedanken, von manchen Erfahrungen des Herzens unb Geistes sprechen tonn, nur nicht von äußeren Gegenstänben, benen er, wie er nun merkte, nicht die mindeste Aufmerksamkeit geschenkt hatte." Das ist ganz bie Art ber sentimentalen Reise- deschreiber biefer Zeit. Ein wieviel frischerer Wind weht schon in ben Worten M o zarts auf ber Reise noch Prag, wenn er in einem Tannen« roalb beglückt ausruft: „Gott, welche Herrlichkeit, man ist wie in einer Kirche. Mir beucht, ich war niemals in einem Wald unb besinne mich jetzt erst, was es boch heißt, ein ganzes Volk von Stämmen beieinanber.. .* Die beutsche Romantik aber hat bie beutsche Lanbschaft erst wieder wahrhaft entdeckt. Viele ihrer Dichter waren selber wander- und reife» freudige Männer, bie wie Eichendorf fs Taugenichts beseligt durch die Felber streiften unb mit stillem Entzücken in bie Wälber bringen. Wie weit unb farbig tat sich bas unbekannte Deutschland vor ihnen auft Wenn Goethe sagt: „Wie glücklich mich meine Art, bie Welt anzufehen, macht, ist unsäglich. Unb was ich täglich lerne! unb wie mir boch fast keine Existenz ein Rätsel ist. Es spricht eben alles zu mir unb zeigt sich mir an!", so meint er damit nicht das zweckhafte Bildungsstreben der Aufklärung, sondern die Steigerung des Lebensgefühles, bie ihm aus ber Begegnung mit ber Natur im Reifen entgegenwuchs. Aber er hat ben Gefühlsüberschwang, mit bem bas Naturerlebnis so häufig verftacht und versüßlicht wurde, ebenso sehr abgelebnt unb versucht, mit ber Natur wieder in ein klares und starkes Verhältnis zu kommen. „Seit Sternes unnachahmliche Sentimentale Reise ben Ton gegeben unb Nachahmer geweckt, waren Reisebeschreibungen fast burdjgängig ben Gefühlen unb Ansichten ber Reisenben aemibmet. Ich bogegen hatte die Maxime ergriffen, mich so viel als möglich zu verleugnen unb das Objekt so rein, als nur zu tun wäre, in mich aufzunehmen." Der Durchbruch war vollzogen, in ben Werken ber Dichter spiegelt sich bie Wandlung in ben Bestellungen zwischen Natur unb Mensch, unb bas Reisen gewinnt seine ursprünglichste B-beutung. Nun erst gewahrt ber Mensch, welche bisher verborgenen Schönheiten in feiner nächsten Nähe liegen. Die Künstler finb auch bie Entbecker ber Lanbschatt Theodor Fontane hat auf bie herben unb eigenartigen Reize ber Mark Bran- benburg hingewiesen, bie bisher nur als bes Heiligen Römischen Reiches Streufanbbüdjfe verspottet worben war Die Worpsweber M-ckcr haben ben Blick für bie Wunber ber Moorlandschaft geöffnet, unb Hermann Löns hat gezeigt, welche Schönheiten bie weiten Flächen ber Lüneburger Heibe bieten. Die Menschen mußten im wahrsten Sinne bes Wortes erst roieber sehenb werben, ehe sie ben Reichtum bes Reisens unb Wanderns roieber entbecften. Reisen ist ein Jungbrunnen unb nur bem eröffnen sich Welt unb Natur, ber frei ist von engstirnigem Bilbungs- ftreben unb oo >m Drang, bie Länder ru durchstiegen, aus Furcht, eine Sehenswürdigkeit am Wege liegen zu lasten. Vögel von Kanaria. Aus der Heimat unseres Kanarienvogels. Von Theodor Engelmann. Kommt man zum ersten Male nach ben Kanarischen Inseln, so erlebt man meist allerhand kleine Enttäuschungen. Vielleicht weil man sich allzuviel von den „insulae fortunatae“, ben „glückseligen Inseln" ber Alten» erwartet hatte. Eine biefer Enttäuschungen ist unfehlbar die, daß einen beim Betreten ber Insel Gran Canaria nicht sofort Schwärme von Kanarienvögeln umflattern. Und fragt man bann schüchtern nach diesen wohlbekannten Vögeln, so werden uns enge, kleine Holzkäfige gezeigt darin graugrüne, unscheinbare Vogel still unb stumpfsinnig hocken. Was» bas sollen Kanarienvögel sein, unsere leuchtenbgelben, lustigen Tierchen, dke uns mit ihrem unermüblichen Singen und Trillern unb ihrem munter* neugierigen Wesen so entzücken? Nein, bas kann doch nicht ftimmen, unb wahrscheinlich hat der biedere Mann, der diese Vogel in den kleinen Käfigen am Hause hängen hat, unsere aus „1000 Worte Spanisch" zusammengestoppelte Frage falsch ver- ftanben. So versuchen wir es nochmals, mit dem Erfolge, baß er uns kopffchüttelnb auf ein Häuschen gegenüber verweist, bort wohne ein „alemancifo”, ein kleiner Deutscher. Auf einer grünen Bank vor ben blumengeschmückten Fenstern unb weißen Garbinen sitzt ba ein altes Männchen, ben eisgrauen Kopf — trotz ber Gluthitze — mit einem samtenen Käppchen bebeckt. Gelt, wir kämen sicherlich wegen ber Kanarienvögel, meint er sreunblich in frischerhaltener thüringer Munbart, unb wir seien wahrscheinlich auch so enttäuscht, hier nicht bie altgewohnten „Kanaris" zu finben, Ja, bas fei so eine Geschichte, unb er wolle sie uns gerne erzählen, so gut er es verstehe. Womit er, unversehens insSpanische Verantwortlich: vr. tzaaS Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Univerlitäts-Vuch» und Sleindruckerei. R. Lange. Dieben. verfallend, mtt einem zeremoniellen: „Sirvanse senfarse, cabalferos* uns 1 ' den kissenbedeckten Teil der Bank zum Sitzen anbietet nl(fie,nnMh>n Daß die kanarischen Inseln die eigentümliche Heimat der allbekannten । Kanarienvögel sind sei schon richtig. Aber seit der Bogel vor 3 bis 400 Jahren von den Spaniern eingeführt und dann wieder in Deutschland und anderen Ländern eingebürgert worden war, hat er sich tm Aussehen und Wesen derart geändert, daß man schon begreifen könne, wenn man In dem so unscheinbaren Vogel der Insel heute kaum noch den Ahnen unseres hübschen Zimmergefährten roieberertennt. Ob das durch Kreuzungen, durch Zuchtwahl, Klima oder Nahrung gekommen sei, das wisse er nicht, aber es seien doch wohl die Deutschen, die durch systematische Züchtung und Schulung das alles erreicht hätten. Davon könne er schon etwas erzählen, weil er doch selbst aus An- dreasberq stamme, dem bekannten Harzer Dorfe, wo die Kanarienzucht , daheim" sei. Da werden also die Tierchen aus kleinen Eiern mit unendlicher Mühe und Sorgfalt in „Heimarbeit aufgezogen das heißt m den eigenen Häusern der Dorfbewohner, wo die Bogel große Käfige oder auch besondere Vogelstuben haben. Mit der Nahrung sind die Tiere nicht anspruchsvoll, doch muß sie ihnen gleichmäßig und sauber „fermert werden, wie überhaupt diese in der Gefangenschaft geborenen Vogel merkwürdig ausgesprochene Kulturbedürfnisse nach Ordnung, Reinlichkeit, I 0UtUnb bann befonbers auf dem Gebiete ihrer „Kunst". 3a, bas ist eine ganze Wissenschaft, unb, wie man hört, gibt es bafur schon richtige Hochschulen (Singakabemienl). Bei bieser Schulung ist halt bie Hauptsache, baß die Tiere von Anfang an guten, vorbildlichen Gesang gewohnt werden. Das geschieht, indem man die „Lehrlinge" mit „Meistersangern , den sogenannten „Vorschlägern" zusammentut, wodurch sie nur „gute Musik hören: auch sotten sie in dieser engen Lebensgemeinschaft möglichst vor musikalischen Unarten bewahrt werden. Da nun aber der Geschmack des Publikums sehr verschieden und auch gewissen Modeschwankungen unterworfen ist, muß diesem Unterricht „von Vogel zu Vogel durch Menschenhand etwas nachgeholfen werden. Oder vielmehr mit besonderen kleinen Flöten und Pfeifen, auf denen kunstgeübte Lehrer und Lehrerinnen den gefieberten Sängern Vorsingen unb -pfeifen. Da gibt es allerlei Arten bes Kunstgesangs", bes Trillerns, bes Rottens, bes Pfeifens, bes Lispelns, des Schnatterns, unb für jebe hat man ein befonberes Instrument, eine Hohlpfeife, eine Klingelrotte, eine Trillerpfeife uff. Zu dieser Singousbilbung gehört für ben Lehrer nicht nur ein gutes Ohr, sonbern auch eine erhebliche Erfahrung. Die aber haben >ene Dorfbewohner im Harz unb an einigen anberen Orten, wo feit Uroaterseit die Kanarienzucht heimisch unb Haupterwerbszweig ist. So hat sich biese „Kunst" burch Generationen hinburch vererbt unb bamit einen Grab der Vervollkommnung erreicht, wie in keinem anberen Laube, so sehr man auch versucht hat, Deutschland dieses wertvolle Monopol zu entreißen. | Wie wertvoll unb wichtig für bie beutsche Wirtschaft biese Kanarienzucht unb bie sich baraus ergebende Ausfuhr nach allen Landern der Welt ist, zeigt die Statistik, die Mittionenwerte für diese „Harzer roller aufweist. Auch dieses Auslandsgeschäft erfordert ganz besondere Erfahrung und Einstellung: man muß nämlich wissen, daß fast jebes Land feine eigene Kanarienliebhaderei hat, und danach heißt es sich einzurich- ten. So legt man in England beispielsweise wenig oder gar keinen Wert auf den Gesang der Vögel, wohl aber auf die Farbe: demgemäß werden dorthin die sogenannten „Farbvögel" geliefert, die durch besondere Züchtung unb auch Ernährung — Cayennepfeffer sott zum Beispiel schone rote Färbungen erzeugen! — bie gewünschen Farbnyancen aufwesten. Wogegen anbersroo, wie etwa in Hottanb, nur „Gestaltvögel verlangt werben, also Tiere, bie vor allem auf Form gezogen finb, sei es auf „schlanke Linie", auf Rekorbgröße ober eine anbere Moberichtung. Andere Länder wiederum interessieren sich fast nur für ben Gesang mit all feinen verfchiebenen Arten und Abarten, bis zu einem fprechähnlichen Gesang. Hier steht natürlich Deutschland an der Spitze, wo man die höchsten „künstlerischen" Anforderungen an die gelehrigen Tierchen -stellt und wo man ja, wie bereits erwähnt, besonders begabte Sänger auf eine Art „Konservatorium" schickt, wo die acht Haupttouren ober „Rotten gelehrt werben. „ , Unb noch alle möglichen anderen interessanten Dinge erfahren wir von unserem netten, alten Sanbsmann aus bem Geben der Kanarienvögel: von der Art unb bem Erfolge ihrer Paarungen, von ben russischen Vögeln, bie keine Fortpflanzungen kennen, von ber grausamen alten Sitte, bie Schlagwettersicherheit in Bergwerken burch Kanarienvögel festzustetten unb manches anbere mehr. Doch müssen wir fetzt von unserem so mitteilsam aeroorbenen Mentor Abschieb nehmen unb ihn auf ein anberes Mal vertrösten. Bevor wir aber gehen, sollen wir noch seine eigene Zucht von Harzer Rollern auf Canaria beschauen, eine nette Auswahl von ent- ziickenben in Farbe unb Gesang gleich vollendeten Tieren, auf die er mit Recht stolz ist. Unb baneben Ijänat im kleinen Käfig ber kümmerliche, kleine, arnue Bogel — ber seltsame Ahnherr einer so erfreulich aus ber Art geschlagenem „emporentwickelten" Nachkommenschaft! Maler entdecken die Alpen. Zu ben Entdeckern ber Schönheit bes Hochgebirges muß man auch jene Wanderer zählen, die nicht mit Seil unb Steigeisen, sonbern mit Pinsel unb Palette bie Alpenwelt eroberten. Ehe noch jemanb baran dachte, bie Felsengrate unb bie schneedebeckten Gipfel zu erklettern, bie nur als Stätten ber Schrecken unb Gefahren angesehen würben, fanben sich Künstler. bie beim Anblick ber Bergriefen in tiefer Ergriffenheit versuchten, sie in ihre Silber zu bannen unb ben Mitlebenden bie Augen für bie eiaenortige Schönheit bieser Lanbsckaft aufzutun. Die ÜRifer bes Mittelalters letzten bie Berge auf ben Silbern aus einzelnen Schollen" wie aus Klötzchen eines Kinberbaukastens schematisch übereinanber; von bieser Auffassung ist auch Giotto noch nicht frei. und selbst Manleg na, 6er We granbiofeflen GestelnsformaNonen gestattet, hat diese unwirklich stilisierende Art nicht ganz überwunden. Aus den Werken der venezianischen Meister, eines Cirna daConegliano ober Sasaiti schließen dann leuchtende Gebirgsketten, rote man sie von der Lagunenstadt aus in blauem Dust herüberschimmern sah, den Horizont feierlich ab, wie ja auch in den Silbern ® i o r g i o n e s unb Tizians eine alpine Stimmung vorhanben ist. Unter ben nordischen Malern läßt Jan van Eyck zuerst in der weit sich breitenden Ansicht von Lüttich „Madonna mit dem Kanzler Rollin" mächtige Schneeberge, wohl (Erinnerungen an den Nordwestflügel ber Alpen, auftauchen. Aber so willkürlich wie hier an Stelle ber sanften Ardennen schroffe Fels- partien treten, so phantastisch sind auch sonst die Gebirge, aufgefaßt. Aus vielen Gründen waren ja für die Gotik Hohe Berge besonders anziehend. Die Entdeckerfreude, die sich in alle Erscheinungen der Schöpfung mit staunender Neugier und naivem Interesse versenkte, erblickte tn dem „himmelhohen Felsgetürme" etwas besonders Auffälliges, Wundersames, ein Region, bevölkert aus überirdischen Mächten, Gott näher als die stäche Erde, vielleicht aber auch vom Teufel bewohnt. Sodann passen die schroffen, spitzen, zackig zerrissenen, steil emporstrebenden Gipfel zu bem Formgesühl ber Gotik, bas bie Vertikale bevorzugt unb in einem starken Sontraitbebürfnis hinter einem still verklärten Mabonnenanttttz am liebsten ein abenteuerliches Gesteinschaos aufbaut. Aus ber Nähe aber hat bamals niemanb bie Alpen mit ruhigem Malerauge betrachtet: bie Schweizer selbst am wenigsten, benen bie Eigenart ihrer täglichen Umgebung nicht ausfiel. Es waren d e u t s ch e M e i st e r, tue aus ber Ferne kamen unb mit andächtiger Sorgfalt bie frühesten wirklichen Alpenbilber schufen. Die „Meerfahrt ber Heiligen" auf bem Tiefenbronner Altar des schwäbischen Meisters Lukas Moser wirb als bas erste reine Land- schastsbilb ber beutschen Kunst bezeichnet, unb wirklich ist hier bie Serg- lanbschaft recht realistisch dargestellt. Doch wie weit steht sie noch zurück gegen bie nur breizehn Jahre spätere Naturschstderung von Konr Witz, ber auf seinem Baseler Altarwerk Petri Fischzug barstellt! Aus Rottweil war der Meister nach ber Schweiz gepilgert, unb wir ahnen etwas von seiner Ergriffenheit vor ben großen Wunbern ber Natur, wenn wir sein Werk betrachten, bas völlig naturgetreu, nur in ben Berglinben etwas gesteigert, bas linke Ufer bes Genfer Sees mit Saleoe unb Montblanc roiebergibt. Das erste wohlgetroffene Porträt bes Königs ber Berge (Europas leuchtet hier von einem Gemälde bes Jahres 1444. Hatte bieser frühe große beutsche Maler nur aus ber Ferne die erhabenen S, Hou- etten ber Bergriesen festgehalten, so erfaßte sie ein noch größerer deutscher Maler auch aus ber Nähe. (Es ist Albrecht D ü r e r , ber erste, ber em nahes künstlerisches Verhältnis zu ben Alpen fanb. Er ist ber eigentliche (Entberfer ihrer Schönheit geworben. Daß er schon als 24jähriger bie Alpen kennenlernte, läßt sich mit ziemlicher Sicherheit aus seinen herrlichen, bie ®ebirgsroelt darstellenden Landschaften schließen. Damals entftanb bas Selbstportrat von 1498, das wie zur Erinnerung an die Wanderzeit, bie schöne, an bie Umgebung bes Brenner gemahnenbe Alpenlandschaft zeigt. Dann finben sich Lanbschaften mit steilen Felsbergen auf ben Porträts bes Tucherfchen Ehepaares, schöne alpine Motive auf ben beiben Silbern ber Beweinung Christi, unb bie Blätter ber Apokalypse empfangen viel von ihrer feierlichen Majestät burch bie großartigen Berggruppen, bie besonders hohe Bewunderung erregt zu haben scheinen und eifrige Nachahmung fanden. Zunächst hat Dürer die Alpen aus der Ferne gesehen, in grohlinigen Silhouetten und gewaltigen Massen. Dann rückt er immer naher an sie I heran, entwirft genaue Skizzen und bringt so realistische, unübertreffliche Studien fertig wie ber „Fenebiger Klausen", währenb er aus bem Kupfer- stich „Das große Glück" bas getreueste Konterfei von Klausen mit bem Kloster Säben bietet. Währenb bie anberen willkürliche Bergkompositio- nen, möglichst malerisch erbachte Formationen als abschließenbe Hinter- grünbe in ihren Silbern anbrachten, machte Dürer seine Stubien an Urt unb Stelle unb bilbete in ehrfürchtiger Scheu bie ewige Natur nach, ohne sie anmaßenb umformen zu wollen. Die alpinen Lanbschaften Dürers finb bahnbrechend unb mafsgebenb für bie Kunst seiner Zeit. Das Hochgebirge wirb nun auf ben Silbern bes 16. Jahrhunberts gerabezu Stöbe, unb es gibt kaum einen Künstler, der an biefer Freube an ber Sergroelt nicht teilnimmt. Nicht nur Die Schweizer, wie Hans Leu unb Nikolaus Manuel Deutsch umrahmen nun ihre Gestalten mit Felspartien, nicht nur bie fubbeutschen Meister wie Surgtmaier, Sreu, Schäufelin, Ulrich unb Apt malen bie Alpen in ihren Semälben, sonbern auch ber Thüringer Suvas Cranach uno ber Westfale Albegrever bringen Alpenhintergrünbe. Am eigenartigsten, aber auch am gewaltsamsten bemächtigt ber genialste Meister neben Dürer, Grünewalb, sich biefer Motive, inbem er bie Bergformen in Luft unb Farbe auflöft unb mit ben geheimnisvollen Wundern des Lichts umwebt: er tritt fo in bie Fußtapfen Sionarbos, ber ein großartiger Gestalter von erhabenen Gebirgsphantafien war unb tn einer I Zeichnung die Majestät eines Unwetters im Gebirge feftgehatten bat. em solche Versuche knüpfte erst wieder Turner mit seinen wolkenverhangenen, lichtumspielten Felsen an. . (Eine selbständige Alpenlandschaft, in ber bie Berge nicht nur Beiwerk waren, wurde zuerst von Albrecht Altdorfer zum Qegenftan eines Gemäldes gemacht. Um 1511 trat er eine große Donauwanderung an unb aus seinen Zeichnungen unb Skizzen hat man geradezu sti Wege feststellen können: es war die erste Studienreise eines Landschans- I malers, von der wir wissen. Die anderen „Meister des Donaustils , v allem Wolf Huber, bildeten bann die Alpenlandfchaft weiter aus, uno , Holländer haben sie vollendet von Pieter Breughel, dem großen Koloristen, der Böcklings Vorläufer wurde, bis zu Hercules Seger-, ; der an Segantini erinnert und besten Silber in ihrer stolzen KMryen , unb ernsten Ruhe zu ben Werken ber mobernen Vollenber ber Alpen , I lanbfchaft hinführen. L w"