Eichener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1955 . Zreltag, den (5. November Nummer 89 Liebesroman GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE Von Walther von Hollander Copyright 6y August Scherl G.m.b.y., Berlin 16. Fortsetzung. Die Sonne steigt auf. Sie prallt auf das Dach über Alfred Meimbergs Bett, und es beginnt wieder zu knistetn wie von Mausezähnchen. Von der Alb herunter kommt ein ziemlich heftiger Morgenwind, mit Dust von Laub und dem Heu der Waldlichtungen, von Himbeerbüschen und Heidelbeergebüsch. Einmal klatscht das Wasser hohl auf. Barbara, die gerade von ihrem Kissen auf den Fluß sehen kann, sieht, daß der kleine Körner das Floß, das man in der Nacht als Tanzparkett mißbraucht hat, wieder seiner Bestimmung zuführt. Er hat es mit großer Mühe wieder zu Wasser gebracht und fährt nun langsam den sonnigen Fluß hinunter, indes er mit einer Stange sein Fahrzeug vom Ufer fernhält. „Barbrara?" ... Nein, nun schläft sie schon. Sie hört wohl, wie er ruft: „Barbara ... Barbil", aber sie ist schon traumgelähmt. Sie kann gar nicht antworten. Oder doch, sie antwortet nach ein paar Minuten, schon aus dem Schlaf heraus, nein, sie schreit: „Alfred! Alfred!" Sie träumt nämlich das, was sie am Abend bei Rauthammer gespürt hat. Sie träumt, daß sie mit Rauthammer auf einem Floß einen Eis- schollensluß hinuntertreibt. Merkwürdigerweise ist es dabei Sommer. Das Heu düstet. Die Eisschollen riechen nach Himbeeren. Sie träumt, daß die Fahrt immer schneller wird, und nun taucht Alsred endlich am Horizont auf. Er hat — natürlich — eine Eisscholle mit eingebautem Motor, der schnurrt von fern. Aber er kommt nicht vorwärts, und Rauthammer kann einfach mit feinem Atem sein Fahrzeug schneller treiben. Da also schreit sie: „Alfred! Alfred!" Und sie weint und ruft: „Ich gehöre doch zu dir. Das ist doch ganz klar. Alfred! Alfred!" Alfred aber ist aufgestanden. Er beugt sich über sie. Schade, daß sie feine Augen nicht sehn kann. Jetzt, da er ganz allein ist, jetzt, da er sich vor niemandem schützen, gegen niemanden wehren muß, jetzt sieht er zum erstenmal mit liebenden Augen. 19. Der Fluß rennt. Die Zeit rennt. Alfred Meimberg wacht auf. Elf Uhr. Er springt aus dem Bett. „Barbi!" Natürlich, ihr Bett ist teer. Ist das etwas Besonderes? Muß sie lange schlafen, weil er lange schlaft? Albern. „ , „.. Er sieht hinaus. Sehr sonnig. Man muh die Augen zuknelfen. ytorner kommt vorbei in scharlachrotem Bademantel, Frau Körner in ihrem srei- gebigen Badeanzug. „Guten Morgen ... Guten Morgen ... Haben Sie „Jawohl", schreit Körner, „die gnädige Frau ist m den Watd ge- ^Daniel^ruft Meimberg zurück. Also Kopfsprung ins Wasser. Heraus. Abgetrocknet. Kopf wird schon klarer. Eingeseist. Ordentlich .Schaum Sagen. Rasiermesser abgezogen. Können nur wenige so gut rote Alfred tberg. Eins-zwei, eins-zwei, eins-zwei, eins-zwei. Ueber dem Daumennagel die Schärfe probiert. Tadellos. Anfängen. Wie war das? Hat diese Barbara nicht alles umgekehrt? Hat sie ihm etwa endlich die dunkle Geschichte mit Rauthammer ausgeklart? 5letn .Ste hat von ihrer Liebe gesprochen und daß man an sie glauben soll, schlimm- Ja, ziem- Zweite? Mal eingeseist: Langsam die linke Backe freigelegt. Sie hak ja recht, daß man eine liebevolle, innigere Ehe fuhren sollte, wie andere Leute sie führen. Daß man einander blindlings sollte vertrauen können. Nur: Diese Sache mit Rauthammer ist gerade keine gute: Vertrauens grundlaqe Kopf herum, rechte Backe abgekratzt. Dieses GeheiMM-tun mit Rauthammer. Dieses Verschweigen Oder hat ste thm mchts verschwiegen-- Sie hat ja im Waldhaus davon angefangen und vor dem Altar in Blaubeuren und auf dem Ulmer Turm und am Tag danach. Aber vielleicht tat sie das auch nur, weil sie w"ßte, daß Rauthammer unterwegs war. Kann fein. Kann aber auch fein, daß er nicht lehr geschickt war. Ist ja auch möglich. £)ber9 Doch, ist wöglich- . . . Fertig mit dem Rasieren. Nun kommt der Schlips^Oder nimmt man keinen Schlips? Zu dem blau gewürfelten Hemd aus Vauerngardme w,. Barbara es nennt, nimmt man keinen Schlips. Das tragt man offen. Aber man krernpt die Aermel ein bißchen doch. h Tennis Man könnte eigentlich in die Stadt fahren und eme Stunde Tennw trainieren. Soll einen guten Trainer geben. Balle 'Emansuher auch taufen. Wozu hat man die schönen Schlager vom Schwiegervater mck. Barbara könnte mitkornmen. Barbara ... Er steht, er wirst den Schläger wieder in den Koffer. Los, hinüber ins Haus zum Frühstück! Da sitzt der Hauptmann Gericke. Ja, danke, auch lange geschlafen. Frau Gericke hat eine schreckliche Nacht gehabt. Ist sehr zart. Ungewöhnlich zart. Recht was für einen Soldaten. Wenn man immer nur stramme Kerle sieht, saftige Männer, bann, ja bann ... Alle wirklichen Soldaten sind für zarte Frauen. Nur die Gelegenheitssoldaten, wie Menelaus, haben etwas für große und kräftige Damen übrig. Es ist doch aber nichts Ernstliches mit der Gattin? Gericke schüttelt den Kopf, erkundigt sich nach Barbara. Meimberg lacht. Danke, es geht natürlich großartig. Selbstverständlich. Wunderbar. Er sieht Gericke prüfend an. Aber der schlägt seinem Ei kunstvoll die Kappe ab. Kurzes Gespräch über eine aufregende Zeitungsnotiz. Jener Mann, der den ersten Liebhaber feiner Frau ermordet hat, ist freigesprochen. Gericke ist nur mit der Begründung nicht einverstanden. Wegen Unzurechnungsfähigkeit! Warum kennt man in Deutschland nicht den Freispruch wegen ehrlichen, anständigen Asfekttotschlags? Kann man nicht diesen Fall als Schulbeispiel nehmen? Meimberg erläutert kurz, mit einigen juristischen Floskeln, warum der Fall kein Schulbeispiel sei. Dann sagt Gericke: „Schade, daß Sie gestern nicht da waren. Hatten einen so anregenden Abend. Ein Herr Rauthammer. War lange in China, bann in Mandschukuo. Sprachen wieder darüber, ob uns Asien auf den Pelz rücken wird oder wir Asien besiegen. Dazu ist mir noch eingefallen: Die Gegensätze stehen im Leden nicht kraß gegeneinander, sondern gehn in Stufen und Uebergängen allmählich ineinander über. Rußland, das man doch zu Europa zu rechnen pflegt, ist schon halb und halb Asien. Mongolisch durchmischt, tatarisch durchpflügt. — Dann: „Ein sehr gescheiter Mann. Ein Mann mit Blick. Mit Perspektiven. Verstehe allerdings nicht ganz, was er persönlich will." „Man kann bas wirklich nicht ganz herauskriegen", sagt Meimberg, „aber Rauthammer ist ein gescheiter Mensch. Ein sehr gescheiter Mensch sogar. Ich gehe jetzt gerabe zu ihm." Gericke schenkt sich sehr sorgfältig Kaffee ein, rührt ben Zucker. Warum, bentt er, teilt mir bas Meimberg mit? Ich sage ihm ja auch nicht, daß ich jetzt zum Arzt gehn muß, ein Beruhigungsmittel holen. Ich habe natürlich doch recht mit meinem Verdacht auf Frau Meimberg, mag auch meine Frau sich noch so sehr dagegen empören. Es ist natürlich schade: Sind doch sehr nette Leute, diese Meimbergs. „Zigarette bitte ..." Die Männer rauchen schweigend. Meimberg steht ziemlich unvermittelt auf und geht aus dem Haus. Marschiert auf der Wiese hin und her. Natürlich: Zu Rauthammer gehn. Jetzt sofort zu Rauthammer gehn. Das ist die Lösung. Dem Zigeuner ben Hals um- drehen. Er hat es zu Weppen gesagt. Er ist nicht der Mann, der sich ohne weiteres die Frau wegnehmen läßt. Den Hals umdrehn. Er hätte nur nicht gedacht, daß er so schnell in diese Zwangslage kommen würde. Da ist auch noch die Görnewitz. Guten Morgen. Weiß schon. Reizender Abend mit Herrn Rauthammer. Ihre Gattin brachte ihn liebenswürdigerweise nach Hause. Werde mir jetzt auch das Haus am Hang ansehn. Ist doch das da drüben mit dem roten Dach. Mit einem guten Fernglas kann man jede Latte vorn Zaun erkennen. Also auf Wiedersehn! Er kramt ein paar Minuten im Auto herum. Er hat doch eine Pistole mit? Muh unter dem Sitz bei den Werkzeugen liegen. Er sieht sie sich an. Na ... ein bißchen verrostet. Ist sie geladen? Doch! Werden sie aber lieber mal probieren. Er geht in den Wald hinauf. Er geht hundert Meter in den Wald hinein. Mehr Zeit hat er nicht. Die Sache wird ihm von Sekunde zu Sekunde dringlicher. Wie hat er überhaupt schlafen können, wie hat er fo lange zögern können? Den Hals umdrehn, dem Zigeuner ... Peng ... peng ... peng ... Ser Revolver knallt abscheulich laut. . , Man sieht Hauptmann Gericke über die Wiese laufen. Dieser arme Kerl der Meimberg ... hat sich das so zu Herzen genommen. Schade um ben Junoen' Aber als er in ben Wald kommt, sieht er Alfred Meimberg auf einem Baumstumpf sitzen und mit feinem Taschentuch die Pistole putzen. Nun gut ... auch so läßt sich die Sache aus der Welt schaffen. Gericke zieht sich vorsichtig zurück, schlägt einen Bogen stadtwarts, den oben Unnaus am Hang sagt Rauthammer in diesem Augenblick zu Sophie Wahnke: „Ich habe das Gefühl, daß Barbara unterwegs ist hierher Aber ich kann nicht länger warten. Der dicke Kaufmann hat schon feinen Partner hier. Wir müssen nachher zum Notar Die Sache kann ein großes Geschäft werden. Wer zuerst da ist, hat es. Und ich bin werft da. Ich habe schon an den Sekretär des Kanzlers gedrahtet. 3 Sophie antwortet: „Es ist alles zuviel für Sie. Sie sollten das nicht tun" Rauthammer zuckt die Schultern. Es wird nicht lange dauern^Jn ein paar Stunden ist alles besprochen und unter Dach Sich so etwas entgehn zu lassen, wäre sträflicher Leichtsinn. Es kann doch sein, daß er plötzlich viel Geld braucht. Er marschiert also in seinem sehr Hellen Sommeranzug, unter seinem Panamahut, seinen Bambusstock schwingend, den Hügel hinunter, die Fahrstraste tum Städtchen hinein, von weitem anzusehn wie ein lunger Mann. Im Hotel^ wartet schon der dicke Kaufmann, dessen Partner, em leberleidender kleiner Mann, der die Hände immer in den Hosentaschen hat und abwechselnd mit Markstücken und mit Schlüsseln klappert, und der , Notar der den Vertrag ausnehmen und beglaubigen soll. Die Herren treten, von Rauthammer zu größter Eile ermahnt, sofort in die Verhandlungen ... Barbara wacht am Bahndamm auf, weil die Sonne sich weitergedreht hat und ihr nun in die Augen scheint. Die Schatten zeigen schon säst genau nach Norden. Sie muh sich eine ganze Weile besinnen. Wovor ist sie in der Frühe geflohen? Ja, die Hütte war mit einemmal so eng. Der Atem des Mannes beängstigend nah. Der Mann selbst so weit fort so fremd. Sie richtet sich langsam auf. Der Wald kommt ins Bild, der Weinberg am Ende des Tales, der Kirchturm des Städtchens, der Fluh alles noch unter Sonne. Wie ist es nur möglich, daß man sich liebt und sich fremd ist? Daß man sich liebt und sich nicht erreichen kann. Daß man sich liebt und einander nicht glaubt? Und jedes Wort, das man spricht, trennt den einen vom andern? Wie ist das möglich? Entweder man liebt sich alfo nicht oder Liebe ist doch etwas ganz anderes, als die Leute sagen und tun. Ist etwas sehr Schwieriges, etwas, das man erst erlernen muß. Und mit einem Menschen, den man liebt, leben, ist wieder etwas sehr Schwieriges unchetwas, das man sehr üben muß. So wird es wohl fein. Deshalb mußte bei der ersten Schwierigkeit auch ihr Karren umkippen. Ist allerdings eine ziemlich gefährliche Angelegenheit geworden. Ihre Schuld? Ja. Seine Schuld? Auch ja' Hätte zwischen zwei wirklich Erwachsenen, zwischen zwei wirklich sicheren Menschen, zwischen zwei tatsächlich Liebenden, zwei bedingungslos Liebenden, nicht passieren dürfen. Was aber muß Barbara jetzt tun. Sie I muß nun so handeln, wie eine bedingungslose Liebende zu handeln hat: so einfach, so klar und so stark. Sie muß hingehn und sagen: Ich habe diesen Rauthammer sehr geliebt. Einerlei, ob ich recht hatte oder nicht recht hatte. Ich habe ihn geliebt, weil fein Leben anders verlaufen ist als das anderer Menschen. Und weil mir die Leben der anderen Menschen unerträglich schienen. Ich habe jetzt erkannt, daß auch abenteuerliche mid besondere Leben ins Leere führen und daß das Abenteuer selbst unfruchtbar ist. Aber ich finde Rauthammer auch heute noch anziehend. Weil er das mit Ausschließlichkeit angeht, was er erreichen will (und das fehlt uns beiden noch, dir wie mir, sonst wären wir ja schon weiter miteinander gekommen, dachten aber, wir haben ja Zeit). Rauthammer gesällt mir, weil er keine Zeit hat und sich keine Zeit läßt, sondern ohne Zaudern und Zögern ein Leben hinter sich läßt und in ein anderes hinem- geht. Wer kriegt das alles schon fertig? Deshalb bin ich also immer wieder von ihm verführt worden ... nein, nicht dieses Wort ... deshalb bin ich von ihm mehr angezogen worden, als ich wußte und wahrhaben wollte. Kam natürlich die Eitelkeit hinzu und die Einsamkeit -.- Ach, ich brauche das alles ja nicht auseinanderzusetzen! Den du liebst mich jo, und deshalb kennst du mich. Und nun, da ich mit dir gesprochen habe, ist es vorbei und ist wieder hell und gut mit uns, nicht wahr. Sie ist während dieses Selbstgespräches, während dieses Ferngesprächs mit Alsred aufgestanden. Sie hat Blumen gepslückt ... wieder einen ganz großen Strauß. Sie hält plötzlich ein. Was ist denn das? Es ist soviel in Ordnung zu bringen, und sie schläft hier und steht herum und sinniert und pflückt Blumen. Schnell, schnell, nach Hause! Sie geht ein Stückchen den Fußpfad. Da hat Frau Gericke sie entdeckt. Sie winkt, sie kommt gelaufen. Sie hängt schluchzend an ihrem Hals. „Mein Mann", schluchzt sie, „mein Mann will nicht, daß ich mit Ihnen verkehre. Er sagt, es geht nicht, wegen — wegen —" „Wegen Rauthammer", sagt Barbara, „ich kann es verstehn. Wir werden noch mol darüber sprechen. Aber jetzt habe ich keine Zeit. Die kleine Frau Gericke jagt: „Wir brauchen nicht darüber zu sprechen. Ich kenne Sie doch. Ich weih doch so viel von Ihren schönen Gedanken. Ich weiß ganz genau: Was immer Sie machen, das ist richtig gemacht." Barbara wehrt ab. Da hätte sie ja die Liebe, nach der sie sich sehnt, die bedingungslose, vertrauensvolle Liebe. Aber sie weiß: So weit, wie Frau Gericke meint, ist sie nicht. „Ich wünsche mir das wohl", sagt sie, „und ich will so weit kommen, daß ich sicher bin, es ist richtig gemacht, wenn es nur ehrlich gemacht ist. Aber bis jetzt ist es noch nicht so." „Wollen wir nicht wenigstens jetzt ein bißchen zusammensein?" fragt Frau Gericke. „Ich möchte doch zeigen, daß ich zu Ihnen halte." Das muß Barbara ablehnen. Sie will nicht auch noch Frau Gericke in eine schlimme Lage bringen. Cs kann sich ja nicht so schnell Herausstellen, daß Frau Görnewitz unrecht hat und daß alles ein wenig anders war, als die Pensionsgäste es glauben müssen. Vielleicht wird es sich nie Herausstellen. Deshalb ist es besser, wenn Frau Gericke jetzt Barbara meidet oder, wenn sie das nicht will, wenigstens fremd tut. Wenn man hier weg ist, kann man ja immer noch die Freundschaft fest begründen. Die beiden Frauen küssen sich. Sie lachen sich an. Der schwere Tag hat den ersten Gewinn gebracht. Bei Haus Rebstock trifft Barbara auf Frau Görnewitz. Sie hat einen Augenblick Lust, ihr ordentlich die Haare zu beuteln oder vielleicht ihr den Trauschein zu zeigen. Ach, nützt ja auch nichts mehr. Sie müßte ihr beweisen, daß zwischen Rauthammer und ihr nichts „vorgefallen" ist — so nennt man das wohl. Und das würde Frau Görnewitz entweder nicht glauben, oder wenn sie ihr glaubte, würde sie Barbara für rasend dumm halten, daß sie sich für nichts und wieder nichts kompromittiert hat und ihre Ehe aufs Spiel fetzte. Man lächelt sich deshalb lieber an. Man preist das unendlich schöne Wetter. Man weist auf die ersten Wattewolken hin, die aus der Wetterecke aussteigen. Man stellt fest, daß der Regen neulich für das Land lange nicht genügt hat und daß die Landwirte noch viel Regen brauchen und die Städter das nie verstehn, und schließlich fragt Barbara auch nach ihrem Mann, Alfred Meimberg. Aber Frau Görnewitz weiß leider nicht, wohin er gegangen ist. Er hat nur vorhin ein paar Schießübungen im Walde gemacht, und dann ist er über den Fahrweg hinüber verschwunden. Damit verabschiedet sie sich herzlich. Es ist halb eins. Die Gäste wollen bald was zu essen haben. Halb eins: Alfred Meimberg hat das Haus am Hang nun schon zweimal umschritten. Es ist nichts anderes als ein nett gepflegtes Landhaus Schön ist die Terrasse, von der aus man den Fluß übersehen kann und sicher seststellen, wer im Haus Rebstock aus und em geht. Man kann also sehr leicht hinter den Gästen hersteigen. Er geht jetzt mit ein paar heftigen ©djritten durch die Pforte. Er klingelt. Wird natürlich niemand dasein. Denn Barbara ist ja auch nicht 3U Hause. Sind übrigens prachtvolle Rosen dahinten. Prachtvolle ... ! Klingelt noch mal. Jetzt kommen Schritte. Merkwürdig, ist also doch zu Hause Ist nicht mit Barbara im Wald? Famos. Ganz famos! Mennberg ist ganz weiß vor Wut. Wie schön, daß er einen Revolver bei sich hat. Vielleicht hat der Mann auch einen Revolver. Man konnte dann die Sache gleich hier oben auf der Terrasse untereinander ausmachen. Nicht so ein Duell mit dreimaligem Kugelwechsel und einer Verbeugung hinterdrein, weil man vielleicht vorbeigeknallt hat. Nein, em richtiges Duell, ohne Zeugen und bis einer danebenliegt, der natürlich, der zuviel auf der Welt ist, der andere. Er wird sich ja zu wehren wissen, dieser Raut. Hammer ist in der ganzen Welt herumgekommen. Das ist das Richtige: Man wird sich hier auf der Terrasse Herumjagen und aufeinander knallen. Eine famose Lösung! Die Schritte sind verstummt. Eine Gardine wird vorsichtig beiseitegeschoben. Man sollte einfach auf die Gardine schießen. Aber nein — das wäre feige. Also: Aufmachen! Sofort aufmachen! Die Glocke schrillt, lange, laut, unverschämt. Niemand kommt. Aber hak jetzt nicht eine Tür geklappt? ... Die Hintertür wahrschein, lich. Tatsächlich hört man Schritte über dem Kies sehr leife Sdirittc. Da will sich der Kerl wahrscheinlich wegschleichen. Das wird Meimberg ihm nicht gestatten. Er läuft mit ein paar Sprüngen um das Haus, läuft den Schritten nach, die jetzt bergab zwischen Himbeergebuschen ver- schwanden sind. Da läuft der Mann ... Unsinn ... es ist eine Frau. Er hat sie eingeholt. Er hat sie am Arm gepackt. Er dreht sie um: Sophie Wahnke. „Ach so", sagt Meimberg atemlos, „ach so ... Sie sind das? Na ja?" Sophie Wahnke sagt gar nichts. Sie lieht nur den Mann mit einem haßerfüllten Blick an. „Ach, so ist das, wiederholt Meimberg, „Sie sind da auch noch im Spiel? Eine richtige Verschwörung ... „Unsinn", sagt Sophie endlich, „eine Verschwörung. Was heißt denn ba52llfreb sieht sie gespannt an. Bitte, sie soll nur weitersprechen. Sie soll es ihm nur auseinandersetzen, inwiefern es keine Verschwörung qt Aber sie sagt nichts mehr. Wo sind die beiden?" fängt Meimberg wieder an. Sophie schüttelt den Kopf. Meimberg packt sie am Handgelenk. „Antworten Sie! * „Lassen Sie mich los!" ruft Sophie, „Sie tun mir weh Au ... Sie sollen sagen, wo die beiden sind!" schreit Alfred. „Sie sollen das ^^Kein^ Antwort. Sophie beißt die Zähne zusammen. Nur jetzt nichts sagen. Nur den Mund halten. Wenn Meimberg glaubt, daß die beiden jetzt zusammen sind, um so besser. Er wird sich dann natürlich von Barbara scheiden lassen, und dann kann alles in Ordnung kommen. Alfred läßt sie plötzlich los. Stürzt auf das Haus zu. Natürlich: Die sind ja im Haus! Daß er darauf noch nicht gekommen ist! Er rennt den Hügel hinauf, in den Hintereingang, eine Kellertreppe, reifet eine lut auf, findet ein bürgerliches Eßzimmer, eine zweite, ein eheliches Schlafzimmer, aber nur ein Bett ist bezogen. Eine dritte: ein zweites Schlafzimmer mit einem Bett. Er reifet den einen Schrank auf: Da hangen vier gleiche helle Anzüge aus einem derben gelbroeifeen Wollstoff, drei Panama- hüte, ein Fernglas, ein ausgezeichnetes Glas ... natürlich, um nach Haus Rebstock hinüberzusehen. Er rennt in den ersten Stock hinauf. Trommelt gegen die Tür. Da endlich: Ein Schlüffel dreht sich! Alfred packt feinen Revolver, jetzt wird abgerechnet ... In der Tür erscheint ein bärtiger, harmlo er Mann in Hausjackett und Hausschuhen ... Das kann nicht Rauthammer sein. Nein, er schüttelt den Kops. Der Herr Rauthammer wird wohl spazierengegangen sein. Die schöne Waldlust geniefeen. Falls er nicht unten ist, ist er bestimmt nicht zu Hause. Er kennt aber die Gewohnheiten des Herrn Rauthammer nicht so genau. Er hat ihm das Haus vermietet. Und ist nur für eine Nacht gekommen, sich ein paar Sachen zu holen. Wiebele fei fein Name. Angenehm. Meimberg entschuldigt sich, geht hinunter, geht aus dem Haus. Et klettert langsam den Abhang hinunter, überquert die Fahrstraße und legt sich am Fluß auf die Wiese. Er hat sich nun ausgetobt. Er ist nun ausgebrannt. Da er es nicht sofort in Ordnung bringen konnte, auf feine Weise in Ordnung, ist ihm jetzt alles einerlei. Er wird nun alles laufen lassen. Ein Schatten- sährt über [ein Gesicht. Eine der Wattewolken hat einen Augenblick die Sonne verdunkelt. Gleich daraus brennt sie wieder heftig in fein Gesicht. , Aber es ist Alfred, als sei der schattenlose, schöne Sommer nun vorbei, als sei alles vorbei. Eine Verschwörung!! Verschwört sich mit Sophie 1 Er richtet sich wütend auf. Er will schnell nach Hause, seinen Koffer packen, abreisen ... Er ... Aber geht da nicht ... läuft da nicht Barbara über den Fahrweg? „Bar..ba..ra ...", ruft er, „Bar..ba..ra ...!! Ach, hätte er doch nicht gerufen! Was soll er ihr nun sagen? Er ruft noch einmal, es ist ja einerlei, alles einerlei: „Bar .. ba .. raaa ...!! Endlich hört sie. Endlich hat sie ihn erkannt. Sie winkt. Sie lauft auf ihn zu. „Alfred", ruft sie zurück, „Alfred ... ich komme!" Sie läuft über die Wiese. Der lustige Wiesenwind packt ihr federleichtes Kleid und preßt es gegen sie. Sie ist so schön, daß es weh tut. Bereuen weh tut, daß man das hergeben soll, hergeben muß, nicht hergeben rann- . Er möchte jetzt die Arme nach ihr ausstrecken. Aber er kann es nicht. । Er r‘"f)t mit einem ganz dunklen Gesicht. Mit einem ganz verzweifelten । Gej. ,t. Darum hält Barbara zwei Schritte vor ihm atemlos an. I (Fortsetzung folgt.) Wie Gott es fügt.... Von Paul Fleming. Lah dich nur nichts nicht dauern Mit Trauern, Sei stille; Wie Gott es fügt, So sei vergnügt Mein Wille. Was willst du heute sorgen Aus morgen? Der eine Steht allem für, Der gibt auch dir Das Deine. Sei nur in allem Handel Ohn Wandel, Steh feste I Was Gott beschleußt. Das ist und heißt das Beste. L>as Geheimnis -er «'Mary Celeste". Von Waldemar Keller. Es gibt „Geheimnisse", die sich durch Generationen fortsetzen, ohne welche zu sein. Ein ausfallender, unerklärlicher Vorgang fesselt die Oeffentlichkeit, Legenden entstehen und sind unausrottbar. Selbst dann, wenn ein klarer Kops an Hand unwiderleglichen Materials nachweist, daß hier keinerlei Grund zum Rätselraten vorhanden ist, bezeugt die Legende zäheste Lebenskraft und taucht immer wieder auf. So verhält es sich auch mit der Geschichte von der Brigg „Mary Celeste", die vor 63 Jahren zum erstenmal erzählt und als eines der seltsamsten Geschehnisse aus den Meeren äusgegeben wurde. Am 5. Dezember 1872 sichtete der Segler „Dei Gratia", Kapitän Morehouse, etwa 130 Seemeilen westlich der Straße von Gibraltar, em unter voller Leinwand fahrendes Schiff, das, bei ruhiger See, die merkwürdigsten Bewegungen ausführte. Unmöglich konnte dort ein Mann am Ruder stehen, denn das Fahrzeug torkelte und tanzte hin und her. Morehouse beschloß, ein Boot auszusetzen, um eventuell Hilfe bringen zu können; er selbst ging mit in das Boot. Das fremde Schiff erwies sich als die „Mary Celeste", die wenige Tage vor der „Dei Gratia" Neuyork verlassen hatte. Morehouse und der Kapitän der „Celeste", Briggs, waren gute Freunde. Um so erklärlicher das Interesse, das die verwunderlichen Umstände dieser Begegnung weckten. Die Bootsmannschaft rief den Segler aus nächster Nähe an, erhielt aber keine Antwort. Es war auch niemand an Deck zu sehen. In unheimlicher Erwartung gingen die Leute der „Dei Gratia" an Bord der „Mary Celeste". Absolute Stille ringsumher, kein Mensch auf dem ganzen Schiff. Nur eine Katze schlief oben auf einem Schrank. Was mochte hier vorgegangen sein? Unordnung war nicht zu bemerken. Die Takelage war in gutem Stand, die Ladung sachgemäß verstaut, Mangel an Trinkwasser oder an Nahrungsmitteln konnte nicht festgestellt werden. Hatten vielleicht Streitigkeiten stattgefunden, die in Exzesse ausgeartet waren? Nichts wies auf ein Derartiges hin. An der Verschanzung des Vordecks entdeckte man allerdings einen Axthieb, doch waren Anzeichen von Kampf nicht wahrzunehmen. Das Feuer des Kombüsenherdes glühte, und drei Taffen Tee, die auf einem Tisch gefunden wurden, fühlten sich noch warm an. Im Mannschaftslogis standen die Kleiderkisten unberührt. Auch die Kajüte, die Kapitän Briggs mit seiner Frau und seinem zweijährigen Töchterchen bewohnt hatte, war in tadelloser Ordnung. An der Wand hing des Kapitäns Taschenuhr und tickte Die letzte Eintragung im Logbuch stammte vom 24. November; alle anderen Schiffspapiere und das Chronometer wurden vermißt. Verschiedene Spuren ließen darauf schließen, daß das Schiss in großer Hast verlassen worden war. Aber wie? Die Boote lagen fest in den Klampen.^ Undurchdringlich schien das Geheimnis der „Mary Celeste" Man forschte eifrig nach dem Verbleib der Mannschaft, doch ohne Erfolg. Das Schiss wurde an eine englische Firma verkauft und fuhr lahrelang zwischen Plymouth und Philadelphia. Währenddessen häuften sich die Theorien, die zu erklären versuchten, wie eine vollständige schiffs- besatzunq, unter Zurücklassung der Boote, von Bord verschwinden konnte. Sogar die Seeschlange mußte herhalten; natürlich war das positive ^Mötztich^Ä Jahre nach dem Geschehen, tauchte in Oxford ein Mann auf, der behauptete, daß er zu der Besatzung der „Mary Celestegehör habe. Er sei der einzige Ueberlebende. Was er erzählte klang nicht sehr wahrscheinlich. Einige Leute der Besatzung hatten mitten aus dem Ozean, ein Wettschwimmen rund um das Schiff veranstaltet. Um dieses Schauspiel gut verfolgen und die Kameraden vor Haren warnen zu können habe man unter dem Bugspriet ein leichtes Gerüst angebracht, auf dem sich die an Bord verbliebene Mannschaft 3u[ammenbrangte Unter der Menschenlast sei das Gerüst zerbrochen, alle seien ins Wasser gefallen, ein Schwarm Haifische habe die Unglücklichen in die Tiefe geritten und nur er, der Erzähler, sei aus einer Planke an tanö getrieben. Wie man sieht: eine rege Phantasie Und was hatte den Mann bewegen können, 41 Jahre zu schweigen? Offenbar handelte es sich hier ^AÄ"-in? andere „Enthüllung", die erst im W« germgt wurde, konnte kaum ernst genommen werden. Em Kapitän ^britisch Flotte behauptete, daß ihm ein Ueberlebender der »M°ry Celeste auf dem Sterbebette das Geheimnis anvertraut habe. Eines Tages |ei o Brigg einem Wrack begegnet, das, wie eine Untersuchung ergab, einen Geldfchrank mit Gold- und Silberbarren an Bord hatte. Um unbemerkt in den Besitz dieser Schätze gelangen zu können, sei die Bes izung der Brigg mit den Booten des Wracks auf und davon gegangen. Das Rätsel blieb, und es bewährte feine Kraft. Phantasteoolle Köpfe arbeiteten an der Weiterbildung der Legende, die Oeffentlichkeit zeigte sich aufnahmewillig. Besonders dem Bericht des in England lebenden 77 Jahre alten Schiffskochs John Pemberkon, mit dem er 1926 hervortrat, wurde viel geglaubt. Pemberton erzählte eine Geschichte, die der geschickten Lösung eines Kriminalromans nicht unähnlich ist. Die „Mary Celeste", so berichtete er, hatte in Neuyork Eisenbahnschwellen und Walsischtran geladen und war segelfertig, konnte aber nicht genügend Mannschaft zusammenbekommen. Da erbot stch der Kapitän der „Dei Gratia", die — erwiesenermaßen — ebenfalls in Neuyork lag, dem Kapitän Briggs der „Mary Celeste" drei Mann der eigenen Besatzung zu leihen. Diese sollten im Hafen von Santa Marta auf den Azoren wieder ausgeschifft werden, denn es war Grund zu der Annahme vorhanden, daß Briggs seine Mannschaft dort werde ergänzen können. Die Leute, die er außer diesen dreien an Bord hatte, waren von der übelsten Sorte. Obendrein ging dem Steuermann der Ruf eines Sklavenhalters vorauf., so daß von Anfang an die Stimmung nicht die rosigste war. Kapitän Briggs hatte auch (wie wir schon wissen) seine Frau an Bord, und kurz vor der Abfahrt wurde für sie ein Klavier beschafft. Dieses Klavier verursachte, nach den Angaben Pembertons, die tragischen Vorgänge, die sich später ereignet haben sollten. Am 24. November, dem Tage, an dem das Logbuch abbricht, spielte Frau Briggs gerade auf ihrem Instrument, als sich plötzlich eine Bö erhob. Die „Mary Celeste" galt schon immer als ein schwerfälliges Schiff, das nur ungern dem Steuer gehorchte, und fo wurde es denn heftig zur Seite geworfen. Die Folge war, daß das Klavier, wie der Seeman sagt, „über Stag ging", d. h. es kippte um und begrub Frau Briggs. Sie erlitt schwere Verletzungen und starb am Tage darauf. Der Kapitän machte dem Steuermann bittere Vorwürfe, weil dieser angeblich das Klavier nicht genügend gegen Schlingerbewegungen des Schiffes gesichert hatte, und forderte auch, daß der Mann, der während der Bö am Ruder stand, über Bord geworfen werden sollte. Man konnte den Kapitän, der anscheinend geistig verwirrt war, nur mit Mühe beruhigen und erreichte schließlich, daß er von feiner Forderung abließ. An Stelle des Rudermannes wurde das Klavier ins Meer versenkt. Noch am selben Abend aber verschwand Briggs. Er war in einem unbewachten Augenblick ins Wasser gesprungen. Von dieser Stunde an herrschte völlige Zuchtlosigkeit an Bord. Der Rum floß in Strömen, es kam auch zu Reibereien zwischen dem Steuermann und der Besatzung, wobei ein Matrose (ein Leben verlor. Endlich näherte man stch dem Hasen von Santa Marta. Boote der Einheimischen kamen längsseits, und in einem ihrer Boote suhr der Steuermann mit zwei Matrosen an Land. Von diesen drei Leuten hat man nie wieder etwas gehört oder gesehen. An Bord befanden sich nunmehr noch die drei Mann von der „Dei Gratia" und der Koch Pemberton. Man beschloß, in Richtung Gibraltar zu segeln, in der Hoffnung, die „Dei Gratia" zu treffen, die man bisher verfehlt hatte. Am 5. Dezember wurde das Schiff dann auch gesichtet. Kapitür Morehouse sagte sich, daß ein schöner Bergelohn zu verdienen sei, wenn er angebe, die „Mary Celeste" ohne Bemannung angetroffen zu haben. Und konnte er eigentlich nicht mit Recht behaupten: es fei kein Mensch an Bord gewesen? Die Leute, die sich zur Zeit auf der „Mary Celeste" befanden, gehörten zur Besatzung der „Dei Gratia" und stellten gewissermaßen die Prisenmannschast dar. Den Koch brachte der Kapitän durch Geld zum Schweigen; der Bergelohn war ja enorm, und es fiel für jeden etwas ab. So wurde also die „Mary Celeste" unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in den Hasen von Gibraltar geschleppt. Sie war gar nicht unbemannt, als man sie traf. Zweifellos hatte Pembertons Bericht etwas Bestechendes an sich, fein langes Schweigen wäre ja gut zu erklären gewesen durch das eigene Schulddewußtiein. Aber auch diese Deutung ist ein raffiniert erfundenes Märchen. Zwei Jahre später nämlich machte sich der Amerikaner I. G. L o ck h a r t die Mühe, endlich einmal genau den Quellen nachzugehen, und was er enthüllte, ist nun wirklich die wahre Geschichte der „Mary Celeste", eine alltägliche Seegeschichte, ohne Geheimnis und r^ne jeden Stofs zur Legendenbildung. Lockhart lenkte zunächst die Aufmerksamkeit auf die Tayache, daß die Celeste" weder Eisenbahnschwellen noch Walsischtran sondern Alkohol geladen hatte. In einer ausführlichen Niederschrift des Kapitäns Morehouse von der „Dei Gratia" sand er ferner einige Angaben, die, in sinnvolle Ordnung gebracht, durchaus eine Erklärung geben für das Verlassen des Schiffes. Es wurde schon gesagt, daß die Mannschaft offenbar in Panikstimmung, zumindest in großer Hast gehandelt haben müsse- darauf deutete die völlige Unberührtheit der Kleiderkisten sowie auf dem Tisch verstreutes zurückgelassenes Geld, und auch der in Tassen gegossene Tee, von dem nicht ein Schlückchen getrunken mar, mußte diese Annahme stützen. Unbeachtet blieb solgendes, was Lockhart nun, mit Recht als das Wesentliche ansprach: ein Lukendeckel (der den Zugang zur Ladung verschließt) wurde, auf seiner Oberseite liegend, neben der Luk« aufqesunden. Auch war eins der Alkoholfässer in der oberen Schicht geplatzt Es ist absolut keine wacklige Behauptung, wenn Lockhart sagt: diese Angaben im Bericht des Kapitäns Morehouse seien ein guter Beleg dafür, daß sich in der Ladung Gase gebildet hatten, die explodierten und den Lukendeckel sortschleuderten. Die Mannschaft, in der Meinung, es werde der ersten unerwarteten Explosion bald eine zweite größere folgen, ist erschreckt geflüchtet, hat das Schiss verlassen. Ungemein einleuchtend. Blieb nur die schwierige Frage zu beantworten- w i e hat die Mannschaft das Schiff verlassen? Die Boote lagen doch, allen Bekundungen zufolge, in den Klampen. Schade, daß ein so schönes Geheimnis von der rohen Hand des Sachlichkeitsfanatikers vernichtet werden mußte! Lockhart - llt ausdrücklich fest- es fehlte ein Boot. Kapitan Morehouse wie auch feine Bootsmannschaft haben dies sofort bemerkt und notiert, aber die die Sicht auf Fluß, Berge und Häuser im uns Täuschung zum schönen Wetter Kombinationen, löste. Der Föhn steht überm Land, lau und wartend. Der Himmel ist perlgrau, das Licht stumpf. Nur im Horizont, wo Himmel und Berge einander einrahmen, ist die feine graue Schicht gelockert: aufgepflügt vom Licht, das blaßgolden und mit fahlem Rosa, auch seegrün und beinahe schweflig stillsteht und schimmert — süß und gefährlich. Die Tannenberge herwärts gegen Tölz sind mit schwarzer Tinte gemalt; in der Höhe ist das dumpfe Dunkel mit Schnee bestreut. Das Isartal liegt breit zwischen Hängen, deren großgeformte Mannigfaltigkeit dem Lauf des Wassers eine wunderschöne Kurve anweist. In halber Ferne spiegelt die Isar das Rosa und lichte Silbergold des Himmelsrandes. Wir stehen auf der Brücke und schauen. Es ist acht Uhr in der Frühe. Dem bewegten und lauten Schauspiel des Leonharditages geht das Unbewegte und Schweigende dieser Landschaft voraus, 1 und in aller Welt eine der herrlichsten ist. Nähre dich mit Erdgrund, Quell und Sonnenlicht, Stärke dich mit Baumes Kraft und Wachstum, Doch verachte nicht das bittre Kernlein. der Frauen hat das ernste und noble Schwarz genommen. Die Mädchen lieben das Helle: aus dem Tannenreis der Wagen erheben sich Büsten und Rücken, gleich an gleich mit dem reizend gesteckten, weißen Seidentuch Aus der schimmernden Blankheit der tadellosen Schaltucher wachsen so kräftig wie zart, so bestimmt wie anmutig die freien Nacken auf- über ihnen liegt das Haar nach alter Art geflochten und geknotet, und aus die Knoten, braune und blonde, die mit Filigrangestecken verziert sind, fallen die lichtgoldenen Fransen der Hütchen herab, hell wie die Blütenfarbe des Himmels am Horizont... Alle Mädchen find so gerichtet, nach der verpflichtenden Ueberlieferung der Tracht. Eng sitzt eines neben dem anderen: wie eine Beere in der Traube neben der anderen Beere sitzt. Die Mädchen beten murmelnd und äugen dabei ein wenig im Kreise. Sie sollen beten, denn dies ist das Fest eines Heiligen: sein hölzernes Standbild ziert die Stirn der Wagen, wenn nicht gar ein Kruzifix das oorgeheftete Zeichen ist. * Der Zug kommt über die Brücke her; er schiebt sich, rollt und trabt in die glorreiche Straße hinaus; zuweilen staut er sich, so daß sich das einzelne ruhender Bilder betrachten läßt. Ich betrachte es über den Kopf einer alten Bäuerin hin, die sich ein wenig vor mir und ein wenig unter mir zum Schauen hingestellt hat. Ihr schwarzes Kopftuch aus Wolle alt, viele Male gewaschen, fleckenlos, ist so geknüpft, wie man es auf den Bildern des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts ge- sehen hat: über den Scheitel gelegt, am Rande turbanartig eingerollt, über den Nacken niederhangend. So sehe ich das Ganze in der schönsten Beziehung aus den Ursprung: auf jene alten Zeiten, in denen der Leon- harditag seine Form gefunden haben mag. Der Zug ist vorbei; die Alte dreht sich her und redet mich an. Sie ist nicht ganz zufrieden. Ja, ja- die Jungen hätten nicht mehr so recht den Antrieb, dabei zu sein; in früheren Jahrzehnten seien die Umzüge größer gewesen — letzt seien statt der Rosse halt die Autos und die Motorräder in der Welt ... Wir sind dankbar, daß wir den Umzug gesehen haben, rote er gewesen ist; denn er war schön, er hat die Seele bewegt. lieber den Kalvarienberg führt der Weg zur Leonhordikapelle hin- auf. Da steht sie, ganz einfach, weih getüncht, und um ihren schlichten Körper ist in mittlerer Höhe eine Kette gespannt: die Kette des heiligen Leonhard, des Scbutzherrn der Gefangenen und der angeketteten Haus- tiere der im deutschen Süden am sechsten Novembertag nicht minder verehrt wird, als im mittelfranzösischen Limousin, wo er vor anderthalb Jahrtausenden ein Kloster gegründet hat. Der Gottesdienst wird ab- gehalten. der Chor singt; die ländlichen Stimmen gehen unterm Himmel dahin. Ringsum sind Schnee, Gras und Erde zerstampft und ö^lMren; Hufe und Räder haben ihre Spur gelassen. Wagen, Rosse, Menschen stehen weithin auf der Halde hinter der Kapelle und warten Die Rosse kauen, sie schütteln die Köpfe, daß ihr Zaumzeug rasselt. Die Wald- hänge gegen Norden sind schwärzlich und vom Vorwinter her ein wenig anqeschneit. In der Tiefe ist der Himmel fahlgrau; einige Spannen höher ist er mit schwererem und eigentümlich erkältendem Blau gestreift; die Fahnen in der Stadt haben vom Himmel herab eine Antwort die ein wenig unheimlich anmutet... Die alten Leute haben schöne Gesichter; das Antlitz der Jugend hat dies Borbild nicht mehr erreicht. Ein alter Bauer steht mit seinem Eheweib an der weißen Mauer der Kapelle; er rührt die umgespannte Kette an; die beiden sind zur Mauer und zur ,uu„„ uCVl uu= I Kette gekehrt, als wären sie selbst ein Stück der Kreatur, die an diesem , die in Bauern Taae den freundlichen Willen der Schutzheiligen der frommen Haustiere ' erfahren soll. Wie angebunden stehen die beiden Alten, und so beten sie ihren Rosenkranz. In ihren Gesichtern ist die wunderbare Abwesenheit Früchte. Von Johannes Linke. In der Schüssel aus gebrannter Erde Auf dem Tisch von Hartholz liegen Früchte, Saftreich, fleischig, unter bunter Schale. Menschenhand und Wind brach sie vom Aste, Wo sie aus dem Tod der zarten Blüte Kraft gewannen und ins Leben schwollen. Erdreich nährte sie, und Regenbäche Sandten ihnen Saft und holde Süße, Und die Sonne kochte sie zur Reife. Leonharditag. Von Wilhelm Hausen st ein. Verantwortlich: vr. Hans Thvrtot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, D. Lange, Gieße». Sucht, ein Rätsel zu formen, war stärker als der Bericht der Seeleuk, die das Schiff gesunden hatten, und so kam es zur Legendenbildung. Es steht ganz außer Zweifel, daß die Besatzung der „Mary Celeste in einem Boot des eigenen Schiffes Rettung gesucht hat. Wahrscheinlich ist dieses Boot bei der Hast, in der die Ausschiffung erfolgte, gekentert, und alle sind ertrunken. Die Besatzung bestand aus dem Kapitan mit Frau und Tochter und sieben Mann. . Es gibt mithin kein Rätsel der „Mary Celeste . Es hat sich um einen Unfall gehandelt, wie er tausendsach in der Geschichte der Seefahrt verzeichnet steht, und nur der Umstand, daß die Mannschaft einer — - Opfer gefallen war, und daß sich die Brigg bei dem zehn Tage seesähig erhalten konnte, gab Anlaß zu den die Lockharts gründliche Nachforschung in Nichts auf- der Andächtigen. _ . . . . Nachher ist dies entrückte Antlitz der Frömmigkeit noch einmal da. über den Stufen der heiligen Treppe, die der römischen Scala sanla hier oben im bayerischen Gebirge nachgebildet ist, auch die gleiche gültigsten, die dürftigsten Gesichter dieses Zeitalters empfangen vom Ernst der Andacht einen Adel und Wert, der sonst in ihnen nicht enthalten ist. Mit einem Schlag findet sich das menschliche Antlitz so zu seiner Quelle zurück. * Der Zug erscheint ein drittes Mal: nun wieder drunten, inmitten des Marktes. Jrn scharfem Trab reißen die Ross« ihre Wagen daher; die Fahrer zeigen, was sie können, und es macht Eindruck, wenn sie die Gespanne mit einem Ruck zum Halten bringen. Der Mittag ist auch unter diesem grauen Himmel warm: man kann fein Bier im herbstlichen Sürgergarten trinken; rasch sind ein paar Tische und Stühle ins Freie gestellt. Talaufwärts geht der Blick ins Isartal hinein; die Berge scheinen um so düsterer, je zauberischer der Horizont im Licht steht. Aus der anderen Seite sitzen die Mädchen in der Glasveranda, beim Schweinsbraten und beim Kartoffelsalat; die sauberen Hälse sind wieder nebeneinander wie vorhin auf den Wagen, und die weißen Seidentücher schauen gerade noch über die Fenster- rahmen hinaus. Jetzt aber ging ein Knallen los, so laut und scharf unO hell wie ein Flintenschießen. Nun fangen die Burschen ihr Konzert mit den Peitschen an. Da stehen sie, beinaufwärts fest, bis in die Hutten unbeweglich. Grälschbeinig stehen sie da, eine Hand in der Hosentalche, aus den Schenkeln heraus gespannt, aus den Hüften heraus sich bin um) herwerfend und die Rechte mit der gestreckten Geißel weit ausschwinaeno. Beim Ausholen nach außen ist der Knall manchmal ein wenig schwamer ols beim Hereinhauen der Peitsche nach innen; dann verdrießt es oie Burschen, und sie geben es auf. Aber die meisten können es meift-rhd) und wenn sie miteinander dastehen um eine teere Mitte herum, so wissen sie die rhythmische Ordnung, die sich gehört, aufs genaueste einzuhalten. Es ist ein erregendes Wettspiel; man kommt davon nicht weg. Unterdessen'sitzen die Leute Schulter an Schulter in den festtäglichen Weinstuben und Bierhäusern, und man versteht, weshalb die Gasthauser in Oberbayern so groß sind. Die prächtige Altstadt ist von Fahnen voll; in langen blauweißen I Bahnen, mit seinen Rautenmustern auch hangen sie von den slach- winkeligen Giebeln der stolzen und heiteren Häuser herab, in denen die klare Stattlichkeit des Südens ein deutsches Gleichnis gefunden hat. Die linde Luft geht leise; die Fahnen regen sich nur wenig, aber doch jo viel, daß man sieht: sie leben. Die räumige Straße, auf mächtige Weise ländlich, inmitten einer ursprünglichen, den kühlen Geist der Schöpfuna noch heute bezeugenden Natur das Bild eines städtischen Daseins, "scheint in ihrem bogigen Anlauf und Abstieg der Linie des Flusses wiederholen zu wollen, dem sie zugeordnet ist: so stößt sie ans Wasser, und so kommt sie von seinem User heraus... Dies ist Tölz. Welch triumphale Heiterkeit; welche Helle, Freiheit und Festig- teitl Mit ausgedehnter Brust steht Haus an Haus; keines mißgönnt dem andern die Breite des Auftritts; diese Szene ist eine kleine Stadt, aber sie sieht patrizisch aus. Zwischen der Brücke und dem^Ansatz der^ großen Straße haben wir den Platz gefunden, der ..... d'.. Z'"t. ”'"2* gleichen Maße erlaubt. Nun kommt der Aufzug daher: die Erregung des Festes brandet wie Wellen heran, stärker und stärker. Die Rosse sind blank geputzt und mit Blumen, Schleifen, Bändern geschmückt; das Lederzeug, altes wie neues, hellbraunes und schwarzes, ist untadelig; wie Spiegel glitzern die Messingbeschläge; die Kummete über den Pserdehälsen sind spitzbogig wie Kirchenfenster des gotischen Mittelalters. Die jungen Männer zu Roß und im langen Wagen, Schützen mit Flinten, Musikanten mit Blechinstrumenten, peitschenschwingende Fahrer aus geschirrten Zuggäulen, tragen rehbraune und waldgrüne Gehröcke, wie man sie auf Bildern der Kobellzeit so oft gesehen hat; die Filzhüte sind hoch, halbhoch auch und immer kegelig zugespitzt. Die kleinsten Buben auf den allerschwersten Gäulen haben die allergrößten Hüte auf stolzen Köpfen, die versuchen, selbstverständlich zu scheinen. Im eigenen Wagen fährt die Geistlichkeit daher. Postillone tragen die weiß und blauen Uniformen, die wir vor einem halben Menschenalter noch in der Hauptstadt gesehen und so gern bewundert haben. Die meisten Wagen sind mit Mädchen und mit Frauen angefüllt. Die Tracht Nicht für dich hat sie der Baum gezeitigt: Samenbettlein sind sie künftiger Bäume — Aber nimm sie immerhin zur Speise.