Nummer 54 Montag, den 15. Juli lhrgang 1955 i durch die geöffnete Tür feines Zimmers fehen. Er winkte ihr mit ber Hand einen Gruß und rief ihr ein Scherzwort zu. Doktor Kern, der sie begleitet hotte, beruhigte sie noch einmal nach einer eingehenden Jtuct» spräche mit dem Assistenten. Die Operation hatte nicht besser ausgefuhrt und verlaufen fein können. Der Zustand des Patienten war durchaus ^tÄn Morgen erwachte Ludwig mit einem Gefühl niegetannter köstlicher Ruhe und feltfamer Klarheit. Es war ein Heller, kalter Winter- tag. In der Nacht war der erste Schnee gefallen, und an den Fensterscheiben feines Zimmers glitzerten Eisblumen in den Strahlen der lang« am höher steigenden Sonne. Ludwig schloß die Augen wieder und sah ich als kleinen Jungen im Hamburger Hafen, wie er in der Frühe eines gleichen Wintertages den Vater zu feinem Fifchkutter begleitete, cher zur Ausfahrt bereit lag. Er sah sich neben der Kasute des Kutters bei Sonne, Regen und Wind, im Frühling, Sommer, Herbst und Winter, schmeckte den dicken Nebel über der Elbe, roch den salzigen Geruch des Meeres, vermischt mit dem scharfen Tran- und Fischgeruch, den jede Planke des Kutters ausatmete. Das war feine Kindheit und Jugend, aus der die Gestalt der Mutter gleich zu Anfang verschwunden war... Die Bilder, die mit wunderbarer Schärfe und Deutlichkeit aus feiner Erinnerung auftauchten, wechselten rasch, doch ihr Hintergrund blieb, der endlo e Horizont über dem Meer, Schiffe davor, em alter Segler werft, auf dem er den ersten Dienst als Schiffsjunge getan haKe, nachdem der Vater tot war, Frachtdampfer dann jeder Große und Form. Die Häfen der Alten und Neuen Welt. Mehr hatte er nicht gesehen. Und diese Häseck, wie er sie gesehen hatte, glichen alle einander so, wie große und kleine Geschwister einander gleichen. Es war im Grunde immer das gleiche, wie es auf dem Meer und auf den Schiffen immer das gleiche gewesen war, bis er in Marseille einfach davonlief, nach Hamburg zurückfuhr und dort, in Sankt Pauli, auf einmal auf einer Bühne stand, in einem Volksstück einen Matrosen spielte, so, wie er feit vielen Jahren Matrose gewesen war. Es war eine kleine komische Rolle, die ein Zufall ihm hingeworfen hatte, nicht viel mehr als ein Spatz im Grunde, rote er ihn oftmals an Bord und an Land vor den Kameraden getrieben Hatte, aber für ihn jetzt das fchmale Tor in eine neue, reiche und bunte Welt Eine Dachstube in Altona, kalt und kahl, nur auf dem Tisch em Stapel kleiner gelber Hefte, aus denen des Nachts Gestalten auffteigen. Gestalten der Phantasie, die bann wieder hinter irgendeiner erleuchteten Rampe Wirklichkeit werden für eine geschloffene, schweigende Menge, in der auch Ludwig Thiele ein winziges, verschwindendes Teilchen ist — bis er selbst wieder hinter einer Rampe steht, spricht, sich bewegt, nicht mehr als der entlaufene Matrofe, sondern als ein Ritter m Helm unb ^Gis^ft wieder nur eine kleine Rolle. Diesmal aber kein Spatz mehr, sondern ein folgenschweres Abenteuer. Es wirft ihn nach Dresden. Da steht plötzlich der Doktor Otto Hartl vor ihm am Bühnenausgang des Theaters nach den „Räubern" von Schiller, in denen Ludwig den Schweizer gespielt hat, und spaziert mit ihm an den Ufern ber Elbe entlang bie ganze Nacht hinburch, bis sie Freunbe geworben sinb und beide wissen, wo seine wirkliche Zukunst liegt... . . Krieg und noch einmal schwere, wie ein Alpdruck oorubergleitenbe Jahre in Häfen und auf Schiffen, auf Minensuchern und Patrouillen- booten, in der Nordsee und in der Ostsee, bis zur Erschvpsung und stumpfen Verzweiflung, in denen das einzige Licht die Briefe des emz>- aen Freundes find. Revolution und erste aufrüttelnde Erkenntniffe ... Ludwig öffnet bie Augen. Die Sonne ist höher gestiegen, unb bie Eisblumen am Fenster beginnen zu fchmelzen. . ... Jetzt ist er roieber in Bresben. Die wirkliche Arbeit beginnt unb bamit ber Aufstieg. Er wirb nach Berlin geholt. Aber Berlin ist nicht mit einem Hanbstreich zu nehmen. Der Aufstieg stockt ... Monate ... Jahre Doch es ist gut so. Er weih, batz fein Tag kommen wirb, ber alles entscheidet. Jetzt ist Elisabeth ba. Zuerst wie ein funtelnbes Licht, eine kostbare Beute bann ein Besitz, eine Kraft, ber erste reiche unb sichere Hafen, aus b'em er immer wieder mit gleichem Mut verstoßen kann in die Gefahren ber breit unb reifjenb geworbenen Fluten des Daseins Als ber Lichtstrahl, ber mit ber hoher fteigenben Sonne über fein Bett gewandert war, in fein Gesicht trat und durch die geschlossenen Lider bis in seine Augen drang, öffnete sich die Tur und Elisabeth trat ein die kleine Isa auf dem Arm. Mit unhörbaren Schritten kam sie bis an'fein Bett Die Schwester war an der Tür stehengeblieben. Er hob den Kovf aus den Kissen unb schlug bie lichterfüllten Augen auf. Du bist ba. Ich habe es gefühlt." Er lächelte „Unb Isa...! "Du wolltest sie sehen. Aber wir bürfen nur em paar Minuten bleiben* Du sollst nicht viel sprechen, Lubwig. - Wie fühlst bu bich Gut. Sehr gut. Ganz ohne Schmerzen." Er hielt noch immer ben Kopf hoch, ihr zugewanbt, unb stutzte ben ut, daß Du da bist ROMAN VON FRIEDRICH BISENLOHR hr 193? by August Scherl G m. b. hn letzt Dirliefj’ Nein. Sie mußte stark bleiben. Seine stolze Zuversicht war das : fefte, was er besaß, unb sie würde siegen wie immer — diesmal »l-lleicht ein wenig später. Aber gerade darum war es ihre erste Pflicht, I» nicht nur in jeder Weife zu stärken, sondern auch selbst daran zu ghuben. Als sie ging, war ihr Gesicht ein wenig blasser, lieh aber nichts ■um ihrer inneren Ängst im Zimmer zurück. 40. Am gleichen Abend, noch vor der Untersuchung, traten bei Ludwig Lieder Schmerzen auf, bie sich rafch steigerten Professor Althosf mutzte ene Blinbbarmentzündung feststellen und entschloß sich,. ba n°”) *e tvnnensroertes Fieber ba war, zur Operation am nächsten Marge . Ludwig war einverstanden und bat nur, Elisadech erst 5" benachrichtigen, wenn alles vorüber war, um ihr eine schlaflose Nacht z -eissparen. Er selbst behielt seine Zuversicht. Diese Operation war eine -Mögliche, durchaus ungefährliche Sache. Er war irn Grunde zusried , -«dlich klaren Bescheid zu wissen um die Ursache seiner Erkrankung -d- durch einen kleinen, vielleicht recht schmerzhaften aber von den e sahrensten Händen nach allen Regeln moderner ärztlicher Kunst aus- 8 führten Eingriff befeitigt werden konnte. f .. . • Die Operation selbst ging rasch unb exakt vonstatten. Ludwig spur e r chts bavon. Als er aus ber tiefen Narkose wieder erwachte hatten d„ schmerzen ihre Natur verändert. Das innere Ziehen und Brennen !w°r verschwunden. Dafür spürte er an der gleichen Stelle, unter dem ■ Men Verband einen vorläufig noch dumpfen Reiz, der sich a h i ein scharfes, kitzelndes Stechen verwandelte, das aber äußerlich Utlieb unb von ben Nahtstellen ber Wunbe stammte. . h Elisabeth, bie ber Assistenzarzt von der notwendig gewordenen und i ^rschristsmätzig verlaufenen Operation benachrichtigt hatte, am am - - achmittag in die Klinik, durste aber Ludwig nur einen Augenblick Siebener ^amilienbläner Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Oberkörper auf beide Ellenbogen. ,Hetzt ist alles Böse entfernt, und Ich werde bald wieder gesund sein." „Du sollst dich nicht anstrengen." . „ Das tu’ ich nicht. — Ich hab' heute morgen viel und schon geträumt. „Was denn?" „Mein halbes Leben... Ich habe lange nichts mehr von Otto gehört. Du auch nicht, Lisa?" „Doch. Er hat heute morgen telegraphiert, daß er kommt. „Das ist gut." „Er kann morgen daseinl" „Bring ihn mit! Ich muß mit ihm sprechen." „Später, Ludwig!" „Nein. — Ich glaube, es ist Zeit... daß ich ... Plötzlich gaben seine Ellenbogen, auf die er sich stutzte, nach, und er sank in die Kissen zurück. Ein Zucken lief über sein Gesicht und erstarrte Der Blick seiner blauen Augen erlosch, und der Kops drehte sich halb Aur Seite. Elisabeth öffnete den Mund, wie zu einem schrillen, wilden Aufschrei. Aber es kam kein Ton über ihre Lippen. Sie war wie erstarrt und rief nur mit einem wehen Blick die Schwester zu Hilfe. Diese trat rasch an das Bett und beugte sich über Ludwig, faßte nach seiner Hand und lief dann mit einem bestürzten, bleichen Gesicht zur Klingel. Dann mußte ste Elisabeth stützen, die wankte und zusammenzubrechen drohte. Sie brachte sie bis zu einem Sessel und nahm ihr das Kind aus dem Arm. Mit der Oberschwester erschien auch der Assistenzarzt. Er erkannte die Situation mit dem ersten Blick. Auch die Oberschwester wußte, daß nichts mehr zu tun war, daß es zu Ende war. Jetzt erst brach der Ausschrei sich Bahn, der in Elisabeths Kehle steckengeblieben war, und der Arzt mußte sich um sie bemühen. Endlich gelang cs, sie aus dem Zimmer zu geleiten, in dem der Tod seine Hand aus Ludwig gelegt hatte. Er war leise gekommen, ohne Kampf, in seiner mildesten Korm. Die Erstarrung, die in Elisabeth zurückgeblieben war, begann sich erst langsam zu lösen, als sie durch Doktor Kern erfuhr, daß aller ärztlichen Erfahrung nach der Tod Ludwig vor einem langen und qualvollen Leiden bewahrt hatte, was auch Professor Althoss bestätigte. Er war nicht überzeugt, ob es gelungen wäre, das Fortschreiten der gefährlichen Lebererkrankung, die er gleich hatte feststellen können, aufzuhalten. Diese stete latente Gefahr ganz zu beseitigen in einer langwierigen und komplizierten Behandlung war wenig Aussicht vorhanden gewesen, namentlich im Hinblick auf Ludwigs körperliche und seelische Verfassung, die einer solchen Behandlung kaum gewachsen gewesen wäre. Seine leidenschaftliche Natur hätte alle Vorschriften immer wieder durchbrochen oder wäre in erzwungenem Gehorfam einer gleichfalls vernichtenden Verzweiflung verfallen. — Es war nach dem Tag der Feuerbestattung, an der die gesamte Ocfsentlichkeit teilnahm und Ludwig die letzte und größte Ehrung erwies, als Elisabeth diese Wahrheit erfuhr. Das Gesicht des Todes verlor für sie feine starre, grausame Maske, und sie erkannte jetzt auch in ihm das allem Lebendigen innewohnende, schicksalhafte Gesetz. Das Haus am See war viel zu weit und zu groß für sie und die kleine Jfa. Sie kehrte nur für kurze Zeit dahin zurück und ging gefaßt und entschlossen an die Auflösung dieses auch viel zu kostspieligen Haushalts. Doktor Hartl war aus der Schweiz zurückgekommen. Er stand ihr zur Seite wie früher, und sie dachte an Ludwigs letzte Worte: Es war gut, daß er da war ... Abendlied. Von Johann Christian Günther. Der Feierabend ist gemacht. Die Arbeit schläft, der Traum erwacht. Die Sonne führt die Pferde trinken; Der Erdkreis wandert zu der Ruh! Die Nacht drückt ihm die Augen zu. Die schon dem süßen Schlafe winken. Mein Abendopfer ist ein Lied, Das dir zu danken sich bemüht, Die Brust entzündet Andachtskerzen; Gefällt dir dieser Brandaltar, So mache die Verheißung wahr: Gott heilet die zerschlagnen Herzen. Du Geist der Wahrheit, breite dich Mit deinen Gaben über mich! Dein Wort sei meines Fußes Leuchte! Vergönne mir dein Gnadenlicht Aus meinen Wegen, daß ich nicht Mir selber zur Verdammnis leuchte. Das müde Haupt sinkt auf den Pfühl, Doch, wo ich ruhig schlafen will, So muß ich deinen Engel bitten; Der kann durch seine starke Wacht Mich vor dem Ungetüm der Nacht Um meine Lagerstatt behüten. Soll mir der Pfühl ein Leichenstein, Der Schlaf ein Schlaf zum Tode sein. Ja, soll das Bette mich begraben, So laß den Leichnam in der Gruft, Bis ihn die letzte Stimme ruft, Den Geist im Himmel Frieden haben. Steifer (3rog in Helgoland. Von Fritz Otto Busch. Helgoland, der deutsche Vorposten vor der Elbmündwz und eine der reizvollsten Inseln der Nordsee, ist alljährli» das Ziel vieler Tausende. Die Bevölkerung hält trotz di- täglichen Umgangs mit den Fremden zähe an ihren Hebet lieserungen und an ihrer alten Sprache fest. Davon erzähl: Fritz Otto Busch in seinem bei Friedrich Vieweg & Soljii AG., Braunschweig, erschienenen „Buch von Helgoland". Es ist der letzte Abend aus der Insel. Irgendwie muß man noch einmal unter Helgoländern sitzen, diele harten wettergezeichneten Gesichter sich einprägen, ihre seltsame Sprache hären, diese Männer, gemütlich und ruhig wie nur irgendein deulschm Volksstamm, beobachten, wenn sie hinter dem Grogglas hocken und vm Wind und Wetter, von Hummersang und Schissen erzählen. Rich!!« kennenlernen wird man den Haluner sehr, sehr schwer, er ist wortkarg schlau und wohl Fremden gegenüber besonders verschlossen, wie ollii Friesen. Die Lage der Insel, einsam im Meer, die Abgeschlossenheit, du ewige Kampf mit der See, die Unmöglichkeit, aus dem Land nennenswerte Erträgnisse zu erzielen, der Rückgang des früher sehr ausgiebig betriebenen Schellsischfangs, alles hat diesen Menschenschlag außerorden' lich konservativ und selbstbewußt gemacht. Selbst das Badeleben iu Sommer, das Zusammenkommen mit den vielen Fremden, die meist alt „Eintagsfliegen" auf dem Lunn weilen, hat hieran nichts zu Sndem vermocht. Die Helgoländer bilden unter sich eine einzige große Familie in der jeder gleiche Rechten und Pflichten hat, keiner wird nach feine: sozialen Stellung angesehen, nur Alter und Leistung schassen dem cini zelnen Vorrechte. Die echten Haluner reden sich unter sich mit „Du" und dem Boy namen an, nur zu den eigenen Eltern und älteren Leuten wird „Jini" (= Ihr) gesagt. Dies gilt natürlich nur von den eigentlichen Fischen samilien, nicht von den zugczogenen Kaufleuten usw., die ja selbst, sallo sie nicht mit Helgoländerinnen verheiratet sind, was sehr oft der Fall ilh Fremde aus der Insel bleiben. In der beschäftigungslosen Zeit, außerhalb der Saison, sitzen die Männern gern im Wirtshaus. Da Wasser ja fo rar ist, trinken sie dm Grog in einer Stärke, die den ältesten Tiessee-Seeleuten Ehre machm würde! Und Seeleute sind sie, diese stämmigen, helläugigen Friesen, de: muh ihnen der Neid lassen! — Gemütlich sind die kleinen Grogstuben im Unterland. Schön bequem dicht am Strand, und man kann wirklich nichts dafür, wenn man z.W vom Wind die Kellertreppe hinab in den „Lustigen Seehund" geblasw wird, ins Fährhaus oder ein paar Schritte weiter zu Pinkus! Wo ei den besten Grog und die höchsten Helgoländer Wellen, den fchaumigskn Eiergrog und den klarsten Doornkaat gibt — ja, um das zu erfafjreir. müßte man auf der Insel wohnen, für den Badegast scheint es überai: gleich ausgezeichnet zu fein! Stark sind die Getränke auch, die Helgi« lander Wirte sparen nicht und sehen den Fremden höchstens verwunden an, wenn er z. B. vormittags mal eben hineinsieht in eine (Brogftubet weil er doch vom Stehen auf dem Falm oder der Landungsbrücke st gänzlich durchgeblasen ist, und dann etwa einen „nicht fo starken" @rc»; verlangt! Alle diese Stuben sind wahre Museen Althelgolander SBergangcnbeili Kupferstiche von bekannten Seglern und Klippern, Lithographien berühr ter Badegäste, im Stil der achtziger und neunziger Jahre mit Botanisim trommeln und Käscher, in Hemdsärmeln und Riefengauchohüten in tw Pose „zur Erinnerung an meine Dienstzeit" ausgenommen, dann Schiffs Modelle in wunderbar seiner Ausführung, alte Seekarten, gerahmt Widmungen, altenglifches Porzellan, Delfter Kacheln, ausgeftopfte ®t» tiere, Muscheln, verblaßte Photos und bunte Bilderbogen vom Bad» leben der ersten Zeit: alles Dinge, die ausgezeichnet zu diesen rau* gestillten, .holzgetäfelten und braungebeizten Stuben paffen. In Gruppen sitzen die Männer, halten die für ihre Fäuste und Durst viel zu kleinen Groggläfer und palavern. Es riecht wundcrbi« nach Iran, geteertem Hanfleinen, Leder, englischem Tabak und er ? tiaffigem Jarneika-Rurn. Diese Köpfe, einer nach dem andern, sind sami> lich einmalige Originale, die jeden Photographen oder Zeichner begeistcm könnten. Holzgeschnitzte, kantige Gesichter mit den Runen und StruW. die See und Wind eingruben in einem Leben, das größtenteils droutzw zwischen den Rissen aus schwankendem Boot sich abfpielt. Braungegerbt die Haut, rissig, mit unendlichen Falten um Munu winkel und Augen, die dem Ganzen diese unvergleichliche Note üst'M Fröhlichkeit geben, glattrasierte Lippen und hier und dort der ttjpw*. auf dem Festland und den anderen Inseln fast ausgestorbene Fischerbarr. Dazu diese Fäuste — Junge, Junge! Gewohnt, den Riemen (= Rudm zu sichren, das Ruder (= Steuer) griffest zu halten, mit Netzen uM Bootshaken zu hantieren und immer in Berührung mit dem SalzwaPr. Ja, ja, wenn ein Haluner mit der aufrechten Hand auch nur einigfi ’ maßen fest — so nach dem vierzehnten Glas Grog — auf den blan •' gescheuerten Holztisch haut, dann wird der sich spalten, wie der ökw tisch des seligen Barbarossa im Kyfshäuser durch den Bart des oim Herrn! — ,, Bei Pinkus ist allerlei versammelt, der Grogkessel dampft, W’I“’ und Zigaretten qualmen — es gibt außer für die Fremden auf w» Insel offenbar keine Zigarren — man tritt an einen Tisch: „Sine Welle bitte!" Man muß das doch kennenlernen, wenigstens o letzten Abend, wenn man sonst nur Whisky und allenfalls einen EMI getrunken hat! Helgoländer Wellen — das ist ein Gemisch von Rotwe>. Arrak, Rum, Zimt, Zitrone und Zucker; oder fo ähnlich — genau b° ich das nicht feftftellen können, jede Grogstube hat da wohl ihr eigem, Rezept. Jedenfalls ist das Getränk heiß, füß und schwer — DC.rt •?;< nochmal! Es geht sozusagen durch und durch. Doornkaat zum Beispiel eine harmlose Angelegenheit dagegen. . Man selbst geht nach einer Weile eifrigen Palaverns bis zum /anchl üblichen Rumgrog über — diese Wellen sind trotz ihrer Stärke, so ei Seegang 8 bis 6, doch irgendwie labberig für einen ordentlichen Seemann! Hübsch ist es, diese Fischer und Jäger wiederzuerkennen, sie hier „privat" zu erleben, unter sich, nachdem man sie dauernd nur bei der Arbeit sah, in ihrem Beruf, auf der Straße, am Strand, in den Booten. Dort der breite Alte mit der Schisserfräse und dem goldenen Ohrring gegen die Gicht, der steht immer am Falm mit einem Riesenkieker. Der Kleine, der über dem Buscheruntje noch die verschossene schwarze Lederweste trägt, steht meist im ersten Boot, das zum Dampfer fährt, am Ruder. Der lange Blonde neben der Ofenbank, der hatte neulich feinen Posten an der Rordspitze, als der Schnepsentag war, und der schwarzhaarige Junge, der ging auf der Schutzmauer umher und holte mit geradezu teuflischer Sicherheit die Krähen herunter, die über die Slldecke floppten. Seine Kameraden, mit denen er Korten spielt, standen im Geröll hinter der Betonmauer und versuchten mit Steinwürfen die Schnepfen aus den Felslöchern zu treiben, bis die Bögel in tollen Zick- zackjchwenkungen hochstoben und im Feuerblitz aus der Doppelläufigen auf die Steine schossen. Ja, wenn man diese Helgoländer alle beisammen sehen will, dann muh man ins Fährhaus, in den „Lustigen Seehund", zu Pinkus oder in eine der anderen Grogstuben gehen, dort sind sie, hübsch verteilt, sehr gemütlich und erheblich gesprächiger als sonstl — Der Auszug zum Oberland stellt seinen Dienst um diese Jahreszeit bereits um 8 Uhr abends ein. Man steigt die Treppe hinauf und freut sich an dem schönen Bild, das die lichterfunkelnde Insel nachts bietet. Und am Mast der Marine-Signal-Station hängt schon wieder die rote Laterne der Sturmwarnung! Mondnacht. Von Joseph von Eichendorfs. Es war, als hätt' der Himmel Die Erde still geküßt, Daß sie im Blütenschimmer Von ihm nur träumen müht. Die Luft ging durch die Felder, Die Aehren wogten sacht. Es rauschten leis die Wälder, So sternklar war die Nacht. Und meine Seele spannte Weit ihre Flügel aus. Flog durch die stillen Lande, Als flöge sie nach Haus. Wenn d e Saat reist. Ein volkskundlicher Streifzug durch die Kornfelder. Von Dr. Wilhelm Gemperle. Hat der Landmann das Feld bestellt, stehen Pflug und Egge wieder auf dem Hof oder in der Scheune und beginnt die Saat im Erdboden ihre wunderbare Keimkraft zu entfalten, dann muß er Monate geduldiger Erwartung und gläubigen Vertrauens bis zur Ernte ausharren. Wohl ist das harte Tagwerk des Bauern auch in dieser Zeit voller Muhen und Sorgen, aber er ist jetzt mehr denn je auf das still« Wirkwi der Natur angewiesen, die über Wohl und Wehe feiner Arbeit entscheidet. Ein Haqeljchlag von nur wenigen Minuten kann alle seine Hoffnungen vernichten und eine Woche anhaltender Dürre den Lohn für feinen Fleiß auf ein armseliges Mindestmah zufammenschrumpfen lassen. So empfindet der Landmann gerade zur Zeit der reifenden Ernte, wie sehr sem Schicksal in den Händen höherer Mächte liegt, und immer wieder mag er in einer freien Stunde beim abendlichen Gang durch die Felder ohne jede überspitzte Weisheit über die geheimnisvollen Zusammenhänge nachgesonnen haben, in denen sich ewig und unabänderlich das Leben des schaffenden und ringenden Menschen bewegt. Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn sich seine Vorstellungswelt beim Anblick der im Wmde wogenden Kornfelder mit den seltsamsten Gestalten mit guten und bösen Geistern, bevölkerte, wenn er schon fett den ersten Anfängen der Geschichte des ackerbauenden Menschen das Verlangen hatte, dieses rätselvolle und nie berechenbare Walten der Naturkräfte in dem Treiben von Gottern und Dämonen, merkwürdigen Wesen und unheimlichen Tieren, anschaulich verkörpert zu sehen. Die Zeit der Reise bis zum Erntebeginn ist auch heute noch von einem breiten Band uralter Volksbräuche, von Sprüchen und aberglaubi- schen Vorstellungen begleitet, deren eigentliche Bedeutung und letzte Her kunft sich oft im Dunkel der Vorgeschichte verliert, die bisweilen von kirchlich-christlichen Ueberliefenmgen emgehullt sind und die nichtselten auch auf nüchterne Zweckmähigkettsgrunde zum Schutz der Ernte und zur Abwehr unerwünschter Eindringlinge zuruckzufuhren sind Jakob G r i in m und seine Schüler glaubten ,n den Schreckgestalten der reifenden Kornfelder Abbilder germanischer Gotter und Göttinnen erkennen zu können. Andere Forscher haben in den Korndamonen mehr scherzhaft gemeinte Phantasiegebilde und Gruselgestalten als Schreckgespenster für die Kinder gesehen. Gleichwohl bleiben einzelne Brauche, so bas Opfer Der letzten Aehren, wie in dem soeben vollendeten von Professor Adolf Spam er im Verlag Bibliographisches Institut AG., Leipzig,I.AVwih rt gegebenen zweibändigen Werk „Die Deutsche ®olt5tuni)e jusg f b wird, kaum anders zu deuten als aus dem volkstümlichen Glauben a das Dasein einer „Kornmutter" oder eines „Kornmannes In oem Senken und Heben der Aehren spürt man das Wirken der Geister, Die das reifende Getreide zärtlich streicheln, die aber auch bedrohlich werden können, wenn sich ein Mensch in das Feld hineinwagt oder gar mutwillige Zerstörungen anrichtet. Kindern sind diese Schreckgeschichten von Erwachsenen natürlich oft in der Absicht erzählt worden, sie vor dem Betreten der Felder zu warnen. Empfindsame Erzieher mögen dieses etwas derbe Mittel verdammen, aber es läßt sich nicht leugnen, daß es in manchen Seelen das Gefühl für die Heiligkeit des Reifens in der Natur stärkt. Außerdem ist die Gefahr des Verlaufens im hohen Aehren- eld nicht ganz von der Hand zu weisen. Es soll, wie der Volkstums- orscher Richard B e i t l erwähnt, tatsächlich vorgekommen fein, daß vermißte Kinder erst bei der Kornernte als Leichen aufgefunden wurden. So sind die Dämonen Schreck-' und Abwehrgeister und Fruchtbarkeitsgötter zugleich; sie sind in unzähligen Verwandlungen und unter den Der- chiedenartigsten Namen in fast allen Teilen der Welt bekannt, und in Deutschland sind sie noch in allen Landschaften in der Vorstellung des Volkes zum mindesten aber der Kinder lebendig. Allein in den Ortschaften der Pfalz wurden nach den Erhebungen, die für den „Atlas der deutschen Volkskunde" durchgeführt worden sind, der Korn- vater, der Butzemann und Butzemummel, der Botzenickel und Karnickel genannt, ihnen gesellen sich zum Schutz des reifenden Korns und zur Abwehr aller Feinde der Schütz, der Feger, der Stromer, der Teufel, der chwarze Mann, der Hakenmann und das Kornmännel zu. Doch nicht genug: „Die Kornmutter, die Alt, die Nachtmutter, die Hex und die lange Els fangen, was sich in ihr Kornfeld wagt. Der Nachtwisch und der Wullewux hocken in den Halmen Ein ganzer Ring von großen und kleinen Tieren glotzen aus den abenteuerlustigen Buben, der mehr und mehr von den blühenden Kornraden pflücken und die Tiefe und Weite des Aehrenmeeres ausforfchen will. Man dräut ihm in der Pfalz mit Wolf und Bär, Butzebär und Butzemummel, mit Fuchs und feuriger Katze. Der Kornwurm sitzt in der Frucht und holt einen, das Korn« mäusl beißt, die Wildsau jagt, Nachteule und Nachtkrabb fliegen herum, die Krott beißt einem den Kopf ab, und das große unförmige Mühlberger Tier geht um den Acker." Das ist nur ein Teil der Ausbeute von einer einzigen Landschaft, sie zeigt aber bereits, wie stark der Glaube an Korndämonen in der Dor- stellungswelt des Volkes verwurzelt ist. Das beweist auch eine Reihe sehr anschaulicher Sprüche und bildhafter Erklärungen für natürliche Erscheinungen, die wir tagtäglich an einem Feld reisender Aehren beobachten können. Wenn sich das Korn im Winde bewegt, sagen die Bauern: „Die Kornmutter läuft über das Feld" ober die wilden Säue ober der Wolf treiben darin ihr Wesen. Während nun die meisten Dämonen gute Geister sind, die das Korn schützen wollen, gibt es auch böse Gewalten, in denen die Unfruchtbarkeit und die Gefahr der Mißernte verkörpert sind. Der „Bilmes- oder Binsenschneider" soll an bestimmten Tagen unsichtbar mit Sicheln an den Füßen durch die Getteideselder gehen und die Halme ab« schneiden, um den Menschen einen Schabernack zu spielen und sie um den Lohn ihrer Mühe zu bringen. Peitschen Sturm und Regen die Saat, so geifert der Roggenwolf durch die Halme, mit ihm heult der Roggenhund und grunzt die Roggensau. Diese Geister treiben Spuk und richten Schaden an, wo sich ihnen nur die Möglichkeit bietet; sie können furchtbar wüten und ganze Felder wie hingemäht zu Boden strecken. Glücklicherweise aber gewinnen meist die Schutzgeister die Oberhand und schlagen die bösen Dämonen in die Flucht. Nun hat der Mensch seit jeher versucht, in diesen Kampf zu feinen Gunsten einzugreifen, die guten Geister nicht zu erzürnen und die bösen zu beschwichtigen. Auch die Vogelscheuchen sind im tiefsten Grunde wohl nicht allein aus der heute geltenden praktischen Erwägung zu erklären, sondern bedeuteten ursprünglich einen Abwehr- und Schutzzauber. Ein großer Teil des festlichen und kultischen Brauchtums, der noch heute mit Erntebeginn und Erntebeschluß zusammenhängt, stammt aus dieser mythischen Welt. Der erste Kornschnitt ist in manchen ßanbestcilen bis zur Gegenwart eine besondere feierliche Handlung geblieben Wer in Ostpreußen zur Zeit des Anschnitts ein Kornfeld betritt, läuft Gefahr, „gebunden" zu werden; ein Arbeiter oder eine „Bindersche" naht sich dem Fremden mit ein paar Halmen, die ihm um den rechten Ellenbogen geschlungen werden, wobei in einem Sprüchlein um Trinkgeld für die Schnitter gebeten wird. Die letzt» Garbe, die der Landmann noch häufig noch Einfuhr der Ernte auf dem Stoppelfeld zurückläßt, dürfte ursprünglich ein Dantes- opfer für das Wirken der Schutzgeister gewesen fein. In anderen Land- schäften ließ man der Kornmutter ein paar Aehren stehen In Oberfranken heißt es von den sechs bis acht ersten Halmen: „Wir geben’s der Alten, Sie soll es behalten. Sie sei uns im nächsten Jahr So gut, wie sie es diesmal war." In Westfalen verlangt der Volksglaube, daß die letzte Garbe auf dem Acker verfaule, damit der Spuk dem Haufe fern bleibe, und auch im Hessischen verzichtet man vielfach aus Furcht vor bösen Geistern auf die letzten Halme. So hat sich die Ueberlieferung des (Betreibeopfers noch in zahllosen Formen bis heute erhalten, als ein Beweis dafür, daß selbst im technischen Zeitalter die uralten Vorstellungen des Volksglaubens ihre Kraft bewahrt haben und daß sich der Mensch noch immer der unaufhebbaren Tatsache gegenübersieht, daß mit seiner Macht allein nichts getan ist, sondern daß übermenschliche Gewalten — Natur und Götter — bas mühselige Werk von Monaten in wenigen Augenblicken zerstören können. Dieses Gefühl ist in dem Landmann besonders tief und lebt in den mannigfachen Gestalten einer mytbischen Welt weiter, die zwar verhüllt und zurückgedrängt worden ist, die aber weiter besteht und wirkt. und heute mit einem Gemisch von Mißtrauen und Ironie betrachten. Das Italien des zwanzigsten Jahrhunderts gibt einen guten Begriff davon. aber von Deutschen. Also sprach der Prophet und er knabberte an einer Heuschrecke stärkte sich mit einem Teelöffel wilden Honigs. Verantwortlich: Or. Hans Thvriot. — Druck und Derlog:Brühl'iche UniverlitätS»Puch» unb 6teinbt uderei, 5L Canae, (Sieben. Gedichte. Don I. W. von Goethe. Gedichte sind gemalte Fensterscheiben! Sieht man vom Markt in die Kirche hinein, da ist alles dunkel und düster; und so sieht's auch der Herr Philister; der mag denn wohl verdrießlich sein und lebenslang verdrießlich bleiben. Kommt aber nur einmal herein! Begrüßt die heilige Kapelle! Da ift’s aus einmal farbig Helle, Geschicht' und Zierrat glänzt in Schnelle, bedeutend wirkt ein edler Schein; dies wird euch Kindern Gottes taugen, erbaut euch und ergötzt die Augen! Italiens politische Einheit ist ein halbjahrhundertealtes Faktum, tatsächlich ist das Land das, was es immer war: eine Kollektion kleinen Republiken. Es ist typisch, daß das Wort Paese sowohl Land wie ein kleines Dors bedeutet. Der Geburtsort ist für den Italiener das Land. Man kann sich nicht wie in den meisten anderen Ländern mit einer Gegenüberstellung von Norden und Süden begnügen; es herrscht hier ein Regionalismus, der auf allerkleinsten Fleckchen der Erdoberfläche bis in das geringste Detail durchgeführt ist. Nicht genug damit, daß ein Sizilianer und ein Milanese sich kaum verstehen; auf einer kleinwinzigen Insel wie Capri mit kaum zehntausend Menschen ist die Bevölkerung seit Jahrhunderten in zwei Paesi gesondert, Capri und Anacapri, die blutige Fehden miteinander geführt haben und sich noch Italienische DReife. Bon Frank Heller. Die meisten Exprehzüge gehen um sieben Uhr srüh ab, und treffen um sechs Uhr an ihrem Bestimmungsort em. Um fünf Uhr oder so wird man in seinem Schlafwagen vom Schaffner aufgekitzelt, kommt zornig und übernächtig in der Stadt an, von der man geträumt hat, und weiß nicht, was man anfangen soll. Zu Bett gehen ist lächerlich, aber sangt man an in der Stadt herumzuwandern, ist man noch vor dem Frühstück todmüde. Fluch solchen Expreßzugen!! Sie sind nur würdig, reisende zu befördern, nicht wißbegierige, aber epikuraische Forschungs re*'ficU unb Segen hingegen dem Expreß Wien—Rom! Der geht um zehn Uhr abends vom Wiener Südbahnhof ab. Um neun Uhr am nächsten Morgen ist man an der Grenze in Tarvis. Munter und aus- geruht unterzieht man sich der Paßkontrolle und Zollrevision mit einem Lächeln, trinkt im Speisewagen einen Wermut, wahrend der Zug an schneeglitzernden Fluhtälern vorbeisaust, macht beim Frühstück Bekannt- schast mit Italiens kulinarischer Dreieinigkeit: Salami, Makkaroni und Chianti, sieht den Himmel höher und höher blauen — Italiens Himmel; gleitet in der Dämmerung über die Brücke in das schone Venezia und steigt am nächsten Tag morgensrisch in der Bahnhofshalle der ewigen Stadt aus. Seht, das ist ein richtiger Expreß, hätte H. C. Andersen gesagt. Wer in diesen rühmenswerten Zug einsteigt, sagt Lebewohl vielen ererbten Begriffen. Heringe und Branntwein liegen hinter ihm, und an manchem weinschweren Morgen wird er seine Hände nach ihnen ausstrecken wie der Wüstenwanderer seine Hände nach dem lockenden Spiegelbild eines kühlen Sees ausstreckt. Nimmer wird er seine Glieder mit einer Dusche nach dem Bade kühlen können, denn alle Duschen sind jenseits der Alpen geblieben. Und schließlich, dies ist beinahe das Schmerzlichste: von dem Augenblick, in dem die Grenze hinter ihm liegt, steht er sich gezwungen, in allen Hotels Pension zu nehmen; denn man vermietet nur unter dieser Bedingung Zimmer — oder gegen eine tägliche Kriegsentschädigung. Und wer auch nur kurze Zeit von der strohtrockenen Seezunge und dem blutenden Ochsen verfolgt wurde, lernt diese unerbittlichen Begleiter des Menüs respektieren, so wie die Aegypter das Krokodil und den Schakal respektierten.. Die Schattenseiten des Bildes sind mit unbestechlicher Hand gemalt worden. In welchem Maße werden sie von den Lichtpunkten ausgewogen? Ganz und gar, in jeder Weise, total! Wer mit dem rechten Sinn und den rechten Erwartungen nach Italien kommt, lernt binnen kurzem dieses Land über alle anderen Länder der Erde lieben. Aber es ist wichtig, zu betonen: mit den richtigen Erwartungen. Was seid ihr ausgegangen zu sehen? — Sonnenschein? Ihr werdet den schönsten, herrlichsten Sonnenschein der Welt finden. — Wein? Ihr werdet viele Weine kosten, die sehr stark und oft sehr gut sind, aber vergebens werdet ihr Schloßausbruch und lange gelagerte Jahrgänge suchen, wie man sie in Frankreich und Deutschland findet. — Lebensfreude? Dieses Bolk lebt im Augenblick wie kein anderes Bolk. Ueberschwänglich in seinem Jubel wie in seiner Trauer, überströmend in seiner Freundschaft wie in seinem Zorn, bereit, einem Fremden den letzten Bissen Brot zu geben, und ebenso bereit ihn auszuplündern. Also ihr werdet viel Lebensfreude finden. Denn was ist Lebensfreude sonst als Freude am Augenblick? Aber viel Karnevalsfreude werdet ihr nicht finden. Die findet ihr besser auf venezianischen und neapolitanischen Festen im Norden. Kaum werdet ihr ein Musik-Cafe finden, und wenn, so gehört es meistens einem wie Griechenland vor Alexander »em Großen ausgesehen haben mag. Aber das macht eben auch Italiens großen, ganz einzigen Reiz aus. Sie kommen mit dem Zug nach Mailand; das ist noch halb Mitteleuropa; in sechs, sieben Stunden sind Sie tn Venedig; — eine ganz neue Welt, Byzanz und Handelsmetropole tn einem einzigartigen Rahmen Wieder sieben, acht Stunden und Sie gehen m Florenz herum, der schönen Magnatenrepublik, abermals fünf, sechs Stunden, und Sie durchwandern Rom, wo drei Jahrtausende durcheinander gemischt sind und antike Erinnerungen, geistliche Macht und weltliche Macht sich >n einer modernen Großstadt den Raum streitig machen; wiederum fun Stunden, und Sie betreten die Quadersteine Neapels, wo die Zett still zu stehen scheint, eine lebende Stadt, die bis in alle Einzelheiten: Architektur, Stratzenpflaster, Lebensgewohnheiten und Laster — dem seit zwei Jahrtausenden toten Pompeji gleicht. Vergleichen Sie dieses Land, sein unendlich wechselvolles Profil, seine unerschöpflich reichen Erinnerungen mit barscheren Länderm, die beinahe der Geschichte entbehren, und Sie begreifen die Berauschung, die den Nordländer dort unten ergreift. Aber vergleichen Sie feine Verbindung von tausendjährigen Erinnerungen und heißpulsterendem Leben mit dem streng zentralisierten Frankreich, dem industrialisierten England, dem maschinellen Amerika, und Sie verstehen, warum Jahr /ur Fahr Tausende und aber Tausende aus allen Landern der Welt nach 3tahen strömen. Was sind sie ausgezogen, zu suchen? Sind es Komgspalas e? Sind es Ruinen? Solche Paläste und solche Rumen sind in vielen anderen Ländern zu finden. Nein, diese Tausende ziehen aus in der dunklen Hoffnung, ein Wunder zu erleben, das Wunder, das sich leben Frühling in der Natur begibt, weniger oft im Leben des Menschen, noch seltener im Leben der Völker; und ein richtiger wenn auch unklarer Instinkt treibt sie in das Land der Renaissance — das uralte Land, das noch immer von ewiger Jugend überschäumt. Firenze, Florenz, was ist für das Ohr die holdeste Musik? Beide Namen geben eine richtige Vorstellung von der Stadt der roten Lilie, aber jeder malt eine Seite ihres Charakters Firenze flammt in dem. selben vornehmen Trotz, der aus den zinnenbesetzten Türmen der Paläste und der Burgtore der Via Tornabuoni spricht; Florenz verrat all dar Weiche und Duftende, das an einem Apriltag über der Stadt am Arno ruht und unbeschreiblich ist. ,. In Lapis Keller treffen sich alle Fremden. Da fließt der Chianti um die Wette mit der Beredsamkeit, ja zuweilen noch heftiger. Nie vergesse ich meinen Besuch dort an einem Herbstabend des Jahres 1919 Es war unmittelbar nach dem Krieg. Ein Freund und ich waren so gut wie die ersten Gäste seit fünf Jahren. Wir wurden mit offenen Armen empsan- gen, mit Chianti und Ziehharmonika. Ja, aber was für einer Ziehharmonika! Groß wie ein Harmonium, mit Pedalen, Klaviaturen, mit vox Humana, angelica und seraphica und mit unglaublicher Gewandtheit von einem schwarzhaarigen Freund des Hauses gespielt. In Tonen schilderte er die Freude, die lieben Gäste aus früheren Zeiten wiederzusehen. Mit Jubeltrillern der vox seraphica deutete er die helle Zukunft an, die sich der Stadt am Arno eröffnete; mit dunklen Tonwogen und gequälter vox Humana schilderte er die bitteren Jahre, die nun zu Ende gegangen waren. Die Ratten, die einzigen, die in diesen 3abren in Florenz zugenommen hatten und gediehen waren, strömten hinter den Weinfässern des Kellers in ganzen Horden hervor. Auf den Hinterbeinen sitzend, mit gekreuzten Vorderpfoten und schraggelegtem Kopf lauschten sie behext Don Ernestos Kantate, bis der rote Morgen im Kellerhaus zu grauen begann, und der Chianti in unserem Munde bitter wurde, und wir uns heimtückisch zum Bahnhof schlichen und den Zug nach Rom nahmen. * Keine Stadt ist faszinierender als Rom. Aber um würdig in Rom zu wohnen, müßte man wohnen. Und das ist gerade das Schwierige, wenn man nicht in der Lage ist, sich eine eigene Villa zu bauen, ober sich wie b'Annunzio eine auf Kosten bes italienischen Staates (und eines geplünderten Ausländers) zuweisen zu lassen. Sie kommen also nach Rom mit der Perle der Exprehzüge. Sie nehmen ein Zimmer. Sie setzen sich in eine Droschke und Sie sagen zum Kutscher: Fahren Sie zum Petersplatz! Ich bin zwar beim Papst zum Lunch geladen, aber das Wetter ist zu schön. Ich gedenke mein Lunch auf dem Petersplatz einzunehmen! Der Kutscher klatscht billigend mit der Peitsche, der Wagen rollt über bi» Via Nazionale, die Räder glitschen über die Straßenbahnschienen, Tausende von Autos versuchen Gelchwindigkeitsrekorde zu erzielen, der Kutscher schläft, nach allem zu urteilen. Und Sie befehlen Ihr Leben in bie Hände bes Heiligen Vaters, dessen Namen Sie soeben mißbraucht f,ab2n)'er alles läuft gut ab. Wenn Ihr Wagen sich quer über die Straße stellt, so weichen die anderen Wagen in Bogen aus; wenn Ihre Pferde rechts gehen (was sie in Rom nicht tun sollen, wohl aber in Neapel), so geht ein anderes Pferd nach links. Es ist die höchste Harmonie. Nach einer Weile sind Sie vollkommen beruhigt. Die Pferde regeln hier den Verkehr, und im Hinblick daraus, daß Sie in Elberfeld Quadratwurzeln mit Dezimalen ziehen können, kann Ihr Leben nicht in besseren Händen liegen. Aus der Ferne erblicken Sie das Kolosseum; der Rest der ältesten Stadtmauer gleitet vorbei; Foro Trajano. Ein Weilchen später rollen Sie über das gelbe Wasser des Tiber, vorbei am Mausoleum Hadnani, und durch einige unglaublich schmutzige Straßen auf die Piazza San Pietro. Sie geben dem Kutscher acht Lire, denn so billig ist es, tn Rom zu fahren, und Sie gehen, ohne zu zögern, in die kleine Tratona gleich zu Anfang der rechten Kolonnade. Da nehmen Sie Ihr Lunch ein, wah- । renb die Sonne auf die mächtige Kuppel Michelangelos scheint, und die i Schatten der Heiligenstatuen der Kolonnade einer nach dem anderen ; über die stäubende Schaumsäule des Springbrunnens wandern. Wenn , Sie Ihre Rechnungen bezahlen, sind Sie schon Bürger von Rom.