GiehenerZamilieiMtter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Nummer 50 Montag, den 15. April ahrgang 1955 nehmen will. Oie Achatschleife. Von Johann Otto Bringe-u. Elfenruf. Von Knut Hamsun. Nacht legt sich über die Wiesen, Hüllt alles in Dunkelheit. Ich horche hinaus In die Leere: Es icfyroeigt die schwebende Schwere, Die Uhr steht still und die Zeit. Da höre ich Stimmen rufen Aus der Stadt der Elsenfrau'n, Mir gilt ihr Suchen und Sinnen: Ich komme, ihr beiden hier drinnen, Zurück beim Morgengraun. So ging ich hinaus ins Dunkel, Mich zog ein Gefühl von Glück — Gnad' Gott euch, ihr Männer und Frauen: Wohl kehrtet ihr, doch mit Grauen Und krankem Herzen zurück. .. Das Wasser müht sich an dieser Stelle mit geschäftiger Beharrlichkeit durch eine schmale Furche, die es in den Steinriegel ge chliffen < ; v r? ___ i-„11. r- smaz. fnzt+rt Ttor Cronon stillt einer UnQCTU* 1 eine tz. Hw tote, ui, en’ l* w°r ein >°re W ’W « fein, Jagen' wie ein I unierhieü ft iflsals. Si ’Pötri, bet immerbat ‘ und dicht Riefel uni ibliejj. d machle, I et werden. •! underlichet t achte: aber i Ml, naty ahlie, tm. zu nehmen nach allent er, lobail iä es gebe, ernahm er ihm eines { blüttg. Markt uni i r uns lre|' haben viel ange weg! ne Mutier, -ohne tw I oon klein l ihm M' en dürfen! Hutter ihn die recht! : nicht, wir e Männer, einen!" «(einer euigfeit die M<. lacht habe? sie (ei "»> [ zu halten n zu (a||w tau hedtgn efpräch u™ t, in seiner (ine W-b ; er endlich uen Sa||e!' i Kaffee, |i albeiblätter, iogenannii1 sfahen 6 deren IfP ieg.,Al- eduldrg. bück oor!)| 9 er nun ® > Perfan® r der b» nb die bl««' 1 fande- tiugen;u” rauen WJ ificn (arh«e emit-2 "?S 'er i" h!J unbpS iw, (i« .?> Der alte Schleifer, der letzte einer langen Reihe von Geschlechtern, die in der harten Holzmulde vor dem zentnerschweren Schleifstein lagen und Achate, Mondsteine, Amethyste und Bergkristalle schliffen, ist Stein unter Steinen, Baum unter Bäumen, ist Welle unter Wellen geworden in den vielen Jahren, die er hier sitzt und arbeitet. Das Alter und die Einkehr zu sich selbst haben ihn gebildet, das Schauen in die Dinge und die Kenntnis von dem Leben um ihn her, das sein Leben ist, wie er sagt. Haben ihn so gebildet, wie eigentlich bilden heißt, also geformt nach den Größen, deren Maße ihm feine Umwelt zeigt. Der schmale Kopf über breiten und hageren Schultern ist grausilbrig wie das Holzdach der Schleife. Die Augen haben den kurzen festen Blick des Tal- menschen, der die wenigen Dinge um sich her klar und nah sieht. Die Fragen nach dem, was sich dem Auge darstellt, haben es bis zur Antwort nicht weit, und wer sein Leben im Tal verbringt, kann leicht in einem kleinen Bezirke Meister werden in den Dingen, die ihn selbst angehen, wie in jenen anderen, deren gleiche schlichte Einfachheit in der großen Welt nur darum problematisch erscheint, weil sie mit querem Blick gesehen werden. Die Hände, von der Arbeit am Schleifrad vielfach verwundet und zerrieben, sind schmal und langfingerig, weil plumpe Hände den edlen Stein nicht bearbeiten können. In dieser Form gab sie Geschlecht an Geschlecht weiter, als Zeichen einer Adelslinie des Handwerks, die weit in die Geschichte zurückreicht, wenn auch die Chro- nik nichts über ihre Herkunft zu berichten weiß; wie sie auch von dem Hingang dieses letzten der Linie nicht melden wird. Wo das Wasser laut über das große Rad hinschwatzt lernt sich das Schweigen besser als das Reden. Es ist sonst still um das Haus, das ohne Umzäunung und ohne Hof so wie ein grauer Stein, der den Abhang herniederrollte, in der Talmulde liegt. Ein Schleifstein lehnt an der Huuswand, groh wie ein Tor, doh es oer Kraft von fünf Man» nern bedurft hat, ihn aufzurichten. Durch die Oefsnuna eines anderen, der am Boden liegt, ist ein Holunderbaum gewachsen, so alt und grau von Stamm, wie die Giebelmauer der Schleife, die er mit seiner breiten Krone noch überwölbt. Es ist hier aber alles so, wie es sein muß und es ist auch ohne Zufall, daß dieser Baum hier aufwuchs, dessen matter und Zweige nicht wispern oder rauschen können wie die anderer Baume. Seine Geheimnisse und die der Zukunft enthüllt er nur denen, die unter ihm schlafen ober stille vor sich hinträumen, das wußten schon die frühesten Bewohner des Landes; und auch dies, daß dem, der unter ihm lärmt oder sonst Schabernack treibt, in Kürze schweres Unglück treffen würde. Die Geschichte eines Karneols, der in den Türfturz der Schleife eingemauert ist und den ihre Besitzer als kostbares Familienerbe be- hüteten, weiß von einem jungen Mainzer Edelmann zu berichten, der auf der Reise nach Paris bei einem Vorfahren des Schlei ers aus- fnonnen ließ, um sich mit seinem (Befolge hier auszuruhen. Eine junge Dame die mit unter der Gesellschaft war, wünschte ihren Reisewagen mit den weihen Blüten des damals schon stattlichen Baumes zu schmücken und hieß ihren Begleiter die Dolden pfücken In fröhlichem Uebcrmut plünderte der Edelmann den Baum trotz der Warnungen des Schleifers bis nahe an den Wipfel hin, wo er die größte Blute nicht erreichen konnte. Man beschloß darum, um die ßuftbartot zu vergrößern, mit Pistolen nach dem Stengel zu der Blute zu schießen; für den Sieger setzte das Fräulein als Preis einen schonen Karneol aus, den fic in der Schleife erhandelt hatte. Der Knappe der Dame stieg lei e auf das Dach des Hauses, um dem Ziele näher zu fein, schoß und traf auch die Blüte; als man ihn im Triumph mit dem edlen Steine belohnen wollte und dabei den Edelmann vermißte, fand man ihn nach kurzer Suche mit zerschossener Schläfe bet dem Berge oon Bluten legen die er von dem Holunder gebrochen hatte. Ob er durch Zufall n die Schußrichtung gekommen war, oder ob der Knappe seinen Platz mit klugem Bedenken so gewählt hakte, um eine eifersüchtige Tat als em unbeabsichtigtes Geschehen deuten zu lassen, hat jener alte Schleifer wohl auch nicht erfahren. Tatsache ist nur, daß in der Verwirrung und der Hast des plötzlichen Ausbruches der (gesell chast der Karneol mit her letzten Blüte des Holunders, so wie beide im Entsetzen aus den Händen des Fräuleins gefallen waren, auf dem Platze liegen blieben unb bann roieber in ben Besitz bes Schleifers tarnen. Seit biefer Zeit trägt der Wipfel des Baumes keine Blüten mehr. Aber auch von dieser Geschichte ist im Tal hinaus unb hinab nicht viel bekannt geworben. Sie gehört zu bem grauen Hause unb zu den Menschen, bie bnrin lebten unb arbeiteten unb starben, in aller Stile roie der Türstrksz über dem schmalen Eingang mit bem eingemauerten Karneol. Darüber zu schweigen ist besser, denn viel bavon zu reben. Der Baum blüht und trägt Früchte unb veAlert seine Blatter im fierbft ohne ein Wesen baraus zu machen. Der Bach strömt marfjtig zu Scbneefchmelze, er ist flach im Sommer unb schweigsam im Winter und er ist es so nach seiner Natur Das Hous steht still und grau unter I seinem niedrigen Dach, das Rad dreht sich unb bie fdweren Schleis- lluneil UUIUJ lute |UJIHU4V ... u « bat, her sich ihm breit in ben Weg legte. Der Felsen sollt, einer ungesu «en Rippe gleich, im jähen Absturz von ber steilen «-rgse. e bes Tales iib, burchkriecht bie Mulbe in mäßiger Hohe unb steigt Allmählich b>e lanftere Lehne der südlichen Talflanke hinauf. Dort, wo ihn der Fluß trifft, war er wohl schon immer von einer Spalte -zerrissen, die das Wasser in langer Zeit zu einer Rinne ausweitete unb blank schliff, daß |ie roie poliert glänzt. Ein kleiner, in feiner Tiefe glasgruner Stausee hat sich vor bem natürlichen Wehr geb Übet. Seine Ufer: finb oon Wanzen mit fetten Blättern üppig bewachsen Er en unb Weiben beugen sich tief zu ihm nieber, bie Sonne finbet nicht leicht zu ihm hin. So bicht ist das Geäst ber Bäume unb das Zweiggewirre von Hasel- ' lauschen, bie ihre braunen unb blanken Gerten weit über das Wasser I fiter ist eine stille Zuflucht von Vögeln unb ein guter Pirschgrunb lür Raubzeug aller Art. Die fchweren Forellen, die unbeweglich zwischen i ben» Wurzelwerk der Weiden unter dem ausgewaschenen Ufer stehen, t kennen bie Schliche ber Füchse unb die Taktik bes Otters zu gut, um ihnen leicht zur Beute zu werben. Sie find in ihrer Borstcht alt unb Plug geworben, ihre breiten Rücken schimmern über ben b afirokn Tupfen schon moosig unb sie fürchten auch ben Hecht nicht wehr, der leinen schmalen Kops, ber lang ist wie der Schübel eines jungen‘ ^l>ga° tors, langsam aus ber Grotte schiebt, in ber er »ber Mittag steh-Aber Den plumpen unb gefräßigen Barben gluckt es nicht -mm r, sich zur i rechten Zeit vor bem raschen Prankenfchlag zu retten, mit bem ber rotpehiae Angler sie geroanbt aufs Ufer schlägt unb vor bem Otter stürzen ^sie im Schwarm verstört unb ziellos davon, ben spärlichen Schlamm aus bem steinigen Grunbe des Beckens zu dünnen Wolken custroühlenb. Den schwersten greift der glatte Taucher ebnen schmale mit jungen silbernen Schuppen riß der rlesige dunlle P mit sich [fort, ber unter bem Otter hin in ben sliehenben Schwarm ft,eß unb em blaßschillernber Leib mit ausgerissener F'anke, den ber Otter M'ug , . ber Ihm über ber schwereren Beute entfiel, treibt chnell bem Ourchvrucy I Sin" « u ««'!«,«-» «uf bl. »,.lllp-lch-- b« rabes, bas von bem schiehenben Gewässer getr.eben w.rb Das Nab ist alt unb groß unb mächtig, aber es breht sich leicht I unter bem kurzen Anprall bes schnellen Wasser^ Leicht unb langsam unb mit leisem Geräusch, das bem Schnurren aber bem Schnarchen ber Wolbkouze, bie dicht bei der S^tofe ßorfkn. Es ist eigentlich aus bem Tale gewachsen, silbergrau von Alter, m Ä, "L “r?iS'&ÄbeÄ SÄ-V'S I SS&'ä»»*« □Silbe, als bas' jene sich darbietet, in ihren formen iinb barm, mMie arbeiten unb leben unb atmen, nichts anderes gew s „ . u wieder dazu geworden. Die Jahreszeiten im Tal sind ipre 3ahres3etten bie Winter unb bie Sommer unb die Herbste wit ihren be^nd Farben, mit ihrem Schwelgen und den ’Ponnigf )i Hellen Tagen unb in tiefen Nächten, wenn der Winter hier kein Ende steine Jahre und Jahrzehnte durch Tage und Stunden. Dies alles lebt in sich und damit in dem grasten Leben und last! es daran genug lein' Von diesen Dingen habe ich gelernt, über sie zu schweigen, sagte der Schleifer. Heiner und der blinde Passagier. Von Heinz Oskar Wutti g. Vier Monate lang saß der lange -einer nun schon bei Muttern Im Oldenburgschen und jetzt hatte er genug von Dickbohnen mit Speck. Es trieb ihn wieder hinaus aus See. Nichts hielt ihn mehr zu -ause. Und als eines Tages der Wmd stark vom Meer blies, schnupperte er mit seiner langen Nase in der Lust und mittags schon sagte er: „Na, adjüs denn, Mutterten!" und ging los. Daß es mit einer -euer nicht so ganz einfach sein wurde, hatte er sich schon gedacht Als er aber nun in Bremerhaven aus dem See- sahrtsamt stand, sah die Sache doch verflucht finster aus. Die Linie, aus der er noch vor einem halben Jahr als Untersteward gefahren war, hatte ihren Dienst eingestellt und so war -einer froh, als sich ihm nach Ablauf einer Woche Gelegenheit bot, aus der „Espodenza', einem kleinen portugiesischen Frachtdampfer als Matrose anzuheuern. Allerdings war die Bedingung gestellt, daß er für die ersten zehn Tage -eizerdienst übernehmen muhte, bis der zweite Mann wiederhergestellt war, der vor drei Tagen in nicht ganz nüchternem Zustande die eiserne Treppe herunteraesallen war und sich ein mächtiges Loch in seinen Schädel geschlagen hatte. — -einer nahm also an und zog mit seinem kleinen olauen Sack unter dem Arm an Bord. Die „Espodenza" war schon ein ziemlich alter Kasten, der Küsten- sahrten machte; mit Rasierklingen, Grammophonen und Kali fuhr sie zu den Kanarischen Inseln und mit Bananen, Orangen und Tomaten kam sie wieder zurück. Leider bestand die Besatzung nur aus Portugiesen, die weder Deutsch noch Englisch sprachen, so dah -einer ziemlich isoliert war. Der einzige, der etwas Deutsch verstand und sprach, war der Erste Steuermann. Aber seit wann gibt es an Bord eine Unterhaltung zwischen dem Ersten und dem dreckigen -eizerl Der Kapitän war dazu noch ein besonderer Fall. Er sah aus wie ein Menschenfresser in Zivil und benahm sich auch so. Gleich am ersten Abend war -einer Zeuge eines Auftrittes, bei dem der Kapitän einen Matrosen so andonnerte, daß dem eine Woche lang kein Essen mehr schmeckte. Aber -ainer war unten im Kesselraum weit vom Schuß. Er wußte, daß bei der christlichen Seefahrt der Umgangston der Kapitäne zur Mannschaft nur selten aus Liebenswürdigkeit gestimmt war und begnügte sich mit der Gesellschaft seines -eizerkollegen, eines alten, halb- tauben Portugiesen. Als die „Espodenza" kurz vor Mitternacht, um das -afenaeld für den nächsten Tag zu sparen, in See stach, war er trotz der schweren Arbeit der vergnügteste Bursche an Bord. Er spürte das leise Zittern des Schisses, -allo, jetzt ging es wieder in Seel Die Motoren stampften. Langsam mit Viertelkraft verließ die „Espodenza" Bremerhaven. Erst am fünften Tage, sie waren noch nicht aus dem Kanal heraus, sand der lange -einer einmal Zeit, sich an Bord etwas um» zusehen. Es war ein schöner, klarer TOorgen. Ruhig rollte die See mit langen, gleichmäßigen Wellen. Und -einer pumpte sich an Deck ordentlich mit srischer Lust voll. Da er bis zur Ablösung noch eine halbe Stunde Zeit hatte, pazierte er ein bißchen auf der „Espodenza" herum. Ging, die -ände tief in den Taschen, zum -eck, spuckte dreimal über die Reling, kam am Steuerhaus vorbei und kümmerte sich nicht im geringsten um den ihm wütend nachsiarrenden Kapitän, der alle -erumlungerer haßte. Er hatte ja noch Freizeit. Und ob er die in seiner Koje verbrachte ober auf Deck herumstrolchte, konnte allen Kapitänen der Welt pfeifegal fein. So kam er auch zum Laderaum. Obgleich es einen -eizer nichts angeht, so interessierte es den -einer schließlich doch einmal zu wissen, mit welcher und mit wieviel Fracht die „Espodenza" eigentlich nach Süden dampfte. -einer stieg die Treppe hinunter. Da lagen im -albdunkel der Luken, im Bauch des Schisses, riesige Ballen, fest verschnürt, Kisten, hoch getürmt, dicke Taurollen, Stapel von Säcken und festgelagerter -underte van Fässern. Ganz hübsche Fracht, dachte -einer und wollte gerade wieder hinaussteigen, als er ganz In feiner Nähe ein Geräusch hörte. Schnell ging er um einen Berg von Kisten herum ... da |aß plötzlich vor ihm auf einem großen Sack ein junges Mädchen und sah ihn erschreckt an. Sie schien von seiner Anwesenheit gar nichts gemerkt zu haben, -einer erfaßte jedoch sofort die Situation. Blinder Passagier an Bordi Ader sollte er dieses hübsche junge Mädchen jetzt an Deck schleppen und der Wut des Kapitäns ausliesern? Auf keinen Fall! „Wo kommst du her?" fragte er sie leise. Al» Antwort kam nur ein verständnisloses Achselzucken. „Where do you come from?" wiederholte er auf Englisch. Aber wieder sah sie ihn nur hilflos und etwas ängstlich an. Ein hoffnungsloser Fall! Wo kann sie nur an Bord gekommen sein, dachte -einer Wenn in Bremerhaven, fo müßte sie doch wenigstens etwas Deutsch sprechen. Etwas exotisch sah sie ja allerdings aus. Immerhin, ein kleiner tapferer Steril Und -einer beschloß sofort, dem Mädchen zu helfen, die Fahrt zu überstehen und ihr behilflich zu fein, wenn sie irgendwo an Land wollte. Aus welche Weise er das von ihr herausbekommen wollte, war ihm allerdings noch schleierhaft. Denn vor» läusig saßen sie sich noch wortlos gegenüber, nur ein kleines Lächeln im Gesicht des Mädchens bewies ein aussteigendes Vertrauen. Plötzlich ertönten schwere Schritte am Eingang der Ladetreppe. Jemand schien zu kommen, und schnell sprang -einer auf. «Los, verstecken!" rief er ihr zu und rotes mit der -and nach einem dunklen Verschlag. .Hier finden sie dich!" Immer lauter wurde das Geräusch an der Treppe. Das Mädchen schien aber von der Gefahr noch gar nichts zu ahnen. Im Gegenteil, sie wurde ordentlich döse, als -einer ihr einen Stupps gab. „Menschenskind, wenn dich der Kapitän erwischt, schmeißt er dich über Bord! Los, verschwinde! Oder er schlachtet dich! Kleine Mädchen hat er lange nicht gesrübstückt!" Aber da sie gar nicht darauf reagierte, sondern ruhtg sitzen blieb, verlor der -einer schließlich die Geduld. Ohne Umstände zu machen, nahm er die Kleine beim Kragen und trug sie, so viel sie auch strampelte über Säcke stolpernd, in den dunklen Verschlag, setzte sie dort ab, schlug die Tür zu und ließ das Schloß einschnappen. Oben an Deck stellte er jedoch fest, dah diese Eile gar nicht notig gewesen war, denn niemand dachte daran, in den Laderaum hinunter zu gehen. — Inzwischen war die Zeit für die Ablösung herangekommen und der lange -einer mußte wieder an die Kessel. Es war ein merkwürdiges Gefühl für ihn, bei der Arbeit an das kleine Mädchen zu denken, von deren Anwefenheit niemand auf der „Espodenza" etwas ahnte. Wenn er an ihr kleines rührendes Lächeln dachte, |o flog die schwere Schaufel mit Kohlen noch einmal so leicht in die rotglühenden Kessel. Ob sie sich wohl in dem dunklen Versteck ängstigte? Ob sie -unger hatte? — -einer war ganz glücklich, dah er nun einen Menschen an Bord hatte, um den er sich bekümmern und für den er sorgen konnte. Wenn auch nur ganz im Geheimen. Beim Mittagessen lieh er die halbe Portion in seinem Geschirr, und als er für zehn Minuten einmal frei kam, schlich er sich schnell mit dem Essen und einer -andooll Zwieback wieder in den Laderaum. Niemand war in der Nähe. Leise, ganz leise machte er die Tür des Verschlages auf und sah das Mädchen auf einem Bündel leerer Säcke in tiefem Schlaf liegen. Ihr Gesicht war verweint und -einer war ordentlich gerührt, als er ihr leicht über das -aar strich. Wecken wollte er sie nicht, fo stellte er nur vor ihr auf den Boden die Schüffel mit Essen, schloh die Tür wieder ab und machte sich leise davon. Stunden um Stunden voll harter Arbeit waren vergangen, als -einer plötzlich eine merkwürdige Unruhe an Deck spürte. Kommandotöne schallten herunter, man hörte eiliges Lausen durch die Gänge, Rusen, und schon kam der überraschende Beseht von oben: Maschinen ftopl Die Tür des Kesselraumes wurde aufgerlffen und der Zweite Steuermann rief die beiden -eizer an Deck. -ier fanden sie schon die ganze Mannschaft verfammelt und der Kapitän hielt gerade in aufgeregten Worten eine Ansprache, von der -einer natürlich kein Wort verstand. Da kam auch schon der Erste auf ihn zu und sagte in gebrochenem Deutsch: „Los! Suchen! Das ganze Schiff nach Mädchen!" Verflucht, woher wißt ihr Bande denn das, dachte -einer. Vielleicht hat man einen Funkfpruch hinter ihr hergeschickt. Aber wartet, wenn ich etwas dazu tun kann, so sollt ihr sie nicht finden! Und sofort begab er sich nach unten in den Laderaum. Da waren aber schon vor ihm der Kapitän, die beiden Steuermänner und mehrere Matrosen und suchten hinter jeder Kiste und hinter jedem Ballen. Immer näher tarnen sie an das Versteck, -einer suchte krampfhaft nach einem rettenden Gedanken, -ätte er doch nur den Schlüssel abgezogen. Jetzt war es zu spät. — Doch auf einmal war alles aus! Hinter den brctternen Wänden ertönte plötzlich eine schreiende Mädchenstimme und Fäuste schlugen von innen gegen das -olz. — -einer stand starr. Schon stürzten Matrosen hinzu, rissen die Tür aus und das kleine, rührende Mädchen flog zuerst auf -einer los, (prang an ihm hoch, haute ihm zwei, drei, vier kräftige Ohrfeigen herunter und lag dann schluchzend in den Armen des freudestrahlenden Kapitäns. — So ein dämliches Gesicht hatte der -einer in feinem ganzen Leben noch nicht gemacht. Auch bei dem anschließenden Verhör, das der Kapitän durch den Ersten als Dolmetsch mit ihm anstellte, wurde er nicht gescheiter. Denn daß das kleine Mädchen, die er für einen blinden Passagier gehalten hatte, ßuquita, die Tochter des Kapitäns war, wollte ihm noch immer nicht einleuchten. Auf den drei Straswachen, die er für dieses Mißverständnis erhielt, patte er jedoch Zeit genug Darüber nachzudenken, ob es ratsam sei, die mitfahrende Tochter des Kapitäns in einen dunklen Verschlag zu sperren und ihr Mannschastsessen vorzustellen. — Auf jeden Fall nahm sich der lange -einer vor, nun endlich einmal Portugiesisch zu lernen. Aus der Kulturgeschichte des (Schuhs. Von Dr. Wilhelm Gemperle. Mik Unrecht erscheint heute vielen das Schuhwerk, weil es in feinem nützlichen Dasein tagtäglich am unmittelbarsten mit Schmutz in Verüh- rung kommt, als der nüchternste und geringste Bestandteil der Kleidung. Betrachten wir uns die Kulturgeschichte jedoch genauer, so werden wir sehen, daß dem Schub in säst allen Jahchundcrten sogar eine hervorragende Vedeutung beigemessen worden ist; er spielt in der Borstellungs- welt der Völker eine große Rolle. Man hat ihm eine magische Wirkung auf Gesundheit und Fruchtbarkeit der Lebewesen zugeschrieben, und im Liebeszauber und in den -ochzeitsbräuchen begegnen wir feinen Spuren in zahlreichen Ländern. Daneben ist er in manchen Kulturen als Zeichen der Würde und -errschaft mit hohen Ehren bedacht worden. Dor allem aber finden wir den Schuh in den verschiedenartigsten Formen und in mannigfach schillernder Bedeutung in den Sagen vom Wilden Jäger, vom Ewigen Juden und in dem Phantasiereich Der Riesen unD Zwerge, Der Geister unD -exen. Aus Der KinDerzeit erinnern wir uns Des schönen Märchens von Den ©iebemneilenftiefeln, in Dem unsere geheimsten Wünsche Gestalt gewonnen hatten. Auch in Der Sprache finD Dem Schuh manche Denkmäler gefetzt roorDen, Die alle Zeugnis Dafür ablegen, Daß er weit mehr ist als nur ein brauchbares Bekleibungsstück. Einen Menschen, Der ein bekümmertes Gesicht macht, fragen wir teilnahmsvoll, wo !« 8t. icien verziert waren. Schon damals wurden sie als Uebertreibungen ; ««brandmarkt, was allerdings nicht hinderte, daß sie um f o mefjr ««ahmt und übersteigert wurden. „Item da gingen auch die ellenlangen ij (riebet an den schuhwen an", klagt ein Chronist aus jener Seit, unb e inberer lagt: „Die e Schuhe richten wie die Schlangenschwanze oder Gforpione in die Höhe oder winden sich wie Widderhorner und sind als r. »Id. wartet, ind bet von bet irfte auf i waren ib meh- Balten. aft nach gezogen, nter ben ime unb ib stan. 5 kleine, nn hoch, ig bann So ein ach nicht ad) de" >r. Denn geholten h immer tuns et’ 5 ratfo® Lerschlo« jen W lesifch 3« er dich ^abdjen । blieb, kochen itram. 'ort ob, t nötig inunter ommen ’ Merkchen ju etwas log bie ihenben Ob [ie i Men- forgen n, unb idl mit beraum, iür beg r Säefe er wat t wollte Schöffel on. jen, als imanbo= Gänge, oschinen Zweite n fei* i Beruh' Meibung rben ®" i tjero»1' stellungi' ffiirM unb i"1 f Spute" . Zeiche" n und n 3ä«(' Älvetg-’ ’M Si* Bei den Germanen finden wir ebenfalls die einfache Sandalensorm mit den gekreuzten Bändern zum Festhalten vor, und der Gebrauch der «igentlichen Schuhe verbreitete sich erst in der Zeit Karls des Graften. Damals wird sogar schon rühmend erwähnt, daß die Schuhe ganz genau lassend für den rechten und den linken Fuft, ja für bre ve^hiodenen Zehen gearbeitet werden. Nachdem erst einmal die Sandalen und Waden, linden überwunden waren, bürgerte sich die neue Fußbekleidung schnell ein, und bald hatten sich schon die ersten Modetorheiten entwickelt, her Zeit des Rittertums und des Minnesangs konnten die einfachen tformen nicht mehr genügen, und es bildete sich ein schlankes und spitzes Schuh- nert heraus. Später kamen die langen Schnabelschuhe auf, die in der fyarbe des Beinkleides getragen wurden und die häufig reich mit Stlcke- Kltertums, ob sie nun aus bin,en«, Holz- oder leinwandartigem Gewebe «der ans Holz hergestellt waren, hatten Sandalensorm. Bei den Persern ind Medern gab es schon Lederschuhe, die um so farbiger gehalten und im fo reicher mit Gold und Edelsteinen besetzt waren, je höher der Rang ihres Trägers war. Die Parther waren die ersten, die purpurfarbenes über gerbten, das aber nur für das Schuhzeug des Königs und der löchsten Würdenträger verwendet werden durfte. Auch in Griechenland nuft das Gerben von Schuhleder schon früh weit verbreitet gewesen bin. Eine alte Ueberlieferung berichtet, baft Horner seine Verse zuerst lern Gerber Tychius vorgelesen habe, unb Sokrates soll sich mit dem Berber unb Leberschneiber Simon von Athen häufig in seiner Werkstatt unterhalten haben. Den Sklaven war bas Tragen von Schuhen verboten, L galt als ein Vorrecht der Freien. Die Römer, die zuerst nur eine recht nnsache Fußbekleidung gekannt hatten, übernahmen spater die feiner «usgebilbeten Formen, die sie bei den von ihnen unterworfenen Volkern wrsanden. Bei ihnen entwickelte sich dann aus der Sandale die Pan- insfel- und die feste Schuhform; Plinius bezeichnet geradezu den Schuhmacher Boethius als den Erfinder der Schuhe, aus denen im Lause der Zeit die verschiedenartigsten Ausführungen hervorgegangen sind Auch ier Militärstiesel der alten Römer war anscheinend nach der Art einer Sandale gebaut, seine Befestigung reichte jedoch hoch bis zu ben Schen- kln. Die Sohle hatte keinen Oberschuh unb war meistens mit kleinen Nägeln beschlagen. Bei ben Solbaten, bie auf der Trajanssaule dargestellt fnb, lassen sich viele Einzelheiten erkennen, unter anderem, baß ben Iruftrüden kein Leber bedeckt und daß die schmalen Riemen mehrfach um icn Fuß herumgehen und das Schienbein oberhalb des Knöchels zwei- nal umschlingen. Aehnlich ist auch die Fußbekleidung der römischen Kne- cer auf dem Triumphbogen Konstantins abgebildet, woraus geschlossen »erden kann, daß sich diese Art des Soldatenstiefels im Römischen Jm- l perium durch zwei Jahrhunderte hindurch ziemlich unverändert er- UIUIUIUIIC Ul UUC JJUIK uuu WlllMV.t |.vV ---- ,, ... r Lästerung des göttlichen Wortes zu erachten. Diese Ungetüme hatten häufig eine ungewöhnliche Länge, die Schnäbel wurden dann nach o en ««bogen unb an den Knien befestigt. Der Stutzer trug an den Schuh- fPitzen Schellen, die oft größer waren als unsere Di,chglocken und die bei j.-bem Schritt ein liebliches Klingeln ertönen ließen. Selbst die strengen Oleiberorönungen der städtischen Behörden konnten gegen diese Auswüchse nur wenig ausrichten. Schließlich aber wurde doch festgesetzt, daß Tur die Prinzen Schnäbel von zwei Fuß (60 Zentimeter) haben burften, lie Adeligen mußten sich mit Spitzen von einem Fuß, und die Burger- I chen von einem halben Fuß begnügen. , Die Mode gefällt sich aber nun einmal in Gegensätzen; im sb Jahr- l'unbert tauchten die breiten Schuhe auf, die man Entenschnabel oder dchsenrnaul nannte. Daneben beherrschte in den Zeiten der großen Kriege im 16. und 17. Jahrhundert der Stulpstiefel das Feld, der die Verne weit und faltig mit seinen umgetrempelten Schäften mächtig umfchwt- brte. Die Bedürfnisse nach zieriichern Schmuck flüchteten sich damals in iie zarten Spitzenkrausen, mit denen das schwere harte Leder emgesatzl gn-urbe. Der feine Stöckelschuh Ludwigs XIV. vertrieb bann bie rauhen Reiterstiefel aus ben Salons, unb nun begann sich auch am Schuh die ganze Tändele! des Rokoko zu entfallen. Die Damen- unb Herrenfuß- betleibung wurde mit samtenen Schleifen, seidenen Rosetten, mit Spitzen, Edelsteinagraffen und kostbaren Schnallen verziert. Mit Stöckelschuhen aus Damast wurde häufig ein verschwenderischer Luxus getrieben, unb bie Schuhmacher bieser Zeit entfesselten bei ber Herstellung dieser Schuhe mit den hohen Absätzen, die den Fuß recht klein erscheinen ließen, oft einen wahren Farben- unb Schmuckrausch. Man färbte sogar Sohle unb Absatz, rot, doch dursten Schuhe mit dem „talon rouge“ nur vom Adel getragen werden. Die Revolution fegte diese Mode mit so vielen Bräuchen und Sitten des alten Frankreich fort, und ber flache Schuh setzte sich burch. Er regierte runb vier bis fünf Jahrzehnte, bis er allmählich wieder mit niedrigen Absätzen versehen wurde, die nach einiger Zeit höher und höher wurden und bald an die Farmen des 17. und 18. Jahrhunderts erinnerten, ein Beweis dafür, daß sich die Entwicklung ber Mobe in einem Kreislauf vollzieht und daß wir in ihrem Bereich auch in dem Allerneuesten immer wieder das Alte entdecken können. Die Mutter bei der Wiege. Von Matthias Claudius. Schlaf, süßer Knabe, süß und mild! Du deines Vaters Ebenbild! Das bist du; zwar dein Vater spricht, Du habest seine Rase nicht. Rur eben itzo war er hier Und sah dir ins Gesicht Und sprach; Mel hat er zwar von mir. Doch meine Rase nicht. Mich dünkt es selbst, sie ist zu klein, Doch muh es seine Nase fein; Denn roenn's nicht seine Nase wär', Wo hältst du denn die Nase her? Schlaf, Knabe; was dein Vater spricht. Spricht er wohl nur im Scherz; Hab' immer seine Nase nicht Und habe nur sein Herz! Das Fähnlein der sieben Aufrechten. Novelle von Gottfried Keller. (Fortsetzung.» Endlich wurde das Ding dem guten Hediger zu bunt; er kratzte sich hinter den Ohren, und so eilig feine Arbeit war, zog er doch schnell ben Rock an unb rannte fort, ben Vater ber Sünberin aufzusuchen. „Wir müssen aufpassen!" sagte er zu ihm, „beine Tochter sitzt in dickster Herrlichkeit bei meiner Alten, und es ist mir ein sehr verdächtiges Getue, du weißt, die Weiber sind des Teufels." „Warum jagst du den Aff nicht fort?" sagte Frymann ärgerlich. „Ick [ortjagen? das werd' ich bleiben lassen, bas ist ja eine Staats- Hexe! Komm bu selbst unb sieh nach!" „Gut, ich komme sogleich mit unb werbe bem Kinb angemessen be- beuten, was es zu tun hat!" Als sie aber hinkamen, fanden sie statt des Fräuleins den Scharf- fchützen, der feine grüne Weste aufgeknöpft hatte und sich das aufgehobene Gebäck und ben Rest des Weines um fo besser schmecken ließ, als ihm die Mutter beiläufig mitgeteilt hatte, Hermine würde diesen Abend wieder einmal auf dem See fahren, da es fo schöner Mondschein und schon vier Wochen her fei, feit sie es getan. Karl fuhr um fo zeitiger auf den See hinaus, als er mit dem Zapfenstreich, den die Zürcher Trompeter in himmlischen Harmonien ertönen lassen in schönen Frühlings- unb Sommernächten, wieder einrücken mußte. Es war noch nicht völlig dunkel, da er vor den Zimmerplatz kam; aber o weh, des Herrn Frymanns Bootchen schwamm nicht wie sonst im Wasser, sondern lag umgekehrt auf zwei Böcken, wohl zehn Schritte vom Ufer entfernt. Sollte das eine Fopperei fein ober ein Streich von bem Alten? dachte er und wollte eben betrübt unb aufgebracht abfahren, als ber große goldene Mond aus den Wäldern des Zürichbergs heraufftieg und zugleich Hermine hinter einer blühenden Weide hervartrat, die ganz voll gelber Kätzchen hing. ...... - „Ich wußte nicht, baß unser Schiss neu angemalt wird , flüsterte sie, „ich muft daher in deines kommen, fahr schnell weg!" Und sie sprang leichten Fußes zu ihm hinein und fetzte sich ans andere Ende seines Jagers, der kaum sieben Schuh lang war. Sie fuhren hinaus, bis sie jedem spähenden Blick entschwanden, und Karl stellte unverweilt Hermine wegen Ruckstuhl zur Rede, indem er dessen Worte und Taten erzählte. Ich weiß", antwortete sie, „daß dieser Monsieur mich zur Frau begehrt und daß mein Vater sogar nicht abgeneigt ist, ihm zu willfahren; er hat schon davon gesprochen." Reitet ihn denn der Teufel, dick diesem Strolch und Tagdieb zu geben? Wo bleiben denn seine gravitätischen Grundsätze?" Hermine zuckte die Achseln und erwiderte: „Der Vater hat einmal die Idee, eine Anzahl großer Häuser zu bauen unb bamit zu spekulieren; bnrum möchte er einen Schwiegersohn hoben, ber ihm barin zur Hanb gebt, befonbers was das Spekulieren betrifft, unb inbem er für das Ganze besorgt ist, weiß, baß er seinen eigenen Nutzen förbert Er denkt sich cin gemeinschaftliches, vergnügtes Schaffen unb Spintisieren, wie er es gewünscht hätte mit einem eigenen Sohne zu teilen, unb nun scheint ihm dieser Herr das rechte Genie dazu zu sein. ,Dern sebll nickts', sagt er, ,als ein tüchtiges Geschäftsleben, um ein ganzer Praktikus m werden ' Bon seiner einfältigen Lebensart weiß ber Vater nichts, weil er nicht In den Anfängen der menschlichen Entwicklung wird die Fußbeklei- jung kaum mehr gewesen fein als ein Stück Baumrinde ober Fell, bas man sich unter bie Sohle banb unb zum Bein hinauf fest verschnürte, tzs erforderte eine gewisse Geschicklichkeit, dabei die drückenden und reifenden Falten zu vermeiden, und diejenigen unter den Stammesgenosien, lie in der Anfertigung eines solchen primitiven Schuhzeugs eine beson- iere Tüchtigkeit bewiesen, dürfen als die Urahnen unserer Schuhmack)er ungesehen werden, wenn sich im allgemeinen früher auch jeder seine Kleidungsstücke selber herstelle. Die ursprüngliche Form des Schuhzeugs 1 par die Sandale, die es in den verschiedenartigsten Ausführungen gab, pie uns aus den Ergebnissen mancher Ausgrabungen bekannt geworden ’ j[t Bei der Oessnung des Grabes von Tutanchamon fand man, daß die Irllfte dieses ägyptischen Königs mit goldverzierten «Sandalen bekleidet paren. Unter der aus dem alten Aegypten erhaltenen Fußbekleidung lefinden sich Stücke mit reichern Schmuck und Inschriften; einige sind aus tzopyrus oder Palmblättern verfertigt und in ben verschiedensten Farben gebleicht und gefärbt, sie dursten anscheinend nur von Königen und tzriestern getragen werden. Auch die Schuhe der anderen Völker des erii-nhnr foinmnnhnrftnpm (Wemebß jn der Schuh drücke, von einem anderen, der nach unserer Meinung ächt gerade sparsam ist, behaupten wir, daß er auf großem Fuß lebe, mb einem trinkfesten Gesellen erteilen wir bas Zeugnis, daß er einen uten Stiefel vertragen könne. Unter den Angehörigen des ehrsamen ächuhmacherhandwerks, das im Mittelalter eine besonders geachtete Stellung einnahm, treffen wir die besten Geister der Nation, so Hans C, a d) s, der „Schuhmacher und Poet dazu" war, ober ben Görlitzer «,leister Jakob Böhme, einen ber tiefgründigsten Denker der deutschen Nystik. Die Schusterkugel, jener hell-leuchtende Glasball, der die Strahlen ser Sonne einfängt und der früher in keiner Werkstätte fehlte, ist geradezu ium Sinnbild des Philosophierens über Gott unb die Welt geworden. nßte er den ersten unter den Arm und fing an, ihn zu rühmen und zu loben: „Was Teufels haben Sie wieder getrieben? Was haben Sie wieder für Streiche ausgeheckt. Sie schlimmer Patron? Sie sind doch der splendideste Schütz im ganzen Kanton, was sage ich, in der ganzen Verantwortlich: Dr. Hans Lhvriot. - Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts.Duch. und Steindruckerei. R. Lange. Sieben. Schweiz!" , „Donner!" rief Ruckstuhl, höchst geschmeichelt, daß einmal ein anderer als Spörri sich an ihn machte und ihn rühmte „Donner, daß wir schon ins Nest müssen! Können wir nicht noch schnell eine Flasche Guten Bst' das können wir auf dem Zimmer ausrichten! Es ist ohnehin Sitte bei den Scharfschützen, daß man wenigstens einmal wahrend des Dienstes die Offiziere hintergeht und heimlich eine Nacht durch auf dem Zimmer zecht. Und wir wollen als Rekruten zeigen, daß wir der Spezial- ^Da^roäV ein Hauptspaß Ich zahle den Wein, so wahr ich Ruck. tuhl heiße! Aber schlau müssen wir sein, listig rote die Schlangen, ^^Nur" ruhig^ wir sind die rechten Leute! Wir wollen nur recht still und" scheinheilig einrücken und keinerlei Aufhebens machen. Als sie in die Kaserne kamen, waren die andern Zimmergenossen alle in der Wirtschaft und nahmen dort den Schlaftrunk, Karl zog einige ins Vertrauen, die teilten es weiter mit, und so versah sich ,eder mit em paar Flaschen, die sie unbemerkt, einer nach dem andern, hmaustrugen und unter den Betten verbargen. Aus dem Zimmer, als es Zehn Uhr schlug, legten sie sich ruhig ins Bett, bis nachgesehen war, ob die Lichter gelöscht seien. Dann standen alle wieder auf, verhmgen d,e Fenster nut Mänteln und zündeten die Lichter wieder an zogen den We'n hervor und begannen zu pokulieren, daß es eine Art hatte, und Ruckstuhl dünkte sich wie in Elysium, da alle ihm zutranken und ihm einen großen Mann ein ließen. Denn der heiße Wunsch, auch beim Militär zu gelten ohne etwas dafür zu tun, machte ihn dümmer, als er eigentlich war. Als er nebst feinem Trabanten gehörig zugedeckt schien wurden erst verschiedene Trinkspiele aufgeführt. Der eine mußte auf dem Kopfe stehend eine Gießkelle voll Wein austrinken, die ihm einer vorhielt, der andere auf einen Stuhl sitzen und, wahrend eine an die Decke gehängte und in Umschwung gesetzte Bleikugel seinen Kops umkreiste, drei Glaser leeren, ehe die Kugel den Kopf berührte, der dritte etwas anderes, und ieber der es nicht vollbrachte, erhielt irgendeine drollige Strafe. Alles dies wurde in größter Stille vollzogen: wer laut wurde, verfiel ebenfalls in Buße, und alle waren im Hemde, um bei einer Ueberrafchung schnell ins Bett kriechen zu können. Wie nun die Zeit nahte, wo die Runde durch die Gänge strich, wurde den zwei Freunden auch em Trinkstuck aufqegeben. Sie sollten sich gegenseitig zwei auf ine flache Klinge gesetzte volle Gläser an den Mund halten und dieselben austrinken ohne einen Tropfen zu vergießen. Prahlend zogen sie vom Leder und kreuzten die mit Gläsern beschwerten Weidmesser: aber sie zitterten dergestalt, daß die Gläser herabsielen und sie nicht einen Tropfen erschnappten. Sie wurden daher angewiesen, eine Viertelstunde in „kleiner Uniform vor der Türe Schildwache zu stehen, und solche Unternehmung wurde als das Kühnste gepriesen, was seit Menschengedenken in dieser Kaserne verübt worden sei. lieber das bloße Hemd wurde ihnen Weidsack und Weidmesser kreuzweis umgehängt, dazu mußten sie den Tschako aufsetzen und die blauen Ueberstrümpfe anziehen aber ohne Schuhe, und so wurden sie den Stutzen in der Hand, vor die Türe geführt und an beiden Pfosten ausgestellt. Kaum waren sie dort, so schob man den Riegel vor, tilgte alle Spuren des Gelages, enthüllte die Fenster, löschte die Lichter und schlupfte jeder in sein Bett, als hätte er schon seit Stunden geschlafen. Die beiden Schildwachen gingen indessen im Scheine der Ganglaterne auf und ab, die Büchse auf der Schulter, und schauten mit kühnen Blicken um sich. Spörri der wegen des Gratisrausches in seligster Stimmung war, wurde ganz übermütig und Hub plötzlich an zu fingen, und das beschleunigte die Schritte des diensthabenden Offiziers, der schon auf dem Wege war. Als er herannahte, wollten sie rasch ins Zimmer entschlüpfen; aber die Ture ging nicht auf, und ehe sie sich zu helfen wußten, war der Feind da. Jetzt tanzte in ihrem Kopfe alles durcheinander. Sie stellten sich in der Verwirrung jeder vor feinen Pfosten, präsentierten das Gewehr und riefen: „Werda!" „Was Kreuzsakerment soll das heißen? Was treibt ihr da?" rief die Runde, ohne jedoch eine genügende Antwort zu erhalten, da die beiden Käuze kein vernünftiges Wort hervorbrachten. Der Offizier öffnete rafch die Türe und sah in das Zimmer; denn Karl, der die Ohren gespitzt, war schnell aus dem Bette gesprungen, hatte den Riegel zurückgeschoben und sich eben so rasch wieder unter die Decke gemacht. Als der Offizier sah, daß alles dunkel und still war, und nichts hörte, als schnaufen und schnarchen, rief er: „Heda, Leute!" .Geht zum Teufel!" rief Karl, „und legt euch einmal schlafen, ihr Trunkenbolde!" Auch die andern stellten sich, als ob sie geweckt wurden, und riefen: „Sind die Bestien noch nicht im Bett? Werft sie hinaus, ruft die Wache!" , „Sie ist schon da, ich bin'?!" sagte der Offizier, „mach einer von euch Licht, rasch!" Es geschah, und als die Besessenen beleuchtet wurden, erhob sich ein Gelächter unter allen Bettdecken hervor, wie wenn sämtlicye Mannschaft von dem Anblick im höchsten Grade überrascht wäre. Ruckstuhl und Spörri lachten mit, wie die Narren, marschierten herum unb hielten sich die Bäuche; denn ihre Geister hatten wieder eine andere Richtung eingeschlagen. Ruckstuhl machte dem Offizier ein Schnippchen ums andere unter die Nase, und Spörri steckte ihm die Zunge heraus. (Fortsetzung folgt.) auf das Tim der Leute sieht und nirgends hinkommt als zu seinen alten Freunden. Kurz, der Ruckstuhl ift morgen ba es Sonntag ist, bn uns tum Essen eingeladen, um die Bekanntschaft zu befestigen, und ich fürchte daß ec gleich mit der Tür ins Haus fallen wird Er ist zudem ein 'schmählicher Wohldiener und frecher Mensch, wie ich gehört habe, wenn er etwas erschnappen roill, woran chm gelegen i)t. „Ei nun", sagte Karl, „so wirst du ihn gehörig abtrumpfen!" „Das werde ich auch tun; aber besser wäre es, wenn er gar nicht käme und meinen Papa im Stich ließe." .„h „Das wäre freilich besser; aber es ist ein frommer Wunsch, er wird sich "wohl hüten, wegzubleiben." „Ich habe mir einen Plan ausgedacht, der freilich etwas sonderbar ist. Könntest du ihn nicht heute noch ober morgen früh zu einer Dummheit verführen, bah ihr miteinanber Arrest erhieltet für vierunbzwanzig ober achtundvierzig Stunden?" „Du bist sehr gütig, mich Zwei Tage ins Loch zu schicken, um dir ein Nein zu ersparen! Tust du's nicht billiger?" . , „Es ist notwendig, damit unser Gewissen nicht zu sehr leidet, daß du das Leiden mit ihm teilest! Was das Nein betrifft, (o wünsche ich qar nicht in die Lage zu kommen, ja ober nein zu bem Menschen sagen zu müßen; es ist schon genug, baß er in ben Kasernen von mir spricht. Weiter soll er es nicht einmal bringen." Du hast recht, mein Schätzchen! Dennoch denke ich ben Schlingel allein ins Loch spazieren zu lassen, es hämmert mir etn Proiekt auf. Doch genug hievon, es ift schabe für bie köstliche Zeit unb um den goldenen Mondschein! Denkst du dir nichts dabei?" „Was soll ich mir dabei denken?" , Daß wir uns vier Wochen nicht gesehen haben unb baß bu heute nicht wohl ungeküßt bas Land betreten dürftest." „Willst du mich etwa küssen?" . „Ja. ich! aber es eilt mir gar nicht, ich habe dich ZU sicher in brr Hanb! Ich will mich noch einige Minuten, vielleicht fünf, höchstens sechs barauf freuen!" „ , . ... .. So so! Ist bas nun ber Dank für mein Vertrauen, unb ist es bir wirklich ernst? Läfsest bu nicht mit bir unterhandeln?" „Und wenn du mit Engelszungen redetest, mit mchtenl Jetzt ist guter Rat" einmal teuer, mein Fräulein!" , So will ich Ihnen auch etwas vortragen, mein Herr. Wenn du mich heute abend noch nur mit einer Fingerspitze berührst gegen meinen Willen, so ist es aus zwischen uns und ich werde dich nie wieder sehen; bas schwöre ich bir bei Gott unb bei meiner Ehre! Denn es ist mir ernst. Ihre Augen sunkelten, als sie bas sagte. „Das wirb sich bann schon geben", erwiderte Karl, „halte dich nur still, ich werde jetzt bald kommen!" „Tu, was du willst!" sagte Hermine kurz und schwieg. Allein fei es daß er sie doch für fähig hielt, ihr Wort zu halten, oder daß er selbst nicht wünschte, daß sie ihren Schwur bräche, er blieb gehorsam an seinem Platze sitzen und schaute mit blitzenden Augen zu ihr hinüber im Mond- lidite spähend, ob sie nicht mit den Mundwinkeln zucke und ihn auslache. Zch muß mich also wieder mit der Vergangenheit trösten und durch meine Erinnerungen entschädigen", begann er nach einer kleinen Stille; , wer sollte es diesem strengen festgeschlossenen Mündchen ansehen, daß es vor vielen Jahren schon so süße Küßchen zu geben wußte?" „Fängst du wieder an mit deinen unverschämten Erfindungen? Aber wisse, daß ich bas ärgerliche Zeug auch nicht länger anhören will!" , Sei nur ruhig! Nur noch diesmal wollen wir unsere Betrachtungen rückwärts lenken in jene goldene Zeit, und zwar wollen wir reden von dem letzten Kusse, den bu mir gegeben hast, ich erinnere mich ber Um= ftänbe, als ob es heute wäre, beutlich unb klar, unb ich bin überzeugt, bu besgleichen! Ich war schon breizehn Jahre alt, bu etwa zehn, unb schon einige Jahre waren verfloßen, ohne baß wir uns mehr geküßt hätten, benn wir blinkten uns nun große Leute. Da sollte es doch noch einen angenehmen Schluh geben; ober war es bie frühe Lerche, bie ben neuen Morgen oerfünbete? Es war an einem schönen Pfingstmontag — „Nein, Himmelfahrtstag —" unterbrach ihn Hermine, schwieg jeboch, ohne bas Wort ganz auszusprechen. „Du hast recht, es war ein prachtvoller Himmelfahrtstag im Monat Mai, wir waren mit einer Gesellschaft junger Leute ausgezogen, wir zwei bie einzigen Kinber babei; bu hieltest dich an bie großen Mäbchen und ich mich an bie Jünglinge, unb wir verschmähten, miteinanber zu spielen ober auch nur zu reden. Nachdem man schon weit und breit herumgekommen, ließ man sich in einem hohen und lichten Gehölz nieder und begann ein Pfänderspiel; denn der Abend war nicht mehr fern, und die Gesellschaft wollte nicht ohne einige Küßerei nach Hause kehren. Zwei Leute wurden verurteilt, sich mit Blumen im Munde zu küssen, ohne dieselben fallen zu lassen. Als dieses unb bie nachfolgenben Paare bas Kunststück nicht zustanbe brachten, kamst bu plötzlich ganz unbefangen auf mich zugelaufen, ein Maiglöckchen im Munde, stecktest mir auch ein solches zwischen bie Lippen unb sagtest: .Probier einmal!' Richtig fielen beibe Blümchen auf bie Erde zu ihren Geschwistern, du setztest aber im Eifer dennoch dein Küßchen ab. Es war, wie wenn ein leichter schöner Schmetterling abgeseßen wäre, unb ich griff unwillkürlich mit zwei Fingerspitzen darnach, ihn zu haschen. Da glaubte man, ich wolle den Mund abwifchen unb lachte mich aus." .Hier sind wir am Lanbe! sagte Hermine unb sprang hinaus. Dann kehrte sie sich sreunblich noch einmal gegen Karl. „Weil bu dich so still gehalten und meinem Worte die Ehre gegeben hast, bie ihm gebührt", sagte sie, „so roill ich, wenn es nötig fein sollte, auch vor vier Wochen roieber mit bir fahren unb es bir in einem Briefchen anzeigen. Es wirb bas erste Schriftliche sein, bas ich bir anvertraue." Damit eilte sie nach dem Hause. Karl dagegen fuhr eilig nach dem Hafenplatz, um ben Zapfenstreich ber biederen Trompeter nicht zu ver- aumen, der wie ein schartiges Rasiermesser die laue Luft durchschnitt. Er traf schon auf dem Wege mit Ruckstuhl und Sporn zusammen, bie qelinb angesäuselt waren; sie freundschaftlich unb bieber begrüßend, afjte er ben ersten unter ben Arm und fing an, ihn zu rühmen und fnhen- Mas Teufels haben Sie wieder getrieben? Was haben Sie