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Das Klirren der Haustürscheibe am Nebeneingang des einzigen Lichtspieltheaters der schlafenden Kleinstadt verschluckte der hallende - tdflag der nahen Turmuhr, die dröhnend die zweite Morgenstunde «wogte. Die Tür ließ sich von innen öffnen; Günther stand mit klopfenden Herzen in einem schmalen Gang und begann, sich übttaus vor- „tag auf Strümpfen und Fußspitzen vorwärts zu tasten. Erste Tur: Gc.tenausgang des Zufchauerraumes, zweite Tür: der primitive Wasch- ttim, dann eine Nische: der Stand der Schokoladenverkauferm, nun «toa noch fünfzehn Schritte, dann Halbrechts die eifcrne Wendeltreppe^ bie zum Vorführraum hinaufführte, hier würde er finden, was er sich Kn Ziel gefetzt hatte. Oer Tod fürs Vaterland. - Von Friedrich Hölderlin. Du kömmst, o Schlacht! schon wogen die Jünglinge hinab von ihren Hügeln, hinab ins Tal, , • wo keck herauf die Würger bringen, sicher ber Kunst unb bes Arms; doch sichrer kömmt über sie die Seele der Jünglinge, denn die Gerechten schlagen wie Zauberer, und ihre Vaterlandsgesänge lähmen die Knie den Ehrelosen. O nehmt mich, nehmt mich mit in die Reihen auf, damit ich einst nicht sterbe gemeinen Tods! Umsonst zu sterben, lieb' ich nicht; doch lieb' ich, zu fallen am Opferhügel fürs Vaterland, zu bluten des Herzens Blut, fürs Vaterland — und bald ift's gefchehn! Zu euch, ihr Teüern! komm' ich, die mich leben lehrten und sterben, zu euch hinunter! Wie oft im Lichte dürftet' ich euch zu sehn, ihr Helden und ihr Dichter aus alter Zeit! Nun grüßt ihr freundlich den geringen Fremdling, und brüderlich ift's hier unten; und Siegesboten kommen herab: die Schlacht ist unser. Lebe droben, o Vaterland, und zähle nicht die Toten! Dir ist, liebes! nicht einer zu viel gefallen. Das Ereignis, von dem ich erzählen will, begab sich ein knappes Achrzehnt nach Kriegsende, eben zu der Zeit, als die ersten, noch aus wirklichen Frontaufnahmen zusammengestellten. Weltkriegsfilme liefen. Sir Ort bes Geschehens ist eine norddeutsche Kleinstadt, die eine jener sichtlichen Schulen aufweift, die auch während der Uebergangsjahre in jjiltung, unb Geist von Lehrer- und Schülerschaft nicht zu verleugnen 1 rr: mochte, daß hier einst eine königliche Kadettenanstalt die Jungmann- sch.ift des Landes für den Dienst an Staat unb Nation erzogen hatte. Der breizehnjährige Tertianer Günther v. B. hatte am letzten Ferien- l-ze feine Mutter zur Bahn begleitet. Als bie schmale Hand mit jem flatternden Tuch in der Dampfwolke des ausfahrenden Zuges oer- fchwand, warf sich ber Junge kurz herum und nahm ben Weg zurück Jit Stadt. Keinem der teilweise viel älteren Kameraden fiel die seltsame krtrücktheit seiner sonst so überaus wachen und gegenwärtigen Augen | «uf, niemand, der ihm begegnete, wurde auch gewahr, wie sich das lradengesicht abwechselnd spannte unter einem harten unb kühnen sitschluß unb wieder löste in einem sehnsuchterfüllten Nacherleben bes «lßu kurzen mütterlichen Besuches. Die Flucht aus dem Schlafsaal in die herbstlich laue Septembernacht i fei nicht schwer. Günther o. B. erkletterte die hohe Umfassungsmauer mir Hilfe einer Handwerkerleiter, die er bei sinkender Dunkelheit im 8rräteschuppen ausgekundschaftet hatte, dann blieb er eine Sekunde lang tiilings auf ber Mauer sitzen unb horchte in die Runbe. Es blieb alles M. Langsam zog er bie Leiter hoch, um sie auf ber anderen Seite ldinso vorsichtig herunterzulassen und nun selber Schritt für Schritt i >ach unten, in die unsichere Schwärze der Nacht zu tun. Die Leiter ließ «mther angelehnt stehen, um sich den Rückzugsweg zu sichern. Dies : «115 geschah aus einem weniger überlegten, als gefühlsmäßig rich- ’ tzm handeln, das, nachdem es einmal beschlossen war, kein Hindernis Der enge Raum war angefüllt mit einer stickigen, schwülen Lust. Ein schmaler Lichtschlitz warf zwar ein hin- und herzitterndes Rechteck als »Widerschein der einzigen Straßenlampe gegen die Wand, die paar eingefangenen Strahlen reichten aber nicht aus, um das Gewirr von Gegenständen und Apparaten zu erhellen. Günther tastete umher: glatte Kästen, eckig und rund, Rollen schwer unb leicht, ein schmaler Tisch mit Papieren unb Zetteln, ein Gestell, das offenbar den Vorführungsapparat trug, nichts von dem, was der Zweck dieses nächtlichen Besuches war. Günther wog die Rollen und Kästen mit der Hand, er suchte nach ihrem Verschluß, er öffnete ein paar der Behältnisse, und begann mit der Hand in ihrem Inhalt herumzuwühlen. Er riß ihn heraus, es fühlte sich glatt und kalt und schmal an, Günther biß in Trotz unb jäher Freude die Zähne zusammen: der Film! Er ringelte sich um seine Beine, floß durch seine Finger, wurde gar nicht alle, der ganze Boden mußte schon von ihm bedeckt sein. Da entglitt bie Blechrolle den hastig hantierenden Fingern, die Nacht verstärkte das scheppernde, klirrende Geräusch: Günther stand erstarrt mitten im Gewirr aus Zelluloid und Gestänge und lauschte hinaus aus den Gang. Schlurften da nicht Schritte? Nahte es da nicht leise von Füßen, die sich näher schoben? Erklang da nicht ein unterdrücktes Flüstern? Der Junge griff um sich. Er bekam eine Kurbel zu fassen, er schwang sie über sich, er fühlte in sich die tödliche Entschlossenheit zu jeder Tat, er würde diesen Raum nicht eher verlassen, bis er das Bild, bas er suchte, in seiner Tasche trug ... Aber es blieb still auf dem schmalen Gange. Wieder zerrten die Hände, wieder mühten sich die Augen, die Dunkelheit zu durchdringen, wieder floß es kalt unb glatt durch die Finger. Da schoß es begreifend durch das junge Hirn: Unmöglich, dies alles mitzuschleppen. Aber die Streichhölzer! Wozu hatte er sie sich besorgt? Er mußte suchen und sichten und finden und dann abtrennen ober herausreißen, das eine Bild, das Bild, das er für zweier Sekunden Dauer hatte aufleuchten sehen, das Bild, das feine Mutter ... Das erste Streichholz verlöschte. Der Lichtschein des zweitem diente dazu, zuerst einmal die Beine und den Körper aus bet aufgliffcrnben Schlange bes Filmstreifens zu lösen, und diese wenigen Augenblicke, die das Schicksal dem Jungen Günther v. B. noch gewährte, sollten seine Rettung sein. Denn nun begann das eigentliche Suchen. Der schwache Lichtkreis des Zündholzes fiel auf eine sinnverwirrende Folge von schmalen Bildchen, die aneinanderhingen unb von benen immer bas eine genau bas Gleiche zu zeigen schien wie bas vorige. Man mußte das flackernde Streichholzstämmchen schon dahinter halten, um ungefähr erkennen zu können, was die Bilder Wiedergaben: marschierende Soldaten, sonderbare Zeichnungen von langen Eisenbahnzügen, Landkarten, Bäume, bie mitten aus der Erde wuchsen und statt der Laubkrone eine schwarze Wolke trugen, höhlen, darinnen die Soldaten hockten, Kanonen und Flugzeuge, dünn wie die Libellen am Himmel ... weiter, weiter, weiter, Günther suchte ein ganz besonderes Bild, rascher glitten die Streifen, Zündholz und Zündholz verschwelte, alle Sinne waren so geschärft auf ein Ziel, auf ein Wollen, daß die Ohren gar nicht vernahmen, wie jetzt nun tatsächlich Schritte sich näherten und leise Stimmen einen flüsternden Widerhall sanden an den winkelreichen Ecken bes Ganges. Ein neues Zündholz flammte auf. Es warf einen milden, goldenen Schein von rückwärts auf eine Gruppe von Soldaten, auf eine ausmarschierende Kolonne, an deren Spitze, kaum erkenntlich in Umriß unb Gesichtszügen, eine einzelne Gestalt schritt: aufrecht, schlank, bie Stirn vom Helm zur Hälfte verdeckt... Günthers Augen füllten sich mit Tränen einer furchtbaren Erschütterung, aus Freude und Schmerz. Er hielt das Streichholz näher bagegen, er suchte burch den nassen Glanz vor seinen Augen jede Einzelheit des winzigen . Bildes zu durchdringen, er war enttäuscht und doch gleichzeitig beglückt, er verlor eine Sekunde lang den halt und führte das kleine holzflämmchen unmittelbar an den Filmstreifen heran, Auge, Bild unb Flamme nur durch wenige Zentimeter getrennt. Da flammte das Bild bes Vaters auf, großer, strahlender, sieghafter, als es auf der Leinwand geschehen war, da loderte ein Flammenbaum empor, da schossen wirbelnde und knatternde Flammenschlangen durch die Lust des engen Raumes, eben, als die Tür aufgeriffen wurde und, mit dem glühenden hauch der pulvergleich aufgeflammten Filmstreifen, den Wächtern ein Junge in die Arme geworfen wurde, in dessen geschwärztem, blutendem, brennendem Gesicht die Kunde und der Ausdruck eines unfaßbaren Geschehens stand. Am nächsten Morgen, dem ersten Schultag nach den Ferien, bat Günthers Direktor dessen Klassenlehrer zu sich. „Was ist Günther v. B. für ein Schüler?" Der Lehrer, noch nicht von den Geschehnissen der Nacht unterrichtet, antwortete arglos: „Er ist nicht ber Beste in meiner Klasse, aber vielleicht ber Tiefste unb Reifste und Innerlichste bei aller unbekümmerten Frische." Der Direktor darbte ci”en Augm' 'ick nach u-d jagte bann mit leiser Stirne: „Unfaßbar! Günther v. B. ist heute nacht beim Einbruch in das Kino am Marktplatz überrascht und durch eine Explosion der Zelluloidfilmstreifen schwer verletzt worden. Die Aerzte glauben nicht, das Augenlicht erhalten zu können. Wir müssen sofort die Mutter benachrichtigen, Günthers Bater ist im zweiten Kriegs,ahr Tags^darauf" standen Günthers Direktor und der Chefarzt, des Kreiskrankenhauses am Fenster und besprachen das Düstere und Rätselvolle des Falles, zumal der Junge noch immer schwieg und in erbittertem Trotz jede Antwort verweigerte, als ihnen Günthers Mutter gemeldet wurde. Die meldende Schwester verweilte einen Augenblick an der Tür, dann kehrte sie noch einmal um und berichtete: „Es ist dieselbe Dams, die vor etwa einer Woche zusammen mit ihrem Sohn den Kriegsfilm in unserem Kino besuchte und in einem der Ausmarschierenden aus einer alten Aufnahme von 1914 ihren Mann erkannte, der später gefallen ist. Sie schrie kurz auf, dann hörte man ihre Stimme, hastig, ängstlich, abgerissen: „3unge, dein Vater, dein Vater, sieh hin, dort, vor der Kompanie!" Es währte nur einen Augenblick, das Bild mit den ausmarschierenden Soldaten, ich sah die Frau dann in der ersten Pause schnell den Raum verlassen, ihren Jungen an der Hand. Es muß derselbe sein, der ..." und sie wies in der Richtung des Bettes. Als Günthers Mutter das Zimmer betrat, eilte ihr der greise Direktor entgegen. „Keine Sorge mehr! Ihr Sohn wird gerettet werden. Ich weiß alles. Ein braver Junge, wir alle wollen stolz auf ihn fein und nur den Sinn seines schweren nächtlichen Weges sehen, und nicht das Drum und Dran." Sechs Wochen später nahm der Arzt dem Jungen die Binde von den Augen. Der Blick ging suchend durch das abgedunkelte Zimmer, immer noch schmerzte das Licht und verengte die wimperlosen Lider zum engen Spalt, da verweilten die Augen auf einem gerahmten Bild, schräg gegenüber an der Wand. Günther richtete sich auf: noch verflossen alle Umrisse, aber er gewahrte doch schon eine marschierende Kolonne und davor, groß, schlank, die Hälfte des Gesichtes vom Helm verdeckt, eine aufrechte Soldatengestalt... „Der Vater?" rang es sich ftagend von den Lippen des Jungen. „Der Vater, jawohl, dein Vater, mein Kind!" sagte der Arzt leise und legte ihm sorgend wieder die Hand Über die Augen, damit der Junge nicht die Tränen sah, die heiß und langsam Über die Wangen des Arztes rollten. Chor der Trauernden. Don Eberhard Wolfgang Möller. Nun stehn wir hier und weinen und weinen Über Euch und pflanzen an Euern Steinen immergrünendes Gesträuch. Nicht weil wir Euch beklagen, nur, weil unsre Stimme schweigt, wenn aus den Sarkophagen Eure Stimme zum Himmel steigt. O Krieg, o großes Beten! Wir wollen in den Stein mit riesigen Alphabeten Cure Worte graben ein. Und bronzene Kränze legen vor die Gruft, die Euch umhegt, daß nicht der Wind und der Regen unfern Dank von den Stufen fegt. Ztalienzug in Feldgrau. Von Erich Otto Volkmann. Ende 1917 eilten deutsche Truppen dem bedrängten österreichisch-ungarischen Heer an der Jsonzofront zur Hilfe. Der Siegeslauf der beiden vereinten Armeen ist eine der unvergänglichen Ruhmestaten des Weltkrieges, die auch — ein Jahr später —" das bittere Ende nicht verdunkeln konnte. In dem der Jtalienftont gewidmeten Heft seines im Verlag Bibliographisches Institut AG. in Leipzig herauskommenden Bilderwerks „Die unsterbliche Landschaft" schildert der Verfasser das Landschaftserlebnis des deutschen Soldaten auf diesem Kriegsschauplatz. Wie ost schon waren die Völker des Nordens im Lauf der Jahrtausende Über die Alpenpässe hinuntergestiegen in die blühende ober- italienische Ebene. Wie viel gutes deutsches Blut war hier verdorben! — Jahrhundertelang hatte der seltsame Traum vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation das deutsche Volk genarrt. Dieses Kapitel deutscher Geschichte war freilich längst abgeschlossen, als der deutsche Soldat des Weltkrieges in den späten Herbsttagen des Jahres 1917 durch Friaul zog. Was kümmerten ihn noch die Romzüge deutscher Könige, was bedeutete ihm der ganze Kaisergedanke des Mittelalters, der einst eine Welt in Bewegung gesetzt hatte. Was wußte er davon, daß Cividale Langobardenherzögen zur Residenz gedient, daß Karl der Große von hier aus durch seine Markgrafen Italien regiert hatte. Cr hatte anderes und wichtigeres zu tun, als in Gefchichtserinne- rungen perumßuft'atnen. Er mußte marschieren. Cs war, wie immer, t 2?' italienische Armee sollte noch diesseits des Tagliamento gefaßt und vernichtet werden. Der Frontsoldat hatte nie Muße zu ruhiger, genußreicher Betrach- tiing von Stadt und Land. Das blieb der Etappe überlassen Aber bei aller Hetze mid Mühseligkeit des Vormarsches blieb doch auch beim einfachen Musketier, der feinen Tornister von Cividale nach Udine und bann weiter zum Tagliamento und zur Piave schleppte, manches von dem Einzigartigen und Großartigen der italiemschen Land» schäft hasten. Er staunte, auch wenn er nichts von romanischen Basi- liken und gotischen Hallenbauten, von Renaissancefassaden und Barockgiebeln verstand, über die Pracht der Kirchen mit ihren abgerückten schlanken Türmen, über die Plätze mit ihren Brunnen und Rundbögen und Marmorsäulen. — Es gab auch nördlich der Alpen altersgraue Städte mit schönen Kirchen und Türmen genug. Aber irgend etwas g, unterschied sie alle von diesen oberitalienischen Städten. Der einfache it Mann konnte nicht mit Worten ausdrücken, ja nicht einmal in Ge- ei danken formen, was es war. Aber er wußte, daß er die italienische ir Landschaft nie mit irgendeiner anderen verwechseln würde, die er ge- gi sehen hatte. Ihre Bilder blieben seinem Gedächtnis als besonderes und hi einmaliges Erlebnis eingeprägt. Es war eine uralte edle Kultur, die ihm in ihrer berückenden Schön- $ heit hier in jeder kleinen Stadt, in jedem Dorf entgegentrat. Sie hatte in Jahrtausende überdauert, und sie war auch nur wenig übertüncht durch ih den Prunk und die Aufdringlichkeit eines industrieberauschten Jahr- |c Hunderts. Bis in die untersten Schichten des Volkes reichten die alten (i Beziehungen zwischen Natur und Kunst, die diese „klassische Landschaft" it geformt hatten. Was anderswo als kostbares Gut und als Sehenswürdig- feit gehütet wurde, hier war es Volkseigentum im tiefsten Sinne ge- j, worden. In der kleinsten Stadt standen die Werke großer Künstler. Sie p fi standen als Altarbild in der Kirche, als Brunnenfigur auf dem Markt- ol platz, als Säulenhalle vor dem Rathaus. — u In Cividale marschierten sie ein. Wie war dieses kleine Landstädtchen Dl mit seinen grauen Mauern und Dächern verwachsen mit seiner Um- g, gebung, wie lag es eingebettet in die mit Weinreben und Oelbäumen und (l Kastanien bedeckten Hänge. Stolz ragten seine Türme über die engen $ Gassen. In kühnen Bögen schwang sich die „Teufelsbrücke", jetzt halb im zerstört, über das tiefe Felsenbett des rauschenden Natisone ! ’ [>, Durch Udine ging der Marsch. — Unvergeßlich für jeden Soldaten, j der durch die Stadt marschierte, die Piazza Vittorio Emanuele am Fuße g des Kastells mit ihren Säulenhallen und Denkmälern, mit dem ge- „ flügelten Löwen, dem Wappentier der Republik Venedig, mit dem achteckigen Turm des Doms. i [, Vieles in dieser Landschaft war dem deutschen Soldaten freilich auch n fremd. Er verglich das matte Olivgrün der Berghänge, die kahlen Gipfel il mit den Laubwäldern der Heimat und mit ihren tannenbewachfenen n Berghöhen. Es mißfiel ihm das verstaubte Grau der eng und hoch ge- f bauten Häuser, der Mauern und Straßen. — Italien ist überreich an j l totem Gestein und arm an lebendigem Holz. Beim Marsch durch die , e Ebene entbehrte er den freien, weiten Blick über Kornfelder und Wiesen. i n Die unendlichen Reihen von Maulbeerbäumen und Weiden hemmten jede Sicht. e Heimatlich war dem deutschen Soldaten dieses Land nicht, vor allem wenn er der norddeutschen Tiefebene entstammte. Es fehlte ihm das „ breit Gelagerte, das bürgerlich Behagliche. Es fehlte ihm ein wenig * | 5 vielleicht auch der deutsche Begriff von Ordnung und Sauberkeit. Er j konnte sich leichter vorstellen, daß er in Mitau leben könne als in Cividale oder Udine. 1 | f Dennoch wurden ihm die Bilder dieser südlichen Landschaft in ihrer fast feierlichen Schönheit, soweit er sie in der Hast des Vormarsches z in sich aufnehmen konnte, zu einem unvergeßlichen Besitz. Vielen waren sie mehr, waren sie die Erfüllung einer geheimen Sehnsucht. 1 ; ; General Otto v. Below hatte durchaus nicht die Absicht, nur eine J , „gewöhnliche Schlacht" zu schlagen. Er dachte nicht daran, die Italiener hinter den Tagliamento entkommen zu lassen. Er wollte sie so schlagen, | ( daß sie für diesen Krieg genug hatten. Vielleicht glückte es, die beiden . italienischen Jsonzoarmeen, die jetzt zum Tagliamento zurückströmten, noch diesseits des Flusses einzukreisen und zur Uebergabe zu zwingen. - Mit furchtbarer Gewalt drängten die deutschen Truppen sie nach Süden zusammen. Vergeblich versuchten die Italiener sich immer wieder fest- » ' 1 zuklammern. Ein paarmal kam ihnen die Natur zu Hilfe. Ausgetrocknete j Flußbetten, Torrente genannt, schwollen durch starke Regengüsse für , Stunden und Tage zu reihenden Strömen an. Aber der zähe Wille deutscher und österreichischer Truppen wurde immer wieder aller Hindernisse Herr. An den Uebergängen über Tagliamento bei Cadroipo flauen sich die Massen des zurückflutenden Heeres. Am Morgen des 30. Oktober stürmen die Deutschen gegen den von den Italienern gebildeten Brückenkopf an, durchbrechen ihn, stehen am Fluß. Wie bas ausgedörrte Bett eines gewaltigen Urstromes liegt er vor ihnen, wohl einen Kilometer breit Dünne silberne Rinnsale nur laufen zwischen den Steinbänken. Wenige hundert Meter vor ihnen liegen die Brücken. An ihren Eingängen ein wildes Knäuel kämpfender, schreiender Menschen, lieber sie hinweg ein Strom von Fußgängern, Reitern, Kraftwagen, Kanonen. — Maschinengewehre werden auf die Uferdämme geworfen, Feuergarben schlagen in die sich drängenden Masten am Ufer, in die Flüchtenden auf der Prücke. Deutsche Jäger stürzen sich, ihre Maschinengewehre mit sich schleppend, in das Getümmel, laufen zusammen mit dem fliehenden Feind über die Brücke. Schon find sie nahe am anderen Ufer, da fegt italienisches Maschinengewehrfeuer gegen Freund und Feind. Wahnsinnige Verwirrung. Italiener und Deutsche werfen sich zu Boden, springen ins Master. Plötzlich schießen mächtige Feuergarben empor, gewaltige Detonationen erschüttern die Lust — Die drei Brücken über den Tagliamento sind gesprengt. Alles, was an italienischen Truppen nach auf dem Ostufer steht, ist verloren. Sechzigtaufend Mann müssen sich bei Cadroipo ergeben. Die zweite italienische Armee ist so gut wie vernichtet. Nirgends im Weltkrieg hat es ein solches Schauspiel des Unterganges und der Vernichtung gegeben wie auf der Straße von Cadroipo bis zum Tagliamento. Hilflos zusammengedrängt bewegungslos Menschen und Pferde, dazwischen Wagen, Kanonen, das Heeresgerät einer halben Armee. Zahllose Tote und Verwundete unter den Füßen und Pserde- hufen. Schreie, Stöhnen, verzweifeltes Umsichfchlagen. — Es dauert viele Stunden, bis die fürchterliche Verwirrung sich zu lösen beginnt Erst nach Tagen ist die Straße für den deutschen Vormarsch frei. 1 l L'n Lantz. hN 7 «nbboje, Ja9"1* "d ettggg ,r. °>n,ach, . '» ®e. , '«H'enijfy bhle « 9«: we5 und EN Schön, Cie ljatte ^ncht durch " >en Jahr! .■ die alten | iandlchasf i> nswürdig, Sinne ge, "ftler. Sie ! 'm Markte iidstädtchen Einer Unn unten und die engen jetzt hach Soldaten, am Fch dem ge> dem acht- eilich auch kn Gipset twachsenen d hach gc erreich an durch die id Wiesen. hemmten vor allem 1 ihm das ein wenig lerfeit. Ei ne als in st in ihrer ormarsches ;kn waren , nur eint ! Italiener o schlagen, die beiden ieksträmten, 1 zwingen ach Süden ,jeder stsb igefrotfudt ngülfefüt iahe Wtüt er Hinden en sich 6|! er stürmen 'enfopf0"’ > eines p >eier breit n. Sßenigi längen «J inweg ei« Aaschme»' iS» «rt jschee M lerwirrE W-ff ilionen ' io sind A Itufer f* !o ergebe" *$$ sJi L- Die Hochzeiisfuh. •Roman einer jungen Liebe von Joses Magnus Wehner. Copyright 1928 by Georg Müller Verlag 21®., München. (Fortsetzung.) Sie weckte niemand und schlief, nachdem sie sich mit gutem Grund gesagt hatte, der verscheuchte Mensch werde nicht wiederkehren, wenigstens in dieser Nacht nicht. 2lls sie am nächsten Morgen dem Vater alles erzählte, lachte der und verspottete sie mit ihren Freiern, die ihr auch in der Nacht keine Ruhe ließen. Dann aber wurde er ernst. Drohend ging er vor der Tochter zurück und sprach aus der Entfernung: „Hüte dich! Wenn du mir noch mehr Unglück bringst..." Er vollendete den Satz nicht. Die Sonne brach hell ins Zimmer und Friedrich beschloß, sich in den nächsten Tagen einen Hund zu kaufen, der an Stelle des eben verstorbenen wachen sollte. Birge aber ging in ihre Kammer hinauf und schrieb einen Brief an Otto. Es war eine schwüle Nacht, eine von den letzten des Juli. Sie teilte ihm ihre Befürchtungen mit und fragte zum ersten Male nach Bertold. Sie bestellte ihm sogar einen Gruß, strich ihn aber sofort wieder durch, so, daß er mit einiger Mühe noch zu lesen war. Als sie ihn am nächsten Tage unter irgendeinem Vorwande zur Post brachte, lag auch ein Brief von Otto für sie bei ihrer Vertrauten; sie las ihn auf dem Heimweg. Es standen absonderliche Dinge darin. Noch einmal war von Annas Tod die Rede und von seiner Wirkung auf Bertold. Er habe sich, so schrieb Otto, fast völlig von der Menschheit zurückgezogen. Er mache oft einfame Spaziergänge, ohne die Freunde, und suche den Tod des Mädchens, an dem er sich doch einige Schuld beimesse, durch harte Einsiedelei zu büßen, ob Birge kein Trostwort für ihn wisse? — Bei den nächsten Sätzen erschrak die wandelnde Leserin heftig. Otto schrieb, es sei nicht ausgeschlossen, daß sie alle drei bald Soldaten werden müßten. Der österreichische Thronfolger sei ermordet worden, und Deutschland werde wahrscheinlich an der Seite seines Bundesgenossen zu Felde ziehen. Wenn sie eine gute Botschaft für Bertold habe, möge sie doch unverzüglich schreiben... Als Birge diese Sätze gelesen hatte, geriet sie zum ersten Male seit langer Zeit aus der Fassung. Sie sah Bertold als Soldaten in den wilden Krieg tziehen und sah ihn sollen. Sie lief eilends zurück, lieh sich ihren Brief noch einmal geben und schrieb hinein, sie könne es sich rächt denken, daß sie Bertold nicht noch einmal sehen solle, ehe er ins Fcld ziehe. Er solle es doch möglich machen, vorher auf den Berghof zu kommen, geradewegs zu ihr. Er möge sich nicht vor dem Vater fürchten, er fei doch fein Pate, und sie werde dafür sorgen, daß er gut aufgenommen werde ... Diesen Brief warf sie ein. Zu Haufe erzählte sie sofort dem Bater, man rede unten im Tale von einem drohenden Krieg. Friedrich sprang erregt auf: Krieg, das war seine Sache. Er schielte nach der Trommel, die seit ihrem letzten Lied wie verflucht an der Wand hing. Das Kalbfell glänzte im Sonnenlicht. Birge fuhr fort, da werde es doch manchen Soldaten geben, vielleicht müsse auch Hans fort, ebenso wie ihr Bruder. „Schadet nichts", begehrte da der erregte Alte auf, „Soldaten müssen sein. Wir werden es schon schaffen, Birge, wie?" „Ich habe keine Angst", bestätigte Birge und überlegte, wie sie die Rede auf Bertold bringen könne und plötzlich sagte sie: „Und wenn dein Pate als Soldat heraufkommt und will Abschied von dir nehmen, bann können wir ihn auch nicht so fortschicken. Wir müssen ihm doch etwas mitgeben!" „Freilich, freilich", polterte Friedrich fort. „Warum läßt er sich überhaupt nicht mehr sehen, der Teufelskerl? Richte ihm nur etwas zusammen!" Birge fiel ein Stein vom Herzen. Sie verschwand sofort in der Küche. Friedrich aber redete den ganzen Tag vom Krieg. Birge konnte in dieser Nacht nicht einschlafen. Ihr Herz war von Bangigkeit erfüllt. Sie träumte von nichts anderem, wenn sie die Lider nur halb schloß, als von blutigen Schlachten. Die schwüle Lust lag schwer auf ihrer Brust; auch durch das geöffnete Fenster drang keine Kuhle. Dazu ging jemand unten auf der Straße dauernd auf und ab wie ein Posten. Birge sah undeutlich, daß es Hans war. Sie machte Licht und hörte kurz darauf, wie er ihren Namen rief. Sie lehnte sich aus dem Fenster, und als sie sah, daß er feinen Hund bei sich hatte, rief sie Antwort und fragte ihn, ob die Russen schon im Lande seien, weil er ihr Haus bewache. Der Bursche aber versetzte sehr ernst und gemeßen, das wisse er nicht. Er habe aber ein verdächtiges Geräusch in Friedrichs Scheune gehört, auch der Hund habe gebellt, und er überlege sich seit einer Stunde, ob er nicht Friedrich wecken solle, damit si? einmal gemeinsam nachsähen. . Als sie ihn so reden hörte, lief siedende Angst über Birges Rucken. Sie wandte sich um und sah Treue, die Katze, an der Tür stehen und gegen den Pfosten springen. Sie riß die Tür auf. Dor dem ®ang= fenfter funkelten die Sterne. Der Hof lag schwarz. Eben wollte sie wieder in die Kammer zurück und den verliebten Wanderer beruhigen, da sah sie eine Flamme aus dem Scheunendach fahren. Sie rieb sich die Augen, rüttelte am ©angfenfter, daß eine Scheide zu Boden klirrte und sog den bitteren Geruch des Brandes ein. Sie fah noch Hans in den Hof springen — er hatte unterdessen auch die Flamme gesehen — bann rief sie gellenb burch bas fchlafenbe Haus „Feuer, Feuer!" und riß, nur notdürftig bekleidet, den Vater aus dem Bett. Der weckte Kinder und Knechte. Birge machte Licht und die schlaftrunkene Besatzung des Hauses taumelte, von den Flammen höllisch i beleuchtet, in den Hof. Man sah braune Gäule steil sich bäumen, sah die Kühe wie irr ineinandergeschoben den Stall verlassen. Die Knechte hieben wie wütend auf Schafe und Schweine ein, die ihre Arche nicht mit der Wiese vor dem Hause vertauschen wollten. Die Tauben saßen in Reihen auf dem schlohweißen Dach und kreisten um die Flammen, eine nach der andern. Alles schien besessen vom Rasen des Feuers, das wie eine Riesentrommel unaufhörlich donnerte. Unten im Tal läutete plötzlich eine Glocke, alle hörten sie, und jeder dachte: „Zu spät!" Einer der eifrigsten und besonnensten Retter war Hans. Er ließ sich auch in dieser höchsten Not genügend Zeit. Während die übrigen sich mit dem Vieh und der Räumung des Erdgeschosses abgaben, flieg er die Treppe zu den Zimmern hinauf, die um Birges Schlafzimmerchen tagen. Stück für Stück trug er sorgsam hinab und verstaute es in einer Ecke des Gartens. Er schaufelte Korn ein und trug es in Säcken davon, er belud sich mit dem Inhalt der Kleiderschränke und schleppte sie wie ein Trödler durch den Lärm. Es gelang ihm sogar den Glasschrank, den er keuchend aus dem Rücken trug, zu retten. Ganz zuletzt schritt er feierlich und vom Rauche hustend in Birges Schlafzimmer. Er umarmte die Decken und trug sie zärtlich in den Garten. Er soll sogar gelungen haben, als er unter dieser lieblichen Wolke einherging. Und während die Knechte Wagen und Maschinen donnernd durch den Hof zerrten, schleppte er die Milchtöpfe, die Brotlaibe aus dem Keller, angelte die Schinken und Würste ruhig aus dem Rauchfang und trug zuletzt Birges Bettstatt selber, nachdem er sie säuberlich auseinandergenommen hatte, in den Garten. Unter einem Birnbaum setzte er die Stücke wieder zusammen, legte Stroh, Leilach und Kissen hinein und verabschiedete sich mit einem Seufzer von feiner Ecke. Als das Vieh gerettet, die Geräte geborgen waren, wälzte sich das Feuer auf das Wohnhaus. Erst jetzt dachte Birge an das Ihrige. Sie stand gerade am Brunnen und zerrte an der großen Hochzeitskuh, die durchaus nicht von der Stelle wollte. Sie meinte bald vor Zorn, wenn sic dachte, daß jetzt oben im Schrank ihre schönen Kleider verbrannten. Da trat Hans zu ihr und teilte ihr mit, indem er seine breite Rechte hinter sich in die Gegend fallen ließ, wo er feine Schätze aufgeftapelt hatte, sie brauche sich weiter keine Gedanken um ihre Sachen zu machen, er habe sogar ihre Holzschuhe in Sicherheit gebracht. Mit diesen Worten zog er die hölzernen Schuhe unter seiner Drillichjacke hervor, in der Absicht, sie im danebenstehenden Brunnen zu waschen. Da gab ihm Birge zum zweiten Male die Hand. Sie wußte nicht, was sie sagen sollte. Aber auch jetzt kam ihr die Hochzeitskuh zu Hilfe. Birge nahm die Kette, an der die Kuh hing, und drückte sie ihrem treuen Helfer in die Hand, und beide blieben am Brunnen stehen, bis das Feuer vorbei war. Es wäre jetzt auch nichts mehr zu retten gewesen. Das Feuer schaffte sich Raum in gewaltigen Stößen. Es schmolz in den Keller hinab und zerfraß das Gebälk, es schleuderte Ziegel und Späne in Schwärmen über sich her, es warf sich jagend von Scheibe zu Scheibe die Fenster des gestreckten Hauses entlang, und wenn es eine Weile ruhte, um sich in die Starre des geduckten Opfers zu verwählen, dann fuhr es kurz darauf um so jauchzender wieder in die kochende Lust. Die Knechte standen zuletzt im ummauerten Hofe wie in einem Hochofen. Sie warfen die Jacken ab und arbeiteten mit nackten Schultern. Friedrich stand während des letzten Aktes unbeweglich unter dem erregten Gesinde. Er sah zu, wie die grüne Linde mitten im Hof langsam ihre Blätter verlor, bis sie, ein kohlschwarzes Gerippe, allein noch unter den feurigen Trümmern stand. Dann ging er in den Garten und kühlte sich im Grase. Er konnte die Verwüstung nicht mehr sehen. Erst die Feuerwehr des Dorfes, die gegen Morgen auf dem verstummten Brandplatz erschien, brachte die Rede auf den etwaigen Brandstifter. Niemand hatte während der Nacht an eine Person gedacht, die das übermächtige Element entfesselt haben könnte. Friedrich rief Birge zu sich, die neben Hans und der Kuh bei den Geschwistern die Nacht verbracht hatte. Das Zwielicht kroch eben über das verschonte Backhaus im Garten. Friedrich stand blaß und hager wie ein Siedler im fremden Lande da. Er deutete auf die Brandstätte, die wie ein kohlender Holzmeiler hinter Birges Rücken lag. Dann sprach er schwer: „Das ist nun fort ... ja ... fort! Und nicht von ungefähr... Seit du groß bist, du, hat mich das Unglück nicht mehr losgelaffen. Ich will dich nicht mehr, Birge. Wir können uns nicht mehr vertragen, das spür ich, und das ist so. Da — und er zog einen zerknitterten Geldschein aus der Tasche — geh, ryohin du willst. Die Kuh habe ich dir verheißen, die kannst du mtt- nehmen. Mach's gut!" Birge nahm das Geld nicht. Sie stand wie entseelt und starrte auf die schwarze Hand des Vaters, die den Geldschein hielt und ihr den Abschied geben wollte. Plötzlich drehte sie sich um, sie konnte den Vater nicht mehr sehen. Aber da blickte sie über die vom Morgenlicht flammenden Häupter der Gefchwister hinweg auf die Brandstätte und auch hier konnten ihre Augen nicht ruhen. Da riß sie sich vom Boden und ging zu den Geschwistern. Die hielten alle zum Vater, und niemand sah sie an. Eins nach dem anderen vielmehr löste sich vom Brunnenrande und schlürfte zum Vater. Und endlich rief Friedrich auch den ahnungslosen Hans, der am Hals der Kuh mit dem Schlafe kämpfte, zu sich, und Hans tappte verdutzt zu feinem Herrn. So stand Birge allein neben der Kuh. Die Zeit war ihr verloren. Als sie wieder aufblickte, fand sie den Garten menschenleer. Sie sah ihr Bett, vom Tau feucht, unter dem Birnbaum stehen, im grauen Grase lagen die Kleider. Wie im Traume ging sie dorthin. Sie legte langsam und nachdenklich ihre verrußte Schürze nieder, dann nahm sie ihr schönstes Kleid und ihre besten Schuhe und kleidete sich im Backhause um, machte aus den übrigen Kleidern ein Bündel und verschnürte es sorgfältig. Als sie damit fertig war und nun vor ihrem Bette stand, hob sich Treue, die Katze, aus der warmen Decke, wo sie die Nacht über geschlafen hatte. Sie nahm das warme Tier an ihre zitternde Brust, ihr Kleiderbündel trug sie in der Linken, ging zur Kuh und sagte ihr: „Komm!" Niemand sah den dreien nach, als sie in der ausgehenden Sonne den Berg hinabschritten. Friedrich nahm mit seinen Kindern und dem Gesinde stillschweigend vom Nachbarhause Besitz. Gegen Mittag aber kamen zwei Polizeileute und verhafteten Hans als Brandstifter. Friedrich sah ihn einen Augen blick schief an, als traue er ihm, der mit Birge zusammenhänge, auch dies zu. Er gab an, was er wußte, und bemühte sich nicht, für den völlig entsetzten Hans einzutreten, der denn auch abgeführt wurde Die Leute im Tal wunderten sich sehr, als sie Birge mit der Kuh durch das Dorf ziehen sahen. Aber niemand wagte eine Frage an das Mädchen zu tun, bas so still und ernst vor dem Tiere e-nherqing; nie- iMÄ-h fmf ihr Unterkunft und Mahlzeit, denn nun war wirklich der I ä ausaebrocken und alle Welt kümmerte sich nur um die 9F°&e Mirn» kb in der Ferne viele Urlauber, die singend in die b^n aroften Bahnhöfen zogen und weder an die Ernte dachten nock an ihre Angehörigen Wenn Birge in solch einen Trupp geriet, c $ n;p( ausAufteben, und doch tieh fic sich alles gefallen in bet I törichten Hoffnung, irgendeiner der Soldaten müsse von Bertold wissen. Einmal erwähnte sie auch die Nummer des Regiments das m der Universitätsstadt lag; aber da riesen alle, das Regiment sei sofort zur Grenre gezogen und Birge meinte nicht anders, als daß auch Bertold nun schon in Feindesland fei; sie wußte nicht, daß es mit den Kriegsfreiwilligen nicht so schnell ging und daß Bertold letzt aus dem Wege zum Berghofe war. Je näher sie ihrem Ziele kam — sie wollte zu einer entfernten Verwandten gehen, die ihr immer geschrieben haUe , I trauriger wurde sie. Aber was sagen Gedanken? Das Schicksal geht tU*2lte ^Bertold^den Bries Birges von Otto empfing, meinte er, der Himmel breche vor ihm auf. Es war der Tag der Kriegserklärung, und doch versank das gewaltige Ereignis, das ein ganzes Volk zu denWaf- sen rief, vor der Botschaft, die ihm vom Berghof kam. Bertold hatte sich osort freiwillig gemeldet, es war ihm gefag worden, er habe «och einlae Taae Zeit, ehe er in die Kaserne gerufen werde. So bestieg er den ^ersten Zug und fuhr in die Heimat. Vom Vater hörte er, daß der Berghof in Trümmer liege. Er stürmte aus dem Vaterhause und sah nach einem Eilmarsch die Verwüstung. Friedrich nahm den Paten freundlich auf; Bertold wurde Soldat, da gab es teme Feindschaft mehr. Der Alte bewirtete ihn; stockend erzählte er von seinem Unglück und daß Hans abgeführt fei. Da fragte Bertold nach Birge. Friedrich zuckte mit den Schultern, fein Gesicht wurde steinhart. Bertold, der nichts anderes alaubte, als Birge sei in den Flammen umgekommen, stürzte auf die Knie und packte Friedrichs Hände, aber der gab auf fernen eifernen Griff nicht nach, er lächelte hart und schwieg. Erst von den Geschwistern erfuhr Bertold, daß Birge Haus und Hof verlassen habe, und muhte ihnen glauben, daß sie nicht wüßten, wohin sie sich gewandt habe. So kehrte er zurück, hart, entschlossen, wenn von Birge keine Nachricht mehr komme, im Felde bei den ersten Gefechten mit unerhörter Tapferkeit den Tod zu suchen. ~ m Unterdessen wanderte Birge von Dors zu Dorf. Ihre kleinen Geldmittel waren bald erschöpft. Am fünften Tage aber kam sie hungrig und bestaubt bei ihrer Verwandten an und wurde freundlich ausgenommen. Auch Treue, die Katze, und die Kuh sanden eine gute Herrin. Am Abend ihrer Ankunst schrieb Birge noch einmal an Otto. Aber da waren alle drei Freunde schon Soldaten geworden, und jeder hätte sich geschämt, noch um Urlaub zu bitten. Auch Birge wollte das nicht. Sie schrieb dn Otto, sie wolle Bertold das Herz nicht schwer machen. Er möge sie nie vergessen, sie werde jeden Tag für ihn beten, und er solle ihr nicht zürnen, daß sie ihm ihren Aufenthaltsort nicht verrate. Der Krieg müsse ja bald ein Ende nehmen, erst dann wollten sie sich Wiedersehen, wenn Bertold sie nicht vergessen habe. Nur Otto dürfe ihren Aufenthalt wissen, sie bitte ihn, ihr zu schreiben so oft er Zeit habe. Schon nach zwei Tagen kam ein Brief von Otto; als Birge erfuhr, Bertold habe auf dem Berghof nach ihr gesucht, brach ihr bgld das Herz. Aber sie glaubte nun einmal, es könne alles erst dann wieder gut werden, wenn sie Bertold gesehen habe. Und deshalb bat sie auch jetzt den gemeinsamen Freund, er möge Bertold von ihren Briefen schweigen. Elftes Kapitel. Krieg. Die Bewegung, die ganz Deutschland erschütterte, ließ auch die Freunde erbeben Sie sahen das große, heilige Vaterland, das sie bisher nur stückweise durchwandert hatten, auf einmal als glühende Insel voller Türme und Krieger vor sich, umbrandet von Neid und Tod. In diesem Augenblick fühlten sie jeden einzelnen Deutschen als Bruder neben sich, geadelt und gewaltig durch die Größe der Zeit. Die Schranken von Mensch zu Mensch waren über Nacht gefallen, und alle fanden sich tosend zusammen um die Heerführeri Nach langen Wochen wurden die Freunde in das Gewittergrollen der Fronten entlaffen. Sie saßen am Abend vorher zusammen und tranken den Abschiedswein. Wohl zersprang Bertold das Glas in der Hand, als er Otto zutrank, wohl blitzte ihm in diesem Augenblick die Gewißheit aus, daß Otto sterben müße. Seine Augen waren seltsam verändert. Aber was hieß das? Es erhöhte ihre Freude und stärkte ihren Mut, den Tod vor sich zu wissen. Am nächsten Tage zogen sie in einer Flut von Blumen, Menschen und Musik zum Bahnhof. Die Mädchen lachten und weinten und hingen ihnen am Arm, als sie durch die Straßen zogen. Und in einem Braus, der zum Himmel schlug, fuhren die geschmückten Wagen in die Nacht davon. Sie sahen in der Frühe des ersten Tages den Domturm von Ulm, am Morgen des zweiten Tages brannten ihnen in zartem Nebel die hundert Blumen des Kölner Domes entgegen. Dann fuhren sie über den Rhein. Sie fangen, heulten und schrien, die Leute vom Oebirg und die aus den Wäldern, in die Wasser hinunter, die 'Rebhiigel hinauf, sie hingen aus den Fenstern und fangen, bis ihnen die Stimme verging. Zu den drei Freunden, die in einer Gruppe waren, hatte sich noch ein vierter gesellt. Eduard Blank, ein Lehrer, der in der Ausbildung zum Dirigenten durch den Krieg unterbrochen worden war. Er konnte viele alte Lieder und fang sie leise und innig in seiner Ecke. Langsam suhren sie über die Grenze. Hier war schon erobertes Land, geweiht durch den Tod von Kameraden, deren Gräber, mit Helm und Kreuz bedeckt, hie und da auftauchten. In der fünften Ngcht mußten alle Lichter im Zuge gelöscht werden. Sie hörten das ferne Grollen der Geschütze. Aber sie marschierten noch zwei Tage durch öde, zerschossene Dörfer fie zum Feldreglment stießen. Hier wurden sie erst den einzelnen Kompanien zugeteilt, die teils In Stellung, teils in Rahe lagen. Die oier Freunde blieben zusammen und tarnen in der Nacht zu ihren Kameraden die etwa eine Stunde hinter der Front in Ruhe lagen. Die feindliche Artillerie schoß in langen Zwischenräumen. Sie horten die Erde donnern, fahen die roten Feuerblitze und die glühenden Eisen- stücke zum erstenmal. Die Nacht war unendlich lang Sie Katzen bei ihren Gewehren alarmbereit in einer Scheune und schliefen nicht. Blank erzählte mit leiser Stimme von seiner Frau. Ein Mann schrie auf, es rod) nach Pulver und Feuer, die Sanitäter sprangen unter das krachende Gebälk und trugen einen jungen Unteroffizier hinaus, bem ein Esten- stück die Brust aufgeriffen hatte. Er starb und wurde in dieser Nacht "°°AmE^Nachmittag wurde die Kompanie zusammengestellt und marschierte bei einbrechender Dunkelheit in Stellung. Man erwartete einen Durchbruch des Feindes. „ Der Himmel blitzte fahl. Riesige Farbscheme, Mundungsfeuer der fernen Geschütze, flammten wie Flügel über den feuchten Himmel. Hier und da schlug eine Granate ein, ohne zu treffen. Die Leute gingen gebückt. Ein Gehölz kam, der Sternwald, der tags unter Feuer g^Dann"kam freies Feld. Pulvergeruch brandete In der Luft. Flach- bahngeschoffe zischten hart über die Köpfe der Truppen hinweg und schlugen rückwärts ein. Endlich tarn der Graben, die Platze wurden verteilt Bertold, Otto und Erich meldeten sich auf Patrouille. Sie erhielten den Befehl, fünfzig Meter vor dem Graben auf Lauer zu liegen. Bertold übernahm die Führung. Sie krochen aus dem Graben gegen den Feind und legten sich auf den Bauch. Andere Freiwillige schlossen sich rechts und links an. . Eine Stunde mochten sie wohl so gelegen haben, da rief Otto gedämpft: „Bertold, die Schwarzen lammen! Bertold schrak auf. Da sah er nicht weit vor sich vier baumlange Kerle im schwarzen Nebel stehen. Er legte an. Mochten die in den Gräben ruhig sein, die alten Bärtigen und die jungen Unbeholfenen, er dünkte sich den vieren gewachsen. Jetzt tarnen sie näher, ausrecht, blieben stehen, berieten sich. Otto wollte schießen, Bertold befahl zu warten. Er sah schon einen Messerkampf vor sich — da ging der Mond aus dem Gewölk und goß sein Licht auf die Gesichter der Schwarzen. Bertold lachte: es waren vier Weidenbäume. Die Freunde wurden friedlich. Otto schob plötzlich seinen Kopf heran und fragte gedämpft: „Möchtest du etwas von Birge wissen? Bertold schwieg. Otto fuhr fort: „Id) habe ihr fest versprechen müssen, dir nichts von ihr zu erzählen. Aber ich glaube, sie liebt dich noch." „Hat sie dir geschrieben?" „3a." „Dann will ich weiter nichts wissen." Die Ablösung kam. Die Freunde krochen in den Graben zurück: Eduard gab ihnen zu essen. Dann saßen sie mit ihren Gedanken in den niedrigen Unterständen und sehnten sich danach, Frankreich zu durchstürmen. Die Nacht war lau, die Granaten selten. Plötzlich lief ein Befehl durch: Die eigene Artillerie werde um 1 Uhr Vernichtungsfeuer auf die feindlichen Gräben legen. Jeder rollte sich zusammen und wartete. Schlag eins schwirrte die erste Salve hart über die Kopfe der Kompanie. Dann brach das Feuer los. Die französische Artillerie antwortete. Der Himmel zuckte, rote Flammen spien aus der Erde, der Graben wankte. Nicht weit schrie einer auf, von den eigenen Leuten. Geschosse atmeten heran, und barsten im Rücken; das war die eigene Artillerie, sie schoß zu kurz. Die Fernsprechleitung klappte nicht, der Hauptmann schickte einen Läufer zurück, die Soldaten hingen zwischen zwei Feuern. _ ,, . Die ersten Verwundeten eilten durch den Graben. Dann schwieg das Feuer. Die Stimmen der Sterbenden drüben hallten über das Feld. Von den eigenen schrie keiner mehr, sie waren nur leicht verwundet. Jeder lag zum Ausjchnellen bereit, aber es kam kein Befehl zum Sturm. Es hieß, man habe zu wenig Erfaß. So gingen die ersten Stellungstage hin. Das Regiment wurde abgelöst und überall an den Stellen der Front eingesetzt, wo ein Gesecht im Gange mar. Aber der erlösende Durchbruch blieb aus, und es begann, je mehr es Winter wurde, in Lehm, Regen und Feuer der Stellungskrieg, der jedem verhaßt blieb. Schön waren die Abende an den französischen Kaminen, hart das ewige Exerzieren, Schanzen und Balkenschleppen. > Der Frühling kam, ein Frühling an der Somme mit tausend Tierstimmen aus den Flußniederungen, mit viel Blumen und jähen Liebschaften. Da trat Italien in den Krieg ein. Das Regiment wurde in die Alpen geworfen, Otto und Erich wurden zu einem anderen Regiment versetzt, das in Frankreich blieb. Der Abschied war stumm und groß. Regen strömte, als die Soldaten in die alten Tiroler Städte einzogen. Aber sie sangen, daß die Mauern wankten. Sie tranken roten Tirolerwein, klommen die Gebirge hinauf und wehrten die Italiener ab. Bertold war bei einem ständigen Patrouillenkommando und zeichnete sich aus, wurde aber nicht befördert, weil er nicht danach lief. Es waren große Tage in den Bergen, die blauen Venezianer Alpen vor Augen, auf den Märchenpfaden der Dolomiten, die verzauberten Burgen glichen, in den Tälern des Monte Cristallo. Hier wurde selbst der Tod zum Schein. Otto und Erich waren Offiziere geworden. Sie schrieben Bertold oft und schickten ihm von ihrem Gehalt. Endlich im Winter des zweiten Jahres wurde das Regiment zum Sturm befohlen, gegen Serbien. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: L>r. Hans Thtzriot. — Druck und D erlag: Drühl'sche Univ er sitätS-Duch- und S teindrucker ei. R. Lange, Gieß en.