Nummer 13 Hreitag, den 15. Februar Jahrgang 1935 Bertold Wassers 5(4)®«”* schwelende Und sie Gesichter blickten Bertold an. sangen zu dritt, während der alte Knecht meckerte: „Anna, wellewanna Kastanna Wellewanische Anna." jaule er )fe noch Ser. Sie ant! 6s daß fi( ie gan;! d unter >n Nähr ruh, als ne fiele« ; Unter rach ben nie, do« so weil ugte bei r Eise»' an uni gab bet InglW* \mW'1 i Felfei 15. Roch sie tot Wieuiel! hm, die e Boote drängen, gst über weitet* t Armen ruj des e( gegen legungs. ihr Geieiwasser einzigen : Natur- Aermel auf. Die Mägde taten ebenso, um ihn zu verspotten, und fragten: „Bist du stark?" Bertold pfiff durch die Zähne und sprach: „Eine von euch nehme ich und schlage die andern damit tot." Das war das Zeichen zum Angriff. Die Mägde packten mit flinken Armen an. Bertold ließ sich durch die pfeilenden Hände nicht verwirren und warf eine nach der andern auf das Stroh. Da lagen sie zappelnd und schrien vor Zorn, da sie nicht in sein Gesicht konnten, und schämten sich vor dem alten Knecht. Sie wurden still und kleinmutig und baten Bertold, er soll sie loslassen. Da ließ er sie fahren. Der Drefchkasten war inzwischen fast leer geworden. Die schätzende Garbenwand war gelichtet und die Garben flogen jetzt ruhig und gleichmäßig von Hand zu Hand. Auch. Anna hatte wohl ihre Tränen vergessen. Sie kam zu Bertold und fragte ihn: „Hast du keinen Durst?" „Durst hätte ich schon", sagte Bertold, „aber die Garben kann ich nicht melken." „Dann tu ein paar Ziegel fort, daß ich in den Hof rufen kann", antwortete Anna. Bertold zog soviel Ziegel ein, daß genügend Platz war. Es wurde Morgen draußen Er schlang seine Arme um Annas Knie und hob sie hoch. Er war so groß, daß ihre beiden Köpfe aneinanderlagen. Unten vor der Haustür stand Birge und hieß einen jungen Mann eintreten, der eben angekommen war. Als Anna ihn erblickte, fing sie an zu zittern und sagte zu Bertold, er solle sie schnell herunterlassen und selber rufen. Bertold ließ sie aber nicht los, sondern rief Birges Namen in den Hof hinunter. Birge schaute heraus, Bertold machte ein Zeichen, daß er trinken wolle: Birge lachte glänzend und arglos zu ihm herauf. Der Herr, der neben ihr stand, wandte sich ebenfalls gegen die Scheune und Bertold erkannte in ihm einen Mitschüler, der die Prüfung mit ihm gemacht hatte. Er hieß Hott, war der Sohn eines Viehhändlers und wollte Tierheilkunde studieren. Anna hatte ihr Gesicht, als sie den Fremden erblickt hatte, unter den Ziegeln versteckt. Bertold winkte nun auch ihm zu, er möge einmal heraufkommen, fand aber keinen Anklang, denn der andere deutete auf feinen schönen neuen Gummimantel, den er nicht verstauben wolle. Als Anna an ihm herunterglitt, schaute er ihr ins Gesicht. Sie sah schnell fort und floh vor ihm. Er lief ihr nach und trug sie auf eine schöne breite Garbe, die aus dem Gehäuse herausstand und sagte: „Jetzt brauchst du nichts mehr zu tun, ruhe dich nur aus, ich will die Garben allein werfen." Da sah ihn Anna traurig an und sprach, indem sie seinen Kopf streichelte: „Weißt du, Bertold, ich wollte, ich wäre tot." Sie riß sich los, ließ Bertold stehen, ging an einen Pfosten und weinte. Es war ihm, als fahre er aus großer Höhe im Blitz auf die Erde. Da stand er, glühend, allein, die Hände »leer, die Brust kalt, auf einmal, er, Bertold. Was war geschehen? Warum weinte sie? Birgel Wußte sie von Birge? Was hatte er getan? Teufel, wo war er gewesen? Wie eine Hölle brüllten Dampfer und Drescher auf. Der Staub siel vom zitternden Gebälk, die Dachziegel flimmerten. Er wollte zu der Schönen, von der er nicht einmal den Namen wußte, hinstürzen, fragen, warum sie geweint habe. Aber schon weinte sie nicht mehr. Sie tarn aus ihrer Tränenecke und bückte sich zu den Garben nieder, als ob nichts geschehen sei Es war hohe Zeit. Durch die Wand von sieben Garben schoben sich die roten Fäuste der Mägde. Sie warfen das Bebau um und drei rifchauf- tschöpfen Geschrei iflattern. aimmen- ;t fielen ! können n Unter-- ge. Ben verstand von alledem nichts. Er blickte auf Anna, die schöne Anna, die vor Zorn lächelnd eine Garbe am Bund hielt. Da stellte er sich zwischen sie und die Mägde und streifte die (Fortsetzung.) Birge hatte Ernsteres zu tun. Sie tummelte sich in der lampenhellen Küche mit den Mägden und sah mit gezwungenem Anstand an dem Liebhaber vorbei; als er jedoch so beharrlich an seinem Posten stehen- blieb, nahm sie ein brennendes Scheit aus dem Herd, schwang es vor sich her und wollte ihn hinausräuchern. Bertold blies aber mit vollen Backen den Rauch in ihr Gesicht zurück, verfolgte sie in die Küche und drückte ihr die Arme an den Leib. Während er so voll Eifer Unruhe stiftete, klopfte ihm plötzlich jemand auf die Schulter. Es war der Pate. Er fragte ihn hager und geärgert, ob er auch da fei. Bertold fragte ihn ebenso gescheit zurück, ob er schon aufgestanden sei. Nach dieser Begrüßung ging der Pate in den Hof. Die Mägde lachten und spotteten, Bertold soll sich nichts einbilden, es komme heute noch ein Student, da sei er nicht der einzige, aber Bertold drehte ihnen den Rücken zu und begrüßte die Gäste, die jetzt den Flur betraten, jeden mit einem Spruch, als ob er der Hausherr sei. Besonders ein Mädchen fiel ihm auf, als er die Schar willkommen hieß. Ihr Gesicht war ausnehmend zart und feingebildet, mehr weiß als rot ihre Wangen, die Hüsten schlank und die Äugen groß, fromm und einladend. Er nahm sich vor, den Tag über womöglich in ihrer Nähe ;u arbeiten, da sollte die stolze Birge schauen, wenn er mit dieser gut würde; er ging in die Stube und schaute sie an, bis sie seinen Blick aufnahm. Dann gingen alle an dem summenden Dampfer vorbei in die Scheune. Der Pate wies die Plätze an. Es sollte wohl so sein, daß Bertold neben die erwünschte Schöne in der äußersten Ecke des Daches zu stehen kam. Er mußte mit ihr, einem alten Knecht und drei Mägden die Garben Öen Kornboden entlang bis vorn auf den Drefchkasten befördern. Der Knecht schlief noch halb und schaute weder rechts noch links, die Mägde waren ans Gehorchen gewöhnt. So glaubte Bertold mit der Schönen allein zu fein in einer holden Finsternis. Als der Dampfer mit dumpfem Baß anhob und mit Kraft in höhere Töne hinaufging, bis er metallen und gleichmäßig in der rechten Höhe rortfummte, jubelte Bertold. Jetzt ging es an. Er riß ungestüm die Garben los, überreichte sie aber in lockerer Ruhe feiner schönen Nachbarin, die sie ebenso gelassen roeitergab. Sie hatte das Kopftuch um Stirn und Mund geschlungen und schien manchmal in der Verhüllung ju lächeln. Sie stand, sein blühendes Gegenbild, in der von Saus und Braus erschütterten Scheune und rührte sich kaum; nur ihre Augen sah er zuweilen, wenn er sich unter sie bog. Sie funkelten verstohlen im schwarzen Zwielicht und schlossen sich schnell wieder, wenn er zu heftig in sie bringen wollte. Und waren sie so erloschen, dann war es um so ängst- I kicher und geheimnisvoller in der dunklen Scheune; dann stand der । Knecht wie mit grauem Moos behangen in dem plumpen Garbenschwall, i bann kam von den dumpfen Leibern der Mägde eine Lohe auf Bertold ju und umschlang ihn. Seine Brust brannte, seine Stirn war staubig wie ein alter Balken. Das ertrug er nicht mehr. Er nahm eine schlanke Garbe, die fühlte sich an wie ein Mädchen, drückte sie, als die Stille herschaute, an seine Brust und berührte, indem er sie ihr sachte zureichte, mit den Aehren ihre Knie. Sie fuhr leicht zusammen und machte eine reizende Knie- oeuge. Da entfesselte er einen Sturm. Er packte zwei, drei Garben auf einmal um den Leib, schleuderte sie den Mägden in den Schoß und warf io lange, bis Knecht und Mägde von den Garben völlig eingehüllt waren und für die nächste Viertelstunde genug zu tun hatten, den Wall weiter- juschießen. Dann stellte er flugs eine Wand von sechs, sieben Garben zwischen bie Mägde und sich. Jetzt waren sie allein und abgeschieden. Er ging ihr entgegen, sie wich einen Schritt zurück ... stand einen Augenblick mit qefentter Stirn vor ihr. Sie legte die Arme über ihr Gesicht Er warf bie Arme um sie. ßgrm und Staub waren plötzlich versunken. Da atmeten sie ineinander und wußten voneinander nichts mehr. Auf einmal kam von irgendwoher aus einem Gang der Erinnerung ein Schmerz auf das Mädchen zu. Er war in die Gestalt eines Mannes geschlüpft und drohte ihr Unheil. ,cn. wo, ®tilanb, Ritzten '?en bie ''e unter Rollen d>e @e= Um. “cn g-° I,le mit. eblenbet, der. Die Wen. te- Man °us dein Däne bis m Leich, nd Big? aus der r furcht- Die Hochzeitskuh Roman einer jungen Liebe von Josef Magnus Wehner Copyright 1 928 b y Georg Müller Verlag A.-G., München -n es f t m# r durchs s Werd !k N @iip- e( deä» b-r d-« GleheimZamilienblälter Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger hörte er die Mägde tuscheln. Sie flüsterten über in der Gewalt", sagte die, die das Scheit in den sein", versetzte die, die im Suppenkessel rührte. „Ich „Und wer siegt, führt die Braut heim", fügte er hinzu. Bertold lieh die Leute reden. Cr hatte Furchtbareres zu denken als diesen Ringkampf, vor dem ihm nicht Angst war. Er wollte Hott, wenn Das sagte sie gleichsam in die Luft. Bertold fuhr herum, drückte ihre Hand und sagte halb im Zorn: „Immer tust du so, als hattest du etwas auf dem Herzen. Aber sagen---1 Meinst du, ich konnte dir nicht helfen?" . • „Kein Mensch kann mir helfen , sprach Anna. „Dann wollen wir es lassen, wie es ist, wenn du so meinst, sagte Bertold nun im Aerger. „Das habe ich gewußt, das habe ich gleich gewußt, sprach Anna tonlos und glitt von der Garbe herunter. Ein goldgelber Scheitel tauchte über die Brüstung des Kornbodens. Birge stieg aus der Scheune herauf. Als sie oben angekommen war, ließ sie sich einen Krug nachreichen, nahm ihn an die Brust und wehrte die Mägde ab, die zuerst trinken wollten. Sie ging auf Anna zu und bot ihr den Krug: Anna trank und gab Bertold den Krug weiter; er trank aber nicht, sondern blickte zur Seite. Er hatte auf einmal kernen Durst mehr, fei es, daß Birge ihn abgekühlt hatte, oder er wollte den fchonen Kuß von Anna, der ihn jetzt doppelt brannte, nicht vom Mund fortspülen. Birge schlang ihren Arm um Annas Schulter und sprach: „Der Herr Hott läßt dich schön grüßen. Er hat gleich nach dir gefragt und will dich heute abend heimbringen." „Der?" stieß Anna heftig hervor. „Richte ihm nur aus, ich will heute abend allein heimgehen." Als Bertold die Mägde getränkt hatte, trug er den Krug mit verlegener Feierlichkeit vor Birge. Sie lachte ihn an und wifchte ihm mit der Schürze den Staub aus dem Gesicht; dann nahm sie den Krug an ihre Brust und stieg leicht und schlank die Leiter hinunter. Als es Mittag pfiff, fragte Anna ihr wortloses Gegenüber: „Bertold, führst du mich an den Tisch?" Bertold antwortete schnell: „Wenn du mir sagst, was du auf dem Herzen hast." Anna besann sich eine Weile, dann sprach sie: „Heute abend, wenn du ein Stück mit mir gehst —" Dabei sah sie Bertold fragend an. Sie war sehr demütig geworden, die stolze Anna. „Das muh ich erst Birge sagen", erwiderte Bertold. Im selben Augenblick aber reute es ihn, daß er nicht gleich ja gesagt hatte. Er sprang, als die Mägde den Boden schon verlassen hatten, auf Anna zu, wirbelte sie jauchzend in die Luft und ries: „Freilich, geh ich mit dir heim, du dumme Annal" Sie gingen Arm in Arm über den Hof. Hott stand unter der Haustür und grinste ihnen mit seinem gelben Gesicht entgegen. Er streckte Bertold die Hand hin und sprach: „Ich begrüße dich, alter Saufkumpan. Ich habe schon gehört, auf welche Universität du gehst; selbstverständlich gehe ich da auch hin, was?" Bertold sand das gar nicht so selbstverständlich, daß das bleiche Krummbein auf seine schöne Universität kommen wollte. Aber er ärgerte sich noch mehr, daß Anna, klein und zusammengekauert, hinter ihnen stand und nicht an Hott vorüberzugehen wagte. Er sprach: „Geh ein wenig auf die Seite, die Leute fürchten sich vor dir." „Ach Anna", lachte Hott, „nimm dich vor dem in acht, der hat schon mancher den Hals gebrochen." Anna schlüpfte an Hott vorbei und verschwand in der Stube. Hott schlug die Beine übereinander und sagte gezwungen- „Es ist ein Kreuz mit den Bauernmädchen. Hast du gesehen, sie stand wie verhext da." „Kennst du sie schon länger?" fragte Bertold. „Und ob", erwiderte Hott. „Sie war meine. Erste. — Aber weißt du", und hier sprach er gedämpft, „ich bin wegen einer anderen hier." „Wen meinst du?" „Sag ich nicht." „Dann verachte ich dich " „Aus deiner Verwandtschaft." Bertold rollte sich zufümmen. Birge trat jetzt zu den beiden und wollte sie in die Stube drängen. Sie klatschte in die Hände und umkreiste sie. Hott fing ihre Arme und drückte sie rückwärts in die Stube. Bertold lehnte sich wütend an den Küchenpfosten. Da Anna und Hott. „Er hat sie ja Herd schob. „Das sollte ich ginge ins Kloster, dann wäre ich ihn los." „Wenn sie schon ein Kind gehabt hat von ihm." Bertold bebte. Er riß die Küchentür auf, daß die Mägde auseinanderstoben; die Verräterin aber packte er am Zopf und tunkte sie zu Boden, bis ihr Gesicht vor der Herdtür stand. Sie schrie laut. Der Pate kam heraus und schimpfte, Bertold fei ein richtiger Mädchenjäger; er soll machen, daß er in die Stube komme. Er ging. Die Magd schrie ihm nach, was wahr sei, sei wahr, und was sie gesehen habe, habe sie gesehen, und wenn sie gleich in die grasgrüne Hölle tarne. Als Bertold in die Stube trat, wollte ihm Hott neben sich Platz machen. Er setzte sich aber unten an den Tisch neben die Mägde, die mit ihm gerungen hatten. Die waren darüber sehr stolz und nahmen ihn in die Mitte, redeten auch laut über den Tisch herüber, wie stark er sei. Da lachte Hott höhnisch und rief: „Es wird wohl noch mancher in der Stube fein, der stärker ist als Bertold, was?" Und damit klopfte er einem ungeschlachten Kerl, der neben ihm sah, aus die Schulter. Das war ein Pferdeknecht, der beim Holzholen die Baume allein auf den Wagen hob und beim Holzspalten keinen Keil brauchte: wo er hinhieb, sprang der Klotz von selbst auseinander. Fran- zlskus, so hieß der Knecht, sah Bertold von der Seite an, rülpste und sagte unter dem Lachen der Bauern: „Den eß ich zum Frühstück". Bertold lächelte und Hott machte aus, daß nach dem Essen hinten im Garten gerungen werden soll. es Nacht sei, erschlagen, wo er ihn treffe, und bann in ein fremdes Land gehen. Er hatte wohl begriffen, was zwischen Anna und Hott vorgegangen war, und hatte lange vergeblich auf eine List gesonnen, wie er Hott in seine Gewalt bekommen könne. Aber er fand nichts als jenen zu töten. Sein Vater? Birge? Sie mußten es erleiden. Die Gesellschaft brach in den Garten auf, nur die alten Leute blieben in der Stube. Ein lauer Föhnwind hatte sich erhoben und streifte lustvoll über die verlassenen Gelände, auch die Sonne war da und brannte zuweilen aus den Wolken. Hott lief geschäftig hin und her und steckte den Kampfplatz ab. Er hielt große Reden und versprach Franziskus ein Goldstück, wenn er siege. Bertold legte seinen Hut ab. Er freute sich. Er lachte und sprach wohlwollend, als alles bereit war: „Ich muß mir erst den Stärksten suchen. Hopp, lauft der Reihe nach an mir vorbei. Nur Franziskus soll stehen bleiben, mit dem ist es mir ernst." Da liefen die Burschen, die einen steif, die anderen gelenker gegen Bertold an. Er legte sie, einen nach dem anderen, leicht übereinander, ohne daß er je aus feiner Ruhe ging. Da sahen sie, daß ihm das nur ein Spiel war; die Mägde nahmen heftig Partei für ihn und gaben sich Mühe, ihn jedesmal zu warnen, wenn ein neuer Gegner anlief, aber sie tarnen meistens mit ihren Rufen zu spät. Nun schwang Franziskus seine Arme im Rad — er war breit und groß und feiner Sache sicher — und stürzte sich mit vorgehaltenem Kops auf Bertold. Bertold nahm den Daherstürmenden seitlich mit der Schulter auf, so daß Franziskus in einem riesigen Bogen um Bertold herumgeschleu- dert wurde und auf ein Knie fiel. „Zu knien brauchst du vor mir nicht", rief Bertold. „Wo willst du liegen?" brüllte Franziskus vor Scham und Wut, nahm Bertold auf die Arme und trug ihn hoch herum. Den Mädchen fchlugen die Herzen. „Aus dir, Franziskus", antwortete Bertold und ließ sich ruhig herum» tragen. Hott war ganz gelb geworden, er stand unter den Mädchen und blies seinen Atem von sich. Da stellte sich Franziskus sperrbeinig hin, hob Bertold in die Luft und schmetterte ihn herunter. Bertold stand. Er war gut gesprungen, biß die Zähne zusammen und stieß jetzt selbst vor. Er fühlte beim ersten Griff, daß Franziskus nicht stärker war als er selbst, so rang er ruhig und lachte, und als er den Burschen genug hatte tanzen lassen, ließ er ihn los und holte zum letzten Angrif aus. Franziskus schäumte schon vor Zorn. Bertold durfte ihn nicht gemein werden lassen, er nahm leicht Anlauf und sprang dem Knecht mit einem gewaltigen Satz gegen die Brust. Franziskus taumelte und fiel auf den Rücken. Bertold kniete nur einen Augenblick auf ihm. Dann sprang er auf, packte Hott, eh er sich besinnen konnte, an den Knien und trug ihn im Lauf in den Hof. Dort am Dampfkessel stand ein großer Bottich mit gewärmtem Wasser. Hott flog, von Bertold geschleudert, da hinein, die Burschen wieherten, die Mägde schrien, Hott schnappte. Der Pate stürzte aus dem Haus, hinter ihm die alten Leute. Er sprang schimpfend an den Dampfer und ließ den Hahn pfeifen. Die jungen Leute flohen in die Scheune, die Arbeit begann wieder. Nur von Zeit zu Zeit lugte ein Kopf aus den Ziegeln und wollte nachsehen, wie es Hott gehe. Der lief aber längst in Gummimantel und Holzschuhen in der Küche herum, trocknete seine Kleider und genoß das Mitleid der Mägde. Indem er die Sache als eine unanständige Ueberrumpehmg hinstellte, die er mit Zinsen heimzahlen wollte, verbreitete er bei den leichtgläubigen Küchenmägden allmählich einen Schein von Unheimlichkeit um sich, der feinem gelben Gesicht und den Geschichten, die von ihm erzählt wurden, wohl anstand. Die Mägde dienten ihm voll Neugier und Furcht. Birge ging ihm aus dem Weg. Es war, als ob der Ringkampf allen Leuten neue Kraft gegeben hätte. Die Garben sausten, Bertold mußte hart arbeiten und hatte kaum Zeit Anna anzusehen. Auch sie sah nicht her. Sie schien Furcht vor ihm bekommen zu haben. Erst gegen Abend wurde sie gesprächig. Aber Bertold war kurz. Der Kerl würde sie jetzt schon in Ruhe lassen, dachte er. Die Sonne ging unter. Die Leute atmeten erleichtert auf, die harte Arbeit ging zu Ende. Aus einmal, als das Lachen und Scherzen fröhlicher aus allen Winkeln der Scheune scholl, fragte Anna ihr Gegenüber: „Du, Bertold, wohin gehst du eigentlich auf die Universität?" Er nannte ihr die Stadt. Sie fragte weiter: „Warte nur, wenn das Heimweh kommt unter an den fremden Menschen." „Ach", sagte Bertold, „das ist gerade schön. Und wenn ich jemand haben will, dann hole ich ihn mir." „Meinst du, er kommt dann auch?" fragte Anna lächelnd. „Wenn ich will, muh er wohl", antwortete Bertold. „Bertold!" Anna war ganz nahe gekommen. Sie sah Bertold von der Seite lockend an und sprach über ihr Hüste: ,Zch lasse dich heute gern mit mir heimgehen." „Hott wird uns schon aus dem Weg gehen. Schau", und Bertold deutete durch die Luke, „da sitzt er in der Küche und schaukelt die Magd." „Wenn er aber doch kommt?" „Dann gehe ich erst recht mit dir." „Ja?" Anna lachte glücklich. Ihre Augen blitzten, ihre Zähne schimmerten. Beim Abendesien ging Hott seinem Studiengenossen aus dem Weg. Als abgeräumt war, machten die Bauern ihre Späße, wie sie seit Jabr- hunderten üblich waren: sie schwärzten Ahnungslosen die Gesichter, führten Prügel- und Schimpfszensn auf und hakelten sich mit den Beinen. Auch Birge spielte voll Anstand in einem kleinen Stück mit. in dem sie einen Bettler vorstellte, der vor dem abweisenden Gu-i-m sich "'^tz- lich als Herr der Welt entpuppt. (Fortsetzung folgt.) Früh im Wagen. Von Eduard Mörike. Es graut vom Morgenreif In Dämmerung das Feld, Da schon ein blasser Streis Den fernen Ost erhellt. Man sieht im Lichte bald Den Morgenstern vergehn, Und doch am Fichtenwald Den vollen Mond noch stehn; So ist mein scheuer Blick, Den schon die Ferne drängt. Noch in das Schmerzensglück Der Abschiedsnacht versenkt. Dein blaues Auge steht. Ein dunkler See, vor mir. Dein Kuß, dein Hauch umweht. Dein Flüstern mich noch hier. An deinem Hals begräbt Sich weinend mein Gesicht, Und Purpurschwärze webt Mir vor dem Auge dicht. Die Sonne kommt. Sie scheucht Den Traum hinweg im Nu, Und von den Bergen streicht Ein Schauer auf mich zu. Oie „Grüne Franziskas Erzählung von Heinz Oskar Wutti g. Biele Lastkähne, Schleppzüge und Frachtzillen befahren die Flüsse unb das Kanalnetz der norddeutschen Binnenschiffahrt. Beladen mit den verschiedensten Gütern, mit Kohle oder Steinen, mit Kies oder Obst und Gemüsen, machen sie ihre ruhige, gemächliche Reise. Vorbei an grünen Ufern und rauchenden Städten, durch hügeliges Land und durch die flachere Ebene der Wiesen und Felder. Von Lagerplätzen zu Häfen und dann wieder zurück. Außer ihrer Fracht tragen aber diese schwimmenden Güterzüge, die kleinen Zillen, ebenso wie die großen Buchter, ihre Schicksale und ihre Geschichte durch das Wasser. x Ein Abenteurer der Wasserstraße war die „Grüne Franziska". Jeder Schiffer, aber auch jeder Schleusenwärter und Hasenbeamte zwischen Hamburg und Berlin kannte ihren Namen. Sie war ein großer Frachter und in ihrer Jugend oft von Hamburg aus mit englischer Kohle beladen, die Elbe heraufgefahren. Jetzt war sie ein alter Kasten, der aus der Prignitz durch das ruhige Wasser der Knäle weiße, quadratische Kalksandsteine nach Berlin brachte. Wohl war sie alt, vor rund dreißig Jahren über die Werftrolle in Tangermünde gelaufen, aber wenn man sie vorbeiziehen sah, so spürte man doch das Besondere an ihr, das Eigenwillige, Kraftvolle ihres Lebens, umwittert vom Abenteuer. Schon mit ihrem Namen stimmte es nicht. Denn von Grün war keine spur an ihr. Schwarzer, blasiger Teer bedeckte die dicken, eichenen Planken, und vorn am Bug und auf dem großen Ruderblatt stand nur der Name „Franziska". Man mußte schon sehr genau Hinsehen, um »ns Wort „Grüne" zu erkennen, das durch das Schwarz weißlich hin- !»urchschimmerte. Das hatte aber eigentlich gar nichts mit der „Franziska" zu tun. Der erste Besitzer des Kahnes hieß nämlich Hermann Irüneberg, und sein Name stand damals in weißen Buchstaben am Bordrand. Als dann nach der dunklen, nie ganz aufgeklärten Geschichte Klaus Schliephaak den Kahn übernahm, übermalte er den Namen seines Vorgängers und setzte das Wort „Franziska", so hieß seine Frau, breit unb fett barüber. Im Laufe ber Zeit kam jeboch ber erste Teil bes früheren Namens immer wieber zum Vorschein. Kein Uebermalen half dagegen. Unb seitdem nannte sie jeder die „Grüne Franziska". Von den verschiedenen merkwürdigen Begebenheiten, die sie in den fahren erlebte, ist schon vieles vergessen. Es sollten auch ein paar unsaubere Geschichten dabei gewesen sein, die mit geheimnisvoller Ladung unter den Kohlen zusammenhingen. Aber jetzt sprach kein Mensch mehr !-avon. Genaueres hätte wohl nur der alte Grüneberg sagen können, t ber der lag schon seit fünf Jahren an der Neudammer Schleuse im Elb- »asier, und den konnte man nicht mehr fragen. Auf dem Schiffahrtsamt hatte fein Tod damals viel Staub aufge- □irbett, denn aus den Akten wurde festgestellt, daß er eine übermäßig iwhe Versicherung ausgenommen hatte, und in den untersten Planken iies Kahnes fand man ein kreisrund angebohrtes Leck. Wäre der Grüne- l>erg, als er damals betrunken von Land kam, nicht in der Dunkelheit bpfüber vom Laufbrett ins Wasser gefallen, so hätte man ihn vielleicht hod) vor Gericht gebracht. So aber wurden die Akten über den Fall i-eschlosten, Klaus Schliephaak übernahm den Kahn mit seinem Sohn, lind die Angelegenheit ruhte. Was aber nicht ruhte, war das eigene innere Leben der „Grünen s ranziska". Wohl ging sie willig und gehorchte dem Ruder des Schliephaak. Aber manchmal kam es über sie, dann brach sie aus, das Holz zitterte unb knarrte, unb irgenbwelche magischen Kräfte führten dann den alten Frachtkahn, daß er im ruhigen Kanalwasser wie ein Hochseesteamer von einer Seite zur anderen jumpte. Die Schliephaaks waren einfache biedere Schiffersleute, fern allen übernatürlichen Dingen. Aber wenn es die „Grüne Franziska" einmal so gepackt hatte, bann sagte ber Alte flüfternb zu seinem Sohn Paul: „Du, jetzt führt sie wieder ber olle Grüneburg. Da ist was am Steuer. Ich spüre es genau!" Unbegreiflich war ja auch bie nächtliche Fahrt bamals im Hochwasser des Frühjahrs. Einen halben Brückenpfeiler hatte die „Grüne Franziska" bei Wittenberge mitgenommen und war fast unbeschäoio geblieben. Unb bann im Sommer bei ber großen Trockenheit, als fast alle Kähne wie riesige Fische trocken auf Sanb lagen, fanb bie „Grüne Franziska" als einzige ihren Weg burch bie schmale Fahrrinne, und ber Steuerkunst ber Schliephaaks verdankte sie das bestimmt nicht. Sie war schon ein ganz merkwürdiger Kahn. Wie stark aber diese geheimen Kräfte und Strömungen waren, die in ihr wirkten, erkannten bie Schliephaaks erst zuletzt. Beim Enbe und Untergang der „Grünen Franziska", dem merkwürdigsten Untergang, den wohl ein Frachter zwischen Hamburg und Berlin erlitten hat. Es war so im Anfang November. Noch mittags lag dicker Nebel über dem Plauer Kanal, und die „Grüne Franziska", die mit einer dreiviertel Ladung Steinen aus Dömitz heraufkam, hatte sich vom „Phönix" bis zur Kanaleinfahrt schleppen lassen. Von dort ab sollte sie bann der Schlepper „Komet" in Empfang nehmen und nach Berlin bringen. Der „Phönix" war schon längst außer Sicht, vom „Komet" aber noch keine Spur. Der alte Schliephaak und Paul fluchten und spuckten über Vord, aber es half nichts, bie langen Stakstangen mußten zur Hand genommen werden, unb bann begann bie schwere Arbeit bes Trellens, des Stromaufwärtsftakens. Eine gute Stunde verging, ein halber Kilometer war geschafft, vom „Komet" war noch immer nichts zu sehen. Irgend etwas mußte da passiert sein. Käpten Hoffmann war sonst ein zuverlässiger Mann. Schon früh fiel bie Dämmerung über bas Land. Noch immer arbeiteten die beiden Männer schwer keuchend gegen den Strom. Ganz langsam zog das Ufer vorbei. Manchmal war es, als bewegten sie sich gar nicht von ber Stelle Aus ber kleinen Küche kam schon lange ein gelber Schein. Die Petroleumlampe brannte. „Vielleicht hat er Maschinenbefekt unb sitzt irgenbroo fest", rief der Vater zu Paul hinüber „Möglich", kam besten Antwort. „Du, Vater, finbeft nicht auch, baß es jetzt leichter geht?" kam plötzlich Pauls Stimme aus bem Dunkel. „Hast recht, wir machen mehr Fahrt ..." „Komisch, was!" „Ja!" Es war in ber Tat eine fonberbare Sache. Die Fahrt ging nach wie vor gegen ben Strom. Aber mit ber „Grünen Franziska" war irgend etwas vor sich gegangen. Sie lief schneller, als nach dem Kraftaufwand ber beiben Männer möglich war. Weit vorn hinter einer Kanalbiegung tauchten jetzt weiße Lichter auf. Es mußte bie Neubammer Schleuse fein. Auf einmal kam ber Vater zu Paul über bas Deck gelaufen unb nahm ihn leise beim Arm. „Du, mertfte was?" fragte er ihn. „Hm, jetzt zieht er ben Kasten wieber." Der alte Schliephaak wischte sich mit einem Tuch bas Gesicht ab. „Daß ein toter Mann im Wasser solche Kraft haben kann! Ist jetzt genau wie damals. Paß auf, bis zur Schleuse schafft es der olle Grüneberg jetzt alleine." Nein, ganz allein schaffte er es nicht, so groß war die Macht des ertrunkenen Schiffers doch nicht. Die beiden Männer mußten weiterarbeiten, aber es war viel leichter bei schnellerer Fahrt, und die „Grüne Franziska" hatte vorne eine richtige kleine Bugwelle. Nur noch hundert Meter waren sie vom Schleusenwehr entfernt. Da durchdrang plötzlich das Dunkel vor ihnen das Tuten eines Dampfers. Jetzt blinkten auch schon die bunten Laternen. Es war der „Komet". Die Männer hörten mit ihrer Arbeit auf und legten die langen Stangen zur Seite. Die „Grüne Franziska" lief aber allein noch ein ganzes Stück weiter, und fo tarn es, daß sie den „Komet" erst dicht neben der Schleuse traf. Eine Schraubenverwinbung war dem Schlepper gebrochen, das erklärte feine lange Verspätung. Da aber weder der Käpten noch Schliep- haakes Luft hatten, bei der Dunkelheit im engen Kanal zu manövrieren, fo beschloß man, die Nacht hier an der Schleuse zu verbringen und erst am nächsten Morgen weiterzufahren. Der Kanal war vor der Schleuse etwas ausgebuchtet, an beiden Seiten mit Plätzen zum Festmachen. Sogar eine Laderampe mit Kran war vorhanden, beinahe ein kleiner Hafen. Der „Komet" lag schon längst am Uferblock. Die „Grüne Franziska" aber wollte unb wollte nicht an bie Steinböschung heran. Immer wieber drückte sie ihr Vorderteil in den Kanal hinaus. Endlich hatten die Schliephaaks es doch geschafft. Vertäut und verankert lag der Frachtkahn dicht hinter dem Schlepper. Von Bord zu Bord wurde eine Laukplanke gelegt, unb die ganze Familie Schliephaaks, Vater, Mutter unb Paul, ging hinüber zum „Komet", um sich ben Schaben zu besehen. Eine ganze Weile saß man bann mit Käpten Hoffmann zusammen in ber Kajüte. Warm unb gemütlich war es bort, aber plötzlich brach in bas Gespräch von brausten ein klatschendes Geräusch, als ob etwas Schweres ins Master fiel? Alle blieben still und horchten. Endlich ging Paul bie Treppe hinauf, man hörte unten feine Schritte auf Deck, auf einmal kam er aber wieber zurückgestürzt unb schrie in bie Kajüte hinunter: „Vater! Die „Franziska" ist weg!" Sofort waren alle an Deck. Da schwamm hinter dem Schlepper nur noch bie heruntergefallene Laufplanke im Wasser, die „Grüne Franziska" war fort. Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Verlag; Vrühl sche UniversitätS.Vuch. und Steindruckerei, A. Lange, Gieben. Kleine und große Räuber. Ein Reisebericht über China. Bon Professor Heinrich Schmitthenner. Das Reich der Mitte bleibt uns, so sehr die Reiseliteratur über dieses geheimnisvolle Land auch angeschwollen ist, ein Rätsel. Die Schilderungen wirklich erfahrener China-Kenner können uns aber doch mit der fremden Welt des Ostens vertrauter machen. Der bekannte Kolonialgeograph Heinrich Schmitthenner legt in seinem im Bibliographischen Institut in Leipzig erschienenen Buch „China im Profil" einen derartigen Bericht vor, dem der folgende Abschnitt entnommen ist. Die Chinesen unterscheiden kleine und große Räuber. Die kleinen Räuber, „Hsiau Tufe" auf chinesch, sind verarmte Bauern, die Mißernten und Hunger zu Raub und Mord treiben. Sie lauern einzeln oder in kleinen Trupps an den abseits gelegenen Straßen, an Brücken oder Mußübergängen, um von Vorübergehenden Geld zu erpressen und um sie gelegentlich auszurauben. Sie sind hauptsächlich in den übervölkerten Provinzen, in Honan und Schantung zu Hause und treten je nach dem wechselnden 'Ausfall der Ernten überall auf. Im allgemeinen wird der weihe Mann mit ihnen fertig oder handelseinig. Gefährlich sind sie aber dann, wenn sie mit Trägern und Maultiertreibern gemeinsame • *n°t*)en- 2)kn Troßknechten geschieht gewöhnlich nichts, weil sie nichts haben, und weil der Räuber die Einwohner seines „Arbeitsge- bietes nicht gegen sich aufbringen darf. Wo der Bürgerkrieg das Land durchzieht, den Anbau unmöglich macht, die Ernten zerstört oder auf- ^Hrt, nimmt in dem allgemeinen Unglück auch das Unwesen der kleinen Räuber überhand. Selbst in mittleren Städten ist man vor solchen Ge- legenheitsraubern nicht sicher. Die allgemeine Unsicherheit hat auf dem „ ’iUr lu"9 sreiwilliger militärischer Organisationen geführt, die “’’er S^e9ent(|d) au$ 1)05 Räuberhandwerk ergreifen, so daß man gut zu hüten, besonders wo sie unter Einfluß kommunistischer Agitation stehen. ^Kinder üben sich beim Spiel gerne als Spitzbuben, aber auch gtlegenthrfj im Straßenraub, als die allerkleinsten Räuber In einer größeren, von Truppen überfüllten Stadt in Honan beobachtete ich eine bezeichnende Szene. Schwere Baumwollballen, in Leinen verpackt wur- • CtTuön9i’n Schubkarren von einer Baumwollpresse abgefahren. Mühsam schoben die Kulis die schwere Last durch die winkligen Gassen. Da schosien aus irgendeiner Ecke Buben hervor, ein scharfes Messer in der Hand, schnitten mit raschem Zug ein Loch in die straffgespannte Sackleinwand und zerrten Baumwolle daraus hervor, soviel sie fassen konnten. Bis die Kulis ihre Karre abgesetzt und den Traggurt abgestreift hatten, waren diese kleinen Räuber längst in den Gassen verschwunden. Die erwachsenen Passanten hatten für diesen doch nicht ganz harmlosen Spaß nur Lachen übrig. Wirklich gefährlich sind die großen Räuber, die Banditen oder „Ta Tufe". Sie haben sich zusammengeschlossen, gut organisiert und ziehen nach wohldurchdachtem Plane gemeinsam auf Raub aus. Irgendeiner wirft sich zum Anführer auf. Hat er Erfolge, so wird er bald eine bekannte Persönlichkeit, und bei der Neigung der Chinesen zu Geheimbünden entsteht um ihn eine weitverzweigte Organisation Man sucht, in den Besitz von Waffen und Munition zu kommen, und hat ein Führer einmal zwanzig Gewehre beisammen, so ist er dank seinen Ortskenntnissen und seiner Verbundenheit mit den Bauern eine Macht, die den ganzen Distrikt in Atem halten kann. Manche Banditenführer, die das Schicksal erreicht hat, werden noch jahrelang mit Achtung oder Haß genannt. So erzählte man mir von einem 14jährigen Knaben, der in Honan eine Bande anführte, er sei ein Held gewesen. Dagegen berichtete man mit Genugtuung von der Hinrichtung eines Raubweibes, das in Schantung als Haupt einer großen Bande scheußlich gehaust hat. Eine unglaubliche Frechheit besaß ein Banditenführer, der 1921 den Expreß- zug von Tientsin nach Pukou ausraubte und die männlichen Passagiere verschiedenster westlicher Nationalitäten in die Berge verschleppte. Er druckte sogar eine. Briefmarke, die er auf seiner Erpresserkorrespondenz benutzte. Er erreichte es tatsächlich, daß ihn die Regierung mit hohem Rang ins Militär einstellte. Allerdings konnte er sich nicht in die Ordnung fügen, und er ist doch bald enthauptet worden. Eine ganz eigene Kategorie von Räubern jinb die Hung Hutze in der Mandschurei, gegen die schon die Russen zu kämpfen hatten, als sie am Anfang des Jahrhunderts die Bahnen bauten. Sie rekrutierten sich in dem damals noch ganz dünn besiedelten Gebiet aus Leuten, denen in China der Boden zu heiß unter den Füßen geworden war. Ohne behördliche Genehmigung siedelten sie sich in den weiten, menschenarmen Gebieten an und organisierten sich zu mächtigen Banden, die in den Grenzlanden durch irgendwelche politische Konstellation offiziell anerkannte Bedeutung bekommen konnten. Diese Banditen kann man mit den Genossenschaften vergleichen, die die Anfänge des südrussischen Kosakentums waren. Sie sind' eine koloniale Erscheinung an der Kampffront der vorrückenden Ackersiedlung gegen die Wirtschaftsform des Nomadismus. Die dichte Besiedlung der Gebiete feit den letzten 30 Jahren hat einen großen Teil dieser Leute ■in das neue System einfügen können. Die andern sanken zu echten Räubern herab. Seit der Errichtung des japanischen Vasallenstaates ist das Räuberpartisanentum wieder aufgebläht. Dies hat der Ueberfall auf den Exprehzug südlich von Hsinking (Tschangtschun) am 31. August 1934 aller Welt sichtbar gemacht. Oft sind die Banditen entlaufene Soldaten oder Soldaten, die man entlassen hat, die nicht bezahlt wurden oder die sich sonstwie selbständig 0 haben. Sie sind gut bewaffnet und tragen Uniform. Von einer tmsbafis aus, die sie in einem Schlupfwinkel anlegen, plündern sie systematisch Dörfer und kleine Städte, bis nichts mehr zu holen ist, ober bis sie vor eingesetzten Truppen oder Milizen flüchten müssen. Sie gehen besonders darauf aus, vornehme und reiche Leute abzufangen, um Lösegeld zu erpressen ober burch ihre Freilassung Straferlaß ober Wieber- einreihung ins Militär zu erzwingen. Ueberhaupt ist ber Unterschieb von Räubern und Solbaten recht fließenb. Letzten Enbes ist bas chinesische Militärwesen eine aus ben Verhältnissen herauswachsenbe Versorgung Hungernder. In der Provinz Honan war infolge der Hungersnot im Winter 1925/26 die Armee sehr zahlreich geworden. Um sie zu ernähren und nicht die eigene Provinz ihrer Plünderung auszusetzen, organisierten ihre Führer einen regelrechten Kriegs- und Plünderungszug in die wohlversorgte, in langem Frieden lebende Nachbarprovinz Schansi. Der Besitz von Schießwaffen macht die Soldateska zu einer furchtbaren Gefahr. Man hat dem Soldaten geradezu das Privileg zum Räuber gegeben. Es bewahrheitet sich das chinesische Sprichwort: „Aus einem guten Eisen macht man keinen Nagel, aus einem guten Menschen keinen Soldaten" Gelegentlich meiner Reise durch die Provinz Kiangsi erhielt ich Einblick in die Wirkung eines Truppendurchzugs, in den ich hineingeriet. Die Garnisonen von Nantschang und Pinghsiang, zwei etwa fünf Tagesreisen voneinander entfernten Städten, wurden ausgewechselt. Diese friedliche Truppenbewegung im eigenen Lande glich einem Krieg gegen die Bauern. Aus allen Dörfern hatten die Leute ihr Lieh weggebracht; denn die Soldaten nahmen mit, was sie bekommen konnten. Zn den Dörfern und Höfen waren nur alte Weiber zurückgeblieben. Die Männer, die sich blicken ließen, wurden von den Soldaten zum Safttragen gepreßt. Wenn irgendeiner, der nicht an fo schwere Tragarbeit gewöhnt war, zusammenbrach, wurde er durch Fußtritte und Kolbenstöße aufgemuntert. Ich war Zeuge, wie ein Soldat einen Träger kurzerhand niederschoß, weil er nicht mehr weiterkam. Ich hatte Mühe, meine Kulis und den Dolmetscher davor zu retten, von ben Solbaten gepreßt zu werben. Es war ein scheußliches Wirrwarr, ba Munition und Gebirgskanonen, Maschinengewehre unb Minenwerfer unb all bas Gerät ber beiben sich begegnenben Heere auf einem kaum zwei Meter breiten Wege aneinanber vorübergeschleppt würbe. Als es mir schließlich gelang, ein verstecktes Boot zu erhalten unb vom Land- auf ben Wasserweg überzugehen, war mein Fortkommen nicht weniger gefährbet. Die Truppen suchten natürlich auch ben Strom zu benutzen, unb sie nahmen alle Fahrzeuge weg, bie sie im Besitz von Zivilisten sahen. Ich konnte nur baburch meinen Weg fortsetzen, baß ich bie Tage über vorn auf bem Boot selbst als Aushängeschilb bafür biente, daß das Boot wirklich einem Ausländer gehörte. Eine Missionarsfamilie, bie ein anderes Fahrzeug zugleich mit bekommen hatte, würbe einfach ans Land gesetzt unb acht Tage aufgehalten. „Da ist siel Da draußen!" schrie plötzlich Paul. Zllle sahen bie buntlen Umrisse bes Kahnes, der in ganz ruhigem, ftjum bewegtem Wasser auf unerklärliche Weise von Anker und Tau gekommen war und nun, durch keine äußere Kraft geführt, auf die andere Seite der Schleuse hinsteuerte, genau auf die Stelle zu, an der er vor fünf Jahren gelegen hatte und wo ber Oruneberg ertrunken war. Nehmt doch bas Beiboot, zum Donnerwetter! Fahrt hinterher! schrie der Käpten. „Sie stößt sich ja brüben kaputt!" 2tber dazu kam es schon nicht mehr. Der Mond brach durch bte Wolken hindurch, und im helleren Lichte sah man, wie bte r-Spme Franziska" auf einmal anfing, sich um sich selbst zu brehen. Erst langsam, dann schneller. Plötzlich fing es unheimlich an zu gurgeln, ber Hintere Teil sackte unter Wasser, und dumpf brauste die entweichende Luft. Ganz kurz nur schrie die Mutter auf, die drei Mannner aber starrten entgeistert auf bas Schauspiel Noch einmal futjr ber JBug auf- rauschenb steil in bie Höhe, ganz klar leuchtete letzt bas Wort „Grüne vom Rande, noch war die Spitze und der Sajütaufbau ZU sehen bann versank auch dieser Teil, und mit einem schweren Seufzer schloß sich wieder über dem alten Frachtkahn das Wasser. Das war der Untergang der „Grünen Franziska im Plauer Kanal. Lange blieb er rätselhaft, wie so manche Dinge in ihrem bunten und sonderbaren Leben. Wie sie es vermocht hakte, sich bei ruhigem Wetter unb ohne Wellengang von Tauen unb Ankerkette zu reißen, konnte sich niemand erklären, und es schien, als ob der alte Schliephaak recht be- Balten solle. „Der Grüneberg hat sie nicht lassen können. Fünf Jahre hat er auf sie gewartet. Immer noch ist etwas von ihm an dem Kasten zu spüren gewesen. Und jetzt hat er sie sich ganz geholt." Das sagte er allen, die etwas darüber wissen wollten. Erst viel später, als man sich bei einer Erweiterung bes Kanalbeckens zur Hebung bes Wracks entschloß, lüftete sich das Geheimnis dieses Untergangs. Etwas abseits der Fahrrinne fand man beim Ausbaggern tm Kanak- grunb einen schweren Eisenträger festgerammt, der vor Jahren beim Bau des Wehrs von einem der Pontons gerutscht war. Die messerscharfen Eisengrate hatten den Boden den „Grünen Franziska" vom Bug bis fast zur Mitte aufgerissen. ■ Auch das Losreißen von Tauen und Anker sah man jetzt mit anderen Augen an. Dicht hinter der Stelle, an der die „Grüne Franziska" mit dem „Komet" gelegen hatte, traten im Wasser von Zeit zu Zeit Grundwirbel auf, die eine starke Unterwasserströmung verursachten. Da auch ber Kanalboden hier mit einer dicken Schicht schlammigen Mülls bedeckt war, die dem Anker keinen Widerstand bot, und da Paul schon seit langem dem Vater gesagt hatte, die alten, morschen Taue mähten ausgewechselt werden, sand man in diesen Dingen eine ziemlich ausreichende Erklärung des Vorfalls. lieber die Tatsache jedoch, daß so viele Kähne diese Stelle ungefährdet passiert hatten, und daß ausgerechnet die „Gräne Franziska" auf den Eisenträger laufen mußte, kann man verschiedener Meinung fein. Manche erklären es mit einem reinen Zufall. Viele jedoch sagen, es sei ihre Bestimmung gewesen.