Nummer 80 Montag, den H. Oktober Jahrgang 1935 ftens ihre Hochzeitsreise. 9. Gießener Zamilienblälter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger ftanb l M 1 ®®k l°bh°K noen °°r bei, °lben q »rlönliij, in 6X6, ne Sb *Wi n9, L«ch 1 Pch» «t beprij, en Am», “( Sei|8| men, gfe Zwisch», an«. Ja nuf, H MÄe» ine be|m, >er Anß, reten, bog wirten!», erjpolleta Wort gilt hreidi m rtung, üt es“. Unto ier3u(tani1 n iraume nach ta eigerungtil -weise ii)i ig[traptii'| igften H jureiefjtiiil leroorbeM] igung, '■ I )iagiw|#| i wir ul Angst kl Angst |f| ici Eeist»! inarstleml e, ixiM’l der Nl daß ei®‘j ,u erziel des WM ihihih S> wenn ffl :enbet 8*1 des W h bcbinain I nz W®\ beigen* ausgeM g c der • Wit'1' ren f*1’ dach», nisrmi« •' terÄ 3K«n. ■6 adspn WS2 M Wen»?- rnge"«" !’&** » föt t* ÄS tz.'k -'S bei kl"' n oht> tieze" Zwei Tage sind vergangen. Die Sonne scheint noch immer über ganz Deutschland, scheint über das Hotel Waldhaus, vor dem gerade ein trauriger Pikkolo steht mit hängenden Henkelohren, weil die lustigen Gäste weg sind, die hübsche junge Frau, die immer sagte „Mein lieber Herr Franz", und der junge Herr, der den Sprung ohne Anlaus über einen Tisch machte. Die Sonne scheint über die Chaussee nach Weimar, eine ziemlich langweilige Chaussee, von Kirschbäumen flankiert, in denen die Pächter mit ihren Ernteleitern sitzen und aus denen die Stare die reifsten Kirschen herauspicken: und das Auto des Ehepaars Meimberg fährt langsam, denn Alfred Meimberg wird aus einer Tüte frischer Kirschen gefüttert. Und die Sonne scheint auf den Frühstückstisch der Glasveranda des Hauses Schreiner in Lichterfelde, scheint über einen Strauß weißer Gar- tennelken, die in einer Glasschale allzu zierlich angeordnet sind, scheint auf eine etwas fette kleine Damenhand, die gerade eine Postkarte und einen Brief auf den Teller des Professors legt: die Hand des Fraulems von Brettwitz. , , r. u ,. .. ~ . Sie selbst aber steht und studiert den Poststempel, fte dreht die Karte um besieht vorsichtig die Ansicht vom Hotel Waldhaus, mit Kaffeetrschen davor und Wald dahinter, 323 Meter über dem Wasserspiegel. Der Pro- fessor erscheint. Er sieht die Post durch, steckt sie ungelesen in die Rocktasche Fräulein von Brettwitz darf nicht darauf aufmerksam machen, daß eine Karte der Tochter dabei ist und ein Brief. Denn der Professor kann es nun mal nickt leiden, wenn sie seine Post kontrolliert. So bleckt ihr nur zu seufzen und über ihre Unruhe zu sprechen, daß man fo gar nichts von dem jungen Paar höre. Der Professor aber antwortet: ,Mur- den auf der Hochzeitsreise auch was Besseres zu tun haben als Briefe zu schreiben, Brettwitz." , . . , . m Dann nimmt er seine Zeitung und beginnt zu lesen. Brettwitz streicht eine Buttersemmel, zerdrückt Erdbeeren und Bananen mit einer Gabel, schlägt das Ganze schaumig, gießt Sahne darüber und schiebt den Teller dem Professor näher. „ „Wenigstens würde ich eine Postkarte von jeber Station schrecken, versucht sie von neuem. Der Professor hat gerade gelesen, daß der Kollege Thomsen, der Reklame-Thomsen, wie er ihn nennt, ein neues Verfahren der Narkose herausgebracht habe. Schreiner hat dieses Verfahren vor zehn Jahren ausprobiert und wieder fallen gelassen. Die meisten Herzen hielten es doch nicht aus, wenigstens nicht die Raucherherzen. Und nun kommt dieser Thomsen und erfindet es neu, und einem Dutzend Patienten wird zu früh, wird früher als nötig das Herz stillftehn. „ , k ~ ,,3a, Sie würden natürlich von jeder Station schreiben , sagt er. Da- mit tippt er den Kaffee hinunter, steht auf und geht hinauf. Seit Barbara weg ist, raucht er seine Morgenzigarette nicht mehr bet Disch Er sitzt vielmehr in seinem Zimmer auf dem Schaukelstuhl und wiegt sich ein bißchen, indes er die Post durchsieht. Er hat die Karte gelesen nun zieht er den Bries vor. „Wir werden gleich welterfahren , schreibt Barbara, „wohin wissen wir nicht. Hier war es reizend, aber ein Puppengebirge. Wenn man ein bißchen schneller lief, war man gleich draußen bei den Dörfern. Uns geht es so gut, wie es einem Menschen überhaupt gehen kann. Dabei hab' ich große Angst vor der Hochzeitsreise gehabt. Ich dachte, ich sei zu alt, um mich noch an einen Mann zu gewöhnen. Wenn der Amtsrichter Wehmeyer zu feiner Grete sagte: Ich verbitte mir jede Widerrede!', ist mir immer grün geworden vor Anast und Zorn und ich habe mich für Männer und Frauen geschämt. Wir sind meist lustig und vergnügt. Manchmal allerdings auch nachdenklich Man lernt sich ja nur langsam kennen. Weißt Du, was mich wirklich wundert? Wir haben unser ganzes Leben lang ,o wenig gelacht. Wir beide. Du und ich. Das ist bestimmt falsch. Das merke ich letzt. Wir wollen nun los. Aergere Dich nicht über die Brettwitz und entschuldige, ich habe noch keine medizinische Wochenschrift gelesen. Wiedersehn, lieber Spai?er Professor sitzt in seinem Auto, der Professor kommt in seiner Klinik an der Professor steht am Waschbecken und bürstet sich die Hande. Die Oberschwester steht neben ihm und berichtet. Der Patient Breymann ickafst es nicht. Er hat kaum noch Puls. Seine Frau ist schon benach- rickt at Die Patientin Horwitz mußte drei Kampser|pr,tzen bekommen. Jetzt schlaft sie. Der Patient Ebeling ... Der Prosessor gibt em paar vor- Und Alfred denkt: Wie war das heute morgen doch gefährlich und gewittrig und bedrohlich! Und wie einfach ist das nun alles! Das Leben ist wirklich unfaßbar schön und ganz leicht und einfach. Und wer sagt, daß es schwer sei oder dunkel ... der kennt bas Leben in seinem Grunde nicht. „Lieber Mann", sagt Barbara. .Liehe Fvau", antwortet Alfred. So beginnt ihre Ehe. Oder wenig- Liebesroman GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE Von Walther von Holländer Copyright 6y August Scherl S.m.b.y., Vertin z (7. Fortsetzung.) Draußen klappern die Kaffeetassen, ein Huhn jankt ausdauernd, weil es ein Ei gelegt hat, der Hahn turtelt um jeden Wurm, die Kuh brüllt im Stalle lange nach Wasser, ein Brummer, blauschwarz wie Indianer- Haar, fegt durch das Zimmer und stößt mit dem Kopf gegen die Vorhänge. Vorhin, nicht wahr, stieß man auf Glas mit Himmel dahinter. Und man kam nicht durch. Jetzt ist ein hellgelber Vorhang da, mit Wärme dahinter, und man kommt auch nicht in die Wärme hinein. Der Brummer versteht es nicht, warum er auf Erden soviel Schweres erdulden muß. Barbara liegt im Bett. Ihr Kopf ist müde. So viel Gedanken, so viel Bilder, so viel Stimmen. Ihre Augen kann sie nicht mehr offenhalten: So viel Nacht, so viel Licht, so viel Staub. Sie liegt und horcht. Sie hört den Mann nebenan hin und her gehn. Her und hin. Erst auf Stiefeln, bann auf Hausschuhen. Dann hört sie bas Bett nebenan ein wenig ächzen. Sie hört den Mann seufzen. Sie liegt unb wartet. Das Herz klopft. Er soll kommen.! klopft das Herz. Er soll kommen! Da war doch noch, sagt der Kopf, da war doch noch irgend etwas, das man zuvor beifeite» räumen müßte? Das ist doch nicht getan mit einem Bad im Waldbach. Mit einem kleinen Wafserkampf. Mit einem Waldlauf. Damit schafft man doch nichts aus der Welt? Oder? Das Herz klopft: Er soll kommen, er soll kommen! Man kann nicht erwarten, daß man gleich zusammengehört. Man kann nicht glauben, bah man nur zusammenzugehen braucht, um zusammenzusem. Er soll kommen, er soll kommen! , Der Kopf sagt: Man muß sich aber oorsehn! Weshalb hast du so lange gezögert, ehe du dich entschlossen hast, einen Mann zu lieben. Weil du wußtest, nicht wahr, daß man ganz sicher gehn muß, will man nicht fehl gehn, wie die andern. Daß man von Grund auf richtig bauen muß. Sitzt das Fundament verquer, wird der ganze Bau verquer. Das weißt du doch. Das Herz klopft: Er soll kommen, er soll kommen! Niemals steht das Vollendete am Anfang. Alles wird errungen im Kampf gegen Widrigkeiten und Schwierigkeiten und Dunkelheiten Sei still ... alles wirtlich alles. Niemand kann von vornherein sicher sein und wer sich für sicher hält, stürzt am ehesten in die nächste Gesuhlsfalle. Er soll kommen, er soll kommen! . Der Kopf antwortet: Du bist nicht einmal sicher^ ob es nicht eigentlich besser wäre^ jetzt auszustehn, hinauszugehn, den Weg hinter über die Wiese, durch den Wald zur nächsten Station Um nach Hause zu fah^ ren. Denn du bist doch hier nicht zu Hause und weißt nicht, ob du jemals “ft jfSW tuns. I--Ud-E d'"L nicht mehr zu antworten. Denn der Mann Alfred ist aus feinem Lett aufgestanden, hat an den Türpfosten geklopft. sminfnmm Sie herein1" sagt Barbara und hebt die Hand zum Willkomm. «ie lächelt. Aber fie^ann die Augen nicht aufmachen, ^omm nur naher Er kommt näher. Er fetzt sich. Er halt lange die bewillkommnende %Vfi/2fÄ)en, ist die Sonne schon vom Fenste''weggewandert Immer noch jankt das Huhn um sein eines .E' ^mer noch brumm der Brummer mit seinem Schicksal. „Vier Uhr , jagt Alfred, „ ""^zieh^b/n Vorhang weg. Man hort unten Menschen sprechen Raffeegäfte aus der nächsten Stadt: eine warme, we'che Wa dlust weht herein. Barbara setzt sich endlich auf. Sie ruf• W. ■ & Brummer in kommen. Aber er hort nicht, denn er 'st befchaftig , , „ , die Freiheit zu schieben. Das .st gar nicht einfach, er wehrt sich sagt dein Herz? denkt sie. Redet auch dein Herz b g 3 - . Aber leicht und einfach ist es nun mal nicht. Unb wer bas lagt, B vom Leben wenig. - - - lausige Anweffungen. Die Operationsschwester erscheint. Der Assistenzarzt kommt und beginnt, sich im Nebenwaschbecken die Hande zu waschen. Er hat die Literatur über den Fall Mennicke in der Nacht studiert. Gehirntumor, ganz klar. Er gibt die genaue Lagebezeichnung. Er zeichnet den Tumor mit einem Fingernagel in die Seife hinein. Der Professor nickt. Wahrscheinlich ist das richtig. In einer Stunde wird man es genau wissen und wird auch wissen, ob der Patient Mennicke weiterleben kann, ob er sein Buch über die Quadratur der Wirtschaft zu Ende schreiben wird, ob fein Gehirn den ungeheuren Wissensvorrat noch rouskramen bnr®arum haben wir eigentlich so wenig gelacht? denkt der Professor. Warum? In einer Menschenflickanstalt erkennt man am ehesten die Fehler in der Konstruktion des Menschen. Es gibt zuviel Fehlkonstruktionen. ' Zuviel Bruch. Oder ist der Mensch gut konstruiert, wie Barbara immer behauptet hat, und die Fehler kommen durch falsche Benutzung der Maschinerie? , ... . ,.. Glauben Sie, Kollege", fragt Schreiner, immer noch die Hande bürstend, seinen Assistenzarzt, „glauben Sie, daß man Tumoren vermeiden kann, wenn man klug ist?" _ _ Der Assistenzarzt sieht seinen Chef erstaunt an. So allgemeine Fragen stellt er doch sonst nicht? „Wenn man mal Zeit hätte, so was systematisch durchzudenken?" sagt er. „Aber man ist ja immer mit den Einzelfällen beschäftigt. Man hat Nl6 3eit." „Mag fein", sagt der Professor, „daß es daran liegt." Er läßt sich das Wasser immer heißer über die Hände laufen. Er betrachtet nachdenklich die starken, geschickten, verwaschenen .Chirurgenhände mit den ganz kurz geschnittenen Nägeln von allen Seiten und beginnt sich dann abzuirocknen. „Aber andere hatten auch wenig Zeit und haben darüber nachgedacht. Man müßte das vielleicht doch wissen." Er erwartet keine Antwort, wendet sich schnell zu der Operationsschwester um und läßt sich die Gummihandschuhe überziehen. Der Patient Mennicke wird hereingefahren, ein großer, dicker Mann, mit einem Rundbart um das ganze Gesicht, mit stillen Augen und einem ängstlich zusammenaeknisfenen Mund. Schreiner begrüßt ihn lächelnd. Er legt die Fingerspitzen aus sein Herz, das schnell gegen die Rippen schlägt. Jetzt verschwindet das Gesicht unter der Aethermaske. Mennicke zählt langsam. Bei „Elf" versagt seine Stimme. Wir er zum letztenmal gesprochen haben? Der Professor setzt den Meißel an, die Operation beginnt. Die Operation dauert genau zwei Stunden und fünfundzwanzig Minuten. Die Schreinersche Diagnose hat gestimmt. Der Tumor lag „richtig". Mennicke wird seine Arbeit über die Quadratur der Wirtschaft beenden können. Der Tag steigt an, die Sonne geht an den verhangenen Fenstern vorüber. Im Garten der Anstalt hört man die genesenden Patienten schwatzen und lachen. Warum haben wir eigentlich so wenig gelacht? denkt der Professor beugt sich über die letzte Patientin und beginnt zu nähen. Die Hand der neuen Operationsschwester zittert bei der sechzehnten Nadel. Der Professor sieht auf. „Müde?" fragt er. Die Schwester nickt. Sie ist noch nicht an das Schreinersche Arbeitstempo gewöhnt. Das konnte eigentlich nur eine mitmachen: Barbara. Warum haben wir beide so wenig gelacht? Es ist nicht ganz zu verstehen, denn an dieses Auf und Ab zwischen Rettung und Tod, zwischen Gelingen und Mißlingen gewöhnt man sich. Aber ihm lag nie das Lachen. Karla, die Frau, die selbst melancholisch war, hat es oft gesagt, daß er viel größere Erfolge auch in feiner Wissenschaft hätte haben können, wenn er nur fröhlicher, siegesgewisser gewesen wäre. Aber er war zu wissenschaftlich, zu sehr in seine Probleme vergrübelt, zu sehr in seine Fälle verbissen. Zu ernst. Vielleicht werden die jungen Leute sich ein fröhlicheres Leben erobern? Barbara hat am letzten Morgen von Meimbergs Lachen gesprochen. Das fei ... wie sagte sie? ... das sei eine ursprüngliche Aeußerung des Lebens selbst. So? Na ... dann äußert sich also das Leben selbst nicht mehr ursprünglich in ihm ... Die Operationen sind beendet. Es ist zwei Uhr. Der Professor geht in sein Sprechzimmer und streckt sich auf feinem Patientensofa aus. Schläft sofort für fünf Minuten ein. Traumlos, mit leichtem Atem. Nach fünf Minuten kommte der Diener mit einer Taffe Suppe, einem Teller Obst, einer Tasse Kaffee, einer Mittagszeitung. Die Sprechstunden- S Schwester Marta legt die Krankenblätter der angemeldeten Pa- en herein. Schreiner ißt und lieft. Danach greift er zu den Krankenblättern. Nr. 1. Rauthammer, Karl, Kaufmann, Schantung, China. Der eilige Herr von neulich, der etwas dürre Mann im Panamahut, der Darm- krebs ... Ein sehr glücklicher Fall. War schnell zu heilen. Cs gibt da jetzt zwei Fragen zu beantworten. Erstens: Hat er einen Rückfall? Das ist unwahrscheinlich. Wenn aber nein, dann zweitens: Hat fein Herz die Heilung ausgehalten? Man findet oft, daß die Grundkrankheit sich einen zweiten Weg bahnt, wenn man ihr den Weg über die eine Krankheit versperrt. Kann also der Mann hier nicht am Krebs sterben, weil man richtig und rechtzeitig eingriff, kann sich ein zweiter Krebs nicht ansiedeln und will der Organismus dennoch seinen Dienst aufgeben, dann wird der Körper eben eine andere Krankheit finden, auf der er in die Ewigkeit davonfahren kann. Bei Herrn Rauthammer wird man in erster Linie das Herz prüfen müssen. Er vergegenwärtigt sich das Gesicht dieses Rauthammer damals im Krankenbett und jetzt auf der Straße. Es ist Herz, sicherlich Herz. Wenn er, Schreiner, einer von den Jntuitionsfatzken wäre, ein Kunst- stllckemacher und kein Wissenschaftler, er könnte es ihm an der Tür lagen: Das Herz, Herr Rauthammer, leichte Affektionen der Koronargefäße, Gefahr der Angina pectoris. Wachen Sie plötzlich nachts auf, fühlen sich vereinsamt und entsetzlich beengt? Litten doch schon damals unter Beengungen, wie? Das Zimmer war zu klein. Berlin war zu klein, Deutschland und Europa waren zu klein ... Alles zu eng ... Bein, er ist kein Scharlatan. Er steht, als Rauthammer hereinkommt, ein wenig nach vorn gebeugt. Er gibt ihm die Hand. Er beginnt, ihn zu beklopfen, zehn Minuten, eine Viertelstunde. Er ruft der Schwester einige Befunde zu. Rnuthammer spricht ein paarmal dazwischen. Srfjrts ner soll nur das Herz in Ruh lassen, das ist in Ordnung. Rauthammei will nur wissen, ob der verdammte Krebs wieder im Anmarsch if; wenn ja, wie lange Zeit er noch hat, wenn nein, bann ist es ja gut. Sani kann man die nächsten fünf Jahre ja noch was schaffen, und mehr ol; uns Jahre gibt er sich nicht. . , Das haben Sie vor fünf Jahren auch gesagt, brummt Schremn, „Ihre Vorgefühle in Ehren. Wir wollen lieber nachschauen. SBIutprob: ’unö Stuhluntersuchungen sind mir sicherer." Schreiner beendet damit seine Untersuchung. Seine Ferndiagnose trat vollkommen richtig. Für Krebs sind keine Anzeichen da. Aber das f)eq ist in böser Verfassung. Das kann jeden Tag, das wird sehr bald, wen kein Wunder geschieht, in ein Stadium eintreten, aus dem man nitgi zurückkommt. „Also, was ist?" fragt Rauthammer. Schreiner lächelt. „Also ... also ... So schnell geht das mcht. 6i- haben sich überarbeitet in den letzten Jahren. Aber das wissen Si* auch, ohne daß ich es Ihnen sage. Jrn übrigen warten mir mal bit \ Untersuchungen ab. Sie bekommen eine Diät, und hier diese Iropfei lassen Sie sich gleich anfertigen. Die nehmen Sie bei Schwäche. Na also ..." . ; „Sie können ruhig mit mir sprechen rote mit einem Erwachsenen, sagt Rauthammer. „Vielleicht sogar wie mit einem Mann. Ich habe ii meinem Leben schon sehr oft sterben sollen. Im Kriege zum Beispiil etwa tausendmal. Aber auch vorher und nachher in China. Sic muffe s wissen, daß ich nicht, wie die anderen, in den Fremdenreservationen ga- lebt habe und in den großen Städten mit den elektrischen Bahnen. Jq bin durch halb China gekommen und durch die ganze Mandschurei, um! nicht immer zu zahmen Zeiten. Es hätte mir oft an den Kragen geht, können. Also sagen Sie die Wahrheit!" „Sobald ich Bescheid weiß, werde ich Ihnen Bescheid sagen", an» •: roortet Schreiner. ; Wann werden Sie Bescheid wissen?" fragt Rauthammer weilen; „Heute abend? Morgen früh? Ich bin eilig. Habe im ganzen nur ei, paar Monate Urlaub. Möchte aus Berlin heraus. Habe mich jahrelang nach einem deutschen Wald gesehnt, nach einer lieblichen Landschch. Möchte nach Süddeutschland." Schreiner nickt. Cs wird nun Zeit, daß dieser Patient geht. Er ftreffl ihm die Hand hin. Aber Rauthammer spricht noch weiter: „Ihr Frm» lein Tochter ist auf der Hochzeitsreise, wie ich höre. Sie haben hosfentlch gute Nachrichten ..." Schreiner antwortet: „Sie hören sehr bald von mir. Sagen ronr: übermorgen um drei Uhr! Ich lasse die Untersuchungen gleich machen.' Rauthammer muh endlich gehen. Schreiner steht zwei Sekunden mit einem unzufriedenen Gesicht, unbewegt in seinem Sprechzimmer. Bann streicht er sich über die Stirn. Er denkt: Der stirbt.doch bald. Außerdem Es ist lange her. Barbara denkt sicher nicht mehr' an ihn. Barbara ... nein, Barbara hat bis zu dieser Stunde wirklich kaum mehr an Rauthammer gedacht! Aber jetzt gerade sitzt sie mit Meimberz vor einem Cafe in Weimar an einem weiten Platz, über den die jyniS’ haltspensionate Schar hinter Schar promenieren. Sie schreibt eine Pop karte an Sophie. Sie schreibt zum Schluß: „und unser gemeinsam« Freund Rauthammer?" Sie gibt die Karte an Meimberg. „An wen?' fragt Meimberg. „An Sophie Wahnke." Er unterschreibt — ohne j,i lesen, versteht sich. Barbara mag ihm auch nicht sagen, daß er gerate diese Karte lesen solle. Warum nicht? Es ist noch nicht so weit (denkt sie.!■ Dieser Tag ist so fröhlich (entschuldigt sie sich). Er soll auch nicht dm ferne die Gewohnheit der Ehemänner annehmen, die alles durchbuH ftabieren müsfen, was man schreibt. Außerdem aber ist Rauthammer ifc ferner als je. Wirklich. Sie steht also auf und steckt alle Karten, die sm geschrieben haben, in den Briefkasten. Rauthammer aber hat nach der Klinik eine Stunde in dem CasP gesessen, ip dem er ein paar Tage zuvor mit Barbara saß. Er hat sog« den gleichen Tisch bekommen. Er hat stumm dagesessen, das Kinn den Bambusstock gestützt, die Augen leer, aber aufmerksam. Manchmal hat er sich müde über die Stirn gestrichen. Plötzlich hat ihn jemand enn deckt: ein dicker Mann, ein Kaufmann augenscheinlich, stürzt sich freudigen Ausrufen, mit Staunensgerede auf ihn. Wo er herkommb: Wo er hinwill, wie lange in Berlin, in welcher Branche jetzt tätigt' Großartig, daß man sich trifft. Der Herr Rauthammer hat ja immer neue Tips. Was meint er zu den Ruffengefchäften via Amerika? Oder ein neuer Tip, aber nur leise ins Ohr geflüstert: Mandschukuo! Wie, bitte- Rauthammer kommt gerade dorther? Großartiger Witz. Hahahaha! T«» sache? Na, das ist ja wunderbar! Phänomenal! Exzellent! Da kann ar ihm ein blendendes Geschäft Vorschlägen, dazu todsicher, in der alten Branche: Chemikalien und ärztliche Instrumente. Oder fitzt Japan auch in diesem Geschäft drin? Rauthammer sieht sich den alten Bekannten prüfend an. Das ist ein Vollmondgesicht, gutmütig, aber etwas rap gierig. Ein Hamster. Aber ein anständiger Hamster. Was er liefern war einwandfrei; was er zusagte, hielt er. Seine Firma ist sehr am* gesehen. Wenn er, Rauthammer, wieder ins Geschäftsleben zurückg«, kann er diesen Mann sehr gut gebrauchen. Aber wird er zurückgehm Er hält die Zigarette, die er sich eben angesteckt hat, prüfend vor sich h® Es ist eine der russischen Zigaretten, die er immer raucht. Sie ist aus? gegangen und verkohlt. Er stößt sie mit einem Ruck in den AschenbecM und steht auf. Er sagt: „Geben Sie mir Ihre Adresse hier in Berlins Wir können ein andermal davon sprechen. Im Augenblick intere[fi«iit mich die Sache nicht." Der dicke Kaufmann lächelt. „Würde auch was anderes mitmarf)® Müssen nicht immer Chemikalien fein. Man hat auch Verbindung^ außerhalb Dftafiens nötig. Wenn Sie mich also in die neue Sache hinein- nehmen wollen ..." Rauthammer nickt. „Wenn es spruchreif Ist", sagt er, „gern. „Allen- bings werde ich bas, was ich jetzt vorhabe, allein machen müssen." (Fortsetzung folgt.) dem Was nur sott ich fun? Von Ruth Schaumann. Baum verstößt die Blüten um der Früchte willen. Vogel pflückt sich Flaum vom Leib, sein Nest zu füllen, Was nur soll ich tun, der Liebe Glut zu stillen? Winzer lehnt das Haupt an leergeschenkten Krügen, Pilger schläft bestaubt im Dach von Kranichzllgen, Wie nur soll ich ruhn, der Liebe zu genügen? Schoß und Labe sind die Mütter ihrer Knaben, ‘ Hebern Berg der Nacht der Sterne Rosse traben. Gleich sind Ruhm und Tun, will Liebe mich begraben. Oer Nebenmann. Von Ern st Wiechert. „Komm her!" sagte er und stieß den dicken Finger auf den Sitz neben sich. „Hier ist dein Platz, und du bist auch im Windschutz, denn der Ordinarius spuckt." Ich war zum erstenmal in einer Stadt, in einer Schule, aus 2...n Walde hineingeworfen in eine brüllende Horde von vierzig Quartanern. Mein Vater hatte mich am Tor abgeliefert. „Halte dich ordentlich!" hatte er gesagt, und dann war seine grüne Uniform untergetaucht im furchtbaren Strudel der Straße. Tränenspuren waren noch in meinen Augen, wie ein Rohr im Winde stand ich an der Tür der Klasse, und so war es kein Wunder, daß ich gehorchte. „Chuchollek heiße ich", sagte mein Nebenmann. „Eigentlich von Chuchol- lek, aber mein Vater hat den Adel abgelegt, weil er Äußerlichkeiten verachtet." Er sah mich durchdringend an, ob ein Zweifel in meinen Augen zu lesen sei, aber ich war nichts als betäubt. Ein Mensch unter einer Chausseewalze, den man hervorreißt, wenn schon das Eisen seine Stirn berührt. Und außerdem war es ein heimatlicher Laut. Chuchollek hieß unser Zimmermann, der das neue Scheunendach gemacht hatte. Er war zwar immer betrunken und sah nicht wie ein Gras aus, aber er hatte doch auf unsrem Hof gesessen und den Holzhammer auf das Stemmeisen nieder- f allen lassen. „Unser Zimmermann heißt so", sagte ich demütig. „Vielleicht seid ihr verwandt?" „Esel!" erwiderte Chuchollek deutlich und schleuderte gleichzeitig ein Lineal zurück, das aus dem Hintergrund auf unsrer Bank gelandet war. Dann trat der Ordinarius ein und begann die Plätze zu verteilen. „Ah, du bist der Neue", sagte er, „wollen dich mehr nach oben setzen ... hier unten sind die schwachen Gesäße..." Chuchollek stand auf, demütig und ergeben. „Er möchte gern hier sitzen, Herr Doktor", sagte er und hob die Hand nach mir wie ein Lehnsherr zu seinem Vasallen. „Wir sind nämlich verwandt ... entfernt zwar ... durch eine Tante..." „So", sagte der Ordinarius, etwas erstaunt, „na, bann könnt ihr ja zusammenbleiben." . v . Ich wollte sagen, daß das nicht wahr fei, aber es dauerte lange bei mir, und da wurde schon der Stundenplan diktiert. So begann meine Freundschaft mit Chuchollek. Ich saß nur ein Vierteljahr neben ihm, dann kam ich nach „oben". Aber in dieser Zeit war er mein Herr geworden. Er hatte mich adoptiert. Chuchollek war klein und stämmig. Schwarze ölige Haarsträhnen fielen In sein blasses, breites Gesicht, und seine schmalen Lippen konnten aus eine unangenehme Weise lächeln. Das Lächeln eines Allwissenden. Sein »ater mußte den Adel vor sehr langer Zeit abgelegt haben, denn die Kleider seines Sohnes waren immer voller Flecken, feine Schuhe immer irgendwo aufgeplatzt, feine Bücher immer ohne Einband. Am Minimsten aber waren feine Hände, kurz und sehr breit, mit Fingern, deren Nagel soweit abgetaut waren, daß ich glaubte, er komme aus einer Folterkammer. * Chuchollek nahm sich meiner an. „Zeig' mal deinen Federkasten her", sagte er. „Du weißt nicht, was hier vorgeschrieben ist. Grinsend betrach tcte er die vorbildliche Sauberkeit meiner Werkzeuge, nahm sie in bie Sianh verteilte sie in iwei Haufen. „Faber Nr. 3 ist verboten , sagte er, „zu weich ich will b” äusbelfen." Unb er schob mir ein abgebrochenes Bleistiftenbe zu, bas so aussah, als sei eine Pferdebahn darüber hinweg- gegangen. „Federhalter? Geht an. Ader steh her! Em synthetischer Halter, verstehst du? Künstlicher Rubin, glaube ich Das Ende ist nur Glückwunsch। Am 5ierzogsacker können nur Männer wohnen, verstanden. Und er zog seinen Penter aus der Tasche. Einen Diel fach 9ef' °*te"e n D ' e men, dessen Endschlinge einen Stein ober «'ne Bleikugel enthielt. „Oh hie en Tröster bist du in drei Tagen eine Leiche, Freundchen. Hier ist Großstadt und kein Hinterwald. Ueberlege bis morgen, was du mir Anzahlung bringen kannst, verstanden?' -k^erbalter mit ed. „rmnrb einen Venter. Ich erwarb synthetische Federyailer mii Hah her mich lerfrah Aber wer konnte gegen Chucholleks ^acyei locen c „Man streckt seinem Ordinarius nicht die 2'^3° aus^ Freundchen , agte er so nebenbei und versenkte einen lebendig n, Brummer in feinem Tintenfaß. „Wenn ich es melde, fliegst du. Soll - . , jn Io6es= einem Seitenblick auf mich die Hand. „Bitte, nicht, ff , tödlich angst. „Herr Doktor!" „Bitte nicht!" „Herr Doktor! Lange Pause. Looucy lang. „Herr Doktor, darf ich mal austreten, . nner »Schwache Nerven hast du, Kleiner", sagte er m der Pause. „Wer weiß, ob du überhaupt aus dem Walde stammst. Alle Aristokraten leiden, ohne mit der Wimper zu zucken." In der zweiten Woche kam er in meine Pension. „Nett haben Sie es hier", sagte er im Korridor zu meiner Pensionsmutter. „Hübsche alte Bilder ... direkt gemütlich..." Sie öffnete ihm verblüfft bie Tür zu meinem Zimmer. Ich hatte ein Paket mit Aepfeln bekommen. „Gravensteiner?" sagte er und nahm ben größten in bie Hand. „Gute Sorte, wenn auch nicht allererstes Aroma. Uebrigens ist meine Mutter krank. Du könntest ihr ein paar mitgeben, nicht wahr? Ich sehe, du hast bie Arbeiten ichon fertig. Der Orbinarius hat mir aufgetragen, mich ein bißchen um dich zu kümmern ... wollen mal sehen ..." Er setzte sich an meinen Tisch, zog aus der Hosentasche ein paar zerknüllte Hefte heraus und begann meine Arbeiten abzuschreiben. „Etwas umständlich, diese Konstkuktion", meinte er, „aber für ben Sohn eines kleinen Beamten nicht übel ... übrigens können wir zusammen beinen Atlas benutzen. Meiner ist ein Weltatlas, hundertbreihig Blätter, zu schwer zum Mitschleppen ..." Nach einer Stunbe ging er, meinen Atlas unter bem Arm, brei Gravensteiner in jeder Hosentasche, einen Magneten in der Hand, um ihn wieder „stark" zu machen. Von da ab kam er täglich. Chuchollek trug meine Kragen und Schlipse, Chuchollek trug meinen Sortengürtel und meine Turnschuhe. Chuchollek hatte meinen Atlas, mein Gesangbuch, meinen Federhalter, meine Bleistifte. Chuchollek war meines Daseins zweiter Teil. Mein Ansehen in der Klasse sank. Selbst die Lehrer sahen uns von der Seite an. Ich saß die ganzen Pausep auf dem Abort, hinter verschlossener Tür. Aber wenn es läutete, stand Chuchollek vor der Tür, legte den Arm um meine Schulter und geleitete mich bis auf meinen Platz. „Sein Magen scheint nicht in Ordnung zu sein, Freundchen ..." sagte er. Ich erkundigte mich vorsichtig nach seinem Vater. Er war Schreiber bei einem Winkelkonsulenten, und einige von uns hatten ihn morgens im Rinnstein liegen sehen. Ich begann, von Chuchollek zu träumen. Es war ein kahles Zimmer mit einer grünlichen Tapete, die über der Bodenleiste dunkle Löcher hatte. Eine Lampe brannte, fahl, als fei es tief auf dem Meeresgrund. Ich stand auf und sah mich um. Es knisterte an den Löchern, aber ich wußte nicht, an welchem. Und bann kam es herausgekrochen, vielgliedrig, buntel, gestaltlos. Wie ein Riesenkrebs. Aber es lächelte mit schmalen Lippen. Es kam auf mich zu, ich lief. Es tarn schneller. Es trieb mich in eine Ecke. Seine Zangen öffneten sich und schloffen sich gespenstisch. Unb ich schrie, bis meine Pensioiismutter ins Zimmer kam. Anderthalb Jahre lag Chuchollek auf meiner Brust unb legte feine bicken, nagellofen Hänbe um meine Kehle. Ich konnte ihn nicht abfchütteln. Dreimal stand ich vor der Tür meines Klassenleiters. Dreimal kehrte ich um. Hatte ich Böses getan, bah ich mich fürchtete? Nein, aber es war richtig, baß ich bem Orbinarius die Zunge ausgestreckt hatte, in einer prahlerischen Tapferkeit. Ich war in der Zucht der Gebote aufgewachsen, und man hatte mich gelehrt, daß dies Sünde sei. Ja, und ich schleppte an dieser Sünde wie ein Muttermörder. Da waren noch mehr Sünden, kleine Pazivalsünden, aber Chuchollek wies mit feiner Hand auf bas Höllentor. Es ist nicht gut, zu fromm zu fein, ich ging an ben zehn Geboten zugrunbe. Nach anderthalb Jahren erst wurde ich erlöst. Wir machten unseren Schulspaziergang, und Chuchollek hing wie eine giftige Klette an mir. Wir kehrten in einem Forsthaus ein. Hinter dem Garten floß ein Bach, unb bort fing Chuchollek einen Maulwurf. Selbst die Tiefe der Erde war nicht sicher vor ihm. Am Bach stand ein Eimer, und ich muhte ihn mit Wasser füllen. Dann warf Chuchollek den Maulwurf hinein unb fah zu, wie er um fein Leben kämpfte. „Laß bas fein“, sagte ich unb stieh nach bem Eimer. Er pfiff durch die Zähne und warf mir nachlässig die Faust unter das Sinn. Aber er vergaß, daß dies zu meinen zehn Geboten gehörte. „Laß das fein!" schrie ich verzweifelt. Aber er pfiff von neuem unb beugte sich tief über ben Eimer. Und in diesem Augenblick wurde ich erlöst. Ich warf mich so plötzlich über ihn, daß wir hinstürzten, Chuchollek, der Eimer unb ich. Ich sah bas breite Gesicht unter mir, in bem sich weiße Flecken ber Wut bildeten. Und ich schlug nur hinein. Er biß, er kratzte, er griff nach meiner Kehle. Aber ich schlug, bis er sich nicht mehr rührte. Der Ordinarius riß mich von ihm fort. Sein Gesicht war blaß vor Zorn und Entsetzen. Aber bevor er die Lippen öffnen konnte, brach es aus mir heraus. „Ich habe gesündigt!" schrie ich. „Ja, ich habe gesündigt! Die Zunge habe ich Ihnen ausgestreckt. Aber ich will nicht leben, wenn er auf mir liegen bleibt ..." Und bann schrie ich bie Geschichte meiner Leiben in fein Gesicht, in alle Gesichter. Ich war in einem Krampf ber Beichte. Ich war so außer mir, bah sie zurückwichen vor meinem rasenden Gesicht, bis alles fort war, heraus aus mir, meine ganze Seele unb anberthalb Jahre meines Lebens, unb ich vor ben Füßen meines Lehrers zusammenbrach. m ,, Es war gut, bah er ein gütiger unb kluger Mensch war. Er hob mich auf unb sah Chuchollek an. „Nach Hause!" sagte er kurz. Unb bis an bas Ende meiner Tage werde ich ihn fortschleichen sehen, am Gartenzaun entlang, die Hände in ben Taschen. Trotzig und höhnisch in ber Haltung seiner Schulter, seines kurzen Nackens, aber ein geschlagener Tyrann für mein Auge, bas ihn kannte. Er war entthront. Er schleppte feinen Mantel noch mit, feine Rüstung, eine eilig gegriffene Beute. Er würbe vielleicht noch ben Kopf über bie Schulter roenben und eine Drohung feiner Wieder- tefir rückwärtsfchrein. Ader er war entthront, ohne Stachel, ohne Macht. Er verschwand mit seinen Eltern aus der Stadt, und es dauerte dreißig Jahre bis ich ihn wiedersah. Es war am Abend, in der Bahnhofshalle einer 'fremden Stabt. Ich sah mich nach bem Hotelbiener um, als er sich schräg von hinten heranschob, lautlos, gleichsam mit geöffneten Zangen. Zimmer gefällig, mein Herr?" flüsterte er. „Sehr elegant ... aller Kom- fort ... einschließlich bistreter Wünsche ..." biefelben Flecken in [einem Anzug, biefelbe Haarsträhne, biefelben Nägel. Böses stieg in meiner Brust auf Chuchollek?" fragte ich laut. Er erblaßte. Seine Äugen gruben sich in mein Gesicht, fanben keinen Halt, glitten ab. „Ganz recht", flüsterte er „Bon Chuchollek, eigentlich ... aber die Zeiten sind schlecht ... sollte ich die Ehre gehabt haben?" ... „. , , . Dann kam ber Hotelbiener, unb er glitt zurück, wie eine Spinne aus einem erschütterten Netz. Notlandung im Sudan. Von Imme Grundmann. Hinter uns lag die nubische Wüste in ihrer beängstigenden Einöde, dem unendlichen Sandmeer und den kahlen Felsenplatten der Wüstengebirge. Unsere kleine achtzigpferdige Junkersmaschine hatte sich so brav gehalten in all den Luftströmungen und Windsäcken, die durch die heiße Erde verursacht wurden! Von der letzten Benzinstation in Kosti-Renk ging es nun in Dauerflügen über die unendlichen Sumpfgebiete des unerforschten Sudan. Nur wenige Tage noch, dann war es geschafft, dann saßen wir bei unseren Landsleuten im ehemaligen Ostafrika. Wir hatten unseren Wegweiser, den Weißen Nil verlassen, um abzukürzen, und unter uns breiteten sich die unübersehbaren Sumpfgebiete des tiefen Sudans aus. Der Propeller sang einschläfernd sein monotones Lied in der flimmernden Sonnenhitze des tropischen Mittags. Bleischwer lastete die Glut des Tages über dem unheimlichen Lande, und die Hitze des überanstrengten Motors schlug mir wie heißer, glühender Atem entgegen. Müde und abgespannt saß ich am Knüppelsteuer der tapferen, kleinen Junkers. „Nur nicht einschlafen", dachte ich immer wieder in meinem Innern, und riß mich zusammen. Die übergroßen Anstrengungen hatten mich und meinen Fluglehrer, mit dem ich diesen Gewaltflug nur wagte, schon auf verteufelt harte Proben in letzter Zeit gestellt, aber der eiserne Wille und das Bewußtsein, daß jede Landung in der Wildnis des schwarzen Erdteiles unser Verderben sein könnte, ließ dann alle Müdigkeit vergessen. Abwechselnd übernahmen wir die Steuerung, doch für den Anderen gab es trotzdem kein Ausruhen, wollten wir die Orientierung nicht verlieren. Unter mir ein Bild der Trostlosigkeit. Von der sengenden Sonne ausgedörrte Sümpfe, fahlgelbes Rohr und schaukelnde Binsen, dazwischen wieder Kugelsträucher und Dornendickichte. Am Rande des Sumpfgürtels erblickte ich die kreisförmige Dornenumwallung eines Negerkrales. Selbst hier wohnen und leben noch Menschen, wilde Negerstämme, die sicher noch keinen Weißen gesehen haben, die scheu wie die Tiere , der Einsamkeit ein verborgenes Daseiy führen. Wie ein Filmstreifen läuft ein gewaltiges Stück Erde wenige hundert Meter unter uns fort. Heiß ist der Wind, den mir der Propeller ins Gesicht treibt, und hinter dem glühenden Motor ist es fast nicht mehr auszuhalten. Da fällt mein Blick aus den Del« druckmesser, und ich erkenne zu meinem Schrecken, daß wir eine Oel- temperatur von über 90 Grad haben, und bei dieser Hitze verliert auch das beste Del jegliche Schmierfähigkeit. Es blieb uns nichts übrig, wir mußten uns zur Notlandung entschließen, so wenig einladend auch das wilde Land unter uns aussah, wollten wir nicht einen schweren Motorschaden riskieren, und damit jeden Weiterslug unmöglich machen. Mein alter Meister und Lehrer übernahm wieder das Steuer, während ich nach einem geeigneten Landungsplatz Ausschau hielt. Nach wenigen Meilen winkte ein Kulissenwald, ein Zeichen, daß dort fester Untergrund ist, und im Gleitfluge schwebten wir langsam über dem Walde aus, um in einem Grasmeer zu landen. Kaum daß die Laufräder unseres braven' Zigeuner, wie die kleine Junkersmaschine hieß, den Erdboden berührten, so bockte er in hohen Luft- sprüngen durch die rauschenden Grashalme, die unsere Aluminiumtragflächen beiseite bogen. Zur Regenzeit hatten hier Clefantenherden gehaust, und ihre schweren Beine hatten sich wie Stempel in den weichen Boden gedrückt, der nun zur Trockenzeit erhärtet war. In diese Trittsiegel der Elefanten aber war unser Fahrgestell geraten, und es ist ein Wunder, daß wir uns bei dieser Landung nicht überschlagen haben. Erleichtert atmeten wir auf, als wir uns endlich wieder einmal von unseren Sitzen erheben können, und die steif gewordenen Glieder reckten. Doch ein mnnniger Schreck überfällt mich, als es plötzlich um uns herum im hohen Schilfgrase zu rascheln und zu rauschen beginnt, und von allen Seiten sehe ich Lanzen- und Speerspitzen über den Binsenwald ragen. Meine vom Sonnenlicht geblendeten Augen suchen Figuren, Gesichter und entdecken entsetzt riesige Broncegestalten wildester Art, die gleich Raubtieren jede Sekunde zum Sprung bereit scheinen. Eine schnelle Bewegung meinerseits zum «sitz des Flugzeuges zurück läßt die baumlangen Kerle scheu ins Gras zurückhuschen. Unwillkürlich taste ich nach meinem kleinen Browning, den ich im Lederetui in der Tasche bei mir führe. Jetzt nähern sich die braunen Kerle wieder schrittweise, gleich einer Mauer umkreisen sie unsere Maschine. Mein Fluglehrer winkt ihnen zu, will ihnen klarmachen, daß wir nichts Böses im Schilde führen, aber mißtrauisch halten sie noch einigen Abstand von uns. Irgendeine Verständigung ist ganz unmöglich. Doch was soll die Angst, also raus, und mit raschem Sprung stehen wir wieder auf der Erde. Jede unserer Bewegungen spiegelt sich in ungezählten Augen wider. Doch keine Miene zuckt bei den schwarzen Gesellen. In Hemd und Kakihose bekleidet stehen wir beide einer Horde Sudan- ncger gegenüber, die uns ungläubig wie Gespenster betrachten. Wie ich jetzt meinen Tropenhelm abnehme und meine blonde Mähne schüttle, merken sie, daß ich eine Frau bin, Schreck und Staunen liegt in ihren Gesichtern. Sie wissen nicht, was sie aus uns machen sollen, ob uns etwa der Scheitani, der Teufel, ober ein guter Geist hierher gesandt hat. Mein Mut und meine Zuversicht sinken bedenklich, als immer neue, gräßlich bemalte und mit Kriegsschmuck aufgeputzte Riesen antommen. Mein Flugmeister faßt sich jetzt ein Herz, tritt auf die Reihen der Negerkrieger zu, und reicht einem der durch seine besonders festliche Bemalung erkenntlichen Häuptlinge die Hand. Der Bann ist gebrochen, hundert Hände strecken sich uns jetzt engegen, die Mauer springt auseinander, und im Augenblick ist die schwüle Stimmung, das gegenseitige Mißtrauen in herzliche Freundschaft umgeschlagen. Die mit allen Urinftintten gezeichneten Gesichter der Sudanesen scheinen mir plötzlich weniger schrecklich. Mein Lächeln ist wieder echt. Ich werfe die Arme zweimal vor Freude und Erleichterung in die Luft. Doch erschreckt und mißtrauisch weichen die Wilden sofort wieder zurück. Ich muß sie erst lachend überzeugen, daß es nur ein Freudenausdruck war. Jetzt kommen sie wieder näher und umringen mich neugierig. Inzwischen sind auch aus den nahen Dörfern einige Frauen er- schienen. Mein Meister versucht durch Zeichensprache ihnen beizubringen, daß wir Bananen oder Früchte haben möchten, aber alle Liebesmühe ist vergeblich, wir kommen zu keiner Verständigung. Ich setze mich in den Schatten unter einer Tragfläche des Flugzeuges, und gleichzeitig mit mir setzen sich alle Frauen der Wilden nieder. Von unserem spärlichen Proviant nehme ich etwas Tee und Schokolade und lösche meinen brennenden Durst. Jede meiner Bewegungen verfolgen viele schwarze Augen. Ich komme mir in diesem Walde von Ebenholz wie eine fremde, verwehte Birke unserer nordischen Heimat oor; die nun wie ein Wunder betrachtet wird. Der stinkende Dunst eingefetteter Leiber rings herum wirkt nicht sehr appetitanregend, und ich krieche wieder auf die Maschine. Gleichzeitig mit mir erheben sich auch alle Frauen der Sudanneger und geben mir in ehrfurchtsvollem Abstand das Geleit. Dann stehen sie und staunen wieder. In ihrem dunklen Federputz erscheinen die Krieger wie riesige schwarze Raben, die auf uns kleine Zaunkönige herabblicken. Um die Arme liegt herrlich geschnitzter Elfenbeinschmuck. Im Lande der Elefanten find sie seit Jahrhunderten die eingesessenen Jäger, in bemalten Köchern stecken vergiftete Pfeile, mit denen sie jenen Riesen zu Leibe gehen. Irgendwo in der Nähe ertönt jetzt ein Trommelsignal. Dumpf und unheimlich klingt di- Goma, der Kampf- und Jagdruf der Wilden zu uns herüber. Im gleichen Augenblick verschwinden auch schon die Massen der Sudankrieger, nur der Häuptling bedeutet uns, daß wir ihm folgen sollen. Durch das Grasmeer kommen wir an einen großen Platz, und im spärlichen Schatten einer Sykomore sehen wir eine Gruppe von Männern sitzen, die aufgereget mit den Händen ihre Reden begleiten. Die wenigen Hütten um uns herum können unmöglich Unterkunst für die nach Hunderten zählende Schar fein, auch sind nur wenig Frauen anwesend, die anscheinend hier in diesen Kral gehören, und so vermuten wir, daß wir gerade in eine große Volksversammlung geraten sind. Ein alter Häuptling, groß und stolz, der seinen Fellschurz wie könig- lichen Purpur trägt, begrüßt uns, und gibt uns zu verstehen, daß wir neben ihm Platz nehmen sollen. Mit der gleichen Würde danken mir und setzen uns an seine Seite. Im selben Augenblick springt der Klang der Trommel um, rhythmische Wirbel dröhnen vorn schweren Büffelfell, das über einen ausgehöhlten Holzstarnm gespannt ist. Monotones Singen der Krieger mischt sich dazwischen. Dann beginnt ein Wiegen und Springen, ein Singen, das sich wie wilde, unartikulierte Laute verliert. Immer schneller wirbelt die Trommel, immer toller tanzen die Krieger, bald sind sie in eine riesige Staubtbolte eingehüllt, aus der nur noch tierische Schreie der erschöpften, aufgeregten Tänzer gellen. Einst habe ich dies in den Büchern meiner Kindheit gelesen, heute erlebe ich es, stehe als Frau inmitten dieser wilden Gesellen, die Märchen sind zur Wirklichkeit geworden, und doch kommt es mir wie ein Traum vor. Ein sonderbares Bild, für uns Kulturmenschen vielleicht nicht schön im ersten Augenblick, und dann doch so ergreifend und fesselnd in seiner Wildheit und Echtheit. Die gleichen haarscharfen Lanzen, die jetzt noch dem Spiele dienen, können vielleicht schon in Augenblicken zum grausamen Ernst verwandt werden. Der Staub, den die Tänzer aufgewirbelt haben, beißt in meiner trockenen Kehle, meine Hände sind in dauernder Bewegung, das lästige Heer der unzähligen Fliegen abzuwehren. Alles ist Wirklichkeit, kein Traum, kein Kino! Neben mir sitzt der Häuptling, auf feiner anderen Seite mein Flugmeister, und vor uns hocken noch einige Würdenträger. Der übrige Stamm führt uns zu Ehren seine Kriegstänze auf. Wie ich scheu 8en neben mir sitzenden Häuptling anblicke, merke ich, daß seine großen, schwarzen Augen auf mir ruhen. Der Blick aus dem Neger- gesicht geht mir durch und durch, aber es ist ein guter, freundlicher Ausdruck, der in den Augen dieses Urmenschen liegt. Und da ist es mir, als ob wir schon lange gute, alte Freunde wären, und die anfängliche Scheu hat sich in gegenseitiges Vertrauen gewandelt. Die heißesten Stunden des Mittags sind vorüber. Während einer Tanzpause machen wir unserem Gastgeber klar, daß wir heute noch sehr weit fliegen müßten, und rüsten zum Start. Der Häuptling begleitet uns zum Flugzeug, dessen Motor sich unterdessen wieder auf normale Temperatur abgekühlt hat. Mein Lehrer und ich versuchen, eine kurze Startbahn zu machen, wir treten das Gras herunter, stopfen die von den Elefanten getretenen Löcher mit Gras und Erde aus, und der halbe Sudanstamm hilft uns dabei. Mit Buschmeffern und Speeren wird das hohe Gras niedergelegt, die Unebenheiten planiert, während wir noch einen letzten Schluck aus unseren Feldflaschen zu uns nehmen. Aus den Reservekanistern füllen wir Del nach, ergänzen Benzin und nehmen herzlichen Abschied von unseren Gastgebern, deren braune Hände sich uns immer wieder entgegenstrecken. Dumpf dröhnte noch das monotone Trommeln der Büffelgoma zu uns herüber, bann zerreißt das Hämmern des Motors, das Singen des Propellers jäh das einsame Negerlied. Es ist fast, als ob sich hier zwei Welten die Hand reichen. Die Stimme der Wildnis wie vor Jahrtausenden spricht zur modernsten Technik eines hochentwickelten Menschengeschlechtes. — Lag nicht ein unvergeßlicher Zauber in der Einsamkeit jener Sudansöhne, schienen sie nicht glücklich und froh, die braunen Gesellen der unberührten Wildnis? Sie kennen kein Hasten und Hetzen wie der Kulturmensch des zwanzigsten Jahrhunderts, keine Sorge beschwert ihr Herz, und sie hängen an der Heimat mit der gleichen Liebe wie wir. Unser kleiner Zigeuner rollt über das Startseld der Sudansümpfe. Ein letztes Winken, und schon erhebt sich unser Vogel und zieht seine Kreise durch den blauen Aether. Alles unter uns versinkt wieder in ein Nichts, und es ist wie das Erwachen nach einem Traum. Doch das Lied des Propellers klingt mir wie der Wirbel der Negergoma, die ich eben gehört habe, und unser Vogel fliegt weiter durch Sonne und Sudan dem fernen alten Deutsch-Dstafrika entgegen. Verantwortlich: Dr. flanä Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'jche Aniverjitäts-Buch» und Steindr uckerei, A. Lange, Sieben.