Nummer §5 Freitag, den U. Juni Jahrgang 1935 Gießener Zamilienblötter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger mehr widersprochen ... Die tote Stille seines Arbeitszimmers zerrte an seinen Nerven. Das Bild Elisabeths, wie sie im Rahmen des offenen Fensters, vor dem Hintergrund der blühenden Bäume gestanden hatte, schob sich Zwischen seine Gedanken und er atmete so schwer, daß es wie ein Seuszer klang. Dah er in jenem Augenblick nicht vor sie hingetreten war und ihr die llnnlosesten, zärtlichsten Worte-zugeflüstert hatte, erschien 'hm letzt vollkommen rätselhaft. Woher hatte er die Kraft genommen, korrekte, sachliche Phrasen zu machen und sich mit keinem Blick, keiner Geste keinem Wort iu verraten» Oder hatte er sich längst verraten ...? Hatte er es ^*1 erlebt wie hellsichtig, wie hellhörig die Frauen waren tn allen Tlinaen der Liebe? Also wußte Elisabeth, wie es um ihn stand, und hatte ihn^mit Absicht gehen lassen, um allen schweren Komplikationen auszu- n,Cg0 waren seine Gedanken wieder an ihrem Ausgangspunkt angelangt. Er tteb" sie wie er nie eine Frau geliebt Halle. Sie ahnte es v.elle chtz und sie war die Frau seines besten Freundes. Sie war 'hm von d.eftm freund anvertraut. Er hatte über sie zu wachen, alles Schwere, Be- unruhiaenbe von ihr fernzuhalten, und er hatte das auch mit der äußersten Anspannung seines Willens und seiner Selbstbeherrschung durchge- sührt. Jetzt aber war er an dem Punkt angelangt, wo es nicht m h sich eine dünne Staubschicht aus. Hartl zog sein Taschentuch hervor und wischte darüber hin, bis das batistene Tuch ganz grau war. Nun konnte er sich setzen und die ihm vertrauen Gegenstände zur Hand nehmen, ohne sich zu beschmutzen. Er sah nicht in einen der anderen Räume hinein. Selbst sein Schlafzimmer interessierte ihn nicht. Er war weder müde noch hungrig ... Da lag seine Arbeit, wie er sie verlassen hatte, ein dickes Bündel eng- beschriebener Blätter, schon über zweihundert Seiten stark. Aber et war nicht hierher zurückgekommen, mitten in der Nacht, um zu arbeiten. Eben schlug es auf der nahen Schloßkirche zwölf Uhr. Was also wollte er hier? War es nicht besser, zu Bett zu gehen und den Versuch zu machen, zu schlasen? ... Nein! Es würde doch nicht gelingen. Warum sollte er es noch weiter hinausschieben, zur Klarheit zu kommen? Es nützte ja nichts. Er war hergekoinmen, um hier in der Abgeschlossenheit feiner tljm durch das ganze Leben hindurch vertrauten Umgebung und in der Stille der Nacht einer Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Einer Wahrheit, die ihn eit langen Wochen quälte und beglückte und die er sich bisher nicht em« gestehen wollte. Die Wahrheit lautete: daß er Elisabeth liebte nut aller Leidenschaft seiner fünfundoierzig Jahre und dah diese Liebe, langsam wachsend, zum stärksten und erschütterndsten Erlebnis geworden war — eit dem Kuß, den er damals in Nikolassee auf dem Bahnsteig von ihr empfangen hatte. Aber es war finnlos, jetzt der Entstehung dieser Leiden* chast nachzuspüren bis zu ihrem Ursprung, sie in ihren einzelnen Phasen zu analnfieren und sich immer wieder die kleinen, von den zarten Wundern des Wachstums umwitterten Geschehnisse ins Gedächtnis zuruck- -urusen, die in den letzten drei Monaten sein ganzes Wesen verwandelt hatten. Sein Herz zog sich krampfhaft zusammen und hämmerte plötzlich so schnell und stark, daß seine Gedanken sich trübten ,m Andrang des Blutes Er stützte den Kopf in beide Hände und zwang sich zur Ruhe. Es handelte sich nicht darum, dieser Leidenschaft gewachsen zu sein. Sie hatte von ihm Besitz ergriffen mit niegetannter, elementarer Gewalt und seine einzige Ausgabe war jetzt die, den richtigen Weg in die Zukunft zu finden. Aber wieder irrten feine Gedanken ab und verloren sich in der Vergangenheit... Seit feiner Jugend wiesen alle seine Beziehungen zu den Frauen einen gemeinsamen Zug auf. Auch die frühesten, schwärmerischsten waren nie ganz tief in jein Wesen eingedrungen, sondern waren immer gleichsam kontrolliert und gelenkt geblieben von feiner kühlen, abwägenden Vernunft. Er war sich bewußt, daß tn diesem Verhalten ein geistiger Hochmut verborgen lag, daß er, je älter er wurde, den Frauen nur einen ganz genau bestimmten Anteil an seinem Dasein emraumte, weil er zu der Ueberzeugung gelangt war, daß sie von dem, was ihn wirklich bewegte, nämlich von seinem immer starker werdenden Drang nach Erkenntnis, nichts wissen wollten und auch nichts damit anfangen konnten Darum hatte er sich angewöhnt, ihnen mit einer höflichen, wohltemperierten Zurückhaltung zu begegnen, auch da, wo er mehr empfand, als er wahrhaben wollte. So war es ihm stets gelungen, eine allzu enge Bindung zu vermeiden. Bei den Frauen, zu denen er Beziehungen unterhalten hatte, galt er als der geborene, eingefleischte Junggeselle, der hinter einem sorgsam aufgebauten Wall von Zurückhaltung und galanter erfahrener Liebenswürdigkeit ein abseitiges und schwermütiges Geheimnis verbarg, das auch ihren kühnsten und geschicktesten Angriffen widerstand und das sie wenn sie in ihn wirklich verliebt waren, resignierend so ausdeuteten, daß sein ganzes Gefühlsleben an einer unheilbaren Wunde leide die eine frühe schwere Enttäuschung darin zurückgelassen ^abe. Er ^t.te ^5 PV^ einem leisen, verhaltenen Hochmut darüber gelächelt und schließlich nicht ut, daß Du da bist ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR Copyright 1933 by August Scherl G. m. b. hn empfing. Auch seine ebenen Schritte blieben unhörbar auf dem schweren Teppich, den langen Flur bebeckte. Doch sie hinterließen schwache Spuren tn bem Staub, der I G ecke gelegen war und Fenster nach beibenüron U tbiinöet von ten ber schlecht geschlossenen Jalousien brachen: sch g Tenpich ein der Bogenlampe über ber Ecke herein und zeich ' rei&tifch und drehte bleiches Gitter Er stieg darüber hinweg zu feinem Sch e.bt.sch und^dreyte an dem Knops der bronzenen Stehlampe^ Jetzt s f > Arbeit wer mit dem gedämpften rötlichen L.cht, wie er es bet feiner Arven 9e“w i®“ tag ein aufgeschlagenes Manuskript, beste^T^t mitten^n ber Seite abbrach. Auch über ben ißapieren, P - , breitete Tisches, dem Schreibzeug unb den daneben ausgestapelten Buchern vrettete wetterging. Wo er sich entscheiden mußte, entweder umzukehren oder sich einen gangbaren Weg in die Zukunft zu bahnen durch alle schweren Komplikationen hindurch, über den eigenen, schwersten seelischen Konflikt hinweg. Durste er überhaupt nach Nikolassee zurückkehren...? Wenn er es tat, mußte er auch entschlossen sein, die letzten Konsequenzen auf sich zu nehmen. Er fühlte, wußte, daß jedes Kompromiß tödlich verlaufen würde, tödlich für feine jahrelange Freundschaft, tödlich für seine Liebe, für seine Erkenntnisse und für fein ganzes sauber und geradlinig aufgebautes Dasein. Es war möglich, daß er mit dem Aufgebot aller geistigen und seelischen Kräfte diese Leidenschaft überwand und, zwar im Tiefsten verwundet, doch mit dem ungebrochenen Willen zur Gesundung, hierblieb, Elisabeth und Ludwig erst nach Jahren wiedersah und sich in der Zwischenzeit mit der Vollendung seiner Arbeit über Wasser hielt. Das war ebenso schwer wie der andere Weg. Aber war es absolut notwendig, zu verzichten? War es wirklich seine Pflicht als denkender Mensch und Freund, freiwillig zu resignieren vor dem, was ihm als das höchste Glück, als die Erfüllung feines Lebens erschien? Er war kein junger träumender Tor mehr, sondern ein reifer, erfahrener Mann von fünfundvierzig Jahren, der fähig war, die schärfsten Waffen der Analyse und Skepsis selbst ins Treffen zu führen. Der Schauplatz der entscheidenden Schlacht blieb sein eigenes Herz. Die Stunden der Nacht verrannen, und Hartl saß noch immer an seinem Schreibtisch, den Kopf in die Hände gestützt und den blinden Blick auf sein Manuskript geheftet... Darf ich versuchen, die Frau des Freundes für mich zu gewinnen? Das ist die Frage, mit der nötigen Deutlichkeit formuliert. Es ist ein Verrat und noch mehr als das. Hat Ludwig mir nicht in jener Nacht anvertraut, daß Elisabeth der einzige feste Pol in seinem turbulenten Leben ist...? Daß er ohne diesen letzten Halt und Mittelpunkt elend zugrunde gehen würde? Und Elisabeth selbst...? Ich weiß, daß sie eine starke menschliche Zuneigung zu mir gefaßt hat. Eine Zuneigung, die im Vertrauen wurzelt... Ist sie nicht in Gefahr, sich für Ludwig zu opfern, wie viele sich für ihn geopfert haben...? Nimmt er dieses Opfer als selbstverständlich hin, wie er eben alles, was um ihn herum vorgeht, nur in bezug auf sich selbst ansehen kann...? Vielleicht sogar ansehen muß? Darf ich das zulassen, mit offenen Augen beiseitetreten, wo es sich um Elisabeth handelt und meine Liebe zu ihr? Bin ich nicht berechtigt, sie vor diesem Schicksal zu retten, selbst wenn sie ihr Schicksal heute noch nicht so klar begreift...? Oder liegt in ihrem Opfer für Ludwig der wahre, tiefste Sinn ihres Lebens ...? Kann ich das entscheiden ...? Darf ich das...? Nein! — Was ich jedoch darf ünd muß, ist: sie selbst vor diese Entscheidung zu stellen. Es gibt keinen anderen Weg. Ich muß ihr zeigen, was sie selbst heute noch nicht mit der letzten Klarheit weiß, wohin ihr eigener Weg sie führt an der Seite Ludwigs, und auch, was ich selbst ihr zu bieten habe ... Aber vielleicht ist das alles sophistischer Selbstbetrug, nur weil ich die Trennung von ihr kaum ertrage und so schnell wie möglich zu ihr zurückkehren will, um sie zu sehen, ihre Stimme, ihr Lachen zu hören und ihren kostbaren weiblichen Duft um mich zu spüren ... Schon bin ich wieder mitten in diesem Labyrinth der Begierden, aus dem auch der scharfsinnigste Gedanke nicht mehr herausfindet... Aber ich muß ... ich muß! Mechanisch griffen seine Finger in die Blätter des Manuskripts und schlugen die Seiten um. Mechanisch las er die Ueberschrift des letzten unvollendeten Kapitels: „lieber die Grenzen der Freiheit oder der politische Mensch". Seine Augen blieben an den einleitenden Sätzen hängen, wurden klarer und lasen weiter: „Der Vorwand, mit dem sich der Mensch von irgendwelchen Fesseln befreit, ist stets ein moralischer. Er bindet sich also gleichzeitig an diese Moral, die zwangsläufig zu einer viel engeren Feste! wird, als die war, aus der er sich mit ihrer Hilfe befreite... Der Moralist entfesselt den Menschen zur Tugend und zum Verbrechen... Der Politiker kennt die Unzulänglichkeit der Moral, wie aller menschlichen Dinge, und benützt sie..." den Kopf, und fein Blick verschleierte sich von neuem. Moralist und Politiker ...? Ich bin beides in meinen Gedanken ... Und in meinem Leben..■?©enau bis hierher, bis in diese Nacht dachte und handelte ich wohl politisch, da ich dazu von Kindheit an erzogen wurde und diese Erziehung selbst weitergeführt habe. Werde ich jetzt unter der Gewalt meiner Leidenschaft zum Moralisten ...? „Niemand ist frei, der die Zusammenhänge der Dinge kennt!" Ich weiß etwas davon. Viel zuviel, um so handeln zu können, wie zum Bei- Ip'el Ludwig. — Und Elisabeth? Sie muß darum wissen. Ich darf sie nicht lunger im unklaren lassen über die wahren Zusammenhänge zwi- schen ihr und Ludwig, zwischen Ludwig und mir, zwischen ihr und mir, elbft auf die Gefahr hin, daß wir alle drei daran scheitern. Also muß ich so schnell wie möglich zu ihr zurück und muß neben ihr stehen, bis sie das Kind hat. Dann wird die Entscheidung fallen. Ich fürchte, das ist wieder eine Moral der Freiheit. Politik hat mit Liebe kaum etwas zu tun... Moral aber scheint mir mit ihr blutsver- roanöt, und die Freiheit ist immer moralisch. „Diese ganze letzte Zeit war rerIr,bt.erlu0UJur 3ch fühlte mich so geborgen." Er sprach diese Worte Elisabeths laut vor sich hin. Sie waren in fein Gedächtnis einqegraben, tiefer als alles andere... Seine Gedanken verwirrten sich. Das Licht der Bogenlampe vor dem Fenster war langst erloschen. Es regnete noch immer in den grauen, Egium heraufkommenden Morgen hinein. Die Geräusche der erwachenden totabt drangen bis zu ihm vor in die fahle Dämmerung des Arbeits- Hartl erhob sich mühsam mit bleichem, zuckendem Gesicht. Seine Ner- ven versagten und er fror bis ins Mark. Hinter ihm auf der Stuhllehne Mantel. Er zog ihn an, drückte den hochgeschlagenen Kragen eng um seinen Hals und ließ sich auf den Diwan sinken, der sich an der Rück- fei e des Schreibtisches befand. Auch auf der Decke und den seidenen Kissen hatte sich «taub angesammelt. Er merkte es nicht mehr, sondern fiel in einen unruhigen Halbschlaf, der bald in eine völlige, traumlose Erschöpfung überging. —, 1 Als er erwachte, war es elf vorbei. Der Regen halte aufgehört, uns durch die Lücken der sich auflösenden Wolken brach hin und wieder bii Sonne. Hartls Bewußtsein war im Augenblick des Erwachens klar. Ich muß zurück zu ihr und warten, bis Ludwig wieder da ist! dachte er und erhob sich. An seiner Stirn, seinen Wangen und Händen klebte der Staub. Sein ganzer Körper, der an sorgfältige Pflege gewöhnt war, reoot tierte und schüttelte sich vor Unbehagen. Ich würde verkommen hier, meint ich freiwillig verzichte! dachte er und stutzte vor dem Gedanken. Doch er fühlte, daß eine innere Ruhe über ihn gekommen war, mit nach einem festen Entschluß. Er wehrte sich dagegen, die Gedanken de: Nacht noch einmal aufzunehmen. Die Kette war geschlossen, und er hall« plötzlich sehr viel zu tun. Der Fernsprecher stand auf dem Schreibtisch. Er nahm den Hörer at und ließ sich mit dem Städtischen Arbeitsamt verbinden. Bon dort verlangte er zwei tüchtige weibliche Arbeitskräste, die man ihm sofort in die Wohnung schicken und die ihm den ganzen Tag über zur Verfügung stehen sollten. In einer halben Stunde würden sie dasein. Er hängte ein und begab sich hastig ins Badezimmer. Bevor die beiden Frauen erschienen, war er mit seiner Toilette fertig und trat rasiert, gepflegt, in frischer Wäsche und einem neuen, wenig getragenen Anzug wieder in fein Arbeitszimmer, wo er sofort daranging das Manuskript zu verschnüren, Bücher und Broschüren zurechtzulegen. Den beiden Frauen, deren Kommen seine Tätigkeit unterbrach, befahl er, jeden Raum sorgfältig zu reinigen. Er zeigte ihnen, wo alles Noi- wendige zu finden war, und gab ihnen Geld, damit sie während [einer Abwesenheit eintaufen und sich Essen bereiten konnten. Dann verließ er das Haus, um zu frühstücken. Den Nachmittag verbrachte er zum größten Teil mit einem langen einsamen Spaziergang. Als er gegen Abend in feine Wohnung zurück- kehrte, fand er alles rein und geordnet vor. Nach feiner Anleitung packten, bte beiden Frauen Bücher und Papiere in eine kleine Kiste, die er an sich nach Nikolassee adressierte und ihnen zum Aufgeben mitgab. Gr entlohnte sie reichlich und ging früh zu Bett. In dieser zweiten Nach! schlief er fest und lange. Am zweiten Morgen kehrte er nach Berlin zurück und fuhr ohne Aufenthalt weiter nach Nikolassee. 26. Der folgende Monat — es war Juni geworden — wurde der schwerste für Doktor Hartl und für Elisabeth. Nur Billy tat ihre Arbeit, zu der jetzt noch Elisabeths Pflege kam, mit der gleichen äußerlichen Ruhe und sachlichen Energie wie bisher. Ob sie auch nur im entferntesten ahnte, was hinter der hohen, blassen Stirn des immer stiller werdenden Doktor Hartl vorging, war nicht zu erraten. Hartl hatte alles, was er in der Nacht in Dresden beschlossen hatte, zurückgestellt und litt jetzt doppelt unter Elisabeths besorgniserregenden Zustand. Es begann bei Elisabeth mit nervösen Angstanfällen, die gatij plötzlich und in immer kürzer werdenden Abständen über sie kamen. Sie versuchte zuerst, alles zu verbergen, indem sie sich in solchen Augenblicken auf ihr Zimmer zurückzog und sich dort vor jedermann verkroch, wie ein ZU Tode verwundetes Tier. Anfangs fiel cs kaum auf. Doch als es immer häufiger geschah, daß sie matt und bleich, mit geröteten, unsteten Augen aus ihrer Einsamkeit zurückkehrte, informierte man den Doktor Kern, der sofort und entschlossen eingriff. Er stellte Elisabeth zur Rede und hatte bald alles Wissenswerte aus ihr herausgeholt. Am Tag daraus brachte er seinen Kollegen, einen bekannten Gynäkologen, mit, der eine sorgfältige Untersuchung vornahm ... „Wir scheinen uns tüchtig geirrt zu haben in unserer Berechnung!* sagte er, als die Untersuchung beendet war, zu Elisabeth und Doktor Kern, der assistiert hatte. Auch Billy war wieder hereingekommen und saß still am Fußende des Bettes. „Das Baby wird wohl viel früher Mein. Ich taxiere: in vier bis sechs Wochen. Das ist keineswegs ungewöhnlich, und Sie haben keinen Grund, sich einen Vorwurf zu machen, Herr Kollege. Das kommt häufiger vor, als man glaubt. Ich selbst hätte wahrscheinlich bis vor kurzem die gleiche Diagnose gestellt wie Sie. Namentlich, da auch äußerlich bei Frau Thiele kaum eine Veränderung 3» erkennen war, wie Sie mir sagen. Das Kind hat sich eben sehr langsam entwickelt. Erst in den letzten Wochen hat sich dieses Tempo gesteigert. Es wird sich, aller Voraussicht nach, noch mehr steigern. Daher auch die plötzlich einsetzenden psychischen Störungen. Das Schlimmste wäre, ihnen nachzugeben, wie Sie es leider getan haben. Aber zu Besorgnissen ist kein Anlaß. Auch eine solche Entwicklung ist durchaus natürlich — bei einem ersten Kind. Nur eben schmerzhafter. — Also möglichst viel Bewegung, gnädige Frau! Natürlich ohne Ueberanftrengung. Sie haben ja einen so prächtigen Garten zu Ihrer Verfügung. Machen Sie reichlich Gebrauch davon. Auch leichte Arbeit. Nicht nachgeben und grübeln. Das kann uns unsere Aufgabe nur erschweren. Es ist nicht leicht, zugegeben! Aber es muß gehen. Dann Ablenkung, Unterhaltung, die Gedanken auf etwas Freundliches, Interessantes richten! Auch dazu haben Sie reichlich Gelegenheit..." „Wann also glauben Sie, Herr Professor...?" murmelte Elisabeth und sah den Arzt verstört an. Sie mochte ihn nicht, obgleich sie vor seiner sachlichen Sicherheit Hochachtung empfang. Sie hätte sich lieber ganz auf ben Doktor Kern verlassen. Doch sie hatte sich feiner eindringlichen Forderung, den ihm bekannten Facharzt hinzuzuziehen, fügen müssen. „Es ist noch nicht mit Sicherheit zu sagen. Sie haben sich eben in 2hrer Berechnung geirrt. Ilm wieviel, ist nun nicht mehr genau festzustellen. „Wird es noch schlimmer werden mit mir?" fragte sie mutlos und gequält. „Wenn Sie den Rat des Kollegen und meine eigenen Anweisungen befolgen, ist das nicht zu erwarten. Ich habe natürlich auch einiges Nützliche ausgeschrieben. — Nun erlauben Sie mir, Ihnen einen Vorschlag zu machen." (Fortsetzung folgt.) itii ■ W H Hi W)«u legen taun w! ’
  • ß sie bes Knaben Mutter war, unb behorchte sein Herz, unb das schlug noch. Und der blaue Soldat betastete (eine Schulter, die wunderbarer Weise unversehrt geblieben war, nur etwas schmerzte, und zog sein Mädchen an sich, das lachte und meinte in einem, und er bedachte, wie wohl Die Folgen gewesen wären, wenn der unerwartete Besuch von oben seinen Weg nur ein wenig weiter nach links genommen, wie ihm da bie Helmspitze bös funtelnb entgegengeftarrt hätte, bie unnachgiebige Helmspitze, härter als eine Knabenschäbelbecke. Weil Wasser nicht gleich zur Hanb war, so schüttete man bem Bewußtlosen Bier ins Gesicht unb auf bie Brust, bie man ihm entblößt hatte, bas Getränk aus ben Krügen auf ben Tischen unb wenn das auch braun und dick war, kühl war es doch, srofchkühl, unb es nützte auch. Der aus bem Himmel Gefallene schauerte zusammen unter ben Güssen, schlug bie Bugen auf, sah verwirrt um sich unb lächelte verlegen, unb wischte sich mit bem Bermel bie klebrige Nässe aus bem Gesicht unb braune Flecken blieben ihm auf Stirn unb Wange. Bis er aber, von ber Mutter gestützt, sich aufrichten wollte, sank er stöhnen!» wieber zurück. Der rechte Knöchel schmerzte sehr, ber war gebrochen, schien es, und auch ber rechte Arm tat weh, im Ellbogen, tat als trinke sie gierig. die verantwortlich; Dr. Hans Thyriot. — Druck uni) Verlag: Brüht'fche UniverjitätS.'Luch- und Steindrucleret. A. Lange, Gießen. Em deutscher Schatzgräber. Von Alfons v. Czibulka. Petersburg. Dort gründete Schliemann nach kurzer Zeit seine weltumspannende Firma. ......... eiücric u.. Wieder zeigte sich das Kämpferische und zugleich Gründliche seiner Natur. Zwanzig lange Jahre rang er um die wirtschaftliche Stellung, die er für sein Troja brauchte, dann war er ein reicher Mann. In der traumhaft schönen Inselwelt des Golfes von Patras, aus dessen veilchenblauer, silbrig schimmernder Fläche die homerischen Felseninseln Ithaka und Lenkas wie riesenhafte Vorwelttiere im Sonnenglast schwimmen, begann Schliemanns Schatzgräbermärchen. Aus Ithaka griff er zum ersten Male zu Spaten und Spitzhacke. Und wie er einst an das „Silberschälchen", an die goldene Wiege, an Braden- kirls Eisenpfanne und Schätze glaubte, so glaubte er nun jedes Wort seines Dichters. Sein heißes Herz spürte die tiefere Wahrheit aller ^'^s^Heinrich Schliemann auf Ithaka kleine Aschenurnen sand und jubelnd schrieb: „... vielleicht habe ich die Asche des Odysseus und der Penelope gefunden ...", da hielten sich die zünftigen Gelehrten den Bauch vor Lachen. Noch lauter wurde der Spott, als der ich-", grabende Kaufmann berichtete, er hätte auf dem Hügel von H'fsarllk, nahe den Dardanellen, Troja gefunden. Bis jener Maltag des Jahres 1873 kam, an dem er, nahe dem Skäischen Tor, das zu der Burg des Priamos geführt haben soll, in lockerem Gemäuer auf goldene Teller und Humpen, Diademe, Kannen und Armreifen stieß. Kein Zweifel: es war König Priamos' Schatz! Immer noch zweifelte die gelehrte Welt. Da erbrachte Schliemann drei Jahre später abermals den Beweis für die Wahrheit feines Dichters. Wie ihn sein Glaube an Homer aller Wahrscheinlichkeit nach wirklich in König Priamos' Stadt und Burg geführt, so führte ihn Homer nun auch in die Gruft des Königsgeschlechtes von Mykenä. Planmäßig wie an den Dardanellen grub Schliemann auch auf jener die argolijche Ebene königlich beherrschenden Felskuppe, die den Wanderer grüßt, der von Korinth nach Argos am zauberhaften Golfe von Nauplia zieht. . Und eines Morgens, es war wirklich wie im Märchen, öffneten Schaufel und Spitzhacke an der vorbezeichneten Stelle, jenseits des berühmten Löwentors, eine Felsgrube, auf deren Grund fünfzehn königliche Tote tagen. Ein unvorstellbarer Goldschmuck schmückte sie. Goldene Masken bedeckten die Gesichter, goldene Panzer schützten die Brust Armreifen und Ohrringe, riesenhafte Diademe. Nadeln und Knöpfe aus Bergkristall, ein großer, silberner Stierkopf mit dem Doppelbeil, dem Symbol der Königsmacht, mit Silber und Gold ausgelegte Schwerter waren der Grabschmuck dieses Geschlechtes, das einst vor 4000 Jahren in märchenhafter Herrlichkeit von dieser Burghöhe von Mykenä geherrscht haben mag. Wer nun noch zweifelte, daß Schliemann wirklich Agamemnons Königsgeschlecht, ja vielleicht die unselige Klytä- m n e ft r a und Orest gefunden, dem konnte der goldene Humpen ein Beweis fein, der sich in den Gräbern sand, und dessen Henkel, genau wie Nestors Becher, den Homer beschreibt, aufflatternde goldene Tauben gierten. Noch ein drittes Mal brach Schliemann eine Lanze für Homer. In Tiryns, am Argolifchen Golfe, fand er in gemeinsamer Arbeit mit dem heute achtgigjährigen Wilhelm D ö r p f e l d einen Herrscherpalast, der in jeder Einzelheit Homers Königssitzen ähnelte. Drei Dinge verdanken wir Schliemann. Er hat wieder einmal die höhere Wahrheit aller echten Dichtung bewiesen. Er hat der Jugend, der er eine ßebensgeftattung aus eigener Kraft vorlebte, die Gesänge Homers neu geschenkt; denn durch Schliemanns Funde waren sie auf einmal nicht mehr verstaubte Sage, sondern blutwarmes Leben Wenn auch Wahrheit und Dichtung sich mengt: Diese Menschen Homers haben wirklich gelebt, diese Schicksale haben sich wirklich begeben, und diese Paläste und Mauern hat einstmals die Griechensonne vergoldet. Und dann: indem seine Grabungen erweisen, wie alle Sage im Kerne immer wahr ist, gewinnen auch unsere deutschen Heldensagen an Leben und Wahrheit. Wie es wirklich einmal die Urbilder Agamemnons, Nestors und Priamos' gegeben hat, so sind auch in irgendwelcher Gestalt und irgendwann einmal Gunther und Hagen, Siegfried und Kriemhild über die deutsche Erde geschritten, . Diesen Glauben hat uns Schliemann, der in seinem 68. Jahr aus einer Reise in Neapel starb, mit Troja, Mykenä und Tiryns geschenkt. sehen. Er lernte, wenn er an den Schaltern der Postämter, vor den Kontoren warten mußte. Er lernte bis zum grauenden Morgen, wenn er spät abends todmüde in seine eiskalte Dachstube kam. Aber es lohnte ich: innerhalb eines Jahres beherrschte er die englische und sranzosische Sprache vollkvmmen. Seine Prinzipale wollten zwar von einem prachenlernenden Ausgeher nichts wissen. Sie kündigten ihm. In dem großen Amsterdamer Handelshause Schröder sand Schliemann eine neue Stellung. Immer noch war es ein Hundeleben, das er führte. Aber fein Jugendtraum hielt ihn aufrecht. Er wollte ja Troja aus grab en Ader so viel wußte er nun schon, daß man eine versunkene Stadt nicht ausgraben könne, wenn man nicht über unbeschränkte Mittel ver- üge. So beschloß der kleine, ausgehungerte Buchhalter, um Troias willen reich zu werden. Kaum jemals ist ein junges Menschenkind aus einem so romantischen Beweggrund ein nüchterner Kaufmann geroorben. Sehr rasch fand Schliemann die Brücke zu feinem Wolkenschloß Obwohl Schröder bedeutende Geschäftsverbindungen nach Rußland unterhielt gab es in dem großen Kontor seltsamerweise niemand, der auch nur einen russischen Buchstaben zu schreiben verstand. Diese Gelegenheit ergriff Schliemann beim Schopf. Er begann, tm Geschwind- tempo Russisch zu lernen. Mit seinem ungemeinen toprarfjentalent brachte er es fertig, daß er sich schon zwei Monate später mit russischen Geschäftsfreunden ohne Schwierigkeit unterhalten konnte. Das imponierte Schröder. Er sandte den kleinen Buchhalter als Generalvertreter nach Petersburg. Dort gründete Schliemann nach kurzer Zeit feine Als noch allein der Atem Gottes, der Wind, die Schiffe über fieben Meere trieb, war es von Hamburg nach Südamerika eine weite Fahrt. Das bekam auch die kleine Brigg „Dorothea" zu spüren, die nach Venezuela bestimmt war. Nach zwei Wochen lag sie erst vor der Insel Texel in Holland. Womit für den alten Windjammer die Reise zu Ende war. Denn vor Topp und Takel, ohne Segel und Ruder trieb die Brigg hilflos über die in den Dezemberstürmen brüllende See, auf die der durch schwarze Wolkenfetzen jagende Mond seinen gespenstischen Schein warf. Nicht einmal ein Vaterunser hätte man beten können zwischen dem gellenden Ruf des Mannes im Ausguck „Brandung voraus und dem Augenblick, in dem die „Dorothea" zerschellt auf den Bänken cor Texel lag. Es war noch ein Wunder, daß die Mannschaft nach einer furchtbaren Nacht heil die Küste erreichte. Damit hatte auch der Kajütenjunge Heinrich Schliemann zum ersten Male ein bißchen Glück. Das war ihm nämlich bis dahin noch nicht widerfahren. Eine Kette von Mühfalen war feine Jugend gewesen; nur seine früheste Kindheit hatte ein wenig Freude gekannt. Ja, das mecklenburgische Dorf Ankershagen, wo der Vater Landpfarrer war, war für einen rechten Jungen sogar ein Paradies. In dem Hause, das Heinrichs Eltern bewohnten, konnte man das Gruseln lernen: der frühere Pfarrherr ging dort um. Dem kleinen Gartenteiche, der den märchenschönen, heimeligen Namen „das Silberschälchen" trug, entstieg in Vollmondnächten eine gespenstische Jungfrau. Am Dorfrande erhob sich ein Hünengrab, in dem der Sage nach das Kind eines Ritters in einer Wiege aus purem Golde ruhte. Die verfallene Burg, um deren düstere Mauern die Fledermäuse flatterten, hatte einst dem Henning Bradenkirl gehört, wie das Volk den Raubritter Henning von Holstein nannte, weil er einst einen Kuhhirten bei lebendigem Leibe in einer eisernen Pfanne gebraten haben soll. Das Geheimnis, das um versunkene Mauern und Schätze webte, hatte es schon dem Buben angetan. Begeistert hörte er dem Vater zu, wenn dieser von Herkulanum und Pompeji sprach ober von der mächtigen, blühenden Königstadt Troja erzählte, von der nun kein Stein mehr künde. Und eines Tages tat der Zehnjährige einen Ausspruch, dessen Wahrheit er freilich erst 40 Jahre später beweise sollte: „Vater, das kann doch nicht sein, daß dieses Troja verschwunden ist. Solche Mauern können nicht untergehen. Sie sind wohl nur unter Schutt und Staub begraben." — Der Pastor lachte und versuchte, dem Buben zu erklären, daß Troja und seine Helden doch nur Erfindungen des großen Dichters Homer wären. Doch das wollte-der Junge nicht glauben. Da meinte der Vater schließlich: „Schön, mein Junge, wenn du also einmal groß sein wirst, wirst du Troja ausgraben." — Selten ist eine ungewollte Weissagung so seltsam in Erfüllung gegangen. Vorerst aber brach alles Unheil über Schliemanns Jugend herein Die Mutier starb. Der Vater geriet in Not. Er mußte den Buben zu einem Bruder geben, der in einem anderen Orte Pfarrer war. Aber das half nur wenig. Schliemann konnte nur wenige Jahre die Mittelschule besuchen, dann mußte er sich selber sein Brot verdienen. Ader gerade er hat bewiesen, daß ein rechter Junge es auch bann aus eigener Kraft zu Ruhm und Größe zu bringen vermag, wenn alle Wege ihm verschlossen erscheinen. In dem Orte Fürstenberg verbrachte Schliemann -als Lehrling zwischen Schmierseifen- und Heringstonnen, zwischen Fliegenpapier, Zuckerhüten und Petroleumkannen eine freudlose Jugend. Von morgens fünf bis abends elf stand er in dem ärmlichen Krämerladen. Aber fein Troja hatte er auch damals nicht vergessen. Nach sechs Jahren dieses harten Lebens verlor er wegen eines Blut- sturzes seinen Posten. Er pries sich noch glücklich, daß er in Hamburg eine Stellung fand, die ihm ganze 50 Pfennige im Tag eintrug. Da warf ihn auch fein neuer Prinzipal auf die Straße, weil er ebenfalls einen bluthusienden Gehilfen nicht brauchen konnte. Nun beschloß Schliemann, aus der Heimat zu gehen. Er bekam Heuer als Kajütenjunge auf dem Segler „Dorothea". Das war aber auch alles. Vor der Ausfahrt mußte Schliemann feinen einzigen Rock verkaufen, um sich eine wollene Decke anschaffen zu können. Am 28. November 1841 trat bann bie „Dorothea" ihre weite Reise an. Zwei Wochen später bonnerten bie Wogen ber Nordsee über ihren zerborstenen Leib. Mittellos kam Schliemann nach Amsterbam, wo ihm ber mecklenburgische Konsul ben Posten eines „Ausgehers" verschaffte. Sein Monatslohn betrug 50 Mark. Dennoch brachte es Schliemann fertig, bamit nicht nur fein Leben zu bestreiten, fonbern auch noch Französisch unb Englisch zu lernen. Das erforderte Entbehrungen, die nur ein stählerner Wille ertragen ließ. Für feine Hauptmahlzeit gab er nie mehr als 16 Pfennige aus. Auch fein Studium erforderte beispielhafte Energie. Mit 20 Jahren mußte er ja von vorne beginnen. So konnte man ben Geschäftsbiener mit einem aufgefrfjlagenen Buche vor ber Nase burch bie Straßen laufen aber nicht so weh wie der Knöchel; ber Arm war wohl nur verstaucht °Öe2)er blaue^GoföaM)atte auf bas Unerwartete hin, bas ihm zugestoßen war sich boch noch einmal Bier bestellt. Der Tisch, an bem er saß an dem er jetzt zu bem im Gras liegenben Abgestürzten hin sein G as erhob, ihm freundlich zublinzelnd unter dem Helmrand her ihm aufmunternb autrintenb der Tisch war mit Glockenblumen ganz uberfat, daß es aussah als fei da ein Fest gefeiert worden, wie man ja bei freudigen Anlässen Blumen zwischen die Gläser zu streuen pflegt Und eine der Glocken lag wie mit offenem Munde über eine Bierlache geneigt,