GichenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger________ Jahrgang 1955 Momag. den H. Januar Hummer < von zwanzig Stratosphärenlast'chtffen größter Bauart emietzen, um den Brennstosföedark dieses Kraftwerkes 'icher decken zu können.' Wahrend iie am Kraterrande weitergingen, dröhnte aus dessen Lieke kalt ununterbrochen der Donner der Explo'ionen empor. Die Sprengarbeiten sind in gutem Fluß", sagte Reute, „rott bohren un» sprengen nur dort, wo vorhergehende Proben goldreiche Adern gezeigt t)(ib?n 11 Wir bereiten ,evt täglich 200 Tonnen aus und ziehen daraus zwanzi» Tonnen gediegenen Goldes im Handelswerte von 50 Millionen Reichsmark. 50 Millionen jeden Tag!" Dr. Wille faßte sich an den Kops, als könne er die Balil schwer fassen. „50 Millionen jeden Tag — das wäre eine Milliarde in 20 Tagen, zehn Milliarden in 200 Tagen — soviel ich weiß, beträgt der nachweisliche Goldbejitz der Menschheit zur Zeit 50 Milliarden. Bei diesem Arbeitstempo könnten Sie ihn in tausend Tagen verdoppeln." .Soweit wollen wir nicht voraus rechnen", tagte Reute, „es ist 'ehr zweifelhaft, ob wir das tun werden. Im Augenblick wissen wir nicht einmal, ob wir es überhaupt tun können." Während ihrer Unterhaltung hatten die drei Herren die Aufberertungs- anlage erreicht und traten in die große Halle ein. Eine fast atembeklemmendr Stille umfing sie. , Wer etwa hier die Einrichtungen der sonst wohl gebräuchlichen Erzausbe- reitunqsanlagen zu finden erwartete, wäre enttäuscht gewesen. Da waren keine polternden Erzbrecher, keine ratternden Schüttclrutichen, keme Röst- und Schmelzöfen. Nur würfelförmige Tröge aus glasiertem Ton enthielt der Raum, jeder einzelne Trog reichlich mannshoch und eben w lang und breit Ein Deckenkran huschte über die Trogreihen hin, öffnete hier und dort das Maul seines Behälters und ließ Brocken des schimmernden Erze« in die Flüssigkeit 'allen, mit der die einzelnen Gefäße bis obenhm^gefüllt waren Ein leickiter Dunst, der undefinierbar nach irgendwelchen eäuren und Chemikalien roch, legte 'ich Wille auf die Brust, daß er hüsteln mußte. Kommen Sie, Doktor", 'agte der Proseisor und zog ihn mit 'ich ins Freie Das elektrolotische Naßveriahren, nach dem wir die Erze ausbeuten, ist zwar technisch glänzend, aber für die menschlichen Lungen weniger zu- träglich Wenn unsere Leute dort drinnen zu tun haben, müssen ne stets Gasmasken vorbinden." Wille zog erst ern paarmal in kräftigen Zügen die klare kalte Polarlnft em, bevor er antwortete. „Hier rechts geht unfei Weg", ,uhr Professor Eggerth fort. „Wir wollen erst mal ordentlich frühstücken."--„ K , ..... Eil, Frühstücksraum, der in manchen Einzelheiten an das gemütliche Kasino der Eggertb-Werke in Bitterfeld erinnerte, nahm ne aus, und während ihnen eine gute Mahlzeit serviert wurde, ging das Gespräch weiter. Fhre Zahlen habe ich gehört, Ihre Anlagen babe ich gesehen", sagte Will'e^ Aber zu begreifen vermag ich das alles nicht." Er griff nch wieder an den" Kops. „Bei allem Hinundherdenken kann ich keine andere 2luS- uürkung dieses ganzen Unternehmens finden als eine Goldinflation, welche die kranke Weltwirtschaft noch kränker machen wi^d. Wenn Sie es besser wissen, dann lagen Sie es mir." Reute rührte nachdenklich in leinet Fleischbrühe herum. Langsam kamen die Worte von seinen tiipperr Wenn wir unvornchtig vorgingen, Herr Kollege, könnte eine loldje Qn^ Hatton in der Tat die Folge sein, und ihre Auswirkungen könnten unheilvoll werden. Aber wir werden nicht unvorsichtig lein. Die Pläne unserer Regie ruirg 'ind bis in alle Einzelheiten durchdacht und ausgearbeitet.' Wille zuckte die Achseln. „Ich lebe keine Möglichkeit, wie Sie das ver- meiden wollen." Professor Eggerth kam Reute mit der Antwort zuvor. Herr Wille, frei nach Goethe möchte ich >agen. Gold ist ein ganz be- wliderer Stoff. In dem Sinne nämlich, daß es auch heute trotz aller Versuche, davon lvszukommen, irgend etwas anderes an Seine Stelle zu letzen, der einzige internationale Wertmesser ist." Mag alles lein. Aber wenn Sie--", versuchte Wille einzuwenden. "kein Aber', Herr Doktor", fuhr Eggerth fort. „Sie unterschätzen den ungeheuren Goldhunger der ganzen Welt. Nach den bitteren Erfahrungen, welche die Sparer fast aller Nationen mit ihren nur au> Papier beruhenden Währungen gemacht haben, ist er größer als je Wir und davon überzeugt, daß fünf Milliarden, io sogar zehn Milliarden, wenn wir ne m Form gemünzten Goldes vorsichtig, ich betone immer wieder vorfichttg--in den HANS DOMINIK • EIN STIE1RN FIEL VOM HIMMEL COPYRIGHT 1934 BY KOEHLER & AMELANG G. M. B. H., LEIPZIG (Fortsetzung.) e»a verehrter Herr Ministerialrat, die Herren Bolton und Garrifon sind rübrige Leutchen. Mal trifft man sie in der Antarktis, mal wird ihr Vorhandensein mitten aus der Südsee und danach aus Amerika gemeldet, und jetzt sind sie auf dem Wege zum Mac-Murdo-Sund, wahrscheinlich schon tm Roß-Meer, dicht bei der Küste--" . „Undenkbar! Unglaublich!" preßte Dr. Schmidt durch bte Zahne. ' Leider nur zu glaubhaft", fuhr Hein Eggerth fort. „Die Angelegenheit war uns wichtig genug, um genaue Erkundigungen einzuholen. Die neue Expedition Cavtain Andrews dürste in spätestens acht Tagen tm Mac- Murdo-Suud an Land gehen, und es besteht eine ziemliche Wahrscheinlich- feit, bo6 die Herren Bolton und Gnrriion Ihnen, Herr Ministerialrat, in nächster Zeit wieder ins Gehege kommen." „AVer das ist ja abscheulich", war alles, was Schmidt schließlich heraus- Hein Eggerth stand aus. „Machen Sie sich keine Sorge Herr Ministerialrat Wir sind über die Absichten der Herren Bolton und Garrison im Bilde und werden rechtzeitig unsere Maßnahmen treffen „ . . Kurze Zeit darauf erschien Hein Eggerth tn Begleitung zweier Mechaniker, die eine ziemlich umfangreiche Apparatur mit sich schleppten, m der Funkkabine des dritten Wagens, und mit offensichtlichem Vergnügen sah Rudi Wille zu, wie die Mechaniker einen schönen neuen Funkpeiler tn feine Station einbauten. Rudi Wille spitzte die Ohren nicht schlecht, als er vernahm, daß sein alter Bekannter, Mr. Garrison, wieder im Lande sei, unb nut Begeisterung übernahm er die neue Aufgabe, den unerwünschten Besuch durch Funkpeilung mit überwachen zu helfen. Sehr bald war er tn der Lage, einen eenbet anzupeilen betten Zeichen aus ber Richtung bes Mac-Murbo-Sunbes kamen Die Herren Bolton unb Garrison waren bereits aviuert, bevor ite ihren Fuß ans bie Antarktis setzten. —--- «Kie mitten foerr Wille, baß bie Amerikaner roteber---- "^ch bin informiert, mein lieber Schmibt", schnitt ihm Dr. Wille die cvr nb ®;c fönnen ganz unbesorgt sein. Ich werde Sie setzt aus etwa 24 Stunden verlaßen unb bitte Sie, für diese Zeit die Leitung des Institutes ^DÄftttte m lernen Wagen zurück. ,St 11‘ zog sich an seiner Hubschraube wieder in die Höhe unb schlug bie Richtung nach dem Krater ein Etwa bie Hälfte bes Weges mochte es zurückgelegt haben, als Reute nach unten wies. Ein Kraftwagen lief dort über den Schnee, ^" Raupenfahrzeug ähnlich denjenigen, die ,St 11' vor kurzem verlaßen hatte. •S5 «KLM BS. ---»mich-» erklärte Reute In einem Abstand von 50 Kilometern legen rotr um bev Kraterstation herum eine Kontaktleitiing, die am Krater sofort die ^elle melbet an ber iie etwa von bem Raupenwagen Andrews überfahren roub. Das Gebiet innerhalb biefer Rin gleit ung ist für bie Amerikaner tabu. Gr dürfen es nicht berühren." LWÄMÄL &”bS zu sehen, was inzwischen entstauben- -st- Ielbet, rote Er brauchte mcht viel weiteres zu sogen- ur- zuitie ui i Polar- W sich hier alles tn benr letzten halben Iah v d Uraterschacht nacht war es barnals, heute lag bas ganze Rtngg schienen . ssrsä x’säse Verkehr bringen, spurkos in den Sparstrümpfen der ganzen Wett verschwinden. Sie werden in der goldhungrigen Welt gewissermaßen versickern, ohne daß die Oeffentlichkeit überhaupt etwas von ihrem Vorhandensein weiß." Wille schüttelte den Kops und machte ein ungläubiges Gesicht. „Aber die Inflation, die Goldinslation", flog es ihm unwillkürlich heraus. „Ist ein grundsävlicher Irrtum von Ihnen", fiel ihm Professor Eggerth ins Wort. „Sie dürfen die Papierinslationen der vergangenen Jahrzehnte nicht mit einer verstärkten Golderzeugung in einen Tops werfen. Eine papierne Banknote bleibt immer nur ein Zahlungsversprechen, das an Stelle der Zahlung genommen wird, so lange das allgemeine Vertrauen dazu bereit ist. Ein Goldstück dagegen bedeutet kein Zahlungsversprechen mehr, sondern eine wirkliche Zahlung." Wille stürzte mit einem Ruck seine Bouillon herunter. „Sie verkennen, Herr Kollege", sagte Reute, „daß wir es bei den heutigen Goldwährungen mit verkappten Energiewährungen zu tun haben. Zu 99,9% wird Gold heute nicht mehr gefunden, sondern erarbeitet. Praktisch ist der Goldvorrat in den südafrikanischen Goldminen unbegrenzt, jedenfalls viel größer als derjenige in unserem Bolidenkrater. Aber um es zu gewinnen, um die 10 bis 12 Gramm aus einem Kubikmeter härtesten Quarzgesteins herauszuholen, muß man Maschinenarbeit im Betrage vieler Pserdekrast- stunden leisten. Die Verhältnisse sind so, daß der heutige Goldpreis diese Unkosten deckt und den afrikanischen Minengesellschaften noch eine mäßige Verzinsung ihres Kapitals gewährt. Tatsächlich liegen die Dinge so, daß auf diese Weise der Preis der Pferdekraftstunde oder, wenn Sie elektrisch rechnen wollen, der Kilowattstunde einerseits und des Goldes andererseits auf das engste verbunden sind. Würde es plötzlich möglich, die Kilowattstunde zum zehnten Teil des bisherigen Preises zu erzeugen, io müßte logischerweise auch der Goldpreis aus etwa den zehnten Teil absinken. Dann könnten Sie vielleicht von einer Goldinslation reden, obwohl es im Grunde eine Energie- inslation wäre." „Jetzt habe ich Sie gefangen, Herr Ministerlaldirektor", platzte Wille los. „Sie gewinnen hier das Gold mit dem hundertsten, dem tausendsten Teil — was weiß ich — derjenigen Energie, die man in den südafrikanischen Minen dafür braucht. Also--" „— — müßte das Gold hundert- oder tausendmal billiger werden", führte Reute den Satz weiter, „wenn die übrige Welt das auch könnte. Aber sie kann es nicht, Herr Dr. Wille, und das ist der springende Punkt. Zur Erläuterung will ich eine andere Möglichkeit heranziehen. Wie Sie wissen, hat die Zerlegung der chemischen Elemente mittels schneller Katho- denstrahlen in den letzten Jahren bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Nehmen wir nun einmal an, es gelänge — was theoretisch durchaus denkbar ist — mit Hilfe dieser Strahlen von dem Quecksilberatom drei Wasserstoff- kerne abzuschlagen, so müßte ein Goldatom übrigbleiben. Nehmen wir weiter an, ein genialer Physiker entdeckte ein besonders günstiges Verfahren, bei dem sich die Umwandlung von einem Kilogramm Quecksilber in ein Kilogramm Gold mit dem Aufwande von nur einer Kilowattstunde bewerkstelligen läßt, dann könnte — ja dann müßte in der Tat das eintreten, was Sie jetzt zu Unrecht von unserm Vorgehen befürchten. Zwangsläufig müßte bann der Goldpreis bis auf den Preis des Quecksilbers hinab sinken, denn jedermann könnte sich ja dann Quecksilber kaufen und es mit ganz geringen Kosten in Gold verwandeln. Begreifen Sie jetzt den Unterschied zwischen einem solchen Zustand und unserer Lage, Herr Doktor Wille?" „Ich glaube, ich verstehe Sie", sagte Wille nachdenklich. „Sie wollen sagen, daß nur Deutschland über dieses vorn Himmel gefallene Gold verfügt, daß aber für die übrigen Staaten nur die bisherige Art der Goldgewinnung in Frage kommt und daher auch der jetzige Weltpreis bestehen bleiben wird " »So ist es, Herr Doktor", bestätigte Professor Eggerth. „Für die übrige Welt wird der Goldpreis immer mit dem jeweiligen Preis der Kilowattstunde verbunden bleiben, gleichgültig, ob wir zehn ober zwanzig Milliarden Gold in die Adern der Weltwirtschaft pumpen ober nicht. Wir müssen es mir, wie ich bereits betonte, vorsichtig tun. Nachrichten über die Größe bes Golbvorrates in bem Bolidenkrater hier dürfen nicht in die Oeffentlichkeit gelangen." »Was um so leichter ist, als wir selbst nicht Genaues darüber wissen", fiel Professor Eggerth ein. „Es wäre möglich, daß der Bolide in seiner ganzen Ausdehnung mit Goldadern durchsetzt ist. Es ist aber eben io gut möglich, daß fie sich nur bis zu einer geringen Tiefe erstrecken, und bann wäre der Vorrat gar nicht so überwältigend groß. Dann könnten wir mit zwanzig Milliarden überhaupt am Ende unserer Kunst fein. Ich hoffe, Herr Dr. Wille, baß Sie nach dieser Mitteilung den Alpdruck einer Goldinflation los werden."--- Das Mahl war beendet. „Bevor ,St 11' Sie zu Ihrer Station znrückbringt, Herr Kollege", lagte ineute, „wollen wir Ihnen nun auch noch das Letzte zeigen." Die Herren warfen ii* ihre Pelze über und traten wieder ins Freie. Reute 8tng geradenwegs auf ,St 11‘ zu. »Ich denke, ich soll noch etwas sehen?" fragte Wille. „Sehr richtig, Herr Doktor. Sie sollen die goldenen Eier sehen, die unsere Henne hier legt. S (bauen Sie dorthin." Sille blickte sich um, erst ,eyt fiel ihm aus, daß ,St 11 (einen Liegeplatz rnzwnchen gewechselt hatte. Es lag unmittelbar neben einem kleineren Gebäude, dessen hohem Schornstein ein weißlicher Rauch entquoll. „Hier steht bet Schmelzofen, in bem bas elektrolytisch gewonnene Golb in Barren umgeichmolzen wirb", gab Reute bie Erklärung. „Es jinb Barren ÄJl’eIj,n’ans’? Kilo. 2000 Stück bavon, bie Ausbeute von zwei Tagen, nimmt ,St l l'heute nach Deutschlanb mit." .St IT lag in einer kleinen Mulbe bicht neben bem Gießhaus, etwas tiefer als bteies. Zu einet Labeluke in bet hinteren Hälfte seines Rumpfes hwrte eine Alumimumbrucke, bie infolge dieses Höhenunterschiebes waage- recht lag. In kurzen Ab'tanben kamen Elektrokarren mit stumpfgelben Guß bnrren beloben aus dem Hans unb rollten über bie Brücke in ba« Schiff Die brei Herren tarnen gleichfalls ben Weg über die Brücke unb gingen m ben Laderaum, der sich im Unterteil bes Rumpfes bort besanb, wo an befett Cbetteil die Schwingen ansepten. Eine Weile ftanben sie hier unb “I’e" *us die Werkleute Barren um Barten von den Sorten hoben nr te1 Achs" des Lagerraumes dicht nebeneinander schichteten. Dr. Wille schwieg. Er schien in allerlei Gedanken versunken zu fein. „Warum auf einmal so tiefsinnig, Herr Kollege?" fragte ihn Reute. Wille lachte. „Ich mutzte eben an das Märchen au8 .Tausend unb eine Nacht' benten, wo der Kalif einem Günstling erlaubt, io viel Golb aus seiner Schatzkammer mitzunehmen, wie et zu tragen vermag." „Doch ein ganz anständiger Vorschlag", meinte Reute. „3a, aber allzuviel kommt nicht dabei heraus. Rehmen mit einmal an, baß dieser Günstling ein Athlet war unb mit einem runden Zentner abziehen konnte. Dann wären das immer nur 125000 Mark. Gewiß ein recht nobles Geschenk, aber nach den Worten des Kalifen hätte ich, offen gesagt, mehr erwartet.“ „Tia, Gold hat sein Gewicht, lieber Doktor", warf der Professor ein. „Ein Scheck läßt »ich in der Brieftasche viel bequemet mitnehmen. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß er nur Wert hat, wenn Deckung für ihn vorhanden ist, unb letzten Enbes wirb biese Deckung burch bas Golb bärgefteUt, bas in ben Kellern ber Bank liegt, bei ber er präsentiert wirb." „An, unb für sich ist es unsinnig Milliarben unb aber Milliarben von Pferdekraftstunben aufzuwenben, um bamit ein bestimmtes gelbes Metall (das Golb) aus bem Quarzgestein herauszuarbeiten unb als Währungsunterlage in bie Keller ber Banken einzulagern", meinte abschließend» Reute, „denn das Vertrauen ber Oeffentlichkeit zu ber gesunden Wirtschaft eines Volkes unb seiner Regierung ist bie beste Unterlage für seine Währung. Weil aber andere Staaten ben Golbfimmel haben, so wollen wir auf einen Schelmen anberthalbe setzen unb mit bem Golde, bas ber Himmel uns in ben Schoß warf, zum Besten unseres Lanbes wirtschaften." Der letzte Karren hatte seine wertvolle Labung abgegeben unb rollte über bie Brücke ins Freie. In einer Länge von zehn Metern unb einer fast ebenso großen Breite war der Boden des Schiffsraumes jetzt mit einer Decke gediegenen Goldes belegt. „Ein kostbarer Teppich. Es gibt keinen kostbareren in ber Welt“, sagte Professor Eggerth nachbenklich, während er über bie gelbschimmernde Fläche zu einer Treppe hinging. Die .City of Boston', welche die Andrewsche Expedition nach der Antarktis brachte, hatte bas Glück, im Roß-Meer erträgliche Eisverhältnisse zu finben. Schon war bie Felsküste von Viktoria-Land deutlich am Horizont erkennbar, als sich ihr bie ersten Eisschollen in ben Weg schoben. Krachend zerbarsten iie, wenn ber scharfe Bug des Schiffes sie traf. Vorsichtig, mit halber Maschineukraft vermochte bas Schiff seinen Weg fortzusetzen. Vorläufig war es immer noch lockeres Treibeis. Dem Kapitän Lewis war nicht wohl bei bieser Fahrt. Sprang etwa ber Winb um, trieb er bie Schollen gegen bie Küste hin, bann mußten sie sich ja zu bem gefürchteten Packeis zusammenschieben, würben fein Schiss umklammern, einschließen — für lange Zeit, vielleicht für immer. Alles tarn barauf an, baß ber Lanbwinb anbielt, solange bas Schiff sich in bieiem gefährlichen Gebiet befanb. Er atmete auf, als bas Ziel enblich erreicht war unb bie .City of Boston' unmittelbar neben einem Felsplateau ihre Anker in zwanzig Faben Wassertiese niebertaffeln ließ, unb gab Befehl, sofort mit ber Ausschiffung ber Expebition zu beginnen. Eine schwere Laufbrücke würbe von zwei Schissskränen zu bem Plateau hinausgelegt, unb ber mächtige Raupenwagen glitt über iie hin an Lanb. Der Treibstoff folgte. Eiserne Fässer, jebe? hunbert Kilo entljaltenb, würben über bie Brücke gerollt unb von ber Mannschaft auf bem Plateau aufgestapelt. Mr. Bolton hatte aus seinem früheren Unfall eine Lehre gezogen unb biesmal ein tief siebenbes Benzin gewählt, bas auch bei ber strengsten Külte nicht erstarrte. Zweihunbert solcher Fässer würben an Lanb gebracht. Sie bebeuteten einen Treibstoffvorrat von zwanzig Tonnen, ausreichend für eine Fahrtstrecke von weit mehr als 10000 Kilometern. Hier hatte Bolton nicht gespart, denn Treibstoff bedeutete ja Bewegungsmöglichkeit, Bewegungsfreiheit für die Expedition, bedeutete Wärme unb Licht Währenb ber langen Fahrten burch bie eisige Einöbe. Proviant kam nach bem Treibstoff ans Lanb. Konierven aller Art, die Büchsen in Kisten zu handlichen Gepäckstücken vereinigt, eine hinreichende Menge, um den Nahrungsbedars ber fünf Teilnehmer ber Expedition auf viele Monate sicherzustetten. Danach Pelze und Bekleidungsstücke in beträchtlicher Zahl, obwohl der mächtige Raupenwagen ja einen sicheren .Schutz vor allen Unbilden des polaren Klimas bot. Kaum war das letzte Stück an Land, als bie Brücke zurückgenommen mürbe. Dumpf heulte bie Sirene ber .City of Boston' auf, grollenb kam bas Echo von ben Felswänben zurück. — Die Schrauben begannen zu arbeiten. Langsam beschrieb ber graue Rumps in bem engen Fahrwasser einen kurzen Bogen, vorsichtig entfernte sich das Schiff von ber Küste unb suchte ben Weg zum freien Meer zu gewinnen. Zusehenbs waren bie offenen Rinnen in ber kurzen Zeit, die es hier gelegen hatte, schmaler geworben, benn der Wind hatte »ich derweil gedreht. Mit Mühe glückte es Lewis noch, das offene Meer zu gewinnen. Bolton unb Garrison ftanben mit Captain Anbrew am Raube des Pia- teaus unb schauten ber .City of Boston' nach, bis ihre Schornsteine am Horizont verschwanben. „Wir haben Glück gehabt, Mr. Bolton", tagte Captain Anbrew. „Wenn wir eine Stunbe später tarnen, hätten wir lange nach einer Lanbungs« Möglichkeit suchen können. Möge uns bas Glück auch weiterhin günstig sein." Garrison fröstelte in bem eiligen Sturm. „Gehen wir in unfern Wagen", schlug er vor, „unb fassen wir bort unsere Entschlüsse für bie nächste Zukunft." Der Wagen, nach ben Entwürfen von Anbrew gebaut, war wesentlich größer als bie Fahrzeuge ber Willeschen Station. Gut fünfzehn Meter lang unb über brei Meter breit enthielt er reichlichen Raum nicht nur für Bolton, Garryon unb Andrew, fonbern auch für ben Wagenführer Parlett unb für den Funker Sowjet unb vermochte außerdem noch eine bedeutende Nutzlast mitzunehmen. (Fortsetzung folgt.) Am Himmelstor. Von Conrad Ferdinand Meyer. Mir träumt*, ich komm' an» Himmelstor und finde dich, die Stiftel Du Iahest bei dem Quell davor und wuschest dir die Fufte. Du wuschest, wuschest ohne Rast den blendend weihen Schimmer, begannst mit wunderlicher Hast dein Werk von neuem immer. Ich frag: „Was badest du dich hier mit tränennassen Wangen?" Du sprachst: „Weil ich im Staub mit dir, so tief im Staub gegangen." Schneesturm. wurde falt, und die Hätte war verschlossen Wir liefen auf und ab, bliesen in die Hände und schlugen die Arme. Dann fuhren die weihen Schwaden aus dem Finsteren plötzlich ichräg heran, auch aus diese fleine Jniel und in diese enge Höhle, und warfen sich über unsere Füße. Wir lauerten uns aus das Bänkchen, dicht aneinander. Die Lust war trop der Schneewehen immer noch still, nur jenseits der gegenüberliegenden Kesselwand klang ununterbrochen ein Rollen und Rattern wie von Eisenbahnzügcii. Verzweifelt stemmten wir uns gegen die Tür, aber sie gab nicht nach, und die Kälte drang immer schärfer auf uns ein. Endlich kamen die erwarteten und riefen schon von weitem; es war eine ganze Gesellschaft, Herren und Damen. „Also los!" kommandierte der Sprecher von vorhin, nachdem er die schadhafte Bindung, so gut es möglich >var, wieder hergestellt hatte: „Immer dicht aufschliehen." Es giug in der Kette des Gänsemarsches bergauf, erst noch einmal durch den Wald, bann zwischen vermummten Tännchen, durch kleine Hochtäler und zwischen Latschen. Aber wie das frische Geleise iich etwas senkte und mein unerfahrener Freund ins Gleiten kam, stürmte er und arbeitete sich nur langsam aus seinem Schneegrab, in dem sich leine Hölzer überkreuzt und io bet» wirrt hatten, daß er nicht wußte, wo seine Füße waren, wo rechts und wo links. Der eine Ski unserer Begleiterin hatte sich indes von neuem gelockert, hing baumelnd an und stellte iich quer. „Warten, warten I" ries ich den anderen zu, die wir unter solchen Umständen vergeblich eiiizuholen suchten, sie taten es eine Weile widerivillig und dann nicht mehr — schöne Sportskameraden, die noch dazu freiwillig ihre Dienste angeboten hatten. Die Spur von ihnen verwehte, uns war das Rotwandgelände noch unbekannt, aber anscheinend ging die Richtung über einen Grat fort, den der Wind, stäubende Schneewolken aufpflügend, hart überstrich. Ich ließ die junge Frau vorausstapsen, um sie im Auge zu Haden und ihr etwas bet« zustehn. Mein junger Freund folgte dicht hinter uns, doch mit eins war er lautlos verschwunden. Er war aus eine Mächte getreten und mit dieser abbrechenden Lawine zu Tale gestürzt. Hinter mir nämlich war es plötzlich still, ich kehrte mich um und sah erschrocken ins Nichts. Wir riefen und riefen, aber der Sturm riß uns den Laut aus beu Münbern und stopfte sie mit eisig na’fen Knebeln. Endlich, in einer Atempause der Bö, kam Antwort aus der Tiefe. Rach langem Hin und Her glaubten mir zu verstehen, daß er heil war, aber den Stock verloren hatte und ohne Hilfe die Steilhänge nicht nehmen konnte. Ich durfte die Frau nicht alleinlaffen und meiner noch bescheidenen Skikunst zudem nicht zutrauen, in die ,ähe Tiefe hmabzusohreu unb ohne Beistand das Rettungswerl votzunehmem Indes: unferen Rufen antworteten noch andere Stimmen, solche, die iich näherten. Es war Samstag, und nur daher kam es, daß heute noch ortskundige Sportsleute, die ebenfalls den Abendzug benutzt hatten, unter» Wegs waren. Zwei mnge Männer tauchten auf und ließen Tafchenlampen blitzen. Wir meldeten ihnen d^n Absturz, und sofort rüsteten sie sich zur Hilfs» expedition. „Nur ruhig Blut, Fräulein", sagten sie. „Bleiben Sie beide, wo Sie find, bis wir ihn bringen. Gehen Sie teilten Schritt." Wir ftanben aiFeine Steinklippe gelehnt, die haushoch aufragte. Es pfiff um die Felsmassen, schneidende Kälte rann uns ins Blut und machte es erstarren. Eine ruhige Fübllbsigkeit der Hanl stemmte sich noch lebens- willig dem fauchenden Frost entgegen — dann wurde sie zu einem schlummer- willigen Wohlgefühl. Es war schön, von der weißen Decke der Bergödms, beten Eishauch lockend an den Beinen hoch zum Herzen kroch, begraben zu werden. Nahende Rufe weckten uns. Die beiden Fremden peitschten mit ihnen einen Erschöpften hoch: „Vorwärts! Vorwärts!" Der eine griff die junge Dame, bic l)otb ein bcn Rolfen tjinßcjunfcn tvnr, unter ben Arm „Au ä^ljn Minuten sind wir beim Haus!" Die zehn Minuten vergingen. „Aber jetzt wirklich nur noch zehn Minuten , hieß es. Dabei ragte immer noch die weiße Wand, an der wir aufwärts gingen. Der sausende Schnee schnitt uns wie scharfe glühende Nadem ins Gesicht, der Sturm verschlang uns den Atem, die Beine waren mürb, bie Knie schlotterten, bet eine Ski unserer Begleiterin ichleifte, unb ihr Hetz mochte in Stößen pumpen, bie als Schreie taktmaßig aus ihrem offenem Munde flogen: „Wann? Wie weit noch? Ich ann nicht mehr stöhnte sie und stöhnte auch mein geretteter, kriegserprobter Freund. Und •immer antworteten die ermunternden Zurufe: „Zehn Minuten noch I Nur Mut! Vorwärts Kamerad!" Und: „Zehn Minuten noch!' flüsterte ich nach als Trost. Aber ich wat es, der zuletzt an einer Böschung immer wieder abbrach und keinen Halt mehr fand. Da brachte mich em kräftiger Stoß und Hub hinauf - und strahlend vor uns in der Nacht, mit allen Lichtfenstern lachend, eine feste Burg, ein Choral, ein Sternenbaum, ein Ziel unb em Hafen, ein Jenseits, eine himmlische Zinne, tagte bas Haus ... Der vereiste Grat bet Höhe war vom Schnee reingefegt. ®ie Freundin liefe sich von mit bie Hölzer abichnallen unb liefe den Rucksack hmimken. Knechte kamen vom Haus, uns entgegengeschickt, nahmen unier ganzes Gepäck und leiteten uns wie Erzengel über die letzte wiegelnde Brücke zum Wolkenpalast Stubenheimlichkeit, Grammophonklänge, Touristeulachen, eine Welle von Hausglück nahm uns auf. Wir konnten nichts effen,aber roir tranken Glühwein, lachten auch und spürten nicht einmal Müdigkeit. Erst als ich lafl, ich merzten meine Beine wie anss Nab geflochten, doch dann begannen iie zu tanzen, ins Naumloie hinein unb hinauf. Am nächsten Morgen strahlte die Sonne über hundert Gipfeln, auf denen ein wolkenloser Himmel ohne die kleinste Regung thronte. Durch herrlichsten Pulverschnee zogen Scharen von Sonntagsgästen auf staubenden Fußschwingen blaue Bahnen. Wir ruhten verzückt und bräunend »vi Glashaus der Veranda, in dieser Blumentreiberei für Menschenleiber, die Höhr n- fonne tranken. _____ Ein Skiabenteuer von Hans Brandenburg. ’ Wir reisten in unserer Skiausrüstung an einem Spätwintermorgen felbbritt, zwei Männer mit einer Begleiterin, und erreichten erst den Schnee, als iich der Zug dem Schliesee näherte. Schon vor Baprischzell waren wir am Ziel und aßen noch im Tal zu Mittag, in einem Gasthof, der 'ich mit steinbeichwertem Dach und hölzernen Galerien breit an die Vorberge lehnte. Wir telephonierten an das Unterkunftshaus auf der Rotwand, um Quartier zu bestellen, bann konnte bie Wanderung beginnen. Das Tal, erst breit, lief eben hin mit moorigen Wiesen, die teils schon nackt waren und voller Schmelztümpel, teils braune Riedgräser durch die schwindende weiße Decke fädelten, dann hob es sich kaum merklich und zipfelte aus zwischen ansteigenden Waldlehnen. Auch hier war der Schnee schon breiig und im Schatten verharscht. Die Sonne brannte sommerlich auf den breiten glitschigen unb spiegelnden, von Quellchen und Rinnsalen sickernden Weg, wir zogen die Windjacken aus und steckten iie zwilchen die Rncksackriemen, und unsere Begleiterin stapfte in leichter Bluse voran, barhäuptig und behost, die zusammengeschnallten Hölzer tapfer geschultert. Ein paar Meilen probten den Frühlingsruf, ein Buchfink trillerte. Vereinzelte Luftsträhnen und flockige Gebilde streiften durchsichtig die lüße Seidenbläue des Himmels. Wir kamen in den Hochwald, und der Weg schraubte sich in Kehren durch ihn hinauf. Manchmal reckte über die dunklen Tannenhänge ein Felsriese einen blendenden Schneeschild für Augenblicke ins Blaue. Kühl hauchende Schattenklüfte blieben zurück, Wildwasser, durchrauscht. Wir hatten nun bie Stier mit den Spitzen an die Störte gebunben unb zogen sie nach. Eintönig kämpfte bas Schleifen ber Stufen in den Fahr- rinnen der Straße mit der Stimme des Wasfers. Endlich lichtete |ich bei Wald bei dem Heiligenbild an einer Wettertanne in eine Alm, die mit steilen weißen Matten hinanstieg. Wir schnallten die Hölzer an unter ine wir, um nicht au rutschen, die mitgenommenen Fellstreifen gespannt hatten. Hier oben lag guter Firnschnee, der Weg hatte aufgehört, aber die Hange, an denen wir mühsam einporstiegen, waren wirr durchkreuzt von Skispuren, die im ganzen die Richtung wiesen. Em Paar kam uns tu schöner, dem Gelände angeschwungener Abfahrt entgegen, zwergig im Ungeheuern bet Weiße, unb verschlvanb bald in bem Hochwalb, ben wir unter uns gelaßen hatten. Nach langem schweren Stampf mit bet Steigung überkletterten wir einen verwitterten Zaun, ba wir bas Gatter nicht fanben, unb rasteten hochatmoib bei einer Almhütte. Nebel beimpften, glitten hm unb her, hinaus und hinab, verschluckten bie Nähe und Ferne und verdunkelten den erst noch klaren Himmel. Sie mußten sich bald wieder verzogen haben, das ichien gewiß, ab-r auch wenn iie sich sestietzten, blieben die Spuren, die zum Gip,G führten, sichtbar. Doch nach einer Weile begann es zu schneien, und gleich mit dichtem Gestöber. Dabei rührte sich kein Wind, der geräumige Hoch- kessel der Alm war geschützt. Wit überlegten lange, was zu tun lei. Die Sputen waren schon letzt verschneit, dennoch widerstand es uns, nach all den Muhen umzukehren, die errungene Höhe wieder zu verlieren. Zu Fuß hinabzugelangen war kaum möglich denn man versank bis über die Knie im «nee In lauster Schräge zum Hang hätte vielleicht auch mein Freund, der noch kaum aus Skiern gestanden hatte und droben exst einen Anfangetkurs mitmachen wollte ab ähren können, aber er wat einarmig, em Kriegs,nvalide, daher audi nur mit einem Stock ausgerüstet, ich wollte nichts mil chm wagen, kniet konnte man in dem unsichtigen Schneetreiben nur zu leicht die Rich- tuna verfehlen; bann war kurz vor ber Rast ein Riemen an bet «ung unsrer Begleiterin gerissen, unb bie behelfsmäßige Heilung des Schabens be sprach fcine Sicherheit. Uebet bet Beratung trat außerbem zu der Schneedämmerung eine frühe Abenddämmerung em. Da sausten zwei Schatten heran. „Ski Heil", rief ich. „Können Sic uns iAf mihtphmen?" Unmöglich", riefen bie anbeten, „wenn eie nicht sehr geübte Fahrer sinb.'Wit müssen Fteunbe am Bahnhof abholen, bie heut noch auf ben Berg wollen. Aber warten Sie ruhig hier, wir kommen "n Iwei Stunben wieder und führen Sie sicher zum Unterkunftshaus." Und die Schatten stoben davon. Uns fiel ein Stein vom Herzen; vergnügt packten wir unsetn Spiritus- kochet ans, füllten den Kessel mit Schnee und bereiteten einen Tee ,m trocknen Schutze des weit vorspringenden Hüttendaches, unter dem foga ein Bänkchen stand. Doch die innere Erwärmung hielt nicht lange vor, es DerantworMch: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag; Vrühl'fche UniverfitätS-Vuch- und Stetndruckerei, R. Lange, Gteßen. Wandlung. Don I. O. B r i n g e z u. Kam der Nordwind über Nacht, strich mit seinem dunklen Flügel meine Fensterscheiben sacht, leise nur, nur so im Flug. Doch am Morgen — Glücks genug! — fand sein heimliches Gefieder ich aus meinen Scheiben wieder, und von Silber war die Pracht. Welsen Andere Vögel ziehen nach Nordfrankrelch und Südengland, wo es sehr milde ist, so milde, daß manche Arten, die bei uns Zugvögel sind, dort nicht fortwandern, also als Standvögel anzusprechen sind. Eme Art, die Küüenseeschwalbe (bie freilich nicht in Rossitten beringt wird), reizt unsere Phantasie besonders. Sie fliegt vom hohen Norden „mit der Sonne und ist immer da, wo die längsten Tage sind; auf diese Weise macht sie m einem Jahr die Reise vom Nordkap bis Feuerland und zurück. Aber es ist nickt so, daß dieser Vogel an sich besonders lichtbegeistert wäre, sondern er braucht infolge feinet Veranlagung viel Zeit zu Fischfang und Ernährung und sucht sich daher eben überall die längsten Tage aus. Jede Wissenschaft bildet sich allmählich ihre Grundbegriffe, und auch bei den Rosfittener Forschungen ist es reizvoll zu sehen, wie die früheren ungenauen und halb populären Begriffe der Ornithologie < Vogelwissen. schakt) allmählich schärfer gefaßt werden. Man unterscheidet genau zwischen Flug und Zug. Es gibt Vögel, die sehr schnell, aber täglich nur kurz fliegen, so daß andere mit langsamem aber ununterbrochenem Flug besser voran- kommen. . , , . Auch die Geschwindigkeiten und Flughöhen werden untersucht, wobei die Forscher immer dringender ihren Wunsch nach Einsatz von Flug- zeugen und Schiffen für die Forfchung zum Ausdruck bringen, der aber wegen der hohen Kosten noch kaum erfüllbar ist. Es ergab sich, daß die Vögel meist recht niedrig fliegen, manche kaum nennenswert über der Erde, andere erheben sich doch Hunderte von Metern, andere wie Schwäne und Enten, sogar 2000 bis 3000 Meter. In Asien hat man Zugvögel auf Paß- Übergängen in 4000 Meter Höhe angetroffen. Dabei lassen sich auch seltsame Beobachtungen machen: Im Kaukasus unternahmen Zugvögel mehrmals den Angriff aufs Gebirge, aber wegen Nebels kehrten sie oft wieder um. Genau wie die menschlichen Flugzeuge: es war ihnen zu unsicher, und sie warteten die Sonne ab. Die Forscheraufgabe, die sich Roffitten gestellt hat, ist mit der Erkenntnis des Vogelzuges noch nicht abgeschlossen. Man sammelt seltene ostpreu- ßische Vogelarten und hat jetzt eine Ausstellungshalle errichtet. Man setzt sich für einen recht verstandenen Naturschutz ein, um zu erhalten, was eben noch zu erhalten ist. Bei einigen deutschen Bogelarten ist freilich der Versuch, sie zu erhalten, hoffnungslos. Die allgemeine Arbeit an der Ornithologie wird nicht verfäumt. Und es ist ein Glücksfall, daß der Leiter der Vogelwarte Rosiitten, der mich auch in liebenswürdigster Weise in die ganze Materie einführte, zugleich einer der besten Kenner der mitteleuropäischen- Vogelwelt ist. Direktor Dr. Heinroth hat ein sehr beachtenswertes Werk geschaffen: „Die Vögel Mitteleuropas"*). In vier Bänden bat er feine etwa 4500 Photos von im Zimmer aufgezogenen Vögeln verarbeitet. Wir verfolgen darin vom Schlüpfen aus dem Ei an das tägliche Leben der Vögel und werden zu- gleich in ihre Lebensgewohnheiten eingeführt. „Freilich", betont Dr. Hein- roth, „dürfen wir das Leben der Vögel nicht nach unseren menschlichen Maßstäben messen. Viele Vögel sind gar nicht so klug oder so empfmdungs- reich, wie wir es uns vorstellen. Einzeluntersuchungen in Rossitten ergaben, daß die Lachmöven in einem wilden Kampf um den Nistplatz leben, der ihnen freilich von der Natur karg genug zugemesfen wird." Das letzte und höchste Ziel aller Arbeit in Rossitten ist aber doch die Erkenntnis der Rätsel beim Vogelzug, die psychologische Frage nach der Ursache für das Sichzurechtfinden der Vögel, inbesonders der allein und nachts ziehenden. Dr. Heinroth selbst saßt die Einzelfragen, die zu diesem Ziel führen, so zusammen: „Zughöhe, Geschwindigkeit, Abhängigkeit vom Wetter an der Aufbruchsstelle und während des Zuges, tägliche Flugleistung, Zugrichtung der einzelnen Arten, Zug am Tage ober in der Nacht, einzeln oder gesellig, nach Geschlecht und Alter getrennt oder nicht, stumm ober unter Zuruf." Welche Fülle bet Aufgaben! Aber in ber Frage nach ber Ursache ist Dr. Heinroth lehr vorsichtig. Er erzählt Beispiele, bie bie ganze Frage anscheinend mehr erschweren als erleichtern. Trotzdem wird an ihr gearbeitet. In einer grundlegenden Arbeit untersucht Wilhelm Meise bte verschiedenen Möglichkeiten. Da findet sich u. a. bie Vorstellung, bie Heimat bet Vögel strahle elektro-magnetisch auf einen inneren Sinn ber Vögel aus unb leite sie bemgemäß, so baß ihr, wie man weiß, unzureichenber Gesichtssinn gar nicht besser ausgeprägt zu sein braucht. Aber bann müßte man annehmen, baß auch bie Ziellanbschaft, bei ben Störchen also Afrika, solche Strahlen aussende, und das dürfte doch zu weit gehen. Auch an sich spricht seht viel gegen diese von Alex und Anton Stimmelmayr vertretene Hypothese. Man greift bann am ehesten roieber zu einer Kombinationsaiisicht: in ben Bogengängen im Ohre, bie in bet ganzen Vogelwelt gleichmäßig ausgebilbet sinb, entstehen bestimmte Einbtücke, bem Vogel meist unbewußt; er verbindet sie mit anderen Eindrücken, Winken, Windungen über zutück- gclcgte Weae (auch in geschlossenen Eisenbahnwagen!), die „registriert" werden und mit deren Hilfe bet Vogel ben Weg hin unb zurück finbct. Die jungen Vogel, so meint man bann, haben im Erbgut ben.Sinn für Richtung unb Ziel ihrer Winterplätze mitbekommen, io baß also hier Fragen ber Erbdiologie vorliegen. Ader alles bas ist noch unsicher und umstritten. Und wir müssen vor allem barauf achten, baß bie wissenschaftliche Forschung es sich nicht zu leicht macht, inbem sie einen Begriff für einen anberen setzt, aber nichts bamit erklärt. Der Begriff bes „Instinktes" wirb ja jetzt durch- weg als ein schönes Wort angesehen, mit bem sich bie wissenschaftliche Betrachtung aber nicht begnügen bars. Die Arbeit in Rossitten reicht also ganz tief in bie Urgrünbe unserer Erkenntnis vorn Organischen unb ben Gesetzen seines Verlaufes hinein. Man greift auf bie Anthropologie zurück, man befragt Samojeden unb Saharajäger, die sich in Tundra und Wüste in einem uns unvorstellbaren Maße zurechtsinden, z. B. einen anberen Rück- als Hinweg einschlagen zu einem bestimmten Ziel. Rätsel über Rätsel. . Auch Rossitten wirb zu ihrer Lösung beitragen, unb barum sehen wir gespannt ben weiteren For- ichungen unb Erfolgen entgegen. *) Bor längerer Zeit im Gießener Anzeiger ausführlich besprochen. Die Vogelwarte Soffitten. Von Hans Hartmann. tiefer wir in bie verschiebenen Gebiete ber Tierwelt einbringen, befto mehr Wunderbares und Staunenswertes entdecken wir. Das Verhältnis der Mutter zu ihren Jungen, der Zug der Vögel und der Fische, d,e Mtmi- Irv — damit haben wir nur einiges herausgegrisien. Am allerwunder- barsten dürfte, wenn wir genauer zusehen, der Zug der Vögel sem Er ist das Hauptforschungsgebiet ber Vogelwarte Rossi t ten. 1901 h ati te Thienemann gegrünbet, nachbem zwei Jahre zuvor em bamscher forscher die Methode angeioanbt hatte, einen Ring mit einer Orts- unb Zahlbezeichnung an ben Fuß von Vögeln anzulegen, bie man so auf ihrem weiteren Lebens- unb Flugwege verfolgen konnte. Rossitten würbe 1923 von bet Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft übernommen. Die Vogelwarte liegt in Ostpreußen auf der Kurischen Nehrung. Diese ist für Millionen von Vögeln, die im Herbst aus dem Nordosten kommen, der natürliche Zugweg. Sie haben für den Notfall schützendes Land unter sich, und io wirkt dieser fast hundert Kilometer lange Landstrich, dessen nördliche Hälfte jetzt zum Memelgebiet geschlagen worden ist, wie eine Art Beobachtungssatte. Daß er außer Vögeln auch viele interessierte Menschen anlodt, so daß jetzt etwa 15000 Besucher jährlich kommen, sei als Zeichen für eine gesteigerte Liebe bet Deutschen zu Ostpreußen nur nebenbei bemerkt. Es ist nicht leicht, sich dieser Arbeit ber Vogelbeobachtung zu unter- ziehen. Zunächst ist eine genaue Kenntnis ber Vogelarten nötig. Das ist denn auch oberstes Gebot für bie Forschungsarbeit in Rossitten. Die Vogel- warte hat überall im Laube Mitarbeiter, bie selbst „Beringungen" vornehmen können; bie Ringe bazu jenbet ihnen bie Vogelwarte kostenlos. So helfen sie mit am großen, auf Jahrzehnte berechneten Fvrscherwetk; aber es muß bie Gewähr vorhanden sein, daß ihre Meldung richtig ist, daß sie also vor allem ben beringten Vogel richtig erkennen. Nicht minbet schwierig bürste bie birekte BeobackMng ber Zugvögel in Rossitten unb Umgebung sein. An guten Herbsttagen fliegen schätzungsweise über eine halbe Million Vögel über bie Nehrung. Nun weiß man aber, baß viele Arten ben Flug über bie östliche Haffküste vorziehen, so baß dort neue umfangreiche Beobachtungen nötig werben. Der Rückflug vom Süden (also der Frübjahrszugi bringt bie Scharen in geringerer Dichtigkeit denn mancher Wanderer hat inzwischen sein Leben lassen müssen. Freilich: das Grundgesetz, ob Tag- ober Nachtzug, ob Flug nach Alter ober Geschlecht getrennt, ob lautloser ober mit Zurufen oerbunbener Zug, gilt im allgemeinen für Hin- unb Rückflug. Viele Vögel gehen auf ihrer Winterreise verloren. Es kann sie ein plötzlicher Kälteeinbruch vernichten wie bei ben Schwalben Ende September 1931; sie werben gefangen unb verspeist wie leibet unzählige bejonbers in Italien, Spanien unbSübsrankreich; sie können sich verfliegen unb finben nicht mehr zurück. Ober sie fallen einem Verhängnis zum Opfer wie anscheinend viele Störche, die sich in Afrika von Wanderheuschrecken nähren; aber da man diese jetzt mit Arienik vergiftet, müssen die Storche, die sie fressen, mitfterben. Gleichwohl ist das Material, das ;etzt schon zur Verfügung steht, ungeheuer. In Rossitten ober durch Rossitten sind weit über 20Ö000 Vögel beringt worden. In den meisten Kulturländern der Erde beringt man * jetzt auch, so daß hier ein besonders schönes und fruchtbares Feld wissenschaftlicher Zusammenarbeit vorliegt. Selbst während des Krieges sind hier die Fäden nicht abgerissen, und außer Frankreich haben alle Länder ihre Meldungen über bie vorgesunbenen beringten Vögel über bie neutralen Länder nach Rossitten gelangen lassen. In Frankreich werden viele Vögel getötet, und das Interesse an ber. wisienschaftlichen Forschung ist erst allmählich erwacht. Durch die mühselige Kleinarbeit, über die die ausgezeichneten Berichte der Zeitschrift „Der Vogelzug" auf dem Laufenden halten, entsteht mehr unb mehr ein Gesamtbilb von ben Leitlinien bes Vogelzuges. Unsere mitteleuropäischen Störche — Landesgrenzen gibt es für sie nicht! — ziehen entweder den Landweg Kaiser Barbarossas über den Balkan nach ber Türkei, weiter über Palästina den Nil hinauf, wo große Scharen im südlichen Sudan wiederentdeckt wurden, und dann weiter nach dem östlichen Südafrika. Die westlich der Elbe beheimateten aber fliegen über ©üb- frantreid), Spanien, Gibraltar nach Norbafrika, entschwinben bann aber dem Blick ber Forschung. Man nimmt jeböch an, baß sie in bie Sahara unb weiter fliegen. Dieser Flug der Störche geht verhältnismäßig langsam vor sick, sie fliegen vielleicht 120 Kilometer am Tage, kommt eine schöne Wiese, bann rasten sie unb nähren sich. Ihr Zug bauert 2 bis 3 Monate hin unb ebenio lauge zurück. Beobachtet man bie venchiedenen Arten von Vögeln, so zeigen sich immer wieder andere Fliiggewolucheiten. Unser Rotkehlchen läßt sich im Winter in Ungran, Oberitalien, Spanien, Portugal und Belgien nach