Eichener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1955 Sreitag, den 13. Dezember Nummer 97 Lars der Gerechte Roman von Wilhelm Scharrelmann cht immer geahnt, daß nicht die Tasche voll Geld gehabt ihm zu, du mich er Lust mal die „Lars!" rief Lena erschrocken, chatte sie nii alles damit in Ordnung war, als Lars immer waren, „ . , n , Wehre dich doch nicht länger dagegen, Lars , redete Lena „Ich glaube ja doch, daß es so ist, wie ich sage," „Ja, wenn du mir doch nicht glauben willst, warum fragst da überhaupt noch? Da kann unsereiner also wohl sagen, was hat, he?" ,, . „Darum bist du auch immer so verschlossen gewesen, wenn Rede darauf kam!" beharrte Lena, ,. . „So, Also das glaubst du! Nein, wie schlau du doch bist! Da mußt du Krick ja für einen mächtig reichen Kerl halten, daß er mir, so mir nichts dir nichts, gleich ein paar Tausender für den Hof hier hatte geben können, wie?" ,, , , , . m _________ „Nein, Lars. Ich fürchte, daß es nicht einmal jein Geld war. wenn 5. Fortsetzung. Als Lena am andern Morgen aufstand und aufs Flett hinaustrat, Snd sie Lars noch am Herd sitzen, den Kopf vornübergebeugt, die Ellengen auf die Knie gestützt. Du lieber Gott, war er da, nachdem er Krick hinausgewiesen hatte, km Sitzen eingeschlafen? „Lars!" sagte sie und faßte ihn leise an die Schulter. Aber sie erschrak erst recht, als sie merkte, daß er durchaus nicht schlief, und nur so versunken in sich selber dasah, daß er ihr Kommen ganz überhört hatte. „Was ift?'' fragte er und fuhr aus seinem Hinbrüten auf. Seine Stimme klang heiser und seine Augen tauchten mit einem erloschenen Blick in die ihren. „Bist du über Nacht gar nicht im Bett gewesen, Lars?" „Nein", antwortete er. „Mir war nicht zum Schlafen." „Hat Krick es dir so schwer gemacht? Sag nicht nein, Lars, ich hörte sa, wie ihr euch strittet. Ihr wurdet so laut, daß ich beinahe Angst bekam. War er nicht zufrieden mit dem Gelde, das du ihm gabst?" „Ach, sei still davon!" wehrte Lars ab, müde und gereizt. „Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er gern noch mehr genommen, das kannst du dir doch denken." „So?" antwortete Lena und zog die Stirn kraus. „Sind wir ihm vielleicht etwas schuldig, wie? Denn wenn er dir früher mal was geliehen hat, kann es wahrhaftig nicht viel gewesen sein, sollte man meinen. Er hatte doch selber immer so gut wie nichts. Oder hat er dir etwas aus Amerika geschickt? Nein? Ja, wie kommt er denn überhaupt dazu, dich um Geld anzugehen? Er kann sich doch denken, wie schwer wir es selber hier draußen haben!" Im selben Augenblick begriff sie, es mußte wohl ein Zusammenhang sein zwischen dem Kaufgeld für den Hof und der Forderung, die Krick an Lars gestellt hatte? Aber wie war das möglich? Krick war doch die vielen Jahre in Amerika gewesen, und vorher hatte er ebensowenig besessen wie Lars! „Bist du ihm wirklich etwas schuldig, Lars? Ich meine, etwas von Belang?" „Ja, siehst du", erwiderte Lars hilflos und gequält, „ich wollte nicht, daß du davon wissen solltest, Lena, bei allem, was hier auf dir liegt. Aber nun du es erraten hast — ja, ich bin ihm einen Posten schuldig, und nun wollte er alles mit einem Schlage zurückhaben." hatte? „Ja, Lena, es ist eine dumme Geschichte, das ist richtig, aber ich will sein Geld nicht mehr, das kannst du mir glauben, und ich werde schon Wege finden, daß er alles bis auf den letzten Pfennig zurückkriegt, das ist gewiß." „Und du weißt auch, woher du es nehmen willst? Wieviel ift es denn?" fragte Lena beklommen, nun ihr endlich der Augenblick gekommen schien, klar zu sehen. Lars zuckte die Achseln. „Oh, ich werde mir schon„helfen, da ist mir nicht bange. Laß du das nur ganz meine Sorge fein." „Willst du mir nicht sagen, wieviel es ist?" drang Lena von neuem in ihn. „Hast du vielleicht das,' was du hier in das Haus gesteckt hast, durch ihn bekommen?" setzte sie hinzu. „Ach, was du nicht glaubst!" wehrte Lars ab und stand von seinem GflUm ihrem Blick zu entgehen, machte er sich auf der Diele zu schaffen und fegte die Heuhalme zusammen, die Hopla aus der Raufe gefallen er es dir gab, und daß er dir wohl auf andere Weise dazu verhalfen hat, siehst du." Lars antwortete nicht. Warum versteckte er sich noch länger? War es nicht erbärmlich, zu lügen, und hatte Lena ihn nicht schon erkannt? Ein Schauer überlief ihn. Aber das kam von der schlaflosen Nacht, die er hinter sich hatte, und dem Hocken vor dem niedergebrannten Feuer. Kaum, daß er klar zu denken vermochte! Als wäre ihm über Nacht eine Spinne über das Gehirn gekrochen und nun bliebe jeder Gedanke in ihrem verdammten Gespinst hängen. „Sag' es mir, Lars", bat Lena. „Ich hab' doch wohl ein Recht, - zu wissen —" Aber Lars hatte das Haus schon verlassen und zog die Tür mit einem Ruck hinter sich zu. Es war ein windiger, trüber Morgen. Der Regen hatte aufgehört, aber der Himmel stand noch düster und drohend über dem weitert Moor. Lars machte den Eimer am Brunnen los und stieß ihn auf das Wasser hinab, das kaum einen Klafter unter der Erde stand, hatte ihn aber doch noch nicht wieder heraufgezogen, als er sich angerufen hörte. Nein, war es zu glauben? Es war Krick, der höhnisch grinsend soeben aus der Scheune trat und jetzt die Tür hinter sich zudrückte. „Es war mir doch zu dumm, bei Nacht und Nebel hier durch das Moor zu biestern", erklärte er gelassen. „Und müde war ich auch. Da hab' ich denn in deiner Scheune im Heu geschlafen. Es lag sich auch ganz gut da. Man hat ja schon schlechter geschlafen, nicht wahr? Nur etwas zugig war es. Aber ich blieb doch trocken, und das war die Hauptsache. — Na, denn auf Wiedersehen, Lars Hullmann", grinste er, als er keine Antwort bekam und Lars nur fortfuhr, ihn aus übernächtig großen Augen anzu- ftarren, als sähe er eine Erscheinung. „In vier Wochen also, nicht wahr? Sagtest du nicht, daß du die Sache zwischen uns dann ins Reine bringen wolltest?" Er schwenkte die Mütze und ging. Lars stand der Atem still, und feine Hände ballten sich wie im Krampf. Dieser Mensch war das Unglück seines Lebens geworden. Da ging er hin, sprang über den breiten Zuggraben am Wege, als wäre das nichts für ihn, und die Last, die auf ihm lag, beschwerte ihn nicht um einen Deut! „Geh' zum Satan, du!" rief Lars ihm nach und fchüttelte die Fäuste. „Geh' zum Satan, sag' ich!" Aber Krick hörte es schon nicht mehr. Verstört trug Lars den Eimer mit Wasser ins Haus, tränkte das Pferd und kehrte dann wieder an den Brunnen zurück, um sich an dem Trog zu waschen. Das brunnenkalte Wasser und die Kühle des Morgens beruhigten ihn und machten seine Gedanken wieder klar. Ihm war, als beginne er jetzt feine Lage zu Merfehen. Ja, das hatte Krick sich gut ausgedacht! Sich hier zu ihm ins Haus zu fetzen, sich von Lena pflegen zu lassen, und ihm bas Mark aus den Knochen zu saugen, bis er bas Geld beschaffte? So was! Nein, bas war das letzte. Eher hängte er sich am nächsten besten Nagel auf! Hatte Krick nicht sogar gemeint, daß Lena es vielleicht ganz gern gesehen hätte, wenn er bei ihnen geblieben wäre? Hahaha! Er hätte nur wissen sollen, wie sie sich vorige Nacht gefreut hatte, als er ihm den Stuhl vor die Tür setzte und sie ihn wieder aus dem Hause los waren! Lena? Ha was sich bloß der Krick einbildete! Denn wenn es auch einsam genug hier draußen war — nach Kricks Gesellschaft hatte sie wohl am wenigsten Verlangen, das wollte er ihm jeden Augenblick schriftlich geben! Oder glaubte Krick vielleicht, daß Lena jemals ein Auge auf ihn gehabt hätte? Denn so hatte es ja beinahe geklungen, als er davon sprach, daß er damals eigentlich nur Lenas wegen mit ihm auf Hamfterfahrt gegangen war. Aber das hatte er nur erfunden, um auch Lena noch mit in die Geschichte zu verwickeln, die er auf dem Gewissen hatte! Oh, Krick sollte ihn nur nicht für dumm halten, so wie er ihn durchschaut hatte. Darum hatte er ja auch behauptet, daß er, Lars Hullmann, für ihn Schmiere gestanden habe. Was hatte er im Ernst mit der ganzen Sache zu tun, he? Hatte er vielleicht wissen können, was Krick so lange in dem alten Laden trieb und warum er nachher so eilig mit ihm in die Stadt zurü^ ging? Und konnte er vielleicht wissen, was es mit dem Paket aus sich hatte das er so lange für ihn aufbewahrt hatte, bis er eines Tages nicht mehr ausgehalten und es geöffnet hatte? Das hätte jeder andere doch ""^Nei^'nun mußt du dich nicht herausreden, Lars Hullmann, meldete sich da in ihm die Stimme wieder, die er schon während der Nacht in sich vernommen hatte, und wieder spürte er das eigentümlich saugende Gefühl unter dem Herzen, durchdringend und brennend, als hatte ihm jemand einen glühenden heißen Bolzen in den Leib gestoßen... Hast du das Geld nicht vielleicht für dich verwendet? Und haft du dir nicht vorher selber gesagt, daß einer wie Krick eine solche Summe nicht auf ehrliche Weise in die Hände gekriegt haben konnte? Ja, ja, gewiß, das gab er zu. Aber er hatte doch in seinem ganzen Leben nicht ein einzigesmal daran gedacht, daß Krick darum zum Mörder geworden war! Das ist wohl wahr, antwortete es in ihm, aber in Wahrheit hast du nach den langen Jahren gehofft, Krick würde niemals wiedcrkommen, nicht wahr, und haft dich damit beruhigt, daß es feine Sache fei, wie er das Geld bekommen habe, und nicht die deine. Sag’ nicht, daß ich dich damals nicht gleich gewarnt hätte! Aber du wolltest nicht auf mich hören, erinnerst du dich^ nicht? Nun bist du in derselben Verdammnis wie er! Lebst du sozusagen nicht noch heute von dem Raube, den Krick beging, und hast auch den Grund, auf dem du hier stehst, damit bezahlt? Mitgegangen — mitgehangen, Lars Hullrnann, das ist nun nicht anders! War es nicht lächerlich, wie schwindlig und übel ihm mit einmal wurde? Es war eine Empfindung, wie er sie ähnlich vor Jahren bei der Arbeit im Hasen gehabt hatte, als ihm unter einem Stamm Teakholz, den er auf den Schultern gehabt hatte, bei der übergroßen Anstrengung plötzlich schlecht zumute geworden war. Als Lena eine Weile später aus dem Hause trat und nachsehen wollte, warum Lars nicht endlich zum Morgenbrot wieder hereinkomme, sand sie ihn besinnungslos neben dem Brunnen aus dem Boden liegen, die eine Hand wie im Krampf in die Erde gekrallt. ♦ Von diesem Tage ab geriet Lars in ein dumpfes Hinbrüten. Aber das lag wohl daran, meinte Lena, daß er sich bei seinem Fall einen inneren Schaden zugezogen hatte und seine frühere Frische und gute Laune nun nicht gleich wieder zurückkehren wollten. ... Sein Gesicht hatte die Farbe verloren, und sein Blick war erloschen und tot. Nur zuweilen, wenn er schweigend und in sich versunken dasaß, glühte sein Auge plötzlich Über einem Gedanken auf, und ein unstetes Flackern in feinem Blick verriet, wie es in ihm arbeitete ... Erst nach Tagen nahm er feine Arbeit wieder auf. „Sag mal, Lena", fragte er eines Mittags, als er nach der Feldarbeit wieder ins Haus trat, „meinst du nicht auch, daß Klein-Jan eigentlich verdammt wenig Aehnlichkeit mit mir hat?" „Wie kommst du denn darauf?" fragte Lena erstaunt. Aber Lars war in der letzten Zeit öfter so wunderlich. Man mußte Geduld mit ihm haben. „Es ist mir aufgefallen", antwortete Lars und schickte einen stechenden Blick zu ihr hinüber. „Nun", wollte Lena ihn trösten, „dazu kann doch schließlich niemand etwas, wenn es so ist. Aber du sollst sehen, er verändert sich noch, das ist bei Kindern häufig so." „Meinst du?" fragte Lars zögernd. „Gewiß, so was soll ja vorkommen, aber es bleibt doch wunderlich. Nicht einen Zug hat der Bursche von mir. Nicht mal die Augen. Aber wenn du sagst, daß es nicht deine Schuld ist, muß ich es ja wohl glauben." „Meine Schuld?" fragte Lena. „Was willst du damit sagen?" Eine flammende Röte war in ihr Gesicht getreten und wich nun einer jähen Blässe. „Nein, das — das ist ungeheuerlich von dir, Lars!" rief sie und brach in Tränen aus. „Aber ich behaupte doch gar nichts!" antwortete Lars verdrossen. „Stell dich doch nicht an, nicht wahr? Ich fragte doch nur, weiter nichts!" „Das ist es ja", rief Lena. „Aber so geht es immer, und am Ende bin ich jedesmal an allem schuld. Zuletzt kommst du auch noch und sagst, daß es meine Schuld ist, wenn der Kleine hinter seinen Jahren zurückgeblieben und Überhaupt nicht ganz so ist, wie wir ihn gern gehabt hätten." Lars schwieg. Es beruhigte ihn ein wenig, Lena so sprechen zu hören, und beinahe war es eine Wohltat für ihn, sie so ungehalten zu sehen. Ja, er wäre froh gewesen, wenn sie ihn ins Gesicht geschlagen hätte, weih Gott. Niemand hatte den Kleinen gerufen, aber nun er die Stimmen feiner Eltern lauter als sonst gehört hatte, war er plötzlich da, und wenn er auch nicht begriff, was vorging, und niemand ihm ein hartes Wort sagte, ängstigte ihn die finstere Miene, mit der ihn (ein Vater musterte, doch so, daß sich sein Gesicht, das faltig und wunderlich wie das eines alten Mannes war, gleichfalls zum Weinen verzog. Häßlich und ungestaltet wie ein Gnom stand er da und meinte, ohne daß ein Ton dabei aus ihm herauskam, hilflos und vergrämt, bis er unter der Schürze feiner Mutter Schutz fand und den Kopf in ihrem Schoße verbarg. „ijafj man niemals in Ruhe mit dir sprechen kann, Lena", murrte Lars verdrossen. „Ich habe dir nichts vorgeworfen, gar nichts, wenn du daran denken willst, ja? Ich fragte nur, und fragen wird unsereiner ja wohl noch dürfen, sollte man meinen." Da er keine Antwort bekam und Lena nur fortfuhr zu schluchzen, griff er wieder zu der Plaggenschaufel, die er beim Nachhausekommen aus der Hand gestellt hatte, und kehrte an seine Arbeit aus dem Heidestück zurück, das er urbar machen wollte. Mit verbissener Wut begann er von neuem die Plaggen zu hauen, wenn er sich auch sagte, daß es zwecklos sei, sich damit zu quälen, nun es ja bald vorbei sein würde mit der ganzen Herrlichkeit hier draußen, so ober so. Aber er hielt bas Stillsitzen im Hause nicht aus. Die Arbeit lenkte ihn wenigstens von seinen Gedanken ab, und je saurer sie war, desto willkommener war sie ihm. Stiernackig und zäh arbeitete er weiter, daß ihm trotz der kühlen Luft der blanke Schweiß unter dem Mützenrand auf die Stirn trat. Dabei spürte er kaum eine Ermüdung. Ja, der Widerstand, den ihm das zähe Wurzelgeflecht der Heide entgegensetzte, schien seine Kraft nur zu verdoppeln. Erst am späten Nachmittag, als es zu dunkel geworden war, um noch einen Schlag zu tun, kehrte er ins Haus zurück, fütterte das Pferd und fetzte sich bann unter die Stallaterne, um noch ein paar Besen zu binden und nicht von neuem ins Grübeln zu geraten. Gedanken waren das Schlimmste für ihn, was es gab. Sie waren wie Fledermäuse, so leise wie sie tarnen, foaen einem bas Blut aus unb bissen sich so fest, daß man sie nicht wieder abzuschütteln vermochte. Er brauchte nur einige Augenblicke bie Hänbe ruhen zu lassen, unb schon waren sie da und fingen an, ihn zu quälen. Dann saß er regungslos da, starrte mit heißen Augen vor sich hin und versuchte zum hundertsten Male einen Weg zu finden, um aus dem Dickicht wieder herauszukvmmen, in das er geraten war Zuerst hatte er versucht, sich das Geld zu leihen, das er Krick schuldete. Das schien ihm der einfachste und nächstliegende Weg zu sein. Aber der Knüppel lag beim Hund, unb so einfach, wie er es sich gedacht hatte, war es nicht. Zuletzt hatte er einsehen müssen, daß es aussichtslos für ihn war, auch nur einen Pfennig zu bekommen. Der Vorsteher im Büro des Rechtsanwalts, bei dem er den Kauf des Hauses abgeschlossen hatte, hatte es ihm sofort gesagt, und so einfach hätte er sich jeden weiteren Weg sparen können. „Bei allem guten Willen, Hullmann, aber es ist nicht möglich, sehen Sie mal. Einmal ist heute sowieso schwer Geld auszu- treiben, und zum anderen hätten Sie dann ja auch so gut wie keinen Pfennig Eigenes mehr in Ihrem Hof!" Nun ja, gewiß, das wußte Lars natürlich selber auch. Man sollte ihn doch nicht für so dumm halten, daß er daran etwa nicht gedacht hatte. Aber vielleicht gab es einen anderen Weg? Auf Schuldschein wurde doch auch Geld verliehen, nicht wahr, und er war doch ein ehrlicher Kerl unb würbe es ganz gewiß nach unb nach abzahlen, da brauchte niemand Sorge zu haben ... Nur ein paar Jahre Ruhe sollte man ihm lassen, und alles würde seine Richtigkeit kriegen. Aber man hatte ihn beinahe damit ausgelacht. Nein, das sei nun erst recht aussichtslos, und er solle nur gar keine Versuche mehr machen, auf diese Weise zu Geld zu kommen. Wozu er denn auch so unbedingt Geld brauche? Mit den Hypotheken sei doch alles in Ordnung. Warum er denn da nur schon wieder Geld aufnehmen wolle? Er denke doch nicht etwa daran, zu bauen? Denn um Anschaffungen zu machen, werde er doch kein Geld leihen wollen? Noch einfacher wäre es ja für ihn gewesen, wenn er die Stelle hätte verkaufen können und Krick so befriedigt hätte. Aber bas war erst recht unmöglich in einer Zeit, wie sie nun einmal war. Nein, es gab keinen Weg für ihn, er mochte sich nun drehen und wenden, wie er wollte. Aber immer, wenn er mit seinen Gedanken so weit gekommen, begann er die Dinge von neuem zu überdenken, und wenn er sich auch jagte, daß es verrückt sei, noch länger nach einer Möglichkeit zu suchen, er kam nicht davon los. Zuletzt überfiel ihn eine dumpfe Verzweiflung. Mochte denn alles gehen, wie es wollte. Mit Lena hatte er sich noch am selben Abend wieder ausgesöhnt. Natürlich wußte er selber, daß es Unsinn war, was er sich da ausgedacht hatte. Aber kam es nicht zuweilen vor, daß sich Frauen an einem anderen Manne versahen und das Kind, das sie trugen, später kaum eine Aehnlichkeit mit seinem eigentlichen Vater hatte? Nun, jedenfalls hatte Lena keinen Grund, sich noch länger über seine Worte zu grämen, denn er hatte im Aerger gesprochen, unb was er gesagt hatte, wog boch nicht so schwer, daß sie darüber den Kops hängen zu lassen brauchte. Es konnte ja auch sein, daß er sich die Aehnlichkeit des Kleinen mit Krick nur eingebildet hatte ... Nun ja, er hätte es nicht so zu sagen brauchen, wie er es getan hatte, bas war richtig, aber sagte Lena nicht zuweilen auch ein Wort, das ihr hinterher leid tat? Am Abend vor dem Tage, an dem er Krick zurückerwartete, erfaßte ihn wieder eine so quälende Unruhe, daß er plötzlich das Haus verlies und ins Moor hinauslief. Wohin er eigentlich wollte, wußte er selber nicht. Aber es war unmöglich für ihn, noch länger untätig zu Hause zu sitzen unb bei jebem Geräusch, bas sich hören ließ, zusammenzuzucken, ob es vielleicht schon Kricks Schritte waren. Es war gewiß nicht recht von ihm, Lena mit allem sitzen zu lassen und seiner Wege zu gehen. Nein, das war es wohl nicht. Silber Lena wußte ja nichts, und Krick würde sich schön hüten, Dinge zu berühren, die er ihr am wenigsten verraten würde ... Und bann: er würde ja wiederkommen unb selber schon mit Krick abrechnen, o, keine Sorge baruml Nur sitzen unb warten konnte er nicht mehr. Es zermürbte ihn einfach. Für alle Falle hatte er Lena alles Geld gegeben, das er für Krick nur hatte flüssig machen können. So hatte er bas Schwein verkauft, das er für die Zucht hatte behalten wollen, unb auch die beiden Speckseiten, die noch immer im Rauch gehangen hatten. Dazu die Kuh. Das war der schwerste Entschluß gewesen. Denn von der Kuh hatten sie gelebt sozusagen, unb wenn er auch eine Ziege wiebergekaust hatte, bamit sie nicht ganz ohne Milch blieben über Winter, so war bas boch fein Ersatz, so gut wie bie Kuh sich gemacht hatte. Dazu waren bie Preise für so ein Stück Vieh lo niedrig rote nie zuvor, und es war ihm unmöglich gewesen, auch nur die Hälfte von dem, was er selber bezahlt hatte, dafür wiederzubekommen. Aber mit dem andern genügte es vielleicht, Krick zunächst mal den Hals zu stopfen. Wenigstens sah er doch feinen Willen ... „Ist das alles, was du Krick schuldig bist?" hatte Lena gefragt. „Nein, es fehlte noch eine Kleinigkeit, unb er wolle sehen, ob er sie vielleicht noch beschaffen könne ... Der Abend war kalt und sternklar. Dazu kam der Mond auf, so daß er den Weg gut verfolgen konnte. In den Kiefern am Wege fang der Wind, unb auf den Gräben, bie wie am Lineal geschnitten burch das Feld liefen, schillerte das erste Cis. Lars ging, als habe er alles, was ihn bedrückt und gequält hatte, nun hinter sich gelassen. Ihm war, als könne er eine ganze Ewigkeit hindurch so weitergehen, ohne zu ermüden ... Erst als der SDlorgen graute, trat er in dem nächsten Dorf in eine Wirtschaft. Die Magd kam eben aus dem Stall und hatte gemolken, unb bie warme Milch buftete aus bem Eimer, ben sie trug. In ber Gaststube war es warm unb still. Er ließ sich einen Schnaps einschenken unb merkte erst jetzt, nun er zum Sitzen kam, wie müde er geworden war. Aber er wollte es nicht zeigen, tat, als wäre er ganz frisch unb begann eine Unterhaltung mit bem Wirt, ber verschlafen hinter bem Schanktisch ftanb unb Gläser spülte. (Fortsetzung folgt.) Witt der Winter kommen... Von Georg Brittlng. Will der Winter kommen, Jetzt zur Weihnachtszeit — Komm nur Herl Kommen die Flocken geschwommen, Von hoch überm Dächermeer, Silbergeflügeltes Heer. Will der Mond kommen, Jetzt im Abendwind, Komm nur, leucht! Durch die halboffene Kirchentüre rinnt Dunkel das Gebet der Frommen, Leis die Orgel keucht. Hat der Winter gewonnen, Ist alles Frost Und kalt. Kommen die schwarzen Nonnen Getrost gewallt Zur schneeweißen Heilandsgestalt. Oie tragantene Krippe. Von Peter Dörfler. Glaubt mir, die kindlichsten Kinder von denen, die alle Jahre dem Christbaum entgegenfiebern, sind nicht die Fünf- und Sechsjährigen, sondern die sechzig- und siebzigjährigen Großmütter. O diese Großmütter, wenn sie einmal von der Holdseligkeit ihrer kleinen und großen Enkel verzaubert sind! Die Fünf- und Sechsjährigen glauben und ahnen in den Adoentstagen überall sprossende und vermummte Engel; schon flattern sie mit den Schneeflocken vom dunklen Himmel und gerade auf die Bettdecke nieder. Schon muh man sich überall vor ihnen in acht nehmen; an die Ritzen der Türen legen sie ihr Ohr, die geheimsten Taten erspähen ihre Sternaugen. Aber was ist eine solche Gläubigkeit gegen eine echt großmütterliche! Die Ahnen haben täglich die handgreifliche Unbändigkeit ihrer kleinen Nächkömmlinge vor sich, sie putzen ihre Rotznasen und räumen beiseite, was das wilde Spiel der Buben und Mädchen zerbrochen hat. Sie sind Zeugen, wie sie Streiche machen, und nicht nur köstliche, sondern auch echt boshafte. Recht und bei klarem Licht besehen, sind sie wirklich und wahrhaftig nicht um ein Haar besser als die Nachbarskinder und andere. Und dennoch in dieser Blütezeit aller guten, frommen, heiligen Triebe macht die Wunschgewalt der großmütterlichen Herzen all die Schlüffe! zu goldenen Engelchen oder doch.zu Engelsknospen, denen erst nur noch die Flügel ein wenig angeklebt sind, sonst würden sie ja auf und davon und in den Himmel entschweben. Die Großmutteraugen und -herzen sonnen sie an, und sie können beim besten Willen nichts anderes mehr an ihnen sehen als schlohweiße Unschulde und das allerholdeste Prangen. Und auch darum scheinen mir solche Großmütter wahre Ueberkinder zu sein, weil in ihren Augen der Zauber liegt, im Kerzenschejn des ärmsten Bäumchens, im Beschauen der schlichtesten Krippe die verklärte Erde und den ganzen Himmel ihres Glaubens widergespiegelt zu sehen. So besaß die Zillertaler Ahne eine Krippe, die sie pflegte wie ein Paradiesgärtchen. Seit manchem Jahr hatte sie diesen Schatz schon behütet und fast nur der eigenen Andacht ausgesetzt. Jedesmal, ungefähr wenn der erste Schnee siel, begann diese Krippe zu wachsen, und wenn im warmen Stall des Schäfers die ersten Lämmlein fielen, dann mehrten sich auch Schafe und Hirten in ihrem Krippenberg, dann kamen Könige mit Gefolge, und jetzt endlich war sie vollzählig, eine Krippe, die sich sehen lassen konnte. Sie war ihr so besonders wert, weil sie ein Zeichen der Liebe ifjfgs fernen, in Linz ansässigen Sohnes war, der ihr Jahr um Jahr einige ansehnliche Stücke zur Mehrung ihrer Freude zusandte. Es waren ebenso kostbare wie zerbrechliche Figuren, und schon darum war sie karg mit Vorzeigen. Es hatte aber mit diesem Weihnachtswunder noch etwas ganz Besonderes auf sich. Bei feiner Betrachtung blühte ihr die Erinnerung so, daß fie manchmal lächeln mußte, wenn sie aufstehend steife Glieder spürte und einen grauen Scheitel im Spiegel sah. In ihrer frühen Jugend hatte sie genau eine solche Krippe besessen. Jede Figur kam setzt zu ihr wie ein alter, nicht gealterter Freund und mahnte sie an kindliche Spiele und Träumereien. Aber vor allem bedeutete ihr diese neue Krippe die Begegnung mit dem aufgeschreckten Gewissen eines Mädchens, und sie fühlte wie eben erst aufgebrochen den Schmerz über eine erste große Schuld. Sie hatte diesen ihr ganz allein eigenen Besitz mit der ganzen Kraft und Zartheit eines kindlichen Herzens geliebt, aber dann — oh, noch heute brannten ihr die Wangen vor Scham über ihre Meintat —, dann hatte sie eines Tages, eines bösen und gnadlosen Tages, ihr feines Heiligtum — aufgegessen, Stück für Stück; erst nur die Lämmer und Geißen, die Hirten und Könige, und dann, jetzt schon aus Trotz und Verbosung, auch die Engel, ja sogar das Christkind. Denn die Krippenfiguren waren aus Tragant und anderen süßen Geheimnissen, wie man sie damals und heute noch in Linz bei den Zuckerbäckern zu mischen verstand, hergestellt. Und ach, gegessen bleibt gegessen, zerstört bleibt zerstört, keine Reue weckt es auf, keine Träne und kein Jammer macht es wieder lebendig! Wie litt sie darnach, wenn in der Schule von Evas Apselbiß die Rel» war, die Scham der Urmutter mit, ja sie fühlte sich sogar bei GotkS zornigem Ruf: Kam, wo ist dein Bruder Abel? selber wegen ihr« Krippenmordes angesprochen. Denn schlecht, wahrhaftig keiner Bl» zeihung wert, hatte sie gehandelt. Ci, und da wuchs ihr nun in ihren alten Tagen das geliebte dM umlittene Kripplein wieder zu! Sie nahm das als ein Zeichen da vollendeten Sühne. Durch ihren guten und so tüchtigen Sohn wurde ihr stückweise wie dem geduldigen Job das vom leidigen Satan VerdorbeÄ wieder geschenkt. Ihr Herz war ein quellender Frühling des Dankes. Zu all dem kam in diesem Jahre noch die große Freude, daß ihrem Walter dem ältesten der hiesigen Enkel, bei dem Weihnachtsspiel d§ Rolle des Gottvater zuerkannt wurde. Dieses Spiel war eine große Angelegenheit des Dorfes und wurde alljährlich feit unvordenklichen Zeiten in der Kirche aufgeführt. Sie beugte sich völlig vor dem so schönen unb begabten Enkelkinde, das seine Auserwählung neben sonstigen Gaben seiner tiefen, klangreichen Stimme verdankte, und sie säumte nicht, während all der Tage der Vorbereitung dem Buben fromm zuzusprechen, Es schien denn auch, daß er solchen Mahnungen unter dem Gewlcm seiner Rolle zugänglicher war als sonst. Sie zeigte ihm sogar zu seiner Erbauung auch einmal die im Alkoven hinter einem Vorhang verborgen« und bereits sorglich zubereitete Krippe, die aussah, als wäre sie aus koK barem Stein geschnitten. Auch verhieß sie ihm, daß er sie in alle« Lichterglanz sehen dürfe, wenn es Zeit fei und wenn er seine RoK würdig gespielt habe. Aber es geschah nun, daß der begeisterte Knabe am nächsten M6enS nach der Schularbeit zu ihr hinaufgesprungen kam und sie bat: „GroK mutter, darf ich deine Krippe anschauen?" „Nein, Walter, es ist noch nicht Zeit", antwortete sie beinahe uw willig, „auch kannst du im Dunkeln nichts sehen!" Aber da sand der Kleine die süße Antwort: „Macht nichts, ich wlll bloß vor dem Kripplein beten!" und sie war entwaffnet. Er kam nun afl» abends um die Dämmerzeit daher und brachte die gleiche Bitte vor. Urio jedesmal stellte sie sich hart und ablehnend, nur um diese Antwort $n hören. Es rührte sie, daß er nichts weiter wollte, als sich vor das verhüllte Heiligtum hinzustllen und da zu beten. „Nun also, geh hinüber aber mach geschwind, es ist kalt in der Alkovenkammer!" entschied nachgiebig. Und saß bann da im Warmen und wartete, und sah h» Geiste um das Haupt des Lieblings goldene Englein spielen. Endlich war der Tag des berühmten Spieles gekommen. Die Grosti mutter mahnte den Buben, vorher Vater und Mutter um Verzeihung z« bitten, damit er würdig und reinen Herzens (eine erhabene Rolle spiele» könne. Der kleine Walter besann sich einen Augenblick, bann gab er ihk die Hand: „Großmutter, ich bitte dich um Verzeihung!" Darüber wurde» der guten Greisin die Äugen feucht. Sie kam sich unwürdig vor, daß solches zu ihr gesagt wurde, und es war ihr, als hatte sie ein Engel utn Verzeihung gebeten, nur um sie zu beschämen. Sie konnte ihm nur ftunuÄ über das hochgewölbte Haupt streicheln. Die Sterne über dem Dors und über dem weithin Glockenklang ve» strömenden Turm freuten sich der jungen Nacht, die sie aus der blauest Kuppel herab beglänzen dursten, und drinnen in der Kirche freuten sich die Kerzen der gurtenreichen Gewölbe, der strammen Säulen und goldenen Altarschreine, die sie ehrwürdiger und feierlicher aus der Finsterntz hoben, als es sonst die mächtige Sonne tat. Der ganze Ort, Kinder aijj den Armen der Mütter und Greise humpelnd am Stock, eilten durch dst harte, leise wehende Kälte in die tote Kälte der Kirche. Ein Husten urffl Keuchen und Schneuzen kam van allen Winkeln des Schiffes, es roat als wallten die Leute bas Unleibige bereinigen, wallte» varhusten und varfchneuzen, daß sie bann in makelloser Stille bem Kampfe Satans mH Gottvater folgen konnten. Und da endlich kündigte die Orgel brausend bas erste Bild, ben Alten ber Tage, wie er hoch auf feinem goIbeneH Throne saß. Er räusperte sich noch, auch er, aber wenn es boch so grin» mig falt ist, baß einem das Wort in der Kehle frieen möchte, und wen« ein jeder in der Kirche wenigstens an einem gewissen Tröpfchen zu wische» hat! Nein, niemand nahm Anstoß, ehrfürchtiges Schauern überlief bl« Kinderscharen, vor denen der Vorhang wahrhaftig den Himmel mifr geschlossen hatte. Doch jetzt, im roten Mantel, in nachtschwarzem Wams, in zackiger Krone stürmte Satan herein, sah den herrlich Thronenden, wurde vo» Aerger über diese Erhabenheit und Pracht angefallen, stutzte und schrst bann ingrimmig unb herausforbernb zu ihm hinauf: „He bu ba, im weH wallenben Bart, Uralter, mit ber Kugel in der Hand, ich mochte roiffen, wer bu bist?" Und der Thronende schnupfte, fuhr sich mit dem sternbefetzten AermÄ über Mund und Nase und antwortete dabei, zugleich mit einem heftigen Niesen: „Ich bin ... ber ... Gottvater!" Da raunte ein Kichern und dröhnte ein Lachen durch den Raum, to das hinein Walter verdutzt und unschuldig nach rückwärts fragte: „Hcw ich etwas Dummes gemacht?" Das Spiel ging dann großartig unb ohne Zwischenfall weiter. Walke« disputierte gewaltig mit dem feuerfarbenen Widerpartner. Aber bfe Großmutter konnte zu keiner Freude mehr kommen. Sie war gekränkt und haderte in sich hinein mit der ganzen Gemeinde, die sich so schlecht benommen hatte. Wer hat denn nicht geniest, geschneuzt, gehustet! Sie eilte nach bem Spiel, ohne ein Schwätzchen anzunehmen, heim, ließ sich trotz ihres burchgefrorenen Leibes von ber wohligen Wärme ber Stube nicht locken, sondern stieg zu ihrer Kammer hinauf unb kramte bi» Kerzchen aus bem Spinb heraus, bie sie zur Enthüllung der Weihnachtskrippe bereithielt. Dann ging sie zum Alkoven, zog den Vorhang und steckte ein weißes und ein rotes Kerzchen an, um dem Buben bas Krippen» hars zu beleuchten. Walter sollte heute noch seine Genugtuung haben. Und sie war so im Eifer, daß sie ein Licht nach bem anberen im Moos verteilte, ohne zu bemerken, baß ber Wolf über ihre Herde gekommen war, unb nicht nur über die Herbe, auch über die Engel, und nichts von all den Figuren war mehr zu sehen als das elfenbeinglänzende Christ- kindlein, und das war aus Wachs. So kräftig also hatte der Bub vor dem verhüllten Sripplein gebetet, baß alles ihm zugeflogen war. Sie löschte die Lichter, eins nach dem andern mit leise beschämtem Pusten, wie einer, der sich eine Ehre hat herausnehmen wollen, und in die Schranken gewiesen worden ist. Sie vermochte keinen Zorn auf den Enkel zu werfen, nein, sie konnte an nichts anderes denken, als daß die alte Schuld noch lebte, im Enkel wieder auflebte. Später gestand Walter, ein wenig reuig, ein wenig verschmitzt und eigentlich auf nichts anderes bedacht als die Großmutter zu versöhnen: „Schuld ist bloß der Hirte mit dem weißen Bart gewesen. Ich habe mir denken müssen, der sieht aus wie eine Zuckerkantel, und hab an ihm geleckt, und da ist er süß ... und dann ... Die Großmutter nickte mit tiefgesenktem Kopfe, denn seine Worte bestätigten ihre innersten Gedanken: Er hat nur eine kleine Lumperei begangen, während sie damals eine große Liebe verraten hat. Wenn sie vergleichen wollte, — lächeln müßte sie über Walters Streich. Aber offenbart diese Geschichte nicht, daß die Gier, diese unheimliche Gier, fein Paradies aufzuzehren, statt es in Treue zu hegen, auch in ihm gesät ist? „Lieber Bub, nun im Bangen um dich erst recht, lieber Bub!" Sie zog ihn zärtlich an sich, und er schmiegte sich zerknirscht und beglückt zugleich in ihren zitternden Arm. Pferde. Von Hans Pflug. Die Pferde stehen unter blanken Birken, den guten Kopf zur Erde müd geneigt, in sich versunken, wie der stumme Baum, vermählt der Stille einer Steppenstunde, in der im matten Licht die Nacht schon dunkelt. Wie Göttertiere, groß und unberührt von Dingen, die nur Menschenwille schuf, so zaumbefreit — die zarten Nüstern hauchen — so sattelledig, glückooll rasten Pferde, und fromm ruht ihre Fesselschlankheit aus. Die Funken ihrer Lichter sind verglommen, die Sternendecke, weit und reich bestickt, hüllt ihr Verweilen, ihr lautloses Beten — Nur traummatt stampft vielleicht ein Huf die Erde. Ein rheinisches Gchelmenstück. Von Wilhelm Schäfer. Eines der weithin bekannt und berühmt gewordenen Meisterwerke der neuen deutschen Erzählkunst, Wilhelm Schäfers Novelle „Die unterbrochene Rheinfahrt" erscheint im Albert Langen/Georg Müller-Verlag in München in neuer vorbildlicher Ausstattung. Mit Erlaubnis des Verlages veröffentlichen wir aus diesem erlebnisreichen und überaus humorvollen Buche die nachstehende Probe. Als Johannes — der sich nun Müller nannte, in Woll- und Strumpfwaren, auch Trikotagen — an dem Sonntagnachmittag den Felsweg zur Martinskapelle hinaufging, um von da über den zackigen Felsrand an die Bleyburg zu kommen, war er doch wieder der seinem Hauslehrer entlaufene Student aus Basel; denn die grauen Eidechsen zu beobachten, wie sie aus den Spalten der Weinbergsmauern lüstern an die Sonne tarnen, um blitzschnell in ihr kühles Dunkel zu verschwinden, oder den Schleppkähnen nachzuträumen, wie sie leer zu Paaren oder Vieren aneinandergekoppelt von geschwinden Dampfern abwärts gezogen wurden uni) so von oben gesehen und an einem Weinstockblatt gemessen, kaum größer als die Eidechsen waren: dazu hat ein Geschäftsreisender auch am Sonntag keine Zeit, weil er mit seinen Spesen handgreislichere Vergnügungen zu finden weiß. Er wollte, als er nach einer reichlichen Stunde versonnener Zeit endlich bei der Kapelle und dem kleinen Kirchhof war — wo sich unvermutet hinter einem Hohlweg überm Rhein ein wiesengrüner Bach- grunb öffnete und bis in die blauen Höhen mit Waldhangen hinaufzog — nach links über den Felsrand zu'einem Pavillon hinauf, von dem er sich einen Blick auf die Burg und zugleich über den Ort erhoffte, fand sich aber durch einen Stacheldraht gehindert; und als er den auf einer Schutthalde steil und mühsam umgangen hatte, sah er den Platz gerade von einer Schar lärmender Burschen gestürmt. Er zog sich, wie er glaubte, unbemerkt zurück, kam jedoch ins Rutschen, wollte sich an einem Strauch halten, fiel hin und kollerte bis auf den Weg hinunter, wo er unbeschädigt aufstand und sich an dem kleinen Mißgeschick belustigt hätte, wenn nicht wieder das Gelächter vom vergangenen Abend über ihn gekommen märe. Es verdroß ihn, Zuschauer gehabt zu haben, so ging er rasch um die Ecke den Fahrweg hinaus, der von hier aus ziemlich gerade an dem langen Bergrücken vorbei und zuletzt steil zur Burg hinaufsührte. Unterwegs nahm er wahr, daß nach dieser Seite ein gepflegter Weg von dem Pavillon herunterkam, seine Kletterkünste also unnütz gewesen waren; als er höher war, sah er die Burschen schon wieder lärmend hinunterstürmen und war froh, daß sie — die augenscheinlich den Ort durch laute Streiche Im Aerger hielten — nach der Kapelle hin abbogen. Die Burg war nicht zugänglich und in einem bösen Geschmack mit Erkern und Zinnen ausgebaut; nur die Wirtschaft im alten Zorbau stand offen und die äußere Terrasse, roojnan durch Brombeersträucher fast senkrecht auf die engen Höfe und Schieferdächer des alten Ortes und in das abgeschlossene Stück Rheintal wie in einen Krater sieht. Er stand da lange und mußte denken, wie seltsam doch dies mit der Heimat und den Iugendeindrücken wäre: obwohl er nur bis zum siebenten Jahr im Elsaß gewesen und gleich vor dem Krieg nach Basel gekommen war, stand das Bild der blauen Vogesenmauer hinter grünen Gebreiten mit schlanken Pappelruten, hölzernen Kanalbrücken und schwarzrot bedachten Häusern so lebhaft in ihm, daß fein Gefühl unwillkürlich jede Landschaft daran maß und sie je nach der Verwandtschaft als vertraut ober fremd empfand. Hier zwischen diesen Felshängen und Steildächern, deren Schiefergrau selbst in den Grashängen und dem Laub der Bäume noch durchzukommen, das den dunstigen Himmel wie den Wasserspiegel zu färben schien, so daß der helle blaugrüne Rhein feiner Heimat nun ein graues Gewässer war, darauf die Schleppkähne wie Kellerasseln lagen: hier hätte er Jahre lang wohnen können und alles würde ihm doch fremd und unheimlich bleiben. Diese Unheimlichkeit der Rheinland- schaft, die er nach allen Schilderungen nicht erwartet hatte, machte, daß ihn die Stille des Sonntagnachmittags auf dem alten Burggemäuer spukhaft berührte. So schrak er auf, als unvermutet Schritte tarnen und sich jemand —। den Hut in der Hand, wie es Kleinbürgersleute machen, zu ihm stellter ein handfester Kerl mit rotgesprenkelten Backen, der ihn um irgend etwas ansprach. Es dauerte lange, bis er mehr als ein paar Worte verstand und auch dann erst aus feinen Handbewegungen erriet, daß der Bursche etwas verloren hatte, was er gefunden haben sollte. Während er ihn noch abwehrte, sah er sich auch schon von einem Trupp junger Leute eingeschlossen, die alle sehr höflich waren, ihn aber unzweifelhaft beschuldigten, eine Geldtasche von dem Menschen gefunden zu haben, den sie Anton nannten und der nun schon handgreiflicher neben ihm stand: Weil er als einziger nach ihnen den Burgweg hinaufgekommen wäre, könnte es niemand anders gewesen sein! — So zwischen den hohen Burgmauern und dem senkrechten Abhang nicht übel gestellt, machte sich Johannes schon die sonderbarsten Gedanken über die Gesellschaft und überschlug in der (Erinnerungsfolge phantastischer Räubergeschichten, ob es nicht klüger wäre, diese Freibeuter irgendwie mit einem Lösegeld abzufinden; als sie sich nach einem Mann umwandten, der anscheinend als Sonntagsspaziergänger zufällig durch den Torweg kam; nach seiner reichlich verbrauchten Kleidung ein Handwerksmann wie die andern, aber mit feinem Knebelbart, dem Künstlerfchlips und dem Gehrock aus blauem Tuch augenscheinlich bemüht, etwas besseres vorzustellen. Der fragte gleich — die Stimme war heiser und Johannes sah auch den rotgeränderten Augen an, daß er ein Trinker war — was es da gäbe? Und als ihm einer, den er mit Heinrnich anredete, ein bläßlicher Jüngling, schüchtern aber mit theaterhaften Reden den Fall erklärte, während die andern wie Statisten auf der Bühne schweigend abwarteten, wandte er sich als der Heldenspieler der Bande Johannes zu, den die Komödie zu sehr überraschte, als daß sein Aerger gleich Lust bekam: Wenn es der junge Herr erlaube, wär; es am einfachsten, feine Taschen zu visitieren! Obwohl er weder als Johannes Müller, in Woll- und Strumpfwaren auch Trikotagen, noch sonst bereit war, das zu erlauben und die Komödie länger mitzumachen, hatte ihm der Mensch mit einem Griff von merkwürdiger Gewandtheit einen ledernen Geldfack aus der Rocktasche geholt, bevor er sich wehren konnte. Der, den sie Anton nannten, und der jetzt erst wieder seinen Hut auffetzte, erhielt fein reklamiertes Eigentum zurück, die anderen machten noch eine höhnische Verbeugung, bann gingen sie stillschweigend wie Statisten fort. Johannes war jo verdutzt, daß er sie gehen ließ, dankbar, sie mit der Komödie wieder los zu sein: sie waren aber noch nicht im Tor, als der Knebelbart dem Anton eine Börse hinhielt: bann gehöre ihm die wohl nicht? Und während der Bursche trotzdem gleich danach griff: So gib dem jungen Herrn fein Eigentum zurück. Als Johannes den Menschen schon wieder mit dem Hut in der Hand auf sich zukommen sah, wurde ihm der Spaß zu plump, der hier nm hellen Tag mit ihm getrieben wurde; er ging in raschem Zorn an ihnen vorbei dem Ausgang zu, um endlich von den Kerlen loszukommen. Warum denn sein Vermögen so verschwenden? hörte er die heisere Stimme des Knebelbartes hinter her spotten, und wie er sich doch noch einmal umwandte, wurde es ihm für einen Augenblick furios im Kopf; denn was der Anton hinter ihm herbrachte in feiner höhnischen Demut, war wirklich seine altmodische grüne Börse, die er in den hinterlassenen Dingen seines Vaters gesunden hatte und seitdem als eine Art Andenken trug. Indem er, von aller Haltung verlassen, nach seiner Hosentasche griff und endlich das verblüffte Gesicht machte, worauf die Spaßvögel nur gewartet hatten, brach auch schon wieder ihr Gelächter los, das er nun kannte. Er sah jetzt, bah alles nur ein verabredetes Taschenspielerkunststück gewesen war, aber als ihm der mit dem Knebelbart ruhmredig aus» einandersetzte, wie sie die Börse unten bei der Martinskapelle gesunden — wo er sie augenscheinlich mit dem Taschentuch herausgezogen hatte, als er durch ihr Gelächter verwirrt, die Erde von seinen Hosen ab- klopfen wollte — und daraufhin diesen Spaß verabredet hätten: mußte er ihnen wohl oder übel dankbar fein, sein Eigentum wieder zu haben, ohne daß er weder im Herzog von Nassau seine Zeche bezahlen, noch abreisen konnte und also mit seinem Abenteuer an ein blamables Ende gekommen wäre. So konnte er. als ihm der Mensch nahe legte, den Finderlohn in der Burgwirtschaft mit einem Liter Wein abzustatten — was dankbar angenommen würde — nicht gut abwehren und saß nach wenigen Minuten mit einer Gesellschaft beim Wein, in die er auf die sonderbarste Art gekommen war. verantwortlich: Dr. Hans Thhrtot. — Druck und (Betlag: Dtühl'fche Aniverf itäts-Duch- und Steinbrudetei, R. Lange. Gießen»