lehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang (955 Zreitag, den (5.5eptember Nummer 7( Einmal nur! Von Ina Seidel. Einmal doch Wand sich die Natter um meinen wandernden Fuß — Bebte mein Herz und erschrak vor ihrem züngelnden Gruß! Einmal doch Hielt ich ihr stand, fragte leis: Bote der Gottheit, bist du's? Töte nicht, was dich jäh, fremd und verwirrend befällt! Der nur gewinnt, der getrost sich den Dämonen gestellt. Einmal nur Prüft die Gottheit dein Herz, eh' sie sich zu dir gesellt. Oie Söhne des Senators. Von Theodor Storm. (3. Fortsetzung.) Der Senator warf einen Blick nach dem hohen Werke, an welchem die beiden Gesellen unter lustigem Singen noch immer weiter arbeiteten. „3a, ja, Friedebohm", rief er heftig, „du hast recht! Alle Tausend, das geht denn doch übers —" „Uebsrs Bohnenlied1 2" wollte er sagen, wo schon derzeit gar nichts darüber ging; aber er schwieg plötzlich, da er aus den jungen Musche Peters sah, der wieder mit offenem Mund an seinem Pulte sah, und ging, nachdem er eine geschäftliche Anordnung erteilt hatte, in sein Kabinett zurück. --Nach ein paar Stunden steckte Frau Christine ihr hübsches Köpfchen durch die Tür. „Darf man eintreten?" frug sie. „Komm nur!" erwiderte Herr Christian Albrecht von seinem Schreibstuhl aus. „Was hast du auf dem Herzen?" „Oh", und sie stand schon mitten in dem Stübchen und ließ ihre Blicke an der geschwärzten Decke wandern, — „ich wollte nur; — — — aber, Christian Albrecht, hier herrscht ja ägyptische Finsternis! Die schönen Spinngewebe, die unsere Wiebke immer sitzen läßt, die können deine Spinnen nun ruhig weiter weben! Und weiht du, das naseweise Ding — aber ich habe ihr auch einen tüchtigen Wischer gegeben — sie hat eben die Mauer mit ihrem Eulbesenstiel- gemessen; genau elf Fuß nach meiner Elle, sagt sie! Aber sieh nur, Christian Albrecht, nun wird s denn auch nicht höher; sie legen schon die runden Sterne obenauf Herr Christian Albrecht sah noch immer auf seinem hohen Schreib- stuhl, die Feder in der Hand. „Weiht du, Christine , sagte er, indem er ernsthaft vor sich hinsah, „der Bock meines Herrn Bruders wird mir doch zu mächtig; es tut jetzt not, und ich habe mich auf einen ■ guten Gegenstoß besonnen." Und als sie ihn unterbrechen wollte: „Nein red mir nicht dazwischen, Frau; ich will auch einmal meinen Willen haben. Sie saßte ihn leise an dem Aufschlag seines Rockes und zog ihn sanft von feinem Thron herab und dicht zu sich heran. „O weh sagte sie und sah ihm ernsthaft in die Augen, „da habe ich am End-, emen Mann geheiratet, den ich erst heute kennenlerne! Gesteh mir 5, Christian Albrecht, du hast doch nicht auch etwa so einen— . „ „Zum Kuckuck", rief Herr Christian Albrecht lachend 'ckmhintersen Stallwinkel wird auch wohl bei mir so einer angebunden s ehen und der soll jetzt heraus ans Tageslicht, trotz aller klugen Frauenzimmer und meiner allerklügsten noch dazu!" ,. „So, Christian Albrecht? Und in welcher Art — sie zögerte wenig — „soll denn der deine seinen Gegenstoß vollsuhren. Seh' dick Christine", sagte der Senator, indem er die anmutige Frau auf seinen Schreibthron hob, „und reden wir deutsch ^EwerU In jener Sache da draußen auf dem Hof will t ch mein Recht und keinen Titel davon ausgeben! Aber dazu bedarf es keines Proze steren- denn es steht klar und bündig in den alten, noch vorhandenen Kaufkonkrakten. "Und weiter, Chrsttcke, ^at^ar der Besitzer von F^drichs Hause die Mauer rwücken beiden Häusern aufzufuhren und zu unterhalten, aber der de/ unserigen hat den Halbschied der Kosten dazu beizutragen. „Wirklich? Auf Höhe von elf Fuß?" -„meine „Ei was und wenn's die Mauer voni Jericho war-Das^.stmeine Sache; wenn ich ihm zahlen will, er muß schon stillhalten und Qmttanz ^,Und°du" willst wirklich die Halbschied der Kosten, so das blanke, bare Geld dafür dem Bruder Friedrich in fein Haus „schicken. „Das will ich, Christine; ganz gewiß, das will ich. 1 Das Bohnenlied, ein altes Gedicht mit dem Kehrreim „Nun geh' mw aus den Bohnen", galt als Inbegriff aller Narrheit. Also, das ift nocy toller als die größte Tollheit. 2 Kehrbesen mit langem Stiel. ‘ Quittung. Sie sah ihn eine Weile ganz nachdenklich an. „So, also auf die Art, Christian Albrecht!" sagte sie langsam. Aber bevor sie ihre Gedanken über diesen kritischen Fall zu ordnen vermochte, kam die Botschaft aus der Küche: die Kochsrau war eben angelangt, und der Bratenwender sollte aufgestellt werden, denn auf morgen gab es ein großes Fest im Hause. Frau Christine gedachte plötzlich wieder der Veranlassung, um derenwillen sie das Allerheiligste ihres Mannes ausgesucht hatte; sie ließ sich ihr blaues Haushaltungsbeutelchen bis zum Rande füllen und verließ das Stübchen, den Kopf voll junger Wirtschaftssorgen. In dem Hause nebenan sollte heute Herr Friedrich Iovers mit feiner ehrlarnen Haushälterin selbander speisen, denn fein junger Lübecker Küfer war auswärts in Geschäften. Zuvor aber trat er nach seiner Gewohnheit vor die Haustür und schaute von dem obersten Treppensteine ein paar Augenblicke in das Wetter und rechts die Straße hinab nach dem dort unten sichtbaren Teile des Hafens. Als er dann wieder ins Haus und gleich darauf in das Wohnzimmer getreten war, stand die Matrone schon mit vorgesteckter Serviette in der talmanfenen Sonntagskontusche2 hinter ihrem Stuhle. „Ist Hochzeit in der Stadt, Frau Möllern?" frug er. „Die Schisse flaggen ja!" Er setzte sich, und die Alte setzte sich ihm gegenüber; die Frage mochte er wohl "schon vergessen haben, denn Herr Friedrich Iovers pflegte seit geraumer Zeit auf dergleichen keine Antwort zu erwarten. Aber Frau Antje Möllern, welche auf gewisse Dinge ihren Herrn nicht anzusprechen wagte, ließ sich die Gelegenheit nicht entschlüpfen. „Hochzeit?" wiederholte sie scharf, und ein gewisses Zucken um ihre derben Lippen zeigte, daß eine verhaltene Entrüstung zum Ausbruch drängte. „Rein, es ist keine Hochzeit, es ist nur eine Kindtaufe!" „Eine Kindtaufe, und die Schiffe flaggen?" sagte Herr Iovers gleich- gültig. „Ich wüßte doch nicht, daß bei den Honoratioren —" Aber Frau Möllern vermochte nicht, ihn ausreden zu lassen. „0, Herr Iovers, freilich ist es bei den Honoratioren, bei den allerersten Honoratioren; aber eine Schande ist es, eine offenbare Schande, sag' ich!„ Herr Iovers wurde doch aufmerksam. „Was will Sie damit sagen? frug er kurz. „Damit, Herr Iovers, will ich sagen, daß Ihr einziger Bruder, der Herr Senator Christian Albrecht Iovers, heute sein erstes „Söhnchen taufen läßt; und Sie fragen noch, warum die Schiffe flaggen?" Herr Friedrich sagte nichts; aber Frau Antje Möllern entging es nicht, wie ihm die Hand zitterte, während er schweigend den Rest seiner Suppe hinunterlöffelte. Die grimmigen Augen der Alten begannen plötzlich einen wehleidigen Ausdruck anzunehmen. „Herr Iovers", begann sie seufzend, „Ihr Herr Großvatei selig und meines Vaters Onkel, was waren das für gute Freunde: Sie wissen bas ja auch, Herr Iovers!" „Zum mindesten", sagte Herr Iovers, „hat Sie mir das öfters erzählt. "Nun, Herr Iovers, selig Senatorn wußte das ja auch!" ,3a, ja, Möllern, und auch der alte Friedebohm! Denn in den Büchern meines" Großvaters läuft bis zu feinem seligen Ende eine jährliche Aus- gabepoft2: Zehn Pfund Tabak und ein Gewandstück für den armen Krischan Möller." Frau Antje schluckte etwas; dann aber, nachdem sie den mittlerweile erschienenen Braten vorgelegt hatte, nahm sie doch den Faden wieder auf Ja Herr Iovers, sie waren Schulkameraden, und bas vergaßen fie sich nicht' Für alle Mittwoch war Herr Christian Möller zu bem fierrn Senator Christian Iovers auf ben Kaffee eingelaben; im Sommer tränten sie benfelben in bem schönen Gartenpavillon, ben 3hr Herr Großvater bamalen erst gebaut hatte. Nicht wahr, Herr 3overs, man hatte He mohl sehen mögen, die alten Herren, wie sie in liebevoller Unterhaltung mit ihren holländischen Pfeifen vor den offenen Gartentüren saßen! — ®enn fie es bamalen hätten vorausfehen könnenfuhr Frau 2In!]e fort, vor ihrem noch immer unberührten Braten sitzenb, „baß ber nunmehrige fierr Senator Soners ober, sagen wir's nur gerab heraus, bie nunmeh- riqe Frau Senatorn einen solchen Prozeß um diesen schonen Lustgarten anheben würde, was würden die beiden braven Freunde dazu wohl 0e,a meii3bLnid)t, Möllern", sagte Herr Friedrich, der bisher in halber ^erftr-uunq dagesessen hatte; „vielleicht wäre es meinem Großvater Vum Verdruß geschlagen, und er hätte den lausenden Posten von zehn Dsund Tabak und einem Gewandskück ein für allemal gestrichen! Die Makrone nagte sich ein paarmal auf die Lippe; bann sprach sie mit anbächtigem Aufblick: „Wie wohl hat unser Herrgott es gemacht, daß biefe lieben Männer itzt in ihrem Grade ruhen!" i Mantelartiger Ueberrourf aus bunflem, bichtem Stoff. - „Die Post" im 18. Sahrhunderk allgemein für „der Posten in kaufmännischem Sinne. , Sehr wohl", sagte Herr Friedrich, Indem er vom Tische aufstand; „und da lasse Sie die beiden allen Leute nur und sorge Sie für Ihre Leibesnahrung, damit Sie nicht vor der Zeit bei Ihres Vaters Onkel zu ruhen komme! Zunächst aber hole Sie mir den Ueberrock von draußen aus dem Schrank!" Als das geschehen war, ging Herr Friedrich aus dem Hause, ohne zu sagen, wohin, und wann er wiederkommen werde; Frau Antje aber legte zuvörderst die Serviette zusammen, welche der sonst so akkurate Herr als wie ein Wischtuch auf dem Tische hatte liegenlassen, und machte sich dann voll stillen Ingrimms über ihren Braten her. — Am selbigen Abend, da es vom Kirchturme acht geschlagen hatte, stand Herr Friedrich Jovers auf seinem Steinhofe mit dem Rücken an der Mauer eines Hintergebäudes und blickte unverwandt nach den hell erleuchteten Saalfenftern feines Elternhauses, deren unterste Scheiben die neue Mauer noch so eben überragten. Ganz heimlich, vor allem als dürfe Frau Antje Möllern nichts davon gewahren, war er nach seiner Rückkehr hier hinausgeschlichen. Weshalb, wußte er wohl selber kaum; denn mit jedem Gläserklingen, das zu ihm herüberscholl, mit jeder neuen Gesundheit, deren Worte er deutlich zu verstehen glaubte, drückte er die Zähne fester aufeinander. Gleichwohl stand er wie gebannt an seinem Platze, sah in das Blitzen der brennenden Kristallkrone und horchte, wenn nichts anderes laut wurde, auf den Schrei des alten Papageien, der, wie er wohl wußte, bei der Festtafel heute nicht fehlen durfte. Da erschien an einem der Fenster, gerade an dem, welches seinen Schein aus Herrn Friedrichs Standplatz warf, eine zierliche Frauengestalt. Er konnte das Antlitz nicht erkennen; aber er sah es deutlich, daß der Kopf des Frauenzimmers, wie um ungehinderter hinauszuschauen, sich mit der Stirn an eine Scheibe drückte. Doch auch das schien ihr noch nicht zu genügen; ein Arm streckte sich empor, wie um die obere Hafpe1 2 zu erreichen, und jetzt, während im Saale neues Gläserklingen sich erhob und der Papagei dazwischen schrie, wurde leise der Fensterflügel ausgestoßen. Herr Friedrich erkannte seine Schwägerin. Sie lehnte sich hinaus, sie legte die Hand an ihren Mund, als ob sie zu ihm hinüberrufen wolle; und jetzt hörte er es deutlich, wenn es auch nur wie geflüstert klang: es war fein Name, den sie gerufen hatte. Und da er wie ein steinern Bild an seiner Mauer blieb, kam es noch einmal zu ihm herüber, und dann, als wolle sie ihm winken, erhob sie langsam ihre Hand und deutete dann wieder nach dem hellen Festsaal. — Was hatte sie vor? Wollte sie ihn noch jetzt zur Taufe laden? Er wußte, sie konnte solche Einfälle haben; er wußte auch, wenn er ihr jetzt folgte, er würde seinem Bruder den besten Teck des Festes bringen; aber — der Garten! Nach ein paar fürsorglichen Andeutungen des Herrn Siebert Sönksen stand in allernächster Zeit eine abfällige Sentenz bei dem Magistrate hier in Aussicht! — Nein, nein, die zweite Instanz mußte beschritten, der Prozeß mußte dort gewonnen werden; waren doch auch die weitschichtigen Rezesse2 des Goldenen von vornherein auf diese höhere Weisheit nur berechnet gewesen! Herr Friedrich Jovers wollte sein Recht. Frau Christine hatte es selbst gesagt, er konnte nicht anders, er war ein Trotzkops; er rührte sich nicht, der Bock hielt ihn mit beiden Hörnern gegen die Mauer gepreßt. Freilich wußte er es nicht, daß Christian Albrecht ihn im Gevatterstande vertreten und seinen Erstgeborenen getrost auf seines Bruders und des Urgroßvaters Namen hatte taufen lasten. Da drüben aber wurde das Fenster zögernd wieder zugeschlossen. Wenige Tage später stand der vierschrötige Maurermeister Hinrich Hansen, wohlrasiert, seinen Dreispitz in der Hand, im Kabinette des Senators Christian Albrecht Jovers. „Also", frug dieser, „zweihundertundvierzig Reichstaler war die Verdingsumme für das Werk da draußen, und Er hat den Betrag bereits empfangen?" Meister Hansen bejahte das. „Weiß Er denn wohl", sagte der Senator wieder, „daß mein Bruder Ihm da um die Hälfte zu viel gegeben hat?' Der alte Handwerksmann wollte aufbrausen; das griff an seine Zunft- und Bürgerehre „Laß Er nur, Meister", sagte Herr Christian Albrecht und legte beschwichtigend die Hand auf den Arm des neben ihm Stehenden, „Seine Arbeit ist auch diesmal rechtschaffen; aber Er weiß doch, was ein Hauskontrakt bedeutet?" Und damit schob er ihm das vergilbte Schriftstück zu, welches ausgeschlagen aus dem Pulte lag. Der Meister zog seine Messingbrille hervor und studierte lange und bedächtig unter Beistand seines Zeigefingers den ihm bezeichneten Paragraphen; endlich klappte er die Brille zusammen und steckte sie wieder in das Futteral. „Nun^" frug Herr Christian Albrecht. Der Meister antwortete nicht; er fuhr mit seinen Fingern in die Westentasche und suchte nach.einem Endchen Kautabak, womit er in schwierigen Umständen seinen Verstand zu ermuntern pflegte. „Nicht wahr, Meister", sagte der Senator wieder, „da steht es klar und deutlich?" Der Meister kam nun doch zu Worte. „Mag sein, Herr", erwiderte er stockend, „aber es ist mir denn doch alles voll und richtig ausbezahlt!" Der Senator ließ sich das nicht anfechten. „Freilich, Meister; aber die eine Hälfte war ja nicht Herr Friedrich Jovers, sondern ich Ihm schuldig! Das macht aus den Punkt einhundertundzwanzig Reichstaler. Hier sind sie, wohlgezählt in Kron- und Markstücken; und nun gehe Er zu Herrn Friedrich Jovers und zahle Er ihm zurück, was Er von ihm zuviel empfangen hat!" Meister Hansen zögerte noch; in seinem Kopfe mochte die Vorstellung von einem etwas kuriosen Umwege austauchen, aber bevor er mit seinen schwer beweglichen Gedanken darüber ins Reine kam, war schon das Geld in seiner Tasche und er selbst zur Tür hinaus. 1 Türband. 2 Protokolle. Herr Christian Albrecht rieb sich vergnügt die Hände. „Was wist Bruder Friedrich dazu sagen? Still halten muß er schon; hier stehl's» Und er tupfte mit den Fingern dreimal zuversichtlich aus den alten Haus kontrakt. Da wurde an die Türe gepocht. Der Schreiber seines Sachwalten überreichte ihm einen Brief. Als der Ueberbringer sich entfernt und Herr Christian Albreckt den Brief gelesen hatte, war der eben noch so vergnügliche Ausbrut seines Angesichts mit einemal wie sortgeblasen. „Musche Peters", sag» er kleinlaut, indem er die Tür zur großen Schreibstube öffnete, „bitte Er doch die Frau Senatorin, auf ein paar Augenblicke bei mir vorzv sprechen!" Die Frau Senatorin ließ nicht auf sich warten. „Da hast du wich Christian Albrecht!" ries sie fröhlich; „aber"--und sie schaute ihn ganz nahe in die Augen, „fehlt dir etwas? Es ist doch kein Unglück g» jchehen?" „Freilich ist ein Unglück geschehen, Christinchen; da — lies nur diejei Brief!" Ihre Augen flogen über das Papier. „Aber, Christian Albrecht, di hast ja den Prozeß gewonnen!" „Freilich, Christinchen, hab' ich ihn gewonnen." „Und das nennst du ein Unglück? Da hast du ja alles nun in deine, Hand!" „Hatte ich in meiner Hand, mußt du sagen! Fünf Minuten not Empfang dieses Schreibens habe ich durch Meister Hansen die Hälfte de, unseligen Mauergelder an Bruder Friedrich abgesanüt." Frau Christine schlug die Hände ineinander. „Das wird eine schön, Geschichte werden! — du!?" — und sie drohte ihm mit dem Finger - „ich hatte es dir vorhergesagt!" * Und es wurde eine schöne Geschichte; denn zu derselben Zeit stand in Nachbarhause der Meister Hansen vor dem Herrn Friedrich Jovers. Bei seinem Eintritt in den Hausflur war der goldene Advokat gegen ihn angeprallt und dann wie im blinden Geschäftseifer an ihm vorbeig«> schoflen. Im Zimmer selbst saß der Hausherr mit einem Schriftstück iii der herabhängenden Hand, das mit vielen Schnörkeln begann und mils dem großen Magistratssiegel endete. Er schien über den zuvor gelesen» Inhalt nachzusinnen und nicht gehört zu haben, was ihm der Meiste, eben vorgetragen hatte; als dieser aber aus seiner Hand ein paar schwer, Geldrollen auf den Tisch fallen ließ, richtete er sich plötzlich auf. ,,@eliw' Was soll das?" rief er. „Was sagt Er, Meister Hansen?" Der Meister trug noch einmal seine Sache vor, und jetzt hatte Hem Friedrich zugehört und recht verstanden. „So?" sagte er anscheinend ruhig, indem er sich von seinem Sih er hob; aber sein Antlitz rötete sich bis unter das dunkle Stirnhaar. „AG dazu hat Er sich gebrauchen lassen?" — Dann ergriff er plötzlich dö, beiden Geldrollen und machte eine Armbewegung, die den stämmig» Meister saft zur Gegenwehr veranlaßt hätte. Aber Herr Friedrich besann sich wieder. „Setz' Er sich!" sagte Et kurz; dann ging er rasch zur Stubentür und über den Hausflur nach bem Hof hinaus. j Der junge Küfer, der vor der offenen Kellertür des Lagerraums 6a< fchäftigt war, sah mit Verwunderung den Herrn Prinzipal bald mit vom gestrecktem Kopse aus dem Klinkersteige' des Hofes dröhnend hin uni wieder schreiten, bald wieder ein Weilchen stille stehen und mit haD j scheuen Blicken an der hohen Scheidemauer hinaufschauen. Das mochte eine Viertelstunde so gedauert haben; endlich, wie in ra|d 1 Entschluß, ging Herr Friedrich in das Haus zurück. Als er ins Zimmer trat, fand er den Handwerksmann auf demselben Stuhle, wo er ihn ge lassen hatte. „Meister", sagte er, aber es war, als werde bei den wenigen Worten ihm der Atem kurz, „hat Er Leute in Bereitschaft? So etwa fünf obe„ sechs und noch heute oder doch morgen schon?" Der Meister war aufgestanden und besann sich. „Nun, Herr Jovers es ginge wohl! Mit der Stadtwaage find wir jetzt fo weit; ein Stücke« fünfe könnten schon gemißt werden." „Gut denn, Meister" — und Herr Friedrich ergriff noch einmal, uni nicht minder heftig als vorhin, die beiden auf dem Tische liegenden Geldrollen — „so baue Er mir die Mauer auf meinem Hofe noch um so viel höher, als dieses Silber dazu reichen will!" Der Handwerksmann schien kaum zu merken, daß während diese«! Worte die Rollen schon in seinen Händen lagen. „Hat Er mich nicht verstanden?" fuhr Herr Friedrich fort, da de« andre keine Antwort gab. J „Freilich, Herr; das ist wohl zu verstehen; aber" — und der Meist,« schien ein paar Augenblicke nachzurechnen — „das gäbe ja noch an cu, sechs bis sieben Fuß!" 1 „Meinetwegen", sagte Herr Friedrich finster, „nur sorge Er bajuii, daß es um keicken Schilling niedriger und auch um keinen höher werd» als wozu Er da das Geld in Händen hat!" i „Hm", machte der alte Mann und sah den jüngeren mit einem BliK an, als ob ihm plötzlich ein Verständnis komme, „wenn Sie es denn p* wollen, Herr Jovers; es ist Ihre Sache." ,, Herr Jovers wandte sich ab. „So wären wir fertig miteinander, sagte er hastig. „Fanget nur gleich morgen an, damit ich der Unruhe m Bälde wieder ledig werde!" 1 Als Meister Hansen dann hinausgegangen war, warf er sich aus einen Stuhl am Fenster und starrte auf die leere Straße. Er schien keine G’6’- danken zu haben; vielleicht auch wollte er keine haben. * Und schon am andern Tage, während der Herr Onkel Bürgermeiste« und der Herr Vetter Kirchenpropst noch einmal ihr vergebliches -ticfr söhnungswerk betrieben, wurde zwischen den Höfen der beiden Brum 1 Steig von glasierten Ziegeln. rüstig fortgemauert, und der struppige Assyrer sang dabei alle Lieder, die er aus seinen Kreuz- und Querzügen aus der Fremde heimgebracht hatte. Im Hause des Senators wurden die Schreibstuben mit jeder neuen Steinlage immer mehr verdunkelt, und der alte Friedebohm ertappte sich zu seinem Schrecken mehr als einmal, wie er müßig vor dem Fenster stand und, eine vergessene Prise zwischen den Fingern, diesem, wie er es bei sich selber nannte, babylonischen Beginnen zusah. Auf der anderen Seite ging Herr Friedrich Javers, wenn er auf dem Wege zu seinen Geschäftsräumen den Hof betreten mußte, hastig und ohne jemals aufzublicken vorüber. Dann, nach Verlauf einiger Tage, hörte das Mauern und das Singen auf; die Handwerker waren fort, das neue Werk war fertig. (Schluß folgt.) Nürnbergifch. Von Wolfram Brockmeier*. Wenn auch vom Geist an manchen Orten Ein leuchtend Fanal entzündet worden, Des Glanz in Finsternis und Nacht Eines neuen Morgens Schein gebracht, So ging’s doch oft, wie's meist gegangen: Es lofch fo rasch, wie es angefangen. Du Nürnberg, wähltest andre Weis Als Fackelglut, die qualmgepaart. Mit Bürgerstolz und Handwerksfleiß Haft du die deutsche Kunst bewahrt. Du haschtest nicht nach blauem Dunst, Aus Handwerkskönnen wuchs die Kunst; Und was von den Vätern dir übenkommen, Haft du voll Achtung ausgenommen. Verwarfst das Verstaubte, pflegtest das Gute, Fügtest dazu, was entquoll deinem Blute, Und bosseltest sorgsam und feiltest dran, Bis es den höchsten Glanz gewann. So wirkten in Einfalt, daß Kunst blüh' und wachs, Peter Vischer und Dürer, Krafft, Stoß und Hans Sachs. Zwar war im Gewirr von Dächern und Effen Nur kärglicher Raum einem jeden bemessen, Den aber füllte er treulich aus. Und schützte die Stadt, denn er stützte das Haus! Ob klein auch die Welt, die er sorgend umgriff, Verlieh er dem Kleinen doch Würde und Schliff. Bedächtig und bieder im Planen und Wirken, So wuchs er zum Meister in feinen Bezirken. Wollt Gott, man hätte in deutschen Landen Die gleiche Art geübt und verstanden. Wie sie in Ehren hielt Nürnbergs Gemeine: Tat jeder mit frohem Mute das Seine, Und weil er das Seine trefflich getan, Schlugs bald dem Ganzen zum Heile an; Und was auf beschränktestem Raume gestaltet, Hat bald sich geweitet und prächtig entfaltet, So daß vom Glanz, der in Nürnberg erglommen, Ein Leuchten über ganz Deutschland gekommen. an- Anselm Feuerdachö ^Amazonenfchlacht. Von Wilhelm Boeck. Der Führer und Reichskanzler hat vor einiger Zeit geordnet, daßFeuerbachs großes Gemälde der „Amazonenschlacht" aus der Städtischen Galerie in das Opernhaus zu Nürnberg übergeführt wird. Die Ehrung des Meisters in diesem Bilde, das zu feinen besonderen „Schmerzenskindern gehört hat, rechtfertigt es, sich die denkwürdigen Schicksale des hervorragenden Kunstwerks einmal wieder vor Augen zu führen. Die Entstehung von Feuerbachs „Amazonenfchlacht" fällt in eine Epoche, deren Kunstverständnis vorwiegend durch materialistische Ge- dankengänge bestimmt war. Die großen Künstler, die diesem Ze'tge^mack nicht frönten, schufen ihre Werke im Gegensatz, ja in erbittertem Widersprich zu den herrschenden Tendenzen der gesellschaftlichen Kultur Auch Feuerbach hat seine zeitlos großartigen Schöpfungen selbst als Protest gegen den Fehlgeschmack seiner Umgebung empfunden; feine — allem schon dem äußeren Umfang nach — gewaltigen Leistungen gelten uns um so höher, als sie mit dem Bewußtsein, m der Gegenwart kein Verständnis zu finden, hervorgebracht wurden. So malte er die „21 m a - zonenschlach t", die breit angelegte Schilderung eines Reltergefechtes zwischen Amazonen und Griechen, aus der kämpferischen vtlmmung felbst- aeroäblter Einsamkeit heraus, die er in der ewigen Stadt m den Jahren vor dem Risorgimento genießen konnte. Stunden beglückter Arbeit abseits vom Taaestreiben waren es, die ihm das Leben in Rom nur einzig lebenswert machten. War dann ein Werk vollendet, ° begannen erst die schwersten Leiden um fein Verbleiben im verborgensten Innern mit der schwachen Hoffnung auf Verkauf. Als er am 19. November 1872 oen Namen unter die .Schlacht", eines der ausgedehntesten Leinwandbilder der deuticben Kunst überhaupt, gefetzt hatte, war die Gefchichte des Werkes damit noch keineswegs abgeschloffen. Nachdem er es m ^tägiger begeisterter Arbeit zu einer gewissen Vollendung gebracht hat, beholi er * Der HJ.-Fiihrer Wolfram Brockmeier ist der Verfasser des Sprechchorwerkes, das bei der HJ.-Kundgebung des diesjährigen Reichs- Parteitages zur Aufführung gelangt. sich gleich für spätere Monate „einen letzten Spazlergang' durch das Bild vor, und allerlei Ausbesserungen waren jedesmal fällig, wenn es von einer Ausstellung zurückkam. Ihm gegenüber stand in Feuerbachs römischem Atelier ein zweites kolossales, gleichfalls lange unverkäufliches Bild, das „Gaftmahl des Plato" (heute in der Berliner Nationcil- zalerie); beide fchätzte der Meister auf insgesamt hundert Figuren, und ür die riesigen Rahmen bezahlte er im folgenden Jahr 643 österreichisch« Gulden. Obwohl in der Hauptsache in Rom gemalt, sind „Amazonenschlacht* und „Gastmahl" aufs engste mit Feuerbachs Prosesfur an der Wiener Akademie (1873 bis 1876) verknüpft. Es war vielleicht die größte Tragik in diefem tragischen Künstlerleben, daß Feuerbach, als er endlich eine ehrenvolle und nach außen glänzende Stellung erhalten hatte, infolge feiner geschwächten Gesundheit und Nervenkraft nicht mehr imstande war, )ie Pflichten des Amtes zu tragen; auch die „Amazonenfchlacht" hat ihr Teil zu dem Zusammenbruch beigetragen: das Wiener Publikum feierte den theatralischen Koloristen Makart, den Feuerbach als [einen Antipoden betrachtete, dessen Atelier er eine „asiatische Trödelbude" nennt und der ihm im Amte beerben sollte; als Ordner des berühmten Festzuges zur silbernen Hochzeit des Kaiserpaares 1879 hatte Makart seinen höchsten Triumph. Als dagegen Feuerbachs „Amazonenschlacht" im Januar 1874 im damals neuen Künstlerhaus am Karlsplatz erstmalig ausgestellt war, ergingen sich die Zeitungen in den fürchterlichsten Schmähungen, und ein „berühmter Professor der Anatomie" konnte sich nicht enthalten, das Werk von seinem Standpunkt vom Katheder herab zu bewitzeln. Wenn ein Maler vom Range Feuerbachs eine Besprechung wie diese in der „Presse" vom 22. Januar 1874 las, so diente das nicht dazu, ihm den neuen Wirkungskreis wert zu machen. Es heißt da, von H. Gr. unterzeichnet: „Mit dieser Schöpfung dürfte der Künstler wohl sogar seine wärmsten Freunde und getreuen Anhänger auf das Unangenehmste überrascht haben. Mußte er auf seine Berufung an die hiesige Kunstakademie ein solches Debüt, ein solches Selbstdementi folgen lassen? Wenn Rubens' Amazonenschlacht, unerreichbar an dramatischer Lebensfülle, einer Folie bedürfte, um ins hellste Licht gehoben zu werden, — in dem, was Feuer« buch gleicherweise benennt, wäre eine solche Folie geboten. Es ist unerquicklich, auf diefe Leinwand hinzublicken; es ist schwer, über das wunderliche Gliedergemengsel etwas zu sagen, das nicht herb klänge. Das Schaustück vernünftig zu deuten, ist eine Sache der Unmöglichkeit. Wo blieb der Künstler mit der epischen Klarheit und Nüchternheit? — Vorn fahlen apokalyptischen Reiter auf schwarzem Roh in untätiger Feme bis zu dem eher kosenden als kämpfenden Paar im Vordergründe ist alles mehr gelallt als gesprochen, mehr getappt als getroffen. Man möchte auf eine Schülerarbeit schließen, wenn nicht einzelne, allerdings nur wenige Züge einen Meister verrieten, aber einen Meister, von dem die Kunstwelt eine Verirrung, eine Verkennung des Gebietes, auf dem zu schaffen er berufen und befähigt ist, zu verzeichnen hat." Auch berufene« und von persönlichem Wohlwollen geleitete Wiener Kritiker der Zeit, wie Friedrich Pecht und Ludwig Speidel, tadelten an dem Werk hauptsächlich de» Mangel an eigentlich dramatischer Kraft. Diese Urteile haben insofern einen richtigen Kern, als sich Feuerbach bei den hochdramatischen Vorwürfen der „Amazonenfchlacht und des „T i t a n e n st u r z e s", den er für die Decke des Saales der Wiener Kunstakademie ausführte, etwas von dem Schwerpunkt feiner Begabung entfernt hat, die mehr auf Darstellungen edler Ruhe und ge- mejfener Bewegung hinzielte. Zweifellos befaß er die technischen Voraus- fetzungen zur Bewältigung auch derartiger Aufgaben, aber während der Ausführung ergab er sich bann feiner Natur gemäß fo sehr der statuarischen Durchbildung der Einzelsiguren, daß der Fluh der meisterhaft an«, gelegten Komposition ins Stocken gerät und das Ganze in einzelne, prachtvoll erfundene Gestalten auseinanderzufallen droht. Das ist nun bei der Nürnberger „Amazonenschlacht" längst nicht der Fall, wenn auch vielleicht die Schönheit bestimmter Figurengruppen die Bedeutung des Bildaufbaues überwiegt. Sie ist, unter Verzicht auf die Zuhilfenahme literarischer Ausdeutung dös Gegenstandes, ein grandioser, vorwärts gerichteter Versuch, den menschlichen Körper frei in allen Stadien der Bewegung zu zeigen, ganz zu schweigen von der inneren Beseelung der Gestatten und vielen Einzelheiten, den wundervollen Frauenköpfen, die er nach seinem römischen Modell Lucia bildete, und den vorzüglichen Pferde- studien, die er von Heidelberg aus in der nahen Schwetzinger Garnison nach der Natur vorbereitet hatte. Seiner Gewohnheit entsprechend hatte Feuerbach auch von der „Amazonenschlacht" einige Studien in kleinerem Format gemalt und dabei stets das Ganze wie die Teile zu vervollkommnen gefucht, und man darf wohl der mehrfach ausgesprochenen An- sicht Raum geben, daß auch mit dem großen Gemälde der innere Schaffensprozeß an diesem Gegenstand noch nicht erschöpft war. In bte- fern Sinne ist das Bild eigentlich eine riesenhafte Studie, wie es historisch gesehen das gemalte „Vermächtnis" des Willensmenschen Feuerbach ist. Die äußeren Schicksale des Bildes blieben traurig, solange der Künstler lebte Aus Ausstellungen in Berlin und anderwärts wurde es frostig empfangen; König Ludwig von Bayern hatte im entscheidenden Augenblick nicht das Geld, es zu erwerben. Es blieb noch nach Feuerbachs Tode (1880) ein Quell der Sorgen für [eine greife Mutter Henriette, die Herausgeberin des „Vermächtniffes", die den Rest ihres Lebens (gestorben 1892) der künstlerischen Hinterlassenschaft des Sohnes widmete. Solang« sie noch Hoffnung hatte, das Gemälde seinem wahren Werte entsprechend zu verkaufen, trug sie sich mit dem Gedanken, von dem erlös eine ©hf. tung für Maler zu gründen, wie es Feuerbach selbst zeitweise beabsichtigt hatte. Als für die Erfüllung dieses Wunsches keine Aussicht mehr vor- hanben schien, machte Henriette Feuerbach am 26. Juni 1889 bie „Amazonenschlacht" ber Stabt Nürnberg zum Geschenk (ungeachtet daß der künstlerische Beirat sie einmal als „©Iieberfalat" abgelehnt hattest Di« Mutter hatte seit 1876 bis zum Tobe Anselms in Nürnberg ihren Wohn- fit» genommen, unb hierher war ber Sarg nach seinem plötzlichen Tode in Denbig überführt worben. Auf bem historischen Johannesfriebhos mit feinen ehrwürdigen liegenben Grabsteinen, unweit ber letzten Ruhestätte Albrecht Dürers, hatte man ihn in sestllcher Versammlung zu Grabe Betragen. Und nun nahm man den 1V. Todestag des Meisters. (4. Januar 1890) 3um Anlaß, um das Bild der Nürnberger Oefsentlichkett zu übergeben. „Die zehnjährige Totenfeier in Nürnberg war schon und würdig, -lehn Lorbeerkränze auf hem Grabe, ein prachtvoller von der Stadt Nürnberg gewidmet, der Bildsaal in einen Lorbeerhain verwandelt ein zweiter, noch prächtigerer, wahrhaft königlicher Kranz von der Stadt Nürnberg gewidmet am Fuße des Bildes. Für zwei Tage freier Eintritt des Publikums. Großer Andrang. Das Werk im schönsten Licht bet Hellem Himmel, die Beschauer in andächtig ehrfurchtvoller Bewunderung des Gemäldes, welches so gut restauriert ist, daß man glauben konnte, es tarne eben von der Staffelei. „Wohl der Stadt, die ein solches Kleinod tn ihren Mauern hat", lautet das Urteil. Der Eindruck unauslöschlich, unvergeßlich. So hat man mir den Vorgang mündlich und schriftlich geschildert. Ich habe meine Schmerzenstränen ins Kanapeekissen geweint, wie es einem alten richtigen Pechvogel geziemt. Monatelang hatte ich auf diese Stunde gehofft Doch was tut es. Ich komme nicht in Betracht. Das Bild ist gerettet — gerettet für alle menschliche Zeit. Es wohnt in feinem Gemach, hundert Stufen hoch. Es ist ausgestellt, man kommt zu ihm. Niemand rührt es an. — es hat feine Heimat, und zwölf Minuten entfernt ruht fein Schöpfer. — Ihr könnt euch denken, daß ich diese Tage her immer damit beschäftigt war. Es ist für mich ein großes ein einziges Gluck und für Anselms Künstlerruhm die bleibende Gewähr. Als ich das Bild vor Wochen zum erstenmal sah, da stockte mir der Atem. Das war die Amazonenschlachtl Die geschmähte, verachtete, zerbrochene — Anselms Lieblingsbild. Er hatte wohl recht. Es geht über das Gastmahl hinaus. Das sind die Worte, mit denen Henriette, die halb erblindete Frau, die sich nach Ansbach zurückgezogen, das Ereignis ihren nächsten Verwandten schildert. Noch andere Fäden verknüpfen Feuerbachs Andenken mit Nürnberg, das er zuerst in feiner Studienzeit, auf der Reife von Düsseldorf nach München, als Gast der Großmutter kennenlernte. Das Herz des Jünglings war damals für die altteutfche Mode und die Kunstschätze der ehrwürdigen Reichsstadt nicht unempfänglich gewesen; und kurz vor seinem Tode beschäftigte er sich wieder mit Nürnbergs mittelalterlicher Geschichte, um ein großes Bild zu malen, das durch den historischen Gegenstand und das friesartige Format ebenfalls eine Sonderstellung unter feinen Werken einnimmt: Dargestellt ist die Verleihung von Privilegien an die Nürnberger Bürgerschaft durch Kaiser Ludwig den Bayern auf dem Reichstag 1317. Die edle Typisierung der Vertreter der einzelnen Reichsstände in überlebensgroßem Maßstab und ihre festliche Zusammenfassung in einer zwanglosen Komposition mit der Burg Nürnberg im Hintergrund, von dem für Feuerbach ungewöhnlichen Goldgrund überstrahlt, und nicht zuletzt seine Farbenpracht rücken das Gemälde in weiten Abstand von den damals üppig aufschießenden kostüm-theatralischen Geschichtsmalereien. Für diese allerletzten, in Venedig entstandenen Werke des Meisters gilt das ernste Wort der Mutter „Hätte Anselms Leben eine heitere Farbe, würden es auch seine Bilder haben", nicht mehr in vollem Umfange; ihre Farbigkeit ist wie verklärendes Abendrot, das einen silbrig kühlen Tag beschließt. „Es ist ein stiller Hauch darin ttotz aller Pracht und höchstem Farbenglanz und Goldfchimmer, der nur raphaelisch genannt werden darf. Anselm ist erst fetzt in seine Blüte getreten. Komposition in Linie und Stil, Charakteristik der Köpfe, Anmut der Gestalten — kurz höchste Kunstschönheit, wie aus dem Cingue Cento auferstanden und doch modern! Alles, was er bis jetzt gemacht hat, fällt ab gegen die Herrlichkeit dieses Bildes in seiner Einfachheit, Naivität, Wahrheit und Schönheit." So die Mutter bei Gelegenheit der Ausstellung des Kaiser-Ludwigbildes im Nürnberger Ralhausfaal, von wo es dann an feinen Platz in der Handelskammer gebracht wurde. Da man Feuerbach die Wandmaße falsch angegeben hakte, mußte das Bild dort zum Teil verdeckt eingelassen werden. Der wirtschaftliche Nutzen aus diesem Auftrag war ebenfalls sehr gering, und der Wunsch der Mutter, daß es dem Künstler den verdienten Ruhm bringen möge, konnte sich.an so entlegener Stelle schwerlich erfüllen. Es sind immer wenige Kunstfreunde geblieben, die den Weg zu dem unromantischen Sitzungssaal gesunden haben, dessen kostbaren Schmuck die Leinwand bildet. Dagegen ist nun die „Amazonenschlacht" in einen bevorzugten Blickpunkt des Kunsttebens gekommen und wohl nicht zufällig an eine Stätte musikalischer Kultur. Man hat Feuerbach längst als den „musikalischen Maler der modernen Kunst" bezeichnet, nicht nur weil er ein Freund und Kenner der Musik war, sondern well seine eigenen Schöpfungen mehr als „gewöhnlich „gemalte Musik" sind. Gerade die „Amazonenschlacht" ist in diesem Zusammenhang als Beispiel einer „wahren Polyphonie von Tönen, Linien und Farben" herangezogen worden. Wenn schließlich die Nürnberger Oper sich mit Recht als Heimstätte von Richard Wagners „Meistersingern" betrachtet, so hat man ja immer wieder die Namen der beiden großen Künstler in einem Atem genannt, sei es als gegensätzliche Persönlichkeiten, die sie im Leben gewesen sind, sei es, daß man sie „im Lichte unverkennbarer künstlerischer Wahlverwandtschaft" sah. Ohne diese schwierige Frage voreilig entscheiden zu wollen, darf man sich freuen, die beiden überragenden Genien jetzt in so bemerkenswerter Nachbarschaft anzutresfen. Oie Vision. Von Hans Franke - Heilbronn Noch immer ist nicht alles seltsame und merkwürdige Geschehen, das sich zu Zeiten des großen Krieges zutrug, in den Annalen und Büchern verzeichnet worden. Die großen kriegerischen und politischen Denkwürdigkeiten, die Geschicke von Führern und Helden freilich haben ihre Chronisten gefunden; aber noch immer harren unendlich viele Begebnisse des anekdotischen Griffels, die sich an den Peripherien der Schlachtfelder zu- trugen und die so, wie sie sich zutrugen, nur unter der drohenden, alles zermalmenden Stahlwolke des Völkergewitters möglich gewesen sind. — Zu diesen seltsamen Geschichten, wie sie uns immer aufs neue nachdenklich ffimnfen, gehör! ohne Zweifel das Schicksal eines gulmuftgen untüchtigen Kaufmanns aus P., der im österreichischen Heere seine soldatische Pflicht tat. Ich erfuhr dieses seltsame und überaus tragische Schicksal durch einen Freund, der es mir mit diesen Worten erzählte: Ich hatte schon vor dem Kriege geschäftlich viel in P., einer hart um- ochtenen Festung im damaligen österreichischen Galizien, zu tun gehabt und zu meinen hauptsächlichsten Kunden gehörte ein für den dortigen Platz wohlgeführtes und sauberes Geschäft, das Alfred W. mit einer nicht weniger tüchtigen und resoluten Frau, mit der er zudem aufs glücklichste verheiratet war, betrieb. Ich war immer sehr gerne in diesem Geschäft, die Bestellungen waren stets schnell aufgegeben, die Muster rasch durchgesehen und die Abschlüsse ohne Einwände zu Papier gebracht. Die guten 'leute wußten sich schnell zu entscheiden und ihr kleines, damals vier- lähriges Töchterchen, dem ich eine Kleinigkeit mitzubringen pflegte, sah uns dabei spielend und fragend zu. Meist wurde ich zum Essen geladen, oder wir gingen abends in ein größeres Gasthaus, von wo wir uns dann „bis zum nächsten Jahre" verabschiedeten. Es gab sich nach dem Kriege nicht gleich, daß sich die geschäftlichen Beziehungen wieder aufnehmen ließen, ja, es verging weit über em Jahrzehnt, bis ich selbst wieder auf dieser Reiseroute tätig war. Wie erstaunt war ich daher, als ich das saubere Geschäft nicht mehr an seinem Platze, dafür aber ein schmutziges und mit allerlei Volk angefülltes Cafe vorfand. Unter mancherlei Mühen konnte ich nun ermitteln, daß die Frau des Kaufmanns sich in W. — wohin meine Reise mich einige Wochen später führte — bei Verwandten aufhatte; die Tochter war nun em lunges Mädchen geworden, das in einem Rechtsanwattbüro das Nötige für sich und die Mutter erwarb. Die Mutter selbst war durch die Schicksalsschlage vollkommen gebrochen, so daß ich erst auf einem kleinen Abendspaziergang aus dem Munde des Mädchens die Geschicke seines Vaters erfahren konnte. Es erzählte mir, oftmals mit Tränen in den Augen, folgendes. Der Vater, der als Unteroffizier an die Front gekommen war, erhielt gegen Ende des Krieges bei einem Gefechte einen furchtbaren Säbelhieb über den Schädel, der ihn zunächst besinnungslos zu Boden warf. Die Schlacht zog über ihn hinweg. Als er erstmals aus feiner Betäubung erwachte, sah er — so lauteten von Anfang an feine über diese Stunde gegebenen Auskünfte — wie sich der Kopf einer wunderschönen und milde lächelnden Frau über ihn beugte Und als er im Feldlazarett zum zweiten Mal erwachte, war feine erste Frage nach dieser Frau. Als man ihm keinerlei Auskunft zu geben wußte, sich auch seinen ununterbrochenen Fragen gegenüber zuerst verwundert, bann barsch verhielt, wurde der Vater ganz still und beinahe unnahbar. Je stiller er aber wurde und je mehr er wähnte, daß man ihm geflissentlich eine ans Wunder grenzende Verregnung verschwieg, desto mehr erhöhte sich die Gestalt der Unbekannten" in seinem Herzen. Bei dem Erholungsurlaub daheim war er unumgänglich, wirr, unwirsch und uns allen ein trüber trauriger Gast. Mutter hat schon damals viel gemeint, denn Vater war wie auf einer anderen Welt, nichts kümmerte ihn, ich war ihm gleichgültig, noch mehr das Geschäft, nur der Wille zur Front beherrschte ihn. Aber kaum war er wieder hinausgekommen, als wir hörten, daß er durch Zerstreutheit, Widerstand, Entfernung von der Truppe Strafe auf Strafe verbüßte und immer nur anzugeben wußte: er müsse „die Unbekannte" suchen, die ihm auf dem Schlachtfelde von damals der Himmel zum Tröste gesendet habe. Diese Gestalt mag sich im Laufe der Zeit immer mehr in ihm vertieft haben, sie wurde ihm zum Fetisch, zu einer Heiligen; wo auch immer er war, was auch immer geschah, wem auch immer er fortan begegnete: sie alle verschwommen vor seinem äußeren Auge und immer steter und klarer wurde jene Gestalt vor seinem inneren Blick, dieses, wie er einmal zu sagen pflegte: reine Gesicht. Als der Krieg aus war, lag Vater in einem Sanatorium, von wo man ihn aber als durchaus gutmütig sofort entließ. Er kam zu uns. Ich war nun groß geworden und da ich den stillen und einsamen Mann, der meist in der Ecke zu sitzen pflegte, über alles liebte, habe ich in kindlicher Bewegtheit alles aufgeboten, was in meinen Kräften war. Dann hat er auch mitunter gelächelt, um ebenso schnell in seine tiefen unergründlichen Grübeleien zu verfallen. So war es kein Wunder, daß unser schöner Laden, den Sie ja gut kennen, rasch verfiel, Vater verbarg manches vor der Mutter; die Bücher wurden flüchtig geführt; und nicht lange währte es, und der Vater war verschwunden. Als Mutter die Geschäfte ganz an sich reißen wollte, war es zu spät. Der Konkurs ließ uns nicht viel, wir zogen von Verwandtschaft zu Verwandtschaft, bis wir nun hier eine kleine Zuflucht gefunden haben. Und der Vater, so werden Sie fragen? Wir haben erst später erfahren, daß er sich stets nach jenem Schlachtfelde von einst zurückzufinden pflegte, daß er dort irrend und suchend einem Landstreicher gleich umherzuwallen schien, nach einem Trugbild der Seele unterwegs. Man hat ihn oft per Schub in die Heimat gebracht, aber es waren immer nur Stunden, die es ihn hielt, bann war er wieder verschwunden, und eines Tages war er für uns und unser Leben dahin: er kam nicht mehr. Die dortige Gegend hat sich unter dem Einfluß des Friedens völlig verändert, er kannte sie wohl, wieder dahingelangt, nidjl: mehr und ging nun in andere Landstriche, ins Gebirge, in die weiten Ebenen, in andere Länder, Wir wissen seit Jahren nichts mehr von ihm.. Bis hierher erzählte mir das junge Mädchen, dann erschütterte ein. heftiges Weinen ihren schlanken Leib, ich suchte sie zu trösten und reifte bald darauf ab. Aber — so setzte mein Freund dann hinzu — ich frage mich oftmals,, ob jener irrende Landstreicher mit der Vision vor dem inneren Auge nicht glücklicher ist als wir alle, die wir ein Ideal zu besitzen vorgeben, aber niemals bereit sind, ihm alles zu opfern was wir in unserem kleinen: Leben besitzen. Auch unser Haar wird grau, auch unsere Tränen fließen: schneller, auch unser Auge wird matter: wird dann am letzten Tage der nämliche Glanz vor unseren Blicken fein, der diesem stillen Menschen uno- guten Vater von Land zu Land leuchtet bis in die Gefilde eines seligem und ewigen Friedens ...? ®erant®ortlict): l)r. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'jche UniverfitätS»Duch« und Steindruckerei. A. Lange, Gießet«-