Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 57 Montag, den 13. Mai Jahrgang 1935 Dichtung nach dem See. 9. km ut, baß Du da bist ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR Copyright I-ZZ by August Scherl G- m. b. <5-<- Berlin (Fortsetzung.) „Ick hörte von Ihnen sowohl von Ludwig wie von Elisabeth Lhiele , sagte Ollendorf. „Sie korrigierten vorhin eine Bemerkung Professor Bernaus, scheinen ilso genauer informiert zu sein über die damaligen Ereignisse?" sagte Terda Diemer, die Schwarzhaarige, nach einer Pause. „Elisabeth hat damals wirklich ohne ein Wort verziehen!" antwortete yarti und sah mit einem leisen Lächeln auf die blonde Inge Graf, die unter diesem Blick errötete. „Ihre spätere Abreise hatte einen anderen, iaheren Grund. Ich war damals zufällig in Nikolassee." „Es ist also möglich, sogar wahrscheinlich, daß die Rückkehr Frau non Altens gar nichts mit Thiele und seinem heutigen Erfolg zu tun hat", meinte der Journalist. „Hoffen wir es!" brummte Professor Bernau zweifelnd. „Weih Ludwig denn schon davon?" fragte Hartl. „Kaum. Er war nach der Borstellung so in Eile, daß sogar Elisabeth »orzog, ihn nicht mehr auszusuchen. Ich härte auch etwas oon einem großen Engagement nach Hollywood", antwortete Ollendorf. v „Das alles wird sich sogleich Herausstellen", sagte Gerda Diemer. Der Zug verlangsamte seine Fahrt und stand. „Nikolassee!" rief ein vorbeieilender Schaffner. „Jetzt haben wir noch ein paar Minuten zu gehen! Vorwärts! rief Professor Bernau und half der blonden Inge beim Aussteigen. Die andern folgten. , , , .. Sie verließen den schwach besetzten Vorortbahnhof und nahmen dre Abseits von der Hauptstraße des Ortes, zwischen einem kleinen, dunn- L stämmigen Föhrenwäldchen und dem See, lag das Restaurant „Zum Wald- Dinkel", ein langgestreckter zweistöckiger Bau im Landhausstil. Er enthielt im Erdgeschoß zwei Wirtschastsräume, oon denen der eine, nach hinten gelegene, ein weiter, rechteckiger Saal war, der aus eine Terrasse mündete Md meistens geschlossen war. Im oberen Stockwerk befand sich eine Reche geräumiger Gastzimmer. Das ganze Gebäude war umgeben von einem nicht mit Bäumen und Sträuchern besetzten Obstgarten, der sich am Rande !>es Föhrenwäldchens entlangzog bis zum See hinab und der auch ein aaar dichte Hecken und Lauben enthielt, da er in den Sommermonaten iils Wirtsgarten benutzt wurde. Seitlich hinter dem Haus lag ein kleinerer Schuppen mit Hühnerstall und zwei Garagen. Hier hatte sich Ludwig Thiele vor anderthalb Jahren mit Elisabeth i'ingemietet, nachdem er die enge Wohnung in der Stadt endgültig satt gehabt hatte und durch einen ersten Filmabschluß in die Lage gekommen war, sich einen Wagen anzuschaffen. Er hatte drei von den Gastzimmern im oberen Stockwerk gewählt und sie mit ein paar eigenen Möbeln nach feinem Geschmack verschönert. Elisabeth war glücklich, daß er endlich wie ruf dem Lande wohnte, was stets fein Traum gewesen war. Sie lernte iogar den Wagen lenken, was sie nie für möglich gehalten hatte. L te fahrt in die Stadt betrug nur knapp eine Stunde bei mäßigem Tempo. Wenn er vormittags Probe hatte und abends Vorstellung, speiste er iben, wie früher, in irgendeiner kleinen Kneipe in der Nahe (eines Tyea- lers. Sonst aber lebte er ganz seinen rustikalen Neigungen: strich durch den Wald, badete, fischte im See, hackte Holz im Garten, hielt Hühner, (ine Ziege und kam eines Tages mit zwei riesigen gefleckten Doggen rach Hause, die ihn auf Schritt und Tritt begleiteten und ferne erklärten i erwähnten Lieblinge wurden. Sie hausten in einem besonders gebauten Stall dich! neben der Garage und richteten in der Umgebung allerhand I Unheil an, da sie nur seiner Stimme gehorchten oder der Elisabeths, aber las nur, wenn sie bei guter Laune waren. Fremden die sich ahnungslos .... Hause näherten, konnten sie geradezu gefährlich werden mit ihrer Große, ihren Kräften und ihrem Gebiß, das ebenso stark war wie das (usoewachsener Wolfe. Diese beiden Hunde, Pitt und Fox, waren auch die Ursache geworden der ersten Unstimmigkeiten mit öer Besitzerin des .Waldwinkels", einer fünfzigjährigen stattlichen Witwe die sichbisher - den Wünschen Thieles willig gefügt hatte, da er zunächst auf em Jahr sst gemietet und später den Vertrag auf zwei Jahre verlängert hat . Zwar bezahlte er die beträchtliche Miete unregelmäßig, ebenso wie d e -roßen Rechnungen für die Schmausereien und Gelage, die er seinen zayl- i-eichen Freunden in den unteren Räumen Öes Hauses gab, oder für Die Gartenfeste im Sommer. Aber sie wußte, daß er, wenn auch in Abständen, immer wieder größere Summen verdiente, van denen er ihr jedesmal einen runden Betrag oushändigte, manchmal mehr, manchmal weniger, als feine momentane Schuld betrug. So hatte sie im großen uni) ganzen immer recht gut an ihm verdient. Nur an die zwei riesigen Hunde konnte sie sich nicht gewöhnen, ebensowenig wie diese Bestien — wie sie sie haßerfüllt nannte — sich an ihre pompöse, laute und derbe Erscheinung gewöhnen wollten. Obgleich sie ihr nie etwas zuleide taten, ließen sie doch keine Gelegenheit vorübergehen, ohne sie mit Knurren oder lautem Gebell zu erschrecken und um die von Angst und Zorn Erstarrte herumzutanzen, wie, um eine wehrlose Beute. Thiele mußte nach jedem solchen Vorfall seine ganze Beredsamkeit und den ganzen Vorrat seines breiten, gutmütigen Lachens aufbieten, um sie davon abzubringen, die Bestien heimlich zu vergiften. Wenn sie gar nicht mehr zu beruhigen war, griff Elisabeth ein. Heute war der Saal geöffnet und hell erleuchtet. Die Mitte nahm eine große Tafel ein, bedeckt mit den verschiedenartigsten Speisen und Weinen, Tellern und Gläsern, und mit Blumen geschmückt. Thiele liebte es, wenn sämtliche Speisen oon vornherein auf dem Tisch standen, und zog darum bei solchen Gelegenheiten kalte Platten vor. Da stand Gebratenes aller Art: rötlich schimmerndes Roastbef und ein ganzer rosafarbener Kalbsrücken. Daneben Schweinebraten mit knusperigen Krusten und, auf den ganzen Tisch verteilt, braunes Geflügel, Tauben, Hühner und Enten. Vorfpeifen dazwischen, Hummern und Krabben mit Mayonnaise, Gemüse in Essig und Paprika und die mannigfaltigen Salate. Weißbrote in langen Stangen lagen umher, umgeben von elfenbeinfarbenen Pyramiden aus Butterkugeln. Und vor jedem Teller reihten sich bunte oder bizarr geschliffene Gläser, in denen sich das verstärkte Licht des Kronleuchters brach. Elisabeth hatte am Nachmittag die Herrichtung dieser Tafel überwacht, war zufrieden damit und freute sich auf die Anerkennung ihres Mannes, die sich bei feinem Eintritt in einem strahlenden Lächeln ausdrücken würde. Zwischen Doktor Kern, dem Bildhauer Martin und dem Schriftsteller Hubert von Gerber saß sie in einer Ecke des Saales und wartete mit Öen Männern, die Sherry tranken, auf Ludwigs Rückkehr. Bei den verhängten Fenstern stand eine Frau von auffallender Schönheit, mit platinblondem Haar und in übertriebener Eleganz. Sie hörte, sichtlich gelangweilt und ungeduldig, auf die Witze eines Mannes in den fünfziger Jahren, dessen Spitzbauch lustig hinter dem Knopf seines zu engen Smokings schaukelte und auf dessen kahlem, poliertem Schädel mit dem verkniffenen Cäsarengesicht die Reflexe der Glühlampen tanzten. Die Dame war die „Adelheid" aus der heutigen Götz-Premiere, im übrigen ein beliebter Filmstar, die der an alle Kollegen ergangenen Einladung Thieles nur darum gefolgt wa», weil das Gerücht von der Anwesenheit eines der Gewaltigen aus Hollywood bis zu ihr gedrungen war. Jetzt ärgerte sie sich, daß sie in ihrem Wagen zu früh gekommen war, und ließ diesen Aerger an ihrem Gegenüber aus, dem Chefredakteur eines illustrierten Blattes, der einer der Begründer ihrer Karriere gewesen war und den sie mitgebracht hatte. Sie wußte, daß er sich noch immer gern an ihrer Seite sehen ließ und daß Thiele seinen trockenen Humor gern hatte. Jenseits der Tafel lachte, lärmte und trank eine Gruppe der jüngsten Kollegen und Kolleginnen Thieles. Der Bildhauer Franz Martin, der sich, wie immer, mit feinem Freund, dem Schriftsteller Hubert von Gerber, stritt, gehörte zu den Intimen Thieles. Sein rundes, volles Gesicht hatte trotz feiner vierzig Jahre etwas Kindliches behalten, sowohl in der Form wie im Ausdruck, und niemand traute diesen kleinen, schwächlich wirkenden Händen zu, daß sie mit Hammer und Meißel die schwierigsten plastischen Entwürfe direkt in den Marmor schlugen. In fast allen öffentlichen und privaten Sammlungen waren diese kühnen Plastiken vertreten und hochgeschätzt. Doch ihr Schöpfer war, trotz seiner frühen Erfolge, ein unheilbarer Zigeuner geblieben, der mit Geld und Ruhm nichts anzufangen wußte. Seit zwei Jahrzehnten bewohnte er ein riesiges, von Gips-, Kolk- und Marmorstaub bis in den letzten Winkel hinein bedecktes Atelier im Alten Westen, in dem er auf einer eingebauten Galerie fein Feldbett aufgeschlagen hatte, umgeben von zahllosen Entwürfen — vollen und leeren Weinflaschen. Denn er liebte Öen Wein fast ebensosehr wie feine Kunst, unö her öritte Gegenstand seiner Liebe war Ludwig Thiele, den er oft modelliert hatte und von dem eine ausgezeichnete Büste von seiner Hand auf einem Podest neben Elisabeths Sessel stand. Der Romanschriftsteller Hubert von Gerber, der neben der rosigen, saloppen Rundlichkeit des Bildhauers wie ein düsterer, hagerer Raubvogel wirkte, erlaubte sich, wie schon oft, Kritik an der Porträtbüste zu üben und mußte eine Flut von Schimpf und Ironie über sich ergehen lassen, die Elisabeth lachend immer von neuem entfachte. Durch die Flügeltür traten hinter den beiden Mädchen Doktor Hartl, Professor Bernau und Ollendorf ein. Als Elisabeth Doktor Hartl erkannte, . sprang sie aus und ging ihm mit ausgestreckten Armen entgegen. „Otto ...! Wie ist das möglich! Wie kommen Sie hierher? Waren Sie' vielleicht auch im Theater, ohne sich bei uns zu melden? ... Das ist eine reizende Ueberraschungl Ludwig wird sich unendlich freuen ..." Hartl, in leichter Verlegenheit über den warmen Empfang, der ihn einen Augenblick in den Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit stellte, beugte sich über ihre Hand und küßte fie. „Es ist ein Zufall, Elisabeth. Ich schäme mich auch ein wenig, daß ich bis heute abend nichts von Ludwigs Premiere wußte. Da erst bin ich nämlich aus Dresden abgefahren", sagte er und fügte eine kurze Erklärung über seine Ankunft auf dem Potsdamer Bahnhof hinzu. ... Elisabeth begrüßte auch die neuen Gaste und zog Hartl mit sich in ihre Ecke. Ollendorf, Doktor Kern und Hubert von Gerber bildeten eine neue Gruppe in ihrer Nähe, in der das Gespräch sich der Premiere und und Ludwigs Erfolg zuwandte. „Endlich sind alle Voraussetzungen erfüllt, damit em Schauspieler rote Ludwig Thiele sich in breitester Form durchsetzen konnte. Für uns, die wir ihn genau kennen und seit langem wissen, was er kann, bedeutet der heutige Abend ja nur eine Bestätigung", sagte Ollendorf. „Doch geben wir uns keiner Täuschung hin: Für die Masse des Publikums und die gesamte Oeffentlichkeit war Thiele bis jetzt nicht mehr als eine Spezialität. So merkwürdig es klingen mag: Sein heutiger Erfolg, der meiner Ueberzeu- gung nach der stärkste war, den ein Schauspieler in den letzten Jahren hier hatte, beruht ebensosehr auf der politischen Entwicklung während dieser Zeit wie auf seiner künstlerischen Reife." „Jetzt sitzen Sie glücklich wieder auf Ihrem Steckenpferd, der Politik. — Und das nennt sich unabhängige Kunstkritik!" antwortete von Gerber aggressiv. „Glauben Sie mir: Ihr Individualismus ist heute vollkommen überholt und veraltet, sowohl in der Literatur wie vor allem im Theater. Die lebensgefährliche Krife, in der sich das ganze heutige Theater befindet, ist ja nur ein Ausläufer der großen politifchen Krise. Wie entwurzelt der linksgerichtete Liberalismus im Grunde war, wie sehr ihm jede geistige Basis fehlte, war nirgends deutlicher zu erkennen als in feinem Theater, das zur einen Sensation geworden war, je abseitiger, desto besser — oder zu reinem erotischem Amüsement. Die Masse, das wirkliche Volk, blieb einfach weg, weil von feiner geistigen und materiellen Not nirgends darin die Rede war oder nur in sentimentalen Paraphrasen. Erst das Wiedererwachen des nationalen Bewußtseins, der Versuch, unser in tausend Splitter gespaltenes Deutschland endlich zu einer Nation zusammen- zusassen, die aus dieser Notwendigkeit geborene und wachsende völkische Bewegung konnte hier die Wandlung bringen. Den Anfang haben wir mit der Gründung des Deutschen Volkstheaters erlebt." „Natürlich ist daran viel Wahres. Das wird niemand leugnen. Nur glaube ich, daß Sie Herrn Direktor Steinlen reichlich überschätzen", unterbrach ihn Doktor Kern. „Sie als Schweizer verstehen das, sehr viele Reichsdeutsche leider noch nicht", fuhr Ollendorf fort. „Aber was Steinlen betrifft, glaube ich, im Bilde zu fein. Er ist einer der tüchtigsten Geschäftsleute, die ich kenne, aber nicht viel mehr. Er roch ganz einfach die neue günstige Konjunktur, und das brachte ihn in die Nähe der innerpolitifchen Bewegung, nicht tiefere Einsicht und Ueberzeugung. Aber auch seine naive Aktivität ist für uns schon ein Gewinn. Er verwirklicht, was andere, einsichtigere Köpfe als richtig erkannten, — und macht seine Geschäfte dabei. Sicher ist das zu eindeutig ausgedrückt. Denn so eindeutig ist auch Steinlen nicht, weder als Mensch noch als Regisseur. Aber ich freue mich, daß Ludwig Thiele auf dieser Basis endlich an erster Stelle steht." „Meiner Ansicht nach haben Sie vollkommen unrecht mit Ihren politischen Unterstellungen. Vielleicht nicht ganz, was Steinlen und seine Absichten betrifft. Vor allem aber in bezug auf die Person Ludwigs!" sagte von Gerber. „Wenn Sie Ludwig kennen würden, wie ich, würden Sie jeden Zusammenhang seiner Kunst mit der heutigen Politik weit von der Hand weisen. Wie es überhaupt ein Unfug ist, Kunst und Politik so eng miteinander zu verquicken. Für mich ist Thiele eine der wenigen schauspielerischen Persönlichkeiten, die sich in jeder Rolle neu und großartig manifestieren, vollkommen unabhängig von irgendwelchen Programmen. Für Ihre politischen oder Steinlens geschäftige Ambittonen hat er im Grunde nicht das geringste Verständnis, wenn er sich auch aus seiner Gutmütigkeit heraus dafür gelegentlich zu interefsieren scheint. Ich bin überzeugt, daß er solche Zusammenhänge gar nicht begreift und daß sie auch nichts mit seiner Natur zu tun haben, daß er ganz einfach tut, was er von innen heraus tun muß. Nur hat man ihm bisher zu wenig Gelegenheit dazu geboten. Jetzt wird das wohl anders werden — so oder so!" „Nein, Herr von Gerber! Heute hat er zum erstenmal und aus den Ursachen heraus, die ich vorhin genannt habe, eine Aufgabe erhalten, die ganz seiner Eigenart entspricht: Er hatte ein großes deutsches Schicksal zu gestalten. Daraus ist seine eigene Gröhe erwachsen. Oder war er für Sie heute nicht auch wie ein Symbol des deutschen Menschen, der deutschen Landschaft .. ,T fragte Ollendorf. „Das leugne ich nicht. Im Gegenteil. Ich kenne jene fränkischen Hügel und Täler. Sie liegen ganz nahe bei meiner eigenen engeren Heimat. Ich fühlte mich mitten in sie hineinversetzt und nicht durch die ausgezeichnete Wiedergabe im Bild, sondern einzig und allein durch Ludwig Thiele. Sicher liegt da ein Schlüssel zu seinem künstlerischen Wesen, aber ..." „Dabei stammt er selbst von der Ostseeküste und hat jene Gegend nie mit eigenen Augen gesehen!" warf Doktor Kern ein. „Das ist es ja, was ich meinel Er ist nicht einer einzigen, sondern der deutschen Landschaft verhaftet! Daher seine erstaunliche und ganz allgemeine Wirkung!" rief Ollendorf. Er kam nicht mehr dazu, die längere Rede, die er auf der Zunge hatte und die das Kernstück feines morgigen Referats über die Aufführung werden sollte, zu beginnen. Denn in diesem Augenblick wurde die Flügeltür des Saales aufgeriffen, und in ihrem Rahmen erschien Ludwig Thiele mit erregtem, lebhaft gerötetem Gesicht und erhob zur Begrüßung aller beide Anne. Erst eine Minute später tauchten hinter ihm Steinlen, Direktor Grol- man und zuletzt der Agent Henschke auf und schoben sich langsam in den Saal. 11. Thiele wurde mit lautem Jubel empfangen. Von allen Seiten drängte man aus ihn zu, drückte chm die Hand und beglückwünschte ihn. Cs war, als hätte sein Erscheinen alle Zurückhaltung gelöst, die bisher im Saal geherrscht hatte. Er hatte Mühe, sich in diesem plötzlich entfesselten Strom der Begeisterung aufrecht zu halten, aber sein Lachen übertönte den Lärm. Auch Elisabeth war ihm ein paar Schritte entgegengegangen, war aber nicht bis zu ihm vorgedrungen. Der dichte Kreis um ihn hatte sich vor ihr geschlossen. „Ihr seid ja verrückt, Kinder!" schrie Thiele und stemmte sich gegen die Mauer, die ihn von Elisabeth trennte. „Wenn ihr so weitermachi, werft ihr mir noch die ganze schöne Tafel um. Dann aber sollt ihr mich tennenlernen!" Man gab endlich den Weg frei, und er konnte Elisabeth begrüßen. Da entdeckte er hinter ihr den Doktor Hartl. „Du auch hier, alter Freund? Das ist ja großartig!" rief er und hieb ihm die breite Hand auf die Schulter, daß Hartl zusammenzuckte. Er kam nicht zu Wort. „Später, Otto! Alles Persönliche später!" sagte Thiele und drehte sich um. „Jetzt zu Tisch! Ich habe dir noch zwei Gäste mitgebracht, Lisa: Direktor Grolman aus Hollywood und unseren treuen Henschke!" Die beiden verbeugten sich vor Elisabeth und kamen näher. Direktor Grolman war mitgefahren hauptsächlich aus dem Grund, Thiele auch persönlich noch näher kennenzulernen, bevor er den endgültigen Vertrag unterzeichnete. Zwar war er innerlich fest entschlossen, den Schauspieler zu engagieren, doch Thieles Persönlichkeit hatte ihn neugierig gemacht, ihn auch im engeren Bereich seines Privatlebens zu beobachten, wozu ihm hier die beste Gelegenheit geboten war und woraus er sich interessante und sicher später auch brauchbare Aufschlüsse über seinen Charakter versprach. Der Agent Henschke ahnte etwas von diesen Absichten und beschloß, Thiele rechtzeitig zu warnen, da er manches Aufregende über diese Gastereien hier in Nikolassee gehört hatte und einen ungünstigen Eindruck befürchtete. Doch es gelang ihm nicht, diese Warnung unauffällig anzubringen. Denn Thiele selbst war so erfüllt von dem Gefühl seines Triumphes und einer überschäumenden Lebensfreude, daß er im Augenblick auf gar nichts hörte, was man ihm fagte. Er fühlte sich mit Recht als den überragenden Mittelpunkt, um den sich heute alle Gedanken und Wünsche, Absichten und Interessen drehten. Er spielte die erste, tragende Rolle und würde sie in Zukunft immer spielen mit noch weiter reichendem Widerhall. Jetzt kam der Teil seines großen Abends, in dem er nicht mehr Götz von Berllchingen war, sondern nur noch er selbst,- in dem er die hinreißendste Rotte seines Lebens spielen konnte — auch hier der Schau-, fpieler seines Selbst, der keine der saftigen Pointen unter den Tisch fallen ließ, sondern triumphiernd, kraftvoll, lachend und lärmend ganz vorn an der Rampe stand. Noch etwas wühlte in seinem Innersten und trieb die Hochspannung seiner Nerven und Sinne auf einen Gipfel: das Bewußtsein, Mira von Alten war wieder da, war zu ihm zurückgekommen im Augenblick seines größten Sieges, und es war möglich, daß auch sie noch in dieser Nacht hier herauskömmen würde, zu ihm, um ihm zu huldigen. In den wenigen flüchtigen Augenblicken der Ueberlegung wiederholte er sich zwar, daß es unsinnig war, daran zu glauben, daß sie nach allem, was vor einem Jahr vorgesallen war, nochmals auftauchen würde und daß überhaupt ihr Besuch in seiner Garderobe mehr bedeutete als eine selbstverständliche Höflichkeit. Aber diese Zweifel wurden immer wieder restlos ausgelöfcht von dem Strom seiner Leidenschaft, die niemals gestorben war, rote er sich eingeredet hatte, sondern bei ihrem Anblick mit unveränderter, betäubender Wucht wieder aufgeflammt war. Der Gedanke an Elisabeth und den tiefen Schmerz, den er ihr vor einem Jahr zugefügt halte und vielleicht wieder zufügen würde, war nicht imstande, diese leidenschaftliche Erwartung zu zügeln. Ihre Person stand für ihn einfach außerhalb. Er wußte, daß er sie liebte, und daß diese Liede fest verankert, zuverlässig und dauernd war, vielleicht der einzige, sichere Ruhepunkt in seinem Leben hinter allen diesen Leidenschaften, die ihn stets hin- und hergerifsen hatten. Gerade darum aber hatte sie nichts mit diesen Leidenschaften zu tun, und er war eigentlich immer wieder verwundert, daß fie davon überhaupt Notiz nahm ober schweigend darunter litt. Er fühlte sich keineswegs schuldig, daß er ihnen nachgab. Diese Leidenschaften waren eben plötzlich da und hüllten ihn ein, wie Sturm ober Regen auf bem See ober im Wald, Naturgewalten, gegen die jede Verteidigung sinnlos war, und die ebenso schnell wieder vergingen, wie sie gekommen waren. Thieles funkelnde Augen flogen über die Tafel: „Das haft du prachtvoll gemacht, Lisa! So habe ich es gern!" flüsterte er ihr zu und drückte noch einmal schnell ihre Hand. „Aber es fehlt noch eine Kleinigkeit: mein Pokal! Heute gehört er hierher! — Sie sollen Platz nehmen, Lisa, ich bin gleich wieder da!" Er eilte hinaus. Elisabeth setzte sich auf den Stuhl rechts vom Kopfende der Tafel und gab damit das Zeichen, sich je nach Belieben an dem langen Tisch einen Platz zu suchen. Es stellte sich heraus, daß sogar noch zwei Stühle freiblieben, obgleich man mit mehr als der ursprünglichen Zahl der Gäste gerechnet hatte. Den Doktor Hartl birigerte Elisabeth auf ben Platz sich gegenüber. Kern fetzte sich rechts neben fie. Der platinblonben Schönheit gelang es nicht, sich neben Direktor Grolman zu placieren; sie mußte sich mit einem Stuhl ihm schräg gegenüber begnügen. Jetzt erschien auch ßubroig Thiele wieder und trug in beiden Händen einen Pokal aus geschliffenem hellrotem Kristall vor sich her, wie eine Monstranz. Er stellte ihn neben seinen Teller und begann ihn zu füllen, sowie er sich gesetzt hatte. Der Pokal faßte eine ganze Flasche Wein. (Fortsetzung folgt.) Gartenglück. Bon Johan Luzian. Schlanke Erbsenschoten schwanken windbeseligt zwischen Blättern, bunter Bohnen zarte Ranken eifrig in die Höhe klettern. Krauser Kohl und süße Möhre sammelt Nahrung, taubefeuchtet, aus dem Riesenblattwerk leuchtet des Rhabarbers rote Röhre. Rittersporn, Reseden, Kressen, weihbesteinten Weg verschönen, Apfelbaum nicht zu vergessen, drin die Vogelherzen tönen. Nichts ist ohne Segen blieben, Frucht wächst aus der ärmsten Blüte. Gott, gelobt sei alle Güte, Schöpfer, den wir Kinder lieben! Oie Gazelle. Von Josef Wenter. Im afrikanischen Busch hatte man das feine Tier gefangen. Kaum zwei Jahre alt, war es seiner Mutter noch so anhänglich gewesen, daß es, als die baumhohen Netze über ihr und über vielen vom Rudel niedergestürzt waren, sich erstaunt und beinahe willig hatte greifen lassen. Denn auch die schlanke, zartgegliederte Mutter hatte dagelegen wie im Schlafe und hatte keinen Laut von sich gegeben, hatte die hohen Beine von sich gestreckt, als schwarze und weiße Menschen nach ihnen griffen; und es war in dem jungen Tiere, das vor so kurzer Weile erst ins Leben gesprungen war, kein Wissen davon, daß die schönen Lichter der Mutter deshalb so ruhig vor sich hinggeblickt hatten, weil der ungeheure Schreck vor dem Lärm, den der Mensch in den stillen und friedlichen Busch gebracht hatte, vor den überall austauchenden schwarzen Gestalten, vor dem überhinstürzenden Gesiecht, sie getötet hatte. Die junge Antilope war aus dem Geschlecht jener zarten Geschöpfte, denen ein friedfertiges und sanftes Herz gegeben ist, das in einer ausweglosen Gefahr zu schlagen aufhört, sich nicht willentlich wohl, aber wesentlich in den Tod flüchtet. Die Begebnisse waren vielfältig und fremd über Leib und Seele des Tieres hinweggegangen. Wie hatte das Netz auf den Schultern der Träger geschwankt, die die leichte Last singend — oh, der niegehörte, tiesängstigende Laut' — ins Lager gebracht hatten. Die lederne Fessel um den dünnen Hals hatte bei oftmaligen Fluchtversuchen eingeschnitten und herrisch Gehorsam gefordert. Die freundliche Stimme des weißen Mannes war von Tag zu Tag ein stärkerer Bann geworden, dem die Kinderseele des reinen Tieres sich staunend und allmählich willig unterworfen hatte. Die seltsame Witterung, die von den guten Händen des Menschen ausging, ward ihr bald ein Gewohntes, ja Erwünschtes, und es waren nicht mehr Schauer von Schrecken und Flucht, wenn die Menschenhände sie den feinen Le,b hinabstreichelten. Beklemmend und schrecklich war die wochenlange Reise gewesen auf dem Ochsenkarren bis an die Küste; seltsam und wie von lauernder Krankheit umkreist, die Tage der Fahrt über den Ozean. Das lärmende Rattern im Eisenbahnwagen nahm sie dann so hin. Die zart schwingende Seele der Gazelle — welch einen beschwingten Leib hatte sie ich gebaut! — hatte in das Gewese des Menschen sich emgeordnet, so gut es ging; fremd und sich entwendet freilich, zitterte ihr Gemüt über das, ihrer gotterschaffenen Natur ewig Unwahrscheinliche: von Menschen umgeben zu sein. Da steht sie im Gehege des Zoologischen Garterw. Seit wenigen Tagen erlaubt der nördliche Himmel diesem lieblichen Gast, den die nämliche Sonne glücklich und heiter in seiner Welt umglänzt und gewärmt hat, unter der, oh wie viel kühleren, blauen Glocke hinzustelzen. Denn wahr- haftig, sie stelzt so hin. Zum schönen Sprung über mannshohes Gras, über Distelgebüsch und Gesträuch begabt, weiß s,e und findet hier keinen Anlaß, nach der Lust ihres Leibes und ihrer Seele sich zu gebärden. Ihre schmalen Flanken umspült nicht mehr die Woge unübersehbaren Raumes. Die herrliche Weite des Daseins verstellt ein schimmerndes Drahtgeflecht. Geblendet- ist das feine Tier, nach der winterlichen Haft im geheizten Haus, unter den blühenden Maihimmel herausgeschritten Es war wohl ein Erstaunen auch für die große Sonne, diesem Fremdling hier ZU begegnen, der aus ruhigen Lichtern, die das ganze leicht geschwingte Leben hindurch wie in einer stillen und sanften Frage blickend ,n den nördlichen Tag schaut. Sie äugt furchtsam und neugierig Ihr seiner Sinn sagt ihr, daß sie hier so sicher vor Gefahren ist, wie hinter den G'tterstciben des Käfiges. Die zarten Hufe haben sogleich die natürliche Erde unter sich erfühlt. Sie beugt den schlanken Hals, um zu äsen. Aber es wachst nichts auf dieser Erde. Da und dort sticht ein Halm aus dem sandigen Bodem lieber das Kitterwerk hinweg grünen die Aeste d°der Baume Dle Fremdlingin schaut in diese hellgrüne Wirrnis hinauf, die dem Mmwmd erstmalig sich hingibt und frühlingsschüchtern em wenig zu rauschen anhebt. Erinnert sie sich an das gewaltige Land ihrer Herkunft, hort sie die Stürme afrikanischer Nachtgewitter? Wartet sie auf eine heißere Sonne, die sie nie mehr besKeinen wird? Ihr Kindergesicht is 9 ernsthaft und voll eines unsäglichen und anmutigen Selbstgesuhls und einer sanften Geduld. Ein Mensch kommt langsam am Gitter vorüber. Langsam wende! fttz den schmalen Kopf zu ihm, beäugt ihn, zieht kaum merklich die Witterung ein und tut dann ein paar steife Schritte neben ihm her. Der Mensch verhält, redet freundliche Worte durchs Drahtnetz. Die Gazelle hebt sich ein wenig auf, horcht mit hohen Lauschern der Menschenstimme, fühlt deutlicher als ein Mensch es fühlen könnte, das Wohlwollen und die Freude, mit der der Herr der Erde den schmerzlichen Abgrund zwischen sich und dem Tier zu überwinden sucht, sie legte ihre samtweichen Lippen an das Geflecht. Aber als der Mensch die Hand hebt, sie zu kraulen, wirft sie aus und tut einen zierlichen Sprung zur Seite. Der Abgrund hat sich aufgetan. Von dem Sprung wie zu sich selber gekommen, freut sie sich ihres hüpfenden Gemüts und springt in weiten Sätzen, hohen Fluchten, tn Kreuz- und Quergängen, schleudert die federnden Beine von sich, als ginge es nun ohne sie, wie im Fliegen. Es ist ein kleines dumpfes Gepolter über der Erde, der diese zarten Hufe ein sehr Fremdes sind, daß im benachbarten Gehege der riesige Giraffenbulle aufmerkt. Jahrelang schon in der Gefangenschast des Menschen, hat er sich eingeordnet in die Enge des Daseins. Er kennt seine Nachbarn, er vertraut seinem Wärter, er weiß um die Hälften des Jahres, die ihn aus dem hohen Käfig ins Gehege und wieder hinter die Gitterstäbe ins geheizte Haus sühren. Jährlich äugt er im Sommer verlangend nach den Ahornbäumen und Linden, von deren Blättern zu äsen ihm eine große Lust wäre Aber stets bleiben sie seinem hohen Halse unerreichbar. Dann steigt Erinnerung in ihm aus an die goldene Freiheit im Busch, und er steht wie lauschend und äugt aus den großen Augen viertelstundenlang unbeweglich Ins Weite. Seine langsamen großen Schritte fördern ihn in wenigen Minuten den Rand des Geheges hin und her, und er hat es lange ausgegeben, zu traben. Weit blickt er über seine Nachbarn hinweg, deren Schreie ihn an die Heimat unter der großen Sonne erinnern. Das Gebrüll der Löwen, wenn es zuzeiten herüberkommt, schreckt ihn nicht mehr, reizt ihn nicht mehr zum Zorn. Nie noch hat er sie eräugt, und die Witterung, wenn sie je mit dem Nachtwind herüberkommt, fürchtet er nicht mehr. Es kommt ihm nicht zu Sinn, wie etwa in den ersten Wochen der Gefangenschaft, sich in Flucht zu bringen. Die Gitter, wie sie ihm die hohen Gänge verleidet haben, geben ihm zugleich ein Gefühl der Sicherheit. Allmählich war aus seinem Gemüt die Freiheit mit ihren Fährnissen geschwunden, und gleich wie die hohen Bäume, die außerhalb der Gitter grünten, nicht zu erreichen waren, so erreichten ihn Gefahren nicht mehr. Der große Ernst des Daseins war gewichen, und die Seele des Tieres war mit dem Leibe lange in die Menschengitter eingegangen. Wenn der Wärter das Heu aufschüttelte, grätschte der riesige Bulle die Vorderbeine ein wenig, um mit den Lefzen, während er sonst mit schöner Gebärde im hohen Gezweig geäst hatte, mühselig auf den Boden zu gelangen. Jetzt landet die Gazelle ihre Sprünge am Nachbargitter und äugt durch die Maschen des Drahtnetzes. Hoch schreitet die Giraffe heran und verhält hart am Netz. Die kleine Zärtliche reicht ihr bis ans Sprunggelenk, ihr schön geschweiftes Gehörn liegt fast waagerecht auf dem schmalen Nacken, weil sie steil auswärts ins Gesicht der Giraffe schaut. Welch ein seltsames Wiedererkennen! Denn natürlich kennen die beiden Fremdlinge einander. Wochenlang ist das Antilopenrudel mit der Girasfenfamilie durch den Busch gezogen. Die hohen Hälse dieser Wanderkameraden ließen weiten Ausguck zu. Man befand sich mit seinem schwanken, furchtsamen Gemüt bei den Riesigen in guter Hut. Wenn die zu traben oder zu galoppieren anbuben, ach, man sprang ihnen immer noch ein paar gute Längen voraus oder hielt sich feitlings oder rückwärts, eingehüllt in Staub, Dunst und großes' Gepolter. Dann rastete man unter hohen Sykomoren, im Schatten breiter Eukalyptusse, ging gegen Abend vereint zur Tränke an die Wasserläuse, traf auf andere Verwandte, hielt guten Frieden mit dem Wassergeflügel, dessen Schreie man jetzt wieder aus irgendeinem entfernten Gehege herüberhört. (Erinnerung an die großartige Landschaft des Herkommens, wird in den beiden Tieren, die sich da zum ersten Male sehen, lebendig. Denn keineswegs ist etwa die Gazelle mit dem Bullen durch den Busch gewandert, und keineswegs hat der aus seinem Rudel, dem er ein herrischer Herr wär, die Feine je eräugt. Sie war noch nicht geboren, als über ihm schon der Himmel Europas kühler und durchsichtiger sich wölbte. Und doch kennen sie einander, und wie sie einander nun beäugen, die Gazelle mit tief in den Nacken gebeugtem Kopf, die Giraffe seitlich ein wenig von ihrer Höhe hinab sich neigend, stumm, ernsthaft, voll guten Wohlwollens: da ist auf eine lange Weile um sie die große Freiheit und das mächtige großartige Dasein des Erdteils, für das der Schöpfer sie erschaffen hatte. Dann ist es, als überwältigte den Einzelgänger das Gefühl seiner Ausgesetztheit in der Fremde. Er beugt den hohen Hals weit über das trennende Drahtgesiecht. Die großen ernsthaften Augen begegnen den fünften, schönen der Antilope. Vielleicht haben sie beide Mitleid miteinander. Wer vermöchte in diesen stummen, unbewegten reinen und ernst- baften Gesichtern deutlich zu lesen, was ihre Gemüter bewegt? Denn welche Wallung der sanften Seele vermag die Gazelle jetzt dazu, in einer unsäglichen, weiblichen Zärtlichkeit die Kehle der Giraffe mit ihrem fchön gebogenen Gebörn 3U kraulen? Sie mübt sich, der Riesigen wohl zu tmft sie bat ibre feinen Hufe in das Netz gestemmt, um ein wenig größer zu werden, um der sich Herabbeugenden auch noch ein wenig den Hals streicheln zu können. Dem Menschen vor dem Gitter schauert das Herz. Frauenbünde könnten nicht zärtlicher sich gebärden. Der Bulle, von solcher Zärtlichkeit bewegt, weiß nichts Besseres, als mit feiner großen Zunge den Widerrist, den Nacken der Gazelle hinter dem Gehörn wieder und wieder zu belecken. So stehen die beiden Tiere eine Weile in herzlichem Wohlwollen, in einem unklaren und verirrten Liebesspiel beieinander, und zwisckien ihnen ist das stählerne Netz des Menschenwillens hoch aufgerichtet, bas «e trennt. Gleichnis und Wahrzeichen des Geheimnisses menschlicher Schuld am verlorenen Paradies der Geschöpfe Gottes und des Menschen zuerst. An ba«* Herz. Bon Gottfried Keller. Willst du nicht dich schließen, Herz, du offnes Haus! Worin Freund und Feinde Gehen ein und aus? Schau, wie sie verletzen Dir das Hausrecht stets! Fühllos auf und nieder, Polternd, lärmend geht's. Keiner putzt die Schuhe, Keiner sieht sich um. Staubig brechen alle Dir ins Heiligtum; Trinken aus den goldnen Kelchen des Altars, Schänden Müh' und Segen Dir des ganzen Jahrs; Wersen die Penaten Wild vom Herde dir, Pflanzen draus mit Prahlen Ihr entfärbt Panier. Und wenn zu verwüsten Nichts sie finden mehr, Lassen sie im Scheiden, Dich, mein Herz, so leet! Nein! Und wenn nun alles Still und tot in dir, Oh, noch halt dich offen, Offen für und für! Latz die Sonne scheinen Heiß in dich herein, Stürme dich durchfahren Und den Wetterscheln! Wenn durch deine Kammern So die Windsbraut zieht, Latz dein Glöckleln stürmen, Schallen Lied um Lied. Denn noch kann's geschehen, Daß aus irrer Flucht Eine treue Seele Bet dir Obdach sucht! Vas £anb der Griechen. Eine deulfche Reise. Bon Franz Kuypers. Die Sehnsucht nach dem „blauen Himmel von Hellas" und nach der „Sonne Homers" ist mehr als Ausdruck des Wandertriebes, der im Deutschen wirkt. Unserer Kultur ist es bestimmt, sich mit dem Griechentum immer wieder ausein- anderzusetzen. Bon diesem Erlebnis ist auch das mit erlesenen Bildern geschmückte Griechenlandbuch von Franz Kuypers beseelt, das im Borlag Fr. Bruckmann AG., München, erschienen ist. Man hat es mit Recht belächelt, wenn einer mit dem Homer In der lasche nach Griechenland kommt und dann den Gegensatz zwischen damals und heute fühlt. Nelsl man buch auch nicht durch Dettlschland mit der „Germania" des Tacitus. Das ändert aber nichts daran, daß Griechenland für die Kulturwelt noch immer In erster Linie das Land Homers isi. Durch diesen Namen ist seine Einmaligkeit gesichert worden. Auch seine hervorragendsten baulichen und bildnerischen Denkmäler entstammen der von Homer ausgehenden Weltauschauung, irgendwie stehen sasi alle Gedeiikplätze der Antike in dieser Beleuchtung und selbst Berge und Meere sind oft nicht von ihr zu lösen. Aus diesen Schöpfer der grotzen Volk» Epen geht die eigentliche Kulturhaltung des alten Hellas »iid ein beträchtlicher Teil jenes Kulturguts zurück, das sich mit dem germanischen zusammengesunden hat. Neben diese poetisch gestaltenreiche Uebermnlung des Landes tritt im alten Hellas eine retn geistige Erfassung der Welt van vorher unerhörter Bielseiltgkett und Kiihnheit Hier sind die Griechen die grotzen Seher der Probleine tind die ersten Sysiematiker. Sie haben dadurch der Philosophie des Westens die Richtungen gewiesen und auch unsere Religtoiisanschauungeu mitbellimmt Sichtbare Gestaltungen konnten diese Wellweisen nicht zurücklassen; allein sind nicht die Plätze Denkmäler geworden, aus denen die unerstorbcneu Gedanken über den Sinn hes Daseins von Welt und Mensch entstanden sind? Wären sie eines Sternchens im Baedeker weniger würdig als die Bau- unb Bildwerke? Diese beiden weltgeschichtlichen Erschetiiuugen des homerischen Lebens- gesühls und der geistig schöpserischen Loslösung van ihm heben sich scharf ab von der vorhergegangenen Kuliurstufe. Namentlich aus Kreta 'Aoranttvortttch: Dr. Hans Tbvrtot. — f und In Mykonä tritt dieser vorgeschichtliche Zeitraum deutlicher vor die Sinne als in anderen europäischen Ländern. Weit entfernt von kultureller Anmut, zeigt er dem überraschten Hellasfahrer gewaltige Bauten und einen kunstgewerblichen Hochstand, der die gewohnten prähistorischen Funde wett in den Schatten stellt. Diese Paläste, Burgen und Kunsterzeugnisse sind Ausdrucksweisen einer unyellenischen, orientalischen Lebensform Sie sind, abgesehen van kunstgewerblichen Nachbildungen, ohne unmittelbaren Zusammenhang mit unserem Bildungsganzen; aber sowohl die Werke als auch die Sagenwelt um sie berühren und verschmelzen sich mit dem frühesten hellenischen Kulturkreis. Auf die erstaunlichen Hervorbringungen des Altertums folgt bis Ins 19. Jahrhundert hinein Berfall und Leere. Auch die Kunstzeugen des Ehrifteniums find mit wenigen Ausnahmen von geringem Ansehen und in ihrem byzantinischen Gepräge abwechslungslos und ohne Ursprünglichkeit. Während in den romanischen und germanischen Ländern die neue Religion den Kunsitrieb der antiken In vielen neuen Aus» druckssormen übernommen zu haben scheint, und während sie als Schwertführerin von geistlichen und weltlichen Würdenträgern den Gang von Völkergeschicken bestimmt, gedeiht in den von Leid und Knecht- schast zermürbten Gemütern Griechenlands ihre Entsagungslehre. Als Haupikennmal dieser im Gedächtnis der Welt verblatzten Jahrhunderte des schöpserischen Kulturlandes schaut uns noch die Weltslucht an. Ader im Gegensatz zu den sehr merkwürdigen Klöstern als Heimen der Ergebung steht eine steinerne Tragödie über dem alten Sparta: das letzte volksbewutzte Bollwerk, das sakrale Mislra, ist die monumentalste Ruinenstadt Europas geworden. Da dringt aus dem Dunkel, aus dem fragend und anklagend die Reste der einstigen Grütze heroorragen, plötzlich ein Feldgeschrei wie das Erwachen der Geister des Leonidas und Themistokles. Durchslammt von schmerzlich stolzen (Erinnerungen, folgt der Ohnmacht und Resignation eine ausbruchartige Erhebung gegen die türkischen Bedrücker. Der hemmungslose Fanatismus beider Gegner führt zu blutigem Chaos, und ihm entsteigt ein neues Griechenland „Hellas" erscheint wieder auf der Karte Europas. Nicht als das frühere Gemenge von Stadtstaaten! Nach den Sagen- und Landschallskönlaen und den kleinen Demokratien steht es zum erstenmal unter einem Königsthron. Und auf diesem sitzt — ein Nichthellene. Daß Gegensätze und Spannungen nicht ausgeräumt waren, ist nicht zu uermunbern. Zu bewundern ist dieses: Obgleich, nach einem schemenhaften Dasein von anderthalb Jahrtausenden, die Berwüstungen des jahrelangen grausamen Befreiungskrieges saft die letzten Lebenssasern des Landes zerstört hatten, erhob sich ein heiliger Eifer, den Borsprung der Völker einzuholen, welche Schüler von Hellas waren und deren kulturelle Entwicklung keine Abdrosselung erlebt hatte. In der gärenden Jugend des neuen Staatswesens ist die Wendung nicht abgerissen durch revolutionäre Umwälzungen, durch dynastische Wechsel, kostspielige Kriege, wirtschafiliche Rückschläge, parteiliche Zerrungen und stüdtevernichtende Elementarkatastrophen. Athen, das sich vor hundert Jahren als ein armes, schmutziges Hüt- tcnftäbtleln um die Ruinen der Akropolis drängte, ist europäische Großstadt geworden ... ♦ Angesichts des schwankenden Gleichgewichts der Zustände vergleicht ein englischer Landeskenner sein Buch über Griechenland von heute mit dem Gewand der Penelopa, da die Arbeit vielleicht schon während des Druckes wieder aufzutrennen fei. Nichtsdestoweniger haben auch wir Deutsche Anlatz genug, nicht bloß auf das Griechenland von einst unsere Aufmerksamkeit zu richten. Denn seit dem Weltkrieg ist das vom Nimbus der Antike umwobene Land immer bedeutungsvoller geworden für unsere Wirtschaft Nach England ist Deutschland fein wichtigster Handelspartner! Und in dem Lande Homers leben, neben dem höchsten Ansehen der deutschen Wissenschaft, sehr viele seelische und politische Sympathien für unser Vaterland und für die starken Hände, die dieses aus dem Chaos hinausgeführt haben Zurückschaueud wird umgekehrt der Deutsche gern bei Vergleichen verweilen, die Ihm durch unsere nationale Wiedergeburt näher gerückt sind als früher. Nicht bloss, datz er in den alten Griechen, den nahen Blutsverwandten der Germanen, auch artgleiche Charakterzüge wieder- sindet: einen schöpserischen und einen zersetzenden Individualismus, einen gottesfürchtigen Grundsinn neben vielspältlger philosophischer Deutung von Welt unb Leden, einen mächtigen Biidungsbrang neben ipartani- schem Solbatentum, eine engherzige Habersucht »eben vaterlänbischer Großtat, einen starken Zug nach ber Ferne neben Innerster Verbuuben- heit mit dem TOutterlanb. Nicht bloß, baß er in ber klassischen Kultur bas unoerfrembete Volksgut erkennt, in Tempeln, Theatern und in dem Bestand der Museen Er begegnet in den Statuen der letzteren geradezu dem nordischen Menschen Aus den Einigungsplätzen der alten Hellenen erlebt er, mir nirgends sonst, das Zusammengehen von körperlicher unb geistiger Bllbung, auf ben Schlachtfelbern ben Sieg ber Gemeinsamkeit unb bns Unheil ber ©onbertümelei, auf dem ganzen Bildungsweg Aufblühen in ber Freiheit unb Niebergang mit ber Botmäßigkeit Er finbet in Athen wie in Sparta, in Theben wie in Argos, in Elis unb Arkadien, auf Ithaka, Salamis, Kreta — den Helden als hellenisches Volks- Ideal In Peifistratos, Perikies, Epameinondas tritt die große Führergestalt vor Ihn. während Ihm auf ben Volksversammlungsplätzen oll'u oft ber bort einst herrschende Parteigeist das Hellenentum verleiden könnte. Vor allem steht der Deutsche erschüttert vor dem Endergebnis bes Partlkuiarismus: vor der jahrhundertelangen Ausschaltung eines hoch- begnadeten Volkes aus dem geschichtlichen Dalein Aber er fleht auch die noch gllmmenden Flömmchen gefchichtlichen Selbstgefühls slck> nähren aus dem Stolz auf ben Väterruhm, unb sieht sie, nach bem Scheintod des völkischen Gedankens, emporlodern in beispiellos erkämpfter nationaler Auferstehung. Druck undDerlag: Brühl's cheUniversitäls-Du ch- undSlelndruclerei. R. Lange. Gl eben