GiesjeneiWnilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1955 Montag, -en 12. August Nummer 62 Seine Kraft war in ihm mächtig 6m r>ändd-Roman von Ernst Murm Copyright 1935 by Deutsche Verlage-Hnstalt, Stuttgart und Berlin (7. Fortsetzung.) Wieder nahm das Mädchen Platz. Und etwas Erschütterndes geschah: Händel erschloß sich. Ein Junggeselle, ein Einsamer von Ewigkeit zu Ewigkeit, hatte den Drang, sein Leben zu zeigen. Vielleicht wollte er nur sprechen, sonst gar nichts. Aber wie er anfing, zu gestehen, daß er mißtrauisch durch den ewigen Hader geworden sei, daß er oft sich selber ausschimpste: da sah er sich plötzlich in Person, essend, arbeitend, drohend, irrend, und er wollte wissen, wie einem zweiten Menschen das erschiene. Jäh kam er nun zu dem Mädchen hin, nahm sie an der Hand und führte sie um den Schreibtisch herum zu einem Schrank, den eröffnete. Was da hing und lag: ein halber Schinken, Würste, Käseblöckchen, Weinslaschen und Pumpernickel! Und davor Händels freudige Erregung! „Sehen Sie — das gibt's überall, wo ich hause, daheim und hier! Vorräte! He, Sie dachten wohl, ich esse bloß Hostienblätter?" „Nein. Ich sah Sie ja auch schon ein paarmal im Gasthaus große Mengen vertilgen." „Ein Magenwüstling, was? Und heftig bei den Proben, ein unausstehlicher Tyrann? Na, etwa nicht?" „Wissen Sie, Herr Händel, wie das ist, wenn Sie mit den Sängern streng sind? Großartig!" „Junges Ding, glauben Sie denn, daß Sie mich kennen? Ein Ungeheuer bin ich, und seh's ja an der Arbeit! Da! Das soll Ordnung sein, ein solches Notenbuch?" „Herr Händel, da ist Ordnung drinnen..." „Kreuzdonnerwetter was nützt es mir, wenn Sie mit allem einverstanden sind, was ich bin und treibe? Wäre ich's nur auch selber! Sie Kind! Auf Ihnen liegt ja der Aerger über das Opernvolk nicht! Hätte ich nie etwas mit diesen Leuten angefangen, das wäre besser gewesen! Hätte ich nie zu leben begonnen, das wäre noch besser gewesen!" „Das, mit Erlaubnis, Herr Händel, ist ein Hätte', von dem Sie im Ernste gar nichts halten." „Nein, wirklich nicht! Denn ich glaube, daß sich nirgends kräftiger hantieren läßt als im Leben! Wer das spürt, Fräulein Arne, hat recht! Hat recht, wenn er lebt!" Susanna Arne sah ihn lange an. Und sie sand den Mut, etwas zu sagen: „Merkten Sie es schon, Herr Händel? Das Leben gibt Ihnen immer mehr recht. Selbst wenn Sie es nicht ganz bändigen.' „Was meinen Sie damit?" „Ich denke zurück an Ihren Streit mit der Italienerin. Damals staunte ich, daß Sie nicht besser mit ihr fertig wurden." „Was?! Himmel und Hölle, wollen Sie mich aufstacheln? „Es bleibt dennoch wahr: Sie haben sich damals nicht zu helfen gewußt." . „Machen Sie nur den neuen Simfon aus mir, Fraulein! „Herr Händel — ich will nicht Ihr Ansehen herabwürdigen. Für die Sänger und Musiker waren Sie damals Sieger genug. Nur nicht für mich..." m , . Der Komponist merkte, wie das Mädchen etwas ganz Besonderes sagen wollte. Erstaunt fragte er sie: „Was geht denn in Ihnen vor?" „Lassen Sie mich einmal sprechen — ganz offen --- Herr Handel, ich habe bei den Proben und Vorstellungen, wenn Sie dirigierten, Ihr Antlitz gesehen, und einmal, beim Julius Cäsar, sagte ich mir: er wird ausstehen, früher oder später an diesem Abend wird er vor den König treten und sagen: ,Du! Ich bin mehr als du! Warum. Ueberlaß das Warum nur mir!' — Und ich träumte weiter, daß der König hochfahren und schreien wird: .Diesen Rebellen lasse ich im Haymarkettheater Direktor sein?' — Da antworten Sie — — — Herr Handel. Mag ich unbedeutend gut fingen oder gar nicht gut: die Hauptsache ist, ich kann von einem großen Manne etwas erwarten.. _.. . „Kind, Kind! So ehrgeizig bin ich ja gar nicht, daß ich den König verdrängen möchte!" 1 „Ich habe es ja auch so nicht gemeint!" „Fräulein, ich weiß! Ruhig! Sie brauchen es mir doch nicht zu sagen! Anders als mit Primadonnenstimmen gesungen gehören die Gesänge des Lebens! Bon anderen als von blassen Königen regiert gehört diese königliche Erde! Verstehen Sie mich? Auf Ehrenwort, ob Sie mich verstehen?!" „Ja, ja, ja!" „Dann sind Sie beim Teufel in die Schule gegangen und haben Im Himmel Prüfung bestanden! Fräulein! Fräulein! Still, jetzt ist Lichtl Die Schleuse ist offen! Ich habe fast zu niemanden sprechen können bisher! Sie aber müssen hören! Wissen Sie, wonach ich mich sehne? Nach einer Musik, die über Berge steigt und über Meere hinrauscht, nach Chören, von denen jeder ein ganzes Volk ist! Ich bin nicht glücklich, wenn ich meine Werke für das Theater einrichten muß, und nicht, wenn sie in den Kirchen gespielt werden! Das ist alles zu eng! Primadonnen prunken im Gesang, die feinen Leute hören meine Musik! Aber der Ton, den ich gebe, er soll doch alle bewegen..." Susanna Arne, mitgeriffen von Händels Leidenschaft, erfuhr es bei feinen letzten Worten, daß sich Gedanken, noch dazu peinliche, in ihr Gefühl mischten. Sie wohnte nicht zu Hause bei ihren Eltern, sondern in Untermiete bei fremden Leuten. Doch so oft sie die Ihren besuchte, hörte sie vom Vater, daß er dem Haymarkettheater und auch Händel vorwars, er spiele nur für die Reichen, schon dem Mittelstand gegenüber zeige der mächtige Komponist Hochmut. Die Choristin bekam nun aus Händels Mund bestätigt, was sie schon längst empfand: daß er nicht nur die Reichen, sondern auch das einfache Bolk gerne im Banne seiner Kunst gesehen hätte. Was die Leute der Vorstadtoper von ihm verlangten, daß er satirische Werke schreibe und sich mit dem bitteren Ton der Gescheiterten befreunde, das war seine Sache nicht. Dennoch sah das Mädchen gerade in diesem Augenblick eine Aufgabe darin, zu vermitteln. Sie kannte die Mängel und das Gute der königlichen wie der Volksoper. Auch lasteten die ersten Fragen Händels an sie in diesem Gespräch noch auf ihrer Seele. Langsam sprach sie nun: „Wonach Sie sich sehnen, Herr Händel, das verlangt im Grunde auch mein Vater von Ihnen..." . „Kommen Sie, wir gehen zusammen ins Gasthaus! Dort muß ich Sie noch allerlei fragen." Welches Staunen in der ganzen Over! Der Direktor, fast niemals in Frauengefellfchaft, verließ an der Seite einer Choristin das Haus. Wie ein Lauffeuer ging es um. Inzwischen aß Händel seelenruhig und in bester Laune dreimal Gänsebraten und zwei Puddings, erzählte er Susanna Arne eifrig von feinen und Arbuthnots Kochrezepten und kam. gesättigt, wieder auf die Vorstadtoper zu sprechen. „Die Leute hatten in der letzten Zeit einen großen Erfolg." , Mit der Bettleroper." „Ein fragwürdiger Titel, etwas wie Freude an Lumpen." "Das ist es auch. Aber gerade das gefällt den Zuschauern. Und hinter der Absicht steht mehr. Ein großes Gesübl steht dahinter." „Mitleid aus Not und andere Schwächen! Gay hat den Text gemocht? Jedermann weiß, warum der Kerl die seine Gesellschaft haßt! Weil sie ihn ausschloß!" v . ... Ja der Anlaß zu seinem Werk war bitter. Vieles darin ist zu scharf gesagt. Es erfreut und erhebt auch keineswegs. Und trotzdem war ich davon ergriffen." „.Sie fallen sich die Oper an? Warum? „Mein Vater sagte mir, daß Sie darin nachgeahmt würden. „Ist der Scherz gelungen?" „Nicht ganz und doch lustig. Ueberhaupt ist dort, wo der Humor zu seinem Recht kommt, eine Wärme in dem Stück, viel mehr als in manchen ernsten Opern. Es gibt wahrhaft schone Melodien drinnen. „Beseelte?" „Manchmal sind sie wirklich voll Seele. Händel überlegte beim Abschied von Dem Mädchen. Dann sagte er bin^Donnerstags abends frei. Wollen Sie mich da in die Betlel- °%us''ber' Sitn hinaus führte der Weg zu Lincolns Jnn-Fields- Theater wo die Vorstadtover zu Hause war Selten kam Handel m diese Stadtgegend, höchstens auf der Durchfahrt, wenn er an freien Tagen aufs Land hinau-'fuhr. Dabei war hier nicht etwa bloß die Armut, sondern auch recht viel Wohlstand daheim. Den Kern der Bern ".er bildete eine vergnügungssüchtiae Bürgerschicht, die allerdings vo. aer Unterw lt sich roeniaer schützen konnte als die Herren der Paläste und Adelshäuser und deshalb mit Gesinde! und Dirnen sich wohl oder übel vertragen mußte. Ausgesprochen wohl fühlten sich hier gescheiterte Literaten und von ihnen kam es her. daß das Boi' in einem ferneren Sinn» empfindsam und beweglich wurde. In h»n Kaffeehäusern hielte man dort nicht nur Karten und ging seinem Vergnügen nach, sondern es wurden auch die bissigsten Spottlieder gerne mit angehört, und es kam so weit, daß Verbrecher unter Ausrufe, die von heruntergekommenen Schriftstellern gegen die Reichen versäht worden waren, ihre Unterschriften setzten ... In dieser Lust erwuchs die Oper der Armen. Findige Komponisten verstanden musikalisches Volksgut aufzustöbern, und die unbekümmerte Freude der Bürger an der Verherrlichung des Alltags, noch mehr am Gespötts über die feine Gesellschaft, war groß. Man dankte den Literaten für jeden guten Einfall. Gays Bettleroper war nach mehreren Vorläufern die Vollendung dieser Volkskunst: sie hatte die beste Handlung, den reichsten Witz, die meisten und schönsten Melodien von allen Werken ihrer Gattung. Ihr Erfolg war jo gewaltig, daß er auch die Reichen neugierig machte, die es anging. Sie besuchten die Vorstellungen scharenweise, und das Volk nahm den Feind begeistert auf. Es gab Huldigungen, wenn feine Wagen durch die Vorstadt fuhren. Verbrecher öffneten den Wagenschlag und blieben standhaft bei jeder Versuchung zum Diebstahl. Händels Erscheinung war den Londoner Theaterbesuchern zu vertraut, als daß man ihn nicht sofort erkannt hätte. Aber Rich und Arne, auch Gay und Pepusch, Händels Vorgänger im Cannon, nach der Scheidung von seiner Frau ein Künstler, mit dem es abwärts ging, bis er als Bearbeiter der Bettleroper zu Volksehren kam — sie alle wußten durch Susanne Arne schon am Mittwoch, daß Händel am Donnerstag im Theater sein werde. Sie trafen ihre Vorbereitungen, bestellten sich Beifall für die Händel-Marschparodie und sahen auch vor, den Künstler nach der Vorstellung einzuladen. Weil ihn auch das Volk gleich erkannte, war Händel von dem Augenblick an, da er Lincolns Jnn-Fields-Theater betrat, die Zielscheibe aller Blicke. Er hatte damit gerechnet und machte sich nichts daraus. Mit der Choristin neben sich, die er seit einigen Tagen als guten Engel in seinem Leben empfand, fühlte er sich unbeengt und war guter Laune. Er hatte ein offenes Herz an diesem Abend, freute sich, daß der Saal voll wurde im Gegensatz zu den leeren Häusern der Royal Academy in letzter Zeit, sah mit Ergötzen das freiere Gehaben der Zuschauer, wie sie etwas aßen und handgreiflich wurden, und war gespannt auf die Vorstellung. John Gay selber sprach den Prolog. Er hatte dies nur bei der Erstaufführung getan und wußte, warum er den Vortrag heute wiederholte. Es waren die Ohren für die boshaften Worte des ehemaligen Gastes im Palast Burlington da, die Ohren für den Spott auf die königliche Oper, deren Gäste mitunter Ferkel seien und allesamt Geier, für das Lob auf den besseren Wert des Volkes, das seine Talente nicht umkommen ließe, weil es Schützlinge unterbringen müsse. Ein Hoch auf die „Väter" Rich und Arne schloß seinen Vortrag, der halb Schimpf und halb Lob war. Ein Hoch auf Theaterdirektoren, die für lebendige Kunst Sinn hätten und für ihren Kassensieg nicht die Hand eines schäbigen Finanzministers brauchten. Im scharfen Lampenlicht sahen Gays Gesichtszüge hagerer aus als einst, und Händel merkte auch, daß aus seinen Mienen nicht mehr die ruhige Uebelegenheit des Geistes sprach, welche diesen Dichter früher jedem Fremden zur Gesellschaft empfahl. Er war nicht mehr glücklich trotz des großen Erfolges. Und in seiner Person kündigte sich etwas Grelles und Bitteres an. So klang auch richtig der Grundton seiner Bettleroper. Des Werkes heimlicher Sinn war, daß Hehler, Verbrecher, Dirnen und Diebe sich über ihr Gewerbe aussprachen, und zwar in den Formen der noblen Gesellschaft. Sämtliche Gestalten sollten Personen aus dem öffentlichen Leben im Lichte der Armut zeigen, Lords und Ladys, wie sie da- stünden, wenn sie keine Titel hätten. Am ärgsten war in dem Stück Gays eigenster Feind, Walpole, der Finanzminister, gebrandmarkt. Er trat als Räuberhauptmann auf, der von anderen Banden Tribute erhob, dagegen sich auch von der Polizei bezahlen ließ, wenn er mithalf, jene Banden zu fangen. Also: ein Ehrenmann nach außen... Die Handlung gefiel Händel wegen ihrer Schärfe nicht, doch war er osort angeregt von der Musik und erkannte, es gab ein Gebiet für ie, dem er noch wenig Aufmerksamkeit schenkte: den Humor. Es muhte a nicht dieser Humor hier, nicht Gays beißender Witz sein, man konnte ich auch eine freundliche und kräftige Lachoper aus dem Bauernleben vorstellen oder eine voll innerer Wärme, die mit Lächeln den Stolz und den Ernst eines Kämpferlebens verklärte... Händel kam an diesem Abend nicht dazu, sich das weiter zu überlegen. Hatte er schon beim Hören der Ouvertüre erkannt, daß darin seine Art nachgeahmt worden war, so ließen ihn die ersten Takte seines Rinaldo-Marsches, der hier als Chor in einer Verbrecherschenke gesungen wurde, ganz besonders aufhorchen. Aber kaum daß diese Musiknummer begann, setzte auch schon im ganzen Hause lärmender Beifall ein. Man rief: „Seht, Händel besucht uns!" Gegenrufe: „Wer? Er oder feine Musik?" Antwort: „Beides! Heute beides!" Und wieder gemeinsam: „Hoch, Händel! Willkommen bei uns! Das ist die Bettleroper, die hochberühmte Bettleroper! Hoch, Händel, in der Bettleroper!" Susanns Arne wurde rot und blaß, aber als sie auf dem Gesicht neben sich ein breites Schmunzeln sah, wußte sie, er nahm's nicht übel. Leise und rasch sprach sie noch während der Vorstellung zu ihm: „Mein Vater läßt Sie durch mich bitten, Herr Händel." „Heute bin ich dafür zu haben!" Es gab, zum Theater gehörend, eine Gastwirtschaft, wohin sich die Zuschauer nach der Vorstellung gerne begaben, schon allein um recht eng mit den Künstlern in Berührung zu kommen, die dort allesamt ihr Abendbrot verzehrten und noch lieber Whisky tranken. Hierher brachte Susanna Arne heute ihren Begleiter. Einen Augenblick war es peinlich für Händel, Gay und Pepusch gegenüberzustehen. Sie hatten beide bessere Tage gesehen zu der Zeit ihrer ersten Bekanntschaft mit Händel. Den Pepusch hatte er aus Cannon halb verdrängt. Dem Gay schlug er ßibrettoanträge zweimal ab — und nun g»ib er ihnen die Hand und setzte sich an einen Tisch mit ihnen. Das Hinzukommen Richs und seine boshaften Fragen nach der Royal Academy machten die Lage nicht angenehmer. Auch Gay gab ihm hartnäckig Titel wie „Herr Direktore" mit Anspielung auf die italienifche Oper. Aber ein Gesicht inmitten dieser bissigen Gesellschaft löste Händels Humor: das von David Arne, Sufannas Vater. Sein tausendfach gerunzeltes rundes Antlitz mit den schwimmenden Augen hatte etwas Sorgendes an sich, man glaubte ihm das leichte Fertigwerden mit allem und eine Freude am Leben, wie sie Schmieren- birettoren oft nicht verlorengeht, die noch im Elend dafür dankbar sind, daß sie der weiten reichen Welt ins Antlitz schauen können. Durch Arnes Einstudierung verlor die Dettleroper vi?l von ihrer Messerjchärfe, dafür gab er ihr das Allesverstehen und Sonne zwischen die Lumpen. In ihm selber wurde sichtbar, was die Armut adelte und der Posse ihren Sinn gab. Auf seine treuherzige Einladung, einmal Räucherbücklinge und Kraftbier zu versuchen, wurde Händel vergnügt und ging aus sich heraus: „Wie kommt Ihnen das vor, das wir so beijammensitzen, meine Herren?" „Sehr ehrenvoll für uns, Herr Direktore!" „Die hohe Musik in Person bei der gemeinen — großartig!" „Aber Kinder! Er meint es doch menschlich!" „Seht ihr! Mein dicker Freund da versteht mich! Ich bin nämlich auch ein Mensch und habe heute ausgespannt!" „Warum nicht schon srüher und warum nicht öfter, Herr Händel?' „Lieber Pepufch, leider fehlte mir immerfort die Zeit. Und wußte ich je, was mich hier draußen erwarten würde?" „Was hat Sie nun doch bewogen, herzukommen?" „Die guten Worte des Fräuleins über Ihre Oper." „Jetzt dürfen wir wohl fragen, wie Sie Ihnen gefiel?" „Ja, darauf wäre ich ohnedies zu sprechen gekommen! Aber nicht als Fachsimpler! Laßt mir Zeit, kommt! Wir gießen erst eins in den Schlund!" „Sie können trinken, Herr Händel — wie man es bei Hofleuten gar nicht gewöhnt ist..." „Und essen kann ich erst, da werden Sie Augen machen, Pepusch, wie es schon manche Lady tat! Einmal wurden bei Pembroke zum Tee belegte Brote gereicht. Ich sah gerade neben einer Herzogin, die zu ihrer anderen Nachbarin sprach, als der Diener mit der Platte kam. Die Herzogin ließ ihn warten. Sieben Brötchen, dachte ich, da bleibt mir immer noch eines. Sie hatte leider vergessen, daß ich neben ihr saß!" Arne lachte hell auf, die andern sahen sich verdutzt an. Dieser Händel da schien ein Mittel zu haben, sie und ihresgleichen mundtot zu machen. Und wirklich war fein Wesen so gewaltig und gelassen auch sich selbst gegenüber, daß jeder sehlging, der ihn bespöttelte. Dennoch konnte sich Gay nicht enthalten, zu rufen: „Ein Fehler, ihrer Musik, Herr Händel, daß sie pathetischer ist, als Sie selber sind!" „Und ein Fehler Ihrer Bettleroper: sie ist giftiger als das Volk sein kann! Ich, weiß Gott, bin nicht fade und lasse mir etwas sagen über meine Musik, wenn auch die einzig gebührende Antwort die wäre: Setzen Sie sich hin und schreiben Sie diese Musik! Mir ist bekannt, daß Ihre Bettleroper die ernste Oper ausftechen soll. Nur wird das mit solchen Stoffen nicht gut gehen!" „Es ist leicht nachzuweifen, daß unsere Oper mehr besucht wird als die Ihre." „Töricht, auf die Besucherzahl zu packen! Aus der Menge läßt sich alles machen. Die Gerechtigkeit wäre, den Ton zu finden, der den Wert einer Oper ohne Zeitung und Publikum ausdrückt." „So in der Art: Ich weife darauf hin, daß meine Oper ohne Zweifel richtig ist. Nicht wahr?" Beifallslachen lohnte den Spott Gays. Aber Händel ließ sich nicht beirren, er blieb ruhig und wurde, mit einem Blick auf David Arne, sogar wieder freundlicher: Und schwer fiel der Stein seiner Weisheit auf den verbitterten Gay: „Schade um Ihren guten Gedanken. Für eine ganz reine Welt paßte diese Opernkritik recht schön. Diel anders meine ich es auch nicht, nur etwas bescheidener. Ich denke mir das Urteil über eine Musik zwischen den Noten gesagt..." „Organe vorausgesetzt, die das hören können." „Ja, solche Organe vorausgesetzt..." Es trat eine Pause ein am Tisch der Künstler. Händel sah allen der Reihe nach ins Gesicht, allen fest und tief. Scheu vor dem Gewaltigen sprach jetzt aus den Mienen Gays und Pepuschs. Rich verstand von dem Gespräch sehr wenig und leerte verlegen sein Glas, Arne aber schien zu fühlen, was Händel meinte. Ein ferner Klang stieg auf in seiner guten Vaterseele, er dachte an die seltsame grau seines Lebens, die ihm jung starb und eine Tochter hinterließ, die ihr ähnelte. Liebevoll wanderte fein Blick in Sufannas Gesicht. Sah diese nicht aus wie ein schweigendes Urteil, hatte sie nicht in Not und Arbeit eine so ruhige Ausdauer erwiesen, ging sie nicht ihren Weg recht und schlackenlos. Klein war ihre Stimme, sie kam als Sängerin kaum vom Fleck. Aber in der Bettleroper hätte sie doch eine größere Rolle bekommen als je in einer Oper der Royal Academy. Dennoch blieb sie dort, und frug Arne sie, warum, dann sagte sie nur kurz: „Ich sing' so gerne bei Händel." Und Händel fragte sich in dieser Gesellschaft von Leuten, denen der arge Rutsch aus einer fcheinhohen Welt in die niedrig genannte nicht erspart geblieben war, was er selber denn großes vollbracht hotte, wenn er sich auf feine Titel stützte und stets eine Hofopernhafte Musik schrieb, deren inneres Wesen die noblen Menschen nicht verstanden. Das Mädchen an seiner Seite hatte ihn einen guten Weg geführt. Plötzlich sah er ein Werk vor Augen, das er schreiben konnte und er schreiben mußte, ein warmes und heiteres, einmal ohne Siegesmärscke und ohne rachsüchtige Feinde, etwa die Welt der Könige in eine tn"'1'4’1’*" 1'"v deutend, aber nicht boshaft, sondern versöhnend ... (Fortjetzung folgt.) tlms tägliche Brot. Bon Herybert Menzel. Es rauscht das Korn, es fällt die Mahd, Schon stehn die Garben weit zu Häuf. Die Sonne stieg zu Mittag auf. Es rauscht bas Korn, es fällt die Mahd. Die Knecht« und die Mägde ruhn Nicht einen Blick, das mäht und rafft. Da hebt der Herr den Sensenschaft Und blickt zum Dorf und lächelt nun. „Kommt", ruft er, „Schatten gibt der Baum. Für eine Weile nun genug; Die Frau ist da mit Brot und Krug." Da folgen sie zum Ackersaum. Und hocken da und blicken stumm Aufs Korn, das fiel, auf Korn, das steht. Und ihre Raft ist wie Gebet. Fromm reicht die Frau das Brot reihum. Oer Bauer spricht: Bon K. H. Waggerl. (Nachdruck verboten.) Mein Leben ist uralt, es hat viele Menschen getragen und genährt, hundert vielleicht oder noch viel mehr. Man darf nicht sagen, es sei arm, ein armer Fleck Erde. Freilich, diese paar Joch Boden tragen nicht viel, es bedeutet nichts für die Welt, ob hier Roggenland oder Brachland liegt, für die Menschheit ist das nicht wichtig. Aber die Menschheit, das sind doch einzelne Menschen? Lebt nicht am Ende jeder von so einem Stück Erde? Gibt es nicht auch für dich einen Fleck Land irgendwo, den du nie gesehen hast und auf dem doch das Korn wächst für dein Brot? Wenn der Bauer seinen Acker verläßt, so verhungert er deswegen nicht, er nicht. Er wird es sich nur leichter machen, in ein paar Jahren hat er sich eingerichtet und hat sich an alles gewöhnt, an das flotte Leben in der Stadt. Er kann Traversen nieten ober einen Lastwagen bedienen, so gut wie ein anderer, das lernt er bald. Aber wieder ein anderer Mensch verhungert, irgendein Mensch in der gerne, er weiß nicht warum, und verflucht sein Schicksal. Ja, fein Schicksal kommt aus dem Stück Oedland, das jener Mensch, der Kesselnieter, verlassen hat. Dort ist eine Bresche gerissen worden, durch die strömt unaufhaltsam Not. Und es ist eine Quelle versiegt, eine von den heiligen und geheimnisvollen Quellen des Lebens. Das meine ich, mit Worten ist es nicht zu sagen. , r , _... Aber die Zeit ist vorbei, in der jeder Dorsbewohner feinen Streifen Ackerland hinter dem Hause hatte, eine Kuh oder ein paar Geißen im Stall. Mit den Jahren ist das Bauland rings um die Dörfer abgebröckelt. Es war nicht mehr nötig, Bauer zu fein, sich um die geringe Frucht des Feldes zu mühen, seit Fabriken in den Tälern standen. Um ihretwillen gab der Dorfbauer seine Freiheit auf, er arbeitete nicht mehr, um Korn für (ein eigenes Brot zu haben, das Geld schob sich in feine einfache und klare Rechnung. , . . _. „ . Früher verbarg er die Silberstücke im Strumpf unter dem Strohsack. Sie fanden sich zufällig zusammen, eins um andere in langer Zeit, und ie waren gut für Tage der Not, wenn Gott das Land mit seinem Zorn leimsuchte. Aber der Bauer ging auch nicht zugrunde, wenn sein Geld- trumpf leer war. Er verhungerte nur, wenn er im Herbst die Saat ver- äumte. Es kam freilich vor, daß der Hagel alle Mühe zuschanden machte, >aß ihm das Heu auf den Wiesen verfaulte, und dann wurde em schmales Jahr daraus, ein Winter bei Kartoffeln und Gerste, bei Ruben und speckigem Brot. . , . Aber im andern Jahr gediehen doch wieder ein paar Schweine, er konnte eine Menge Fleisch in den Rauch fang hängen, Krapfen schwammen im heißen Fett, und das alles kam daher, daß er auch in der schlechten Zeit nicht aufgehört hatte, im Morgengrcmen nach seinem Werkzeug zu greifen. Eins fügte sich ins andere. Der Webstuhl stand nicht einfach in der Kammer, er war fest in die Wände des Hauses gezimmert. Hier wob der erste das Zeug für fein grobes Henst), hier sollte zu allen Zeiten grobes Seinen gewoben werden. Oder war es zu erwarten, daß die Felder einmal weicheren Flachs, die Schafe einmal feinere Wolle tragen ^Bem, das nicht. Aber es tarn eine Zeit, da fiel es dem Bauern plötzlich auf, wie arm sein Leben eigentlich war, wie unentrinnbar aus Durstigkeit und Mühseligkeit geflochten. War das noch menschenwürdig? Arbeitete man nicht am Ende nur, um zu leben und eben wieder arbeiten zu können, damit man lebte, hatte das einen Sinn? .. .. , , . Die Welt schritt vorwärts, oh, das war im Dorfe allmählich bekannt geworden, wie machtvoll die Menschheit voran chritt m der Kuns, bas Leben leicht zu machen. Da galt es, sich vorzusehen und nichts zu ver- ^"Es"geht eine neue Lehre um: Diene! sagt die neue Lehre, diene um Geld. Geld ist Brot, wenn du Brot brauchst, es ist °berauch fonft alles zwischen Himmel und Erde, wonach du Verlangen hast. Wenn der Bauer ein Hemd brauchte, dann mußte er die Arbeit von unb Wochen daran wenden, mit Brecheln und Spinnen, Weben und Nahen, es wur zuletzt ein teures Hemd, wenn man es so nimmt. Jetzt kann er den Wev- stuhl aus der Wand des Hauses brechen, dabei gewinnt °r noch Platz sur eine freundliche Kammer, für neue Kästen mit blauten ®efd) °9fn- Hemd aber kauft er beim Krämer, es ist obendrein meid)* unö tiubfd) gefaltet, und wenn es schon keine Ewigkeit halt, so wahrt es doch mch lange, bis bas Geld für ein anderes verdient ist. Das ist merkwürdig: daß die Frucht der Arbeit mcht mehr der Sinn der Arbeit ist, daß einer also Tag für Tag an der Kreissäge steht und den Waldsaum von den Brettern schneidet, nicht, weil er dies« Bretter braucht oder weil es feine Bestimmung ist, gerade hier zu stehen und diese Latten zu säumen, nein. Er denkt an seinen Krug Bier in der Schenke, an sein warmes Essen, an dies und das. Der Mann weih nicht einmal, warum es heute dünne Bretter sind, die er säumt, und morgen dicke, das kümmert ihn nicht. Das muß der Holzherr wissen, wer in der Welt gerade daraus wartet, dünne Bretter zu bekommen. Für den Mann an der Säge ist nur eines wichtig: daß diese Säge niemals stillsteht. Ja, die Dorfbauern verkauften ihr Land, sie verkaufen sogar ihre Namen. Sie heißen nicht mehr Zehentner oder Klausner, sondern sie werden Leute mit klangvollen Titeln, Hilfsarbeiter, Säumer, Platzmeister auf der Säge. Und sogar die Bergbauern kommen am Sonntag auf den Kirchplatz und bieten sich an, ist es nicht so? „Hast du Arbeit für mich?" sagen sie, „ich verkaufe!" Dann liegt über dem Wald ein alter Acker brach, aber das Dorf ist um einen tüchtigen Mann reicher geworden. Dieser Mann mietet eine von den neuen Schlafkammern, er vertauscht seine ledernen Bundhosen gegen ander« aus Zwilch, und das alles kann man ihm nicht verdenken. So lange er Bauer war, durfte er nie weniger arbeiten, als sein Feld von ihm verlangte. Aber selbst wenn er sich zu Tode plagte, hatte er nie mehr, als sein Acker geben konnte: das nackte Leben. Hier war mehr zu gewinnen, denn das Geld ist ein gerechter Herr. Und wenn der Krämer früher Bedenken trug, diesem Konrad nur ein Paket Nägel zu leihen, so schreibt der jetzt alles bereitwillig in fein Buch. Das ganze Dorf lebt so, die Knechte laufen darum von den Höfen. Sie arbeiten in der Fabrik, anfangs soll es nur für ein paar Wochen sein, aber wenn die Zeit um ist, kehren sie doch nicht mehr zurück. Nein, sie tragen bann eine Uhr an der Kette, sie pflegen sich mit Bartwichse unb Pomade und halten sich zu gut für di« Dreckarbeit auf den Höfen. Cs steht nicht nur bei den Talbauern so schlimm, auch die Nachbarn klagen. Einige werfen sich auf den Handel, sie haben die Ställe voll von fremdem Vieh, aber di« Märkte stehen schlecht, es ist seltsam, daß gar nichts mehr anschlagen will. Die Bauern waren doch auch früher nicht reich gewesen, sie hatten nie mehr Rinder auf der Weide und nicht mehr Roggen auf der Tenne als seht, und trotzdem reichte es für viele Mäuler, für einen Knecht und eine Magd. Freilich, wenn man genauer zusieht, so ist auch sonst manches anders geworden. Der Bauer schnitzt sein einfaches Gerät nicht mehr selbst, er bekommt es schöner unb besser aus der Stadt geliefert. Früher stellte die Frau die Milch in hölzernen Schalen ab, jetzt dreht sie an der Kurbel einer Maschine, einer Zentrifuge, und dieses Ding ist so wunderbar wie fein Name. Du sparst Zeit unb Arbeit bamit, sagt ber Hänbler. Du bist doch ein fortschrittlicher Mann, behauptet er, ich kenne dich nicht anders. Und bann kauft ber Bauer bie Maschine, aber sie kostet Geld, unb bas hat ber Bauer nicht. Es wächst ja kein Gelb aus feiner Erbe. Er spart also Zeit bafür, unb bas ist gut, benn er braucht bief« Zeit, um über seine Sorgen nachzubenken. Er spart auch Arbeit, unb am Enbe bringt ihn ber Teufel schon so weit, baß er noch mehr Maschinen anschasft, einen Heu- roenber vielleicht, einen Oelmotor. Das gefällt ihm, wenn er vor ben tnatternben Ventilen stehen, mit Kurbeln unb Schrauben hantieren kann wie ein Ingenieur. Vorher würbe es ihm sauer, bas ganze Heu auf ber Wiese selbst zu roenben, es war eine unsinnige Menge Heu in manchem Sommer. Aber bie neue Maschine hat ben Satan im Leibe, sie wirb in ein paar knappen Stunben mit bem ganzen Segen fertig. Was? Ist bas alles? Ja, alles, unb es zeigt sich plötzlich, baß bie Maschine das Heu nicht etwa verdoppelt hat, sie rasselte freilich und warf mächtig um sich, es sah aus, als könne sie geradezu Heu aus dem Leibe spucken, aber das war nicht so. Auch Korn vermehrt sich nicht, die Milch, bas Schmalz in ben Töpfen. Nur müßige Stunben, Zeit hatten bie Hofleute in Fülle. Die war glattweg gewonnen unb erspart. Verkauft sie! Wieviel ist die Langeweile des Bauern wert? Er möchte vielleicht gern feine Maschinen jetzt wieder loswerden, aber darum kümmert sich der Händler nicht, er will nur bezahlt fein. Die Maschine ist ein williger Knecht, immer bereit, sie braucht keinen Schlaf unb kein gutes Wort, aber sie frißt basiir auch nicht Mus unb Krapfen, fonbern Kühe und Kälber, Halm und Holz, darin ist sie weniger genügsam. Und was die leeren Stunden betrifft, so hat ber Bauer bald em Mittel gefunden, sie totzufchlagen: er setzt sich in die Schenke und säuft. Am Ende ist es so weit, daß er sich ganz dem Teufel verschreibt, ber Maschine heißt. Er verkauft ben Hof, ober bas, was von ihm noch übrig ist, unb geht aus bem Lanb. Dort, wo er hingeht, ist bie Maschine nicht mehr dienender Geist, dort ist sie Herr über alles. Anfangs fühlt sich der Mann vollauf zufrieden, er steht den ganzen Tag in einem hellen Saal und hat da nur ein Rad zu drehen, ein Stück Blech einzufchieben, daraus werden Gürtelschnallen gestanzt. Bisher wußte er gar nicht, bah bie Welt täglich hunderttausend Gürtelschnallen braucht, daß ein Mensch auf so einfache Weise leben kann. Ader mit der Zeit wird die Maschine selbst immer geschickter, sie lernt mancherlei dazu, unb eines Tages kann sie sich selbst dieses Blech zwischen die Zähne schieben, sie braucht den Mann nicht mehr. Außerdem macht sie jetzt nicht nur hunderttausend, sondern zwei- hunberttausend Gürtelschnallen, unb bas um so vieles schneller unb billiger, feit sie den Mann an der Kurbel losgeworden ist. Es fragt sich allerdings, wer diese Gürtelschnallen kauft, der Mann jedenfalls nicht. Er denkt nun an bas schwarze Brot, baß er aus der Rocktasche aß, als er jung war und hinter dem Heuwagen ging. Jetzt hat er weder Brot noch sonst etwas in ber Tasche, er muh seinen Platz in dem hellen Saal verlassen unb auf bie Wanderschaft gehen. Da trifft er andere Leute, die früher auch Gürtelschnallen unb Feuerzeuge machten, unb nun mag ber Teufel wissen, wie bas alles zusammenhängt. Ja am Ende wirb bie Welt voll von Maschinen sein, bie Tag unb Nacht hübsch« und notwendige Dinge machen für Leute, die sich nichts Hübsches und Nützliches mehr kaufen können, weil bk Welt voll von Maschinen ist. Allein das leugnen wir ja, wir haben den Himmel gemessen und die Welt gewogen, wir sind verschieden von Himmel und Erde. Gott selbst wußte vielleicht nicht so genau, wieviel seine Sonne wiegt, er machte sie groß und licht, und so war es gut. Es ist nicht auszudenken, wie klug Gottes Kinder geworden sind. Sie leben nicht mehr aus Baumen, oder doch nur einige, und auch diese werden noch lernen, auf Stühlen zu sitzen, daran ist kein Zweifel. Aber am Ende sind sie doch einerlei Brüder in dem, was ihre Herzen am tiefsten ausrührt. Die letzten Siegel können sie nicht lösen. Da lebe ich, und lebe schlechtweg. Kein einziger Tag in meinem Leben ist unnütz gewesen, nein, keiner wäre wegzudenken. Ich bleibe bei meinen eigenen zwei Händen, sie ernähren mich ja, mehr brauche ich nicht! Warum soll ich eine Last schleppen mein Leben lang, schließlich muh ich sie doch hinlegen und mich selbst dazu. Ein anderer nimmt sie auf, der macht die Last noch ein wenig größer, das genügt ihm nicht, was ich geschleppt habe. Bis sie auch ihn erdrückt, einen nach dem anderen. Alle vergehen, und nur die Last bleibt zurück. Und dabei ist sie gar nichts, was man nötig hätte, man zehrt nicht von ihr, sie macht das Leben nur schwer. Es gibt freilich Dinge in der Welt, die sich nicht erklären lassen. Daran ist kein Zweifel, daß einem so verwickelte Dinge begegnen können, Gott hat sich immerhin dies und jenes vorbehalten. In alle Töpfe sollt ihr mir nicht schauen, sagte er am Anfang. Aber er hat es wiederum so eingerichtet, daß niemand an seinen Rätseln zugrunde gehen muß, er hat die Welt so gebaut, daß wir mit Händen greifen können, was wir im Leben brauchen. Die Welt ist Erde, so wie ich es sehe, Wald Ackerland, man muß es ein Jahr ums andere bebauen und davon leben. Der Mann, der zuerst da war und der zuletzt da sein wird, das ist der Bauer. Gestalten der Nordlandküste. Bon unserem v. 8. - Berichterstatter. (Nachdruck verboten.) D r o n t h e i m. Die Provinz Nordland ist keineswegs der nördlichste Landesteil Norwegens, vielmehr schließen sich im Norden noch die ausgedehnten Provinzen Trorns und Finnmark daran an. Trotzdem ist der Name nicht ganz irreführend, denn Nordland, das sich von der Provinz Drontheim an bis zu den Lofoten hinauf erstreckt, ist das nördlichste skandinavische Gebiet, das eine alte Kulturtradition sein eigen nennt und viele geschichtliche Erinnerungsstätten aus der Wikingerzeit aufzuweisen hat. In der Zeit vom 15. bis 18. Jahrhundert, in der Norwegen von Dänemark aus regiert wurde, geriet Nordland in Vergessenheit, seine Kultur in Verfall. Heute bemüht sich das selbständige Norwegen, dem Nordlande seine alte Bedeutung wiederzuverschasfen und ihm im Rahmen des Königreiches' einen hervorragenden Platz anzuweissn. Im Innern der Provinz, die sich zu beiden Seiten des Polarkreises lang und schmal an der Küste hinzieht, wird im Anschluß an den Bau einer Eisenbahn in größtem Ausmaße Siedlungsland geschaffen. Das ist notwendig, weil der Ueberschuß der norwegischen Bevölkerung heute nicht mehr wie früher nach Amerika auswandern kann, und es ist möglich, weil die stets fortschreitende landwirtschaftliche Wissenschaft und Technik den Boden immer besser bereiten lernt und immer neue wetterharte Kulturpflanzensorten heranzüchtet. Früher war das Innere der Provinz Nordland schon deshalb nicht anbaufähig und kaum bewohnt, weil die notwendigen Verkehrswege in dem gebirgigen Wald- und Moorgebiete fehlten. Das Leben spielte sich damals und spielt sich noch heute in der Hauptsache an der freilich ungleich rauheren Küste ab; der Haupterwcrbszweig ist die Fischerei. Auch an landschaftlicher Mannigfaltigkeit ist die Küste dem Inlands weit überlegen. Abgesehen von der Gegend um die Lofoten, die eine Welt für sich ist, zeigt die Nordland- tüste eine Fülle eigenartiger Formen, die in Verbindung mit den exzentrischen Delcuchtungsverhältnissen der kalten Zone und dem ursprünglichen Phantasicreichtum des nordischen Geistes sehr wohl die alten Sagen und Sagenkreise zu erklären imstande sind, in denen die Wirkung der Landschaft auf das Gemüt des Nordländers ihren volkskünstlerischen Ausdruck gefunden hat. Fern im Süden, im Geirangerfjord, stürzen sieben Wasserfälle nebeneinander über eine Felswand herab. Es sind die Sieben Schwestern. Als die Sonne ausnahmsweise einmal in den tiefen, engen und gewundenen Fjordspalt hineinsah, fand sie, daß die Sieben Schwestern zu übermütig geworden seien. Deshalb verbannte sie sie an die Nordlandküste, verwandelte sie in Berge und gab ihnen eine schwierige Ausgabe, damit sie den Ernst des Lebens kennsnlernen sollten. Von ihrer hohen Warte aus sollten die Sieben Schwestern genau aufpassen, was an der Nordlandküfte vor sich ging, während die Sonne im Winter in südlichere Länder gereist war. Als die Sonne im Frühjahr zurückkehrte, wußten die Sieben Schwestern ihr Folgendes zu berichten: Der Pferdemann war auf stolzem Rosse über das Meer dahingesprengt. Er war ein großer Jäger vor dem Herrn. Mit der bissigen Meute seiner Hunde hatte er das Polarlöwenpaar auseinandergetrieben. Der Löwe zwar hatte im Norden eine neue Gemahlin gefunden; die Löwin aber war gen Süden geflohen: dort saß sie nun auf einem Felsen im Meere und meinte — eine nordische Niobe! Der Pserdemann war auch ein gefährlicher Schürzenjäger. Er hatte der Jungfrau nachgestellt, und als die Keusche ihm in südlicher Richtung entschwunden war, hatte er in enttäuschter Raserei seinen Pfeil nach ihr abgeschosfen. Der Riese Torg aber, der ebenfalls die Jungfrau begehrte, hatte seinen großen, alten Schlapphut dazwischen geworfen: den hatte nun der Pfeil des Pferdemanns durchbohrt, und die Jungfrau war unversehrt daoongekommen. . Ich fand an derlei Sagen, als ich sie zum ersten Male hörte, nicht viel Gefallen. Mir steht die Natur zu hoch, als daß ich in jeder ihrer Fvrmenschöpfung krampfhaft eine menschliche Gestalt suchen möchte. Und ich sage mir: wie phantasiearm ist doch die menschliche Dichtung, gemesfen an dem wirklichen Naturgeschehen! Hier an der Nordlandküste ist vor Urzeiten eine Erdscholle von kontinentaler Ausdehnung von der heutigen skandinavischen Landmasse abgerissen, ist in die Tiefe gesunken und hat den Ozean einströmen lassen. Ihre Bruchsplitter stehen noch heute vor und an der Küste in Form von ungezählten bizarren Insel- und Festlandbergen. Der Eiszeitgletscher hat seine Fjorde in das Land geritzt, und aus dem Meere erhebt sich ein Fels, durch dessen jetzt 2000 Meter hohen Gipfel die Brandung vor unvorstellbaren Zeiträumen ein Loch gewaschen hat. Ist es nicht langweilig und kleinlich, eine so großartige erd- geschichtliche Entwicklung in hausbacken« Sagen umzudichten? — Erst als ich die Nordlandküfte genauer kennengelernt hatte, verstand ich die Sagen und wußte sie zu würdigen. Ob sie sich ursprünglich auf wirkliche Erlebnisse ober auch auf mythologische Vorstellungen gründen, weiß ich nicht. Jedenfalls aber sind sie der Landschaft, aus der sie gewachsen sind, in einer geradezu seherischen Weise angepaßt. Sieht man die Landkarte an, so erscheint es sinnlos, daß hier Natur- gestalten, in diesem Falle Vermenschlichungen von Jnselbergen in ein und derselben Sage zusammengefaßt sind, die in Wirklichkeit völlig zusammenhanglos über einen mehrere hundert Kilometer langen Stiften« streifen verteilt sind. Aber gerade diese Zusammenfafsung ist eine Fein- heit, mit der der Sagendichter — bewußt oder unbewußt — auf eine Eigentümlichkeit der Landschaft aufmerksam macht. Denn von den Gipfeln der Sieben Schwestern aus sieht man tatsächlich zwischen der Jungfrau (dem Felsen Lekamöen auf der Insel Leka) im Süden und der etwa 250 Kilometer davon entfernten neuen Löwengemahlin (der Insel Bolga) im Norden gleichzeitig auch alle übrigen Gestalten der Sag«, wie sie sich gleichsam zu einem System landschaftlicher Höhepunkte ver- einigen. Leider habe ich selbst diesen Anblick nicht genießen können, während ich eine lange, dunkle Septembernacht hindurch bei eiskaltem Regen und undurchdringlichem Nebel aus dem über tausend Meter hohen Hauptgipfel der Sieben Schwestern festsaß. Aber so hoch braucht man sich nicht einmal zu versteigen; denn schon vom Küstendampfer aus sieht man durch die breiten, langen Sunde des Fahrwassers hindurch fast ebenso weit. Freilich nicht auf der ersten Fahrt! — Erst wenn man die Landkarte nn Kopf (und außerdem ftrahlenbes Wetter) hat, unb wenn man die einzelnen Gestalten von allen Seiten genau kennt, bann kann man es- beobachten, wie sie, eine nach der andern, im fernen Norden auftau“en und, nachdem sie einen einmal um die Uhr herum ständig begleitet haben, nach annähernd 24sttindiger Fahrt also, eine nach der andern im Süden wieder versinken: Lekamöen, der Iungfrausels: Torahatten, der pseil- durchlöcherte Hut des Riesen, durch dessen jetzt 200 Meter hohen Gipfel das Meer einen Tunnel gefressen hat, als das Land einmal vorübergehend in die Tiefe gesunken war; die Hestmann-Jnsel, den Pferdemann. der wie ein gewaltiger Reiter auf hohem Roß mit langem, wallenden Mantel hinter dem lieblichen grünen Eilande Kvarö drohend aufragt; feine Hunde, die groteske kleine Felsinfelgruppe Träna weit draußen im Meere: Lo- ounben, die Löwin, anfangs eine mächtige runde Felsboftion, bann, wenn man um sie herumgefahren ist, vor Trauer fast kopfüber in das Meer finkend; ihr Gemahl, dessen stolze Felsenmähne doch über dem Inselkirchlein Rödö wallt; und endlich der Inselberg Bolga. der des Löwen neue Auserwählte darstellt. Daß der Pferdemann in der Sage eine Hauvirolle spielt, ist leicht er- klärlicb; denn er ist nicht nur besonders ansehnlich, sondern sicherlich war es auch den Alten schon bekannt und bedeutungsvoll, daß über ihn hinweg der Polarkreis läuft. Diel geistreicher ist es, daß die Sage alle die eben genannten Gestalten ausdrücklich den Sieben Schwellern gegen« überstellt. Denn hier handelt es sich tatsächlich um zwei vollständig voneinander oerfchi ebene Grupven von Bergformationen — weniger 'm geologischen Sinne als hinsichtlich ihrer landschaftlichen Wirkung. Der Pferdemann unb die, die er verfolgt, finb alle oerbällnismäßig klein. 200 bis 500 Meter hoch Sie ragen alle einsam auf kleinen Inseln weil außerhalb der Küste, so daß man sie während der Doriiberfahrt schon aus großer (Entfernuna und dann fast ununterbrochen sehen kann. Unb sie sind alle äußerst einfach, aber durchaus einziaartig geformt. Die mäcfv tigen, über tausend Meter hoben Sieben Schwestern baaeaen erbeben sich auf großer Insel nabe dem Festlande; auch sie sind verblüffend einfach gestaltet. fast ungeschlacht, aber ihre Einfachheit wirkt nicht grotesk, sondern monumental. Und dasselbe gilt von allen anderen Bergen ihrer Art. von denen die aroßen Inseln Donna unb Tomma etwa, um nur Zwei der unzähligen Namen zu nennen. So ist die ganz« Nordlandküste in all ihrer Eigenart und Mannigfaltigkeit, mit ihren weiten Durchblicken und ihren zweierlei Berggestalten durch die Vermittelung der alten Sage an unferm innern Auge vortibergezogen. Nur eine Insel hatte die Sage vergessen, die größte und am weitesten in das Meer hinausgeschobene der ganzen Küste, die Insel Vega. Zur Hälfte ist sie fruchtbar unb besiedelt, zur Hälft« von hohen, wilden Gebirgen gekrönt. Außen im offenen Meere ist ihr noch die kleine Insel Sola vorgelagert, die wie ein Thronfessek aussieht. Ich denke mir auf dem Felsthron von Sola einen Riesen sitzen, dem die Insel Vega gehört, und der das ganze Nordland beschützt. Der dafür sorgt, daß die jetzt im Gange befindliche Wiederbelebung Nordlands nicht nur eine technisch- wirtschaftliche werden möge, sondern auch eine g e i ft i g = t u (t u - rekle; daß neue Menschen heranwachsen. die mit der unvergleichlichen Natur ihrer Heimat ebenso innig verbunden finb, wi« jene Alten es waren, die sie mit Sagen umwoben. Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. - Druck und Derlag: Brühlfche UntversitätS-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Gießen-