iehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger ahrgang 1935 Zreitag, den 12. JuH Nummert ut, daß Du da bist ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR Copyright 1933 by August Scherl <$>. m. b. e Klinik P - '2|for Altho ss zu schaffen, mit dem er schon am frühen Morgen Ruck- ipradje genommen hatte. Bei Anbruch der Dämmerung kamen sie dort in, und Ludwig wurde in das vorbereitete Zimmer gebracht. Elisabeth blieb die Nacht über in der Stadt. Während der ersten Tage in der Älthossschen Prioatklinik schien ßub= "teig sich gut zu erholen. Er schämte sich seines Zufammenbruchs u -'igelte darüber, daß man ihn hier mit Gewalt tm ®ett_feM - er ersten Stunde seiner Ankunst ab tyrannisierte er die Schwestern und as gesamte Personal, mit dem er in Berührung kam, und alle wun- erten sich, daß sie sich seine exzentrische Behandlung ohne> mel SB ber- ttanb gefallen liehen Gegen die Vorschrift empfing er Besuche zu feber Zeit unb gab in dieser Hinsicht Befehle, die die HanzeHausordnung u stören drohten. Nur wenige Stunden am Tage mar er altem »eirnau ■am mit der blonden Inge Graf, Steinten mit Nachrichten über de Wallenstein, Hubert von Gerber mit Büchern - - - und dann kamen noch "iele Kollegen und entfernte Bekannte. . Auch sämtliche anderen Patienten der Kl.mk konnten n,ch lange im Unklaren bleiben, wer jetzt in dem besten Zimmer d" ersten Stecks estdierte. Sie muhten alle aus den Zeitungen, wer Ludwig Thletewa^ "ahmen lebhaften Anteil an seiner Erkrankung und MEten sich "icht, wenn sie feststellen muhten, daß das Interesse der Schwestern unb »es Personals sich ganz aus seine Person konzentrierte. Gleich barauf trat Elisabeth und Billy ein. Heute ist ein großer Tag, Lisa! Henschke war hier! Und Martin. — Wir sind ihm auf der Treppe begegnet. "ctn ber auch Aber Henschke hat mir eine Nachricht gebracht, die ihr "als erste erfahren sollt. Die Ufa hat bei ihm angerufen. Sie will mich fest verpflichten für eine ganze Reihe von F'lmen. Das ist die ^s!e Wirkung meiner amerikanischen Ersolge. Henschke war vollkommen außer sich unb hat mich beschworen, niemand was davon zu verraten, bevor der Vertrag perfett ist. Aber es ist Nicht daran zu zweifeln! ber®T machte kehrt und stolperte aus dem Zimmer. Ludwig schraubte die Nasche auf, foq den Dust, der daraus aufstieg, tief in die Nase und oie uuj, ihm nusneie rhnet Professor Althofs hatte zwei eingehende Untersuchungen oargenom- men hielt jedoch mit der Diagnose zurück, da die Ergebnisse der -Blut* Untersuchung und der Röntgenaufnahmen noch nicht fixiert waren. Er hatte mit Doktor Kern eine lange Aussprache unter vier Augen, von der Kern mit einem Gesicht zurückkam, dessen tiefer Ernst sich erst lockerte, als er vor dem Wartezimmer auf den Bildhauer Franz Martin stieß. Wie steht es, Doktor? Was sagen die Aerzte?" "Nicht oiel. Es ist alles noch recht undurchsichtig." Der Bildhauer lächelte höhnisch. „Das war vorauszusehen. Was versteht ihr schon von einem Menschen wie Ludwig! Du natürlich ausgenommen. — Kommst du mit zu ihm?" , Nein. Ich habe jetzt meine Sprechstunde. Aus Wiedersehen! „Aus Wiedersehen!" Martin sah ihm nach, wie er eilig durch »en hellen weih gestrichenen Korridor der Klinik davonging. Er hat Angst vor Ludwigs Augen. Außerdem sagt er nicht alles, was er weiß! dachte er auf feinem Weg zu Ludwigs Zimmer. Seinem Aussehen nach schien Ludwig Schwache und Schmerzen überwunden zu haben. Er empfing den Freund mit seiner alten breiten unb lauten Heiterkeit. . ... „Es wäre gut, wenn bu bald wieder hier herauskamst. Je weniger Krankenhausluft, desto schneller wird man gefunb. Das ist weine Meinung, die ich soeben auch bem Kern unter bie Nase rieb! sagte der Bildhauer und rückte sich einen Stuhl ans Bett. „Kern war hier und ließ sich nicht bet mir sehen? # „Er lief davon, als er mich sah, mit irgendeiner Ausrede. „Findest du das nicht ein wenig sonderbar?" Martin machte eine wegwersende Handbewegung. „Ein Arzt bleibt immer ein sonderbarer Kauz, namentlich, wenn man noch w't ihm befreundet ist. Lassen wir das! — Du scheinst wieder ganz auf der Hohe 3U ^Ein paar Tage werde ich noch aushalten müssen. Uebrigens ist es aanz nett hier. Die Leute tun alles, was ich will. Es wäre sogar amüsant, wenn der Professor mich mit seinen ewigen Untersuchungen in ^"^Laß^chn doch! Er ist sicher überzeugt, daß er ebenso berühmt ist ""^Ludwig lachte. „Ich werde bald noch berühmter sein. Aber davon Derrotc ich bir nichts." . , Wie bu willst. — Mir ist vollkommen klar, woher beme sogenannte Krankheit stammt", sagte Martin, während er sich wieder erhob. „Du hast ganz falsch gelebt in der letzten Zeit. Weißt du noch, wie du vor ein paar Monaten um Mitternacht von mir wegfuhrst und dich von Billy heimbringen ließest? Damals fing es an. Das wirft bu letzt wohl einaesehen haben." , ... Ludwig nickte ihm zu. „Jawohl, alter Junge. Genau so .st es ge- wesen, auch wenn alle Aerzte der Welt die Kopfe schütteln und das C9 Schön!"bsach^Martin und setzte seinen Hut auf. „Jetzt habe ich mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört, daß du schon über den Berg bist, und kann wieder gehen. Die ganze Luft hier be- bagt mir nicht. Wenn du wieder in Nikolassee bist, laß es muh wissen. Dann komme ich gleich zu dir hinaus. Adieu, Ludwig! Und half den Nacken steif!" „Verlaß dich drauf! Der Bildhauer ging bis zur Tür, wo ihm etwas emfiel. Er drehte um und trat noch einmal dicht an das Bett. Aus der hinteren Tasche seiner Hose holte er eine kleine Flasche hervor und druckte sie Ludwig in hie Hand: „Beinahe hätte ich das vergessen. Es ist ein guter alter Kognak. Nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Der tut immer gut. Das weißt du so genau wie ich. Hier kriegst du, natürlich keinen Trapsen. Das ist ganz falsch, wenn man daran gewohnt ist, wie du. Aber du mußt die kleine Buddel verstecken, sonst nimmt man sie dir gleich wie- trant einen kleinen Schluck. Der Kognak schmeckte ihm ausgezeichnet, und er nahm noch einen Schluck. Dann verschloß er tue Flasche sorg- “ältig und verbarg sie rasch unter dem Kopskissen, da er Schritte ver- *■ „®u hast es natürlich jedem hier erzählt!" sagte Elisabeth mit ihrem frohen Lächeln. „Niemand außer euch beiden. Ich schwöre es dir! Damit sind wir alle Sorgen um die Zukunft los. — Aber es scheint euch gar keinen Eindruck zu machen. Billy benimmt sich überhaupt wie eine mittlere hotzfigur, seit sie verheiratet ist!" „Großartig ist es, Ludwig! Eigentlich selbstverständlich. Nur mußt du erst wieder ganz gesund sein!" sagte Billy. „Das wird in ein paar Tagen der Fall sein. Ich habe soeben mit Martin beschlossen, Ende der Woche hier auszuziehen. Bis dahin kann ich mir die Ruhe leisten!" „Du bist nicht bet Sinnen, Ludwig!" antwortete Lisa beinahe heftig. „Henschke soll dich mit solchen Nachrichten vorläufig in Frieden lassen. Der Professor sprach von mindestens vier bis sechs Wochen, die er dich hierbehalten muß." „Das könnte ihm passen! Kommt gar nicht in Frage!" Billy war im Begriff, einzugreisen. Aber Elisabeth machte ihr ein Zeichen, ihm nicht zu widersprechen. Sie konnte sich darauf verlassen, daß Professor Althoff seinen Willen bei Ludwig durchsetzen würde. Billy zog sich ans Fenster zurück, wo sie sich in der Ecke aus einen Stuhl kauerte. „Weißt du, Lisa, jetzt kommt erst meine große Zeit. Zuerst im Januar der Wallenstein", begann Ludwig nach einer Pause. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich mich darauf freue! Ich habe jetzt eine ganz neue Stellung dazu. In den letzten Monaten habe ich sehr viel gelernt. Nicht schauspielerisch, meine ich, sondern menschlich. Mir ist manchmal so, als hätte ich einen neuen Uebsrblick bekommen, und spüre geradezu, wie ich in den Wallenstein immer tiefer hineinwachse. Er hat auch die zwei Seelen in seiner Brust, wie ich sie in diesen Monaten bekommen habe. Die eine ist so, wie ich früher war, maßlos in allem, ohne es zu wissen; die andere aber fängt plötzlich an zu zögern und erkennt, daß es noch andere Mächte gibt, mit denen man rechnen muß. Nicht von außen her, ganz von innen her geht er zugrunde ... Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit!" Ludwig saß mit geradem, stolzem Rücken in seinem Bett, die Arme über der Brust gekreuzt und die blauen Augen über Elisabeth hinweg in eine Ferne gerichtet, die für ihn in diesem Augenblick ein Himmel voller Sterne war, in denen sein großes Schicksal stand ... Dann aber lösten sich seine Arme, er stützte sich aus den linken Ellenbogen und drehte den schweren Körper nach vorn. Elisabeth stand rasch aus und beugte sich über ihn. Sic sand kein Wort in ihrer Ergriffenheit und küßte ihn auf die Stirn. Da fühlte sie, wie heiß sein Kopf war, faßte in jäh erwachendem Schrecken nach seinen Händen und spürte auch hier eine unnatürliche Hitze. (Schluß folgt.) Nun ruhen alle Wälder. Von Paul Gerhardt. Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städt und Felder, Es schläft die ganze Welt: Ihr aber, meine Sinnen, Aus, auf! ihr sollt beginnen, Was eurem Schöpfer wohlgesällt. Wo bist du, Sonne, blieben? Die Nacht hat dich vertrieben, Die Nacht, des Tages Feind: Fahr hin, ein andre Sonne, Mein Jesus, meine Wonne, Gar hell in meinem Herzen scheint. Der Tag ist nun vergangen. Die güldnen Sternlein prangen Am blauen Himmelssaal: So, so werd ich auch stehen, Wenn mich wird heißen gehen Mein Gott aus diesem Jammertal. Der Leib, der eilt zur Ruhe, Legt ab das Kleid und Schuhe, Das Bild der Sterblichkeit: Die zieh ich aus, dagegen Wird Christus mir anlegen Den Rock der Ehr und Herrlichkeit. Breit aus die Flügel beide, D Jesus, meine Freude Und nimm dein Küchlein ein! Will Satan mich verschlingen, So laß die Englein singen: Dies Kind soll unverletzet sein. Auch euch, ihr meine Sieben, Soll heute nicht betrüben Kein Unfall noch Gefahr! Gott laß euch ruhig schlafen. Stellt euch die güldnen Waffen ums Bett und seiner Helden Schari Das Entscheidende. Erzählung von Herbert von Moser. Die junge Dame erschrak fast, als der junge Herr neben ihr plötzlich die Scheinwerfer des kleinen Zweisitzers einschaltete. Sie blickte nach vorne, wo sich die dunkle Wand eines Kiefernwaldes erhob. Und schon umfing sie die frische Waldluft, die nach der lauen Wärme der offenen Chaussee fast kühl wirkte. Die junge Dame rutschte tiefer in den Sitz und schaute auf das Tachometer. Fünfundachtzig! Ganz schön. Dann glitt ihr Blick weiter zu dem jungen Mann neben ihr. Der machte ein Gesicht, als ob ihn das überhaupt nichts anginge, als ob er vollkommen ver- gefsen hätte, daß sie ihn vor der Abfahrt gebeten hätte, nicht so schnell zu fahren. Sofort war die junge Dame wieder ärgerlich. Wieder diese Anmaßung von dem selbstsicheren Bengel! Aber so war alles! Erst himmelhoch gebeten: „Kommen Sie doch mit, Ellen! Ich werde so langsam fahren, daß Sie jeden Grashalm am Wege erkennen können und jede Maus piepsen hören!" Und nun? Fünfundachtzig! Nicht einmal die Bäume konnte man erkennen, und von Mäusepiepsen war schon gar keine Rede. Und das Aergerlichste war, daß sie sich selbst ganz im Banne der sünsundachtzig Stundenkilometer befand und gar nicht ernsthaft wünschte, daß das Tempo verringert würde. Außerdem wollte sie vermeiden, den jungen Herrn um irgend etwas zu bitten. Er hatte dann immer so eine aufreizende, gönnerhafte Art, nachzugeben, wenn es nicht so ging, wie er wollte. Nachher, wenn sie irgendwo zusammensaßen oder tanzten, dann wollte sie ihm schon zeigen, daß er ihre Wünsche zu respektieren hätte. Die junge Dame war fest entschlossen, es sogar auf einen Bruch mit ihm ankommen zu lassen. Sie schaute nachdenklich auf die festlich vorüberschwirrenden Bäume und dachte einen Augenblick, daß es luftig wäre, wenn man mit einem Bleistift an dieser rollenden Wand entlang- klappern könnte. Das ging nun schon seit Wochen so, mit dem jungen Herrn. Immer wieder verstand er es, einen in Situationen zu bringen, in denen man ihm restlos ausgeliefert war. Mit der Paddelfahrt fing es an. Auf jeden Fall wollte fie abends zu Hause sein. Gut, sagte er, in Ordnung! Als sie dann draußen, mitten auf dem Wasser fragt, wenn fie umkehren wollten, sagt er auf einmal: „Gar nicht! Wir fahren durch bis zu meinem schönen Zeltplatz." Die junge Dame erinnert sich sehr genau, wie fie sprachlos war vor Empörung. Und später nur verbissen sagte: „Dann werde ich alleine zurückfahren! Hören Sie sofort auf zu paddeln!" — „Bitte, gern!" sagte er kühl, legte das Paddel über den Süllrand und zog ein Buch aus der Seitentasche. Wie schwer der elende Kahn vorwärts kam! Bis sie aus einmal ■ seine Hand leicht auf ihrer Schulter spürte und hörte, wie er ziemlich kurz und ärgerlich sagte: „Seien Sie doch vernünftig, Ellen! Ich bin doch kein Buschräuber!" Da war sie etwas beschämt, und sie hatten wieder umgedreht und dann das Zelt aufgebaut. Kein Wort hatten fie an dem Abend mehr zusammen gesprochen. Er hatte sich nicht entschuldigt, hatte nichts zu erklären versucht; tat so, als ob sie gar nicht da wäre und hantierte pfeifend und unbefangen mit dem- Zeltgerät, mit Kochgefchirr und Abendefsen. Und bann, als fie gegessen hatte, sagte er nur kurz: „Wenn Sie schlafengehen wollen: bitte! Ich bleibe noch draußen!"-Dann war sie ins Zelt gegangen, war eingeschla- sen, und als fie im Morgengrauen auswachte, hörte sie ihn schon draußen am Feuer vor dem Zelt. Erst, als sie sich in der Stadt trennten, hatte er gefragt: „Na, war es nicht schön draußen? Sind Sie nicht doch froh, daß Sie mitgekommen find?" Sie hatte nicht daraus geantwortet. Erstens, weil sie wütend auf ihn war und dann — weil er eben recht hatte! Das war es ja eben! So rücksichtslos, wie er sich über ihre Wünsche hinwegsetzte, so gut wußte er bei feinen Unternehmungen Regie zu führen, so daß man bei allem Aerger über ihn ihm doch zu Dank verpflichtet war, wenn man ehrlich sein wollte. Sie seufzte tief auf. Leider war sie ehrlich. Wenn der junge Herr dann eine Weile nach irgend so einer gewaltsamen Unternehmung sich wieder zeigte und sie harmlos und fröhlich fragte, ob es nicht doch sehr nett gewesen sei, dann mußte fie es zugeben. Aber allmählich schien es ihr doch, als ob alles Berechnung bei ihm wäre. Als ob er all solche Situationen konstruierte, sorgfältig alle Wirkungen vorher berechnete. Das war ein sehr ärgerliches Gefühl, das sich in der letzten Zeit immer mehr verstärkt hatte. Die junge Dame hatte sich in der letzten Zeit öfter mit dem jungen Herrn getroffen, hatte nach einem Zeichen von natürlicher Herzlichkeit gesucht und hatte immer wieder Berechnung gefunden. Konstruktion und unbekümmerten Egoismus. Schade, sehr schade! Der junge Herr hatte so viele gute Seiten, die sie gewiß würdigte. Aber was nützt das alles, wenn die Hauptsache, das warme Herz, fehlt? Die junge Dame war sehr für Herz. Dieser Mann mit Herz, — bas mußte geradezu ideal sein! Sie sah aus den Augenwinkeln zu ihm hinüber. Fast augenblicklich erwachte wieder ihre alte Aufsässigkeit, als sie das scharfgeschnittene Gesicht erblickte, das beim Fahren einen angespannten und etwas mürrischen Zug hatte. Die Chaufsee und das Tempo schienen den jungen Herrn gänzlich in Anspruch zu nehmen. Sie blickte wieder nach rechts, hinaus auf die Kiefernstämme, die fahl und grell im tanzenden Licht der Scheinwerfer auftauchten und gespensterhast wieder verschwanden. Sie dachte: Ich habe ihn eigentlich nie lächeln sehen. Merkwürdig, sie kannte ihn ernst, entschlossen oder pfiffig, verschmitzt, ironisch, sarkastisch, sie hatte oft fein Lachen gehört und gesehen, ein frisches, unbekümmertes Lachen, das einen manchmal wütend machen konnte. Ader nie hatte sie ein gutes, stilles Lächeln von ihm gesehen, nie dieses gewisse Lächeln, das von Heiterkeit und Güte K. Das ist wohl das Entscheidende, warum ich ihn nicht mag, fie. Das fehlt ihm eben. Er boxt sich mit den Menschen herum oder er lacht über fie, aber er ist nicht Mensch genug, um lächeln zu können. Vielleicht ist er noch zu jung. Vielleicht auch wird er die Weisheit des Lächelns nie begreifen ... Eine leichte Berührung streift ihr Knie. Der junge Herr hat bk Hand am Hebel der Bremse. Das Singen des Motors ist aus einmal dunkler und leiser geworden. Der scharse Luftzug hat etwas nachgelassen. Die junge Dame schaut auf die grell leuchtende Chaussee hinaus. Was soll denn —? Ach, da sieht sie es: vor ihnen tanzt ein erdfarbener Ball einen rasenden Zickzacktanz. Ein Hasel Die weiße Blume leuchtet. Sinnlos vor Entsetzen fegt der kleine Kerl über den Boden, immer im Kegel der Scheinwerfer, die ihn zu bannen scheinen, wie ein Schlangenblick. Unklar sieht sie eine Handbewegung des jungen Herrn; die Scheinwerfer erlöschen. Als ob der Kleine vor ihnen daraus gewartet hätte, schießt er mit einem mächtigen Satz quer über die Chaussee in den schützenden, dunklen Wald. Auf einmal hört die junge Dame einen leisen Laut neben sich. Ueberrascht schaut sie den jungen Herrn an. Er lächelt! Ein heiteres, strahlendes Lächeln! Unbefangen lächelt er sie an. „Dolle Angst gehabt, der kleine Bursche, was?" Die junge Dame schweigt und schaut auf die Chaussee hinaus. „Tja —I" sagt der junge Herr behaglich und schaltet wieder die Scheinwerfer ein. Der Motor kommt wieder auf Touren. Sein helles Singen ist nach der Unterbrechung wie eine liebgewordene Melodie. Jetzt kommt eine Kurve. Der junge Herr nimmt etwas Gas weg. Im Scheitelpunkt der Biegung legt er wieder zu. Vor ihnen liegt eine unübersehbare Gerade, nagelneues Kleinpflaster. Der Motor jauchzt auf, mit Vollgas. „Fahr nicht so schnell!" sagt sie plötzlich und legt die Hand auf den Unterarm des jungen Herrn. Der Motor ist plötzlich lautlos. Als ob er in atemloser Spannung hören wollte, was nun gesprochen wird. Aber es wird nichts gesprochen. Nur der junge Herr greift mit feiner Linken fest um die Hand auf feinem Arm und drückt sie. Er läßt aber sosort wieder los, als fürchte er ihr wehzutun. Er läßt den Motor behaglich auf 45 Kilometer schnurren und streichelt unaufhörlich ihre Hand. Dabei lächelt er. Ein strahlendes, frohes Lächeln. Und die junge Dame? Die hält auf einmal die streichelnden Finger des jungen Herrn fest, mit einem guten Druck und zieht die Hand etwas zu sich hinüber. Und nun ist alles in Ordnung. Sonntag in Lüneburg. Vielleicht ist der Ursprung aller Reiselust die Sehnsucht des Menschen, in sich noch einmal und immer wieder die innere Beschwingtheit zu erleben, mit der er in feiner ersten Jugend alle Eindrücke, die von außen an ihn tarnen, ausnahm. In der Jugend ist alles noch neu, die Welt und das Leben werden liebend gesucht, halb scheu noch und doch voll innerer Glut. Die Heimat und der Alltag zeigen immer wieder ein rätselhaft anderes und doch fo anziehendes Gesicht. Wenn dann die Welt erobert ist, und man sich dabei hart gestoßen hat, richtet man sich in ihr ein und schafft sich den Raum, den man braucht. Tiefmnen aber schlummert noch immer die Sehnsucht nach dem Unbekannten, das irgendwie außerhalb unseres Lebenskreises sein muh, fern, fremd und voll innerer Schönheit. Doch man liebt die Ferne nicht um ihrer selbst, sondern um der beglückenden Gefühle willen, die sie, uns ewig verjüngend, zu schenken vermag. Voll aber wird das Maß der Beglückung erst, wenn eine innere, wesensmähige Harmonie besteht zwischen dem Menschen und der Landschaft, die ihm dieses Gefühl schenken soll. Sie mag ihren tiefsten Grund in der blutsrnäßigen Veranlagung haben. So erging es mir vor Jahren mit der Lüneburger Heide, fo geschah es mir jetzt mit der alten Stadt Lüneburg. Ich trug noch in mir das Bild Hamburgs, die geschäftige Eile der breiten Straßen, die dusteren Schächte der Fleete, die Buntheit hochragender Ueberfeebampfer am Hafen, das dumpfe Brüllen ihrer Sirenen in den Straßen von St. Pauli, den riesigen Jahrmarkt der Reeperbahn. Und nun empfing mich am nächsten Morgen der unendliche Sonn- tagsfrieben einer kleinen Stabt. Die Luft war voll Lindenduft und unbeschreiblicher Milbe nach dem Regen der Nacht, und über dem frischen Grün der Bäume am Wall ragte altersrot und stell, mit tupfergrünem Spitzenbach, ber Turm von St. Johannis. Ein paar Schritte nur, unb ich ftanb unmittelbar an feinem Fuße. Als ungeheurer Wächter stemmt er sich hoch empor über bas Schiff feiner Kirche unb die roten Dächer der Stadt. In den strengen Formen der Backsteingotik, in dem Verzicht auf Schmuck und Beiwerk, ist ganze Kirche ein Abbild norddeutschen Wesens,, mit seiner Härte und Kargheit, aber auch mit feiner innerlichen Wärme unb Selbstaufgabe. Dann aber lag vor mir ber riesige Platz „Am Sanbe", umstanden von ben stolzen Bauten wohlhabenben Bürgertums mit ihren Staffelgiebeln, cm Haus schöner in ber Form als das anbere, eine Versammlung pruntenber Zeugen ber Vergangenheit. Sicher unb fest gefügt ragen bic Stufen ber Giebel empor, wohl abgewogen unb in sich gegründet. Reben den gotischen Bauten stehen die Häuser aus Renaissance, Barock und Klass,zis- mus mit denselben Staffelgiebeln wie diese, mit starkem Sinn für das Hergebrachte, nur wenig abgewandelt im Geschmack der Zell. Aus ben Luken im Giebel aber springen noch heute bie Kranbalken hervor, nut benen einst die Fässer voll Salz und voll Heringen und die schweren Warenballen emporgewunden wurden. In der Heiliggeist-Strahe findet sich etwas, das allen alten norddeutschen Städten eigentümlich zu sein scheint. Es sind die in die Straß vorspringenden kleinen Erker im Erdgeschoß, mit ihren vielen Sänfte , durch die sich so gut alles, was in der heben -Nachbarschaft vorgeht, übersehen läßt, ohne daß der geheime Beschauer selbst sichtbar wäre. Es ist dieselbe Eigenschaft niederdeutscher Stadtbewohner, die tue Holländer den geheimen „Spion" am Fenster erfinden lieh. h. Wenn auch „Am Sande" das kostbarste Geschmeide der alten Stadt in die Einheit des weiten Platzes gesoßt ist, fo blüht doch auch anderswo bie Schönheit mittelalterlicher ftäbtifdjer Baukunst. Ueber bemeb Renaiffanceportal der „Rcllsapotheke" steht ein lateinischer Spruch. „Neque herba neque malagma sanavit eos, sed tuus domine sermo, qui sanat omnia“ Es ist die tiefe Einsicht, daß nicht die Arznei allein heilt, daß anderes hinzukommen muß, über das der Mensch nicht gebieten kann. Ein Stück gläubig-tiefer deutscher Mystik, der wir uns heute mehr denn je innerlich verbunden fühlen, steckt in dieser kurzen Inschrift. Sie hellt das Dunkel etwas auf, das für uns um das Fühlen unb Denken ber Menschen liegt, bie einst in biesen alten Mauern lebten, kämpften, litten unb glücklich waren. Wir fühlen uns ihnen innerlich oerbunben, unb alles ist plötzlich ungeheuer lebenbig. Die Mebaillonköpfe am Witzenborsfschen Haus werben zu Menschen von Fleisch unb Blut, zu höfischen Frauen, lieblich unb graziös, zu etwas gelangweilt unb überlegen blidenben abligen Männern, bärtig unb gepflegt, mit bem Barett auf bem Haupte, wie sie Holbein gemalt hat. Daneben ein junger schnurrbärtiger Offizier, bem die Locken etwas unvorschriftsmäßig unter dem Helm herausquellen, ber bas kühne unb boch feine Gesicht überschattet. Es ist bewußt auf Wirkung gestellt, dieses alte Adelshaus, es will anders sein als die stolz-behäbigen Bürgerhäuser. Streng gegliedert und in bem dunkleren Ton des Baftsteins erinnert es an die Paläste des florentinischen Adels. Die zwei bestimmenden Elemente des alten Lüneburg, das Bürgertum unb ber Hof mit bem Abel, finb am Marktplatz versammelt unb stehen sich in Rathaus unb Schloß, einanber abschätzenb, gegenüber. Sie wirken unauffällig im ersten Einbruck unb doch sind beide charakteristisch als Ausdruck anderer Lebensausfassung und anderer Zeit. Das Schloß ist im reifen Barock des ausgehenden fiebzehnten Jahrhunderts erbaut, einfach, harmonisch und sehr geschmackvoll, auch in den Farben, angemessen der Schönheit der Marquise Eleonore d'Olbrense, der Ge- • mahlin des Herzogs Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg, der Urgroßmutter Friedrichs des Großen. Dem alten Kernbau des Rathauses ist die Front von 1720 vorgesetzt, etwas aufdringlich mit den pomphaften Figuren deutscher Kaiser des Mittelalters und den schauspielerhaft-lässigen Frauengestalten der „Tugenden". Es ist, als ob der Sinn für Form und Maß, ben bas mittelalterliche Bürgertum noch so ausgeprägt besaß, nun nach dem Ende der Blüte der Stadt vollkommen verlorengegangen sei. Als ich zwischen den kleinen Häusern der Straße „Auf dem Meere" hindurchschritt, die mit bescheideneren Mitteln die großen Bauten der Geschlechter nachzuahmen suchen, schwebten plötzlich unaufdringlich unb leicht melancholisch die Töne eines Glockenspieles über ben niebrigen Dächern. Vom Michaeliskirchturm klang es herab: „lieb’ immer Treu unb Redlichkeit". Wie ein stolzes Hanseschiff zwischen den Booten der Fischer, mit hochgewölbtem Bug, breit und hoch, liegt die Michaeliskirche inmitten ihrer niedrigen Umgebung. Steil flieg ich dann ben kurzen Weg zum Gipfel bes Kalkberges empor. Unsagbar süß dufteten die Heckenrosen und bie Holunderblüten herauf. Die ganze Stadt lag mir zu Füßen, kaum entfernt, und doch mit dem Abstand, der alles übersehen läßt. In farbigstem, sattem Rot leuchteten die Massen der Ziegeldächer und hoben sich ab vom lebendigen Grün der Wiesen und Felder, das sie umgab, wie vom Kupfergrün ber Kirchtürme. Dem Blaugrau der Heidewäiber, das wie ein Ring den Horizont umschloß, strebten strahlenförmig die dunkelgrünen Kugelreihen ber Alleen zu. Der graue Regenton ber Luft machte alle Farben doppelt kräftig und verschmolz sie harmonisch miteinander. Als ich so über bie Stabt hinsah unb eine warme Zuneigung zu ihr in mir immer mehr Gestalt gewann, kam ich mit einem kleinen, blonden Jungen ins Gespräch. Er war Quartaner unb hieß Rolf. Wir schlossen Freunbschaft unb er führte mich nun noch weiter burch seine Vaterstabt. Rolf zeigte mir an einem Aussichtspunkt am Abhang des Kalkberges ein Monogramm, das aus MFP gebildet und neben dem Wappen von Lüneburg angebracht war. Er erklärte, es seien die Anfangsbuchstaben von mons (Berg), fons (Quelle) und pons (Brücke). Die drei natürlichen Grundelemente der Stadt sind hier vereinigt, der Kalkberg, die Salzquelle und die Brücke über die Ilmenau. Auf dem Kalkberge stand im Mittelalter die Burg des Markgrafen Hermann Billung als Vorposten gegen die Slawen, an seinem Fuße entspringt die Salzquelle, der das alte Lüneburg ebenso seinen Wohlstand verdankte wie der Brücke über die Ilmenau, die den Verkehr durch die Stadt lenkte. Die Geschichte Lüneburgs ist aufs engste verknüpft mit ber glanzvollsten unb tragischsten Zeit mittelalterlichen deutschen Kaisertums, der Zeit Friedrich Barbarossas und Heinrichs des Löwen. Die Nachbarstadt Bardowiek wurde von Heinrich zerstört, da sie ihm, vom Kaiser geächtet, die Ausnahme verweigert hatte. Die ganze Gunst des Fürsten wandte sich nun dem damals noch kleinen Nachbarort Lüneburg zu, der von altersher bereits Salzhandel trieb. Die Schiffbarkeit der Ilmenau fär- bette die Stadt noch mehr. Sie wurde Mitglied der Hanfe und machte sich fast frei von ihrem Landesherrn, dem Herzog. Ihr weiteres Schick- fal war dann dem vieler anderer, deutscher Städte ähnlich. Die Hanse verlor an Bedeutung, die Fürstenmacht setzte sich durch und schließlich war Lüneburg nichts mehr als die Hauptstadt eines kleinen Herzogtums. Bom Kalkberg schritten wir den Wall entlang wieder abwärts, der Stadt zu. Rolf machte mich aufmerksam auf das Denkmal Johanna Stegens, des Niederfachfenmädchens, das 1813 heldenmütig den Kampfenden in ihrer Schürze Munition brachte. Wir standen vor der Nikolaikirche, dem dritten großen Gotteshaus der alten Stadt. Gleichmäßig wie die Stufengiebel der Bürgerhaufer steigt ber Bau von den Seitenschiffen über bas Mittelschiff zum Turm empor, eine steile unb stolze, feste Pyramide. i± c Wir schlenderten weiter durch alte Straßen mit ©tufengiebeln, schauten hinein in einen verträumten mittelalterlichen Hof, auf den kleine Fenster mit bleigefaßten Butzenscheiben hinabsahen und wo alte Frauen die dort ihre letzten Jahre verbringen, erstaunt und neugierig die Eindringlinge musterten. Wir tarnen zur Ilmenau, wo noch als besonderes Wahrzeichen ber mittelalterliche Kran mit bem grünen Dach emporragt, wo der kleine Fluß an der „Rauschebrückc" über das Wehr Oer römische Brunnen. Von Conrad Ferdinand Meyer. Aussteigt der Strahl, und fallend gießt Er voll der Marmorschale Rund, Die, sich verschleiernd, überflieht In einer zweiten Schale Grund; Die zweite gibt, sie wird zu reich. Der dritten wallend ihre Flut, Und jede nimmt und gibt zugleich Und strömt und ruht. 'verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'scheUniversitätS-Vuch»undSteindruckerei.2l. Lange. Dieben. fchäumk und wo die alten Kaufhäuser ihre Giebel müde recken und ^Rolf führte mich dann noch zum jetzigen Hafen; dort lagen ein paar Elbkähne, die Obst und Gemüse aus den Vierlanden bet Hamburg auf der Ilmenau heranbringen. Lange schien die Stadt zu träumen von der Zeit, als dre Kranbalken der Häuser noch knarrend ihre Lasten hochzogen, als dte Salz- schifse aus der Ilmenau sich drängten und die schweren Lastwagen über das holprige Pflaster rollten. Dann aber besann sie sich auf die alte Salzquelle, aus der sie schon einmal Wohlstand geschöpft hatte. Sie schu sich ein Sol- und Moorbad, das im Grün vor den Wallen liegt, in der Nähe der tausendjährigen Sülze. Fabriken siedelten stch vor den Toren an und schufen Arbeit und Brot. . ,. c Und doch hat die Stadt verstanden, ihr vlelhundert,ahrlges, farbiges und schicksalgezeichnetes Antlitz unentstellt bis heute Su erhaltem Niedersächsischer Sinn für das Alte und Vergangene einte stch hier mit Aufgeschlossenheit für die Gegenwart. «• u- Jungen traben, nannte sie Bengels und Hammels und versprach. Ihnen die Haut über die Ohren zu ziehen. _ __„ . Schacht, von Haus aus reich, kein Mann zarten Gefühls, war dem Weinen nahe, als es am frühesten Morgen anglng als der ganze Troh in gepreßter Enge und Dunkelheit, dazu in haftender Elle wieder flott gemacht werden mußte. Es passierte ihm allerhand dabei, und überdies hatte er vom vielen Honig der Vortage den Durchsall bekommen. Er mußte immer wieder einmal hinter die Scheune, und Rohrmann hielt derweil seine Pferde. Sechs Pferde im ganzen hielt dann der gute ^°Am Rande des im vortägigen Gefecht eingenommenen Dorfes standen die Schützen unter Lux und begrüßten nut Stolz und Halle> die heran- kommenden Handpferde. Sie suchten sich ihren Gaul, besahen sich ihr Eigentum von oben bis unten, und zwei der Schutzen, einer von ihnen war gar der Gefreite Osterloh,.erhoben gegen Schacht ein drohendes Geschrei, weil ihre Lanzen fehlten. Da ging Schacht zum Wachtmeister und meldete sich krank, wegen anhaltenden Durchfalls. Der Wachtmeister lachte gräßlich und ries den Sanitätsunterosfizier. Der gab ein paar Pillen, und mit Schacht blieb alles wie es war Er zitterte jetzt vor Lux wegen der fehlenden Lanzen, es zitterte sein Leib, und gleich mußte er noch einmal hinter die Scheune. Lux aber hatte viel zu tun, er dachte nicht an Schacht, er dachte aber auch nicht an Ruhe — wie der Teufel fuhr er umher. Der Wachtmeister meldete ihm alles, was mit den Handpferden gewesen war, vom friedlichen Bummel in der Wiefe, von Plöns Abzug auf ^atrouitte oom Granateneinschlag in den zweiten Zug und von dem dunklen Knaue, auf der Erde: vier Pferde waren hm, alles gute Tiere — fünf Mann waren verwundet, alles gute Leute. Wie war das zugegangen? Der Wachtmeister meldete es haargenau, mit behutsamer Anklage gegen Leutnant Griesbart in der Stimme aber er wurde dennoch angeblasen. Lux tobte und fchne in allen Tonen, das war ihm etwas, die Handpferde, weit vom Schuß, beinah in der Heimat, und da diese Verluste! Potz Hinterteil und Wolkenbruch! — Em Funkenregen von Wut ging auf den Wachtmeister nieder. Dann lief Lux dem Wachtmeister davon, bohrte sich zischend durch das haltende Reitergewimmel hin dis zur fünften Schwadron Da sah Leutnant Griesbart im Schatten feines Rittmeisters und frühstückte mit den anderen Offizieren, trank Feldküchenkaffee aus einem entzückenden, einem allerliebsten kleinen Becher: ,x„. Ha Serien! Ha Lukas! Willkommen tm Grünen — Schnaps gefällig, alter Schützenkönig? Wieder eine Schlacht gewonnen? — Man freute sich, Serien zu sehen, bald aber mußte man über ihn staunen: Der kleine Griesbart, Leutnant von Krieges Gnaden, erhielt eine Abreibung, daß ihm jede Frühstücksneigung verging: War er em Mensch, hatte er einen Kops, hatte er ein Hirnchen darin? Besah er nicht soviel Verstand, rechtzeitig vor herannahenden Schrapnells eine Abteilung wehrloser Handpserde marschfertig zu machen, Kandaren einzulegen, Gurte sestzuziehen? War er ganz von Sott und allen Engeln verlassen? — — Fertig das Toben? — Nein, immer noch nicht. Lux sagte nicht guten Tag sagte nichts zu, beispielsweise, dem goldigen Kasfeebecher, ob ihn das Fräulein Braut kürzlich gesandt? Nein das Wetter ging weiter: Sollte das nun unser Führernachwuchs fein, Bürschleins mit Notabitur und der Eitelkeit von Pensionats-Jungfrauen, mit riesengroben Achselstücken und aufgeschlagenem Mantelkragen, geschossen für die kleinen Mädchen auf der Seortzstraße! — Säße er, Serien, im Mckckar- tabinett und hätte SM. zu diktieren, er würde überhaupt keinen Gymnasiasten zum Offizier befördern, bloß weil er einjährig wäre, nein, keinen. Statt dessen aber alte Feldsoldaten, tüchtige Unterossiziere, Kerle, Männer! Potz, potz Wetter, seht den Lukas, seht diesen Brokel, diesen milchblassen, mädchenschönen Gernegroß! . So schimpfte Lux, es war wirklich toll, man mußte für fernen Itter* stand fürchten. Die Verantwortung nahm ihm alle Sinne. Der kleine Griesbart stand blaß da und ließ die Arme baumeln. Verschwunden war im Augenblick aller Glanz und Schmiß seines Herrchendaseins Die anderen Herren grienten in sich hinein: ja, -der Lukas Recht hatte er wohl. Bloh der Rittmeister der Fünften strich bos seinen Borstenbart-, das ging ihm zu weit, der junge Herr gehörte zu seiner Eskadron. War etwas zu sagen, muhte er es jagen: Serien benahm sich taktlos. „ _ . So dachte er pikiert, aber er schwieg. Serien war Ausnahme, Serien kam aus heißgeglühtem Geben und hatte besondere Rechte. Serien war auch erfolgreich und genoß an hoher Stelle großes Ansehen. Serien war Serien. Prost Serien! . Ja, jetzt trank Lux feinen Schnaps und war wieder em anderer, er bezauberte im Umfehen alle durch einen ganz verfluchten Witz, und dann ging er wieder zu (einer Schwadron. Er stieß dort auf Schacht, der vor einem Zaun hockte, und warf ihm ein kräftiges Wort hin: „Nur nicht weich werden!" rief er. Schacht hörte es mit Wonne, und der Bauch tat einen Augenblick gar nicht mehr weh. Eine Lanze hatte er zwar immer noch nicht, woher auch? Wurden hier in der Wildnis Lanzen verhandelt? Osterloh zwar hatte wieder eine Lanze, der andere auch. Woher nur? (Irgendwo in der fünften Schwadron gab es bei zwei Reitern ein boles Schimpfen, Osterloh aber lachte sich in den Bart und sprach vor Wohl* gefühl polnische Brocken daher. War et doch der Dolmetscher des Führers!) ... Weiter ging es. Sie ritten mit Spitze und Seitendeckung gegen Nordost, ritten durch den großen Wald und trafen die Patrouille des Srafen Plön, die sich still dem grauen Wurme einfügte. Alle waren wieder da, keiner fehlte, bloß einer trug den Arm in der Bmde, uno Plön ließ sich vom Sanitäter einen langen Riß an der Hand verkleben. Und Moser hielt krampfhaft feine halbe Lanze überm Pserdeohr hoch und tat alles, daß man nicht fätje, wie sie gleich unterhalb feiner Hans endete. Reiter im Krieg. Von Karl Benno von Mechow. Vom Reiten der deutschen Kavallerie im Osten, durch die geheimnisvollen russischen Wälder, durch die Felder und Sümpfe und über die Flüsse des weiten Landes, von gewaltigen Zügen geschloffener Regimenter, von tollkühnen Patrouillenritten erzählt K. B. v. M e ch o w, der Träger des von Reichsminifter R u ft verliehenen Preises der Harry- Kreismann-Stiftung für 1934, in feinem Reiterroman „D a s Abenteuer" (Verlag Albert Langen / Seorg Müller, München, in Seinen gebunden 4,80 Mark). Wir bringen daraus mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers den folgenden Ausschnitt zum Abdruck. Die Handpferde und ihre allzuwenigen Pfleger hatten eine schlimme Nacht verlebt. Der Schrecken hatte sie in den Wald gejagt, die Feldküche der Fünften wäre beinah dabei verunglückt, und es hatte eine Weile gedauert, bis die Truppe wieder in halbe Ordnung gekommen war. Leutnant Griesbart war dünn und blaß herumgelaufen. Er war nicht böse auf sich, er war böse auf das Wetter, das urplötzlich von vorne gekommen war, und böse auf den Schrecken. Er hatte den Wachtmeister beschimpft; die Wachtmeister schrien auf die Unteroffiziere, die Unteroffiziere hielten sich an der Mannschaft schadlos und die Mannschaft an den stummen und schuldlosen Pferden. Ein gräßliches Getue war es gewesen, Kriegsfreiwilliger Schacht hatte endgültig bas Schicksal verflucht, das ihn hatte gerade Nummer fein lassen. Unteroffizier Moos hätte wohl auch auf das Schicksal geschimpft, wenn er besser bei Stimme gewesen wäre. Aber er lag blaß und stumm zwischen den anderen, die dem dunklen Klumpen im zweiten Zuge lebendig entstiegen waren, lag im Sanitätswagen und wurde abgerollt. Dabei war es doch fein freier Wille gewesen, bei den Handpserden zu bleiben, eine eigenmächtige Entscheidung feines sich selbst bewußten Gehirns, ein sehr bedachtes Eingreifen in das rollende Rad! — Oder doch vielleicht Schicksal? — Immer noch weiß es keiner. Was hatte er auch übrigens beim zweiten Zuge zu suchen? Eine kleine Unterhaltung? Ein leichtes Plaudern voll Bosheit und Kritik? Eine leise maulende Beschwerde? Mag schon sein. Auch in dieser Nacht hatte Schacht seine Not. Seine drei Lanzen waren fort, blieben fort; er wurde vom Wachtmeister angebrüllt und wie ein nasser Sack behandelt. Und das Quartier dieser Nacht war kein Grand-Hotel, war ein leerer Schuppen und ein großer Haufen Unrat. Sie tarnen mit dem Haufen Mist nicht zurecht; sie mußten auch, was sie nie sonst taten, die Viehställe in Benutzung nehmen, zu deren niederen Türen tarnen die Pferde erst hinein, nachdem man sie im Freien abgesattelt hatte; drinnen standen sie dann auf uraltem Mistpolster und stießen mit den Kopsen an die Decke. Es war ein schlechtes Machen, ein Kramen und Lausen, die ganze Nacht um drei Pserde, drei Sättel und drei Zaumzeuge; um dreifachen Empfang für Mensch und Tier, um ein dreifach erschwertes Leben. Schacht bekam nicht eine Mütze voll Schlaf in dieser Nacht zu besehen. An Stelle des abgerollten Moos übernahm Unteroffizier Hummel den Beritt; Hummel, ein Trompeter eigentlich in friedlichen Zeiten, ein Musikus, eine leichte Fliege und ein launischer Bursche! Er schäkerte mit den alten Leuten und strich ihnen Honig um den Bart, dafür ließ er die