SietzenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 29 Zreitag, den 12. April Zahrgang 1955 damit wäre ihr wohl nicht gedient. „daß der Brief oerlorengegangen fein den Augenblick gefreut, da er Er fei, fügte er verlegen hinzu, nicht selber schreiben solle, aber Fanni sah ihn dankbar an. „Glauben Sie", fragte sie, Regenkanon. Von Lina Staab. Sieh, wle die Luft in gläserne Splitter zerspringt, Wenn der silbern eintönige Regenkanon erklingt. Wolke, Baum und Wiese im singenden Bund Geben die glitzernden Silben von Mund zu Mund. Wälder rühren sich nicht und horchen versunken — Alles ist in dem rieselnden Regenlied ertrunken. Ich hab' einmal alle die dunklen Regenstrophen besessen — Ich hab' sie verlernt. Ich will zu den Bäumen gehn, Die wissen sie wohl und haben sie nicht vergessen. Jeden Tropfen sagen sie nach, wie Verse in sich hinein. Ich will im Kreise bei den willigen Bäumen stehn, Eine Stimme im silbernen Regenkanon sein. „Nein", sagte er mitfühlend, es sei wieder nichts dabei. Er habe bei der Briefausgabe genau daraus geachtet. Er hätte sich schon lange auf ' '' - - . tyr endlich einen Brief bringen könne, aus den Gedanken gekommen, ob er ihr 'prüfen« 65 onbet» ’JWnis. scht wird, besitz unh 3W hH we'g ton. l-lcht m andern j -d°ß eie » feinen Vir Jllte, l tommen, "ung, eine Wille! an. 'fa habe«, da wäre, it werden, Sngenieui o weit gt. ?n und fj lden. wäre, ta ondten die nes ®lüd. s oon bn 'en Zapfn prichst« i dem reis :ngs nichä >ie ihn zi aber feine a und oer seufzt uni Last einer rde Ziegen dner! 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Wenn er dann nicht kommt, tröstet sie ihr ungeduldiges Herz mit allerlei Vorwänden, daß der Brief ja noch gar nicht kommen konnte. Wenn sie den Postboten in seiner blauen Uniform am Ende der Straße um die Ecke biegen sieht, läuft sie hurtig die Treppe hinunter und tritt vor die ! Haustür. Anfangs hatte sie ihrem Verhalten noch den Anschein des Zufälligen zegeben, indem sie etwa die Klinke der Haustür putzte, was dann oft dreimal am Tage geschah, ober sie teerte den Ascheneimer m die Tonne, wobei sie, die Hände auf den Hüften, wohl em wenig verschnaufen konnte. Wenn dann der Briefträger herangekommen war — sie kannte hu längst am Schritt —, blickte sie kaum von ihrer Vorgeschichten Be- lchästigung auf. Gleichgültig und nebenhin, als läge ihr gar nichts daran fragte sie: „Haben Sie etwas für mich?" Und sogleich hauchte sie die Klinke an und fummelte fleißig mit dem Lappen darüber hm. Der Briefträger sah den Pack Briefe durch, den er schon in der Hand i hielt, schlug auch gewissenhast die Klappe seiner ledernen Posttasche hoch, sie mit dem Kinn haltend, und kramte ein wenig. , ,, . h „Rein, Fräulein Fanni", sagte er dann, „heute nichtl Salutierte und ging ein Haus weiter. Fanni ließ es zu diesen Zeiten getrost aus einen Verdruß mit ihrer Herrin ankommen, einer alten, einsamen Dame, bie nte Post bekam und keinen Brief mehr erwartete. Fanni hatte letzt Wichtigeres zu tun als der alten Frau die verlegte Brille zu suchen ober tue Wolle zu halten, ctzt, wo doch jeden Augenblick der Bries kommen konnte, von Gustav, dem Matrosen. . .. Gustav hatte ihr hoch und heilig versprochen, daß er ihr bald Mreiben werde. Aus Hamburg vielleicht schon, aus Santander oder erst aus Daß sie sich In Gustav verliebte, daran war vor allem die Menagerie schuld, und dort vor einem Löwenkäfig, als sie sich furchtsam an ihn lehnte (denn er neckte das Tier), hatte er ihr versprochen, zu schreiben. Sie hatte ihn nie bei Tage gesehen, sondern nur im bunten Licht des Rummelplatzes, das alle Gesichter verschönte, in einem Wirbel von Karussellmusik und vor allem in der Menagerie. Der gereizte Löwe, die kreischenden Assen und Papageien, die träge Riesenschlange, die zwischen Pferdedecken in einer Kiste schlief, und die unheimlichen Krokodile, sie waren nicht mehr wegzudenken oon dem munteren Matrosen Gustav. Fanni sah, wenn sie an ihn dachte, eine ganz bestimmte Landschaft vor sich, im Hintergrund das Meer mit einem Segelschiff, nicht mit einem Dampfer. Im Vordergrund wuchsen Palmen, darauf Affen turnten, und an einen Warenballen getummelt stand der Matrose Gustav, eine Seemannspfeise im Mund, auf der Faust einen bunten Papagei. An einem Bündel Taue lehnte ein Anker, und zu Gustavs Füßen lag friedlich ein gelber Löwe. So ähnlich würde vielleicht die Briefmarke aus- fehen, die der Umschlag tragen würde, aus Pernambuco ober Buenos Aires. m Es würbe Herbst inzwischen, aber ber Brief kam nicht. Wie immer zur gleichen Stunbe lehnte Fanni im Küchenfenster, sah bie blaue Uniform am Ende ber Straße austauchen, rannte bie Treppe hinunter unb trat vor bie Haustür. Sie sah den Briefträger in bie Nachbarhäuser gehen unb wartete ungebulbig, bis er roieber herauskam unb enblich an ihrem Hause anlangte. „Haben Sie nichts für mich?" fragte sie traurig unb war bem Weinen nahe. Der Postbote brauchte nicht erst nachzusehen. Er wußte es schon. könnte?" Das käme wohl ganz selten vor, sei aber kein Wunber bei den Millionen Briefen, bie bie Post täglich zu bewältigen habe. Da verirre sich manchmal einer, verfchlupse sich unter bas Streifbanb einer Zeitung ober in eine Drucksache, dann wandere er, Gatt weiß wo, in der Welt umher. Mancher gelange erst nach Monaten, ja nach Jahren an die rechte Adresse. „Nach Jahren, oh!" Fanni sagte dies in einem Ton, als sähe sie sich schon, wie sie als altes Fräulein endlich den sehnlichst erhofften Brief empfange. Es gäbe da aber, tröstete der Beamte, bei ber Post eine Einrichtung, solchen Irrläufern nachzuforschen. „Wirklich, kann man bas?" sagte Fanni unb hoffte roieber ein wenig. Sie brauche lebiglich ein Formular auszufüllen, erklärte ber Postbote bereitwillig, unb Namen unb Wohnort bes Absenbers anzugeben, auch ungefähr bas Datum, wann ber Brief vermutlich abgefanbt fei. Er wolle ihr gern babei zur Hand gehen. „Ach, bitte, ja", sagte Fanni beglückt. Er nahm den Bleistift vom Ohr'.' Aber da fiel ihr ein, daß sie ja nur den Vornamen des Absenders wußte, und sie wurde sehr kleinlaut. Woher sie den Brief erwarte und von wem, stammelte sie und wurde rot, von Gustav, dem Matrosen, unb voraussichtlich aus Pernambuco. Sie machte bazu eine unbestimmte Bewegung in ber Richtung, wo sie Pernambuco vermutete. Dann senkte sie mutlos den Kops, sie erwartete, daß der Postbote sie auslachen würde. Allein er blieb ganz ernst. Das fei freilich ein bißchen wenig, meinte er. Wenn sie doch wenigstens den Namen des Schiffes wüßte, auf dem jener Gustav fahre. Aber sie wußte es nicht Pernambuco fei ja auch sehr weit. Ein Brief brauche oft Wochen. Noch fei kein Grund zur Sorge. Dann ging er. Um die Mittagspost stand Fanni wieder am Fenster, aber als sie den Briefträger in die Straße biegen sah, zog sie den Kopf zuruck. Sie lief nicht an die Haustür, sondern spähte hinter den Gardinen hinab. Ms der Briefträger herangekommen war, zögerte er. Er schien sie zu vermissen, zuckte mit den Achseln und trat ins nächste Haus Als er wieder herauskam, sah er sich nochmals nach ihr um. Fanm zeigte sich "'^Sie kam sich undankbar vor, da der Beamte doch so hilfsbereit gegen fie gewesen war. Also wartete sie am Abend wie gewöhnlich und grüßte ihn freundlich. Es freute ihn sichtlich, daß sie wieder unter der Tür stand Es dunkelte bereits, und der Postbote trug eine kleine Dellaterne vor ber Brust. Der gelbe Lichtschein, im Abenbnebel zum Greisen sichtbar, bilbete eine Brücke zwischen ben beiben. Fanni fragte nicht nach dem Pernambuco. . k - Sie roufde sr-ilich nicht mehr von ihm als seinen Namen, unb baß er Leichtmatrose war auf einem großen Handelsschisf. ^ie war elnes Übenbs mit ihm auf einem Karussell, ba er neben ihr ritt, ins Gespräch gekommen am letzten Tage seines Urlaubs. Sie fuhren dreimal herum, bis ch77anz schwi^bl.g war. Er kaufte ihr einen roten Luftballon unb »in Pfesserkuchenherz, an einem goldenen Bande um den Hals zu trage , und zog mit ihr oon Bube zu Bube. ifflenn sie jetzt an ihn bachte, ber aussah wie ein großer Junge, sich 'ein lachendes Gesicht vergegenwärtigte, bas sie nur für em paar S unden aefehen hatte fie Angst es zu verlieren. Sie vermochte sich nutzt auf , Zinzelheiten^zit besinnen, außer auf seine Augen und stmen Mund^ Alles übrige war eben ein Matrose in einer lockeren atmenden Bluse 1 mit Sinbertragen, mit ber flotten Mütze unb tomöbefee ten Bändern I daran, bie ben bloßen Hals umflattern, in jener kleidsam en und zart lichsten Tracht, bie je erfunben ward, ba bas blaue m er unb ber ©mb io anschaulich ins Schneiberrnäßige übertragen schienen, daß, wo auch immer man (einer ansichtig wird, einen unversehens Reiselust befallt. Brief. Der Briefbote rückte an seiner Tasche mit dem kleinen silbernen Posthorn darauf. Fräulein Sanni", sagte er bann mit bewegter Stimme, aber er verstummte wieder. Er nahm seine Amtsmutze ab, darin er die Emschrelbe- briese zu verwahren pflegte, fuhr sich verlegen mit dem Taschentuch über den Kopf und über das Jnnenleder der Mütze. Dann setzte er sie wieder auf wie ein Soldat, den Zeigefinger auf der Kokarde, den Daumen an der Stirn. Fräulein Fanni", begann er wieder. Er war so ganz anders als der muntere Gustav in Pernambuco. Fanni seufzte. Sie dachte einen Augenblick an das Karussell, an das Pfefferkuchenherz und an den gelben Löwen. Dann zog sie das Schiebefensterchen der Laterne hoch, bückte, sich rasch und blies das Flämmchen aus. Dann schlang sie ihre Arme um des Briefträgers Hals und küßte ihn auf den Mund. Probefahrt. Von Vera C r a e n e r. Cs muß gleich zu Anfang gesagt werden: Peter Ruske hält nicht viel von schossierenden Frauen. Sie sollten das Steuer nur ruhig dem Mann überlassen, denkt Peter Ruske, und sich damit begnügen, Mitfahrerin zu fein. Es ist durchaus hinreichend, wenn sie von Form und Ausstattung eines Wagens etwas verstehen, und sie brauchten sich keine Mühe zu geben, auch noch tiefsinnige Betrachtungen über die Leistungsfähigkeit des Motors ober über bie Straßenlage anzustellen ... Treten sie als Käufer auf, fo genügt es, wenn sie wissen, ob sie einen Roabster haben wollen ober einen sechssitzigen Tourenwagen, alles anbere besorgt bann Peter Ruske schon. Peter Ruske ist ein ausgezeichneter Verkäufer, feit über zehn Jahren im Fach, unb er steht es ben Leuten schon an ber Nasenspitze an, ob sie ernsthafte Reflektanten sinb ober nur Sehleute. Deshalb wird er von seiner Firma auch auf jede Ausstellung geschickt, und immer ist er es, ber bie besten Verkaufserfolge zu verzeichnen hat. In biefem Jahr hat er von bem Typ 300 Cabriolet ,,H" allein schon sieben verkauft, unb wegen bes achten steht er bereits in Verhanblung. Unb zwar mit Herrn Jensen — Herbert P. Jensen — bem Direktor ber „Pseil"-Betriebe, einem burch Position und Bankkonto angenehm gesicherten Mann, ber auch schon breiviertel entschlossen ist, ben Wagen zu kaufen. „Ich möchte nur, baß sich ihn meine Tochter noch einmal ansieht", sagt er, unb bann hat Peter Ruske bas Vergnügen, ben Wagen nun auch noch bem Fräulein Jensen vorzuführen. Sie ist klein, schmal unb zierlich, hat große, ein wenig erstaunt blickende Kinderaugen, und scheint ein Autobaby zu sein. „Wahrscheinlich ist ihr Führerschein noch ganz neu und noch nicht einmal richtig trocken", denkt Peter Ruske mit milder Verachtung und erklärt erneut die Qualität und Leistungsfähigkeit des Wagens. Dabei wendet er sich ausschließlich an den Herrn Papa, und erst, als er auf die Ausstattung zu sprechen kommt, bezieht er auch das Töchterchen ein. Denn Frauen, das weih er, legen darauf den größten Wert, hier felbft aus die geringsten Kleinigkeiten aufmerksam zu machen. Fräulein Jensen nickt interessiert zu seinen detaillierten Ausführungen und läßt sich bann behaglich in bie Polster fallen. Es sinb olivgrüne Leberpolster, bie sehr gut zu bem buntlen Grün bes Exterieurs stehen unb außerordentlich bequem sind. „Sehr anständig", sagt das Fräulein anerkennend, unb bann verlangt sie, eine Probefahrt zu machen. Morgen früh um 11, unb Herr Ruske soll sie begleiten. Peter Ruske sieht zwar nicht ein, weshalb er feine Zeit mit bem jungen Ding vertun fall, bas vom Auto unb feiner Behandlung offenbar soviel versteht, wie er von einem Segelflugzeug, aber Geschäft ist Geschäft, und Herr Jensen scheint wirklich bereit, bas Cabriolet zu kaufen. Also ist ■ er am nächsten Tage pünktlich zur angegebenen Zeit zur Stelle, unb ber Wagen, ben er mitbringt, ist, genau wie ber anbere, bunteigrün und hat olivgrüne Lederpolster. Frauen legen ja auf derartige Aeußerlichkeiten Wert, und die Farbe eines Wagens ist ihnen oft wichtiger als etwa die Lagerung des Motors. Fräulein Jensen, die heute überraschend hübsch aussieht in einem hellen Flauschmantel und mit einer verwegenen kleinen Kappe, nimmt neben Peter Ruske Platz, der Anlasser surrt, und fort geht es. Zunächst in gemäßigtem Tempo durch Berlin und dann mit 70, 80 über bie Landstraßen. Felber stiegen vorbei, einsam liegenbe kleine Gehöfte, Dörfer. Einmal rettet sich eine Schar Gänse aufgeregt treifdjenb in ein nahes Selb, unb einmal springt aus einem Straßengraben hervor ein kleiner schwarzer Spitz unb kläfft roütenb hinter ben Davon- rafenben her. Der Tachometer steigt, zeigt 90, 95, unb Peter Ruske fühlt geschmeichelt bie wortlose Bewunberung seiner Dame. „Zuftieben?" fragt er, unb Fräulein Jensen nickt. „Ja, sehr." Der Wagen liegt tabellos auf ber Straße, geht mit höchster Eleganz in bie Kurven unb läßt, selbst bei schlechter Wegstrecke, auch nicht bie leiseste Erschütterung verspüren. „Unb babei kann sie ihn sicherlich noch nicht einmal richtig beurteilen", bentt Peter Ruske unb sühlt sich ihr turmhoch überlegen. Sich vorzustellen, baß sie jetzt am Steuer sitzen würbe! Diese kleine, zierliche Person, bie kaum Kraft in ben Hänben zu haben scheint, unb bie einen Wagen, wie biefen, unmöglich regieren kann. „Wollen Sie etwa selber fahren?" fragt er unb geht von 95 auf 100. Ein Dorf fliegt vorbei, getropfte Weiden marschieren an schmalen Gräben entlang, und mitten auf einem Selb steht eine einsame Pappel mit runber Krone, in ber wie buntle, große, exotische Srüchte ein Schwarm Krähen sitzt. ;e, zu seinen Sitz. Unglaublich, baß ihm bas gerabe jetzt passieren mußte! Unb noch dazu in Gegenwart einer Srau, die vom Fahren auch nicht das mindeste verstand, und die zweifellos jeder Panne hilflos gegenüberftanb! Die Heimfahrt verläuft fchweigenb unb in ziemlich getrübter Stimmung, unb Fräulein Jenfen stellt keinerlei fachmännische Fragen mehr. Sie scheint mit einem Schlage sowohl bas Interesse am Wagen, als auch ben Glauben an Peter Ruskes überlegene Fahrkunst verloren zu haben. Peter Ruske sieht einen schönen Traum in nichts zerrinnen, und sich selbst als den traurigen Helden einer wenig rühmlichen Probefahrt. Aber als sie bann vor Fräulein Jensens Hause halten, ba reicht sie ihm freundlich ihre kleine Hand zum Abschied. „Ich glaube, daß wir uns zum Kauf entschließen werden", sagte sie, „denn die Probefahrt hat mich nach jeder Richtung hin befriedigt, und was die kleine Panne angeht, so waren ja weder Sie noch Ihr Wagen schuld daran, und schließlich und endlich kann jedem Fahrer einmal ein solcher Zwischenfall auf der Landstraße passieren, bem er hilflos gegenübersteht, nicht wahr?" Unb ohne feine Antwort abzuwarten, verschwinbet sie eilig im Haus. Fräulein Jenfen, bie ruhig auf ihrem Platz sitzen geblieben ist, ent- hält sich jeher Aeußerung unb sieht ihm nur freundlich bei feinen eifrigen unb völlig nutzlosen Hantierungen zu. Es bauert gar nicht lange, ba verschwinbet er unter bem Wagen, unb bas Mäbchen hat Muße, zu beobachten, wie er sich abquält. Ein amüsiertes Lächeln spielt um ihre Sippen, unb erst, als sie finbet, bah er lang genug auf ber Lanbstraße gelegen hat, ruft sie ihn mit einem Ton freubiger Überraschung roieber heraus. „Sehen Sie nur", sagt sie unb zeigt ihm bie unfchulbige Ursache bes Defektes, „biefes lächerliche Kabel." Unb bann fragt sie, ob er es für möglich halte, daß das schuld an dem plötzlichen Stehenbkeiben gewesen fei, und ob sie nun weiterfahren könnten. „Natürlich", brummt Peter Ruske unb klettert mißmutig auf Fräulein Jensen hat die Frage wohl überhört ober tut zumindest so. Jedenfalls bleibt sie bie Antwort barauf fchulbig unb nimmt bie großen, ein wenig erstaunt blickenden Augen nicht von ber Straße. „Das Tempo imponiert ihr", bentt Peter Ruske unb geht auf 11(1 Wenn sie auch vom Fahren nichts versteht, so muß man ihr doch wenigstens zeigen, was man aus ber Maschine herausholen kann Wie ein Blitz sauft ber Dunkelgrüne bahin, unb Peter Ruske ist sich burch- aus bewußt, wie sehr bie Dame neben ihm seinen Fahrstil bewundert. Als ber Tachometer 120 zeigt, legt sie ihm bie Hanb auf ben Arm. „Danke", sagt sie, „bas genügt, nun können wir wohl in Ruhe heimwärts fahren." ~ , Peter Ruske gehorcht, roenbet unb fährt mit sechzig bie Straße zurück, bie er noch eben mit 120 gemacht hat. Er ist zusrieben mit sich unb bem Wagen unb hat bas unbedingte Gefühl, daß Papa Jensen ihn nun auch kaufen wird. Denn bas Fraulein Tochter scheint burchaus befriebigt von biefer Probefahrt unb äußert unverhohlen ihr großes Gefallen. „Ich glaube, baß wir ihn nehmen werben", sagt fie, unb Peter Ruske läßt sich gnäbig herbei, ihr auf Befragen einige Einzelheiten zu erklären. Obwohl bas natürlich vergebene Liebesmüh ist, unb er sehr wohl weiß, wie absolut zwecklos bas in biefem Fall ist. Dieses Mäbchen ist völlig ahnungslos, was ben Motor angeht, unb von keinerlei Sachkenntnis getrübt. Trotzbem spricht er über bie Bergsteig- sähigkeit des Wagens unb über sein Anzugsvermögen, über bie Lichtmaschine unb über ben Stromverbrauch. Er setzt ihr ausemanber, welche Teile im Fall einer Panne befonbers zu prüfen finb unb bemerkt ganz nebenbei, bah Frauen sich Pannen gegenüber ja meist völlig hilflos benehmen, unb baß sie stets einen vorüberkommenben männlichen Fah- rer abwarten müssen, ehe sie ben Schaben an ihrem eigenen Wagen reparieren können. Sehr richtig", lacht Fräulein Jenfen, unb Peter Ruske finbet sie plötzlich qar nicht fo übel unter ihrer kleinen, verwegenen Kappe „Eigentlich ejn ganz hübsches Mäbchen", bentt er unb iahrt nur mehr noch 40. Er hat es plötzlich gar nicht eilig, nach Hause zu kommen ... Eine Weile fahren sie fchweigenb. Holzstöße liegen am Weg, ein kleines Walbstück kommt, Kiefernheibe, unb bann ein kleiner See mitten im kahlen Lanb. Darauf ein paar Wasserhühner, bie beim Geräusch des herannahenden Wagens eilig der Mitte zuftreben. „Sehen Sie nur, wie hübsch", sagt Peter Ruske und weist hinaus Aber dann muß er seine Aufmerksamkeit wieder der Straße zuwenden, denn plötzlich ist in einiger Entfernung vor ihnen ein Bauernwagen aufgetauchtz Der zockelt natürlich genau in ber Mitte unb macht gar keine Anstalten, zur Seite zu fahren. Es nutzt nichts, baß laut unb anhaltenb Signal gegeben wirb, ber Mann auf bem Wagen nimmt keine Notiz bavon, unb bas Auto muß fein Tempo ganz de- beutenb verlangsamen. Unb währenb Peter Ruske feinen Kopf zum Fenster hinaussteckt, unb wenig freundliche Aufforderungen an den Fahrer da vorn ergehen läßt, fährt Fräulein Jenfens Hand rasch ans Schaltbrett, vor- sichtig lockert sie ein Kabel unb lehnt sich bann befriebigt zuruck.. Als enblich freie Bahn ist unb bas alte Tempo roieber aufgenommen werben kann, streikt plötzlich ber Motor. Bleibt mitten auf ber Straße stehen unb reagiert auf keinen Anruf. Peter Rufke begreift nicht, was bas bebeuten soll, er schaltet, tritt, gibt Gas — umsonst, ber Wagen rührt sich nimmer. „Nanu", wundert er sich, „nanu", und dann springt er hinaus, um zu sehen, wo ber Schaben liegen mag. Er prüft bie Lichter, bas Horn unb bie Winker, hebt bie Kühlerhaube in bie Höhe unb versenkt sich in ben Anblick bes Motors. Nichts! da I». 9r°&eit, >us 110. !>r doch Wir ) durch- ■ ounbert n Arm. n Ruhe Straße bedingt« 1 5 Fräu- . 1 äußert; d Peter Zelheiten und er i ■ Dieser lud non >ergsteig- ie Licht- r, welche I rkt ganz ! 3 hitslos »en Fah- Wagen tndet sie ppe. thrt nm laufe zn ©eg, ein >e mitten Geräusch ieift htn- :ra6e zu- Bauern- nd macht daß laut i Wagen ganz be- raussteÄ, vorn errett, vor- triiit x ausge- itten ans ltet, tritt, naus, um dar Sy® rjentt B i ist, enl' n cifri9‘n lange, M Muße, zu um W >andstr°ß« ng wieder |C Ursache 'ob eres henbleibe» iutig «al Und 5 nnndelie >d! Her 6» gen lagen, erlore" J" nnen,j ßrobefafr Die Geburi der Heiligen Allianz. Von Wilhelm Schwarz. In der Reihe der Frauen, die, wenn auch nur mittelbar, so doch entscheidend in die europäische Staatengejchrchte des 19. Jahrhunderts eingegriffen haben, steht die Gestalt der baltischen Baronin Julie von Krüdener an erster Stelle. Ihr Bekehrungseifer, der tief in den mystischen Gedankengängen des Pietismus verwurzelt war, machte auch vor der großen Politik ihrer Zeit nicht Halt. Die Heilige Allianz ist wesentlich unter ihrem Einfluß entstanden. Wie Alexander I. von Rußland, der diesen Gedanken eines Friedensbundes unter den größten europäischen Monarchen zu verwirklichen suchte, Frau von Krüdener zum ersten Male begegnete, schildert Wilhelm Schwarz in seinem bei der I. G. Cottaschen Buchhandlung Nachf. in Stuttgart erschienenen Buch „Die Heilige Allianz". Der Kaiser kam am Abend des 4. Juni 1815 ziemlich müde und i Mt unbesorgt über den Ausgang des bevorstehenden neuen Waffen- omaes in Heilbronn an. Er nahm eines jener dunklen Bucher zur Hand, me sie neuerdings seine einzige Lektüre bildeten: „Die Wolke über dem j Migtum, oder ein Stofs, an den sich die stolze Philosophie nicht heran- I mat" Der Stoff hatte durch seine Ueberfetzung ins Russische nicht an ! Deutlichkeit gewonnen. Ja, wenn ihm jemand die tiefen Gedanken- o uae hätte verdolmetschen helfenl Er wollte schon enttäuscht das Buch biiseite legen, als ihm sein Adjutant Wolkonski den Besuch einer Dame »idete, die sich nicht abweisen lasse. „Frau von Krüdenerl Frau von ‘ Lüdener!" rief ich aus. Diese so plötzliche Antwort auf meine Gedanken tunte fein Zufall sein. Mit der Wahl des Zeitpunktes war für Frau : In Krüdener der Kampf schon fast gewonnen. Sie habe nicht mehr die schönen Augen von einst, und in der Dlitik sei sie eine unschuldige Taube, hatte sie vor Jahren einmal dem j zursten von Signe geschrieben. „Alt und sehr häßlich" hat sie Gentz Cfanden Ihre großen Augen, von einem seltsamen Feuer widerleuch- !n der Stimmung und Einstellung ab, mit der man ihr begegnete. ,3ie hat auf mich eine Wirkung hervorgebracht, die ich noch nie erlebt I bitte", gestand zum Beispiel Benjamin Constant Der Kaiser jedenfalls unterlag ihr in der nachfolgenden dreistündigen »ussprache völlig. „Hören Sie auf die Stimme einer Frau, die auch ene große Sünderin gewesen ist, die aber die Verzeihung ihrer Sunden um Fuße des Kreu.zes Christi gefunden hat." Keine großen Tugenden inb Verzichte verlangt sie, nur Aufnahmebereltschaft. Aufgabe des eige- rrn Willens, rückhaltloses Vertrauen unter Verzicht auf alle Standes- türbe. „Aber, Majestät, nur wenn man auf alles Persönliche verzichtet hnn ich einen Augenblick bas Werkzeug bes Heilands fein, Sie befiehlt i m nein — schwächt sie nachher ab —, sie labt ihn ein, sich der un- fchtbaren Kirche der Heiligen anzuschließen, dem Kreis der Auserwahlten. lenn er ist der Erwählte des Herrn, der den Drachen — Napoleon — innen kurzem von neuem besiegen wird. Dann aber wird die Gna i.-s Heiligen Geistes in vielen Christen lebendig werden, wirb bas »eich Christi wahrhaft beginnen. „ Die Beziehungen sollten sobalb nicht mehr abbrechen. VonHeibeberg (us labt sie den Kaiser ein, nachzukommen: --S'« «erben mich in einem täuschen außerhalb der Stadt wohnen finden. Ich fr°be diese Behausung ('wählt, weil ich hier mein Banner, ein Kreuz ,m Garten gefunden labe." Ihre andere Prophezeiung erfüllt sich: Napoleon wird besiegst Mar nicht gerade durch Alexander, aber doch besiegt. Sie s°lgt ihm rach Paris und nimmt bei ihrer Freundin Lezay im Faubourg tzt. Honore Wohnung. Täglich trifft sie sich Mit demKaisersimsmige Zeit zum Gebet; sie bekommt einen Ehrenplatz der griechischen K^- plle. Ihre osfenkundige Bevorzugung durch den Kaiser macht sie noch enmal begehrt in der vornehmen französischen Gesellschaft, von mcht hrnier uneigennützigen alten und neuen Freunden. Sie tritt em für Öte Schonung Frankreichs, bas Buße tue wie Nrnwe, und dem d>e Volker ics Nordens" zu Hilfe kommen mußten Das erreichte seinen Hahe- runtt mit dem Lager von Vertus in der Champagne am 10. Septembt: , Lm^menstoge des Kaisers. An seiner Geiteunbnebenbenab fürsten wohnte sie der großen Parade und dem Feldgottesbienst der lunbertfünf3igtaufenb Mann russischer Truppen b«- dw er Huldigung isr „Religion der Siebe", wo „das Blut des Bundes auf freben Mttaren 1 im göttliches Erbarmen flehte", wo „die Bourbonen und Frankreich - ■ st viel Gnade erfuhren." Die Wirkung ließ kE vierzehn Tage auf sch warten: „Gott bedient sich auch irdischer Mittel- das Mm'sterium »urbe aemedifett." Talleyranb trat ab unb erlaubte Alexander, non) liestimmter für eine milde Behandlung Frankreichs einzu re cn,^ e^ «r n«rfo(qe feine andere Poüiif als die fernes Gero.ff 'achten Wegs, er fei ein Jünger Ehristst marschiere mit dem Evangeliiim h ber Hand unb kenne sonst keine Rücksichten. Andere ' d !°m „Tugendlager" eine versteckte Drohung die Verbündet«, unb m iem französischen Ministerwechsel durchsichtige Machenschaften. So macht ! Slücher seinem biederen Herzen in einem Brief an Gne enau LufL «.Die Frömmigkeit des großen Mannes ist ein böses Zeichen, durch tägottcrie wirb man zu allen verleitest zumahl wenn W ch los Aposiell Handwerk abgeben." .. , h m nfr. Die Zeit bes Aufbruchs nahte. Alexander drängte,^ von dem ,,ver siuchten Paris", ber „gottlosesten Stabt ganz Europas, fortzukommen Das Fähnlein der sieben Aufrechten. Novelle von Gottfried Keller. (Fortsetzung., „Hui" rief die Frau, „was sind das für Geschichten! Und willst bu wirklich beinen eigenen Sohn hier für einen solchen Schubiak halten? Unb ist es denn geschrieben, daß gerade seine Bruder em folches Unglud treffen sollte, das sie zu seinen Knechten machte? Sie, die sich schon selbst zu helfen wußten bis jetzt? Nein, das glaube ich doch zur Ehre unseres eigenen Blutes, daß wir durch eine reiche Heirat nicht dergestalt aus dem Häuschen gerieten, vielmehr sich meine bessere Ansicht bestätigen wurde! , Ich will nicht behaupten", erwiderte Hediger, „daß «s gerade del uns so zuginge; aber auch bei uns würde die äußere und endlich auch die innere Ungleichheit eingeführt; wer nach Reichtum trachtet, der strebt seinesgleichen ungleich zu werden—" . Larifari!" unterbrach ihn die Frau, indem sie das Tischtuch zusammennahm und zum Fenster hinausschüttelte; „ist denn Frymann, der das Gut in Händen hat, um das wir uns streiten, euch andern ungleich geworben? Seib ihr nicht ein Herz unb eine Seele unb steckt immer bie Köp Das ^ft" was anderes!" rief der Mann, „was ganz anderes! Der hat fein" Gut nicht erschlichen ober in ber Lotterie gewonnen, sondern Taler um Taler durch seine Mühe erworben wahrend vierzig Jahrem Und dann sind wir nicht Brüder, ich und er, und gehen einander nichts an unb motten es ferner so halten, das ist der Punkt! Und endlich ist der nicht wie andere Leute, der ist noch ein Fester und AusrechterI Wir wollen aber nicht immer nur diese kleinen Privatverhaltmsse betrachten! Glücklicherweise gibt es bei uns keine ungeheuer reichen Leute, der Wohlstand ist stemlich verteilt; laß aber einmal Kerle mit vielen Millionen ent- stehen, die politische Herrschsucht besitzen, und du wirst, sehen was bie für einen Unfug treiben! Da ist der bekannte Spinnerkomg, der hat wirklich schon viele Millionen und man wirst ihm vor, daß er em schlechter Bürger und Geizhals sei, weil er sich nichts ums Allgemeine kümmere Im Gegenteil, ein guter Bürger ist er, der nach wie vor die andern gehen läßt sich selbst regiert unb lebt wie ein anberer Mann. Laß biesen Kauz e?n politisches, herrschsüchtiges Genie fein, gib ihm einige ßiebeswurbig- feit ^Freude an Auswanb unb Sinn für atterhcmb theatralischen Pomp, lab ibn Paläste und gemeinnützige Häuser bauen und dann schau, was er für einen Schaden anrichtet im gemeinen Wesen und wie er den Charakter des Volkes verdirbt. Es wird eine Zeit kommen, wo in unserem Lande, wie anderwärts, sich große Massen Geldes zusammen- bäufen ohne auf tüchtige Weife erarbeitet und erspart worben zu sein, dann wirb es gelten, dem Teufel bie Zahne zu weisen; dann wird es fick zeigen ob der Faden und die Farbe gut sind an unserem Fahnem tick,? Kurz und gut! ich sehe nicht ein, warum einer meiner Sohne nach fremdem Gute die Hand ausftretfen soll, ohne einen Streich darum gearbeitet xu haben. Das ist ein Schwindel wie ein anderer! ®s ist ein Schwindel, der da ist, so lange die Wett steht. , sagte die ftrau mit Lachen, „daß zwei sich heiraten wollen, die sich gefatt»n. H'eran werdet ihr mit all euren großen unb steifen Worten nichts andern. Du M übrigens allein der Narr im Spiele; denn Meister Frymann sucht meislick xu verhüten, daß deine Kinder den feurigen gleich werb«i. 21ber bie Kinder werden auch ihre eigene Politik haben und sie durchfuhren, wenn etwas an dem Handel ist, was ich nicht weiß. . . Mögen Sie", sagte der Meister, „das ist ihre Sache, die tneimge ift, nichts zu begünstigen unb so lange Karl mmderiahrig ist. jebenfalb ^^Mit^dieser'dchlomatischen^ Erklärung unb ber neuesten Nummer des Revublikaner" zog er sich in sein Studierzimmer zuruck. Frau Hediger dagegen wollte sich nun hinter den Sohn machen unb ihn neugierig zur Rebe stellen- doch bemerkte sie erst jetzt, daß er sich ous dem Staube aemackt habe, da ihm die ganze Verhandlung durchaus überflüssig und unzweckmäßig erschien und er sich überhaupt scheute, seine Liebeshandel ^°^De°sto^zettiger°"bNeq°^r^am Abend das Schiftchen und ruderte hinaus wo er schon viele Abende gewesen. Allein er sang fern Liedchen einmal und zweimal unb sogar bis aus ben letzten Vers, ohne daß sich — barm allerbings etwas in Wiberspruch zu ber Dielberufenen Büßfertigkeit ber französischen Nation! Zuvor aber wollte er sich noch eines Anliegens entledigen, das er seit Wien auf dem Herzen trug. Es ging nicht an, daß jetzt, nach so viel Jahren des Krieges unb Monaten ber Verhandlungen die Herrscher auseinanderliefen, ohne die schuldigen Worte des Dankes an Gott und eine feierliche Verpflichtung der Herrscher unb Völker für bie Zukunft. Die Wiener Pläne eines allgemeinen Garantievertrages unb der an feine Stelle getretenen Deklaration, die ebenfalls wieder unter ben Tisch gefallen war, wirkten in der Erinnerung nach und verschmolzen sich mit der immer mächtigeren Erkenntnis, daß die Bürgschaft für Frieden und Gedeihen der Zukunft nur in einer innigen Durchdringung aller Politik mit dem Geiste wahrhaften Christentums liegen könne. . , „ So entwarf Alexander mit eigener Hand em feierliches Manifest an die Völker in Form eines persönlichen Vertrags der Herrsch«. Er besprach sich für die Formulierung ber religiösen Gebauten noch mit Frau von Krüdener und bat sie, mit ihrem Kreis im Gebet dafür zu wirken, daß die verbündeten Herrscher ihre Unterschrift unter die Akte setzen möchten. Auch sie fürchtete ein Scheitern, falls es nicht gelinge, die Sache „vor den ungeweihten Händen der Diplomaten unb ffofleute zu bewahren. Capodistria, den er schon der Reinschrift halber zu Rate ziehen mußte, stand dem religiösen Gehalt etwas kühl gegenüber, erlaubte sich aber nur den Einwand, der Inhalt passe weniger für euren Vertrag als für eine Deklaration oder ein Manifest, „die Annalen der Diplomatie hätten nichts Aehnliches aufzuweisen." Doch ließ er da der Kaiser bei seinem Vorhaben blieb, den Sleiftiftentwurf durch seinen Sekretär Alexander Sturdza ins Reine schreiben. lemand sehen ließ, ttnb nachdem er länger als eine Stunde vergeblich vor dem stimmerplatze gekreuzt hatte, fuhr er verwirrt und niedergeschlagen zurück und glaubte, seine Sache stände in der Tat schlecht. Die vieroder fünf nächsten Abende ging es ihm ebenso und nun gab er es auf, der Ungetreuen nachzustellen, als wofür er sie hielt; denn obgleich er sich ihres Vorsatzes erinnerte, ihn nur alle vier Wochen sehen zu wollen, fa hielt er dies nur für eine Vorbereitung zur gänzlichen Derabschledung und verfiel in eine zornige Traurigkeit. Es kam ihm deshalb höchst gelegen daß die Uebungszeit für die Scharfschützenrekruten begann, und er ging 'vorher mit einem Bekannten, der Schütz war, mehrere Nachmittage hindurch aus eine Schießstätte, um sich notdürftig zu üben und die zur Anmeldung erforderliche Anzahl Treffer aufwesten zu können Sem Vater sah ziemlich spöttisch diesem Treiben zu und kam unversehens selbst hin, um den Sohn noch rechtzeitig von. dem törichten Unterfangen abzuhalten, wenn er, wie er vermutete gar nichts konnte. Allein er kam eben recht, als Karl [em halbes Dutzend Fehlschüsse schon hinter sich hatte und nun eine Reihe ziemlich guter Schüsse abgab. Du machst mir nicht weis", sagte er erstaunt, ,chaß du noch nie geschossen habest, du hast heimlich schon manchen Franken dafür ausge- ^^IcheimUch habe^ich wohl schon geschossen, aber ohne Kosten. Wißt Ihr wo, Vater?" „Das hab' ich mir gedachtl" Ich habe schon als Junge oft dem Schießen zugesehen, aufgemerkt, was darüber gesprochen wurde, und seit Jahren schon empfand ich eine solche Lust dazu, daß ich davon träumte, und wenn ich noch itn Bette lag, in Gedanken die Büchse stundenlang regierte und Hunderte von wohlgezielten Schüssen nach der Scheibe sandte." Das ist vortrefflich! Da wird man in Zukunft ganze Schutzenkompa- nien ins Bett konsignieren und solche Gedankenübungen anordnen; das part Pulver und Schuh'!" ...... L < = u Das ist nicht so lächerlich, als es aussieht", sagte der erfahrene Schutz, der "Karl unterrichtete, „es ist gewiß, daß von zwei Schützen, die an Auge und Hand gleich begabt sind, der, welcher ans Nachdenken gewohnt ist, Meister werden wird. Es braucht auch einen angebornen Takt zum Abdrücken, und es gibt gar seltsame Dinge hier, wie in allen Hebungen. Je öfter und je besser Karl trat desto mehr schüttelte der alte Hedrger das Haupt; die Welt schien ihm auf den Kopf gestellt; denn er selbst hatte was er war und konnte, nur durch Fleiß und angestrengte Hebung erreicht; selbst seine Grundsätze, welche die Leute sonst so leicht und zahlreich wie Heringe einzupacken wissen, hatte er nur durch anhaltendes Studium in seinem Hinterstübchen erworben. Doch wagte er nun nicht mehr Einsprache zu tun und begab sich von hinnen, nicht ohne innerliche Zufriedenheit, einen vaterländischen Schützen unter feine Söhne zu zählen; und bis er feine Wohnung erreichte, war er entschlossen, demselben eine gut sitzende Uniform von besserem Tuche zu machen. „Versteht sich, muß er sie bezahlen!" sagte er sich; aber er konnte schon wissen, daß er seinen Söhnen nie etwas zurückforderte und daß sie ihm nie etwas zu erstatten begehrten. Das ist Eltern gesund und läßt sie zu hohen Jahren kommen, auf daß sie erleben, wie ihre Kinder wiederum von den Enkeln lustig geschröpft werden, und so geht es von Vater auf Sohn und alle bleiben bestehen und haben guten Appetit. Karl wurde nun auf mehrere Wochen in die Kaserne gesteckt und gedieh zu einem hübschen und gewandten Soldaten, der, obgleich er verliebt war und nichts mehr von feinem Mädchen sah noch hörte, dennoch aufmerksam und munter seinem Dienste oblag, so lange der Tag dauerte; und des Nachts ließen die Reden und Possen, welche die Schlaf- kameraden auffllhrten, keine Möglichkeit übrig, seinen Gedanken einsam nachzuhangen Es war ein Dutzend Leute aus verschiedenen Bezirken, welche ihre heimischen Künste und Witze austauschten und verwerteten, lange nachdem die Lichter gelöscht waren und bis Mitternacht herankam. Aus der Stadt war außer Karl nur noch einer dabei, weichen er von Hörensagen kannte. Der war einige Jahre älter als er und hatte schon als Füsilier gedient Seines Zeichens ein Buchbinder, arbeitete er seit geraumer Zeit keinen Streich mehr und lebte aus den in die Höhe geschraubten Mietzinsen alter Häuser, die er mit Geschick und ohne Kapitol zu kaufen wußte. Manchmal verkaufte er eines wieder an einen Gimpel zu übertriebenem Preise, steckte, wenn der Käufer nicht halten konnte, den Reukauf und die bereits bezahlten Summen in die Tasche und nahm das Haus wieder an sich, indem er den Mietern abermals aufschlug. Auch hatte er's im Griff, durch leichte bauliche Veränderungen die Wohnungen um ein Kämmerlein ober kleines Stübchen zu vergrößern und abermals eine bedeutende Zinserhöhung eintreten zu lassen. Diese Veränderungen waren durchaus nicht zweckmäßig und bequem erdacht, sondern ganz willkürlich und einfältig; ebenso kannte er alle Pfuscher unter den Handwerkern, welche die wohlfeilste und schlechteste Arbeit lieferten, mit denen er machen konnte, was er wollte. Wenn ihm gar nichts Anderes mehr einfiel, so ließ er eines feiner alten Gebäude auswendig neu anweißen und erhöhte abermals die Miete. Dergestalt erfreute er sich einer hübschen jährlichen Einnahme, ohne eine Stunde wirklicher Arbeit. Seine Gänge und Verabredungen waren bald besorgt, und ebenso lang, als vor seinen Machereien, stellte er sich vor den Bauwerken anderer Leute auf, spielte den Sachverständigen, redete in alles hinein und war im übrigen der dümmste Kerl von der Welt. Daher galt er für einen klugen und wohlhabenden jungen Mann, der es schon früh zu etwas brächte, und er ließ sich nichts abgehen. Er hielt sich nun zu gut für einen Jnfanteriesoldaten und hatte Offizier werden wollen. Da er aber dafür zu faul und unwissend, hatte man ihn nicht brauchen können, und nun war er durch hartnäckige Aufdringlichkeit zu den Scharfschützen gekommen. Hier suchte er sich mit Gewalt im Ansehen zu erhalten, ohne sich anzustrengen lediglich durch seinen Geldbeutel. Er lud die Hnterinstruk- toren und die Kameraden fortwährend zum Zechen ein und gedachte sich durch plumpe Freigebigkeit Nachsicht und Freiheit zu verschaffen. Doch erreichte er nichts, als daß er gehänselt wurde und allerdings eine Art Nachsicht genoß, indem man es bald aufgab, etwas Rechtes aus ihm zu machen und ihn laufen lieh, fo lang er bte anbern nicht störte. Em einziger Rekrut schloß sich ihm an unb machte ihm ben Bebienten, putzte ihm Waffen unb Zeug und redete zu seinen Gunsten, und bas war ein reicher Bauernsohn unb junger Geizkragen, welcher stets furchtbare Freß, und Trinkluft empfand, sobald er sie auf fremde Kosten befriedigen konnte. Der glaubte sich den Himmel zu verdienen, wenn er feine blanken Taler vollzählig wieder nach Hause tragen unb doch sagen konnte, er habe lustig gelebt währenb bes Dienstes unb gezecht rote em wahrer Scharfschütz; er war habet lustig und guter Dinge und unterhielt seinen Gönner, der bei weitem nicht besaß, was er, mit seiner dünnen Fistelstimme, womit er hinter der Flasche allerlei ländliche Modelieder gar seltsam zu fingen wußte; denn er war ein fröhlicher Geizhals. So lebten die beiden, Ruckstuhl, der junge Schnapphahn, und Sporn, der junge Bauernfilz, in herrlicher Freundschaft. Jener hatte immerdar Fleisch unb Wein vor sich stehen unb tat, was er mochte, unb dieser verließ ihn so wenig als möglich, fang unb putzte ihm bie Stiefel und verschmähte sogar bie kleinen Gelbgeschenke nicht, bie jener abließ. Die anbern trieben inbessen ihren Spott mit ihnen und machten unter sich aus, daß Ruckstuhl in feiner Kompanie sollte geduldet werden. Das galt jedoch für feinen Famulus nicht, denn der war wunderlicher Weise ein guter Schütz. Karl war der erste, wenn man sich über das Paar lustig tziachte; aber in einer Nacht verging ihm der Spaß, als der weinselige Ruckstuhl, nachdem schon alles still war itn Zimmer, seinem Anhänger vorprahlte, was er für ein Herr fei und wie er in Bälde dazu eine reiche Frau zu nehmen gedächte, die Tochter des Zimmermeisters Frymann, die ihm nach allem was er gemerkt, nicht entgehen könne. , , r Jetzt war Karls Ruhe dahin, und am nächsten Tage ging er, sobald er eine Stunde frei hatte, zu feinen Eltern, um zu horchen, was es gebe. Da er aber selbst nicht von der Sache beginnen mochte, so vernahm er nichts von Herminen, bis erst, als er wieder ging, die Mutter ihm einen Gruß von ihr ausrichtete. .. , „Wo habt Ihr sie denn gesehen?" fragte er möglichst kaltblütig. „Ei, sie kommt jetzt alle Tage mit der Magd auf den Markt unb (ernt einkaufen. Ich muß ihr babei Anleitung geben, wenn wir uns treffen, unb wir gehen bann auf bem ganzen Markt herum unb haben viel zu lachen; benn sie ist immer luftig." ,So?" sagte ber Vater, „barum bleibst bu manchmal so lange weg? Unb was treibst bu ba für Kuppelei? Schickt sich das für eine Mutter, so zu hanbeln unb mit Personen herumzulaufen, bie bem Sohne verboten finb, unb ihre Grüße zu bestellen?" „Was verbotene Personen? Kenne ich das gute Kind nicht von klein auf, habe es noch auf bem Arm getragen unb soll nicht mit ihm umgehen? Unb soll sie bie Leute in unferm Hause nicht grüßen bürfen? Unb soll bas eine Mutter nicht besorgen? Unb sollte eine Mutter ihre Kinber nicht verkuppeln dürfen? Mich dünkt, sie ist gerade die rechte Behörde dazu! Aber von dergleichen Dingen sprechen wir gar nicht, wir Frauensleute sind nicht halb so erpicht auf euch ungezogene Männer, und wenn ich der Hermine zu raten habe, fo nimmt sie gar feinen!" Karl hörte das Gespräch nicht mehr zu Ende, sondern ging seiner Wege; denn er hatte einen Gruß unb von einer verbächtigen Neuigkeit war nicht bie Rebe gewesen. Nur legte er ben Finger an bie Nase, warum Hermine wohl so luftig fei, ba sie sonst nie viel gelacht habe? Er legte es enblich zu feinen Gunsten aus unb nahm an, sie sei nur lustig, weil sie seine Mutter antreffe. So beschloß er, sich still zu halten, bem Mäbchen etwas Gutes zuzutrauen unb bie Dinge geschehen zu lassen. Einige Tage später kam Hermine mit bem Strickzeug zu Frau Hebiger auf Besuch unb es herrschte ba eine große Freundlichkeit, Gespräch unb Lachen, so bah Hebiger, ber einen feinen Bratenrock zuschnitt, in seiner Werkstatt fast gestört würbe unb sich rounberte, was ba für eine Gevatterin angekommen fei. Doch achtete er nicht lange barauf, bis er enblich hörte, bah seine Frau über einen Schrank ging unb im blauen Kaffeegeschirr klapperte. Die Büchsenschmiebin kochte nämlich einen Kaffee, so gut sie ihn je gekocht; auch nahm sie eine tüchtige Hanbvoll Salbeiblätter, tauchte sie in einen Eierteig unb buk sie in heißer Butter zu sogenannten Mäuschen, ba bie Stiele ber Blätter rote Mausschwänze aussahen Sie gingen prächtig auf, daß es eine getürmte Schüssel voll gab, deren Dust mit demjenigen des reinen Kaffees zum Meister empor stieg. Als er vollends hörte, wie sie Zucker zerklopfte, wurde er höchst ungeduldig, bis man ihn zum „Trinken" rief; aber er wäre keinen Augenblick vorher gegangen, denn er gehörte zu den Festen unb Aufrechten. Als er nun in bie Stube trat, sah er feine Frau unb bie ziervolle verbotene Person in bitter Freundschaft hinter ber Kanne sitzen, unb zwar hinter ber blau- geblümten, unb außer ben Mäuslein stand noch Butter ba unb bie blau- geblümte Büchse voll Honig; es war zwar kein Bienenhonig, fonbern nur Kirschmus, ungefähr von ber Farbe von Herminens Augen; unb bazu war es Samstag, ein Tag, wo alle ehrbaren Bürgersfrauen fegen unb scheuern, kehren unb bohnern unb keinen genießbaren Bissen kochen. Hediger sah sehr kritisch auf die ganze Anstalt unb grüßte mit etwas strenger Miene; allein Hermine war so fjolbfetig unb dabei resolut, daß er wie aufs Maul geschlagen dasaß und damit endigte, daß er selbst ein „Glas Wein" aus dem Keller holte und sogar aus dem kleinen Fäßchen. Hermine erwiderte diese Gnade dadurch, daß sie behauptete, es müsse für Karl auch ein Teller voll Mäuse aufbewahrt werden, ba er in ber Kaserne boch nicht viel Gutes hätte. Sie nahm ihren Teller unb zog mit ben zierlichen Fingern eigenhändig bie schönsten Mäuschen an ben Schwänzen aus ber Schüssel und so viele, daß die Mutter selbst zuletzt rief, es fei nun genug. Jene stellte aber den Teller neben sich, betrachtete ihn wohlgefällig von Zeit zu Zeit, nahm auch etwa wieder ein Stück daraus und aß es, indem sie sagte, sie fei jetzt bei Karl zu Gaste, und ersetzte ben Raub gewissenhaft aus ber Schüssel. (Fortsetzung folgt.) 13eran'toorllitt>: 0r. Hans Thhriot. — Druck undDerlag:Drübl'sche Universttäts-Duch- und Steindruck er ei. R. Lange, Gieheir.