SichenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1935 Montag, den U. November Nummer 88 Liebesroman GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE Von Walther von Hollander Copyright 6y August Scherl G.m.b.tz., Berlin 15. Fortsetzung. Sophie Wahnke aber hat nur auf diesen Augenblick gewartet. Sie kommt aus ihrem Zimmer, sie steht vor Barbara und sagt: „Du siehst ja nun, wie es steht. Da weißt ja nun, daß du für sein Leben verantwortlich bist." Barbara antwortet: „Laß mich hinausl Ich will hinausl" Sophie schüttelt den Kopf. „Du mußt es einsehn. Du mußt. Ich liebe ihn zwar. Aber das nützt nichts. Du allein hast die Liebe, die ihn retten kann." „Retten", flüstert Barbara, „retten? Warum muß ich ihn retten? Hat er mich gerettet, oder hat er mich allein gelassen? Und mußte ich nicht sehn, wo ich blieb?" „Du willst also abrechnen", antwortet Sophie. „Du willst dich rächen? Aber das ist keine Rache, das ist Mord. Verstehst du?" „Laß mich jetzt vorbei", sagt Barbara, „du kannst mich damit nicht mehr erschrecken." Sophie ändert ihre Taktik. Sie wird freundlich. Sie umarmt Barbara. Sie sagt: „Richt wahr ... du willst doch nicht, daß er zugrunde geht?" Und als Barbara den Kops schüttelt: „Er ist aber verflucht nahe dran." Barbara wehrt sich mit Heftigkeit: „Wir sind alle mal nahe dran. Was habe ich allein in den letzten Tagen davon gesehn und gehört! Die kleine Frau Gericke, die an der Liebe ihres Mannes fast zugrunde geht, und die Frau des Holländers, die aufwacht, und der Mann hält ihr den Revolver an die Schläfe, und die baltische Baronin mußte vom Felsen ins Meer hinunterspringen wie Sappho. Man müßte das alles ändern können und kann doch nichts ändern. Also laß mich jetzt los! Sophie aber läßt sie nicht los. Sie hält sie mit verbissenem Gesicht umarmt eine kleine rothaarige Katze, nein, eine Löwin. „Du darfst nicht gehn, du darfst nicht gehn", sagt sie immer wieder, und Barbara steht still, ein wenig müde, und wehrt sich nicht. So stehn sie nebeneinander, anzusehn wie zwei Liebende, die einander innig lieben. Bis die Tür sich öffnet und Rauthammer herauskommt, die beiden Frauen ansieht, schweigend Sophie den Schlüssel wegnimmt, aufschlieht und Barbara hinausläßt. „, ... .. ,. , „Auf Wiedersehn!" sagt er leise und verbeugt sich merkwürdig tief, beinah demütig, und Barbara antwortet wie ein Echo, antwortet zu ihrem Schreck: „Auf Wiedersehn!" . . Es ist also, das spürt sie, noch immer nicht fertig. Sie hat tapfer gekämpft, sie ist nicht unterlegen, aber sie hat auch noch nicht gesiegt. Außerdem beginnt jetzt der Kampf um Alfred. Oben im Haus am Hang hat Rauthammer die schluchzende Sophie be, den Schultern genommen, hat sie in ihr Zimmer geführt, auf ihren Diwan gebettet und streichelt sie. Sophie aber schluchzt immer heftiger. „Ja, weinen Sie nur", murmelt Rauthammer, „weinen Sie nur. Das fUt Erscheint beinah so, als ob Sophie für ihn mitweint. Als sie ruhiger geworden ist, geht er in sein Zimmer hinüber und beginnt auf und ab zu gehn. Langsam, vorsichtig geht er hin und her, die Hand auf seinem Herzen, als könnte es ihm weglaufen, und wie es ihn se'N freund der chinesische Kaufmann und Atemlehrer, gelehrt hat paßt er den Atem langsam den Herzschlägen an und zwingt so die Herzschlage ^ließlich den? Atem zu gehorchen, dann beide seinen Schritten zu gehorchen, mit denen er"das Zimmer öusmißt, langsam, regelmäßig, gedankenlos wie Jetzt^ nachdem die Schlacht geschlagen ist, muß man alles vergessen, damit man Kraft sammeln kann. . ,, Er braucht aber mehr Kraft als jemals. Denn er will ja das Un mögliche möglich machen, er will die Liebe Barbaras von Meimberg auf sich ziehen. Ein Stück Magie also. 18. Da fährt Meimberg eine Stunde vor der kleinen Stadt, rast der Wagen die Vorhöhen der Rauhen Alb hinauf. Er ?°^ vernnkt, erbittert Er holt aus dem Motor heraus, was in ihm drmsteckt. Wenn er jetzt gegen einen Baum raste? Unsinn, er rast nicht gegen EN Baum Das gibt es nicht. Alfred Meimberg weiß das, wie es alle Schickfalslieblinge wißen: wenn er nicht an einen Baum rasen will, rast er nicht daran. Wer zugrunde geht, hat sich selbst vorher zugrunde gerichtet. Aber natürlich ist er böse, natürlich wird er abrechnen. Ganz gewaltig abrechnen. Er verbrennt seine Briefe. Er schreibt seiner letzten Freundin, die ihn vor einem Vierteljahr auf der Durchreise noch einmal sehn will, daß das gar nicht in Frage kommt. Obwohl sie doch nett war, obwohl sie auch unglücklich war, daß er sie verlassen hat. Und Barbara? Jetzt wird ihm alles klar. Die erste Fremdheit in der ersten Nacht und der letzte Morgenspaziergang. Niemals hat er sich ihrer ganz sicher gefühlt. Das wird er ihr sagen. Und dann wird er zu diesem Rauthammer gehn, diesem Abenteurer, und wird ihm den Hals umdrehn. Hat er's nicht mit Weppen und Kleesand besprochen? Dem Zigeuner den Hals umdrehn. Ganz einfach. Und wenn er dem Zigeuner den Hals umgedreht hat ... dann ... dann ... na, dann wird man weiter sehen. Jedenfalls ist er dann weg, und man kann sich mit Barbara auseinandersetzen. Oder? Nein, das ist ja das Dumme: Man kann sich mit Barbara nicht auseinandersetzen. Man kann zu ihrem ganzen Dasein ja sagen. Dann ist es eben gut. Oder man kann nein sagen, dann ist es eben schlecht. Aber auseinandersetzen kann man sich nicht mit ihr. Er muß einen Augenblick anhalten. Er steht vor einer geschlossenen Bahnstrecke. Er hupt, so laut er kann, denn es ist kein Zug zu sehn. Der Schrankenwärter sieht aus seinem Stellwerk heraus und winkt ab. Nur Geduld, der Herr, der Zug kommt gleich. Schade, denkt Alfred, wenn ich keinen Wagen hätte, würde ich jetzt drüberspringen, wie am Tag vor der Hochzeit über die Bahnschranke. Komisch, ich bin seitdem nie mehr gesprungen. Wird man in der Ehe etwa wirklich behäbig und langweilig, wie alle Männer sagen? Ich glaube, das ist bestimmt Unsinn. Da kommt der Zug, rasselt vorüber. Alfred kann weiterrasen. Barbara aber hat gerade den Fluß überschritten und hat sich wieder zu den Gästen gesetzt. Sie sind noch alle da: die beiden Kichermädchen, die mit dem Globetrotter und dem Oberlehrer sitzen, die Görnewitz, die aber bald ins Haus geht, Gericke und Frau, die sich leider, leider auch empfehlen müssen. Bleiben also für Barbara nur die beiden Körners, die ziemlich viel getrunken haben. Aber das macht sie noch glücklicher, als sie schon sind, und macht ihre Herzen noch weicher. Sie würden jetzt gern allen Menschen auf dieser Welt das Leben ebenso schön machen, wie ihr Leben ist, in dem man Ruhm und Liebe und Geld von allen Bäumen pflücken kann. Körner setzt sich nach einer Weile ans andere Tischende. Seine Frau soll mal mit Barbara reden. Er geht dann singend auf der Wiese hin und her, er besteigt das Podium und tänzelt erst allein, dann mit einem der Kichermädchen — ganz recht, es ist die mit den roten Glaskugeln. Sie tanzen natürlich zu ganz leisen Nadeln. Darum kann man unter der Melodie den Fluß hören, wie er sich heiter und kühl an den Holzplanken des Knicks scheuert. „Sie sind alle auf der Seite Meimbergs", sagt Frau Körner jetzt und schüttelt betrübt den Kopf. „Sie müssen darüber, bitte, nicht traurig fein." Nein, Barbara ist nicht traurig. Sie weiß nur nicht recht, warum die Gäste überhaupt Partei ergreifen. Ganz recht: Sie ist wirklich mit ihrem alten Freund Rauthammer weggegangen. Jawohl, sie ist lange weggeblieben. Wie lange? Anderthalb Stunden? Ach ... dann muß ja Alfred Meimberg bald hier fein. Sie steht auf. Aber die Körner steht auch auf und hakt sie unter. Alle Menschen haken sie heute unter. Merkwürdig. „Wir", sagt Frau Körner, „das heißt Körner und ich, mögen Sie sehr gern. Deshalb sind wir für Sie. Die Görnewitz hat uns außerdem verraten, daß Sie nicht verheiratet sind. Dadurch wird die ganze Geschichte natürlich verständlicher. Ehe man nicht sich endgültig entschieden hat, das finden wir, kann man noch wählen. Das ist nicht so schlimm." Ich bin aber verheiratet", sagt Barbara nun doch ungeduldig. Die Körner sieht sie ungläubig an. „Frau Görnewitz", sagt sie, behauptet Sie hießen Schreiner. Sie hat ein paar Briefe gesehn. Nun, einerlei, ich glaube Ihnen. Aber bann sollten Sie wirklich vorsichtiger sein Und wenn Sie meine persönliche Meinung hören wollen: Ich kann nicht begreifen, wie eine Frau ihren Mann betrügen mag. Ich komme nicht auf die Idee. Wenn man sich ganz auf den Mann eingestellt hat, wenn man immer für ihn da ist und die übrige Zeit sich vorbereitet, für ihn dazusein, und wenn man Kinder hat, nein, glauben Sie mir, dann hat man keine Zeit, dumme Gedanken zu haben. Auch wenn sie einen mal ankommen möchten. Wenn man zum Beispiel viel allem ist. Aber einen Tag allein ... Jetzt sind Sie doch böse. Das wollte ich nicht. Es tut mir nur so leid, daß Sie sich nicht mit Meimberg vertragen. Er ist so hübsch und frisch und gescheit und jung. Und Sie sind eine richtige Frau. Nicht pimplig, nicht affig, nicht eingebildet und nicht einmal prüde Sogar meinen Badeanzug haben Sie nicht beanstandet. Und der ist wirklich ein ziemlich gewagtes Unternehmen und ein unsinniges dazu. Eine kleine Untreue, das gebe ich Ihnen auch noch zu. Ja, so sind wir Bitte. Ich höre g< Alfred sieht se (eine Frau ehrlich erstaunt an. Dies, findet er, geht nun doch nicht. „Hast du etwa überall richtig gebandelt? fragt er. „Findest du daß du alles ganz famos gemacht hast?^ Nein, das findet Barbara keineswegs. Aber darum handelt es sich doch nicht. Sondern es handelt ich wirklich im Kern darum, daß er ihr letzten Endes nicht glaubt und >aß er sie nicht liebt, da er ihr nicht glaubt. Das ist ja eine schöne Liebe, die immer nur da ist, wenn alles glatt geht. „Und eine schöne Liebe ist das", fällt Alfred ein, „die damit anfangt, zu verschweigen und Heimlichkeiten auszuhecken." . Barbara setzt sich auf. Sie greift nach ihren Kleidern. Sie beginnt sich anzuziehn. Sie will nicht mehr hierbleiben. Aus keinen Fall. „Henn- lichkeiten auszuhecken", sagt sie leise, „das ist wirklich sehr fein und sehr treffend gesagt. Das war mein ganzes Leben lang meine einzige Wonne. So habe ich es mir auch gewünscht. Man heiratet, und dann sitzt man und heckt Heimlichkeiten aus." , „ .... Alfred wird jetzt weiß vor Wut. „Was machst du da? So ... du ziehst dich an. Na, großartig. Wir können ja draußen weitersprechen. Barbara nickt. Dann aber gibt sie diesen verrückten Plan aus. Sie schlüpft wieder unter die Decke. Sie deckt sich so fest zu, daß nichts mehr sie erreichen und berühren kann. „Es hat keinen Zweck", sagt sie. „Wir sind ganz verrückt. Wir richten jetzt nur Malheur an. Laß uns schlafen." ' „Wenn du schlafen kannst", endet Alfred. Barbara antwortet nicht mehr. Sie liegt mit dem Gesicht zum Fenster, mit dem Rücken zu Alfred. Sie muß ohne jede Bewegung meinen. Er soll es nicht merken. Hoffentlich kommt er jetzt nicht. Nein, hoffentlich kommt er. Dann wird er vielleicht doch merken, daß sie ihn liebt und daß sie um ihn gekämpft hat, und daß es sich jetzt darum handelt, wie man über diese Abgrunde zueinanderkomrnt. Oder muh man wirklich erst in die Abgrunde hinunter- steigen? Vielleicht wirklich. Nun gut, sie fürchtet sich nicht davor. Aber wenn man sich liebt, bann muß er mit hinuntersteigen. Und was ver- langt er? Sie soll allein hinunter und soll von unten berichten, was sie da findet. Nein, das geht nicht. Alfred liegt auch im Bett. Er hat die Kerzen ausgeloscht. Aber das nützt nichts niehr. Der Tag ist schon hevaufgestiegen. Die Vögel zirpen im Sommerlicht, die Höhne des Städtchens krähen, der Hund vom Sagewerk bellt feine Morgengrüße. Schlafen? Er kann nicht schlafen! „Barbara? Keine Antwort. „Barbi?" Keine Antwort. Sie muß sich erst die Tranen vorsichtig trocknen. Sie muß sich ganz leise unter der Bettdecke schneuzen. Das Leben ist doch sehr schwierig, wenn man in einem Zimmer haust. „Barbara!" ruft Meimberg jetzt laut. „Man hört doch, daß du nicht schlafft. Antworte doch!" „Nein, ich schlafe nicht", sagt Barbara jetzt leise. Meimberg steht seufzend auf, kommt langsam durchs Zimmer, setzt sich zum drittenmal aufs Bett. „Willst du dich nicht umdrehn?" Gut. Ja, sie dreht sich um. „Barbara?" Sie nickt. „Wollen wir jetzt nicht mal ganz vernünftig anfangen? Sie schüttelt feflf sich wieder aus den Bettrand. Er streck! die Hand nach Barbara aus. Aber sie weicht zurück. „Du mußt es doch einsehn", beginnt er von neuem, „vorhin, als ich anrief, sagte die Görnewitz: «Ihre Frau begleitet Herrn Rauthammer!' Was sollte ich sagen?" „Warum hast du nicht gesagt, daß du es richtig findest, was muß fetzt die Frau Görnewitz denken?" Jetzt wird Alfred wirklich böse: „Es handelt sich nicht um Frau Görnewitz. Es handelt sich um uns. Ich meine: Wenn einer Vorwürfe zu machen hat, dann bin ich es." „Bitte", antwortet Barbara, ,chu kannst ja deine Vorwurfe machen. den Kopf. „Habe ich dich gekränkt?" Barbara nickt. „Du hast mich aber auch gekränkt. Sehr sogar. , ^Barbara zieht die Schultern hoch. Es kann ja jein. Äber es braucht ntd,‘@sU ift'fest erst mal ziemlich verfahren", sagt sie, „ziemlich sehr sogar. Ich gebe es aber trotzdem noch nicht auf." „Was tust du?" , v ri . , , Ich gebe es noch nicht auf. Ja, ich weiß, bas wolltest du sagen, Alfred. Aber ich muß es sagen. Ich stelle mir nämlich unter einer Ehe was Fabelhaftes vor. Daß man immer zueinander steht. Daß man immer füreinander eintritt. Daß man immer weiß, der andere hat es so gut wie möglich gemacht. Und wenn er cs nicht besser machen konnte, dann muh man ihm helfen. Das ist meine Auffassung, verstehst du? Das habe ich in der Ehe gesucht, und bas suche ich, unb wenn man bas nicht kriegen kann wie alle alten Tanten aus ihrer Erfahrung einem mitfeilen und wie bie Männer es auch sagen, well sie keine Lust haben, gentlemanhke auf gleich unb gleich mit ihrer Frau zu leben, bann ..." „Das klingt ja alles ganz ausgezeichnet", sagt Alfred, „aber bu mutzt mir nicht Übelnehmen, ich bin nämlich Jurist, unb ich weiß, baß jeder Schriftsatz einleuchtenb klingt, bis man den gegnerischen Schriftsatz gelesen hat. Also von mir aus, nicht wahr, sieht es doch ein bißchen anders aus. Denk doch mal nach, unb bann wollen wir roieber anfangen. Ja?" „Gut", sagt Barbara, „unb jetzt schlafen. Bitte. Ich kann wirklich nicht mehr, unb bu kannst auch nicht. Siehst hellgrün aus. Wir wollen schlafen. Schnell los. Unb bann sprechen wir weiter. Vielleicht geht es boch noch." „ .., , . .. Das klingt ja nun wirklich nicht sehr vergnügt unb nicht sehr ermuti- genb. Alfreb versuch auch noch einmal, auf bas „Eigentliche" zu kommen, auf Rauthammer. Aber Barbara schüttelt nur ben Kops. Sie kann nicht mehr. Sie will nicht mehr. Sie liegen nun roieber beide in ihren Betten, sehr gerade ausgestreckt. Meimberg bie zu Fäusten geballten Hänbe neben feinem Kopf. Barbara bie rechte Hand unter die Wange geschoben. Sie horchen auf den Fluß, ber so eilig vorbeiläuft, auf bas Schurren bes Wassers an ben Planken. Sie denken beide an bie vielen Liebesworte, bie sie in das Rauschen hineingesprochen haben. । (Fortsetzung folgt.) freuen Frauen, und deshalb Haden Die Männer Ja recht, wenn sie elser- süchtig sind, und wir wollen es so haben." Endlich lacht Barbara. „Danke schön, Frau Korner", sagt sie. „Sie haben in manchem ganz recht. Nur mit Rauthammer ist es nicht so, wie Sie meinen. Aber bas erkläre ich Ihnen ein andermal. Jetzt will ich nur noch mit Herrn Körner tanzen, unb bann will ich schlafen gehn " Aber Sie können es nicht verheimlichen, daß Sie mit Rauthammer weg waren", sagt Frau Körner noch, „irgend jemand wird es doch Meimberg stecken, verstanden?" „ , Damit winkt sie ihrem Mann und legt ihm Barbara in die Arme. „Na also" lacht Körner, „Sie lachen ja wieder. Dann werden mir mal einen schönen Walzer drehn." Er hat bie Platte ba, auf ber er singt. Wer kann bas schon liefern. 3um eigenen Gesang bei geschlossenem Munb tanzen? „Horst bu den Walzer in Wien bei Nacht ..." Er singt jetzt eine zweite Stimme dazu. Famos, nicht wahr? Wer kann bas schon: mit sich zweistimmig fingen? Das Leben ist wahrhaftig ulkig unb wunderschön." .Wunderschön, Herr Körner", sagt Barbara, „und herzlichen Dank. Sie verabschiedet sich noch von den anderen Gästen, bie auch tm Ausbruch finb. Sie ist jetzt frisch unb heiter. Und sehr schön. Selbst der Globetrotter, der „solchen" Frauen, das heißt, gescheiten Frauen, nicht viel abgewmnen kann, muß zugeben, daß sie ziemlich reizvoll ist. Es wirb enblich still. Barbara schleicht sich noch einmal aus ihrer Hütte. Sie gleitet vorsichtig ins falte, dunkle Wasser. Es hat sie mit großer Gewalt angezogen. Jetzt nimmt es ihr den Atem. Das Herz setzt einen Augenblick aus. Sie hält sich an den Planken der Böschung Sie laßt das eilige Wasser über sich wegfließen. Das Rauschen und Murmeln, bas Ziehen unb Saugen und Gluckern des Wassers hüllt sie ganz em. Der Atem kehrt wieder, vorbei ist das Vergangene, setzt ist «s endlich verflossen. Jetzt braucht sie nur noch Kraft für den Kamps mit Alfred. Denn wenn er sie schon verstehen wird, wenn er ihr schon glauben wird, so werden die andern doch glauben, es sei etwas sehr Schlimmes geschehn. Und wird er’s ertragen, wenn man ihn spöttisch oder mitleidig ansieht oder sie verächtlich? Sie hat wirklich etwas Schlimmes angerichtet. Sie steigt aus dem Wasser. Sie liegt im Bett. Sie hat ein Buch vor sich, aber sie lieft nicht. Sie nimmt eine medizinische Fachschrift. Da ift sie doch wenigstens mit ihrem Vater in Verbindung. Was macht der Vater jetzt? Es ist fast zwei Uhr. Also geht er jetzt - sie kann ihn sehn, denn sie hat ihn tausendmal so gesehn — zu seinem Nachtspaziergang um den Rasenplatz, streicht sich vorsichtig die übermüdeten Augen, bleibt einen Augenblick stehn und hebt die Arme (er nennt das seine Gymnastik, mehr Zeit hat er eben nicht). Er bedenkt den vergangenen Tag, bie Patienten, die Arbeit, bas Geglückte, das Problematische. Vielleicht denkt er auch einen Augenblick an sie, Barbara. Genau weiß sie es nicht, wieviel Platz sie in seinem Leben eingenommen hat und einnimmt. Das alles ist ja auch vergangen, nicht wahr, so sehr sie noch an ihren Vater hangt. Dahin kann sie bestimmt nicht zurückgehn. Sie muß jetzt m ihr Leben hineingehn. Und da hört sie wirklich die Hupe aufheulen Alfred ist m das Waldtal eingebogen. Gleich darauf ist der gute surrende, sanftmütige, stürmische Motor zu hören, ber sie durch acht schöne, fruchtbare Tage gezogen hat. Barbaras Herz fängt an zu schlagen. Vor Angst? Nein, vor $rt®cr Wagen hält. Der Wagen brummelt in bie Garage hinein. Die Wagentür klappt. Barbara legt ihre Zeitschrift weg. Sie rückt ben Leuchter ein wenig beiseite, bamit sie ihren Mann gleich sehn kann, wenn er hereinkommt. Da steht er endlich, atemlos. Die Haare ein wenig in ber Stirn, etwas verschwitzt von ber rasenden Fahrt, geblendet, mit offenem Hemd. „Tag, Barbi", sagt er leise, „ba bin ich also." „Komm schnell herein", antwortet Barbara. „Mach bie Tür zu." Er schließt bie Tür. „Zwei Stunden fünfundzwanzig Minuten bin ich gefahren", stellt er befriedigt fest. Pause. Keiner weiß, wie er anfangen soll. „Willst du mir nicht guten Tag sagen?" versucht Barbara endlich. , Oder wenigstens gute Nacht?" Alfred Meimberg tritt zögernd näher. Er sieht Barbara mißtrauisch an. Vielleicht ist es boch wirklich so, wie in allen Lustspielen von früher, baß ber Mann es immer zuletzt bemerkt, wenn ihn seine Frau betrügt. Das kann doch fein. Und es ist möglich, daß die Frauen wirklich ganz anders finb, als sie ausfehn. Geheimnisvoll also unb undurchsichtig. Aber bann will er in Zukunft, bitte schön, überhaupt nichts mehr mit Frauen zu tun haben ober höchstens fo, wie feine Kollegen unb Geschlechtsgenossen mit ihnen zu tun haben. „Barbi", sagt er streng, was hast bu nun eigentlich angestellt?" „Komm näher", winkt Barbara, „nein, hierher. Komm fetz dich. So. Umarme mich. So ... Unb nun sollst bu mir sagen, ob bu mir glaubst!" „Selbstverständlich glaube ich dir", sagt Alfred eifrig, „aber du mußt mir auch einmal erzählen ..." , Du sollst mir sagen, ob bu mir glaubst", wiederholt Barbara. „Aber Barbi —!" sagt Alfred ärgerlich. Er löst sich vorsichtig aus ihren Armen, steht auf, geht zu seinem Bett hinüber. „Es ist schon ein bißchen hell", sagt er, „hörst du, die Vögel wachen schon auf." „Ja, ich höre", antwortet Barbara, „bann wollen wir erst mal ein bißchen schlafen. Wir können ja morgen weitersprechen." „Weiterfprechen?" fragt Afreb. „Ich finbe, wir haben noch gar nicht angefangen." „Wir haben sogar mit bem Wichtigsten angefangen", sagt Barbara sehr erregt. „Glaubst du mir nun eigentlich ober glaubst bu mir nicht? Denn wenn bu mir nicht glaubst, bann liebst bu mich auch nicht." „Erlaube mal", fällt Alfreb ein, „bas ist boch noch zweierlei. Ich kann dich sehr wohl unenblich lieben unb mich boch nicht zurechtfinben mit bir. Unb weiter ist es nichts: Ich weiß nicht, woran Ich bin. Wie kommt biefer Rauthammer bazu, hierherzureifen? Warum hast bu dich heute morgen mit ihm getroffen? Warum bist bu hiergeblieben, als ich nach Stuttgart fuhr? Doch roieber nur, um ihn zu erwarten. Ja." „Genau fo ist es", flüstert Barbara. „Unb darum bat ich dich auch heute morgen, mich nach Stuttgart mitzunehmen." Geburt eknes Kindes. Von Hans Thyriot*. Da du noch im purpurzarten Dämmern Unterm Herzen deiner Mutter schliefest Und im Traum-Spiel über Wiesen liesest Mit den Engelknaben und den Lämmern —: Wiegte dich Musik aus jenen Zonen, Wo die Ungebornen selig wohnen. Als du dann in goldner Schicksalsstunde Aus der dunklen mütterlichen Hülle Fielest in des Lichtes wilde Fülle, Ging der erste Schrei aus deinem Munde. Und die blasse Frau im kühlen Leinen Härt' es lächelnd und begann zu weinen. Das Lächeln der Unsterblichkeit. Eine Baltikum-Sage von H. S o i k. Es war im April 1919 vor der Belagerung Rigas, als wir aus der sibirischen Gefangenschaft zurückkehrten, an Leib und Seele zermürbt, auf Gut Ulsgard im Livländischen, Ruhe und Rast fanden bei einer Frau, die wir drei den Engel von Ulsgard nannten: Rike Jänefelt. Sie war es, die mir die Schmerzen stillte, die nächtelang an meinem Bett wachte, als das Typhussieber aufs neue bei mir durchbrach und ich dem Sterben nahe war, und wenn sie das schöne Haupt über mich neigte, und ihre lichtblauen Augen in den meinen ruhten, schwand das Fieber. Und da war Henning Södermark um uns Flüchtlinge väterlich besorgt, und der war Rikens Freund. Einmal sagte er zu mir, sie wollten im Mai heiraten und aus Ulsgard ihr Nest bauen, aber es war ihnen beiden ein anderes Schicksal bestimmt. Und da dies nicht allein Rikens und Hennings Geschichte war, sondern die einer Todesgemeinschaft, muß ich erzählen, wie die Tragödie begann. Mitte Oktober 1918 lief der wie gewöhnlich stationierte Lazarettzug in Lilli ein und es wäre nichts Außergewöhnliches gewesen, hätte nicht unter den Verwundeten ein halb tot geschossener livländischer Adeliger besondere Aufmerksamkeit erweckt. Als er nämlich, so wird berichtet, aus dem Zuge auf einer leichten Tragbahre hinausgetragen wurde, mehr einem Toten als einem Lebendigen gleich, habe er laut ausgestöhnt, und als der Sanitätsoffizier an ihn die Frage stellte, ob er ihm das Liegen etwas besser gestalten sollte, habe er leise gedankt und gebeten, man möchte ihn bei seinem Obristen entschuldigen, daß er sich aus der Schlacht habe tragen lassen, obwohl noch kein Befehl zum Rückzug ausgegeben war ... Sechs Wochen lang lag dann Henning Södermark auf Tod und Leben im Lazarett: doch bann siegte seine Konstitution und eine wesentliche Besserung trat ein. An einem sehr stillen Sommerabend Überbrachte eine Ordonnanz dem langsam Genesenden einen Bries feines Kommandeurs, der Graf möchte sich seiner in Freundschaft erinnern, im übrigen wünsche er ihm auf seinen Gütern bessere Erholung als hier in Lilli. Einige Tage spater nahm Henning Södermark Abschied von seinen Stubenkameraden, die noch lange an den Fenstern standen, mit weißen ausgezehrten Gesichtern. Sechs Tage und sechs Nächte fuhr Henning Södermark auf mancherlei Umwegen seiner Heimat zu; denn allen Ortes flackerten schon die Feuer des Aufruhrs im Lande auf. Ungefähr um die Mitte feiner Fahrt wurde an einer ostdeutschen Station fein Abteil geöffnet und eine junge Barne, die schon längere Zeit auf den Zug gewartet hatte, stieg em. Wollte sie sich auch anfangs wie eine Fremde gebärden, um den Gesuchten, ihren Verlobten zu überraschen, sie verriet sich rasch. „Ach Henning . rief sie, „du mein Herrlicher!" und sank weinend an seine Brust. Der Graf, keiner Antwort mächtig, sttich zitternd über bas blonde Haar, und blieb in langen Küssen. Beide schwiegen still. Und sie verschwieg ihm auch in diesen Stunden, daß seine Güter bald den Rebellen tn die Hände fallen würden. „Rike", sagte er, „es wird viel zu tun geben zu Hause." „Ja, Henning", antwortete sie, „sehr viel — und bas Größte ist noch nicht getan." „Unb bas Größte?" fragte Henning wartenb, „unb bas Größte —" „Du wirst sehen", gab sie zur Antwort, „selber, wenn es so weit ist." Am Abenb bes folgenden Tages hielt er Einzug auf Ulsgard. Doch er erschrak über die Still« des Parks, das Gesinde blickte traurig und mit wissenden Augen zu Boden. Und als er einen der Knechte auf sein Zimmer kommen hieß, beichtete ihm dieser mit stockender Stimme, daß ihnen bereits die Aufrührer mit dem Tode gedroht hatten, falls sie bei einem etwaigen Ueberfall gegen sie irgend etwas unternehmen würben. Södermark erschrak, doch ließ er sich nichts anmerfen Unb ihr?" fragte er ben Knecht, „was werbet ihr tun? „Wir, rief btefer mit Tränen in den Augen — „immer für euch! Bald nach dieser seltsamen Aussprache galoppierte Rike Ianefeldt mit ein paar Reitknechten auf triefenden Pferden m Ulsgard ein unb nef ihrem Verlobten, nach im Sattel stehend, zu, daß das Gut chres Vaterv lereits in Flammen stünde, und sie beschwor ihn bei Gott unb allen Heiligen, den Mordbanden zu entfliehen, ehe es zu fpat fei. Der Graf * Dieses Gedicht wurde, wie im Feuilleton bereits berichtet, beim diesjährigen Lyrik-Preisausschreiben der Zeitschrift „Die Dame unter »und 10 000 Einsendungen mit dem ersten Preis ausgezeichnet. half seiner Verlobten aus dem Sattel, und nachdem sie unter verzweifeltem Schluchzen von dem entsetzlichen Ende ihres Vaters berichtet hatte, flehte sie ihn nochmals an, mit ihr unb uns zu fliehen, denn noch sei es Zeit. Fast schon wollte er seiner inneren Stimme nachgeben, als unten im Hose weinende Stimmen heraufschallten, unb er erfuhr, daß sich zwei benachbarte Familien hierher geflüchtet hätten unb mit ber Ankunft ber roten Garbe in allernächster Zeit zu rechnen sei. In ben nächsten acht Stunben konnte man bie Aufrührer erwarten! Acht Stunben — unb hier auf Ulsgard schliefen fiebenundzwanzig Menschen: da waren feine ergebenen Knechte, bie sibirischen Kriegsgefangenen, etliche Geistliche, ein paar Generäle unb zwei geflüchtete Familien ... Um Mitternacht ließ Södermark wecken und die nötigen Vorbereitungen zur Flucht treffen. Wir drei beschlossen, mit ihm unb Rike ben Rückzug der Fliehenden zu decken. Södermark dachte an bie Brücke, bie bie Rebellen überschreiten mußten: mar bie beseitigt, so gab es vielleicht einen Weg ber Rettung. Die Brücke — es gab keinen anderen Ausweg! Uns sagten die beiden von diesem Allerletzten kein Wort. Wollten sie allein die Verantwortung tragen? Wußten sie, daß sie schon gezeichnet waren? Man gab uns zu verstehen, die Nacht über wach zu bleiben, im übrigen hätte man auf vierundzwanzig Stunden Munition für die Maschinengewehre und Flinten, das würde eben reichen. „Iwan", sagte er zu dem Großknecht und sah ihn lange durchdringend an, „Iwan, wieviel Sprengpatronen liegen im Magazin drüben?" „Zehn", antwortete der Großknecht dumpf und wie von schwerer Ahnung betroffen. „Nun gut, zehn! Das ist eine runde Zahl. Und wann wird der Kommissar mit seinen Leuten marschieren?" „Heute um elf Uhr nachts, hieß es. Rornanoff meinte, da läge die Brut schon längst im Schlaf." Henning ging im Zimmer auf und ab. „Im Schlaf", wiederholte er wie im Traum. „Iwan, du hast heute nacht Wache, hab scharfe Ohren — Und als Rike bei ihm saß, eine Viertelstunde lang, wußte sie Bescheid. Bald danach verließen zwei in lange Reitermäntel gehüllt« Gestalten schwer bepackt ben Park. „Wer ba?" schrie ber Posten am Tor. „Södermark." Um ein Uhr nachts meldete der Funkdienst der USSR.: Durch Attentat flog die Brücke bei N. in bie Luft. Leider hätte man den Verlust an Menschen zu beklagen, unter anderem werbe ber Tob bes Genossen Rornanoff gemeldet. Eine sofortige Strafexpeditton sei auf bem Wege. „Was wirb nun, mein Herrlicher?" fragte Rike ben (Beliebten, als sie noch wie betäubt von ber dumpfen Detonation im naffen Schilf lagen. „Jetzt wird man uns —". Doch Henning küßte ihr die anderen Worte von den Sippen, und bann sagte er wie von ferne langsam unb feierlich die Worte, bie einst Ulenfpegel seiner Nele sagte: „Glaubst bu, man begräbt Ulenfpegel, ben Geist, unb Nele, bas Mutterherz Flanderns? Auch sie kann schlafen, aber sterben — nein!“ Als sie um drei Uhr nachts durch den Park schritten, waren die Flüchtlinge längst über die Grenze. Kein Licht brannte mehr wie sonst in den unteren Zimmern. Als sie oben im Flur beim Schein ber Taschenlamve bie Maschinengewehre prüften, sagte sie, auf ben Boden gekauert: „Unb wenn sie uns jetzt fangen? Was bann?" Er wußte keine Antwort und bettete nur fein Haupt in ihren Schoß. Denn er war sehr müde. „Schau", sagte sie, „es ist schon so, mein Freund: nur durch bas Opfer sinb wir erlöst. Und jetzt geh hinunter zu Markoff." „Ja", sagte Henning und packte sein Gewehr. „Es wirb schon gut so fein.“ Unb bamit schritt er langsam, wie über eine Sache nachdenkend, bie Treppe hinunter. Gegen brei Uhr morgens kam ber Angriff. Ueber brei Stunben lang hielten mir und die paar treuen Knechte die Aufrührer in Schach. Wir schossen wie wahnsinnig, aber bie Schützenkette mürbe immer enger, unb bald stand uns der Feind schon im Rücken. Die letzten Handgranaten wurden verteilt. Wir wehrten uns wie Wolfe. Tak, tat, tat bellte es. Drüben im Part erwiderten helle Ausichreie. Hinter mir war Markoff gefallen und Petersen, der Kornett, der wie wahnsinnig Mutter! Mutter! fchrie, doch Rike hielt ihn, bis er in ihren Armen verschied. Als wir die Handgranaten geworfen hatten, unb Rite mit blutertben Hänben die letzten Patronengurte herbeischleppte, stellte Henning bas Feuer ein, betete noch einmal laut unb wollte eben mit Rike unb uns ben Park erreichen, als schon bie Rebellen in ben Toren standen und mir überwältigt würben. Um acht Uhr schaffte man uns auf Automobilen nach bem benachbarten Städtchen A. und dort verbrachten wir in den Kellern eines Gymnasiums mit anderen Gefangenen die nächsten Tage. Cs gab keinen in ben Kellern, ben Rite nicht getröstet hätte. Sie pflegte bie Typhustranten unb machte biefem unb jenem bas Sterben leichter. Gleichsam ein Göttliches muß von ihr ausgestrahlt sein. All bie Verzweifelten würben ruhig wie Kinder unb hatten sich in ihr Schicksal ergeben. Ach, wie war es boch, Rike, daß wir Deiner nimmer vergessen können, beines Antlitzes unb beiner beneibeten Hänbe. Wir waren überflutet vom Segen, wenn wir beiner Worte gebuchten und deines Lächelns. Am folgenden Morgen wurden Henning und Rike durch das Standgericht zum Tode verurteilt. Es wird berichtet, daß Henning und Rike ruhig das Urteil horten, bas ihnen ein kahlköpfiger Matrose oertünbete, und baß Rike ben (Beliebten in einem langen sehnsüchtigen Blick umfaßte. Nach zwei Stunden führte man die beiden in den Hof hinaus, hieß sie Schaufeln aufnehmen und ihr Grab ausgraben. Nachdem dies geschehen, stellten sich die beiden an bie Mauer. Neun Gewehre hoben sich. Dann zerriß wie ein Peitschenschlag bie Salve bie mittägige Stille unb zwei Körper fielen birmpf vornüber in die Erdlöcher. Doch auf dem Totengesicht Rikes lag noch das Lächeln. Dies geschah nm 2. Mai 1919 um bie Mittagsstunde. Don Osten brohnte schwerer Gesch-'donner. Ich und die anderen wurden am Nachmittage wie durch ei- Wunder von einem deutschen Freikorps gerettet. Und hier hat die Geschichte von Henning und Rike ihr Ende. Wenn die „Jungens" — so sprechen allenthalben die Führer von ihrer jungen Mannschaft — draußen sind, tritt Ruhe im Lager ein. Die Betten sind vor dem Ausmarsch „gebaut" eine Kunst, die auch der Ungeschickteste einmal lernt, in der Schusterstube klopfen die Hämmer, die Lagerschneider haben den Zwirn durch die Nadel gezogen, die Köche feuern die mächtigen Kessel an, und die Maschinen in der Schreib- Stube klappern — jetzt erst kommt die Morgensonne durch und überglänzt de nassen Dächer mit ihrem jungen Licht. Gleichmäßigen Schrittes geht am Tor aus Birkenholz der junge Werksoldat seinen Wachschritt, und sein blanker Spaten blitzt wie ein funkelndes Licht auf seiner Schulter. verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Aniversitäts-Vuch» und Steindruckerei, 2L Lana«, ©iebea- Wer In den flachbedachten Holzhäusern Im grünen Feld Erfüllung eines Lebenssinnes gefunden hat, jeder Kamerad jener großen Mann- »aft in Forstrevieren, in den Bergen und tm Flachland, sieht feine Abteilung mit anderen Augen als der Wanderer, den hier und dort die allzu nüchterne Gesetzmäßigkeit der Bauten stören mag. B.e fach hat im Ausbau solch eines Lagers soldatisch-nüchterner Sinn zu stark mit- gesprochen; hier und dort aber griff schon die gestaltende Hand des Ab- teilungsführers zu und legte Pflanzungen und Beete an, die in ihrer sommerlichen Schönheit die allgemeine Ordnung und Sauberkeit des Lagers nur unterstreichen. r m s. „. Der junge Kamerad, Glied jener großen Gemeinschaft, die sich dem Boden verschworen hat, hat sich überall in seinen Stuben rm kleines Heim geschaffen. Daß man es zuläßt, ja fordert, ist em 1^°"" Zug der Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit in der Führung der arbeitenden Jugend. Die ,Heftzweckenkultur" ausgeschnittener Zeitschrlftenbilder macht mehr und mehr gerahmten Bildern Platz; je lebendiger solch ein Trupp ist, um so ideenreicher ist seine Stube ausgestattet. Emen Knüppel an der Wand mit der Unterschrift: „Hier herrscht Ordnung! mag man h'ngehen lassen, vielleicht auch diese oder jene weniger mit kundiger Hand als hebe- volle Hingabe gemalte Landschaft, aber man wurde vergeblich nach sogenanntem „nationalen Kitsch" suchen, der tatsächlich ia innerstem Wesen gesunden nationalsozialistischen Empfindens widerspricht. Im „braunen Lager", wo es auch liegen mag, sind alte Preußen- tagenden zu erfrischendem Leben erwacht! Ordnung, Sauberkeit, Pünktlichkeit und Gehorsam sind ein großer zaubermachtiger Begriff, ber bie innere Haltung des Lagers ausmacht. Man kann baruber keine großen seelenkunblichen Untersuchungen anftellen; bafur fmb Leben und Pflichterfüllung im Arbeitslager zu selbstverständlich auf eine große Formel gebracht, die „Dienst am Vaterland" heißt und keiner weiteren Deutung bCb<5o[rf) eine Baustelle ist doch ein Stahlbad für brustschwache Stuben- Hocker und relatioifierenbe Aestheten, ja, um es grob 3“Jagen, em notwendiger Segen für manches junge Bolk, das noch nicht wußte, was eigentlich Arbeit ist. Gesundes Blut — und Gott sei Dank reden die Gesichter der Werksoldaten eine erfreuliche Sprache! — hat sich von je reibungslos dem Lagerleben eingefügt, was morsch und bruchig 3" werden drohte^ Hot zu sich selber zurückgefunden in der Arbeitskameradschaft m Wiesen, Mooren und Feldern. Allzu geistig gestimmte Beur eiter haben den erzieherischen Wert dieser Kameradschaft manchmal zu einseitig her- ausgestellt. Tatsächlich darf aber ber praktische Nutzen ber Arbeit?, bienftlaqer nicht unterschätzt werben, vor allem nicht, wenn man be- denkt daß weite Strecken unseres Vaterlandes dringend der Entwässerung'bedurften, daß Brachland des Spatens harrte um ©teblungsraum zu schaffen, daß es überhaupt nur durch die Arbeit der grauen Kolonnen mögttch ist, ordnend in sonst fast rettungslos verlorene Bodenverhältnisse e'"Äch ein prächtiges Bild ist doch solch ein von der Baustelle heimkehrender Trupp! Prächtig, well er dreckig ist und dennoch singt, prach- tig auch, weil er Hunger hat, ber einer Stabil ochin gettnbes Grausen em- flößen würbe. Der Lagerhunb heult ben Heimkehrern schon entgegen, währenb ber Marschrhythmus über ben Platz brohnt reißen bie Koche tue Deckel von ber bampfenben Erbsensuppe, aber wehe bem, ^r ungewaschen über das Essen hersatten wollte! Es liegt eine tiefe Wahrheit m jenem Spruch, daß Sauberkeit der Gesinnung nicht ohne äußere Sauberkeit denkbar ist, auch darin liegt ein schöner Sinn und Brauch verborgem vor der Mahlzeit täglich einen Merkspruch stehend anzuhoren, ehe bie Essen träger mit großen Schüsseln losgelassen werben, um b.e Tische zu bedienen. Daß im „braunen Lager" Führer und -Jungens gemeinsam essen, versteht sich ohne weiteres, daß es dabei sogar Rundfunkmusik gibt, erhöht die Lust, munter zuzugreisen bis es einfach nicht wehr gehl Vergessen wir das eine nicht, und jeder, der das Lager endgültig per läßt hat es gewiß begriffen: Hier wird nicht um d anken Lohn gearbeitet! Währe bas der Fall, bann wäre Arbeitsbienst eben nicht mehr Ehren- sonbern Geldsache. Damit begäbe er M) ferner hohen 'dealen Wer - schäkung erheblich, denn nur wer Ehre besitzt, darf an jener Ehre teil Hoden, deutschem mütterlichem Boden seinen Dienst zu weihen! Dos muß ein Vormann in Trupp I besonders begriffen haben: groß und breit bat er über brei Betten hinweg „Arbeit adelt!" an die Wand geschrieben. Mage er das Wort nie vergeßen! Wer sich aus Gesichter versteht muh he beim Innendienst am Nachmittag, bei Appell Unterricht und Feierabend s m vieren Manchmal läuft einem em Weiterer über ben Weg, ber einem Landsknecht aller deutscher Art alle Ehre machte; die Gesichter ber Jungen finb burchweg ausgeglichener. Sie sprechen nicht die Sprache des Front, soldatenanttitzes, das sich nicht verleugnen laßt. Dem einen der gerade seine Stiesel wäscht, siebt man den Studenten an der Nasenspitze an. Cern Nebenmann kann nur ein Bauernsohn sein, aber bas gibt es in Wirklich feit im Lager gar nicht! Hier hat die strafte Einheitlichkeit gemeinsamer Lebensführung das Gesicht des Werksoldaten geformt, das nur den Aus- druck gemeinfnmer seelischer .Raffung beuttich werden Iaht Ehe der Abend über den Wäldern des Lagers auftteigt, singt die junge Mannschaft in ben Baracken. Der Sommersturm reißt an ber ftahne Die weiten grünen Keiber liegen verlassen ba. nur im Lager unter abendlichem Himmel singt Werkloldafenjugend der Nacht entgegen. Wenn dann der Mond aufgegangen ist und der Zapfenstreich früh an der Zeit den Tag beschlossen hat, tritt Stille ein. Das braune ßaqer tj in Dunkelheit und Verlassenheit versunken. Nur beim Abteilungsfiihrer brennt noch ein einsames Licht. D°r Nachtsturm über den Dächern bebt aufs neue an, aber er stört bie muben Schläfer nicht. Wer weiß, woran ber Posten benkt, ber am Tor steht unb ben grauen Schwaben nächsteht unb aus bas Brausen in ben Lüften horcht? Aus unb ab geht tmeber fern Schritt, babei summt er ganz leise bas Lieb des Tages vor sich bin ba bie graue Kolonne fang, ehe sie aus den Mergelw.esen zuruckkam. Es hort kein Mensch, und das ist gut so, denn fingen unb gleichzeitig auf Posten stehen, ist von Befehls wegen — verboten! ____ Ha'nbnchenloube. Von Friebrlch Rückert. D Laub', in ber ich manchen Tag Des Denkens unb bes Dichtens pflag, Wer benkt in bir unb dichtet, Nun dich der Herbst gelichtet? SonnstraHlen, die das Laub gelüpft, Zaunkön'ge, die im Strauch geschlüpft, Sahn still mir ab vom Munde Den Klang im Herzensgründe. Der alte Pächter ging vorbei Unb wußte nicht, was mit mir fei, Wie übern Zaun er guckte Unb bann sich seitwärts buche. Ich aber, was mir Felb unb Hain Unb ihre Geister gaben ein, Von Leben unb von Lieben, Hab' ich hier aufgeschrieben. Sie haben gern mit mir verkehrt, Mich, was sie wußten, hier gelehrt: Nun ich von hier muß kehren. Wen werben sie es lehren? Sie werben, wenn in Winternacht, Sie sich was Neues ausgebucht, Herkommen mich zu suchen In blefer Laub' Hainbuchen. Unb wenn sie ba nicht finben mich. So werden sie verbinden sich Zu Tanz unb Musizieren Unb Glanzirrlichtelieren. Dann spricht ber Pächter, wo er lauscht, Unb sieht unb härt, mie’s stimmt unb rauscht: Der lange Herr, ich glaube, Spukt in ber Buchenlaube. OaS braune Lager im grünen Selb. Von Walter Vollmer. Der frühe Sturm auf ben Felbern springt in ber Dunkelheit über bie Dächer des einsamen Lagers. Hoch in den Lüften jagt ber Winb bie Regenschauer vor sich her. Es raufcht unb pfeift unb orgelt im nahen Kiefernwald. Die Geister ber sturmumtobten Dunkelheit jagen unter bem Himmel bahin, bie Lagersahne knattert unb prasselt hoch am Mast im nassen Winb. Das wäre ein Wetter, um bie Decke über die Ohren zu ziehen unb ben Füchsen unb Eulen ba braußen bas Revier zu überlassen, wenn nicht schon jemanb bart ftünbe, ber vor bem Weckruf bas Munbstück seiner Trompete riebe. Er kennt fein Erbarmen! Plötzlich springt sein schmet- ternbes Signal über ben Platz, ein unerbittlicher, harter Wächterruf, ber bis in bie tiefsten Träume fährt unb ben nahen Tag verkündet Dieses Signal des vor Tagesgrauen rufenden Werfsoldaten ist ein tiefes Sinnbild unserer jungen Front in allen Arbeitslagern: Deutschland erwacht! Ein neuer Tag ist angebrochen! In den langen Fensterreihen blinken bie Lichter auf. Stimmen werden laut irgendwo singt wahrhaftig schon jemand in einer Stube, unb bei Trupp 111 verkündet Gelächter, daß der erste Witz gefallen ist. Türen schlagen, überall poltern Schritte auf hölzernen Dielen — bie Abteilung tritt zum Frühsport an! Nun geht alles Schlag auf Schlag: Der frische Winb, Morgenwäsche und Kommandoruse reihen die letzten Schleier all zu schönen Schlafes von der jungen Seele. Wer nun noch nicht wissen sollte, was Pslicht und kommender Tag von ihm verlangen, dem mag der heiße Kaffee helfen. Es gibt genug im großen Tagesraum, denn in ber Küche stand der Koch vor allen andern hinter seinen brodelnden Kesseln, geschäftig und pünktlich wie immer, ein Kamerad selbstbewußter Würde. Dann gehen die Meldungen ber Zug- unb Truppführer vor ber angetretenen Mannschaft. Ein kurzer Gruß aus jungen Herzen an ben Führer braust über den Platz, wieder fliegen Kommandorufe daher, unb hinter den Wimpeln marschiert die graue Jugend mit geschultertem Spaten hinaus zur Baustelle. So, wie es hier geschieht, vollziehen sich Weckruf und Ausmarsch an allen Lagern unseres Vaterlandes, sei es nun in den Wäldern Ostpreußens, in den endlosen Mooren des Emslandes, im Bereich ber Förder- fürme an der Ruhr ober in ben Heiben bes Münsterlanbes.