Siehener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 79 Zreitag, den Oktober Jahrgang 1935 Liebesroman GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE Von Walther von Hollanöer Copyright 6g August Scherl S.m.b.y., Berlin 6. Fortsetzung. Barbara steigt ein. Alfred. Der Lohndiener klappt mit einer Verbeugung die Autotür zu. Die Köchin und das Hausmädchen stehn am Zaun und weinen. Barbara sagt: „Auf Wiedersehn! Gruß an alle. Los, Alfred!" Der Motor springt an. Der Scheinwerfer blendet auf. Der Wagen setzt sich in Bewegung. Barbara sieht dem Schein nach. Da taucht wirklich der seltsame Panamahut auf, ein Gesicht, erst beschattet, dann grell beleuchtet, denn der Panamahut ist zum Gruß vom Kopf gehoben. Das Gesicht ist ernst. Ja, man muß sagen: todernst. „Da steht noch jemand und grüßt", sagt Alfred und hupt. Ungeduldig. Er löscht den Scheinwerfer. Der Mann ist verschwunden. Das Auto fährt um die Ecke. Barbara hat nichts gesagt. Sie sieht in die Sterne hinauf, die die eilige Fahrt hoch über den Laternen blaß begleiten. Sophie aber ist aus dem Gebüsch ausgetaucht. Sie geht zu dem Mann im Panamahut und sagt: „Kommen Sie! Gehn wir! Sie sind sowieso weg. Wir beide können jetzt unmöglich allein sein." „Gut", sagte Rauthammer, „gehn wir!" 8. Das Meimbergsche Auto fährt über die Kaiser-Wilhelm-Brücke in Potsdam. Aus der Havel zieht ein Dampfer mit Musrk .und festlichen Lampen. Ein paar Bootslichter beginnen zu schaukeln. Die Lichter der Brückenlaternen strecken sich im Wasser, schrumpfen, strecken sich. Der Mond ist wieder da", sagt Barbara und zeigt aus d,e schmale Sichel, die neben dem Knauf der Heiligen-Geist-Kirche aufglänzt. „Man kann sich etwas wünschen." .. . . Sie läßt das Auto halten. Sie geht zum Brückengeländer. Sie sieht zur Mondsichel auf und knickst dreimal, wie es sich gehört. Sie wünscht sich den großen Frieden einer glücklichen Ehe, sie wünscht sich zwei Kinder (so wie es ihre Mutter auch hatte), und sie wünscht sich, daß sie das Herrische und Wilde ausgleicht und kein Sonderling wird Sie klettert in das Auto zuruck. „In Ordnung? fragt Alfred. Barbara nickt. Wird es auch in Erfüllung gehn? Barbara mckt heftig. Wird er, Alfred, jemals erfahren, ob es in Erfüllung gmg? Loabara Zieht zweifelnd die Schultern. Man darf ja nicht über die Wunsche sprechen. Gut. Dann kann es weitergehn. Oder soll man schon m Potsdam übernachten? Barbara sieht Alfred fragend an. Dann schüttelt sie den Kops. Sie hat gehört, daß sehr viele Hochzeitsreisende 'n Potsdam bleiben. Besser also — wenn man bedenkt, wie die meisten Ehen auslau,en man bleibt nicht hier. „Nein", meinte sie, „man sieht >a Berlin noch. Attred ist es sehr recht, wenn sie weiterfahren. Hier in Potsdam hat er ein etwas leichtfertiges Abenteuer gehabt, drei Jahre zuvor. Er kannte Barbara schon. Aber er konnte sie "'cht erreichen Mochte er snh etwa rechtfertigen? Unsinn. Das käme ihm mcht in den S m Es kam wie !o manches im Leben, unvermutet. Es war dann eigentlich sehr schon und im leZn S?nn in Ordnung. Wie hieß sie? Charlotte hieß s.e.Wi sah sie aus? Sehr schmal war sie, großäugig, hatte eine riesige Schleife am Kleid, lachte reizend. Wo ist sie geblieben? Er weiß es mch^ Er weiß auch nicht mehr, wie sie ause,nanderkamen. M,t einem Mal ganz schmerzlos, etwas herzlos hatte man sich voneinander gelost. Er ha trüber nie jemanden erobern und nie ,emanden halten wollen. -Was er Ei. Ä ». und ««. « ,nch< b,-uch». !.h„n ä »ch.°n« durch einen Wald. Immer seltener werden d,e die mit blendendem Licht auftauchen, verblinken, vorbeirutschen. Settenerauchbie Ueber landrieien die rumpelnd näher kommen, an denen man sich Yupeno vorbeitasten muß, immer in Gefahr, an einem höd)- werden. Denn den Ueberlandlastzugen gehören d.e Straßen °d°r hoch- stens noch den Motorradfahrern, die schnaufend und knatternd ^ 3’» scheu Auto und Lastzug durchzudrangen suchen. Dazwischen fahre nur bescheiden mit deinem Auto! „„„ m-rlin ver- Barbara sieht sich um. Endlich ist der L'chftchem von Berttn v^ schwunden. „Wir werden bis Magdeburg fahren , sagt I - „ morgen früh bann überlegen, wohin wir weiter wollen. meitcr= „Ober wir werben uns jetzt gar nichts überlegeni unb immer weiter fahren, bis wir nicht mehr mögen... , erwidert Barbara. Dörfer kommen, Sommerdörfer, dunkelschattig unter großen Bäumen, mit Lichtern in einzelnen Fenstern, mit Musik, die vorüberweht aus Kneipen und aus Häusern, Tanzmusik vom Deutschlandsender. Sie hören immer die gleiche, etwas satte Stimme des Ansagers. Sie sehn die Bauern vor ihren Türen sitzen. Der Scheinwerfer holt die Liebespaare aus Gebüschen und dunklen Ecken, mutige, die ins Licht lachen, und verschämte, die nicht erkannt werben wollen unb bem Licht ben Rücken brehn. Sie sprechen säst gar nicht. Barbaras Hand liegt auf Alfrebs Arm, der bas Steuerrab breht. So geht sie alle Schwenkungen und Biegungen mit. Kurze Zeit schläft sie auch, den Kops hinten aufs Polster gelegt. Ihr Atem geht ruhig unb leicht. Dann kommt schon Magbeburg. Sie fahren bunt) die Helle, sommerliche Stadt. Es ist die Schlußzeit der Kinos. Die Menschen drängen aus ben Theatern, etwas mübe, etwas traurig. Merkwürbia: Sie sind boch beide Städter, Barbara und Alfred. Sie sind in Berlin geboren und groß geworden. Sie lieben ihre Stadt unb wissen, was sie ihr Derbanten an Lebensfrische, an Witz, an Fülle ber Bilber, an Weite unb Buntheit ber Erlebnisse, an Dichte der Ereignisse, ja, an Tiefe der Gedanken ..., aber sie wollen jetzt nicht in einer Stadt bleiben, zwischen ben Menschen, bie aus der Kinowelt kommen, in einem ber Hotels, um bis die Elektrischen klingeln unb bie Autos hupen. Hier können sie nicht ihre Hochzeit feiern. Das ist unmöglich. Sie fühlen bas beibe. Darum fahren sie weiter, ohne groß darüber zu sprechen. Sie fahren durch die hellen Straßen mit den erleuchteten Läden, durch bie dunkleren Straßen mit ben Milchgeschäften unb ben Gemüsekellern, burch den Gürtel der Vorstabtvillen unb Schrebergärten, burch die Ranbsieblungen ... Gott sei Dank, ba ist ber Walb wieber! Da schwimmen bie Sterne wieber burch bie Gasse ber Bäume, ba sink» bie Ueberlanbbusse wieber ... Weiter ... weiter ... In einem Dorf müssen sie tanken. Es bauert eine ganze Weile, bis sie ben jungen Wirf, bem bie Tankstelle gehört, aus bem Bett geklopft haben. Dann ist aber auch bie Frau, eine schöne junge Bäuerin mit auf- geftanben, steht neugierig am Fenster. Sie hat ihr zweijähriges Mäbchen auf bem Arm, bas ausgewacht ist unb zu greinen anfängt. Nun streckt es bie Aermchen nach ben Fremben aus. Barbara hat eine Schachtel Schokolabe in ber Hanbtasche. Die steckt sie bem Kinb in bie Hänbe. Die Mutter wehrt ab. „Danke, baute ... Das Kinb bekommt genug Schokolade ... Unb will bie Schachtel zurückgeben. Aber baß Kinb gibt sie nicht her. Wik beiben Aermchen preßt es bie Schachtel an sich, oerteibigt sie mit Strampeln unb Schreien, bis die Mutter ben Kampf aufgibt. Saba'" lallt bas Kinb. Das heißt: Danke. Die Mutter aber Jagt: „Sie haben boch sicher auch Kinber. Nein? Aber Sie könnten schon lange welche haben, was? Sehn wenigstens so aus. Ach so, Sie haben erst gerade geheiratet. Eden vorhin? Unb ba fahren Sie so herum? Komisch' Wir haben vor vier Wochen geheiratet. Ja ... hat lange gebauert." Unb, mit einem Blick auf bas Kinb: „Dafür ift bas Kinb schon gant hübsch groß, was? Na, benn alles Gute ... unb viel Glück auf ber Hochzeitsreise!" ;,®ürf ... Gück ...", lallt bas Kinb. Denn es ist gerabe im Papageienalter. Alfreb unb Barbara steigen ein. „Eben verheiratet, ruft bie Frau ihrem Mann zu. „Kommen gerabe von ber Hochzeit. Unb ber Mann lacht auch unb winkt, unb sie rufen beibe: „Viel Spaß benn! Viel Glück! Alles Gute ... unb balb ein Kinb ..." Unb Barbara unb Alfreb lachen zurück unb winken. „Danke ... danke ... auch Ihnen alles Gute und bem kleinen Mäbchen auch." „Gück ... Gück ...", lallt bas Mäbchen. Sie finb beibe ganz frisch geworben burch bie lustigen Sauersteute.» Komisch", sagt Alfreb, als sie wieber in ben Walb eingetaucht sind, „bie Frau hat ja eigentlich recht. Treiben uns hier braußen herum. Ader es ist boch wunberschön, nicht wahr?" Ja" antwortet Barbara, „wunberschön. Unb nach einer Weile — gerade tut sich eine weite Nachtebene auf, mit einem einzigen Licht in ber Ferne, einem einsamen Gehöft wahrscheinlich, unb einem großen Sternhimmel barüber —: „Ich muh bich mal was fragen, Alfreb. Es ist nicht Neugierbe, glaube mir. Aber bu mußt bas mal ganz ernst beantworten: Hast bu eigentlich jemals geliebt?" Alfreb sieht sie von ber Seite an. Im Licht bes Armaturenbrettes tann er bie linke Wange sehn, ben Mund, der streng geschlossen ist, das linke Auge unb bicht unter dem Kappenrand die schön geschwungene 'Bra®u meinst also: richtig geliebt", beginnt er zögernd „du meinst nicht iraenbein Abenteuer ... benn bie habe ich natürlich gehabt Unb es war nichts barunter, worüber ich hinterher rot werben müßte. Ich benke auch, einen Mann, ber immer an ben Frauen vorbeigelausen wäre, würbest bu nicht sehr gern mögen. Ober?" Barbara nickt. Ja, sie finbet es natürlich, baß er mit Frauen zu tun aebabt hat. Wahrscheinlich ist es gar nicht gut, wenn ein Mann seine erste Frau heiratet. Was allerdings daraus folgt, ist schon etwas schaue- tiger ... Aber "einerlei: „Ja, Ich finde das ganz richtig. Aber das habe ich natürlich nicht mit .lieben1 gemeint." „Dann habe ich tatfächlich nie geliebt, ehe ich dich liebte", sagt Alfred fast feierlich. „Merkwürdig", antwortet Barbara, „das finde ich sehr merkwürdig. Wie bist du da zweiunddreißig Jahre geworden? Ohne zu lieben. Merk- ""Älsted kann nicht gleich antworten (und das ist ihm lieb). Denn er muh eine schwere Durchsahrt durch ein Dorf suchen. Sie müssen sich außerdem entscheiden, ob sie nach Hannover wollen oder nach Weimar. Cs ist Barbara immer noch gleich? Links wird man durch die Ausläufer des Harzes kommen. Also nach links. „Das ist nicht so merkwürdig", sagt Alfred jetzt endlich, „du weißt doch schließlich, wie meine Generation ausgewachsen ist. Wir waren erst mal politisch beschästigt. Kam doch ganz natürlich. Fehr und ich — ach! Fehr, das ist ein Frauenarzt in Stuttgart, vielleicht besuchen wir ihn —, Fehr und ich waren noch im Oktober Achtzehn Soldaten geworden. Aber wir hatten kaum schießen gelernt, da war das aus, und es schien für unfereinen alles aus. Da mußten wir doch politisch arbeiten. Ich war zum Beispiel vier Wochen in Schlesien bei den Kämpfen um den Anna- berg. Aber das waren nicht die vier Wochen, sondern viel, viel mehr, vorher und nachher. Und im übrigen mußten wir doch auch sonst viel arbeiten. Wir hatten ja plötzlich alle kein Geld mehr. Hat nichts geschadet. Aber da ist man ein bißchen anders geworden. Und das Leben später ... na, das weißt du ja, wie ich gelebt habe ... Und Kleesand hat nicht anders gelebt und Weppen auch nicht. Für uns hatten wir nachts von zwei bis drei Zeit. Manchmal ... Später haben wir es dann ein bißchen leichter gehabt. Also ... so ist das ...* Barbara lacht. „Ja ... so ist das. Und ich finde das auch gut so. Ich wundere mich nur, daß du schließlich Zeit gefunden Jjaft, mich zu bemerken — und sogar zu bemerken, daß du mich liebst." Alsred nickt. Das ist sehr wahr. Manche von seinen Kameraden und Freunden haben auch jetzt noch keine Zeit dazu. Sind eben von Berus und Neigung Politiker. Das ist er nicht. Er liebt seinen Berus zu sehr, und jetzt liebt er auch Barbara zu sehr. Ob sie es überhaupt bemerkt hat? Ja? Es ist nämlich ganz doll, wie er sie liebt. Er wird mit einemmal atemlos vor Glück. Vor Liebe. Vor Daseins- freude. Er hält den Wagen. Er beugt sich über Barbara. Er küßt sie lange. Bis ein Scheinwerfer über sie hinwischt und das wütende Hupen eines Landstraßenriesen sie von der Mitte der Chaussee scheucht. Also weiter! Alsted studiert nun doch die Karte. Er möchte endlich, irgendwo mit Barbara landen. Wenn man hier durch den Wald sährt,' kommt bald die Stadt mit dem tausendjährigen Rosenstock und dem wunderbaren Dom. Dort könnte man bleiben. Es ist halb zwei. Um zwei kann man da sein. Während er wieder anfährt, sagt er: „Eigentlich hätte ich doch umgekehrt dich zuerst fragen müssen, ob du jemals geliebt hast." Er fährt hart an. Er hat nicht gesehen, daß Barbara mit dem Kopf genickt hat. Er fragt also noch mal: „Hast du jemals geliebt?" „Jawohl", antwortet Barbara, und nochmals: „Jawohl, natürlich." Alfred bekommt einen riesigen Schreck. Er hat eigentlich nie darüber nachgedacht. Und er hat ganz und gar nicht damit gerechnet. „Was sagst du da? Du hast ganz richtig geliebt ...?" Und nach einer Weile: „Nun sag mal im Ernst ...Ich möchte nämlich die Wahrheit wissen ... Wirklich?" Barbara hat ihre Hand wieder aus seine Steuerhand gelegt. Der Wagen fegt eine schnurgerade Waldchaussee hinunter, schneller und immer schneller, als wolle er dieser unbequemen Wahrheit davonlaufen. Und nochmals fragt er ängstlich, mit einem ungläubigen Lächeln: „Tatsächlich —?" Barbara beobachtet ihn genau. Vielleicht kann sie jetzt von Raut- hammer sprechen — oder? Nein, sie spürt, daß es hier erst mal um etwas ganz Allgemeines geht, um die uralte Männereifersucht, die unausrottbar ist, die ganz vage ist, die sich Rechte anmaßt, die sie niemals als für sich verbindlich anerkennt. Sie ist gekränkt. Einmal, weil sie meint, er müßte sie genau genug kennen, um zu wissen, daß sie ihm bestimmte Erlebnisse, Erlebnisse, auf die die Männer allzu großen Wert legen, nicht verschwiegen hätte. Dann vor allem aber, weil diese Eifer- Kt ihr mit dem Wesen der Liebe nicht vereinbar scheint. Denn enter, so findet sie, liebt man einen Menschen. Dann liebt man ihn doch, wie er ist. Also auch so, wie er geworden ist, und nimmt die Wege, die er gegangen ist, hin als Wege zu seiner heutigen Existenz. Nein, mehr: Man müßte die Wege des Menschen, den man liebt, auch lieben. Oder man liebt eben nicht. „Warum sagst du nichts weiter?" fragt Alfred. „Du kannst doch nicht mit einemmal aufhören zu sprechen." Er bemüht sich, seiner Stimme einen liebevollen Klang zu geben. Aber das mißlingt. Er spricht bur- fdjitos und verlegen und hart. So wird auch Barbaras Stimme hart, als sie sagt: „Ich kann dich beruhigen. Ich weih wohl, weshalb du ängstlich bist. Es ist aber bei mir anders als bei dir. Genau umgekehrt. Ich habe keine Abenteuer gehabt. Aber ich habe geliebt." „Aber das ist natürlich etwas ganz anderes", seufzt Alsted erleichtert. „Das ist eine ganz andere Sache." Er möchte gern noch mehr fragen, aber das ist unmöglich. Barbara hat ein fremdes, undurchdringliches Gesicht.. Sie ist fern von ihm. Er kann sie nicht erreichen. Er spürt es genau. Hildesheim kommt näher. „Wir könnten eigentlich hier bleiben", sagt Alsred. „Ich glaube, wir sind doch beide rechtschaffen müde. Nein? Du bist nicht müde? Du willst nicht bleiben?" „Nein", sagt Barbara, „wir wollen, bitte, noch ein bißchen weiterfahren." „Ader wie lange willst du noch fahren?" fragt Alfred. „Bis es wieder warm wird", antwortet Barbara und zieht fröftetnb ihr Halstuch fester. „Es ist gleich Morgen", versucht Alsred zu trösten, „dann wird es sicher wärmer." „Hoffentlich!" schließt Barbara das Gespräch. Gleich hinter Hildesheim beginnt es wirklich zu dämmern. Aus den Feldern neben der Chaussee, Im mannshohen hellgelben Korn, schilpi eine Lerche. Ein Regenvogel pfeift, ein zarter, durchsichtiger Wind gehl dem Licht voraus. Der Himmel blaßt zu Hellblau, im Osten wird es licht, rot. Gleich hinter dem Morgenrot tritt die Sonne auf, silbergelb. Ein Waldberg am Horizont beginnt zu glühen und steht in Gold getaucht. Der neue Tag ist da. Die Sonne scheint stark und belebend in den Wagen hinein. In den Dörfern haben sie schon den neuen Tag begonnen. Die Ackerwagen und die Milchwagen fahren. Die Hunde bellen fröhlich, und die Hähne ziehen mit ihren Familien auf Nahrungsfang. Vier Uhr. Der Wagen hält in einem kleinen Waldtal. Ein Stück roalb. ein stießt ein großer Bach. Eine kleine Waldwiese öffnet sich in voller Blüte, mit Glockenblumen, Wiesenschaumkraut, Zittergras, mit Mar- gueriten und Trollblumen. „Halt!" sagt Barbara. „(Eine halbe Stund- Pause! Komm! Wir gehn ein Stück." „Gut. Wir gehen ein Stück." Der Wald tritt nahe an den Bach heran mit einem Haselgebusch. Man kann nicht weiter. Sie stehen dicht nebeneinander. Kein Laut ringsum. Kein Mensch. Barbara kniet neben dem Wasser. Sie steckt die Hände hinein. Das Wasser stießt eiskalt und erfrischend über die Handgelenke. Sie netzt die Stirn, die Schläfen. „Wenn man über die Steine geht", sagt sie, „dahinter ist ein richtiger kleiner Badeteich." Sie zieht Schuhe und Strümpfe aus, schürzt den Rock, steht im Wasser. Das macht einen lebendig. Sie geht über ein paar Steine, ein Stein gerät ins Wanken, sie schreit leise auf, springt zurück. „Unsinn!' schilt sie sich. „So geht das nicht." Und nach einer Pause: „Komm! Wir baden." Alfred nickt. Er geht hinter die Weidenhecke und zieht sich aus. Er ist noch ein bißchen böse. Ein bißchen hat er Herzklopfen. Als er auf- taucht, steht Barbara mitten im Bach: schmal, zart, mit schöner heller Haut, sonngetupst. Sie stehn und sehn sich an. Sie lächeln. Sie balancieren über die Steine, springen ins Wasser, tauchen unter. Es ist eiskalt. Sie schuddern, schlagen das Wasser, spritzen. Alfred glitscht aus, taumelt, saßt nach Barbara. Sie küssen sich. Alfred lacht laut und glücklich. Natürlich hat sich für ihn wieder alles von selbst geordnet. Heraus aus dem Wasser! Die Kleider unter dem Arm, rennen die beiden zum Auto. Fern auf der Landstraße hört man die andern Autos brummen und hupen. Hinein in die Kleider, hinein ins Auto! Sie haben beide glückliche, helle Augen. Der Tag ist voller Sonne und Helligkeit. Sie fahren wieder, aber Älsted hat jetzt fein Tagtempo. Sie rasen einen Berg hinaus, ein Tal hinunter. Wald fliegt vorbei. Felder drehen sich. Eine Stadt. Wieder ein Wald. Ein Dorf, eine Brücke. Ein Weg fiihri nach rechts hinein. Wohin führt der Weg? Nicht fragen! Fahren, fahren! Der Wald wird plötzlich ganz dicht. Die Berge ein wenig höher. Das könnte doch schon ... Nicht fragen ... Weiter! Sie wissen endlich nicht mehr genau, wo sie sind. An den Wegweisern stehen Namen, die sie nicht kennen. Die Wege werden steinig, stöckerig. Da weitet sich der Wald: Eine riesige sanfte Waldwiese steigt an, an deren Ende oben am Waldrand ein Heines Hotel steht. „Zehn Zimmer, zwanzig Betten", ist auf dem Wegweiser zu lesen. Zwanzig Betten ... Zehn Zimmer? Nein, so viel kann man nicht brauchen. Das Auto hält. Der Wirt kommt heraus, lang, hager, ein wenig mißtrauisch. Ob man hier wohnen kann? Sicherlich kann man hier wohnen. Der Wirt zeigt mit der Hand über die Aussicht, als hätte er sie aufgebaut. Sie ist auch wirklich schön: Im hellen Vormittagslicht sieht man über den Wald weg weit in die Ebene hinein, lieber Felder, über Dörfer. Sogar der Bach ist zu sehen, hellgrau zwischen Wiesen und Mühlen. Ganz hinten dampst eine Stabt. „Dies Hotel gefällt uns", sagt Alfred zu dem Wirt. „Zwei Zimmer, bitte! Und nebeneinander, wenn es geht." Der Wirt zieht die Augenbrauen ein wenig zusammen. Diese beiden jungen Menschen in den helleinenen. Kappen können natürlich verheiratet fein. Aber sie können auch unverheiratet sein. Er würde gern ihre Hände fehen. Aber sie tragen Handschuhe. „Zwei Zimmer?" fragte er zögernde „Wir sind eigentlich ein bürgerliches Haus. Wir führen kein Einbettzimmer." „Dann lassen wir in jedem Zimmer ein Bett zuviel", schlägt Alsted vor. „Oder ist alles besetzt?" Der Wirt schüttelt den Kopf. Es ist nicht alles besetzt, obwohl man ja über Sonnabend, Sonntag leicht alles besetzen könnte, und dann täte es einem leid um die leeren Betten. Jetzt ist auch die Frau des Wirtes herausgekommen, der fünfjährige Sohn, ein Pikkolo namens Franz, fünfzehn Jahre alt, mit Henkelohren, ein Hausknecht mit grüner Schürze. Aus der Küche sieht ein Küchenmädchen heraus. Alfred zieht endlich den rechten Handschuh ab. Der Trauring glänzt vertrauenerweckend. Auch Barbara läßt ihren Trauring aufblitzen. „Ja, bann macht bas wohl nichts", sagt der Wirt. „Ich dachte nur: „Wenn man verschiedene Zimmer nimmt ..." „Meine Frau hustet so", sagte Alfred. „Mein Mann schnarcht leider", seufzt Barbara. Der Wirt lacht Die Wirtin lacht. Der Pikkolo lacht. Das Küchenmädchen lacht. Der Haus» diener lacht und holt die Koffer vom Wagen. Die Zimmer gehn nach- Süden. Die Sonne prallt herein. Die Ebene flirrt in der ansteigenden: Hitze. Cs riecht nach Wiese, nach Waschseife, nach sonnenwarmer, frisch-' gerollter Wäsche, nach getrocknetem Lavendef, von dem zwei Sträuße in: jedem Schrank hängen, nach sonnengekochtem Holz. Alfred und Barbarei haben die Tür zwischen den beiden Zimmern öffnen lassen. Sie gehen: Arm in Arm hin und her. Sie lehnen sich hinaus und sprechen mit denn Pikkolo, wo sie denn eigentlich sind — nun, im Hotel Waldhaus natur» lich — welcher Strich am Horizont Magdeburger Dom bedeutet unin welcher Hildesheim. Sie frühstücken ein wenig. Sie ziehn die Vorhänge vor. (Fortsetzung folgt.) Lteberlaß es der Zeit. Von Theodor Fontane. Erscheint dir etwas unerhört. Bist du tiefsten Herzens empört, Bäume nicht auf, verfuch's nicht mit Streit, Berühr es nicht, überlaß es der Zeit. Am ersten Tag wirst du feige dich schelten. Am zweiten läßt du dein Schweigen schon gelten, Am dritten hast du's überwunden, Alles ist wichtig nur auf Stunden, Aerger ist Zehrer und Lebensvergifter, Zeit ist Balsam und Friedensstifter. Bismarck. Von Robert Hohlbaum. Als Junker aufgewachsen, Student in Göttingen, dann Gutsherr, der „tolle Bismarck" genannt, ließ er damals noch nicht die künftige Größe ahnen. Das Jahr 1848 bestärkt« seinen Widerstand gegen die Auswüchse der Herrschaft des „souveränen" Volkes und der Demokratie. Als Gesandter am Frankfurter Bundestag, wo alle deutschen Regierungen ihre Vertreter hatten, lernte er den Jammer der deutschen Uneinigkeit kennen, namentlich aber die stete Rivalität zwischen Preußen und Oesterreich, den Kampf der beiden Großmächte um den Vorrang in Deutschland. Hier wurde er überzeugter Preuße und Gegner Oesterreichs, das kurz vorher Preußen in der Zusammenkunft von Olmlltz eine schwere diplomatische Niederlage bereitet hatte. In Rußland und Paris studierte er das diplomatische Handwerk, und endlich kam er an den Platz, an dem er seine Lebensaufgabe ausführen sollte, er wurde preußischer Außenminister. Wir haben es des öfteren in der Geschichte erlebt, daß Diplomaten und Militärs in schärfsten Gegensatz traten. Im Preußen dieser Tage dienten Bismarck, Moltke und Roon der Erstarkung des Staates, und waren, bis auf geringfügige Gegensätze, im großen Ziele einig. Bismarck war damals Preuße und nichts als Preuße. Sein nationales Bild war wesentlich enger als das des Freiherrn vom Stein etwa, der fünfzig Jahre vorher schon das schöne weite Wort gesprochen hatte: „Ich kenne nur ein Vaterland, das heißt Deutschland." Und dem Preußen und Oesterreich nichts waren als Mittel, durch die er seinen für seine Zeit zu großen Traum verwirklichen wollte. Der Freiherr vom Stein war ein Jdealpolitiker, dessen unschätzbares Verdienst es ist, ein bis auf unsere Tage wirksames Ideal aufgestellt zu haben. Bismarck aber hatte nur den Ehrgeiz, praktisch das Mögliche zu schaffen, kein Zwischenglied der Entwicklung auszulassen und das zu erreichen, was für seine Zeit möglich war. Noch ein großer Unterschied bestand zwischen den beiden Staats- männern: Der Freiherr vom Stein war ein konservativer Revolutionär, kein Jakobiner freilich, zu dem ihn der Liberalismus stempeln wollte, aber doch ein freier Reichsritter, der niemanden über sich erkannte als den Kaiser. Die Fürsten und Dynastien waren ihm ziemlich gleichgültig. Bismarck dagegen war überzeugter Monarchist, der seinen Herrn in Wilhelm dem Ersten erkannte, der aber auch jede Dynastie, sofern ihr Untergang nicht unbedingt zur Stärkung und Vollendung des preußischen Zieles nötig war, schont« und rücksichtsvoll behandelte. Es ist bekannt, welche unschätzbaren Vorzüge Wilhelm besaß. Er hatte von seinem Vater die gerade kluge Nüchternheit geerbt, aber er verband diese mit einer sicheren Witterung für das Große, er besaß die Größe, die nur wenige Fürsten haben: Jene Größe, die in ihrer Umgebung Genies erträgt und sich ihrem Rate fügt So ist er selbst groß geworden und ein Held unseres Volkes. Er hat Bismarck gegen die öffentliche Meinung, man kann schon sagen gegen das ganze Volk, gehalten. Erst der große Erfolg des Jahres 1866, der Sieg gegen Oesterreich, durch den die Vorherrschaft in Deutschland endgültig für Preußen entschieden wurde, lieh die Meinung des Volkes sich völlig wenden, und Bismarck begann allmählich nicht nur eine inter= national geachtete Größe, sondern auch ein im breiteren eigenen Volk geliebter Mann zu werden. Er freilich hat die trüben Zeiten der Berken- nung nie ganz vergessen. Als ihm ein Freund beim siegreichen Einzug durchs Brandenburger Tor nach dem Siege über Oesterreich Gluck wünschte, sagte er: „Wenn Königgrätz anders ausgegangen wäre, hatten mich die Fischweiber mit dem nassen Fetzen aus der Stadt gejagt Durch diese harte Schule wurde er der wahrhaft große Staatsmann, der nie daran dachte, ob er sich beliebt mache, sondern nur daran, Deutschland groß und frei zu machen. Denn dieser Vorkämpfer eines starken und mächtigeren Preußen hatte allmählich sich em größeres Ziel gefetzt, e t n einiges Deutschland zu schaffen. Es war nicht leicht für Bismarck, in allem feinen »um Äiel« führenden Willen durchzusetzen. Im Kampf um die Herrschaft in Deutschland hatte es nicht an gutem Willen gefehlt, ihn unblutig auszutragen sowohl auf Hohenzollernscher Seite als auch auf Seite Franz Josefs. S,e schreckten vor einem Bruderkriege zurück, in dem Bismarck die einzig^ Möglichkeit der Lösung dieser Frage erkannt batte. — . .. Aber er ruhte nicht aus auf den errungenen Lorbeeren er und die militärischen Berater wußten, daß der große Kamps erst bevorstehe. An dem Sieg von 1870/71 hat Bismarck seinen redlichen Teil. Das, woran es in der Zeit vor dem Weltkrieg so furchtbar fehlte, die glanzende diplomatische Vorbereitung, das hat Bismarck m reichstem Maße ge(eiftet gront- reich blieb allein und - was allgemein überraschte - rt* beuj* n Staaten, mit Ausnahme des ausgeschlossenen Oesterreich, zogen m.t m d n Kamps. Wir, denen Bismarck schon zum Mythus, zu, einem übern» schen Geist geworden ist zu einem Helden neben Armin, Luther u f ) dem Großen vergessen nur zu oft, daß er nicht nur H-ld sondern auch ein Meisterdiplomat gewesen ist, der einen so geriebenen Fuchs, wie Napoleon lll. überlistete. Im Frieden mit Oesterreich hatte er all Jemen (J in stütz gegen den König und die Miliärs aufgeboten, d>e begreiflicherweise diesen Sieg ausnützen wollten, um Oesterreich auf all« Art zu schonen und sich so dessen Neutralität im großen Kriege gegen Frankreich und das spätere Bündnis zu sichern. Dieses zweite Reich der Deutschen, das Bismarck schuf, war freilich, bas wissen wir alle, notwendiger Uebergang und nicht letztes Ziel. Es schloß nicht nur die österreichischen Deutschen aus und muhte sie ausschliehen nach dem Stand der Dinge, sondern der Staat Bismarcks war auch noch weit entfernt von dem Ziel der Volksgemeinschaft. Noch war Deutschland in eine Reihe von Einzelstaaten geteilt, deren Grenzen erst in unseren Tagen des neuen Deutschland fielen. Und dieses Bismarcksche Deutschland war auch noch durch Standesstolz und Kastengeist geteilt, es verstand zur Not, den Bauern mit dem Staate zu versöhnen, aber nicht den Arbeiter. Bei aller Ehrfurcht vor dem großen, herrlichen Manne muh auch fest- gestellt werden, daß er die brennende Frage des bedrohten österreichischen Deutschtums, das an die Tore des Reiches pochte und um das Brot des Verstehens bat, — das muß heute in geschichtlichem Abstande festgestellt werben, nicht hören wollte, weil sie sich mittelbar gegen sein Werk richtete, das, so groß und bedeutsam es war — ein Provisorium gewesen ist. Als er — auf eine Weise, die zu den traurigsten Geschehnissen der deutschen Geschichte zählt — zur Abdankung gezwungen wurde, verließen die Nachfolger seinen Kurs — der allein Dauer des Bismarckschen Werkes gewährleistet hätte — und beschleunigten die Geschehnisse, die zum Untergang führten. Vielleicht ist Bismarck niemandem so zum Mythus geworden, wie den Deutschen in Oesterreich. Er war jenen Schichten, die sich um den ersten Erwecker des strengen nationalen Gedankens in der Ostmark, um Schönerer, scharten, der Inbegriff alles Deutschen und Verehrungswürdigen. Aber als sie zu ihm in den Sachsenwald pilgerten, um ihm zu huldigen, da wußte er diesen Verbitterten keinen anderen Rat, als treu am angestammten Herrscherhause der Habsburger zu halten, unter deren Herrschaft eben T a a s s e und nach diesem Baden! den schärfsten antideutschen Kurs eröffnet hatten. Trotzdem blieb uns der alte Held bis zum Weltkriege der Inbegriff des großen Deutschland, zu dem die deutsch- bewußten Oesterreicher ihre Sehnsucht trieb. Wir haben heute Abstand gegen das Bismarcksche Werk gewonnen, wir wissen, daß es nur ein Uebergang war, aber ein notwendiger lieber» gang. Eine Station auf dem Wege des deutschen Volkes, die passiert werden mußte. Denn über dem Wege deutschen Staatswerdens liegt eine ungeheure Folgerichtigkeit, die Trost und Stütze gibt. Und alle, auch die schwersten Schicksalsschläge, wie die Schlacht bei Jena, der Bruderkrieg von 1866, der Weltkrieg und feine Folgen, sie alle sind, wie Goethe Im „Faust" sagt, nur „Teile jener Kraft, die stets das Böse will unb doch das Gute schafft". Ohne 1806 kein Erwachen des Jahres 1813, ohne Königgrätz kein zweites Reich, ohne Versailles kein 1933, kein Werden ber Volksgemeinschaft. So wird, wenn auch Bismarcks Werk sterblich und wandelbar war, doch feine Kraft und fein Name unvergänglich fein. Der Acker im Grund. Erzählung von den Banaler Schwaben. Von Otto A l f ch e r. Der Bauer langte als Erster am Ende ber Weizentafel an. Noch dreimal holte er mit der Sense weit aus, mit seufzendem Aechzen sanken die letzten Aehren, bann stand er am Graben vor bem Karrenweg. Der Bauer wischte sich den Schweiß von der Stirne, dann stellte er die Sense auf und griff nach dem Wetzstein. Ader für heute war ja ber Schnitt zu Ende, zu Mittag begann der Drusch, da hatte es keinen Zweck mehr, die Sense zu schärfen. Er schulterte sie und trat auf den Feldweg hinaus. Und wieder zog es ihn der Senke zu, obwohl er längst wußte, was er dort zu fehen bekam. Da unten, wo einst ihre Melonenfelder gewesen, war nun Wiese. Sauere Wiese, in ber Schilf und Binsen wuchsen, denn die Entwässerungsgräben, mit denen der Vater und er die Felder im Grund zu solch hoher Kultur gebracht, waren verstopft und verschlammt, denn bem Valeanu war es nicht eingefallen, sie rein zu halten. Und nicht einmal aemäht hatte er dieses Jahr, Düngerhaufen lagen zwischen dem hohen Riedgras — Stalldünger aus saueren Wiesen, statt Kalk! Bei der Bodenreform hatte man dem Vater ungesetzlich mehr als ein Drittel aller Felder enteignet. Für ihn und den Bruder waren nur je vierzig Joch geblieben. Sie waren doch noch mittlere Bauern, aber feine zwei Buben werden nur mehr Kleinbauern fein. Die zwei Mädel konnten aber kein Feld als Aussteuer mitbekommen. Hinter ihm, über die Felder, kommt bas Puffen des Motors, das Rattern der Dreschmaschine. Und er steht da unb sinniert! Der Bauer wendet sich jäh und schreitet zurück. Sie binden noch die letzten Garben und stellen sie zu Kreuzstößen auf. Er schaut nach der Sonne. „Wannr sertich seid, fummts zum Druschplatz — s is glei Mittach! ruft er Sen Frauen zu. Man sagt, der Valeanu will alles verkaufen und in die Stadt ziehn. Seine Söhne sind ja, als Rumänen, Herren geworden, sitzen in Aemtern und keinem fällt es ein, Bauer zu werden. Der Vater und er, wie stolz waren sie gewesen auf den Acker im Grund Einst fumpfiges Weideland, hatte er, wie er es auf der Land- wirts chaftsschule gelernt, die Gräben angelegt — in trockenen Jahren brauchte er nur das Grundwasier zu stauen und die Felder brachten immer den reichsten Ertrag. Das hatte auch den Agronomen bestimmt, ihnen gerade dieses Stück 'Land wegzunehmen. Unb jetzt, weil ber Acker qani verborben war, will ihn der Valeanu wieder los werden! Nein, er tauft die Felder nicht, die nicht! Verschandelt sind sie jetzt, wie ein Mensch, den man durch allen Schmutz gezogen hat. Und mit dem kann man nicht mehr gut Freund werden... Wie der Bauer beim Druschplatz ankam, zog er die Brauen zusammen unb machte ein finsteres Gesicht. Steht bork ber Valeanu und läßt sich ben Weizen burch bie Finger rinnen, ber aus der Dreschmaschine kommt Nun wendet er sich und sagt zum Bauern: „Gwiß siebzehn Meter werd Ihr sechse per Joch, Nachher Baldauf." „Wenns suszehn sm, bin ich zusnedel gibt dieser zuruck. Lleber das Wesen der Angst. Von Professor Dr. Alfred Hoche. In seinem bei I. F. Lehmanns Verlag. München, unter dem Titel „Aus der Werkstatt" erschienenen Aufsatzband behandelt der bekannte Freiburger Psychiater u. a. auch die Frage der Angstzustände. Die Angst nimmt im psychischen Mechanismus eine besondere Stellung ein; die ihr gegenüber gewöhnlich beliebten psychologischen Erklärungsversuche sind mit Vorsicht hinzunehmen. Es ist sicherlich nicht richtig, daß Kranke mit Delirium tremens nur darum ängstlich sind, weil sie sich vor dem, was sie halluzinieren, fürchten oder entsetzen. Die Angst ist hierbei jedenfalls ein den Sinnestäuschungen gleichstehendes und eng mit ihnen verkuppeltes Symptom in ähnlicher Weife, wie dies für das gegenseitige Verhältnis von Sinnestäuschungen und entsprechend gerichteten Wahnideen gilt. Die Angst steht als selbständiges Elementarsymptom neben anderen. Aus krankhaften, wenn auch ihrem Wesen nach unbekannten inneren Gründen (Veränderungen des Gehirnzustandes) erwächst das Gefühl der Angst, die als vollwertiger und volle Realität besitzender subjektiver Zustand bewußt wird und nach dem allgemeinen Grundsatz der psychischen Projektion in der Regel, wenn auch nicht immer sogleich, auf irgend etwas bezogen wird. In gleicher Weise, wie dies für den Unterschied von Sinneswahrnehmungen und Sinnestäuschungen gilt, wird die Verantwortlich: Dr. Hans Thyxiot. - Druck und Verlag: Vrühl'sche Univerf itäts-Duch- und Steindluckerei, R. Lange, Gieben- ^wölsi vielleicht kann ich aa kriege", meint wieder der Rumäne. '„Vom Acker im Grund? ..." zweifelt der Bauer. "Raa, dort Han ich nur Kuckurutz gefetzt . Sinter nun die obere Fel, der.,. Macht alles verkaufe, wies steht. — Zwanzigtausend fürs Joch >s mt ,^So^vi'el kriegt Ihr nit, Valeanu. Der Acker im Grund is ja heint nur ^,gfyr könnt ihn fchun kaufe, Nachher. Ihr wißt, was mit die Felder au mache is", sagt lauernd der Rumäne. . ,,3rt; will ckon dem Acker nix mehr wisse!' gibt der Bauer barsch ^Zter Valeanu zuckt die Achseln und geht, denn vom Dorf her kommt ^^^Aushalte° Mittach is!" ruft der Bauer, dann geht er zum Wagen, holt eine Korbflasche herunter, nimmt einen Becher und teder der herantretenden Schnitter und Schnitterinnen bekommt seinen Schluck Schnaps. Der Bauer saß zwischen den anderen, aber er war heute sehr wortkarg Als Erster war er mit dem Essen fetig, stand auf und ging Ausschau hallen, wieviele Kreuzstöße noch auf dem Felde standen. Dai sah er vom Dorfe her eilig ein Mädchen kommen. Es war em Geschwisterkind. Er ging der Kleinen entgegen. ..... • ro_i ,,Vetter Hans, Ihr sollt glei hemkumme. Die 'Bäuerin schickt rm. Bet ihr is es so weit." „Habts die Hebamm gholt?" „Am Herweg Hann ichs ihr gsaat." _ . Ich kumm glei nach." Er ging zum Druschplatz zurück und gab eimge Anordnungen für den Nachyiittag. Dann machte er sich auf den Heimweg. Grad in der Schnittzeit muh die Wawi wieder ins Bett kumme Werd ihr selber arch gnug sin... Und, wenns wieder a BiA werd? 42 Joch unter drei verteile? Nit mool a halbe Session for een. Wenn mer aa den Peter zum Studiere gibt, Kleinbaure bleibe die anere do. Herrgott, sell is die gröschte Not, wenn der Bauer Kinder kriegt un er hat kee Platz for fte! Der Bauer kommt ins Dorf. Wie er am Gemeindehaus vorbeigeht, tritt der Valeanu heraus. Der Bauer bemerkt das bekümmerte Gesicht des anderen und bleibt unwillkürlich stehen. „ „Wenn ich jetzt nit 50 000 abzahl, verkauft mir die Bank alles , gesteht der Valeanu. „Alsdann so stehts! Schulde aa noch auf dem Grund. „Von was hät ich die Buwe zu Herrn mache könne? Auf 200 000 is es ausglaufe bei der Dank. Wenn ich noomol so viel krieg, schlag ich °^Der° Bauer schaut die Straße hinaus. „Bis 350 000 könnt ich ringehe." „Fürs Haus aa?" . ~ „ , Für alles. Achtzehn Joch Feld, s Haus und drei Joch Garteland. „Zahlt Ihr baar?" , , , 150 000 for Euch uffn Disch. Mit der Bank mach ich selwer ab. ,'llnb die Fechsung? ..." lauert der Rumäne. „Die könnt Ihr Euch hole." . „Abgemacht! Kummt, der Notär is noo da, mache nur glei den 23ertrao// „Jetzt? ..zögert der Bauer. Doch dann fällt ihm wieder der kom- mende Erbe ein. ,^Alsdann gut! Awer gschwind muß es gehe." Eine halbe Stunde später tritt der Bauer in sein Haus. Die Mutter Gantnerin leert gerade einen Kübel Wasser in den Hof. „Es is fchun vorüwer. A Bub js wieder", sagt sie. Der Bauer tritt zum Bett. „Mars schwer, Wawi?" fragt er. „For mich nit. Freilich, sei Gwicht hat der Bub." „Na ja, wenn mer aa zwanzig Joch Feld uff sich warte find, kann mer sich schun uffblase", scherzt der Bauer. Die Wöchnerin macht ein fragendes Gesicht. Der Bauer aber tritt zum Fußende des Bettes, wo leicht zugedeckt der Neugeborene in die Tuchent eingebettet liegt. Er betrachtet das krebsrote Etwas. Dabei sagt er: „Na, bis den Pflugsterz führe kanscht, is der Acker im Grund aa wieder auf gleich." • „Den hascht kauft. Mußt viel zahle?" , Der Bauer richtet sich wieder auf. „Sell hat nix zu faga , meint er gleichmütig, „Geld is for uns Saure kee Brot nit, nur Feld is Brot for uns." physiologische und dfe pathologische Angst nur durch den Umstand des vorhandenen, zureichenden, oder fehlenden, oder ungenügenden Anlasses unterschieden. Anlaß in diesem Sinne können auch Vorstellungen abgeben (- B durch abendliche Lektüre erzeugte Gespensterangst bei Geistesgesunden). Gerade dieses Beispiel zeigt im übrigen, daß bei lebhafter Angst auch Geistesgesunder ebenso wie in krankhaften Zuständen die Wahrscheinlichkeit ignoriert wird, und die vernünftige Einsicht vor dem Affekt die Waffen streckt. Die leichtesten Grade der Angst, die für das Studium derselben am dankbarsten sind, finden wir bei psychopathisch disponierten Persönlichkeiten als außerordentlich häufige Erscheinung. Objektlose oder in wech- selnder Weise auf dies ober jenes bezogene, ängstlich beklommene Süm- munqen find dabei nicht selten abhängig vom Barometerstand, Tageszeit (Dämmerung), Windrichtung (Föhn), auch von Himmelsbedeckung, Land- schäft (Meer, Hochgebirge); zum Teil handelt es sich dabei um Person- lichkeiten, die überhaupt leichte periodische Schwankungen nach der depres- siven Seite aufweisen. Solche Kranke kennen häufig ihren eigenen Angst- tnpus selber ganz genau und vermeiden wenn möglich, etwa auf Reisen, in die erfahrungsgemäß die Singst auslösende Situation zu kommen, oder wenigstens in ihr nicht allein zu sein. Sie sprechen in der ruhigen Zwischenzeit von ihrer Angst wie etwa andere Patienten von ihrer Migräne. Diese leichteste Form der Angst tritt auch in allerhand Verkleidungen auf, z. B. in Gestalt von Sehnsucht, Heimweh, Ratlosigkeit, schwer zu beschreiben- dem Gefühl von Fremdsein, „Anderssein", auch Heißhunger. Eine besam dere, in manchen psychopathischen Familien erbliche, Form der Angst- verkleidung sind die Ahnungen, die gelegentlich so häufig auftreten, bag sie ab und zu auch einmal eintreffen, manchmal zur paradox roirtenben Befriedigung der von ihrer Umgebung wegen der Ahnungen verspotteten Patienten. Es sind Persönlichkeiten, für die das Goethesche Wort gilt: Du bebst vor Allem, was nicht trifft". Schopenhauer beschreibt von sich selber den subjektiven Zustand dieser vorahnenden Erwartung, bie ihn bei jedem Klopsen an der Tür fürchten ließ: „Jetzt kommt es . Unter Umstünden ist bei solchen Menschen bas Angsthaben ein Dauerzustand, bei dem nur das Objekt wechselt, in ähnlicher Weise, wie uns im Traume eine atmungbehindernde Körperstellung eine Angstsituation nach der anderen erleben läßt. Von die en leichtesten Graden führen nun quantitative Steigerungen bis zu den höchsten Zuständen der Angst, die, wenn sie anfallsweife und- mit Aushebung der Besonnenheit auftreten, auch als „Angstraptus bezeichnet werden. , . ...... c, . Die körperlichen Wirkungen der Angst treten am durchsichtigsten hervor bei der rein psychischen (beispielshalber durch objektiv zureichende Anlässe) erzeugten Angst. Ich brauche dabei auf die populär gewordenen Erscheinungen des Zitterns, der Blässe, der Pulsbeschleunigung, des Schwächegefühls, der heiseren Stimme nicht näher einzugehen. Diagnostisch, wichtig kann die Pupillenerweiterung fein. Schwitzen finden wir ain häufigsten (unter Umständen in kolossalem Grade) bei der Angst bet' Alkoholisten... Theoretisch bedeutsam ist das Verhältnis der Angst zur Atmung Die höchsten Grade der körperlich bedingten Angst bei Geistes- qefunben finden wir ja gerade bei Bronchialasthma, bei Coronarskleros« des Herzens, und wir haben dabei Anlaß zu der Annahme daß bie Ueberladung des Blutes mit Kohlensäure bie Haupterzeugerin ber Angst ift; aber ihre Rolle babei ist keineswegs tlargeftellt. Wir sehen, daß einerseits nicht jede mechanische Behinderung der Atmung Angst zu erzeugen braucht ebensowenig wie eine tatsächlich starke Ueberladung des Blutes mit Kohlensäure, wie z. B. in den Endstadien der Lungenphthise. In» ganzen wird bie Atmung bei seelisch bebingter Angst flacher, wenn auch, häufig mit einer befonberen Disposition zu periodisch auftretender Vertiefung (Seufzen), die keineswegs immer eine Erleichterung des Angstgefühls zu bringen pflegt. Im ganzen hat man bei psychisch bedingter Angst doch den Eindruck, daß die Atmung trotz ihrer Frequenz ungenügend bleibt. Mir ist bei zahlreichen Hinrichtungen, denen ich beigeroobnH habe immer bie eigentümliche fahle Blässe ber Delinquenten aufgefallen, also unter Umständen, unter denen bei körperlich und geistig geiunöeni Menschen mit experimenteller Reinheit die höchsten Grade der Todesangst hervorgerufen werden. . "Bekannt ist bie populäre Meinung, baß hohe Grabe ber Angst em rasches ober selbst plötzliches Ergrauen ber Haare herbeifuhren können. Wenn dies richtig wäre, müßten wir bei den schweren und schwerste« Zuständen von Anast sehr viel häufiger dieses Phänomen beobachten. Was nun bie Wirkung ber Angst im psychischen Mechanismus an- betrifft, so gilt für sie, wie für alle Affekte, daß sie eine auswahlend- Wirkung auf das Seelenleben ausübt und die gleichgefärbten ober parallel gehenben Vorstellungen anzieht und um sich konzentriert. Man fiel)« babei diesen Vorgang sich nicht selten vor den Slugen des Arztes abspie-en indem eine ursprünglich objektlose Angst allmählich mit Vorstellungsinha« gefüllt wirb, manchmal in sehr durchsichtiger Weise in Gestalt einer regel’ inäßigen Tageskurve, so baß beispielshalber morgens ein ruhiger Zustaiu mit Krankheitseinsicht vorhanden ist, während gegen den Abend bk« Angstasfekt anfteigt und gleichzeitig ängstliche Wahnvorstellungen deui- lich werden. ..- Den größten Einfluß übt die Angst auf die Besonnenheit aus, die au£ bei Willensstärken und intellektuell hochstehenden Personen unter dein Einfluß höherer Grade der Angst vollkommen verschwinden kann. Bekannn ist bie motorische Unruhe aller ängstlich erregten Kranken, die, für ba. Bewußtsein des Patienten, durch bie körperlichen Sensationen ber Singb quantitativ gefördert wirb. Ich habe babei weniger die häufigeren Lokow fationen des Angstgefühls (Herzgegend, Bauch. Hals, Kovf, sehr viel !«M- ner Schienbeine) im Auge, als bie unbestimmten Empfindungen in ben Extremitäten, die zu fortwährendem Lagewechsel oder auch zum Umber laufen Nesteln usw. treiben. Schon an der Haltung kann man bei einem Gang über eine psychiatrische Abteilung oft die Angstkranken erkennen, die wie auf dem Sprunge, am äußersten Rande des Bettes liegen ober schon halb draußen sind... ‘