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März_____________ Kummer 20 Die Hochzeitskuh Roman einer jungen Liebe von Aosef Magnus Wehner Copyright 1928 b y Georg Müller Verlag A.-G., München (Fortsetzung.) Diese Vorsicht war gar nicht nötig. Kaum hatte Friedrich am nächsten Sonntag von Bertolbs Vater nur ein Wort vom zweiten Lehrer gehört, b- bot er nach einer geschickten Fragestellung Birge selbst an, baß sie mit dem jungen Herrn hinaufgehe unb Orbnung schaffe. Dann ruckte er (einen Hut, empfahl sich unb stieg ben Berg hinaus, wahrenb Vater unb Ito nach Birge spähten. Plötzlich kam sie. Sie hörte ihren Namen rufen mb kam langsam auf Bertolbs Kater zu. Sie hatte ihr Kopftuch zuruck- »ischlagen. Als sie vor bem alten Herrn stanb, würbe ihr feines Gesicht fr feuerrot, baß sogar bas gelbe Haar zu brennen schien. Otto suhlte ihre fanb in ber seinen zittern unb sah, baß Birge überaus schön war, von dm Fesseln bis zu ben fein geschwungenen Brauen. Sie schlug ihre Augen voll auf, als sie hörte, was man von ihr verlange, unb sagte zu, als sie erfuhr, ihr Vater habe es, erlaubt. Auch bie Ueberraschung bes bäuerlichen Hausherrn gelang. Er über- jib Bertolbs Vater sofort bie Schlüssel zu bem Zimmer bes jungen Leh- nrs, unb fo fliegen bie brei bie bunkle Stiege hinauf. Oben angekommen, Mpfahl sich ber alte Herr unter bem Vorwanb, er müsse mit bem Bauern wch über bie Miete sprechen, Otto möge nur anorbnen, wohin er bie hnterbunten Sachen gebracht haben wolle, Birge würbe ihm unzweifel- Ikft gehorchen. Das Mäbchen sah mit ängstlichem unb oerrounbertem Wck bie Tür zugehen, machte sich aber an bie Arbeit. Schon hatte sie bas Mt gerichtet unb Kissen unb Decke geglättet, ohne baß Otto ein bebem tmbes Wort gesprochen hatte Er schlenberte im Zimmer herum unb zog .plötzlich seine Brieftasche heraus, in ber ein Bilb Bertolbs lag. Er öffnete f. unb richtete es fo ein, baß bas Bübchen oben auf ben Haufen Um trbnung fiel, bas Gesicht nach unten. Birge brehte bem Verschwörer ir bie,em Augenblick gerabe ben Rücken zu. Darauf stellte sich Otto in te Fensternische unb wartete, was nun komme. Birge roanbte sich unb Mllte bas nächste Stück — es war ein geblümtes Tuch — ergreifen. Sie sah bas Bübchen nicht sofort liegen. Erst als sie bas Tuch in schnel- |(m Eifer an ihre Brust gezogen hatte, sah sie es bie schräge Bahn (jnunterflimmern. Sie bückte sich unb hob es auf. H Da hätte niemand sagen können, wessen Herz ,etzt am heftigsten hing. Otto sah, baß Birge ben Abgebübdten sofort erkannte. Ihre Hanb nnk blitzschnell herab, als halte sie eine glühenbe Kohle 'unb wolle sie tlien lassen. Diese Bewegung war rührenb genug, um Otto zu über« mqen, baß Birge noch an Bertolb hänge. Nun aber geschah etwas feunberbares. Dieselbe Hanb, bie bas Bübchen hatte wegwerfen wollen, gmq ebenso schnell roieber zurück unb näherte sich ber Tasche Birge hatte offenbar bie Absicht, einen Diebstahl zu begehen. Sie mochte denken, baß ginge, bie so unerwartet erschienen, mit vollem Recht auch geheimms- Mll verschwinden bürfen. Aber ba warf sie wie 4>in ungelernter Dieb |d»neU noch einen Blick auf Otto, ob er nichts von aliebem gesehen habe. Tiefer Blick war ihr Verhängnis. Sie sah in bie blauen Augen Ottos, | Ibisse sorschenben, unwillkommenen Augen, unb schämte sich furchtbar, baß st- ertappt war. Unb nun kam biefer blonbe Gast auch noch auf sie zu unb fragte st,einhellig, was sie ba in ber Hanb habe. Birge versuchte zu lügen, alner ihre Gebauten verwirrten sich, es fiel ihr burchous nichts Brauchbares ein. Da nahm Otto ihre Hanb unb wollte sie langsam aufbrücken. Airge hatte ihre Finger um bas Bübchen gerollt unb wehrte sich. Was ging ben frechen Menschen ihr Funb an? Da ließ Otto bie Hanb los unb sagte gleichmütig: „Wenn Sie es durchaus behalten wollen, so schenke ich es Ihnen. Ich weiß auch so, nie mein Bertolb aussieht" Da enblich konnte auch Birge reben. Sie warf ben Kops zuruck, stolz, b inahe hockmütig unb sprach — unb bas war eine ausgemachte Lüge: „Scfi will Ihnen Ihren Bertolb nicht nehmen. Da haben Sie ihn roieber." Unb sie reichte Otto, inbem sie zum Fenster hinaussah, bas Bübchen bn. Er bemühte sich nicht im mindesten, es ihr abzunehmen. So stanb st eine grausame Weile, bas Bübchen in ber Hand, bann legte sie es, oi.ne ein Wort zu sagen, sorgsam auf bie Kante bes Tisches. Kaum hatte si sich aber seiner entledigt da fuhr sie roie ber Blitz herum und rief C:to zu: „Was wollen Sie hier? Sie sind ja gar kein Lehrer!" Iebt war sie im Recht. Sie ahnte, daß man sie fangen wolle, ia sie durchschaute sofort bas ganze Gewebe, bas bie beiben Männer, ber alte m e ber junge, um sie spinnen wollten, unb nun war sie nicht mehr zu fangen. Otto war bestürzt. Mit mühsamem Gleichmut nahm er bas verhängnisvolle Bübchen unb betrachtete es, als solle es ihm einen guten Gedanken einhauchen. Unb plötzlich tat er bas Beste unb Einfachste: er sagte bie Wahrheit. Währenb Birge nur noch langsam Stück für Stück aufräumte, erfuhr sie, wie es Bertolb gehe. Sie würbe blaß wie ber Tob, als Otto schwor, fein Freunb habe nie etwas mit Anna gehabt. Dann brach sie los, nicht [aut unb heftig wie anbere Mäbchen, fonbern so leise unb keusch, als wolle sie roeber Erregung noch Wunden zeigen. Sie klagte zitternd ben Liebsten an, er habe eine anbere geküßt. Er habe sich dis heute noch nicht gerechtfertigt, unb sie glaube auch nicht, baß er bas könne; benn bas Bilb, auf bem er mit Anna am Walbranb stehe, könne er nicht aus ber Welt schassen. Das konnte auch Otto nicht. Aber er stritt tapfer für feinen Freunb; er erzählte, wae ihm Birge bebeute, unb baß er ihretwegen nach ber Prüfung in die Kolonien gehen werde, um in ber Frembe unb Weite Vergessen zu finben. Er sprach so gut und feurig, baß Birge fchon begann ihn mit Scherzen zu unterbrechen, Bertold habe sich einen tüchtigen Werber gesucht. Als er aber geendet hatte, schüttelte sie dennoch ben Kops. Sie hatte zu viel gelitten, um in einer kurzen Stunbe bas Unglaubliche zu glauben. Das verstanb Otto, unb er gab ihr in allem recht. Schließlich sagte er: „Wir wollen es gut sein lassen, Birge. Aber eins müssen Sie mir versprechen: Schreiben Sie mir öfter, wie es Ihnen geht, unb ich werbe Ihnen, wenn Sie wollen, über Bertolb schreiben. Ich will Sie nicht Hals über Kops zusammenbinben. Sie müssen sich langsam roieber Zusammenleben. Nur bas eine muß ich wissen: ob ich nicht umsonst hierher gekommen bin?" Da setzte sich Birge auf ben Ranb bes Bettes. Sie sah nachbenklich in ihre Schürze hinunter unb sprach bann langsam: „Nein, Sie finb nicht umsonst gekommen Ich verspreche auch, Ihnen zu schreiben, roie es mir geht. Es wird nicht viel sein, was ich ba zu schreiben habe, unb ich will auch nicht, baß Bertolb baoon erfährt. Er könnte sonst glauben, ich schreibe um seinetwillen. Das soll nicht sein. Er muß ganz von selbst kommen, unb wenn ich ihm je roieber schreibe, bann nur, wenn er zuerst roieber gekommen ist. Sie sollen ihm auch nicht erzählen, baß Sie hier gewesen finb Unb dann hören Sie eins: Unser Nachbar ist gestorben; ec- ist drüben keine Frau im Hause. Wer weiß, was ich ba tun muß... Jedenfalls will ich drüben helfen, es ist nur ein Söhn ba. Unb bann muß ich bei meinem Vater bleiben; er braucht mich. Sie bürfen sich aber nicht wundern, wenn Sie recht wenig Briefe von mir bekommen. Und wenn ich einmal gar nicht mehr schreibe, dann wissen Sie, daß Sie auch Bertold nie mehr von mir zu erzählen brauchen. Denn bann bin ich nicht mehr zu Hause. Wer weiß, was ich noch tun muß . " Das war bas Enbe der Unterredung. Mit verlorenem Ausdruck stand Birge auf und öffnete die Fenster. Otto bot ihr mit bescheidenen Worten nochmals Bertolds Bild an. Sie nahm es nicht, weil es zu früh fei, und weil es nicht von ihm selbst komme. Dann gab sie dem Studenten die Hand und ging schnell fort, ohne dem alten Herrn noch zu begegnen. Auf dem Wege zum Berghof stritten die heftigsten Gefühle in ihr. Sie war einmal zornig, daß sie überhaupt mit Otto gesprochen hatte. Sie sagte sich, sie habe sich überlisten lassen. Dann aber tat es ihr leid, daß sie das Bildchen nicht genommen habe, und sie ertappte sich dabei, roie sie Bertolds Züge im Geiste nachmalte. Das Bildchen geisterte überall im Frühlingslicht ... Sie war in diesem Kampf sogar froh, daß ihr Hans ein Stück heimlich entgegenkam. Der gute Bursche stand in einem Hafelbusch und schaute sie freundlich an. Mil wehem Herzen gab sie ihm die Hand und winkte ihm, zu schweigen. Hans zog die Zweige wieder über sein Gesicht und sah der Davoneilenden verwundert und glücklich nach. Otto war mit dem Ergebnis seiner Reise nicht unzufrieden. Zwischen Bertold und Birge war nun wieder die unsichtbare Brücke geschlagen, auf der bie ©ebanfengeifter bei Tag und Nacht hin und wieder eilen konnten. Unb wenn auch Bertolb nichts von dieser Geisterbrücke erfuhr, so wußte Birge um so mehr davon. Sie mußte jedenfalls jetit immer an Bertold denken, so oft sie an die Briefe dachte, die sie Otto versprochen hatte. Der Freund -roeifelte nicht bomn. daß das Machen bald wieder einen bunten Schleier um ben Geliebten weben werbe, fo daH er ihr nicht völlig fremd sein werde, wenn er wieder zu ihr käme. Der gute Junge ahnte nicht, wie schwer er sich getäuscht habe. Für Bertold war - jene Brücke vorläufig nur eine Seufzerbrücke. Seine Schwermut war stärker als seine Tapferkeit. Und nun trat zu allem Ueberfluß ein Ereignis ein, das ihn noch weiter von Birge fori- rih, als ein oberflächlicher Beobachter hätte vermuten können. Anna hatte ihm aus dem Krankenhaus schon dreimal Botschaft geschickt, und er war nicht hingegangen. Er konnte sich nicht wieder der Verzweiflung eines Mädchens gusliefern, das er nicht liebte, und er war noch zu jung, um Anna zu beruhigen und sie leise wieder dem Leben zuzuführen, einem Leben ohne ihn. Er sah nur ein Entweder-Oder. Entweder er besuchte die sich an ihn klammernde Kranke, dann mußte er sie anerkennen und schließlich heiraten, oder er ging nicht zu ihr und überließ sie ihrem Schicksal. Mit schwerem Ernst fällte er die Entscheidung. Doppelt bitter war es ihm, daß er Anna jetzt verstoße, ohne zu wissen, ob er je wieder den Weg zu Birge finde. Er bereute, daß er damals nicht einfach an Friedrich vorbeigegangen war und mit Birge um jeden Preis gesprochen hatte. Dann hätte er doch jetzt wenigstens Klarheit gehabt. Seine Unruhe wuchs von Tag zu Tag. Er teilte alles seinen Freunden mit, und diesmal war es Otto, der ihm riet, Anna zu besuchen; er dürfe die Aermste nicht allein liegen lassen. Er wartete dann noch einen Tag und schellte endlich mit klopfendem Herzen an der Tür des Krankenhauses. Als das Tor aufging, prallte er, von einer düsteren Ahnung angeweht, zurück. Die Lorbeerbäume, die zu beiden Seiten der Marmorstufen bis zur großen Glastür hinaufstanden, rochen nach Tod... Er sah schnell Otto, der ihn begleitet hatte, in die Augen, aber der Freund wandte sich ab. Die Psörtnerin, eine blasse Schwester, zuckte die Achseln, als er sagte, er wolle Anna besuchen. Sie rotes ihn schließlich zur Oberschwester. Er traf die hochgewachsene Frau, die Mutter des Hauses, auf dem Gang. Als er Annas Namen nannte, fah sie ihn streng und durchdringend an. Es würgte ihn im Halse, er stand da wie ein armer Sünder, dem die Hinrichtung verkündet wird. Dann kam von fernher ein Sturm in seine Ohren. Nur undeutlich hörte er die klare, nonnenhafte Stimme der Oberschwester: „Anna ist nicht mehr hier. Sie hat das Haus in der letzten Nacht heimlich verlassen. Ihre Spur wurde noch nicht gesunden; vielleicht ist sie nicht mehr. Wehe dem, der die Verantwortung trägt" Bertold stürzte fort. Er kam erst zu sich, als er Otto erblickte, der am Eingang des Krankenhauses auf ihn wartete. Er stürzte die Nachricht auf Otto herab. Der Freund stand einen Augenblick entgeistert; Birges Bild fchoß vor feine Augen. „Anna mußte gehen, weil Birge tarn", dachte er. Dann lief er zur Oberschwester, um Näheres zu erfahren. Er hörte, die Polizei fei verständigt, nach auswärts fei telephoniert worden, man habe aber noch nicht die geringste Meldung über die Entflohene. Bertold, der sich vorher nicht um Anna gekümmert hatte, wäre ihr nun, da sie aus der Welt auszubrechen drohte, am liebsten auf der Stelle nachgestürzt. Aber noch war es Nacht in ihm, und er wußte nicht, wohin er sich wenden sollte. Plötzlich blickte er auf. Vor feinen Augen dehnte sich der zackige Kranz des Gebirges. Er sah ein riesiges Horn in der Ferne aufragen und erinnerte sich, daß Anna bei feinem letzten und einzigen Besuch ihn unter Tränen gebeten hatte, am ersten schönen Tage mit ihr dorthin zu gehen; sie fei mit Hott schon auf jenem Berge gewesen und das wolle sie abbüßen. Abbüßen... Bertold hob die ' Hand vor die Augen, bann deutete er gegen den violetten Berg. Otto verstand ihn. Sie holten Erich und machten eine Wanderung. Am späten Nachmittag tarnen sie oben an. Otto hatte unterwegs aus einer Alm Milch und Brot geholt. Er aß jetzt und trank mit Erich, da beide völlig erschöpft waren. Bertold war nicht fähig dazu. Er suchte mit den Augen die rissigen Gefälle der Nordwand ab. Er trat an den Rand des Felftns und blickte in die strudelnde Tiefe. Wirre Worte sprach er in die Tiefe hinunter. Die Sonne ging unter. Otto und Erich schliefen noch. Er kroch an den Rand des Felsens und sah die letzten Sonnenstrahlen verlöschen. Plötzlich schrie er auf. Er hatte gerabe unter ber Platte, auf ber er ftanb, ein Mädchenkleid erblickt. Er schnellte empor und weckte die Freunde. Sie fliegen gemeinsam hinunter und sanden Anna. Ihr Gesicht war schön. Wenig trockenes Blut war an ihren Augen. 3*)re Hände lagen lässig auf dem Stein. Sie knieten nieder. Sie entschliefen neben ihr und hörten nur die Rufe ber Tiere und bte Laute ber Nacht. Am Morgen flochten sie eine Bahre unb trugen sie in bie Stabt. Dort würbe sie nach brei Tagen begraben. Zehntes Kapitel. Feuer. Es war Tatsache, baß jetzt Birge öfter in bas verwaiste Nachbarhaus hmuberging. Es war so sehr Tatsache, baß bie Leute sie übertrieben unb schon an einer Hochzeit richteten, über bie bie Beteiligten, Hans unb Birge, noch kein öffentliches Wort verloren hatten. Was Birge in die verödeten Raume trieb, war die große Unordnung, die nach dem Tode des Herrn überall herrschte. Die Knechte unb Mägde regierten ben gutmütigen Hans nach ihrem Belieben. So wären Geschirr unb Gewand verkommen, wenn Birge nicht eingeschritten wäre. Merkwürdigerweise sand sie beim Vater volle Unterstützung. ! Friedrich sah ein, daß mit dem Tode des Nachbarn eine öde Lücke In sein Leben gerissen war. Er hatte niemand mehr, mit dem er ernstlich streiten konnte, und das war lähmend. Man hätte denken können, er werfe jetzt ein Auge auf ben Hof; er werbe ihn völlig verkommen lassen, um dou" vielleicht aufzukausen. Mit bem einfältigen Hans wäre er 3ur Not hanbelseimg geworben; ber hätte sich bei ihm als Knecht ver- btngt, nur um in Birges Nähe sein zu können. Ader bem war nicht so. Friedrichs Rachegedanken waren erloschen. Er stöberte erst mit Neugier, oann mit Lust in ben Gebäulichkeiten bes Nachbarn umher, er kehrte vom Dachboden bis zum Keller alles um, und wenn Ihm ein Stück durch bie Hünbe ging, bas Matthies oft getragen hatte, ein alter Rock ober ein Gerät, bann schüttelte er ben Kops, brummte etwas unb stellte bann alles an seinen rechten Platz zurück. Als er in Haus, Scheune unb Ställen grünblich Bescheib wußte, träumte er von nichts anberem mehr, als alle biefe Dinge in nützliche Bewegung zu setzen.. Er bachte an eine Auffrischung bes Viehbestanbes, an eine Verbesserung ber landwirtschaft- lichen Maschinen, an Saat unb Ernte. Unb plötzlich hatte er Hans einen guten Rat gegeben, unb nicht viel später schnitt er einem faulen Knecht eine Ohrfeige herunter, so aus heiterem Himmel, baß ber Getroffene vor lauter Erstaunen ben Munb aufriß, als solle jetzt ein neuer Geist in ihn fahren. Diese rounberbare Ohrfeige üerroanbelte ben ganzen Hof. Aus Faultieren würben Ameisen, bie Spinnweben flogen von ben Wänben, unb bas Vieh ließ sich voll Verwunberung striegeln unb bürsten. Jeber spürte, bah roieber ein Herr im Anzug sei, unb Friedrich selbst vernachlässigte lieber seinen eigenen Hof, um ben bes Nachbarn auf bie Höhe zu bringen. Freilich, ganz ohne Hintergebanken ging biefe Rettung nicht ab. Wenn Friebrich seine Birge so in ber Nachbarküche hantieren sah, wenn er merkte, wie Hans um sie herumstrich unb sich ein wenig vor ihm fürchtete, bann mochte er sich gern als Vater biefer beiben Kinber fühlen, bie ihm fo gehorsam waren. Es freute ihn auch, daß Birge den großen Jungen recht mütterlich behandelte, um fo härter konnte er ihn manchmal, wenn es nottat, anfahren. Wenn ihn Birge dann verteidigte, lachte der hagere Alte und rief: „Ja, nimm ihn nur unter deine Schürze, du gäbst eine gute Mutter für ihn." Manchmal aber seufzte Birge doch, wenn biefe Zeit ihr auch, verglichen mit ben verflossenen Schrecken, ruhig vorkam. So oft sie an ihr Versprechen buchte, Otto zu schreiben, rieb sie sich bie Hände und schaute ängstlich um, ob ihr niemand beim Denken zusähe. Denn ihre Gedanken kümmerten sich gar nicht um ihren neuen Berus; sie machten mit ihr, was sie wollten. Wenn sie zum Beispiel das Feuer anblies, sah sie Bertolds Gesicht in ben Flammen; paßte sie auf bie Milch auf, baß sie nicht überlaufe, fo flog ihr bas Gespräch mit Otto Wort für Wort durch ben Sinn unb plötzlich hob sich bie weiße Haut ber Milch... Der erste Brief an Otto bestand nur aus fünf Zeilen; sie schrieb, baß sie jetzt „brüben" aushelfen müsse, es gäbe viel zu tun unb sie sehe kein Ende; auch ber Vater packe mit an.. Kurz barauf erfuhr sie ben Tod Annas — nicht burch beren Verroanbte; sie hielten ben Trauerfall fo geheim, daß sie nicht einmal schwarze Kleiber anlegten. Otto teilte ihr alles mit unb versäumte nicht, Bertold in das rechte Licht zu setzen. Zugleick schrieb er an Bertolds Vater. Das waren die einzigen Menschen im Tal, bie wert waren, bie ganze Wahrheit zu hören. Die übrigen nährten sich von ben roilbeften Gerüchten, die Hott insgeheim verbreitete, und bie in seltsamem Gegensatz ftanben zu ben heuchlerisch lädjelnben Gesichtern von Annas Verwandten. Es hieß, Bertolb habe Anna in ben Tob getrieben, unb ber ahnungslose Stubent, ber gar nicht baran dachte, sich vor seiner Heimat zu rechtfertigen, wurde von allen Seiten verurteilt. Der einzige Mensch außer bem Vater unb Birge, ber nicht schlecht von ihm sprach, war Friedrich. Er sagte einmal zu Birge, nachdem er ihr bi« Neuigkeit, bie sie längst wußte, mitgeteilt hatte: „Was ein Mann werden will, darf kein Weib sein." Er meinte damit, Bertold habe recht gehandelt, daß er hart gegen Anna gewesen sei. Birge schwieg zu dieser seltsamen Anerkennung. Vielleicht hatte Friedrich in diesem Augenblick an Hott gedacht. Der Bursche gefiel ihm immer weniger. Fast täglich kam ein Brief von ihm, in dem er sich nach „seiner" Birge erkundigte. Oester als seine Studien zuliehen, kam er auch selbst über den Sonntag aus der Universitätsstadt gefahren und saß auf dem Berghof herum. Hott hatte eigentlich nur angefangen, sich in Birge zu verlieben, weil er sich vom erften Augenblick an von ihr abgedrängt sah. Sein Zorn, als er nun keineswegs als Schwiegersohn gebührend gefeiert wurde, kannte feine Grenzen. Er hatte sowohl von dem Besuch Ottos erfahren, als auch von der Hilfe, die Birge dem Haus ihres Nachbars angedeihen ließ. Er schwankte eine Zeitlang, welchen von den beiden Nebenbuhlern er nun endgültig treffen wolle. Bleich und abgezehrt hockte er zu Hause und sonn auf Rache. Manchmal in der Nacht floh er ins blinde Feld hinein, lief durch die Walder und kam erst am Morgen erschöpft nach Hause. Es trieb ihn auch in diesen Nächten immer nach Friedrichs Hause auf den Berg. Aber er drang nie weiter vor als zu einem alten Tannenbaum, der hundert Schritte vom Gehöft entfernt stand. Dori blieb er, die Augen in die Oede gebohrt. Eines Tages aber fuhr er in die Stabt zurück. Er schien einen Entschluß gefaßt zu haben. Es muß hier erzählt werben, baß Birge noch ein anderes Tier außer der Hochzeitskuh besaß, das in alle ihre Geheimnisse eingeweiht und mit der Herrin völlig eins schien. Das war eine schwarz und grau gestreifte Katze, der Birge den Namen Treue gegeben hatte. Treue schlief mit Birge in einem Bett; sie lag am Fuheckde der Decke, halb in ben Feberflaum eingerollt. Kurz nach ber Abreise Hotts wachte Birge bei halber Nacht plötzlich auf. Treue, bie Katze, knurrte unb ließ ihre Phosphorlichter gegen Birge spielen. Dann miaute sie kläglich unb begehrte hinaus. Birge fleibete sich an, oerrounbert, weil bie Katze bisher nachts immer Ruhe gegeben hatte. Das Tier brückte feinen Rücken an Birges Füße unb brängte sie flagenb bie Treppe hinab auf ben Hof. Kaum ftanb sie in ber frischen Luft, ba sah sie einen Mann aus bem Scheunentor springen. Sie erschrak im ersten Augenblick, dann duckte sie sich gleich der Katze, die mit gesträubtem Rücken den entfernten Eindringling anfauchte. Der Mann schlich im Schutze ber Dunkelheit an ber Mauer entlang und gewann durch die Deffnung des Gevierts das Freie. Er war kaum verschwunden, da dachte Birge, es müsse Bertold gewesen sein. Sie hatte eben von ihm geträumt. Plötzlich aber, als sie sich die Bewegungen des Fremden vorstellte, kam ihr blitzähnlich Hott vor die Augen. Er 'war es gewesen, und kein anderer. (Fortsetzung folgt.) 3m Tiroler Wirtshaus. Von Georg Britting. Als erster kommt der Hahn. Er kräht im Tau sein Frühsignal Beim Röhrenbrunnenwassersall — Und nicht viel später dann Orgelt die brumme Kuh Ihr dröhnendbraunes, schallendes, Von der Holzwand widerhallendes, Wiesenblumes Muh. Dann schlagen Türen auf und zu, Dann spritzt der erste Tropfen Licht Mir mitten ins Gesicht. Ich fahr empor im Nu, Tief aus der weiß und rot tarierten Polsterruh, Ties in die schwarzen Nagelfchuh. HanS. Von Karl Heinrich Waggerl. Ich habe immer ein unbehagliches Gefühl, wenn Bauern an meinen Zaun kommen, während ich im Garten arbeite. Nicht, daß ich mich meiner Arbeit schämen müßte, ich bin noch heute so gut wie jeder Knecht, das darf ich wohl sagen. Uebrigens lst es gar keine Kunst, Heu zu machen, das Gras wächst von selbst. Tomaten hingegen, Melonen und zartes Gemüse zwischen Junifrost und Oktoberschnee reifen zu lassen, davon begreift der Bauer gar nichts, in feinem Unverstand verachtet er den Gärtner. Ich muh das erwähnen, weil ich bemerkt habe, daß ich auch bei meinen Hausgenoffen ein wenig in Ansehen gekommen bin, besonders feit dem Abenteuer mit Hans. Ja, da tritt alfo der Bauer an den Zaun, er hängt sogar seine Kuh an und lehnt sich herüber und betrachtet mich nachdenklich, wie ich im Blumengarten mit bloßen Händen Erde herumschleppe, Misterde und sandige Erde und Torfmull dahin und dorthin. Der Mann bewegt abgründiae Pläne in feinem Kops, ich weiß das genau. Vielleicht hat er Brennholz auf dem Anger liegen, das schon ein wenig überständig und kernfaul ist, oder er hat ein uraltes Schaf umgebracht und ist nun unterwegs, einen Narren zu suchen, der es kauft. Eine Weile unterhalten wir uns über allerlei, was das Wetter betrifft, die Gesundheit beiderseits, aber plötzlich zieht er mich am Aermel zu sich und vertraut mir etwas an: er hat einen Rehbock zu Hause. So, sage ich, hast du einen. Meinetwegen, mich geht es nichts an. Ja, aber das Verteufelte dabei ist, daß er einen lebendigen Rehbock zu Haufe hat. Sehr zahm, und leidig, das soll heißen, gut genährt, und noch ganz klein, versteht sich. Wie klein? frage ich. So, beiläufig. Wie ein Hüthündchen. Er hat ihn auf der Weide gefunden und aufgezogen wie fein einziges Kind, aus Gutherzigkeit, die mutterlose Waise. Aber jetzt kommen die Schafe heim, es ist kein Platz im Stall. Und wenn er sich das hier so betrachtet, den Garten und das Krautzeug herum, so meint er, daß ich vielleicht den Bock dazu kaufen möchte. Gut soweit. Ich habe einmal sieben kleine Igel in meiner Schreibstube gehalten, von dem jungen Habicht gar nicht zu reden, der mir den halben Daumen von der Hand fraß. Warum sollte ich nicht einen Rehbock im Garten haben können? Das würde sich großartig machen, denke ich, so ein Rehlein zwischen meinen Blumen, und abends läge es bann wiederkäuend unter der Hollunderstaude (sambucus canadiensis). Wenn junge Damen kämen, fräße ihnen der Rehbock aus der Hand und es wäre dann nicht schwierig, etwas Passendes dazu zu sagen. Aber vielleicht mochte er gar nicht unter den Stauden liegen, sondern er fräße aus dem Hollunder und die Astern, die Gladiolen und meine kostbaren Gräser. Ich habe eine Leidenschaft für alle Arten von Gras, mein weiblicher Hausgenosse meint, das hänge mit meiner Gemütsart zusammen Gräser sind beseelte Geschöpfe, zart und doch voll Kraft, prunkend im Sommer mit den wehenden Fahnen ihrer Aehren und Rispen, verklärt noch im härtesten Frost. Aber schließlich kaufe ich den Rehbock doch. Meine beiden Hausgenossen haben sich dazu gesellt, von nun an verhandelt der Bauer gar nicht mehr mit mir. Weil nämlich die Schafe heimkommen, sagt er zur weiblichen Halste meines Gefolges, weil kein Platz im Stall ist, darum müßte er den Bock einfach abschlagen, — schlachten, erklärt der männliche Hausgenosse. Und das will ich gern zugeben, so etwas ist nicht auszudenken, ein geschlachtetes Reh. „ , . , „ _ ,r. Am Abend wird der Rehbock Hans im Garten freigelassen. Er ist ein stattliches Tier, sein brandrotes Fell leuchtet in der Sonne, unwahrscheinlich dünn sind seine Läufe und die Augen blicken wirklich so groß und mild und fromm wie bei den Dichtern geschrieben steht, — feine Lichter, erklärt der Hausgenosse. Wir lehnen am Gatter und strecken ihm Hände voll Laub und Zucker entgegen; fein Hans ist jemals mit zärtlicheren Worten herbeigelockt worden. Aber er kümmert sich gar nicht darum, plötzlich schnellt er mit zwei muhelosen Sätzen über alle Beete weg. Ich sehe mit Herzklopfen,^, was er Dorpat, daß er nämlich sogleich daran geht, den Zaun zu untersuchen. Die Haus- genoffin streift mich mit einem fragenden Blick, und ich zucke beleidigt die Schultern Das weiß der Himmel, ob alle Latten standhalten werden, mein Zaun ist mehr auf das Malerische angelegt, nicht für wilde Tiere. Allein Hans denkt offenbar nicht daran, setzt schon ouszubreche», er ist nur in allem, was er tut, behender und lebhafter als unsereins. Jetzt wendet er sich dem Gemüse zu. Gut, den Kohl soll er fressen, ich mag keinen Kohl. Ich baue ihn nur an, damit niemand denken soll, er gediehe nicht bei mir. Hans beschnuppert auch die Sträucher und rupft sich da und dort ein Blättchen, ich höre zwar, daß ein Reh nicht schnuppert sondern windet und daß es Blätter äst und nicht rupft, aber jedenfalls stößt die Hausgenossin plötzlich einen beglückten Schrei aus. Er frißt! ruft sie begeistert. Ja, das tut er wirklich. Carex plantaginea, erkläre ich bekümmert, meine fchöne grüne Schleppensegge Ach (Bott, ich, mit meiner langweiligen Botanik! Ich sollte lieber zusehen, wie niedlich Hans sei, humorvoll könnte man ihn nennen, anmutig. Er nimmt ein Büschel Gras auf, das hängt ihm wie ein grüner Schnurrbart unter der Nase. Dann schaut er um sich, lebhaft spielen seine Ohren, die Lauscher, und dabei kaut er den Bart langsam in sich hinein. Ich finde ja auch, daß er sich gut benimmt, aber schließlich habe ich es satt, mir immerfort sagen zu lassen, ich möge doch endlich ruhig stehen, und ich fei überhaupt viel zu ungeduldig und zu grob mit meiner tiefen Stimme, seht her, ich öffne einfach das Gatter und gehe auf ihn zu, jetzt soll es sich einmal zeigen, ob ich wirklich Erdgeruch an mir habe. Die Arme breite ich aus, ein friedfertiger Adam im Garten Eden, und Hans flieht nicht vor meinem zärtlichen Gebrumm, nein, er blökt nur ein wenig und streckt den Hals und dann nimmt er wirklich ein paar Körner aus meiner hohlen Hand. Das Herz stirbt mir ab vor Freude, während das geschieht, und auch vor Kummer, weil ich nichts Besseres tun kann. Nicht seinen Hals umfangen, um ihn zu liebkosen und das- glatte Haar an der Wange zu fühlen. Ich (affe es genug fein, die Tiere trauen uns doch nicht mehr. Wir riechen alle nach Schießpulver. Uebrigens ist mein Triumph ohnehin vollkommen. Er scheint ja ganz zahm zu sein, sagt der Hausgenosse. Scheint? fragt jemand zurück, aber ich will das gar nicht gehört haben. In der Nacht wird mir wieder angst, ich schleiche in die Tenne und suche ein paar leere Kisten zusammen, die will ich über meine Gräser stülpen. . Es ist schon bitter kalt, der volle Mond geht im Westen nieder, der gewaltige Herbstmond. Ich finde Hans unter den Büschen, wir rufen uns mit leisen Lauten an, und nun, im ungewissen Licht der Gestirne, sind wir uns viel vertrauter. Lange sitze ich auf einer Kiste und rede ihm zu, während er vor mir auf und ab trabt, und einmal, duldet er sogar einen Augenblick meine Hand auf dem nachtfeuchten Fell. Hans, sage ich, sei nur ruhig, wir werden das schon in Ordnung bringen, Ich verstehe dich gut, mein Bruder, dein Leben ist Flucht, du brauchst die Freiheit des Flüchtigen. Aber nun kommt der Winter, wenn der Mond wechselt, wird Schnee fallen, und du weißt noch gar nicht, was das ist, Schnee und Kälte. Sieh her, du hast dein warmes Bett im Gartenhaus, Laub und Heu genug, du bist noch ein ganz junger Bock, bleib ein paar Wochen. Halte dich an den Hafer, damit du ein wenig ein Speck unter den Pelz bekommst, das wirst du brauchen, denn der Frühling ist weit. Und das Gatter im Zaun wollen wir offen lassen, du kannst bann immer einmal kommen, in der härtesten Zeit ober im Spätwinter, wenn der Schnee brüchig wird und deine Läufe wund reibt Ja. bas verspreche ich bir, bu wirst immer eine Schüssel Körner im Gartenhaus finben unb wenn bir mein blauer Hafer schmeckt, so friß auch ben, in Gottes Namen. So rebe ich mit Hans, bentt ihr er versteht mich nicht? Laßt es gut fein, wir haben unseren Plan Inzwischen gibt es freilich noch allerlei Abenteuer Eifersucht nistet sich im Hause ein. Zunächst, meint ber Hausgenosse, müßte boch einmal ein richtiges Gehege ausgestellt werben, von einem Fachmann natürlich. Hans bekommt bies unb jenes von zarten Hänben gereicht, Rosinen unb Aepfel, unb ich höre auch, baß es unfein fei, nachts um feine Gunst zu buhlen Ein anberesmal raschelt es hinter mir, währenb ich am Schreibtisch arbeite, unb ich traue meinen Augen nicht, — ba schaut Hans burch bas Fenster unb tnabbbert an ben Nelkenstöcken. Ach bu lieber (Bott, nie> manb ist im Hause, er ist mir auf Hals unb Leben anvertraut worben, aber bas Gatter war nicht geschlossen, unb nun steht er in feiner Un- schulb braußen auf ber Straße, allen Bauernkötern preisgegeben! Ich überlege blitzschnell, bann hole ich eine Tafel Schokolabe aus bem Fach unb pirsche mich hinaus. Schokolabe ist immer ein zuverlässiges Lockmittel, bas habe ich erprobt, wenn auch nicht bei Rehböcken. Anfangs kümmert sich Hans wenig um meine flehentlichen Bitten unb Ge- bärben, er freut sich feiner Schlauheit unb läuft vor mir her bie (Baffe hinauf. Wie fall bas enben, bente ich, vielleicht muß man bem heiligen Hubertus eine Kerze geloben. Der schickt bann auch wirklich eine sin- genbe Kinberschar aus ber Schule; Hans stutzt plötzlich unb kehrt um. Ich mache bas Gatter weit auf unb ziehe ihn am Faben meiner Herzensangst in ben Garten zurück. So viel ist gewiß, ich oerbiene längst mein Brot nicht mehr. Statt auf bie Stimme meines Innern zu horchen, stecke ich hunbertmal ben Kopf burch bas Fenstergitter unb sehe boch nur, baß Hans immer un- gebärbiger wirb, je mehr er zu Kräften kommt. Seit Schnee liegt, scharrt er bie Pflanzen aus ber Erbe, unb bas ist nicht zu ertragen Eine trostlose Wilbnis, wo im Sommer Lilien blühen fallen, bie blauen Türme bes Rittersporns. Nein, es wirb Zeit. Eines Abenbs unternehme ich noch einen heim ljchen Gang ins Freie, im Borbeiftreifen löse ich ein paar Latten vom Zaun. Cs schneit in großen Flocken, bas ist bas r-ck^e Wetter, schon am frühen Margen bin ich roieber unterwegs. Ick fmhe foaleid) bie vertraute Spur im frischen Schnee, anfangs verirrt sie fick imikhen ben Häusern, aber bann entbecke ich sie bewegten Herzens auf ben Pl — gibt es denn auch dumme Postboten?", und der Vater Ich Bk Iti wie tH Verantwortlich: l)r. Hans Tbyriot. — Druck und Der lag: Brühl'sche llniverlitäts-Duch» und Steindruckeret, R. Lange, Giesten. die die lachte sein Jedoch Vater aus man's ihr losgeheult wurden erst länger, als es Segelbooten und Walfischen man der Mutter nur einen an dich. Und ob du Bella nämlich die Beine verloren tob' tld W Das Taxi hatte keine allzugroße Geschwindigkeit gehabt, das wurde dem Chauffeur von allen Augenzeugen mit größter Bereitwilligkeit bestätigt. Lerr Leo Grillinger war direkt hineingerannt. Nachdem das Getös schon vorüber war, der Donner und der Pütz und der'Riß, schlug er auf der Bahre noch einmal die Augen auf. Es war alles ganz fremd und starr, eine Mondlandschaft. In der ersten Dämmerung konnte man noch die steifen schmutzigen Häuserfronten erkennen. Eines von den vielen Gesichtern beugte sich über ihn und fragte ihn etwas. Es tat aber nicht mehr not, zu antworten. Er blickte durch das fremde Gesicht hindurch in die versteinerte Landschaft. Aber Vroni bekam noch Jahre lang ihre Post von ihm. das wußte er, als er dann endlich hgchqehoben wurde und die Augen schloß, Post von weit her. Von drunten kam immer wieder das Weiche hoch und spült« immer wieder mit kindlicher Macht und Herrlichkeit die Versteinerung hinweg. hinübergesahren war. Aber dann mußte Brief diktieren- „Lieber Vater, ich denke wieder getroffen hast? Weil meine Bella ■ ■ Droben schrieb die Mutter an Tante Vera: „Dein Zettel in dem Paket klingt ein wenig ungehalten, weil ich es immer noch durchhalte? Nein, ich lasse die Pausen nicht größer werden. Im Gegenteil, ich bitte dich, gleich wieder eins zu schicken, der blöde Postbote hat sich verplappert, obwohl ich ihm neulich eine Mark Trinkgeld gegeben habe dafür. Ich lege dir einen Zehnmarkschein bei, bitte eine Mundharmonika und ein neues Märchenbuch. Tu mir den Gefallen, vielen Dank, und laß alles andere meine Sorge sein, die Ausgabe und die Lüge. kann's mir jetzt gerade leisten, weil ich jetzt sieben Pfennige für Eier bekomme statt sechs. Und wenn sie erst lesen kann, kommt Wahrheit und Versteinerung von selber. Anna Grillinger." Bei Herrn Leo Grillinger war die Wahrheit und Versteinerung, seine Witwe es nannte, damals schon in der zweiten Woche seiner Reise gekommen. Zweimal hatte er gefühlt, daß in seinem Schicksal etwas Weiches und Himmlisches mit etwas Starrem und Versteinertem hin und her rang. Einmal, als Vroni so schrecklich losgeheult hatte am Wagenschlag, aber er hatte die himmlische Welle schnell weggetan in sich, denn er mußte auf dieser Reise seine Gedanken beisammenhalten, wenn er das Kapital für die Vergrößerung seiner Farm wirklich austreiben wollte. Und das andere Mal, als er den Fahrdamm überschritt. Allmählich wu'de es zur Sitte, daß in bestimmten Abständen die Pakete vom Later eintrafen. Die Pausen hieß, daß er über ein weites Meer mit 5a A» e® M taffi io* Sie durste dabeistehen und die blaue Uniform studieren. Einmal kam ein „Neuer" und hielt sie in ihren blauen Leinenhosen für einen Jungen. Er sagte Bubi zu ihr. Sie sagte hinterher zum Vater: „Der **** xa»m a«14^ x<»w»a ooaxaaw *• wx xav fnaiai* K ih« Aus den Karten und den Briefumschlägen stand- „Für Vroni!" Die Mutter gab ihr einen Handschlag, daß es wirklich darauf stand. Der Vater schrieb: „Ich drücke meine kleine Vroni an mein Herz, der Brief muß gleich mcct weil ich heute ein kleines Mädchen mit Streichhölzern traf, daß hieß Bella und sah genau aus wie du". Und dann die Pakete! Die Sachs mit den Paketen kam erst richtig in Schwung, nachdem das große Durcheinander gewesen war. In der ersten Woche kam nur ein Päckchen mit Zuckerwerk und einem Kletteraffen mit Räderchen, der nach fünf Minuten kaputt gegangen war. Dann kam das große Durcheinander Zuerst gab es ein sogenanntes Telegramm, Has war ein Bries, den der Postbote zu einer ganz ungewöhnlichen Zeit brachte, abends, nachdem die Hühnerschlupfe schon geschlossen waren. Dann kam Tante Vera und blieb vier Tage als eine Art Mutter da, weil die echte Mutter vier Tage lang verreisen muhte. Oh, das schwierige Einschlafen am Abend, obwohl Tante Vera viel länger am Bett saß als die Mutter und einen rolzte und kitzelte und mit Gewalt zum Lachen brachte, wenn man weinen wollte. Und dann erst, als die Mutter zurückgekommen war und alles wieder seinen ordentlichen Gang ging, trafen die richtigen Pakete vom Vater ein. Traumritt. Von Lina Staab. Lange war ich vom Bergsturz der Tage begraben, unterm Geröll der Stunden erstickt und versteint. Ich will ein Traumroß satteln. Ich will in die Sterne traben. Groß ist die Nacht und ern himmlisches Feuer scheint. Hinter mir flattert der dunkle Mantel Vergessen, brausend von allen Winden der Welt gebauscht. Zauberisch klirrt mir das Zaumzeug. Unermessen Ziehen die Straßen. Wer hat mir die Länder vertauscht? Ich weiß nicht, wohin mich die rasenden Hufe tragen. Ich locke das Echo: Noch keines der Länder war mein. So muh ich den endlosen Weg zu meinem Herzen wagen. Das Land, das ich suche, muß tief in mir selber fein. poft von weither. Erzählung von Max Mohr. In die einsame Hühnerfarm am Ende des Tales kam der Postbote nur einmal am Tag. Im Dorf drunten kam er zweimal, in der Früh und am Abend. Hier kam er nur einmal. Solange Vroni noch fo klein war, daß sie nach dem Mittagessen vollständig ausgezogen und ins Bett gelegt wurde, hatte sie dieses Ereignis nicht miterlebt. Die Sache begann erst in jener Epoche „ohne echten Schlaf", als sie nach dem Mittagessen nur noch eine Stunde lang still liegen und verdauen mußte, in den Unterkleidern, auf dem Diwan im Kinderzimmer im ersten Stock Sie horchte durch den dünnen Zwischenboden hindurch gespannt ins Wohnzimmer hinunter. Endlich kam der Postbote und redete mit den Eltern. Manchmal knarrte der alte Diwan, lbenn man sich aufsetzte, um besser zu hören Dann wurden von drunten ein paar schlimme Drohungen heraufgerufen. „Du kommst von heute ab wieder ins Bett wie ein ganz kleines Baby, wenn du nicht sofort die Augen zumachst!" Dann war es ein paar Minuten still bei den Eltern drunten, die Mutter sagte: „Ich verstehe nicht, baß du dieses Zeug noch lesen magst!" Der Vater raschelte zur Antwort mit dem Papier. Die Mutter sagte: „Ich lese jetzt viele Jahre lang keine Silbe mehr." Und Vroni konnte sich nicht beherrschen, da es sehr heilig geklungen hatte und holte sich Auskunft. „Hast du dein Papa jetzt einen Handschlag daraus gegeben, Mama?" krähte sie hinunter. „Die rechte Hand? In echt?" Aber statt der Auskunft kam wieder eine Verwarnung Sfeftem wieder, von hier weg läuft sie geradeaus dem Walde ju. Hasenfährten kreuzen sie, einmal schlüpft ein Wiesel vor nur in den Busch Still ist bet Wald, noch grün und saftig das Moos und Stauden- zeua zwilchen den Stämmen. Ich krieche durch das Unterholz, die frische ^Kälte brennt mir in den Lungen und weiter oben verliere ich die Spur im Jungwald einer Lichtung. Der Himmel bricht auf, der weite Himmel über den Wipfeln, bald wird die Sonne kommen und 6a3£)abe9im iüll/ich eine große Schüssel mit Hafer, die stelle ich in das Gartenhaus Dann nagle ich die zwei Latten verstohlen wieder fest, aber das Gatter öffne ich weit, und so soll es bleiben. hat und krank ist, brauche ich eine neue Bella. Deine getreue Tochter Vroni." Und dann kam zwei Tage später das Paket mit der neuen Bella. Im Herbst und im Winter ließ es aber wirklich nach und im darauffolgenden Sommer war es ganz schlecht. Nach dem Roller mit der Klingel war eine ewige Pause. Der Vater war über ein zweites Meer mit Segelschiffen und Walen gefahren. Endlich schickte er dann das Tamburin, das Springseil, die Federball-Garnitur, alles in einem Paket. An dem Tag, als es ankam, war die Mutter wieder einmal ein bißchen krank und mußte sich nach dem Mittagessen em wenig hm- legen. Vroni schlenderte zur Postzeit von den Huhnerstallen und Kuken- plätzen an den Zaun und stellte sich in Positur. Sie sah schon von weitem daß der Postbote etwas großes Braunes an der Lenkstange angebunden hatte. Es war der „Neue", der sie damals für einen Junge» gehalten hatte, jetzt war er schon ein alter Freund. Es war ein heißer Tag und er wischte sich umständlich den Schweiß, ehe er das Paket los- tnotete und überreichte. „Für mich?" rief Vroni. „Selbstverständlich, mein Fräulein", sagte der Postbote, „für wen ben”sas^ift von meinem Badbal", schrie sie und nahm das Paket in Empsiing. ^cht ÖOn beinern Babba", sagte der Postbote* und grinste ein überlegenes Grinsen. „Das ist von Frau Doktor studierte die Begleikadrefse, aber er kam nicht dazu, den Namen zu ent- Ziffern, die Mutter hatte die Begrüßung gehört und war die Treppe hinuntergestürzt und stand schon neben ihnen am Zaun. „Es ist nicht vom Babba", sagte Vroni enttäuscht. „Laß man sehn!" sagte die Mutter und nahm dem Postboten die Begleitadresse weg. „Natürlich ist's vom Babba!" Aetsch!" sagte Vroni zum Postboten. „Siehst du, ich hab s doch gewußt!" Und dabei sah sie gerade noch, wie die beiden Erwachsenen über ihr sich in die Augen schauten, ein seltsamer starrer Blick. „Richtig, natürlich vom Babba", sagte der Postbote. „Heute ist eine Hitze, daß ich schon gar nicht mehr lesen kann! Da werden deine Hühner bald harte Eier legen, wenn's noch heißer wird. Er schaute der Mutter noch einmal mit einem starren Blick in die Augen und I schwang sich aufs Rad. .... „Der ist wirklich dumm!" sagte Vroni und lief in die Küche, um ein Messer für die Paketschnüre zu holen. Die Mutter wartete vor dem Haus. Sie trug heute ein hellgrünes städtisches Kleid und sah wie ein fremdes Fräulein au» der Ferne aus, weil sie fönst immer in Hofen ihre Arbeit tat. Heute war alles fremd und starr. •: _ Bei einem Sonntagsfrühstück hatte sie den Eltern den Traum ihrer Nacht erzählt. „Heute nacht hab' ich geträumt, daß eine ganze große blaue Katze in euer Schlafzimmer gekommen ist. Handschlag, ganz groß und blau. Und bann habt ihr alle zwei so gemeint." Sie machte nach, wie die Eltern geweint haben. „Handschlag, daß ihr so geweint habt, ich hab' es ganz deutlich gehört." Damals hatte sie den gleichen starren Blick zwischen den Eltern aufgefangen wie heute zwischen dem Postboten und der Mutter Bald flog der Ball aufs Dach. Beim Herunterkollern blieb er in der Dachrinne hängen. Zuerst wollte sie losheulen vor Schreck. Dann beherrschte sie sich. Jetzt hatte sie etwas Interessantes für den Brief, den sie der Mutter nach dem Abendstall als Danksagung an den Vater diktieren mußte. „Ich hab gar nicht gemeint, wie er auf einmal nicht mehr runtergekommen ist. Ich hab einfach gelacht, extra. Deine getreue Vroni." wunderbares Lachen. die ganz große Zeit mit der Post setzte erst ein, als der die Reise gegangen war. Tatsächlich, es kam genau so, wie tröstend vorausgesagt hatte, als sie beim Abschied so schrecklich hatte Sie bekäm jetzt selber Post, eigene, echte Post.