GietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1955 Montag, den K Zebruar Nummer 12 Die Hochzettskuh Roman einer jungen Liebe von Aosef Magnus Wehner Copyright 1 9 2 8 b y Georg Müller Verlag A.-G Erstes Kapitel. Die Kuh. Der Vater band Bertold den Rucksack um die Schultern und sprach, indem er sich auf seinen täglichen Standort, die Fensternische gegen Kirche und Friedhof, zurückzog, zum Sohne, der hochaufgeschossen und besangen mitten in der Stube stand: „Bis hierher habe ich dir helfen können, Junge; jetzt sperren aber deine jüngeren Brüder die Schnäbel auf. Nach deinen Gymnasialzeugnissen zu schließen, bist du nicht ganz dumm, und ich traue dir zu, daß du dich gut und gern von jetzt an allein durchschlägst. In reichen Familien in der Universitätsstadt gibt es sicher noch Dümmere als dich, und bei solchen hat schon mancher Student durch Unterricht sein Brot gefunden. Mache nur zuerst bei deinen Verwandten den Mund gut auf, daß du eine anständige Zehrung fängst. Hast du Sack und Seiten voll, dann komm zurück, und ich gebe dir das Reisegeld in die Stadt. Alles andere muß sich von selbst finden." Damit dreht er ihm den Rücken zu und versenkte sich sofort mit einem Seufzer in die gewohnten Schauspiele, die Tag für Tag in den lichten Nachmittagstunden draußen vor dem Fenster heraufzogen: Von den Dächern des tiefer liegenden Dorfes stiegen in farbigen Schwaden die Taubenschwärme auf, schwebten durch den weichblauen Himmel und ergossen sich rauschend auf das breite Kirchdach. Als Bertold, der noch eine Weile in der Stube stehengeblieben war, sah, daß es hier nichts mehr zu handeln und zu fechten gab, machte er sich auf den Weg. Der Pate oben auf dem Berghof hatte geschrieben, er wolle morgen dreschen und es fehle ihm an Leuten. Das heißt, ohne daß es gesagt war: „Ihr müßt alle heraufkommen, ihr faulen Verwandten da unten im Tal. Wenn ich das bißchen Achtung vor euch nicht auf den Mist werfen soll, dann zeigt, was ihr könnt, es ist schon fast zuviel, daß ich euch schreibe." So war es wohl gemeint. Bertold aber sah schon die Garben von seiner Kraft durch die ganze Tenne fliegen. Oh, es sollte lustig werden in der brausenden Scheune, wenn der Dampfer brummte und der Dreschkasten schnarrte. Er wollte alle Mädchen auf einem Bündel in den Arm nehmen und sie über den Abgründen zappeln lassen. Die Burschen sollten vor Neid bersten, die Schönste aber, die Allerschönste sollte sich heimlich unter seinem Kusse biegen. Der hagere christliche Pate würde, gerührt über Bertolds Kraft, ganz von selbst die Schweineschinken vom Rauchgalgen herunterschneiden und den Sack damit vollstopfen, Fleischwürste über Kreuz falten und Knackwürste hineinsäen. Einen Turm auf dem Rücken, so wollte Bertold dann noch zu seiner allerchristlichsten Tante gehen, die drei Berge weiter wohnte. Sie war eine ältere Jungfrau und sehr reich. Sie würde seinen Augen nicht widerstehen können, das war klar. Zwei Säcke rechts, zwei Säcke links und den Fleischberg auf dem Rücken, würde er vor seinen Vater treten: „Gib mir nun das Reisegeld, den Winter über halte ich es schon aus." Licht blühte aus den großen Septemberwolken. Die Wälder kühl und gelb drängten an den schimmernden Fluß, die Berge standen mit gestemmten Hüsten im Hintergrund, Himmel und Erde in ihren Augen; der Wald glühte, der Fluß blitzte, sein Herz schlug. Er ging in Gedanken, die sich um die Erde wälzten, und zog den ganzen Himmel an seine Brust. Als er den schmalen Feldweg verlassen hatte — es wurde schon Abend — nahm ihn zu beiden Seiten der Landstraße eine stolze Pappelreihe auf. Sie war der Ausläufer eines mit Holundern, Kirschbäumen und alten Häusern bewachsenen Hügels, den seine Bewohner Stadt nannten. Die vom Lande wußten es freilich besser. Sie nannten die angeblichen Städter Pflasterkacker, womit eine ihrer unausrottbaren Eigenschaften, ihren Mist auf die Straße zu setzen, getroffen war, und verspotteten sie auf allen Märkten, sie hätten weiter nichts als ihre Geißen und seien rechte Hungerdärme. Nur das Amtsgericht, das mit Gefängnis und Rentamt über der Stadtmauer thronte, flößte den Bauern zuweilen einen heilsamen Schrecken ein. Bertold ging mit ähnlich gestimmtem Gefühl um den uralten Hügel München herum. Dort, in der Lateinschule, hatte er sein erstes Blut geschwitzt in Gestalt von kleinen Tropfen, die ihm der greise Mathematiklehrer aus dem Ohrläppchen zog, indem er behauptete, das sei der einzige Weg, um aus Bertold etwas herauszubekommen. Er lag nun frischverstorben unter der Erde, der rosige Alte in dem hohen schwarzen Hut. Die kreisrunde Friedhofsmauer dunkelte von der Höhe herab, und im Mittelpunkt, im Häuschen des Totengräbers, strahlte die Lampe. In einem der abwärts hängenden Gärten aber ging eine Kinderschar im Rund und fang, von den Gebüschen verdeckt, fern und heimlich: „Kreis, Kreis Kastel, Die Magd trägt Wasser, Schütt' sie's in die Blase, Verbrennt sie ihre alt schwarz Nase. Hellehietsch, hellehietsch!" Der Hügel wurde schnell finster. Die Stunde der Monddämmerung kam, die Bertold so sehr liebte. Oh, ewig auf dem weichen Grase lautlos gehen, in Abenteuer, Klüfte, mondüberbrochene Häuser! Am Fuße des Hügels lag ein See. Er blies Nebelschlangen empor und überschwemmte die Flur damit. Die Häuser, die um das Wasser herumlagen, verschwanden plötzlich wie fortgeweht, ließen aber bald hier und da ihre Lampen aufbrennen. Die Menschen, die da irgendwo um diese Lampen gingen, in einen stillen Bann verfangen, hatten Bertold viel zu erzählen. Sie sprachen und flüsterten zu ihm her, der jetzt in ihre Einsamkeit, in ihre Nachtwelt kam. „So sind wir, das taten wir, das möchten wir, du!" Ihre Worte waren Liebe, Grausen, Anbetung. Aber je weiter sich Bertold entfernte, um so leiser und unbestimmter wurden die Gesichter. Endlich ging auch der rätselhafte Farbschein der Lampen im Nebel unter und die Blitze verschwanden im Wasserrauch. Ein kleines Mädchen, das sich verspätet hatte, begegnete ihm noch. Es trieb feine Gänse vor sich her und sang, während es die Rute durch das Wasser zog: „Ah Beh Zeh, Auf dem See Schwimmt ein Reh. Wimmel wammel wuh: Das bist du." Als es den fremden Mann plötzlich vor sich erblickte, erschrak es und ging voller Furcht mit großen Augen an ihm vorbei. Der Weg wurde einsam. Bertold verließ den Talgrund und stieg in die Höhe. Bald fühlte er das Pulsen der Bäume unter sich. Sie wallten in schwarzem Glanze und warteten auf den Mond. Gewellte Bergrücken lagen öd nebeneinander. Sie quollen Bertold entgegen und sangen von der Zeit, als Flut sie berollte, Wald sie bedeckte. Sie fangen leise, doch mächtig, und erregten fein Blut. Aber dort, am Fuße des fterng(immenben Tannenwaldes, wirkte schon der Mond. Der Nebel, der über den Boden schlicht, glühte rot und dehnte sich zu langen Wolken, die größer und größer übereinanderfuhren. Rufe drangen aus diesem Gewoge, Hundert und aber Hundert, von allen Tieren, die einst hier lebendig waren. Die Langhügel gingen auf und ließen ihre Toten heraus. Bertold blieb oft stehen. Er wagte nicht, mit dem Uhu zu schreien, wenn ihm auch die Zunge im Halse brannte. Er hatte nicht gemerkt, daß er längst auf dem Grund und Boden seines Paten angekommen war. Er sah nicht die Basaltmauern, die in weiten Gevierten die Weidebezirke umzogen, roch auch nicht das brenzlige Hirtenfeuer, das vergessen aus einem Erdhügel glühte. Plötzlich blieb er erschrocken stehen. Neben dem Feuer ragte eine große braune Kuh auf. Sie stand auf einem Fleck und schaute in den Mond. Offenbar hatte sie den Heimtrieb versäumt und wollte bis morgen mit dem Fortgehen warten. Auch Bertold war schon oft in ähnlicher Lage gewesen; deshalb ging er ohne Scheu zu dem warmen mütterlichen Tier. Als die Kuh ihn e<'llckte, wallte sie ’uer" die Flli-bt ergreifen. Er sah deutlich, wie sie sich zur Seite warf; aber mitten im versuchten oben im schwärz- iertolb begann zu bend kam und sie von binden/ den zuerst an den Rahm in und den ihre an- Und einmal, als ein Gewitter sich immer näher an sie heranlagerte, an einem schwülen Sommertag oben in der Wildnis, da waren die Kühe von der Wiese in den still rauschenden Wald gegangen. Die Berge all ringsumher standen wie in Asche, die Wolken wurden immer schwärzer und niederer über den hageren Basaltspitzen. Bertold stand da und schaute und gewahrte plötzlich Birge. Sie ging im Kreise auf der Wiese, die Geißel in der Hand, und summte ein Lied. Sie schwang die Geißel immer rascher in der Finsternis, und als das Wetter losbrach, da sprang sie einen Tanz, immer im Kreise, um die Haube eines uralten Steines. „Birge, Birge!" rief er voll Angst. Sie bemerkte ihn nicht, und aus einmal hörte er sie ihre Geißel knallen. Der Regen schoß jetzt los, aber das war ihr gerade recht. Ihre Zöpfe glühten wie Feuerschlangen, sie war schön, die blonde Birge, und nein, er hatte keine Angst, er liebte ja auch das Gewitter, so lange er zurückdenken konnte. Er sprang aus dem Wald und ries ihr ins Gesicht. Als sie ihn über das nasse als er jetzt in nun, er sei in Wald jetzt so betrachten. Sie drehte sich jäh herum, lachte im selben Augenblick hell auf. Durch die Haustür, die Bertold offen gelassen hatte, blickte ihre Kuh kleinäugig und etwas schläfrig herein, indem sie sanftmütig wiederkäuend ihre großen Kiefer übereinander rieb. Es war höchste Zeit, daß sie angebunden wurde. Das taten sie nun gemeinsam. Freilich hüteten sie sich, als seien sie mit Feuer geladen, im dunklen Stall auch nur mit den Kleidern aneinander zu kommen. Ja, ihre Scheu voreinander wurde so groß, daß sich keins von ihnen entschließen konnte, zuerst die Bodentreppe zu den Schlaskammern hinaufzugehen; sie standen in glühender Verstocktheit nebeneinander, Birge die Lampe und er seinen Stock unbeweglich in der Hand. Schließlich mußten sie gemeinsam hinaufgehen, eines hüben, eins drüben. Als Birge nach Neberwindung der Treppe wieder breiteren Baden unter den Füßen fühlte, ging sie in hoher Eile aus eine alte braune Tür zu und berührte sie mir mit dem Knöchel ihrer Hand. Einen Augen- blick sah er das rote Blut durch ihre Finger schimmern. Sie wollte noch etwas sagen, etwa: „Hier kannst du schlafen, garstiger Kerl." Aber das Wort gelang ihr nur halb. Sie wickelte es in einen rasch heraufgezauberten Husten und eilte nur um so schneller mit der Lampe in einen langen Gang hinein. Ihr Haar schimmerte golden, Augen und Füße waren unsichtbar. Sie verschwand in einer Lichtwolke in ihrer Kammer und drehte den Schlüssel zweimal um. Er sand auch ohne sie sein Bett, aber nicht den Schlaf. Der flimmernde Mond lag die ganze Nacht wie Birges Kopf an irgendeiner Fensterscheibe der Stube; das Bett war sehr tief, und wollte er ein« schlafen, dann wuchsen die Ohren des Kissens groß wie die Ohren der Hochzeitskuh aus seinem Kopfe heraus. Alle drei, die Ohren, sein Mund und der Mondkopf Birges müssen aber doch irgendwann in der tiefen Nacht zusammen gekommen sein, denn am Morgen war ihm, als hätte er einen Kuß bekommen, er wußte nur nicht recht, von wem 2. Kapitel. Der Feind. Der Dampfer draußen im Hof pfiff zum zweiten Male. Sein Schrei zischte wie ein feuriges Seil durch die Nacht, über die vielen Hügel und Wälder und trieb die Helfer, die von den Nachbargehöften her im Anmarsch waren, zu höchster Eile an. Als Bertold in die Kleider taumelte, hörte er unten die Holzschuhe klappern, unterschied lachende Mädchen, rufende Männer. Widerwillig zuerst duldete er diese Eindringlinge in den warmen Schlaf, der noch rote eine Hülle um ihn lag. Dann aber wurde er froh und wollte mit allen diesen Menschen einen starken Kampftag bestehen. Sie sollten nur kommen, er wollte jedem begegnen. Er lief an den Brunnen, wusch sich und legte sich dann mit den Kleidern, die ihm der Pferdeknecht lieh, eine tapfere Arbeitstracht an. Er knöpfte ein grauseidenes Tuch, das er eigens hierfür mitgebracht hatte, um den Hals in einen Schmetterlingsknoten und rückte den breiten Strohhut abenteuerbereit in den Nacken. Als er dachte, er fei schön und bedeutend genug, lehnte er sich an den Pfosten der Küchentür, daß ihn Birge anschauen und lieben lallte (Fortfetzung folgt.) Das war also vor Jahren gewesen. Er hatte Birge seitdem nicht mehr gesehen, sie mußte setzt achtzehn sein, wie er. Und als er nun im Mond neben der Kuh wieder aus den Berghos zuschriit, spann er sich einen Faden aus dem Derjafjrten Bild nach seiner Lust weiter Bald tauchte hinter den beiden Nachbarhöfen die Wand des Berg- Hoses ans. Er horte schon den Brunnen rauschen Da blieb feine Kuh plötzlich stehen. Er klopfte ihr auf die Schulter um fie zum Weitergehen zu bewegen, aber sie rührte sich nicht von der teile, auch fein Zureden half nichts; um keinen Preis aber wäre er ebne die Kuh auf den Hos gezogen, sie hätten ihn wohl ausgelacht, daß „Aber fest", sagte er. Sie banden sie nicht sofort an. Vielmehr lief Birge Schrank, brachte einen geräumigen Topf heraus, schöpfte eine Schale, reichte ihn Bertold und sprach: „Die Milch ist von ihr." Er war frech genug zu fragen: „Von deiner Hochzeitskuh?" Birge antwortete nicht, ging aber auch nicht hinaus, um die Kuh anzubinden, sondern sie holte einen Laib Brot, schnitt ein Stück ab und strich Butter darauf. Diesmal sprach sie nichts, sondern legte bas Stück stillschweigend auf einen Teller und schaute, während er aß. zum Küchenfenster hinaus in den klaren Mond. So konnte er sie mit Muhe finrima hielt fie inne- sie hatte eigentlich nur ihren Kopf herumgeworfen, ke? Leib war in feiner Ruhe geblieben. Gleich dachte Bertold, sie habe ihn als Verwandten erkannt und wollte sich mit ihm anfreunden. Er ging /u ihr und kraulte ihr in der Grube zwischen den Hornern. Sie lieh ihren Kops herabhängen, zog ihre Brauen hoch und sprach nad) einer Zeit, während ihre Nüstern säst in der Erde verschwanden: „Denke dir, sie wollen mich schlachten I" _ , . . Darauf hob sie langsam und schwer ihr Haupt wieder aus dem Gras hob ihre Füße aus dem Boden und ging mit nickendem Kopfe auf das Bsrghaus zu, das sich, noch fern, aus der Mondbläue schalte. Es war sehr still, als sie den ersten Schritt tat. Hoch "" liehen Forst krachte in diesem Augenblick ein Baum. W „ ahnen, warum diese Tiere stumm sind. So gingen sie eine Weile auf dem weihen Weg. Plötzlich vernahm er: „Morgen ist Feiertag bei uns. Es wird gedroschen, weißt du. Da gehen wir am frühen Morgen allein in den Wald, auch der Hirt wird ja mithelfen auf dem Hof. Dort können wir dann tun, was uns gefäVt, und müssen nur sehen, daß mir uns am Abend wiedersinden. Ich glaube sicher, Birge wird uns holen. Wenn wir sie den Berg heraufkommen sehen, stellen mir uns unter die Bäume, da, wo der Wald aufhört, und brüllen ihr entgegen, eine hier, die andere da. Du mußt wissen, Birge —" Dann war wieder Schweigen. Bertold gefiel das wohl, daß sie nut dem Namen Birge aufgehört hatte. Birgel ... Das war sie, die er nie vergessen hatte, die jüngste Tochter seines Paten. Sie waren oft zusammen aus die Weide gefahren, Birge und er, er hatte mit ihren gelben Zöpfen gespielt und ihr lustige Geschichten erzählt, droben in der dunkelblauen Wildnis der Basalte. Ja, sie hatten zusammen getanzt, Hand in Hand um das Feuer, wenn der 1 " der Wiese sckied. Dann hatten sie ihre Holz- Flamme geschürt und waren über bas Gras sah, würben ihre Schritte ruhiger. Ja, zart ging fie jetzt Gras unb gab auf ihren Rock acht, ging ihm auch nach, ben Wald unter eine große Eiche sprang. Da glaubte er seinem Haus unb Recht, unb wie ber inwendig warme . „ . schwül um ihn wehte, da warf er sich an ihren Hals. Er wußte nicht, was er tat. Birge wurde bleich und drückte sich in die Rinde des Baumes Er ließ aber nicht nach, sondern zog ihre Schultern an seinen Hals und wärmte sie. Das ließ fie geschehen. Sie lagen aneinander und hörten ihre Herzen klopfen. Er sah plötzlich nichts mehr, vor Frost und Feuer. Ihr Atem drang in sein Gesicht, und nun gaben sie sich den ersten Kuß. Ihr Mund schmeckte süß wie Walderdbeeren und ihre Wangen brannten mit ben feinen zusammen. Lange glühten sie so aneinanber. Aus einmal erschrak er. Sie lösten sich voneinander. Ihm wurde hart und bitter im Mund unb schwer im Herzen beim er war es gewesen, ber zuerst bie Hand von ihr löste; warum, das begriff er nicht. Aus einmal mar nun Die Welt verändert. Sie lagen nicht mehr in einem warmen Gewölbe; der Wind schnitt ins Fleisch. Bertold erhob seine Augen und schaute aufwachend ins Wetter. Da hörte er es donnern w'd rauschen, ganz in der Nähe, als gelte es ihm allein, und als er ourch die Aeste schaute und den neuen Schnee auf den Gipfeln erblickte, da hielt es ihn nicht mehr; er ging auf die andere Seite der Eiche und heulte, bis es weit in feiner Brust wurde. Als er wieder aufschaute, verflog das Weiter Über ihm. Er nahm feinen Mut zusammen und wollte nun wie ein Herr vor ijirge treten unb zu ihr sagen: „Komm, Birge, wir müssen nun heirn- treiben. Das Gras ist naß unb eisig unb nicht gut für bas Vieh." Babel wollte er Birge nur von ber Seite anschauen. Aber wie er um ben 'Baum herumroenbete, staub Birge da, rosig unb lächelnb, unb wies tn das Dickicht: unter ben Bäumen stauben bie Kühe in lockeren Grup- gen, aber immer zwei beinanber, unb immer legte bie ältere ber jüngeren ben Hals auf ben Nacken unb wärmte sie. Sie sammelten beibe bie Tiere unb trieben fie heim er so wenig Macht habe. Er zog sie liebevoll an ben Hörnern. Sie murrte unb schaute abseits in eine Hagebuttenhecke. Da machte er es wie die Hirten: er sagte ihr ins Ohr, sie soll doch mitkommen. Wenn man einer Kuh etwas ins Ohr sagt, kann sie nicht widerstehen Sie widerstand dennoch. Er merkte an dem dumpfen Ton, der den langen Hals wie ein Knecht die Kellertreppe herauskam, daß sie etwas aus dem Herzen habe. „Weißt du", vernahm er, „Birge hat doch gewußt, auf welchem Weg du herauskommen würdest, wenn du uns wieder besuchen wolltest. Du hast es ihr lang und breit beschrieben, an jenem Abend im Stall, als ihr sozusagen Abschied voneinander nahmt. Du host es freilich vergessen. Ich stand an meinem Fleck, weil mich Birge dorthin gestellt hatte. Und sie hat mir befohlen, dir einen Gruß von ihr zu bestellen. Birge hat mir versprochen, ich werde ihre Hochzeitskuh." Nach dieser umständlichen Rede ging die Kuh, ohne Bertold noch weiter zu beachten, auf den Brunnen zu und stillte ihren Durst. Er scharrte die Schuhe aus dem Pslaster ab, um sich bemerkbar zu machen, aher die Leute waren anscheinend schon schlafen gegangen, weil es morgen vor Tag noch an die Arbeit gehen sollte. Der schwarze Dampfkessel stand im Hof, der Riemen war schon um das Rad gelegt. Er öffnete die Haustür und sah über ben Flur in bie Küche. Auf bem Herb stand eine Lampe. Aus einem Klotz an der Haustür aber saß ein Mädchen und schlief, ein Scheit lässig auf den Knien haltend. Es war Birge. Er schlich sich leise herzu, legte ihr die Hände über bie Augen unb fragte mit verhaltener Stimme: „Wer ift’s?“ Birge schrie auf, baß bie Teller flirrten, bann gab ber ewige Brunnen, ber im Eck in einen Steintrog rann, den einzigen lebendigen Laut. Birge stand langsam unter Bertolds Händen auf. Offenbar wollte sie seinen Namen nicht sagen. Das half ihr aber wenig. Er ließ plötzlich seine Hände fahren nun stand sie vor ihm, rot bis an ihr gelbes Haar. Er konnte dummen Hackklotz, der zwischen ihnen stand, natürlich nicht auf Füße stoßen. Endlich sagte sie: „Jetzt müssen wir aber bie Kühe schuhe sortgeworfen, bie Flamme geschürt unb waren über bas Gras gesaust Sie konnte saft so gut laufen wie er, boch war er stärker als sie, unb wenn er sie gefangen hatte, nahm er sie in bie Arme unb trug sie geraberoegs aus das Feuer zu, schwenkte sie über der Lohe und schnitt Räubergesichter. Aber sie hatte sich in solchen Augenblicken nie gefürchtet, sie zeigte ihm die Zähne, was nun wieder ihn nicht schreckte; nur ihre Augen, die wurden dunkler, je höher der Abend stieg, und ihre Lippen wurden röter, je mehr es rundum taute. Das war schon eher Fürchten. Oer Feuerreiter. Von Eduard Mörike. Sehet ihr am Fensterlein Dort die rote Mütze wieder? Nicht geheuer mutz es sein, Denn er geht schon aus und nieder. Und auf einmal welch Gewühle Bei der Brücke, nach dem Feld! Horch! Das Feuerglöcklein gellt Hinterm Berg, Hinterm Berg Brennt es in der Mühle! Schaut! da sprengt er wütend schier Durch das Tor, der Feuerreiter, Auf dem rippendllrren Tier, Als auf einer Feuerleiter! Querfeldein! Durch Qualm und Schwüle Rennt er schon und ist am Ort! Drüben schallt es fort und f->rl Hinterm Berg, Hinterm Berg Brennt es in der Mühle! Der so oft den roten Hahn Meilenweit von fern gerochen, Mit des heil'gen Kreuzes Span Freventlich die Glut besprochen — Wehl dir grinst vom Dachgestühle Dort der Feind im Höllenschein. Gnade Gott der Seele dein! Hinterm Berg, Hinterm Berg Rast er in der Mühle. Keine Stunde hielt es an. Bis die Mühle borst in Trümmer; Doch den kecken Reitersmann Sah man von der Stunde nimmer. Volk und Wagen im Gewühle Kehren heim von all dem Graus; Auch das Glöcklein klinget aus: Hinterm Berg, Hinterm Berg Brennt's! — Nach der Zeit ein Müller ja: . Ein Gerippe samt der Mützen Aufrecht an der Kellerwand 2(uf der beinern Mähre sitzen: Feuerreiter, wie so kühle Reitest du in deinem Grab! Husch! da fällt’s in Asche ab .uhe wohl, Ruhe wohl. Drunten in der Mühle! Oer Siebziger Kriex. Von Emil S t r a u tz. »in Jahr, ehe ich in die Kinderschule kam, brach der Siebziger Krieg Irs. Es war ein sonniger Sommertag, ich spielte mit meinen älteren trüben und mit Nachbarsbuben auf dem unserer Wohnung nahege- kgenen Bahnhof um die Güterwagen herum, als mein ältester Bruder «mfschrie: „Krieg —?", er mochte es von einem Bahnbeamten ausgeschnappt haben, „Ihr! ’s isch Krieg! Hurra!", aufsprang und in der Rich- ilug nach Hause davonstürmte, d. h. einfad) über die Schienen, den Hag mib den hohen Grasrain hinab in unsere Straße. Alle hinterdrein, ich, bri weitem der Kleinste, par ordre du moufti nur eben Geduldete, mit meinem geliebten, tiefblau und tiefrot lackierten Schubkarren weithinter- brein. Während ich ungeduldig den hohen Grasrain hinunterkrebselte, mren die andern schon unten auf der Straße, hielten jemand an: „Krieg mit den Franzosen!" und ich konnte sie wieder einholen. Sie entliefen mir wieder, und weil sie im Weiterrennen „Krieg" schrien, so schrie ich, hastig mit meinem Karren nachpolternd, halt auch „Krieg", »!> schon ich einstweilen noch gar nicht recht wußte, was das sei. Bei einem neuen Aufenthalt erreichte ich sie wieder, bann stoben sie roieber drvon, ber eine rechts, der andere links in ein Haus, meine Brüder in umfer Hoftor hinein, und waren schon nicht mehr zu sehen, während ich mit meinem Schubkarren über das Pflaster holperte und mich plagte, ifn die hohe Staffel hinaufzuziehen; das war schwer, die Stufen fielen Dorne nicht senkrecht ab, sondern wölbten einen runden Rand vor, an bim das Rad immer hängen blieb. Endlich war ich im Haus, konnte bin Schubkarren stehen lassen und rannte hin, wo ich die andern hörte. Sa saß Mutter in dem warmgoldenen Dämmerlicht ber besonnten Lein- llcmbrouleaux bei ihrer Arbeit, ich stürmte atemlos auf sie zu und schrie „Krieg!" „So? machst auch mit?" fragte sie. Natürlich wollte ich mitmachen; nein ältester Bruder aber, schon Lateiner, wußte besser Bescheid und e rlangte eine Fahne, aber gleich! Der Theodor und ber Fritz und der Sari ließen sich auch eine machen, ber Karl eine württembergische. Als Shutter die Fahnen versprochen hatte, brehten sich bie beiben großen Silben um und rannten mit ihrem „Krieg" weiter; ich wollte >h"-" nich, wurde aber im letzten Augenblick von Mutter noch am Schlafittich gepackt und zu den Worten: „Halt! dir wächst ja bas Haar durch den Strohhut!" zwischen ihre Knie gezogen. Sie zupfte mich ein wenig an dem Haarwisch, der sich durch den geplatzten Strohhut durchgedrangt hatte, und sagte: „Man könnte es auch für Stroh halten!", nahm Nähnadel und Faden und fing, den Strohhut hin und her wendend, zu nähen an, als ob’s gar keinen Krieg gäbe. Ich feh und hör es noch heute mit derselben Ungeduld, wie sie, den Fingerhut ganz steil auf» setzend, die Nadel durch das unwillig knirschende Stroh durchzwängte, immer noch einmal und immer noch einmal, während ich fragte und fragte: „Noch nicht fertig? D Mutter, mach doch!" und mich aus ihren Knien loszappeln wollte. „Geduld! Geduld, menn’s Herz auch bricht!" fügte sie, „ber Krieg läuft bir nicht bavon." Enblich war es so weit, sie setzte mir ben Hut auf, zog mir bas Gummibanb ums Kinn und schob es hinter bie Ohren, zupfte mir ben verschobenen Schurz zurecht und entlieh mid) mit einem Klaps fjintenauf. Ich hastete hinaus, spähte vor dem Hoftor die Straße hinauf und hinab, erblickte unten auf dem Platz einen Haufen Buben, und glücklich darüber, daß sie mir nicht wie schon so oft durchgebrannt waren, fußelte ich hin. Eben hatte einer sein Sacktuch an einen Stecken geknüpft und schwenkte bewundernd das zerknitterte Panier in der Sonnenluft, ein anderer stellte uns zwei und zwei in einem Zug auf, und bann ging’s stolz hinter dem Fähnchei drein und in die Stadt hinunter. Und von dieser Stunde an, dieser sonnigen Sommertagsstunde, bi-, zu einem sonnigen Nachmittag im nächsten Frühling, als Sieg und 1 Friede, Reich und Heimkehr gefeiert wurden, und ich mit der ganzen Familie nach ber Festwiese hinunterziehen durfte, auf den Turnplatz über ber Enz, wo ich an all ben alten Volksbelustigungen, wenn auch noch nicht selbst kletternb unb sacklaufen!), mich roieber neu entzückte, — von jener Stunbe bis zu biefem Abenb ist bie lange Kriegszeit in meiner Erinnerung ein einziger glorfentlingenber Tag bes Rausches, ber Entrückung, ber Hingabe, ber Entrollung unb Entfaltung bes kleinen zu einem neuen, bisher ungeahnten, sich immer roeitenben, ben ganzen Lebensbezirk als Teil sich einverleibenben Selbst Ich war vierunbeinhalb Jahr alt geworben, in großer, vielverzweigter Familie, in ber weitreichenben Nachbarschaft ber noch kleinen Stabt; als ein nicht gerabe erwünschtes, häufig hinderliches Anhängsel meiner älteren Brüder bei ben Streifereien, Hänbeln unb Streichen ber Schulbuben war ich aus meiner natürlichen Arglosigkeit schon auf» ! geweckt unb gegenüber einer unverträglichen Anbersartigkeit unb sogar Feinbseligkeit ber Menschen schon wachsam geworben, — nun — plötzlich — war bas nicht mehr nötig, plötzlich war alles anbers: ber gefährlichste Angehörige einer feinblichen Straße, der sonst von seinem doppelten Alter höhnisch auf mich herabsah, — der trat nun bei ber Begegnung freunbschcistlich zu mir, zeigte mir etwa eine Form zum Kugelschiehen, bie er im alten Eisen ober in Vaters Jagbgeräten gefunben hatte unb gegen bie Franzosen in Betrieb setzen wollte, ober lub mich gar ein, zur Linbe mitzukommen, bort werbe mit Böllern geschossen. Der bärbeißigste Alte, bie hochmütigste Fabrikantenfrau im weitgeblah- ten Krinolinenrock lächelte zutraulich im Vorüberfegeln, fragte unb erzählte; wenn einige Herren an ber Straßenecke ober vor einem Hoftor hielten unb ihre Neuigkeiten unb Hoffnungen austauschten, durfte ick) kecklick) danebentreten unb horchen, in jebem Hof oder Garten war ich willkommen, wenn ich anfing: „Wißt ihr schon?" Auf einmal war alle Welt befreundet, waren alle Menschen so, wie bas aus sich hinausgreifenbe Kind sie voraussetzte unb brauchte, zugänglich und zutraulich, teilnehmend unb mitteilsam; bas Kinb wuchs nicht mehr neben bem geheimnisvoll verschlossenen Ernste bes Lebens störenb, bemühenb auf, wie bas Untraut im Korn, es fühlte sich auf einmal mitten im reißenben Strome bazugehörig, brauchbar unb wertvoll, — nicht nur wenn es galt, Scharpie zu zupfen ober kleine irbene Schälchen mit Docht unb Unfdjlitt zu versehen, vor den Fenstern aufzureihen und anzuzünden. Ich war insofern begünstigt, als mein Vater dem Ausschuß angehörte, der auf dem Bahnhof die Einrückenden, bie burchkommenben Truppen-, Verwunbeten- und Gefangenenzüge zu verpflegen hatte, und ich noch nicht auf der Schule war. So ging ich an seiner Hand auf ben Bahnhof, oft auch allein, ftanb zwischen ben Abschiebnehmenben, beren ich manchen kannte, sah bie Züge mit ben himmelblauen Bayern einlaufen unb ben vergleichsweise trübseligen Württembergern (schwarz mit rotem Vorstoß), halb auch mit Turko unb Spahi. Dann gab mir Vater ein (Blas Bier in bie Hanb ober Brot unb Wurst ober Zigarren, unb ich trugs vorsichtig stolz in ben Wagen. Meist warb ich gepackt, emporgefd)roungen unb etwa auf eine Kanone gefetzt, bie auf bem offenen Güterwagen ftanb, ober auf ein Pferb, bas fehnsüchtig den Kopf zur Luke des Packwagens herausstreckte, ober aufs Knie eines bärtigen Solbaten, ber väterlich ben Arm um mich legte, mich nach bem Namen fragte unb mir erzählte, zu Haus habe er ein Möbel in meinem Alter, bie und ich gäben ein sauberes Pärle, auf dem Rückweg werde er mich mitnehmen, und mir zwischenhinein einen Bissen in den Mund stopfte; und seltsamerweise aß ich ohne weiteres, obschon ich sonst für katzendreckig aalt. Und fo befremdend die französischen Gefangenen waren in ihren umständlichen, bis unter die Wade hinabwogenden roten Pluderhosen, ihren langen, zurückgeschlagenen blauen Fräcken und den koketten Käppi, so unmittelbar die dunklen Afrikaner, die Zuaven und Turko erschreckten und abstießen, so abscheulich viele waren nut bem scheinbar immer gleichen Menschenfresserlachen ber wulstigen Mäuler, dem scheinbar mitleiblosen Hohn ber bunfelrollenben Augen, bem grausamen Glanz ber riesigen Gebisse, — bas Kinb ging staunenb ver- trauenb hin gab, was es in ben Hänben hatte, horte unverstanbliche freunbliche Baute unb bekam wohl gar etwas geschmkt, einen Uniform- knops ein franfenbebangenes rotes Achselstück, ein Spanerstöckchen (fast alle (Befangenen batten, nach meiner Erinnerung, zierliche Svazierstöck- chen) Es war öbnlich rote mit bem großen gelben Hunb in unferm (Sofe- ich kannte seine Gefährlichkeit, unb wenn er bös war. ging ich 'ibm aus bem Weg; war er aber brav, dann streichelte ich ibn. traute ihm den Hals unter bem fürchterlichen Rachen unb freute mich, wenn er zum Dank mit dem Schwanz wedelte. So wußte ich nun schon, daß diese Gefangenen unsere Feinde seien (und Bubenfeindschaft, Händel kannte ich ja!), ich wußte und fühlte, daß wir sie, wenn sie bös waren, totschießen mußten, wie ich bei Händeln draufschlagen mußte, wenn ich nicht verhauen werden wollte; nun aber waren sie nicht gefährlich, sondern arme Teufel, wie Vater sagte, nun war es natürlich, daß man sie fütterte wie den Hund an der Kette und den Vogel im Käfig. So war alles, auch das Fremdeste, auf eine neue, wunderbare und doch vertraute Art zugehörig, das Kind war auf einmal in der Welt ganz zu Haufe, — weil diese Welt auf einmal viel größer geworden war. Der seelische Schwung des Krieges, der mich als viereinhalbjährlgen Buben mitnahm, die Wonne des heißen Fragens, Hörens, Nichtverstehens und Erträumens, des Berichtens, des Helfens, Sichhingebens, Sichmitfreuens, Mitfürchtens, der atembedrängend süße Wirbel des Selbstlebens im selbstlosesten Mitleben, das aufwühlende Glück, zu wollen, wie man aus der fernsten Ferne des Daseins mußte, zu müssen, wie man aus dem reinsten Blutstropfen heraus wollte, ein Plüschen Willen des großen Willensgeheimnisses rundum, — dieser erleuchtende Rausch, der aus dem eigenen Blute des Kindes und aus dem geweihten Blute der Schlachten aufgor, erscheint mir nun in der Rückschau als die erste eigentlichste Regung religiösen Lebens. Hyazinthen. Von Theodor Storm. Fern hallt Musik; doch hier ist stille Nacht, Mit Schlummerduft anhauchen mich die Pflanzen; Ich habe immer, immer dein gedacht. Ich möchte schlafen; aber du mußt tanzen. Es hört nicht auf, es rast ohn Unterlaß; Die Kerzen brennen und die Geigen schreien. Es teilen und es schließen sich die Reihen, Und alle glühen; aber du bist blaß. Und du mußt tanzen; fremde Arme schmiegen Sich an dein Herz; o leide nicht Gewalt! Ich seh dein weißes Kleid vorüberfliegen Und deine leichte, zärtliche Gestalt. — Und süßer strömend quillt der Duft der Nacht Und träumerischer aus dem Kelch der Pflanzen. Ich habe immer, immer dein gedacht; Ich möchte schlafen; aber du mußt tanzen. Untergang der Wildschwäne. Eine Erzählung von Friedrich Schnack. Um sechs Uhr abends waren die ersten Wildschwäne auf dem Nia- garasluß heruntergekommen. Anscheinend waren sie von der scharfen Strömung erfaßt und von ihren Standplätzen fortgerissen worden. Big Sanders, der ein kleines Haus am Ufer fein Eigen nannte, mit einem Anlegeplatz für fein Motorboot, hatte die ersten Schwäne auf dem Wasser gesichtet. Sie wandten unruhig die Köpfe, das Abendlicht des Nachwintertages beglänzte Gefieder und Schnäbel. An die dreißig Schwane mochten es fein. Mißtrauisch auf die eilende Flut hinblickend, murmelte Big: He, nur nicht zu schnell, will ich meinen! Und wohin noch heute Abend? Da war es auch schon Nacht. Wie verschwimmende Flecken lagen die Schwane im Wasser und glitten rasch dahin. Andere folgten. Warnungsrufe der Vogel erschallten. Spürten sie das unheimliche Saugen des den Fallen zurasenden Wassers? Ehe Big die Tür seines Hauses öffnete, fchaute er noch einmal auf den Fluß. Ein Scheinwerfer stach in die Finsternis und beleuchtete neue Wildschwäne, die den ersten nachruderten. ~l9 M imeöer ans Ufer. Weit unten schimmerten die Lichter der Brücke. « •ln al,er folgte dem Lichtschweif, der stromaufwärts glitt. Ein kleiner Kutter machte sich, wie es Big vorkam, einen Spaß daraus, die Vogel zu blenden und zu beunruhigen. Laßt doch das!, brummte Big, Denn er war ein Vogelsreund und liebte am meisten diese großen Vögel.' Vom Vicht getroffen, tauchten nun immer neue, und mehr aus dem Dunkel. Dicht aneinandergepackt, wie von Angst zusammengedrängt, schwam- men Die Schwane auf dem Fluß herunter, und es war nicht abzusehen, wie viele ihnen noch nachtrieben, als hätten die Seen im Norden sie ° u "s a“s9efd?uttet, gleich Schaumkrausen auf Wellen. Der Kutter "ich.' durch, lieber zahllose Vogelbrüste, Hälse und Schnabel zuckte der Scheinwerferstrahl hinweg. Wunderbar sah es ÄfftV“ foUKn |ie u„» k« Winterwasser lärmen, und auch die Ruse der en Gruber. „Verrückte Vögel!" meinte jemand neben rnf*o?tesm^?ails wa£.e,n ledoch nicht irre, nur verwirrt und von den nÄ? «V s n b;es Stromes und von den Scheinwerfern in Angst > dumpfes Murmeln klangen ihre Stimmen, Trompeten,chreie X d'"ein. Dann wieder fauchten und zischten sie „Warum ffib ex ' nnä y f,r heruberkommen?" sagte der Mann neben Big. sie können nicht , antwortete der, „und wagen es nicht. Haben Angst vor dem Land. Schlecht zu Fuß. Laßt nur! Wollen sehen, was geschieht!" Jetzt näherte sich die Dampffähre aus der Richtung des Welland- kanals. Ihre Sirene tutete. Stärkere Scheinwerferaugen durchblitzten die Dunkelheit Von allen Seiten prallten nun Strahlen gegen die Schwäne, ein Kreuzfeuer von Licht. Phantastisch sah das aus, wie unter dem Licht die vielen Vögel lagen. Big gewahrte auch große Eisschollen, die die Vögel umschlossen und bedrängten. Die Klötze schoben die Geschwader dicht gegeneinander. Dennoch waren manche aus der Umklammerung herausgekommen und hatten sich auf die Schollen geschwungen. Flügelschlagend, das Gleichgewicht haltend, fuhren sie mit. Andern gelang es, aufzuflattern. Bald aber, von den Lichtern geblendet, gingen sie katschend, wie angeschossen, wieder aufs Wasser nieder. Die Unruhe unter den Vögeln wuchs. Unbestimmte Gefahr drohte ihnen. Big machte sein Boot los und steuerte gegen die Strommitte. Man muß etwas unternehmen! dachte er. Aber was — und dies auf dem großen Strom, daran dachte er zunächst nicht. „Wenn die Schwäne bis an die Fälle kommen", rief er den Leuten eines heranschwenkenden Leichters zu, „sind sie verloren!" — „Verloren!" scholl es zurück, und Bigs Fahrzeug schoß geradeaus. Er sah die unklaren Vogelgestalten auf der Flut, und wenn ein Scheinwerfer zu ihnen langte, gewahrte er furchtsam hochgereckte Hälse und glimmende, runde Augen. Er fuhr zum Wellandkanal. Möglicherweise gelang es ihm, die Schwäne in den Kanaleingang hineinzuscheuchen. Er würde Boote finden, um mit ihrer Hilfe die Schwäne aus dem Fluß abzudrängen. Aber am Wellandkanal sah er, daß die Vorhut der Vögel längst über den Eingang zum Kanal hinausgetrieben und auf dem Strom weiter- gefchwommen war. Sein Boot etwas schräg stellend und mit den Armen heftig winkend, schrie er: „Husch! Husch!" Der ungeheure Druck des Wassers schob das Geschwader vorbei. Zwar wehrten sich die Vögel gegen die Trift, es hals ihnen aber nicht viel. Sie hatten kaum Bewegungsfreiheit, so dicht waren sie gepackt. Langsam fuhr der Schisser in ihr Geschwader hinein, um die Eisschollen wegzurammen. Im Kielwasser jedoch schloß sich die geteilte Vogelmasse sogleich wieder zu einer einzigen zusammen. Aussichtslos, etwas zu tun! Was wollte er nur? Ein Natur- fchickfal in feinem Sauf aufhalten? Aber, als er zu feinem Anlegeplatz zurückfuhr, spürte er frischaufkommenden Wind. Die Natur selber schien ihren schönen Geschöpfen helfen zu wollen. Der Wind stand gegen sie. Mit trompetendem Geschrei begrüßten ihn die Schwäne. Den äußeren Tieren glückte es, auszuslattern. Ihr sausender Flügelfchlag ermunterte und verlockte die noch schwimmenden Gefährten. Der Wind wurde stärker. Die mäßigen Flieger fielen weiter oben wieder ins Wasser. Es macht nichts, meinte Big, sie können abschnittsweise ihre Rettung versuchen. Andere Schwäne aus dem Unterwasser stießen herauf, bald waren es viele, eine ganze Menge. Verzweiflungsvoll kämpften sie um ihr Leben. Big kehrte heim. Nach Stunden, ehe er sich schlafen legte, schaute er noch einmal aus dem Fenster auf den Fluß. Der Wind wehte noch kräftig, und die Schwäne flatterten noch immer auf und nieder. Sie hatten sich bereits ein großes Stück heraufgearbeitet. Gott fei Dank! Cs wäre auch zu schade um die vielen, schönen Vögel! Hauptsache, daß sie jetzt ins Userwasser finden und aus der Strömung heraus ... Die ganze Nacht kämpften die Wildschwäne um ihr Leben. Der gute Wind unterstützte ihre gewaltigen Anstrengungen, die sie von der gefährlichen Nähe der Stromschnellen und Fälle wegbrachten. Aber um vier Uhr früh, als Big noch schlief, legte sich der Wind. Die vielen hundert Schwäne fielen nun wieder in die starke Strömung und wurden erneut in das Unterwasser sortgerissen. Als der Tag graute, blickte Big wieder »ach den Schwanen aus. Der Fluß war, soweit er ihn überschauen konnte, von den Vögeln leer. Kein Schwan zu sehen. Hatten sie sich schon so weit stromauf gearbeitet und waren gerettet? Oder? ... Nein, er wagte den Gedanken nicht zu Ende zu denken. Er rannte in die Nachbarschaft in das Verlademagazin einer Eisen- fnbnt, zu telephonieren. Er rief das Kraftwerk an den Fällen an und seinen Freund Fly Gut, den lurbinenmeifter im Werk B. "Fly, heut nacht waren mehrere Hundert Schwäne auf dem Wasser", rief er in die Muschel. „Sind über die Fälle!" antwortete Fly. „Was sagst du? Fly! Entsetzlich! Die Schwäne ..." „An die dreihundert mögen schon heruntergestürzt fein", gab der Xurbinenmeifter ruhig Auskunft. Er hatte wohl schon häufiger Ünglücks- falle und Naturkatastrophen von seinem Werkfenster aus mitangesehen. „Hundertfünfzig Tote", fügte er seinem Bericht hinzu. „An den Felsen im Flußbett zerschmettert. Viele Verletzte. Man holt sie heraus. Noch immer stürzen neue herab. Und Eistrümmer dazu. Das schlügt sie tot. He, hort denn das nicht bald auf da oben mit den Vögeln?' Wieviele kommen noch? Zum Heulen ist das!" . ' fagte Big mit zitternder Stimme, gestern abend waren es an die fünfhundert ..." . . "^Ä^stls'ch hast du dich verzählt!" rief Fly und hängte ein, er mußte feine Maschinen bedienen. Beim Drehen der Kurbeln blickte er durchs Fenster auf die turmhoch herabdonnernde Flut, deren Prall das Werk- gebaude erbeben ließ Im weißen, kochenden Gischt wurden schlagende Vogellelber m den Abgrund geschleudert, sie sausten aus der Höhe. Weiße Flügel rasten im niederstürzenden Schaum und Wasserstaub, ausgerenkte, schreckhaft gebogene Schwanenhälse wirbelten in den Güss-m. Bte Soge schlugen auf, im Dampf versanken sie. Der Eishaqel deckte letzte", entsetzten Flug schossen schräg über den brüllenden Fall hinaus in den Raum. _ 5*9 bückte sich. Das blaue Licht der Betriebskontrolle zuckte auf seiner Schalttafel aus und gab ihm einen Befehl. Er wandte sich vom Fenster ab und führte ihn aus. Als er wieder aufblickte, waren die Schwäne verschwunden. Verantwortlich; Dr. Hans Thyriat. - Druck und Verlag; Vrühl'fche UniversttätS-Vuch. und Eteindruckerei. R. Lange. Gieße».