Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1955 Freitag, den II. Zannar HANS DOMINIK - EIN STIERN FIEL VOM HIMMEL COPYRIGHT 1934 BY KOEHLER » AMELA*'G G. M. B. H., LEIPZIG (Fortsetzung.) Vergeblich wandte Garrison seine ganze Beredsamkeit auf, um Bolton von diesem Entschluß abzubringen. Vergeblich versuchte er ihm klarzumachen, daß er sich durch eine solche Depesche ein für allemal die Möglichkeit verschütte, doch noch etwas von dem kostbaren Erz zu erobern. Vergeblich erklärte er wieder und immer wieder, daß allein das Geheimnis ihre Entdeckung wertvoll mache. Bolton war wie ein Stier, der das rote Tuch sieht. Durch nichts ließ er sich von seinem Entschluß abbringen, sofort eine Depesche an den Präsidenten der Vereinigten Staaten aufzusetzen. Garrison sah ein, daß es unmöglich war, diesen Starrsinn zu brechen. Während Bolton sich an den Tisch setzte und zu schreiben begann, verließ er die Kabine. Mit heißem Kopf ging er auf dem Verdeck aus und ab und sieh sich den Wind ums Gesicht wehen. Unablässig überlegte er, was der törichte Funkspruch Boltons für Folgen haben müßte War der Funkspruch einmal aus der Antenne heraus, dann konnte er, Mr. James Garriion, nur ruhig nach Pasadena zurückkehren und dort den Rest seiner Tage als mäßig bezahlter Assistent der Sternwarte verbringen.— Der Glockenschlag der Schiffsuhr riß ihn aus seinen Gedanken. Schon eine Viertelstunde sinnierte er hier auf dem Deck, schon eine Viertelstunde schmiedete unten in der Kabine Bolton an der irrsinnigen Depesche. Garrison beschloß zu handeln. Er eilte die eiserne Leiter zur drahtlosen Station hinauf. Monsieur Longin, der Funker der ,Frejus', war anwesend, und Garrison hatte eine hastige Unterredung mit ihm, wobei eine Zwanzig- pfundnote aus Garrisons Hand in diejenige von Monsieur Longin hinüberwechselte. Dann hatte der Funker die Wünsche und Besorgnisse Garrisons verstanden. Der andere amerikanische Herr durch den vorherigen Funk- spruch maßlos erregt — nervös überreizt, im Begriff, eine unüberlegte Depesche an den amerikanischen Präsidenten zu schicken — unter allen Umständen verhindern — Depesche abnehmen, aber nicht absenden — höchstens zum Schein absenden. — . Garrison stellte dem Funker für eine geschickte Ausführung des Auftrages noch eine zweite Banknote in Aussicht und machte daß er weiterkain, denn ein Zusammentreffen mit Bolton an dieier Stelle wollte er unter allen Umständen vermeiden. Er war noch nicht lange fort, als Bolton auftauchte und mit zwei Depeschen in die Funkstation trat. Monsieur Longm nahm die Bätter in Empfang und raffte sich zu einem ,Yes Sir, all right Sir, auf. . ,. . . Während er den Text studierte, wurde ihm klar, wie recht der andere Amerikaner mit seinen Vermutungen und Befürchtungen hatte. Eine Depesche an den Präsidenten der amerikanischen Union — schon eine sehr ungewöhnliche Sache — soweit er den Text zu verstehen vermochte, em aufgeregter Protest gegen Räuber und Diebe, von denen Mr. Bolton schwer geschädigt zu sein glaubte — immerhin, wäre Mr. Garrison nicht vorher bei ihm gewesen, so hätte er sie einfach an die amerikanische Kurz- wellenstation auf Nantuket-Jsland gemorst. Mochten die dortigen Funker sehen, wie sie weiter an das .Weiße Haus' in Washington expedierten aber der Text auf dem zweiten Blatt — ein Blinder mußte ja merken, daß Mr. Bolton ans Frisko übergeschnappt war — ein Funkspruch an das große Bankhaus von Barkley-Brothers in Adelaide, sofort das schnellste Flugzeug, das sie auftreiben konnten, für Mr. Boltons Rechnung zu chartern und der ,Frejus' entgegenzuschicken. . , Während er sich noch kopfschüttelnd bemühte, den vollen Sinn des englischen Textes zu erfassen, legte sich Boltons Hand schwer ans Seme Schulter. Mit kaum mißzuverstehenden Worten und Gebärden forderte ihn der Bankee auf, die beiden Funksvrüche sofort abzusenden. _ Hartnäckig wie alle Verrüekten — Irrsinnigen, darf man nicht widersprechen — dachte Monsieur Longin bei sich und begann an seiner Apparatur zu fingern. Drehte Abstimmknöpfe, schaltete hm und her, morste, lauschte, morste dann wieder. Zehn Minuten später verließ Bolton die Funkstation mit dem Bewußtsein, daß feine Depeschen an die richtigen Adressen unterwegs seien. , ... ... . . ... Etwas beruhigter kehrte er in feine Kabine zurück und zündete »ich eine Zigarre an. Drei Tage höchstens — drei Tage noch, dachte er zwischen zwei Rauchwolken, dann ist das Flugzeug hier — dann werde ich nut dielen Räubern abrechnen. — ~ .. «. ,__. Zn derselben Zeit konnte Monsieur Longm eine zweite Banknote tu Empfang nehmen. Aufmerkfam las Garrifon die beiden Depefchen Boi ons. Mißbilligend schüttelte er den Kopf bei der Lektüre der ersten. Alles hatte Bolton in feiner blinden Wut verdorben, wenn biefet Funkspruch wirklich abgegangen wäre. Nachdenklich wurde er bei der zweiten. Der Gedanke, sich ein Flugzeug kommen zu laffen, war gar nicht so übel. Zwar etwas kostspielig, aber Bolton verfügte ja über die nötigen Millionen. Man würde auf diese Weise acht bis zehn Tage sparen, würde schneller in der Lage fein, wieder in den Gang der Dinge einzugreifen. — Monsieur Longin begann auch an dem Geisteszustand Garrisons zu zweifeln, als er den Auftrag bekam, biefen Funkfpruch genau fo wie ihn Bolton aufgefetzt hatte, wirklich zu funken. Aber — was gingen ihn im Grunde die Geschäfte dieser spleenigen Uankees an. Sein Geld hatte et sicher, -und das Funken war ja schließlich sein Beruf. Gleich danach begann die Morsetaste unter feiner Hand zu klappern, und diesmal war Strom in der Antenne. * Durch ihre diplomatifchen Vertretungen gab die Reichsregierung den andern Mächten von ihrem Entschluß Kenntnis, ein Territorium in der Antarktis zu einem deutschen Schutzgebiet zu erklären. Lage und Grenzen des neuen Kolonialgebiekes waren in der Note, welche die deutschen Vertreter den Regierungen überreizten, genau angegeben. Das Schriftstück führte aus, daß das betreffende Gebiet herrenlos fei. In der Sprache des Völkerrechtes also eine ,terra nullius', ein Niemandsland, welches das Reich nehmen könne, ohne irgendwelche älteren Rechte zu verletzen. Motiviert wurde der Entfchluß endlich mit den großen wiffenfchaftlichen Jntereffen, die das Reich, bzw. das deutfche antarktische Institut in jener Gegend habe. Die erste Wirkung dieser Mitteilung in den verschiedenen auswärtigen Ministerien war derjenigen nicht unähnlich, welche der Funkspikuch an Bord der .Frejus' auslöste. Man lachte zwar nicht so laut und unverhohlen, wie die Männer in der Offiziersmesse des französischen Dampfers. Man lächelte mehr diplomatisch und zurückhaltend, aber wirklich ernst vermochte keins der fremden Aemter die Sache zu nehmen. Nach dem Weltkriege hatte man dem niedergeworfenen Deutfchland feine blühenden Kolonien unter fadenfcheinigen Gründen abgenommen. War es Prestigefucht, die das inzwifchen neu geeinte und verjüngte Reich veranlaßte, diese» unbegreiflichen Schritt zu tun? Wiffenschaftliche Jntereffen — die Begründung erschien den meisten nicht stichhaltig. Dann begann man sich an alte, säst vergessene Dinge zu erinnern. Es bestanden doch allerlei Ansprüche auf den antarktischen Kontinent, dte auf früheren Abmachungen basierten. Ausnahmslos handelte es sich habet um Fischerei-Interessen, und nur die äußersten Küstenstreifen jenes unter Eis und Schnee vergrabenen Kontinentes hatten für die betreffenden Staaten einen gewissen Wert. Keiner von ihnen hatte jemals daran gedacht, seine Ansprüche weiter auf das Innere des Landes auszudehnen. So hatte es denn mit dem Paffus der deutschen Note, daß es sich hier um ein Niemandsland handele, feine Richtigkeit. Obwohl man am Quai d'Orfay und in der Downingstreet der deutschen Unternehmung fchon aus alter Gewohnheit ganz gern Schwierigkeiten bereitet hätte, ließen sich beim besten Willen keine Gründe dafür finden. Es blieb den fremden Regierungen nichts weiter übrig, als die Besitzergreifung des bezeichneten Gebietes durch Deutfchland zur Kenntnis zu nehmen. Der Reihe nach trafen denn auch die offiziellen Anerkennungen des neuen Kolonialbesitzes in Berlin ein. Die völkerrechtliche Lage war derartig, daß eine Verfügung der An- ertennung auf die Dauer nicht möglich war. Um fo mehr zerbrach man sich in Washington, London und Paris den Kops über den wirklichen Zweck dieser neuen Kolonie. Kein Gerücht war so abenteuerlich, daß es nicht Glauben gesunden hätte. Das mindeste war, daß Deutfchland dort in der Nahe des Poles einen Startplatz für feine ersten Mondraketen anzulegen beabsichtigte. In langen pseudowiffenschaftlichen Artikeln wurde erklärt, daß nur in nächster Nähe der Erdpole ein sicherer Schuß zum Monde mög- lld) In den Reichsministerien legte man alle diese Erzeugnisse einer zügellosen Phantasie gelassen zu den Akten. Unangenehmer wurde ein Aussatz in der französischen Fachzeitschrift ,La nature* empfunden, der unter dem Titel ,Ungehobene Schätze in der Antarktis' erfchien. Ein Mineraloge von anerkanntem Ruf entwickelte darin den Gedanken, daß der antarktische Kontinent mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit gewaltige Bodenschätze enthalten müsse. Nicht nur wertvolle Metalle, sondern auch riesige Kohlen- und Erdöllager. Möglicherweise hätten die Leiter des deutschen antarktischen Institutes ergiebige Fundstellen entdeckt, und das Reich hätte sich daraufhin sofort festgesetzt. Verborgen blieb es der Oeffentlichkeit, daß täglich Stratofphärenfchifse, beladen bis an die Grenze ihi Et Tragfähigkeit, in Deutschland aufstiegen und in Höhen, in denen sie unhörbar und unsichtbar blieben, nach Süden stürmten. Keine Ahnung hatte bte Welt von dem, was diese Schisse in die Antarktis trugen und was sie aus ihr zurückbrachten. * Monsieur Longin erweiterte sein Urteil über die beiden an Bord befindlichen Amerikaner dahin, daß sie bei aller Spleenigkeit doch anständige Kerle lohten. Diese Meinung gründete sich aus mehrere größere Banknoten, die er während der nächsten Tage sowohl von Bolton, wie auch von Garrison in Empfang nehmen konnte. Bolton drückte Longin einen Zehndollarschein in die Hand, als er ihm einen chiffrierten Funkspruch aus Adelaide überbrachte. Die Laune des Amerikaners, die bis dahin unter dem Gefrierpunkt stand, wurde nach der Lektüre dieses Telegrammes zusehends besser. Garrison tätigte ein anderes Geschäft mit dem französischen Funker. Durch die Ueberlassung mehrerer Psundnoten bestimmte er ihn, täglich den Nachrichtendienst der Kurzwelle von Radio-City für ihn aufzunehmen. Dies Abkommen vertrug sich nicht ganz mit den Dienstvorschriften, aber um seiner Seligkeit hätte Monsieur Longin sich das vorteilhafte Nebengeschäft nicht entgehen lassen. Eben hatte er Garrison wieder zwei eng beschriebene Blätter auf den Tisch gelegt. „Merkwürdige Sache, Bolton. Wir scheinen Konkurrenz in der Antarktis zu bekommen". Er las dem andern den Teil der Depesche vor. Radio-City meldete, daß der durch mehrere erfolgreiche Reisen bekannte Südpolforscher Captain Andrew eine neue Expedition vorbereite. „Lassen Sie den Narren machen, was er will", knurrte Bolton dazwischen. „Bitte hören Sie weiter, Botton. Captain Andrew geht diesmal nicht auf wissenschaftliche Unternehmungen aus. Wie hier steht, vertritt er jetzt die Meinung, daß der sechste Erdteil reich an Kohlen- und Erdöllagern sei —". „Lächerlich!“ unterbrach ihn Bolton. „Und daß — hören Sie gut zu, Bolton —, daß sich dort auch Edelmetalle, speziell Gold und Silber in großen Mengen finden müßten". „Verflucht!" Der Kerl kann eine unangenehme Konkurrenz für uns werden. Andrew — der Name hat einen guten Klang in den Staaten. Es wird ihm sicher gelingen, das Geld für seine Expedition zusammenzubringen." „Damit scheint es noch zu hapern", wars Garrison ein, „in dem Funkspruch ist die Rede davon, daß die Fabrik in Albany eine Bankgarantie abwarten will, bevor sie mit dem Bau eines großen Raupenwagens für Kapitän Andrew beginnt. Eine Weile überlegte Bolton. Plötzlich kam ihm eine Idee. „Wissen Sie was, Garrison? Ich werde Captain Andrew finanzieren." Kopfschüttelnd sah ihn Garrison an. „Sie wollen die Konkurrenz unterstützen?' Bolton pfifs vor sich hin. „Dann ist es keine Konkurrenz mehr. Ich kaufe mir den Mann, und er muß tun, was ich will. Je länger ich mir die Sache überlege, desto vorteilhafter erscheint sie mir —." Bolton wax so versessen auf seine Idee, daß er sich sofort hinsetzte und ein langes Telegramm an Andrew niederschrieb. Kurze Zeit darauf konnte Monsieur Longin ein nettes Trinkgeld in seine Tasche stecken, während Bolton die Antwort las, in der Andrew seine Bereitwilligkeit aussprach, mit Mr. Bolton weiter zu verhandeln.-- Zwei Tage später begaben sich die beiden Amerikaner nach dem Essen auf bas Achterdeck der ,Fröjus', um einen kleinen Verdauungsspaziergang zu machen. In tiefem Mau dehnte sich die Südsee, nur das schwache Schlittern der Schifssschraube war hörbar. Dann schien etwas anderes sich in dies Geräusch zu mischen, etwas Fremdes, Schnelles, Tackendes. Instinktiv horchten beide aus. „Unser Flugzeug!" schrie Bolton und packte Garrison am Arm. Zusammen mit ihm lief er zum Vorderdeck, denn ihnen entgegen in der Richtung von Australien her mußte die ersehnte Maschine ja kommen. — . Sn bet blauen Ferne sahen sie einen grauen Punkt. Aus dem Punkt wurde em Flugschisf, das schnell näher und tiefer kam und nahe bei der .Fröjus' aus die glatte See niederging. Die Maschinen des Dampfers gingen lang- wwer, stoppten, schlugen rückwärts, standen still, bewegungslos lag das See- chüs. So dicht konnte bei der Windstille das Flugzeug herantreiben, daß feine Schwingen unmittelbar neben der Reling der .Frejus' lagen. Ein kurzer herzlicher Abschied von Kapitän Lemaitre und seinen Leuten. © , amerikanischer Scheck ging dabei aus Boltons Hand in die des t,nF,' ,Qns! ~ fanden sie auf der Schwinge des Flugschifses und „ w 'V"; geöffnete Tur in dessen Rumps ein. Unter dem Rusen um der französischen Matrosen rauschte der Aeroplan über die See, löste sich vom Wasser, stieg und verschwand schnell in der Ferne. Ein ver- a^ner Punkt >m endlosen Ozean blieb die ,Fresus' zurück.-- .wrechung »wischen Bolton und dem Chefpiloten der australischen an hnn. n“T f£tJ- "gab, daß das Flugschiss genügend Treibstofs d» Kurs^'n'" 6crq“em ^reichen. Unmittelbar daraus wurde gab es dor? um ä ' Frrbr QUf ®aroat gesetzt. Eine halbe Stunde Aufenthalt weiter ™ *' $ Oel nef>men- dann ging der Flug sofort nach Frisko . betam schlich zu tun, sobald Bolton im Flugickiff & it °OtV ™C EflTmnn'eit g^gen während des weiteren Fluges zwischen Bolton und Andrew hin und her. 9 . .f,8 ®t.L.u'be"/ nachdem die beiden Amerikaner die .Fröjus' verlassen hatten, Andrem ’hFr Maschme im Hafen von Frisko. Am Pier erwartete sie Captain war. — — —h ans dem Lustwege von Chicago her entgegengckommen verliefen nicht so glatt, wie Bolton es erwartete. Obwohl er sich bereit erklärte, das Unternehmen sofort und großzüaia zu ^.nanzieren, machte Andrew Schwierigkeiten, als er hörte, daßBoltoauud Garruon bte Expebition begleiten wollten. Das Gelb Boltons hätte er getn t,p t „,, s p.,, s।[ ।j , . ■ , , , dinierikaner war ihm bei ben erwünscht? 3 bi d, n' b,e " verfolgte, aus mehr als einem Grunbe un- Tagelang standen die Verhandlungen auf einem toten Punkt und wären vielleicht trotz der Millionen, die Bolton ins Feld führen konnte, gescheitert, wenn Garrison nicht vermittelnd eingegrisfen hätte. In seiner vorsichtigen Weise und ohne ein Wort zuviel zu verraten, berichtete er Captain Andrew von seinen eigenen Entdeckungen in der Antarktis und legte zum Schluß seiner Rede die Schmelzproben auf den Tisch, die er aus den seinerzeit in der Nähe der Willeschen Station gesammelten Erzbrocken geronnen hatte. Jetzt verstand Andrew, warum die beiden mit bei der Partie sein wollten. Er begriff auch, daß er seine eigenen Pläne vorläufig ausschieben müßte, wenn er Boltons Vorschlag annähme. Aus der anderen Seite verfehlten die blinkenden Metallkegel, die vor ihm lagen, ihre Witlung nicht. Allmählich unterlag er ihrer Lockung, das neue Abenteuer begai'n ihn zu reizen, Schritt um Schritt gab er den Forderungen Boltons nach. Als der Nachmittag in Dämmerung überging, setzte er feinen Namen unter einen Vertrag, der in vielen Paragraphen alle Rechte und Pflichten für die drm Tellnehmer der neuen Expedition regelte. Noch in der Nacht traf Bolton daraufhin seine Dispositionen. Bereits am folgenden Morgen bekam das Werk in Albany eine Anzahlung und begann sofort mit dem Bau des von Andrew gewünschten Raupenfahrzeuges. Unter Zuhilfenahme von Ueberstunden und Nachtschichten schritt die Arbeit schnell voran. Man durfte hoffen, schon in drei Wochen die ersten Probefahrten mit dem neuen Wagen machen zu können. — Einen Uebelstand brachte diese forcierte Arbeit freilich mit sich. Sie erregte sehr gegen den Willen Boltons die öffentliche Aufmerksamkeit. Die amerikanischen Reporter ließen es sich nicht nehmen, über alle Einzelheiten des Banes an ihre Zeitungen zu berichten, und in dem Bestreben, ihre Artikel möglichst inhaltsreich zu gestalten, teilten sie dabei auch mit, daß bet Gelbmann bes Unternehmens, Mr. Bolton aus Frisko, unb Mr. Garrison, bet bekannte Wissenschaftler aus Pasabena, bie Expedition in die Antarktis begleiten würden. Die Nachricht erschien zuerst im Chicago Heralb. Durch Runbfunk und Telegraphenagenturen fand sie schnell weite Verbreitung. Zur gleichen Zeit ungefähr, zu der ein von Bolton gecharteter Dampfer Frisko mit allem für die Expedition Erforderlichem verließ, war sie auch in deutschen Zeitungen zu lesen. * Die Amerikaner in der Antarktis. Hundert Kilometer nördlich vom Bolibenkrater stand die feste Station des deutschen antarktischen Institutes seit vier Wochen an derjenigen Stelle, welche die Reichsregierung dafür in Aussicht genommen hatte. Den Herren Wille und Schmidt war diese Verlegung ziemlich gleichgültig, weil sie jetzt, wie Schmidt sarkastisch bemerkte, ihr Gewerbe im Umherziehen betrieben. Auf kurze Aufenthalte in der festen Station folgten jedesmal längere Reisen. Die Raupenwagen bewährten sich in einer Weise, bie über jebes Lob erhaben war. Mochte braußen ber Schneesturm brausen, mochte Nebel unb roirbelnber Eisstaub jebe Sicht versperren, stets bot bas Innere dieser Fahrzeuge einen gut durchwärmten Zufluchtsort. Vor allen Unbilden eines mörderischen Klimas geschützt, konnten die Forscher hier unbehindert ihrer Arbeit obliegen. Oester als einmal holte sich Schmidt nach dem Abendessen einen Band aus dem Bücherschrank und las mit sichtlichem Behagen darin. Es war eine Beschreibung der antarktischen Expedition von Scott aus dem Jahre 1903. Unter unsäglichen Strapazen hatten die Forschungsreisenden sich damals ihren Weg durch die Eiswüste suchen müssen, hatten selbst ihre Schlitten über das Eis schleifen müssen, nachdem die letzten Hunde geschlachtet unb verzehrt waren. Ein Teil ber Mitglieber war unterwegs vor Erschöpfung gestorben. Am Enbe ihrer Kräfte erreichten bie wenigen Ueberlebenben schließlich bie Küste, mehr Gespenstern als Menschen ähnlich, als sie das rettende Schiff betraten-- Ein Gruseln lies dem langen Doktor über den Rücken, während er die Schilderung las, und unwillkürlich rückte er dabei noch näher an den elektri- scheu Ösen heran.--- Ein wohlbekanntes Geräusch riß ihn aus seiner Lektüre, das trommelnde Donnern eines Stratosphärenschiffes. Dicht neben dem Wohnwagen ließ sich ,St 11‘ auf den Schnee nieder. Unerwarteten Besuch aus Deutschland brachte das Flugschiff, außer Berkoff und Hein Eggerth auch den Ministerialdirektor Reute und den alten Professor Eggerth. Wille und Schmidt verließen ihren Wagen, um zu dem Schiff hinüber- zugehen. Nach den eintönigen Wochen in ihren Fahrzeugen bedeutete der Aufenthalt in dem großen Salon von ,St 11' für sie eine angenehme Abwechslung. Nach kurzer Begrüßung war bald ein allgemeines Gespräch im Gang, an dem sich nur Schmidt nicht beteiligte. Er saß mit zusammen- gekniffenen Lippen schweigend da. „Das lange Gerippe hat mal wieder was auf dem Herzen", flüsterte Hein Eggerth Berkoff zu. „Ich will ihm Gelegenheit geben, fein Gemüt zu erleichtern." Mit vergnügtem Gesicht zog er sich einen Stuhl zu Schmidt heran und begann sich intensiv nach dem Befinden und den Arbeiten des verehrten Herrn Ministerialrats zu erkundigen. Das war die Zündschnur an die Bombe, unb prompt explobierte Schmibt. „Sie haben mein letztes Rabiogramm unbeantwortet gelassen, Herr Eggerth", schoß es zwischen ben schmalen Lippen heraus. „Welches Rabiogramm, Herr Ministerialrat? Ich wüßte nicht-- „Meine Anfrage in Sachen Bolton unb Garrison. Wie kommen bie beiben Amerikaner, bie von Ihnen bei Neapel abgesetzt würben, als Schiffbrüchige mitten in bie Südfee? Die Frage interessiert mich außerorbentlich--ganz außerorbenklich, Herr Eggerth." . "AAch nicht, Herr Geheimrat. Ich falle auf amerikanische Enten nicht mehr rem. Mich interessiert bas hier viel mehr." Währenb ber letzten Worte zog er eine brutsche Zeitung aus ber Tasche unb hielt Dr. Schmibt eine rot angestrichene Notiz hin. Der las sie, berocate babei bie Kiefern, als ob er an einem zähen Bilsen kante, ließ bas Blatt bann sinken, während Zweifel unb Staunen sich in seinen Zügen malten. (Fortsetzung folgt.) Hausgeist. Von Friedrich Schnack. Unter der Schwelle sammelt er bleibende Ruhe, Denn er kennt mich seit langem an Schritt und Wort. Süße Gerüche bewahrt er in uralter Truhe, Vatergeräte, Stoffe und Mutterhort. Abends haust er am Herde mit glühendem Barte, Streng gebietend der Flamme, dem Element, Und sein Auge, das ernste, wächterbejahrte, Leuchtet im Mond, den er heidnische Mutter nennt. Immer ist er daheim, wenn alle auch gingen, Er behütet das Brot, die Kammer, Stiege und Stein. Gütig ist er und liebt mich in allen Dingen, Und er ist einsam wie ich und gerne allein. veber die Diele geht er aus heimlichen Sohlen, Ties und verzaubernd schimmert sein Geistergesicht: Ihm sei das Haus und meine Armut besohlen, Wenn mich vor Kummer der Schlummer zerbricht. Amalienstraße 3. Eine merkwürdige Geschichte von Waldemar Keller. Wenn man von dunklen, uns unfaßlichen Ereignissen berichtet, wird es sich meist darum handeln, das Schreckhafte eines Augenblicks wiederzugeben. In meinem Fall ist das ganz anders. Erst rückschauend betrachtet gewinnen die Dinge ein nicht alltägliches Aussehen, auch zieht sich die Entwicklung durch Monate hin, und ich werde an dieser Behauptung sesthalten, obwohl ich weiß, daß die lächelnden Opponenten, die Neunmalklügeren, eine „Entwicklung" von vornherein verneinen. Zufall, heißt es. Eine Kette von Zufällen. Aber auf solche Ausreden lasse ich mich nicht ein, und schließlich liegt dieses Stückchen Nickelstahl hier auf dem Tisch, wer will es leugnen? Von der Absendung des Briefes an bis zu dem Griff in die Westentasche befand ich mich im Zauberkreis geheimnisvoll wirkender Mächte, die ich nicht kenne, die du nicht kennst, die wir alle nur zu ahnen vermögen. Das ist meine unerschütterliche Ueberzeugung. Jenen Brief schrieb ich an einen ehemaligen Schulfreund, dessen Name mir ausfiel, als ich im Cafe eine Zeitung meiner Heimatstadt durchflog. Es stand da: Theodor Zierhaft sei, neben vielen anderen, zum Geschworenen ausgelost worden. Kein Zweifel, das war er, der „zierliche Theodor", wie wir ihn auf dem Pennal nannten, denn erstens ist dieser Name und noch dazu in dieser Zusammensetzung gewiß nicht häufig, zweitens aber war auch die Adresse angegeben: Amalienstraße 3. Mir wurde, mitten im Cafe, unter den vielen fremden Menschen, auf einmal ganz heimatlich zumute. Amalienstraße, slüsterte ich, schritt in Gedanken die Häuserfront ab, warf ein Steinchen an das Parterrefenster von Theodors Bude, in der elterlichen Wohnung, iah ihn hinter den Scheiben winken, den pausbäckigen, stups- näsigen lieben Kerl, beugte mich über die Zigarrenkiste mit den beiden Maikäfern, die er Piccolo und Piccolomini getauft hatte, erinnerte mich einer tollen durchzechten Rächt, viele Jahre später, in einer ostfriesischen Stadt, wo wir uns zufällig — wirklich zufällig? — trafen, und der Entschluß, ihm einen recht lustigen Brief zu schreiben, entsprang gewissermaßen von selbst dieser Repetition einer, ach, so weit zurückliegenden Vergangenheit. Ich foppte Theodor ein wenig, daß er nach wie vor bei den Eltern wohne, ein Mann Anfang der Vierzig, fragte nach dem Verbleib seiner derzeitigen Braut Wilhelmine und bat ihn, mich zu besuchen, mit oder ohne Kognakflasche, wenn er einmal nach Berlin komme. Dieser Brief wurde nicht beantwortet. Ein, zwei Wochen lauerte ich auf Post. Dann — nun, man pflegt in solchen Fällen zu sagen: wer nicht will, hat schon. Der Vorgang war mir völlig aus dem Gedächtnis entschwunden, als ich, fast drei Monate danach, von meinem Bruder eingeladen wurde, der in der Stadt unserer Kindheit auch heute noch ansässig ist. Ich blieb drei Tage. Am letzten Abend hatte ich bei einer befreundeten Familie gegessen und ging zeitig heim. Es war zwischen 8 und 9 Uhr, im November. Da ein unangenehmer Staubregen fiel, benutzt^ ich einen mir bezeichneten Richtweg zur Haltestelle der elektrischen Bahn, links um die Ecke und dann geradeaus; ein paar Gaslaternen standen mürrisch blinzelnd in der feuchten Nacht, ich hatte den Rockkragen hochgeschlagen, kniff die Augen ein, interessierte mich nicht im geringsten für die Umgebung und fühlte doch plötzlich mit Bestimmtheit: du gehst aus altvertrautem Pflaster. An den Häusern hinausblickend, erkannte ich die Amalienstraße. Sofort war auch die Erinnerung an Theodor Zierhaft und den unbeantworteten Brief wieder lebendig, mehr als das: es zog mich merkbar nach dem Hause Nr. 3, eine kindische Sehnsucht bemächtigte sich meiner, ein Steinchen aufzunehmen und an die Scheiben zu werfen. Ich fand kein Steinchen, lies aber trotzdem über den Fahrdamm — Piccolo und Piccolomini — da war's — und Licht in seinem Zimmer! Zwanzig Meter querab, auf der großen Verkehrsstraße, schrillten die Glocken der Bahn, rutschten die Automobile wild hupend über den spiegelnden Asphalt. Ich hörte und sah. Dennoch war mein Blick unablässig aus das erleuchtete Fenster gerichtet. Der Kerl hatte tatsächlich noch seine alte Petroleumlampe, oder woher kam sonst dieser rötliche Schein? Ich stand im Vorgarten. Dre, Finger nassen Drecks nahm ich auf, warf. . . und noch war meine Hand erhoben, da erschien bereits Theodor Zierhaft, winkte, wie er früher getan, worauf ich ohne Zaudern ins Haus stürmte. Die Steinstusen des Aufgangs zum Hochparterre glitten weg unter meinen Füßen. In den Ohren hatte ich Jahrmarktsmusik, Schmiedehämmern, durchs Gehirn zuckte — fern, ganz fern — ein wirres Fragen: hat er dich erkannt, es ist doch finster draußen, ,-id war er eigentlich aus der Tiefe des Zimmers ans Fenster gekommen, ulkig, das weißt du nicht, woher soll er aber sonst gekommen sein? Innerhalb weniger Sekunden streifte dies weit dahinten an der Grenze der Ueber- legung vorbei. Dann trat ich in die geöffnete Tür und gab Theodor ... Nein, ich gab ihm nicht die Hand. Ich faßte ihn an beiden Schultern und sagte: „Junge, ist das eine Freude!" Er lächelte, deutete auf seinen Hals, den er dick verbunden hatte, ging voran ins Zimmer und setzte sich in einen Korbstuhl. Die zweifellos heftige Gemütserregung in mir schwand unter dem Anhauch einer sonderbaren Kälte. Von der Herzlichkeit früherer Tage nichts zu spüren. Alles vollzog sich schleppend, gezwungen. Ja, sobald ich selber nicht redete, herrschte tiefes Schweigen, denn Theodor sprach kein Wort, nicht ein einziges, und war er auch stark indisponiert, was die Halsbinde und seine Geste von vorhin deutlich ins Bewußtsein riefen, so fand ich es doch"— geradeheraus gesagt: flegelhaft, daß er nicht wenigstens versuchte, einen Laut hervorzubringen. Im Stil unserer ehemaligen Feld-, Wald- und Wiesensprache bat ich mehrfach: „Mensch, grunz doch 'nen Ton!" Vergebens. Er schaute mir ganz merkwürdig ins Gesicht, und um seine sehr blassen Lippen flog schmetterlingsleicht immer wieder jenes müde Lächeln, das er schon beim Oeffnen der Tür gezeigt hatte. Mir blieb nichts weiter übrig, als von meinen eigenen Angelegenheiten zu erzählen. Diese interessierten ihn gewiß nicht, er saß apathisch da, in einem schlecht zugeschnittenen, weißblau gestreiften Schlafrock oder Bademantel, man konnte nicht recht klug daraus werden, und ließ mein Gerede Über sich plätschern. Die Situation war keineswegs angenehm. Ich dachte daran, kurzerhand Schluß zu machen, fortzugehen, aber irgendetwas hielt mich. War es das peinliche Gefühl, hereingefallen zu sein, denn offenbar hatten mächtig auswallende Jugenderinnerungen mir Beziehungen vorgegaukelt, die nicht mehr existierten, oder empfand ich Mitleid, allerdings ein sehr frostiges, nicht aus dem Herzen kommendes Mitleid mit dem kranken Menschen — das mag dahingestellt bleiben, jedenfalls klebte ich am Platz, wurde verwirrt und fuchte, hastig weiterredend, in meinen Taschen nach Zigarren ober Zigaretten. Ich weiß bestimmt, daß es so war, obwohl jeder, der meine Gewohnheiten kennt, erstaunt sein wird. Nie rauche ich außer dem Hause etwas anderes als kurze Pfeife, in der linken Hofentasche trage ich jahraus, jahrein den Tabaksbeutel, in der rechten das Etui mit Meerschaumkopf und Bernsteinspitze, und dennoch suchte ich nach Zigarren oder Zigaretten, konnte natürlich nichts finden. In diesem Augenblick, als meine Finger unter dem aufgeknöpften Mantel nervös hin- und herliefen, bewegte sich Theodor Zierhast zum erstenmal. Er griff in seine dick wattierte Mullhalsbinde, eigentlich eine komische Verpackung bei einer Halsentzündung, und er hob den Arm so feierlich oder besser gesagt: automatisch, daß ich ein Witzwort nur schwer zu unterdrücken vermochte. Es blieb, halb gefroren, in der Kehle stecken. Was für Mätzchen machte dieser Kranke? Woher die Fertigkeit des Taschenspielers? Theodor zog aus der Halsbinde eine Zigarre hervor, hielt sie mit lächelnd hin, ohne sonst seine Haltung zu verändern. Möglich, daß neben dem Verblüfftsein auch Verlegenheit auf meinen Zügen zu lesen war. Selbst unter Freunden wird man nur ungern eine Zigarre rauchen, die der andere zwischen Wattebäuschen und geschwollenen Mandeln getragen hat. Theodor, den Arm noch immer ausgestreckt, lächelte plötzlich ganz anders als vorher, aus dem Lächeln wurde ein breites Grinsen, rasch nahm ich ihm die Zigarre ab und steckte sie in eine Westentasche. Matt siel Theodors Arm auf die Lehne des Korbstuhls. „Ich will dich nicht länger aufhalten", sagte ich, „du wirst dich gewiß ins Bett legen wollen." Den Mantel zugeknöpft, den Hut genommen ... es war aus mit meiner Beherrschung, nicht zwei Minuten länger hätte ich bleiben können. Ich wollte ihm die Hand geben, er nahm sie nicht. Saß da, jetzt vollkommen erstarrt, und glotzte mich an. Er muß doch sehr krank sein, dachte ich, und anscheinend ist er ohne Hilfe, aber du kannst darauf keine Rücksicht nehmen, du mußt raus, raus, raus... ich stand auf der Straße. Einen Blick noch tat ich nach seinem Fenster. Es war dunkel. An der Haltestelle der elektrischen Bahn wartete ich, umnebelt, bis meine Füße begannen Wurzel zu schlagen. Eigenartig, daß fein Wagen kam, keiner. Auch Passanten sah ich nur wenige; nun, bei dem Wetter . . . Aber es hatte zu regnen aufgehört. Das merkte ich erst jetzt. Ein Polizist ging auf und ab. „Wann", fragte ich, „kommt hier ein Straßenbahnwagen?" — „Aber Herr", entgegnete der Polizist, „wie lange soll die Bahn denn fahren? Es ist gleich 3 Uhr morgens." War ich betrunken? Nur einen Schuß Rum in den Tee .. . sonst nichts. Zwischen 8 und 9 den Heimweg angetreten, höchstens eine halbe Stunde bei Theodor, und was sagte dieser Mensch... 3 Uhr morgens? Es schlug. Eins, zwei, drei. Meine Taschenuhr war stehengeblieben auf 20 Minuten vor 9. Und wenn auch meine Schwägerin beim Frühstück steif und fest behauptete, ich sei mit einem Bombenrausch nach Hause gekommen — schwören kann ich, schwören: nur einen Schuß Rum in den Tee, sonst nichts! Aber sicherlich habe ich getorkelt, gepoltert. Mir war zumute, als hätt ich, an den Schwanz eines Kometen geklammert, von Ewigkeit zu Ewigkeit die Erde umwirbelt. Vierzehn Tage nach meiner Wiederankuust in Berlin erhielt ich folgendes Schreiben: „Sehr geehrter Herr! Soeben von einer mehrmonatigen Auslandsreise zurückkehrend, finde ich hier einen Brief, den Sie offenbar an meinen Sohn Theodor gerichtet haben. Ich erinnere mich übrigens Ihrer noch recht gut meine Fran, die schon lange verstorben ist, halte einen Narren an Ihnen gefressen, und da hörte ich bann öfter dieses und jenes. Ja, verehrter Herr, es ist in meiner Wohnung still, ganz still geworden. Wenn ich selbst nicht da bin, tanzen die Mäuse auf Tisch und Bänken. Auch Theodor, mein Einziger, an den Sie nach so langer Zeit sich wenden, weilt nicht mehr unter den Lebenden. Am Chemin des Dames traf ihn eine Kugel in den Hals, er starb bald darauf im Lazarett. Daß Ihr Brief nicht zurückglng, haben Sie einem Umstand zu banken, der schon viel Konfusion angerichtet hat: ich trage nämlich denselben Vornamen rote mein im Kriege gefallener Sohn. Bewahren Sie ihm ein gutes Angedenken! Ihr ergebener Theodor $ Die Zigarre, schrie ich, als ich diesen Brief gelesen hatte. Vergessen mußte sie noch in der Westentasche stecken. Ich rannte zum Kleiderschrank, Packte den Reiseanzug, griff in die Tafche... Es war kerne Zigarre. In memer bebenden Hand hielt ich ein Jnfanterlegeschoß. Oie Sorglichen. Von G u st a v Falke. Im Frühling, als der Marzwind ging, Als jeder Zweig voll Knospen hing, Da fragten sie mit Zagen: „Was wird der Sommer sagen?" Und als das Korn in Fülle stand, In lauter Sonne briet das Land, Da seufzten sie und schwiegen: „Bald wird der Herbstwind fliegen." Der Herbstwind blies die Bäume an Und ließ auch nicht ein Blatt daran. Sie sah'n sich an: „Dahinter Kommt nun der böse Winter." Das war nicht eben falsch gedacht, Der Winter kam auch über Nacht. Die armen, armen Leute, Was sorgen sie nur heute? Sie sitzen Hinterm Ofen still. Und warten, ob's nicht tauen will, Und bangen sich und sorgen Um morgen. „Welt-Kanäle^ einst und jetzt. Von Dr. Gustav W u f s o w. Bor kurzem ist die Nachricht durch die Presse aller Länder gelaufen, daß sich die Vereinigten Staaten von Nordamerika mit dem Gedanken beschäftigen, neben dem Panama-Kanal, der den Anforderungen nicht mehr voll entspreche, noch einen zweiten Kanal-Durchstich durch Nikaragua auszuführen, für den die Kosten auf rund 720 Millionen Dollar veranschlagt werden. In Japan ist diese Mitteilung mit großer Erregung ausgenommen worden, denn dort wird dieses Projekt weniger von seiner wirtschaftlichen Seite, sondern mehr als eine strategisch-militärische Maßnahme gegen Japan betrachtet. In der Tat sind Kanalbauten dieses Ranges, wie die mit dem Suez-Kanal und dem Panama-Kanal gemachten Erfahrungen gezeigt haben, von so weittragender Bedeutung, daß es keine Uebertreibung ist, zu behaupten, durch sie werde das Gesicht der Welt verändert. Wenn man trotzdem noch nicht früher daran geg-anaen ist, di« nicht nur Jahrhunderte, ja Jahrtausende alte Idee solcher Bauten zu verwirklichen, so liegt das in einer großen Reihe von Schwierigkeiten begründet, die man damals überschätzt hat, oder zu deren Ueberwindung erst die technische Entwickcklung der letzten Zeit die Mittel bereitgestellt hat. Als 1798 Napoleon I. sich mit dem Gedanken beschäftigte, den Suez- Kanal, ein altes Problem, in Angriff nehmen zu lassen, wurden auch Niveauberechnungen für das Mittelländische Meer und den Arabischen Meerbusen angestellt, deren Ergebnis zur Aufgabe des Planes führten. Damals hinderte also die im übrigen längst als falsch widerlegte Berechnung der Niveauunterschiede der genannten Meere den Bau dieses wichtigsten und ältesten aller Kanäle. Wir haben eine authentische Urkunde über einen Suez-Kanalbau, den der Großkönig Darius von Persien unternehmen ließ. Darin heißt es: „Es spricht der König Darius: Ich bin ein Perser. Von Persien aus eroberte ich Aegypten. Ich befahl, diesen Kanal zu graben, vom Nilarme, der in Aegypten fließt, nach dem Meere das von Persien ausgeht. Dieser Kanal wurde gegraben ..." Also technische Sajroierigteiten der Art, wie sie Napoleon befürchtete, bestanden nicht, und Arbeitskräfte waren, wie ja die Pyramiden beweisen, in den despotisch regierten Reichen billig. Wir sehen aber auch schon aus diesem Bericht, öer durch andere Quellen ergänzt wird, daß Darius nicht der erste war °?r den Kanak plante oder ausführte. Man vergegenwärtige sich die Ge- schichte Aegyptens, und man versteht, daß solche Unternehmungen wohl durchgesuhrt, aber nicht erhalten werden konnten. Der Nil mit seinen Schlamimassen drohte jeden Kanal sofort zu versanden. In einem da- maligen Ber cht ist geschrieben: „Von der Pelusischen Mündung geht ein künstlicher Kanal bis zum Arabischen Meerbusen und dem Roten Meer Mit dem Sm des Kanals befaßte sich zuerst König Necho (616 bis 600 t>or Chrfttus), des Psammetichos Sohn, nach diesem Dareios, der Perser Unter dem zulehtgenannten war das Unternehmen schon bis auf einen gewissen Punkt gediehen: schließlich ließ er es aber doch unvollendet. Er war naml ch »an einigen belehrt worden, daß er durch die Durchstechung der Landenge eine Ueberfchwemmung Aegyptens veranlassen roerbe- denn man rotes ihm nach, daß der Spiegel des Roten Meeres höher gelegen fei als Aegypten selbst. Später aber vollendete Ptokemäus II. (285 bis 247 vor Christi) das Werk und brachte an der geeignetsten Stelle eine kunstvolle Schleuse an, die er nur öffnete, wenn er sie passieren wollte, danach aber rasch wieder schloß, indem er sie nur so lange offen ließ, als es durchaus nötig war. Der Fluhlauf, der durch diesen Kanal fließt, heißt nach dem Erbauer der Anlage Ptolemäus, an der Mündung liegt die Stadt Ärsinoe." Also der Irrtum von 1789 findet sich hier auch schon; hier befürchtete man eine Ueberschwemmung des Deltagebietes durch das Rote Meer, das durch den Kanal Zutritt in einen der Nilarme bekäme. lieber die Niveauverschiedenheit hat man sich bis in die neueste Zeit ganz abenteuerliche Vorstellungen gemacht: man meinte, daß sich bei einem solchen Durchstich eine ungeheure Flutwelle ergießen werde, die alles überschwemmen und fortreißen müsse. Inzwischen ist erwiesen worden, daß gewisse Niveauunterschiede, z. B. zwischen Nordsee und Mittelländischem Meer, zwar bestehen, die Differenz beträgt aber hier nur etwa 15 Zentimeter. Derartige Niveauunterschiede sind z. B. eine Folge der Windverhältnisse; bei den gewaltigen Wasserflächen staut der Wind das Wasser an dem einen Ufer an, >das er dem anderen entzieht. Derartige Berechnungen wurden früher viel zu hoch angosetzt. Freilich spöttelte schon der Zeitgenosse des Augustus, der griechische Geograph Strabo, über diesen Aberglauben, den selbst ein Geograph wie Eratofthenes (um 280) teilte. Eratosthenes berichtet nämlich, so sagt Strabo, auch Demetrius (um 300 vor Christus) habe den Isthmus von Korinth zu durchstechen unternommen, um feinen Schiffen eine Durchfahrt zu verschaffen; hieran hatten ihn aber feine Ingenieure gehindert, die ihm auf Grund von Messungen gemeldet hätten, das Meer im Korinthischen Busen (im Westen) stehe hoher als bei Kenchreä (im Osten)." Für Korinth war die Anlage eines Kanals vom Adriatischen Meer zum Aegäischen Meer besonders wichtig, wurde aber erst in neuerer Zeit durchgeführt. Die Fahrt um den Peloponnes war nämlich nicht nur zeitraubend, sondern für die antiken Segelschiffe oder Ruderkähne höchst gefahrvoll wegen der Winde an der Südiispitze jener Halbinsel. Schon tnt peloponnesischen Priege finden wir ein Mittel erwähnt, das eine Verbindung der beiden Meere ermöglichte: Es war die Anlage einer sogen. Schleifbahn. Dieser , Diolkos" verband die West- und Ostküste und ermöglichte durch die Anlage einer Walzbahn nicht nur den Transport von Waren, sondern auch von Schiffen. Natürlich war die Anlage nur möglich, weil der Rücken des Isthmos im allgemeinen niedrig zum Meere liegt; die Schwierigkeiten des Durchstichs lagen hier in der Bodenbeschaffenheit; es ist hier fester Kalkfelsen zu durchgraben, an der höchsten Stelle 80 Meter. Einen mit großem Pomp und theatralischen Gesten ins Werk gesetzten ernstlichen Versuch, den Isthmos zu durchgraben, unternahm dann Kaiser Nero. Dieser machte eine Reise nach Griechenland und beschloß hier, den Isthmus durchstechen zu lassen, um den Verkehr, der in der Tat den Landweg über diese Enge fast allgemein der Fahrt um Malea vorzog, zu erleichtern. Er hielt eine Ansprache an seine Garde und ergriff auf ein Trompetensignal hin selbst den Spaten, tat den ersten Stich und trug in einem Korb das Erdreich auf seinen Schultern davon. Als Arbeiter verwandte er 6000 Kriegsgefangene, die eine Reihe von Monaten an diesem Unternehmen arbeiten mußten. Wie Funde bei dem 1881 durch die Franzosen, dann 1889 durch eine griechische Gesellschaft in Angriff genommenen und 1893 beendeten Kanaldurchstich zeigten, war dieser Versuch Neros recht weit gediehen; er blieb aber ein Versuch, denn man fürchtete auch hier für Aegina. Der Weg von Triest nach Athen ist durch diesen Durchstich der Landenge von Korinth um 185 Kilometer abgekürzt worden. Die Länge dieses Kanals beträgt habet nur 6,3 Kilometer, während z. B. der Kaiser-Wilhelm-Kanal (1887 bis 1895 erbaut) 98 Kilometer lang ist, der Suezkanal sogar 160 Kilometer. Während schon beim korinthischen Kanal-Problem die gefahrvolle Umsegelung des Peloponnes den Bau in erster Linie ratsam machte, verdankt ein antiker Kanal dem Bericht zufolge diesem Umstande überhaupt seine Entstehung. Als König Dareios mit Athen Krieg führte, entsandte er seinen bewährten Feldherren Mardonios auf dem Landweg durch Thrakien gegen Hellas (492 o. Ehr.). Die perstsch-phönikifche Flotte segelte in steter Verbindung mit dem Landheer längs der Küste; das Landheer wurde von den wilden Bergstämmen der Thrakier aufgerieben, die Flotte scheiterte am Berge Athos. 480 wiederholte sein Nachsolger Xerxes den Zug auf demselben Wege wie einst Mardonios. Um diesmal seine Schiffe glücklich herumzubringen, schickt er schon drei Jahre vor dem Zuge Leute aus um die Halbinsel Akte auf der Ehalkidike zu durchstechen. Sem gesamtes Heer, so berichtet unsere Quelle, muhte unter beständigen Geißelhieben einen Graben machen, in dem sich die Leute gegenseitig ablosten. Auch die.umwohnenden Volker zog man mit zur Frohnarbeit heran. Die Technik war folgende: Die Perser teilten die einzelnen Abschnitte einzeln den Aufgeboten der verschiedenen Völkerschaften ihres Heeres zu. Beim Tiefergraben standen einige unten, die gruben, andere reichten die ausgehobene Erde wieder andern zu, die höher auf Leitern standen, diese wieder anderen, bis sie zu den obersten kamen; diese schassten die Erdmassen zur Seite. Alle machten sich dabei doppelte Arbeit, außer den Phönikern, denn der Grabenrand fiel ihnen stets ein, weil sie die Grube unten und oben gleich weit angelegt hatten. Die Phöniker aber bewiesen wie auch sonst ihre Geschicklichkeit. Sie machten nämlich an dem Teil, der auf fie bei der Verteilung gefallen war, die obere O ess nun g doppelt so weit, als der Graben selbst werden sollte. Im weiteren Verlauf ihrer Arbeit machten sie den Graben allmählich enger, und wie sie den Boden des Kanals erreicht hatten, war ihre Arbeit mit den übrigen gleich." Es ist außerordentlich aufschlußreich wie weit die Phöniker in der technischen Geschicklichkeit den anderen Völkern voraus waren. Der alte Kanal ist in seinen Spuren noch heute erkennbar. Im übrigen vermutet schon der antike Gewährsmann, daß Terxes den Graden nicht des Athos wegen habe anlegen lassen, sondern um auch im Kanalbauen seinem Vater Darius nicht nach- zuftehen denn eine Schleifbahn hätte auch genügt, zumal die höchste Hö!>e nur fünf Meter beträgt. 'verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'sche Univerlitäts-Vuch» und Sleindruckerei, A. Lange, Gießen.