Nummer 56 Hreitag, den JO. Mai Jahrgang 1935 en, von diesem Vorteil den uns SiehenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger finden lassen. , ... . . Auch der Agent Henschke schloß sich ihnen an, als sie aufstanden und zu Thieles Wagen gingen. Auch er verfolgte eine besondere Absicht: Thiele auf keinen Fall mit Grolman auch nur für einen Moment allem zu lassen und ihn vor weiteren Ungeschicklichkeiten zu bewahren, dle den seglgen Stand der Verhandlung — die er noch immer als sehr günstig ansah — gefährden konnten. Er richtete es so ein, daß Steinlen neben Grolman im Fond des Wagens und er selbst neben Thiele, der am Steuer saß, Platz nahm. Der Wagen zog an und nahm die Richtung nach Westen. Es war kurz nach halb zwölf. 7. Um die gleiche Zeit lies in den Potsdamer Bahnhof ein Zug ein, und einem Abteil zweiter Klasse entstieg Doktor Hartl, Privatgelehrteraus Dresden. Seit zwölf Jahren war er dort ansässig und führte ein stilles, regelmäßiges, nur seinen psychologischen und soziologischen Studien gewidmetes Leben in einer mit Büchern und Sammlungen vollgestopften, unbequemen und viel zu großen Wohnung, die der Schrecken aller Haushälterinnen war und der Grund, warum keine lange bei chmi aush elll Eben erst hatte man ihn wieder allein gelassen, und da so schnell kem brauchbarer Ersatz zu sinken gewesen war, hatte er mit einem plötzlichen Entschluß alle Studien beiseitegelegt, die Wohnung verschlossen und war nach Berlin gefahren, wie schon drei- oder viermal m den letzten Jahren, wenn er mitlich selbst nicht mehr fertig wurde. . . Er ging durch die Sperre und stand auf dem Bahnsteig, einen kleinen, eleganten Lederkofser in der Hand, unschlüssig und ein wenig h-l los. Zunächst mußte er sich nach einer Unterkunft umsehen. Das war nicht ganz einfach Das letztemal war er zuerst in einem Hotel, dann in einer Pen- sionimWestenabgestiegen, und er hatte sich für viel Geld keineswegs wohlgefuhlt.^er merjig fd)(ant, hochgewachsen und stets von dem gleichen Schneider mit bestem, unausdringlichem Geschmack gekleidet. Sein Kops mit der hohen, gewölbten Stirn, den ergrauten Schlafen, der geraden Nase und den grauen, ein wenig schwermütigen Augen wirkte intelligent und vornehm und seine schmalen, gepflegten Hande mit bett sparsamen, fast müden Bewegungen verstärkten noch diesen ersten Eindruck. Was wollte er in Berlin? ... Ausspannung ... Abwechslung ... Ablenkung ... Unterhaltung? Er konnte sich diese Frage nie präzise beantworten Er hielt es auch nie lange hier aus. Meistens kehrte er schon nach einer Woche wieder zu seiner einsamen und abseitigen Arbeit zuruck einem philosophischen Werk, in dem er die Resultate seiner langjährigen Studien zu einem eigenen System zusanimenfahte. Als erzogernd dem Aufgang zuschritt, wurde er von einer plötzlichen Anrede überrascht, und er konnte sich im ersten Augenblick nicht besinnen, wo er diesem jungen, lebhaft auf ihn einsprechenden Menschen schon begegnet war. ®s freut mich, Sie zu sehen, Herr Doktor Hartl. Sie sind also auch auf dem Weg nach Nikolassee... Ein bißchen unbequem, diese Fahrerei mit der Stadtbahn! Aber das muß man nun mal mit in Kauf nehmen bei Ludwig Thiele. Es iftjnne Marotte, so weit draußen zu wohnen. Und siel^Hartt"eim"dah er den jungen Mann während seines letzten Ausenthalts bei Thiele getroffen und sich mit ihm einen Abend lang unterhalten hatte. Und mit Thiele verband ihn eine enge Beziehung, die bis in die Zeit zurückreichte, in der Thiele noch als blutjunger Anfänger am Dresdner Hoftheater engagiert gewesen war. Hartl versäumte es nie den Schauspieler aufzusuchen, wenn er nach Berlin kam, und ein paar Tage oder Nächte mit ihm zu verbringen. Ja, die Person und die von seinem eigenen Dasein so grundverschiedene Existenz Ludwig Thieles war einer der Faktoren, die den Doktor Hartl in Abstänven nach Berlin zogen. Der junge"Mann vor ihm war ebenfalls Schauspieler: doch den Namen konnte Hartl in seinem Gedächtnis nicht finden. Sie waren natürlich im Theater? Ludwig war ausgezeichnet als Götz' Das steht außer Frage. Endlich ein wirklicher großer Erfolg, den wir alle dringend brauchen ... Bin neugierig, was man zu meinem tÜrmmenn ich Herrn Direktor Grolman richtig verstanden habe, so handelt es sich be^! inem Angebot um mindestens vier bis fünf Monate und zwar sofort mit Eintritt der guten Jahreszeit", fuhr Steinlen unbeirrt fort gellt haben wir Mitte Februar. Am 1. September beginnt die neue Saison für die du unbedingt wieder hier fein mühtest. Es blieben uns somit nach Abzug der fünf Monate nur^nochi sechs'Wochen, zv> g-me'nsamer Arbeit. Darin liegt für mich und für das Deutsche Volkstheater em vielleicht unabsehbarer Schaden — gerade nach dem heutigen weitreichenden Erfolg, der ein Erfolg unserer ganzen Richtung ist Wieder griff der Agent Henschke ra ch und entschlo en ein. to™ bas nur so verstehen, daß Sie aus gewissen Garantien bestehenmüssen für eine Freigabe Thieles und daß diese Freigabe in so genau und so fuij. wie möglich gefaßten Grenzen erfolgen kann. ramtrnnn „nh „Das ist auch mein Eindruck, Herr Steinlen , sagte Grolman, und Steinlen hörte aus dem Ton dieser Antwort, daß er emen guten.Test seiner geplanten Bedingungen durchsetzen konnte. Bb" er hütete sich, s jetzt schon durchblicken zu lassen, und es war ihm nichts von feiner Befriedigung darüber anzumerken. , Thiele war der einzige am Tisch, der nicht merkte, was.Steinlen mit feiner Einmischung bezweckte. Er sah nur die Schwierigkeiten die von einer Seite tarnen von der er gerade das Gegenteil erwartet hatte. Ent gegenkommen und freundschaftliche Unterstützung. Er war s' -ntttiusäst und empört über die Haltung feines Direktors, daß "gar nicht au, den Gedanken kam, der der nächstliegende war. Auch der Em f 9 brachte ihn nicht auf die richtige Spur, die ferner ganzen Natur fremd, im entveaenaeseüt roar: dah nämlich feine Person irn 9 anderes als ein wertvolles Handelsobjekt zwischen den et e triertc geworden war. Denn von dem, was ihn einzig und bren f - von den drei großen Filmrollen, die man ihm angeboten hatte war mcht mehr die Rede und es gelang ihm auch nicht, da-Gespräch darauf z zubringen, obgleich er verschiedene heftige Anläufe d z ) Mit einer plötzlichen inneren Umstellung iedoch I°gte -r alle ^us- steigenden Aerger und die Verbitterung, tue zu emem u^°ruMn^us. beuch drängte, davon und sagte zu Grolman lachend und siegesbewutzN „Machen Sie sich keine unnötigen Sorgen! 3cf) komme zu mm u) Hollywood, und wenn ich hier kontraktbrüchig we Viniaermaßen nicht mein erster Kontraktbruch! Ich bm an so etwas einigermaßen ^Jesst'hatte Steinlen Mühe, eine zornige ®nt9c9nun9 Er ist doch von einer plumpen Naivität, die manchmal geradezu gesaynia) ut, daß Du da bist ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR Copyright 1^33 by August Scherl ®. m. b. <5v Berlin (Fortsetzung.) .Jetzt werden Sie aber auch mit Ludwig Thiele erstaunt fragen, was das mit unserer momentanen Verhandlung zu tun habe. Nun, Sie werden gleich sehen, daß das für die heutige Position Thieles und für meine eigene sehr wichtig ist. Gerade Thiele war der Schauspieler mit dem ich am stärksten rechnete. Er hak von Natur aus all das Erdhaste, Schwere und dabei Volkstümliche, was unter den von Grund aus veränderten Verhältnissen endlich zur vollen Auswirkung gelangen mußte. Er ist der typische deutsche Schauspieler, seiner Herkunft und lang nach eng mit dem Volk und der Landschaft verbunden In den letzten Jahren der geistigen Auflösung und der extremen Apenmente konnte diese seine Art nicht den richtigen Widerhall ftnden. Doch als ich im Winter mein Theater bekam und Damit die Möglichkeit das zu ve^ wirklichen, was ich als die einzig fruchtbare Zukunft ansah.,, habe ich ihn mir zuerst verpflichtet, und zwar fest und aus lange Zett. „Sehr interessant! — Im großen und ganzen deckt sich das mit den Eindrücken, die ich selbst während meines kurzen Aufenthaltes h'" empfangen habe", sagte Direktor Grolman. „Sie können sich also nicht gut denken, Herrn Thiele für einige Monate freizugeben? Wir sind noch im Aufbau. Erst im Herbst kann ich mit vollen Kräften an mein neues Programm gehen. Aber gerade in der Voraroeit bis dahin, die mir das Allerwichtiaste scheint, kann ich Thiele kaum entbehren. Erstens habe ich anderthalb Monate vertraglichen Urlaub, zweitens steht in unserem Vertrag ein Passus über Beschäftigung beim Film den wir uns jetzt einmal näher ansehen müssen! sagte Thiele und (eine Stimme schwankte vor innerer Ausregung über d,e unerwarteten Schwierigkeiten, die Steinlen mit ausschweifender Beredsamkeit vor ihnen auswerden kann! Aber das hat auch wieder seinen Vorteil! dachte er und sah den Agenten Henschke an, der nur vielsagend die Achseln zuckte. „Einen solchen Schritt könnte ich nicht verantworten, und er wird auch nicht nötig sein!" antwortete Grolman, der nicht mehr daran zweifelte daß er sich mit Steinlen auf einer tragbaren finanziellen Basis einigen würde. Thiele ahnte nichts davon, daß ein guter Teil dieser Summe seiner eigenen Gage zugute gekommen wäre, wenn er es fertig« gebracht hätte, abwartend zu schweigen. Grolman wußte jetzt, wie er ihn zu behandeln hatte, und war sofort entschlossen, von diesem Vorteil den richtigen Gebrauch zu machen, obgleich ihm die Persönlichkeit des Schauspielers durchaus sympathisch geworden war. Darum nahm er auch die Einladung, die Thiele jetzt mit feinem ganzen freigelaffenen Temperament wiederholte, an in der Erwartung, mit Stern« lcn,*er ja mitkam, gleichzeitig ins reine zu kommen. Die Gelegenheit zu einer Aussprache unter vier Augen würde sich sicherlich noch heute abend Weisungen sagen wirb. Eigentlich gar nicht mein Fach. Aber gerade darum besonders interessant für mich und auch wichtig ... Na, schön. Das wird sich morgen alles Herausstellen. Es ist zwar aufdringlich von mir, und ich entschuldige mich im voraus, Herr Doktor... trotzdem möchte ich Sie um einen kleinen Gefallen bitten." „Ich weiß zwar nicht, wie ich in der Lage fein könnte, Ihnen im Augenblick dienlich zu fein, bin jedoch gern bereit“, antwortete Hartl vollkommen verwirrt, da jetzt noch ein junges Mädchen auftauchte, das sich an den Arm des Schauspielers hängte. „Natürlich hat Ludwig uns ebenfalls eingeladen, noch heute abend zu ihm hinauszukommen, und ich hatte eigentlich zugesagt. Nun aber sind Umstände eingetreten ..." Er fah mit einem vertraulichen Lächeln zuerst [eine Begleiterin, dann Dr. Hartl in die Augen: „.. .die mich verhindern, heute noch fo weit hinauszufahren. Vielleicht haben Sie die Freundlichkeit, mich bei Ludwig zu entschuldigen? Ich war wirklich entschlossen, hatte mir schon die Fahrkarte gelöst. Hier, sehen Sie! ... Wenn Sie selbst noch keine haben, stelle ich sie Ihnen gerne zur Verfügung!" „Aber ich komme aus Dresden, ahnte gar nichts davon, daß Ludwig gerade heute spielte", murmelte Doktor Hartl. „Ach, Sie wissen noch nichts von unserer Götz-Premiere? Sie treffen eben erst ein? Schade! Um einen ganzen Tag zu spät! Dann müssen Sie unbedingt zu Thiele hinaus! Große Gesellschaft! Na, Sie wissen ja, wie das ist bei ihm! Und ich weih, wie sehr er an Ihnen hängt. — Hier nehmen Sie meine Karte! Er wird sich sehr freuen, Sie zu sehen — gerade heute! Viel mehr als über mich. Und entschuldigen Sie mich bei ihm! Auf Wiedersehen, Herr Doktor!" Er lüftete flüchtig den Hut, nickte und ging mit feiner Begleiterin dem Ausgang zu. Hartl stand noch immer an der Sperre und betrachtete die Stadtbahnkarte, die der Schauspieler ihm aufgedrängt hatte. Sonderbar! Kaum bin ich hier, überfällt mich der Name Thiele und fängt mich ein. 8. Ein Vorortzug stand zur Abfahrt bereit. Bevor Otto Hartl einftieg, sah er sich nach bekannten Gesichtern um. Wie hatte der Schauspieler gesagt? Es war große Gesellschaft bei Thiele nach einer Premiere! Hartl kannte diese Zusammenkünfte. Unzählige Male hatte er an ihnen teilgenommen draußen in Nikolassee, srüher in einer engen Stadtwohnung, und auch schon in der Dresdener Zeit. Ludwig Thiele und seine Lebensführung waren die gleichen geblieben über anderthalb Jahrzehnte hinweg. Kam da nicht Professor Bernau den Bahnsteig entlang mit einer hübschen jungen Blondine? Und war der langaufgeschossene zapplige Mann hinter ihm nicht ein Journalist von Ruf und Theaterreferent eines großen Berliner Blattes? Auch die schwarzhaarige, auffallend gekleidete Dame mit dem „interessanten" blassen Profil gehörte zu dieser Gruppe, die hastig ein Abteil in der Nähe Hartls bestieg. Ohne länger zu zögern, wählte Hartl das gleiche Abteil, legte seinen Koffer in das Gepäcknetz und setzte sich in eine Ecke, dem Professor gegenüber. Neben ihm saß der Journalist, während die beiden Damen die Plätze an der Seite des Professors eingenommen hatten. Der Zug setzte sich in Bewegung. „Habt ihr gesehen? Auch die Alten ist wieder da! Sie sah im Theater!" Der Professor nickte. „Sie sah sehr gut aus. Jünger und flotter als vor einem Jahr." „Wer ist ,d!e Alten'?" fragte die schwarzhaarige Dame pikiert und neugierig. „Mira von Alten. Du wirst sie schwerlich gekannt haben. Aber sie spielte einmal eine ziemliche Rolle hier und war eng mit Thiele befreundet", erklärte der Journalist. „Eine gefährliche Frau!" brummte Professor Bernau. „Wieso gefährlich?“ ereiferte sich der Journalist. „Das ist wohl reichlich übertrieben, wie das meiste, was man sich über sie zu erzählen wußte. Ich habe sie damals oft in Gesellschaft getroffen und muß sagen, daß sie auf mich ganz anders wirkte. Eher zu konventionell. Auf jeden Fall stets als Dame von Welt." Der Professor lächelte spöttisch. „Für Thiele war es das Wünschenswerteste, daß sie plötzlich verschwand. Er war auf dem besten Weg, sich zugrunde zu richten. „Ihretwegen?" fragte die junge Blondine an feiner Seite und fah schmachtend zu ihm auf. „Ludwig Thiele verliebt?! Ich war der Meinung, daß er sehr glücklich verheiratet fei und daß keine andere Frau für ihn in Betracht käme/' warf die Schwarzhaarige nachlässig hin. „Damals sah das danz anders aus. Ich habe dis Geschichte fo halb und halb miterlebt. Sie war gar nicht uninteressant." „llnb wird vielleicht wieder aktuell, nachdem die Alten wieder hier aufgetaucht ist!" sagte der Journalist. „Erzählen Sie doch, Professor!" bat die Schwarzhaarige und beugte sich interessiert vor. „Ich glaube, er hat sie schon vor seiner Ehe gekannt und geliebt", begann der Professor und steckte sich während seines Berichtes eine F'garre an. „Sie muß einen mächtigen Einfluß auf ihn gehabt haben, der sich erst dann abschwächte, als er Elisabeth kennenlernte und schließlich heiratete. Fast zwei Jahre verlief die Ehe ganz ausgezeichnet, zum Erstaunen aller die Ludwig früher gekannt hatten. Wir waren fast einstim- Ansicht, daß diese Ehe ein Fehler fei. Trotz unserer aufrichtigen Hochachtung vor dem Charakter Elisabeths. Dann kam die Krisis. Eines Abends — ich mar mit ein paar Freunden draußen in Nikolassee, und ro,A mi* Eblabeth auf unseren Ludwig — erschien er plötzlich mit dieser Frau von Alten und ihrer Kusine. Ich erinnere mich noch S°"au dieses ersten Abends Er war ihr irgendwo in der Stadt begegnet, bra^^te sie nut hinaus und stellte sie uns vor, ausgelassen, triumphierend. Na ihr kennt ihn 1°, wenn er von irgend etwas besetzen ist, von einer 9ute" ®cm ober einer Frau. Ich begriff im ersten Slugen- blick, daß mehr dahintersteckte als eine flüchtige Laune, und Elisabeth ahnte das auch. Sie hielt sich großartig den ganzen Abend hindurch, an m er nur noch Augen für diese Frau hatte, und auch die folgenden Wochen hindurch, fn denen er nur noch mft ihr zu sehen war und sie fast jeden zweiten Tag mit hinausbrachte..." „Das lieh sich Elisabeth ohne weiteres bieten?* warf die Schwarz- haarige maliziös dazwischen. „Was hättest du denn an ihrer Stelle getan?* fragte der Journalist und iah sie erwartungsvoll an. „Allerhand, mein Lieber... Zum ersten hätte ich der Person in meinem eigenen Hause mit aller Energie die Tür gewiesen!" Die junge Blondine neben ihr verzog ein wenig den Mund, so, als zweifle sie innerlich an der Wirksamkeit dieses Mittels, sagte aber nichts und ließ den Professor fortfafjren. „Nach ein paar Wochen, nachdem Elisabeth erkannt hatte, daß es hier um eine wirkliche Entscheidung ging, tat sie bas — auch meiner Ansicht nach — einzig Mögliche: Sie stellte Ludwig vor ein klares Entweder— Oder. Doch er wich ihr nochmals aus. Jetzt brachte er Frau von Alten nicht mehr mit, kam aber selbst kaum mehr nach Haus. Und als sie bald danach abreifte, nach Sankt Moritz zur Kur, zum Sport, was weiß ich, lieh er alles im Stich und reifte ihr nach. Dabei stand er damals mitten im Repertoire und hatte Erfolg. Sie werden sich noch an den Skandal erinnern, den fein plötzliches Verschwinden mitten aus einer Serie heraus hervorgerufen hat. Sein Direktor tobte und erklärte ihn für kontaktbrüchig, was bann später nur mit großen Mühen und Kosten rückgängig gemacht werden konnte. Irgendein Freund — ich weiß nicht mehr, wer es war — fuhr ihm nach und brachte ihn dann auch glücklich wieder zurück nach ein paar Tagen ..." Hartl hörte mit steigendem Interesse zu. Er kannte diese Episode, und besser als der Erzähler. Er kannte auch den Professor und den Journalisten, die sich beide seiner nicht zu erinnern schienen. Hartl hatte die Absicht gehabt, sich gleich bei feinem Eintritt in dieses Abteil wieder bekannt zu machen und sich ihnen anzuschliehen auf der Fahrt zu ihrem gemeinsamen Ziel. Doch das Gespräch hatte seine psychologische Neugier geweckt und so lange gefesselt, bis er sich über die Charaktere der beiden Paare und ihre Beziehungen einigermaßen im klaren war. Er betrieb solche Beobachtungen gewissermaßen als Sport und stets in gesteigertem Maß, wenn er sich, wie auch diesmal, Hals über Kopf von Hause entfernt hatte und sich ohne bestimmten Plan einfach treiben ließ. Das Resultat feiner Beobachtungen lautete für ihn etwa folgendermaßen: Dieser sympathische und gescheite Professor Bernau, Mann um die Fünfzig herum, eigenwillig und auch ein wenig Sonderling in seinem Aeußeren trotz seiner gesellschaftlichen und finanziellen Erfolge als einfallsreicher moderner Architekt, hat wieder einmal eine neue Privatsekretärin, nämlich dieses blonde, kaum zwanzigjährige Mädchen, das ihn refllos bewundert. Auch er ist im Grunde in sie verliebt, ist dabei aber Skeptiker geblieben sich selbst gegenüber im Hinblick auf fein Alter und feine Erfahrungen. Er ist nicht weit davon entfernt, in die Rolle des väterlichen, zärtlich um ihr Fortkommen besorgten Beschützers zu verfallen, was ihr auf der einen Seite sehr imponiert, auf der andern Seite jedoch eine noch uneingestandene Enttäuschung ist. Eine heftige Leidenschaft des bewunderten Mannes wäre ihr lieber, wenn sie auch in echt jugendlicher Unterschätzung ihrer Person im Vergleich zu seiner Bedeutung und seiner Stellung in der Oessentlichkeit sich noch nicht erlaubt, daran zu glauben. Sehr reizvoll ist der Gegensatz ihrer Erscheinung zu der ihrer Nachbarin, ein Gegensatz, der sich in der inneren Haltung der beiden Frauen zu Bernaus Erzählung wiederholt. Diese Schwarze mit der interessanten Ausmachung ist ein wenig zu selbstsicher, weil schwächer im Gefühl, was sie zur Arroganz verführen wird. Doch liegt das auch an ihrem Freund, dem Journalisten, der sich ihr gegenüber nicht ganz auf ich zu verlassen scheint, sondern auf Aeußerlichkeiten, vielleicht auf einen Berus und seinen öffentlichen Einfluß. Vieles spricht dafür, daß ie eine angehende Schauspielerin ist. Wie falsch sie Elisabeth Thiele heimlich beurteilt, ohne den Mut zu haben, sich in deutlichen Ausdrücken festzulegen. Wie richtig dagegen, ja, beinahe verwandt reagierte das junge Gefühl der Blonden auf di« Erzählung ... .Großer Gott, ich bin mitten in abseitigen Analysen, weit entfernt von aller Wirklichkeit, und freute mich doch auf einen hübschen, unterhaltsamen Abend! Das ist traurig und unfruchtbar, aber leider immer fo bei mir, selbst wenn ich recht habe mit meinen Schlüssen ... Was ist dagegen zu tun?' dachte er, und es war ihm zumute, als erwachte er aus einem Traum. „Und seine Frau war bei seiner Rückkehr noch da, als sei nichts geschehen?", hörte er die Schwarze ausrufen. Die Blonde sah sie von der Seite an und sagte: „Man kann auch ohne ein Wort verzeihen!" „Natürlich kann man das, Kindchen, aber es geschieht nicht sehr oft im Leben", sagte der Architekt, faßte nach ihrer Hand und hielt sie in feinen beiden schweren Tatzen fest. „Meines Wissens fand Thiele damals fein Haus leer, und Elisabeth kehrte erst nach Wochen zu ihm zurück!" „Das ist nicht ganz richtig!" griff Hartl unwillkürlich in den Gang der Unterhaltung ein. Die vier drehten überrascht die Köpfe nach ihm, den sie in feiner Ecke eingeschlafen wähnten. Tatsächlich hatte Hartl, regungslos angelehnt und mit beinahe geschlossenen Augen, bisher den Eindruck eines Schlafenden gemacht. „Verzeihen Sie, daß ich mich in Ihr Gespräch mische! Mein Name ist Hartl ... Doktor Hartl aus Dresden. Ich hatte schon einmal den Dorzug, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Prosessor, bei unserem gemeinsamen Freund Ludwig Thiele ... vor drei Monaten. Und auch heute bin ich, wie Sie, im Begriff, zu ihm nach Nikolassee zu fahren/' Der Architekt machte feine rechte Hand frei und streckte sie Hartl hin. „Ich wußte doch, daß wir uns schon begegnet waren. Kam aber nicht auf die richtige Spur. Natürlich erinnere ich mich und bitte um Entschuldigung für mein fo schlecht sanktionierendes Gedächtnis. Darf ich vorstellen: Fräulein Inge Graf — Gerda Diemer — Herr Ollendorf, dessen Name Ihnen nicht unbekannt fein wirb.* Auch der Journalist reichte Hartl die Hand, während die beiden Mädchen ihn neugierig musterten. (Fortsetzung folgt.) Schwarze Magie. Von Friedrich Bischoff. Es war damals, als mir die Ruppert-Muhme auf Geheiß der Eltern drei garstige Warzen von der Hand fort und, wie mir schien, in den Mond hinaufsprach, dessen lichtgewölbte Schale, mit Kastanienblüten gefüllt, über uns in den Wipfeln hing. Die Alte wisperte und slüsterte. Ihre kleinen Augen, wie Galläpfel so klein und grün, blinzelten in den Mond, und meine rechte Hand hatte sie in die ihren gefaltet, so daß man, zum Stillsitzen auf dem niederen Gartenbänkchen ihr zu Füßen verurteilt, nicht einmal zu einem ordentlichen Knuff ausholen konnte. Jedoch, so ganz geheuer konnte einem gar nicht zu Mute sein, wenn man auch den Rucken möglichst gerade hielt und, so gut es ging, tapfer den Speichel schluckte, der immer wieder in den Mundwinkeln zusiinmenlief. Manchmal schnoberte etwas kühl ins Genick, daß der Kopf vornüber klappen wollte aber dann war es nur der Wind, vielmehr ein abgefeimter teuflischer Hauch mit Spinnengetast, der sich als Wind ausgab, denn er ringelte jetzt die weißen, verstruwelten Haare der Alten aus eine absonderliche Art um ihr Runzelgesicht, daß es zum Fürchten war. „Stille bist!" sauchte sie, und goß aus einem kleinen Fläschchen einen klebrigen Saft auf die Warzen, daß es eklig in den Aermel rann: „Stille blftl* Der dünnlippige Mund wisperte weiter und d,e Warzen wehrten sich, ganz deutlich war es zu spüren, sie wackelten mit den kleinen Zwergenköpfen unter der Hand der Alten, die sie auf verruchte Weise umfingen wollte. Rein, es war nicht auszuhalten, das Herz begann immer schneller ju klopfen, und, ohne daß man es wußte füllten sich die Augen mit Tränen. Aber daran war bestimmt nur dieses widerlich riechende Zeug schuld, das beizend um das Handgelenk geronnen war, oder der yerz- iufammenschnürende Dust des Faulbaums, der immer wieder aus dem Wiesennebel in den juninächtig schwülen Garten schlich. Jetzt schlug die Stadtuhr; zehn Glockentöne schwebten groß und dunkel herab. Wie riesige Hüte stülpten sie sich über die Ohren, und man machte ttch klein und horchte atemlos in die wieder aufrauschende monderfullte Sülle. Als man nun aber gemeinsam mit der Alten das Zeichen des Kreuzes über Stirn und Brust schlagen sollte, war es doch ein bißchen zu oiel verlangt. Die Warzenhand in die Tasche gesteckt, stand man da mit gesenktem Kopf und tat so, als ob man nicht gehört hatte was da zu allem übrigen noch gefordert wurde. Rein, heilige Dinge durften in diesen Spuk, den man schweren Herzens auf sich genommen hatte, nicht hmem- gezogen werden. Der liebe Gott, der sowieso alles sah, was man schlechterdings tat, und der Warzensaft durften nicht miteinander Berührung gebracht werden, sonst zuckte noch ein Blitz aus dem blauen Rachthimme herab und schlug einen für alle Ewigkeit in den Hollenpfuhl. Mit gespitztem Munde, als wolle man pfeifen, überging man den anrüchigen Wunsch der Alten und hatte nur noch ihr höhnisches Kichern «n den Ohren, als man längst aus dem kleinen nach Fenchel und Ams riech - den Hause auf die Straße hinausgerannt war, über den Marktplatz die Sprich aus der Feme ... Von Clemens Brentano. Sprich aus der Ferne, heimliche Welt, die sich so gerne zu mir gesellt! Wenn das Abendrot niedergesunken, keine freudige Farbe mehr fpricht, und die Kränze still leuchtender Funken die Nacht um die schattichte Sülle slicht: Wehet der Sterne heiliger Sinn leis' durch die Ferne bis zu mir hin. Wenn des Mondes still lindernde Tränen lösen der Nächte verborgenes Weh, dann wehet Friede. In golbenen Kähnen schiffen die Geister im himmlischen See. Glänzender Lieder klingender Laus ringelt sich nieder, wallet hinauf. Wenn der Mitternacht heiliges Grauen bang durch die dunklen Wälder hinschleicht und die Büsche gar wundersam schauen, alles sich sinster, tiefsinnig bezeugt: wandelt im Dunkeln freundliches Spiel, still Lichter funkeln, schimmerndes Ziel. Alles ist freundlich wohlwollend verbunden, bietet sich tröstend und trauernd die Hand, sind durch die Nächte die Lichter gewunden, alles ist ewig im Innern verwandt. Sprich aus der Ferne, heimliche Welt, die sich so gerne zu mir gesellt. Lindenallee hinunter und auf Zehenspitzen — immer Me dritte Stufe au»» lassend —, die Treppe hinaus in die elterliche Wohnung hinein. Alle guten Geister, hier war man gerettet. Hier gab es ein Bett in einer vertrauten Stube, das mit weißen Zipselohren schon so manchen Schlaf behütet hatte. Zurückgeschlagen den schirmenden Flügel der Zudecke, wartete es schon, die Furcht zu lindern und wohlig zu durchwärmen, bis die aus allen Poren beruhigend prickelnde Müdigkeit schon wieder mutig machte und man im Gähnen und Dehnen mit einem Augenwinkel unter der Bettdecke hervorzulugen wagte, ganz schnell nur, — aber da war man schon eingeschlafen. Am Morgen, war es zu glauben, waren die Warzen fort. So von ungefähr hatte man vor dem Aufftehen nach alter Gewohnheit ein wenig an ihnen Herumspielen wollen, da waren sie plötzlich nicht mehr da, und man durfte vor Ueberraschung das Waschen vergessen, denn es muhte doch noch vor der leidigen Schule den Eltern die gestrige Hand, so wie sie war, vorgewiesen werden. Ein paar schuppige Hautstellen auf der Handfläche, das war alles, was von ihnen übrig geblieben war. Und und wenn auch der Vater hinter der Zeitung kaum aussah und die Mutter nur lächelte und mit guter Hand über das erstaunte Kindergcsicht strich, eines war gewiß, und wenn man es auch nie eingestehen konnte, die Ruppert-Muhme mußte mit etwas Ungeheuerlichem im Bunde sein, wenn sie, so mir nichts dir nichts, die Warzen fortzuwispern vermochte. In der Schule war es allerdings jetzt noch langweiliger, denn nun konnte man nicht einmal mehr diese knorpligen Hautknöpse mit Tintenaugen versehen und dem Nachbar beweisen, daß man doch noch etwas mehr mitbekommen hatte als er für diese Welt. Aber in der Pause sprach sich das gewaltige Wunder, das geschehen war, eilends herum, und der Arm wurde lahm vom vielen Herumzeigen der Hand. Jeder wollte die Stellen drücken, befühlen ober gar beriechen, unb Taube-Gustav, ber ein Muttermal am Halse hatte, mußte genau wissen, wie man sie weggebracht hätte. Da blieb natürlich nichts anberes übrig, als zu erzählen, unb wie es immer mit solchen Geschichten ist, sie verwanbeln sich auf der Zunge, obgleich man es gar nicht will. Den Jungens standen die Augen rund im Gesicht, dem starken Taube im besonderen. Und als ich mich zu ber Behauptung verflieg, beim so abenteuerlich war alles schon geworben, die Ruppert-Muhme könne mit ihrer Salbe gewiß nicht nur Warzen verhexen, sondern sicher auch bas Tischlein deck dich zaubern und wer weiß was noch alles, war es plötzlich eine ausgemachte Sache unter den Jungen, die ein wenig ungläubig aufgenommene Geschichte heute Abend schon an Ort und Stelle auf ihren Tatsachenoerhalt zu prüfen. Die Schulglocke läutete. Niemand hörte darauf. Ein Feldzugsplan wurde entworfen-, die andern Kinder lärmten schon in den Schulstuben, aber ich mußte hören, daß es beschlossen und beschworen sei, um neun Uhr dem Rupperthause einen Besuch abzustatten. „Es ist sicher gefährlich", meinte ich und versuchte die von meiner ungebärdigen Phantasie entflammten Abenteurer einzufchüchtern: „Sie zaudert doch!" — „Quatsch!" sagte Taube-Gustav, „ich will nur die Salbe, laß mich nur machen." Das Häuschen der Ruppert-Muhme, wie sie allgemein in der kleinen schlesischen Stadt genannt wurde, hockte windschief unb ein wenig altersschwach, umgeben von einem heckenbewehrten Gemüsegarten, unterhalb ber hügelan angelegten Friebhöfe an ber Straße, bie ins Gebirge hineinführt. Nie hatte ich zuvor an bem fiaufe, geschweige an Mutter Ruppert etwas Besonderes wahrgenommen. Sie wusch in den Bürgerhäusern, sammelte Pilze und Beeren, kurzum sie nährte sich recht unb schlecht burch Sommer unb Winter unb humpelte klatschsüchtig unb gutmütig ihrem Lebensende zu. Sie hatte es nicht weit dahin. Als wir anschlichen, Taube- Gustav, der Doktorfohn, der als begabter Freigeist die Sache sich nur einmal ansehen wollte, unb zwei andere handfeste Jungen, sah ich die Grabkreuze oben über bem Hause wie eine Saat hingestreuter Totenzähne im Mondlicht schimmern. Ein Stoß in ben Rücken hals mir In bie Nüchternheit schnell zurück, ich nahm allen Jndianermut zusammen, ließ bie Kreuze und Gräber, verfluchte die Salben und bie Warzenhexerei, und machte mich für einen ehrenvollen Tob bereit. Aus vier monbblauen kleinen Fenstern schaute uns bas Haus an; füll unb zustieben kuschte es in ber bunkeln Talsenke. Die Ruppert-Muhme schien noch auf einen kleinen Schwatz in die Nachbarschaft gegangen zu fein. Als wir am verschlossenen Gatter standen, warf uns der Garten mit den beiden alten Kastanienbäurnen stiedeooll ben Dust seiner Hecken zu. Aber es gelang ihm nicht mehr mit Milde unserem Tatendurst Einhalt zu tun. Taube-Gustav wühlte sich schon wie ein Maulwurf durch die Hecke, gehorsam folgte ich ihm und war auch nicht im mindesten entsetzt, als ich mit der Hand, vorwärts ins Gras langend, in einen kalten Frosch hinein- griff. Zwar bekam ich gleich darauf von dem aufgeklärten Doktorssohn einen Tritt, aber das galt wohl mehr dem Frosch, den ich ihm versehentlich ins Gesicht geschleudert hatte. Nun kauerten wir alle im Garten. Es roch bittersüß nach Mime, nach merkwürdigen Arzneikräutern, deren beizender Duft mir ängstlich bekannt vorkam; vor uns krochen bie Schatten ber Gemüsebeetfurchen bem Hause zu, bas stumm unb totenstill uns erwartete. An einem niebrigen Holzverschlage sammelten wir uns, bie Anzüge beklebt mit feuchter Ackererbe unb übelriechenden Sachen, bie ben Gemüsepflanzen hatten zugute kommen sollen. Taube-Gustav teilte bie beiden Mitgänger als Wache ein. unb wir wollten einmal probieren, ob bie Tür offen war. Sie war offen. Der Doktorssohn brückte an der Klinke, da ging die Türe lautlos wie ein Drachenmaul, das aufklappt, vor uns auf und wies uns in eine imgeftalte Finsternis hinein. Das schien sogar den starken Taube eigentümlich zu rühren, denn er meinte, der Doktorssohn, ber sich so aufgespielt habe, solle die Wundersalbe holen. Aber es kam nicht mehr dazu. Denn während noch flüsternd hin und her beraten wurde, geschah etwas, das uns die Haare einzeln, ganz langsam turmboch zog und die Füße ebenlo Hafter- tief in den Grund wurzelte. Ein Luftzug als ob ein Bündel ^^«rmäufe norübergebufrfit fei, bauchte flatternd m rüber und in bas Haus hinein, unb bann büvtte ein dünnes kicherndes Gelächter durch den bim'-'n Flur, daß uns di- Nipnen ein-ein zu lihM^rn begannen. Keiner '--kam bie Füße vom Boben fort. Mit weichen Knien hatte uns der Schreck hin- gemauert und der Zauber gebannt. Glühend, gelachternd kam das Dunkel auf uns zu und, hilf Himmel, jetzt rief dünn und fpottifch eine krächzende unmenschliche Stimme, unterbrochen von schrillen Vogelpf lffenunslatige Worte, von denen ich keines richtig mehr verstand, weil ich bte Fuße losbekommen hatte von der Schwelle und rannte, sinnlos rannte, gepeitscht von Büschen, gestriemt von Brennesseln, bis ich eingefangen m der Hecke hängen blieb. Dann war ein wirbelnder Stock über unfern Rucken, die wir uns mühten durch den dichten Busch zu kriechen, ein unbarmherziger ' Stock der Knüppel aus dem Sack, der also auch hier Dienste tat, und es war nur ein Glück, daß die Rupper-Muhme, die ihn so hexisch böse handhabte, nicht mehr so hurtig auf den Beinen war wie wir. Als wir endlich aus den Schlehen heraus uns schnaufend im Straßengraben wiederfanden, hörten wir es wieder über uns flattern, pfeifen und kneifen, und dann faß flügelfchlagend ein schwarzer Vogel auf der Hecke, der krächzend Mörder, Lumpen, Diebe schrie, daß uns die Haare zwirbelten. Feuer blitzte aus seinem Schnabel; wir sahen es ganz genau, mie er mit riesigen Flügeln über uns wuchs, und unsere Beine gehörten uns solange nicht mehr, bis der aufgeklärte Doktorssohn keuchend schrie, wir seien blödsinnig und feige obendrein und er werde sich wegen einer lächerlichen Elster nicht die Zunge aus dem Leibe rennen. Was für eine Elster?" fragte zaudernd Taube-Gustav und blieb stehn. „Dummkopf", fauchte der Freigeist, zuckte mit den Achseln und drehte sich um. Die Turmuhr schlug zehn. Dumpf glitten die Glockenschlage tn das Mondlicht über dem kleinen Marktplatz. Da hob ich verzweifelt die Hand. Die anderen schauten stumm. „Es war keine Elster", flüsterte ich, „seht doch bloß einmal her!" ' ... Aus meinem Handrücken wurzelten wieder dick und rund die garstigen Warzen, genau dort, wo sie mir gestern um dieselbe Zeit fortgezaubert worden waren. Ich war verhext. Den beiden blieb der Mund offen stehen. Taube fühlte nach dem Muttermal, ohne Gruß schlichen wir voneinander. Es hat lange gedauert, trotzdem ich mit Fleiß und nimmermüder Bravheit büßte, ehe mich die Ruppert-Muhme aus ihrem Zauberkreis entließ. Es muh so kurz vor ihrem gottgefälligen Tode gewesen sein, als ich eines Tages zu meiner Seele Seligkeit wahrnahm, daß meine rechte Hand un- bemakelt den Federhalter hielt. Mißtrauisch wartete ich noch einige Zeit, aber alles blieb gut. Da schämte ich mich sogar ein wenig, und bekam es nach langem Ueberlegen fertig, eines Nachmittags im Herbst zu dem alten Friedhof hinauszugeyen. In eine Ecke des Totengartens hingeduckt, regenzerwuhlt und schon vergessen, lag das kleine Grab. Die Hände gefaltet, sah ich es mir an. Ein freundlich rot und gelb gemasertes Buchenblatt welkte herab. Ich fing es auf und grub es mit vielem emsigen Bemühen in die feuchte Krume. Unten über das alte windschiefe Haus tropfte aus schweren Regenwolken ein wenig Sonnenlicht. Ich bemerkte es, als ich mich von meiner stillen Gärtnerarbeit wieder ausrichtete. Da ging ich auf den Zehenspitzen leise davon und war närrischerweise der Meinung, daß mir nun die Ruppert- Muhme in alle Ewigkeit verziehen hatte. Johann Peter Hebel Zu seinem 175. Geburtstage am 10. Mai. . Von Dr. Heinrich LÜtcke. In der großen Bücherkiste, die in der Bodenkammer steht, habe ich ein altes Schullesebuch meiner Mutter aufgestöbert. Als Junge habe ich gern in dem kleinen Oktavband mit den stockfleckigen Seiten gelesen. Vor allem gefiel mir neben Lessings Fabeln, eine Geschichte aus Hebels Schatzkästlein: Kannitoerstan. Da kommt ein Handwerksbursch aus dem Schwarzwald nach Amsterdam und bleibt bewundernd vor dem prächtigen Hause eines reichen Handelsherrn stehen. „Guter Freund", redet er endlich einen Vorübergehenden an, „könnt Ihr mir nicht sagen, wie der Herr heißt, dem dieses wunderschöne Haus gehört mit den Fenstern voll Tulipanen, Sternenblumen und Levkojen?" Der geschäftige Holländer, der aus dem fremden Wortschwall nicht klug wird, macht sich mit einem kurzen „tan niet ver- ftaan" los. Der treuherzige Schwarzwälder aber denkt sich: „Das muh ein grundreicher Mann fein, der Herr Kannitoerstan!" Gah aus, Gaß ein, gelangt er zum Hafen mit feinem Wald von Masten. Von Bord eines gewaltigen Jndienfahrers werden Ballen und Fässer geschleppt und am Kai aufgestapelt. Schließlich wendet er sich an einen Lastträger, der eben mit einer Kiste auf den Schultern über den Steg kommt und fragt ihn, wem das Meer all diese Reichtümer bringe. „Kannitoerstan", sagte der Mann und geht keuchend weiter. Der Handwerksbursch aber beginnt zu sinnen, wie schwer es doch sei in der Welt, daß viele Leute so reich seien, indes er so ein armer Teufel bleibe. Da läutet in der Ferne ein Totenglöckchen. Stumm, in schwarzen Mänteln, naht ein Leichenzug. Den Hut in der Hand steht der brave Schwarzwälder andächtig, bis alles vorüber ist; dann aber greift er den letzten sacht beim Mantel: „Das muß wohl auch ein guter Freund von Euch gewesen sein, dem das Glöcklein läutet, daß Ihr so betrübt und nachdenklich mitgeht?" „Kannitoerstan!" ist die Antwort. „Da fielen unferm guten luttlinger ein paar große Tränen aus den Augen und es ward ihm auf einmal schwer und wieder leicht ums Herz. „Armer Kannitoerstan", rief er aus, „was hast du nun von allem deinem Reichtum? Was ich einst von meiner Armut auch bekomme: ein Totenkleid und ein Leintuch und von allen deinen schönen Blumen vielleicht ein Rosmarin auf die kalte Brust." •» Ich weih noch, was für ein Kindermitleid ich empfand, wenn ich das las. Und auch heute noch ist das Lächeln, mit dem man das naive Ge- fchichtchen lieft, von Wehmut überschattet. Es ist ein wenig Entsagung und stoische Lebensweisheit, zu der man durch das Leben und Sterben des Herrn Kannitoerstan gelangt. Lächeln und Entsagung liegt auch auf dem starkknochigen Alemannengesicht des Johann Peter Hebel, mit der hohen Stirn, den klugen Augen, dem würdevollen Backenbart, dem schalkhaften Mund und dem festen Kinn in der hohen weißen Halsbinde. „Ich habe die Hälfte in meiner Kindheit bald in einem einsamen Dors, bald in den vornehmen Häusern einer berühmten Stadt zugebracht. Da hab ich früh gelernt arm fein und reich fein, nichts haben und alles haben." Begegnete man dem Stadtschreiber, mahnte die Mutter auf zwanzig Schritt: „Peter, zieh s Chäppli ra, ’s chunnt a Her!" Er hat diese Worte sein lebelang nicht vergessen und wenn er in der Kammer saß mit den Ministern, dem künftigen Großherzog und dem Adel des Landes, so blieb ihm, der als höchster kirchlicher Würdenträger mit Titeln und Orden überhäuft war, immer die Befangenheit des Peterli, das vor dem Skribenten die Kappe zog. Das ist wohl auch der Grund gewesen, daß er sich nur im Freundeskreis in verqualmten Wirtshäusern, hinter einem Schoppen Wein und unsinnigen Rätseln wohl fühlte oder In seiner Studierstube, wo auf dem Pu« ein Bierkrug, eine hebräische Bibel, ein Seidenstrumpf des Hofanzugs und Manuskripte und Korrekturbogen sich zu einem Iunggesellenstilleben zusammenfanden. Nach dem frühen Tod der Mutter — den Vater hat er nie kennen gelernt — führte er das gedrückte, freudlose Leben des Freischülers aus dem Gymnasium illustre in Karlsruhe. Zwei Jahre nach dem Theologiestudium kam er als „Praeceptorialvicarius" an das Päda- qoqium zu Lörrach, mit einem Gehalt, dessen Kargheit in umgekehrtem Verhältnis zum Titel stand. Elf Jahre hat er Zeit gehabt, an seiner Antrittspredigt zu feilen. Seine Sehnsucht, eine Pfarre auf dem Lande, hat sich nie erfüllt; als er Professor der Theologie und Kirchenrat geworden war, da war er, fünfundvierzigjährig, scheu, kränklich, grau: ein alter Mann. Gustave, die „süße Jungfer Sauerampfer", die Liebe des jungen Vikars, war längst zur stillen Freundin geworden. Inmitten der arroganten Beamtengefellfchaft des kleinen Hofes entstanden die „Alemannischen Gedichte für Freunde ländlicher Natur und Sitte n", die Hebels Dichterruhm begründeten. Heimweh ließ in rofig-goldnem Licht die Erinnerung an das Wiefental erstehen. Als das zbruitelnde" Heimweh fortgefungen war, stellte er feinen „Pegasus beim Kurschmied" ein. Als sogar Goethe an ihn schrieb, rief er mit komischem Pathos: „Wer bin ich, o Herr, und wo ist mein Haus? Ich hab keins." Die Mundart hat verhindert, daß die „Liedli" eine weite Verbreitung erfuhren, und mit der Uebertragung verblaßt die leuchtende Farbigkeit. Zu den Privilegien des Gymnasiums illustre, an das er endlich als Subdiakon berufen worden war, gehörte die Herausgabe des „Badisch e n L a n d k a l e n d e r s". Seit 1807 hat er den Kalender, als „Rheinländischer Hausfreund", geleitet, und in diesen schlechtgedruckten und greulich bebilderten löschpapiernen Heften sind die kleinen Aufsätze und Geschichten erschienen, die Cotta später im „S ch a tz k ä st l e i n" gesammelt herausgab. Sie waren weiter verbreitet als die berühmtesten Werke seiner Zeit, bis nach Amerika; Hebel nennt die Zahl von 700 000 Lesern! Blättert man in dem Dutzend Jahrgänge, wird man überrascht durch die Sicherheit, mit der die Materien behandelt sind. Da gibt es astronomische „Betrachtungen über das Weltgebäude"; naturwissenschaftliche Aufsätze: über Schlangen, Maulwürfe und Prozessionsraupen, über Kälte, Regen und Lawinen; daß man die Kleider Verstorbener aushängen lassen soll, ehe man sie dem Trödeljuden verkauft, und wie man farbige Tinten macht. „Der geneigte Leser lieft fürs Leben gern Geschichten von Räubern, grausamen Mordtaten und blutigen Hinrichtungen", und da erzählt er nun von den fürchterlichen Verbrechen in Neapel. Das Interesse am Kriminellen überhaupt — der Schädelforscher Gall behauptet, daß das Diebesorgan beim Herrn Kirchenrat Hebel besonders stark ausgeprägt gewesen sei — zeigen die vielen Betrügergeschichten, darunter die vom „Bösen Markt", die C h a m i s s o als Vorbild für fein Gedicht gedient hat, und die Eulenfpiegeleien vom Zundelheiner und vom Zundelfrieder. Gespenster-Erzählungen sind sehr beliebt; sie kriegen aber meist eine rationale Aufklärung: einmal sind's Falfchmünzer, einmal ein Bauer, der die Leute abschrecken will, nachts des kürzeren Wegs halber über feinen Acker zu laufen. Sogar das schottische Seeungeheuer spukt schon durch den Kalender. Sensationsmeldungen: eine Feuersbrunst in Italien, eine Pul- verschissexplosion in Leiden, der Brand von Moskau. Einmal findet sich zwischen den Schwänken ein Bericht, der ein grelles Licht auf das Elend der Zeit wirst: unvorstellbar, daß eine Aachener Nähnadelfabrik fast ausschließlich acht- bis zehnjährige Kinder, Mädchen zumeist, beschäftigte! Auch Statistik gibt’s: was in Wien draufgeht, was zu einem Kriegsschiff gehört, wie groß die Armee des französischen Kaisers ist, wieviel Kanonen sie hat, und was sie kostet. Als loyaler Untertan ist der Herr Hofdiakon gut rheinbündisch. verspottet die „zurückavancierenden" Oesterreicher und bringt rührende Geschichten von der Leutseligkeit Napoleons. Einmal sagt er, ein wenig beschämt, er lebe auf einer „insula fortunata mitten in dem Meer von Tbränen und Ungemach". Und dann erzählt er rasch wieder eine behagliche Schnurre: wie der Hertinger Bauer und der Schulmeister sich mit Ohrfeigen und Bibelzitaten regulieren, und wie der Jäger sich nicht einmengen mag, weil sie einander die heilige Schrift auslegen. Das Ganze in zwanzig Zeilen einschließlich moralischer Nutzanwendung hingeschrie- ben, ein kleines Meisterwerk der Kurzgeschichte. Hebels Gefühl für die Sprache des Volkes ist unerreicht geblieben. Im Atter hat Hebel im Auftrag der Regierung feine „Biblischen Geschichten" geschrieben, in denen das bis zur Grausamkeit übersteigerte Pathos der atttestamentarischen Gestalten in lebenswarme Deütschheit übertragen ist. Der Autor müßte nun mit erhobenem Zeigefinger dozieren: „Wurde 1819 zum Prälaten und 1821 von der Universität Heidelberg zum Ehrendoktor der Theologie ernannt. Er starb am 22. Oktober 1826 in Schwetzingen." Der Autor tut dies mitnichten. Er hat sich in den Sessel unter der Stehlampe zurückgezogen und lieft noch einmal die Geschichte vorn Kan- nitoerftan ... Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl’sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieß en.