GietzenerKimilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1935 Montag, den 9. Dezember Nummer 96 Lars der Gerechte Roman von Wilhelm Scharrelmann (4. Fortsetzung.) „Na, siehst du, und da hab ich denn gesessen und überlegt und immer wieder überlegt und gerätselt, was ich tun tun sollte, denn es war ja klar, daß ich kein Recht hatte, das Paket zu öffnen, und daß ich von Rechts wegen so lange hätte warten müssen, bis du zurückkamst. Aber nun stieg die Not mit jedem Tage. Das mußt du bedenken, Krick, und es war nicht leicht, immer so zu tun, als wäre dein Paket überhaupt nicht da, und zuletzt ließ es mir einfach keine Ruhe mehr. Nun, dachte ich, wenn du die Hälfte von dem kriegen sollst, was darin ist, — Krick kann es ja egal sein, ob du sie jetzt schon kriegst oder später, und da hab ich denn eines Nachts das Paket aus der Kommode genommen und das Geld, das darin war, richtig gezählt, und als ich es dann geteilt hatte, wie du vorgeschlagen hattest, war es für mich so viel, daß ich ganz übermütig wurde und auf die Idee kam, mir ein kleines Anwesen dafür zu kaufen. Ich hab zuerst selber einen kleinen Schreck dabei gekriegt, das kannst du mir glauben, aber der Gedanke ließ mich einfach nicht wieder los. Tag und Nacht muhte ich daran denken. Na ja, es hat keinen Zweck mehr, daß ich dir alle Einzelheiten erzähle, wie es sich dann mit dem Hause hier gemacht hat. Ich habe lange darum gehandelt, denn es war doch etwas mehr, als ich zahlen konnte. Aber es war nicht anders zu machen, und zuletzt mußte ich von dem deinen noch etwas mit hinzunehmen ... Es ist mir nicht leicht geworden. Aber wenn man dem Teufel einmal die Hand reicht, nimmt er gleich den ganzen Arm." „So, so", sagte Krick, „na, was du mehr genommen hast, kannst du mir ja wieder hinzulegen. Das ist ja nicht weiter von Belang, sollte ich meinen." „So leicht, wie du meinst, ist das denn doch nicht", entgegnete Lars, und ein leises Beben trat in seine Stimme. „Denn du mußt bedenken, nun hatte ich das Anwesen hier und konnte so viel anzahlen, wie man verlangt hatte. Aber nun ging es erst los mit dem Geldausgeben. Da kam der Staat und der Anwalt in der Stadt, und zuletzt mußte ich doch auch daran denken, eine Kuh zu kaufen, ein Pferd und «inen Wagen, ein paar Ferkel und die Hühner, siehst du. Es war nicht leicht, in Gang zu kommen, aber nun ich A gesagt hatte, mußte ich auch B sagen, da war einfach kein anderer Weg. Denn nun kam noch bie1 Einsaat, kam das Futter für das Vieh. Im nächsten Jahr wird das alles schon leichter für mich werden, das ist sicher. Aber was hilft mir das, wo du so unverhoffst wiederkommst und sagst: „Her mit dem, was mir gehört!" „Was?" rief Krick, „du willst doch nicht sagen, Lars Hullmann, daß du das ganze Geld —" „Nein", unterbrach ihn Lars, „das brauchst du nicht zu glauben. Aber es fehlen ein paar Hundert, und du mußt schon ein wenig Geduld mit mir haben ... Ich weiß, es war unrecht von mir, aber ich wußte mir sonst keinen Rat, siehst du, und schließlich hast du es nicht so schwer erworben, sollte man denken? Am Ende bist du einverstanden, wenn ich es abbezahle? Vielleicht, daß ich es in drei oder vier Jahren schaffen kann." „Das ist ja eine schöne Bescherung", sagte Krick. „Aber ich will dir etwas sagen, Lars Hullmann, du hast mir damals den Gefallen getan, — gut, wir wollen nicht weiter darüber reden. Ich will dir einen anderen Vorschlag machen. Es gefällt mir gut hier, und da ich im Augenblick nicht weiß, wo ich es besser hätte, bleibe ich für ein paar Jahre hier, und du und Lena verpflegt mich für das Geld, das du mir schuldest. Was meinst du?" „Nein", erwiderte Lars und schüttelte bestürzt den Kopf, „das wäre wohl nicht das Richtige. Wir haben auch nicht den Platz. Du bist ja nun ein Mann von Geld und kannst es besser haben, als bei uns." „Unsinn!" entgegnete Krick. „Ich sage dir ja, es gefällt mir hier gut, und ich glaube, wir könnten dem Schwein, das du da im Rauch hängen haft ganz gut zu dreien zu Leibe gehen, hahaha! Und warum sollten wir uns nicht vertragen? Wir kennen uns beide gut genug, sollte man sagen und was Lena betrifft, so wird sie schon einverstanden sein. Sie tat ja vorhin mächtig fremd, aber das hat bei Frauensleuten nicht gerade viel zu bedeuten. Früher haben wir uns ja immer gut verstanden Lena und ich und ich glaube, sie braucht nicht lange darüber nachzudenken, damit es ihr wieder einfällt. Aber damit mag sie es nun halten, wie sie will. Zuletzt lieben alle Frauen die Abwechslung, siehst du, und freuen sich immer, wenn sie jemand haben, der sie unterhält. Und das werde ich chon besorgen, da kannst du ganz unbesorgt etn^ Schließlich hat unsereiner in den Jahren drüben ja mehr erlebt, als ihr euch hier wohl habt träumen lassenl" „Oh", antwortete Lars gedehnt und wußte nicht gleich, was er antworten sollte. „Gewiß, was Lena betrifft, so —" „Denn siehst du, die Stadt ist jetzt nichts für mich, das wirft du ja einfehen. Wenn ja nun auch längst Gras über die Geschichte gewachsen ist — besser ist besser, meine ich, und hier bei euch kennt mich kein Teufel." „Nun bist du bei dem, was ich vorhin schon fragen wollte", fiel ihm Lars ins Wort. „Und darum mußt du einsehen, daß es für uns nicht gut möglich ist, dich bei uns zu behalten ... Denn Gott strafe mich, aber ich habe ja längst jeden Tag gewünscht, daß ich das verdammte Geld niemals angerührt hätte, nun ich doch denken Konnte, daß du eine so große Summe wohl nicht auf ganz ehrliche Art erworben hast, wie?" „Na, nun tu mir bloß nicht leid , sagte Krick, und eine Wut überkam ihn. War es zu glauben? Da saß dieser Lars Hullmann, hatte sein Geld vertan und machte ein Gesicht wie ein Schaf! „Ich hätte es mir ja eigentlich vom ersten Tage an sagen müssen", fuhr Lars fort, „wenn ich auch nichts Sicheres darüber wissen konnte. Aber dann sagte ich mir jedesmal wieder: Was geht es dich an? Und siehst du, damit hat das Unglück eigentlich schon begonnen, das sehe ich ja nun ganz klar." „Ach, geh zum Teufel!" schrie Krick nun in vollem Aerger. „Willst du heute vielleicht deine Hände in Unschuld waschen?" „Nein", sagte Lars still. „Ich sage ja, daß ich es nicht hätte anrühren dürfen ... Denn Diebstahl ist Diebstahl, und Diebesgut ist Diebesgut!" „Diebesgut? ... Wer sagt dir denn, daß ich das Geld gestohlen hatte?" „Wie?" fragte Lars verwirrt und stand von feinem Stuhle auf, „du hast es nicht gestohlen? Vielleicht nur gefunden und für dich behalten, Krick? Aber das ist auch so gut wie Diebstahl, sage ich dir, und wenn es laut wird —" „Ach, halt den Mund mit deinem Gewäsch, ja? Ich habe noch keinen solchen Esel gesehen, wie du einer bist!" „Nein, nimm es nicht übel", bat Lars, glücklich darüber, daß ihm die schwerste Last von der Seele genommen war, an der er mehr zu schleppen gehabt hatte als an seinem mühseligen Leben vorher. „Ich bin kein Unmensch, Krick. Mag es mit dem (Selbe stehen, wie es will. Wenn du sagst, daß du es ehrlich erworben hast, so ist natürlich kein Grund, daß du nicht hier bleibst —" „So? Kommst du nun endlich aus deinem Bau, alter Fuchs? Ehrlich erworben, sagst du? Hast du dir ausgerechnet, wie lange ich daran hätte sparen müssen, um es zusammenzubringen, und hast du vergessen, wie es uns beiden damals ging? Meinst du, ich wäre damals umsonst nach Amerika gegangen, was? Nein, mitgegangen, mitgefangen! Du sitzt ebenso dran, wie ich, wenn es einmal an den Tag kommen sollte, das kann ich dir versichern, alter Freund. Da kenne ich keinen Spaß." „Was ist das?" stammelte Lars. „Nein, nun mußt du mir offen sagen —" „Zum Satan, muß ich dir erst noch auf die Sprünge helfen, du? Hast du vergessen, daß wir das Ding zusammen gedreht hoben und hätte ich dir sonst für das Aufbewahren die Hälfte zugesagt, wie?" „Nein, mach einen Punkt, Krick", sagte Lars, und seine Stimme bebte. „Ich will hier nicht gesund vom Stuhl aufstehen, wenn ich versteh«, was du sagen willst." „Das ist allerhand", höhnte Krick. „Aber stell dich nicht länger dümmer als du bist, sonst läuft mir die Galle über, kann ich dir sagen. Oder hast du vergessen, daß du für mich Schmiere gestanden hast; damals, als ich mir das Geld besorgte?" „Wer, ich? Für dich Schmiere gestanden? Davon weiß ich wirklich nichts, Krick", stammelte Lars. „Sieh doch einer an!" sagte Krick und schüttelte drohend die Faust. „Du glaubst doch wohl selber nicht, alter Aalkopf, daß du bei mir mit solchen Redensarten durchkommst und dir hinterher die Hände in Unschuld waschen kannst? Aber so siehst du aus! Ich war der Satan, und du hattest von nichts eine Ahnung, was? Bring mich nicht ins Lachen, du!" „Ich weiß wirklich nicht, was du meinst, weiß Gott!" antwortete der unglückliche Lars. „So!" höhnte Krick. „Du weißt wirklich nicht? Das ist doch geradeheraus zum Lachen, alter Freund. Dann erinnerst du dich auch wohl nicht an den Abend, an dem wir beide über Land gegangen waren zu hamstern, und ich dich auf der Landstraße nach Holthusen bat, vor dem kleinen Laden zu warten, du weißt doch, da wo der Weg nach Toregge abgeht? Es war ein Wetter wie heute, so ein fisseliger, kalter Regen, und der Wind war dabei, und wir waren beide hungrig und müde. Du am meisten, Lars Hullmann. Nein, dich soll doch der Teufel holen, wenn du das nicht mehr weißt!" „Doch", sagte Lars, „das alles weiß ich noch sehr gut. Du bliebst so merkwürdig lange drinnen, und als du endlich wieder herauskamst, hattest du eine verdammte Eile davon zu kommen." „Na also", sagte Krick, „da brauch ich deinem Gedächtnis ja nicht weiter aus die Beine zu Helsen. Denn dann wirst du auch noch wissen, daß Ich dir sagte, wenn etwas ist, dann komm herein und tu, als wenn du etwas kaufen wolltest?" „Aber das war doch nur wegen der Gendarmen, die damals so scharf auf alles waren, was hamsterte." „Sie doch an, wie schlau du bist! Natürlich war es wegen der Gendarmen, du Schafskopf! Aber streite gesälligst nicht mehr ab, daß du damals Schmiere gestanden Hast, alter Bursche. Uebrigens hattest du auch allen Grund, mir ein wenig behilflich zu sein. War es nicht in der Zeit, als Lena was Kleines kriegen sollte, und du nichts rechtes für sie zu beißen hattest, so daß sie mit jedem Dag elender wurde? Der kleine Jan kann es wohl nicht gewesen sein, den Lena damals erwartet, wie?" „Doch", stotterte Lars. „Du weißt, es war ihr erstes Kind damals, es ist auch ihr einziges geblieben." „Damit mag es nun geworden sein wie es will. Aber du kannst doch nicht gut bestreiten, Lars Hullmann, daß es nur meine Gutmütigkeit war, wenn ich damals ein wenig für euch mitsorgte? Denn ich wußte ja seit langem, was für ein Hasenherz du hast, und habe die Sache darum lieber allein gemacht. Aber sich heute davon drücken wollen, so etwas gibt es nicht, daß laß dir gesagt jein." „Welche Sache denn um Gotteswillen?" stöhnte Lars. „Welche Sache? Fragst du mich wirklich noch danach?" „Ja", antwortete Lars. „Ich frage dich darum, Krick. Denn du hast mir nie klaren Wein darüber eingeschenkt, siehst du. Ich weih nur noch, daß du mich, als wir wieder in die Stadt kamen, in die „Ente" schlepptest und eine Lage Bier und Schnaps ausgabst." „So. also daran wenigstens erinnerst du dich? Das ist immerhin ein Anfang. Aber warte nur, du wirst dich noch an mehr erinnern, wenn du io freundlich sein willst. Vielleicht fällt dir jetzt auch wieder ein, daß ich dir schon auf dem Nachhausewege sagte, daß ich so schnell wie möglich weg müsse aus der Stadt?" „Ja, davon hast du gesprochen, Krick. Aber du weißt sicher auch noch, daß ich nicht begreifen konnte, wie du mit einem Male auf den Gedanken kamst." „Das begreifst du nicht? Na, weiht du, das kannst du einem anderen erzählen. Hab ich dir nicht gesagt, daß ich mich länger mit der Alten aufgehalten hätte, als ich angenommen hatte? Mußte ich da noch deutlicher werden?" „Krick!" schrie Lars auf. „Das — das war doch dein Ernst nicht, Krick. Nicht einen Augenblick habe ich geglaubt, daß du —" „Mein Ernst nicht? Was war es denn sonst, du Suppenkasper?" fragte Krick flüsternd und zog die Mundwinkel höhnisch herab. „Meinst du, dah es Jux war und dah ich nur zum Vergnügen nach Holland fuhr und nach Amerika ging?" „Nein, das wohl nicht", erwiderte Lars. „Aber — daß du eine solche Sache aüs dem Gewissen hattest, Krick —" „Na, was denn? Sprich dich nur aus. Du hast wohl angenommen, daß mir die Alte das Geld meiner schönen Augen wegen geschenkt hätte, was!" „Krick," stammelte Lars, „mach mich nicht unglücklich! Ich schwöre dir, dah ich niemals geahnt habe---" „Was hast du denn gedacht, woher ich das Geld hätte, du Schlaukopf?" „Ich wuhte ja gar nicht, wieviel es war, Krick, hab das Paket nur so hingenommen, als du es mir gabst und mich batest, verwahr es mir, Lars. Denn so sagtest du. Natürlich kriegst du die Hälfte von dem, was drin ist ... Und es wog sich so leicht in der Hand, Krick. Ich dachte, du hättest es vielleicht gesunden, und ich wollte dich doch auch nicht hineinreißen damit, nicht wahr, und darum schwieg ich. Ich hätte es nicht tun sollen, ich weiß wohl und will mich nicht reiner waschen als ich bin. Darum hab ich ja auch das Paket Jahre hindurch gar nicht angerührt, und erst als du nie wieder von dir hören ließest und sich niemand meldete, habe ich gedacht, daß wohl niemand das Geld vermisse, und nun lag es da und nützte niemand etwas —" „Da war es gut genug, daß du dir die Hälfte nahmst und noch von dem meinen dazu, nicht wahr? Der Teufel soll mich holen, wenn du nicht der scheinheiligste und gerissenste Spitzbube bist, der mir je vorgekommen ist!" Lars antwortete nicht. Der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn. „Gott! Mein Gott!" stammelte er leise. „Ich glaube", fuhr Krick fort, „wenn ich noch ein paar Jahre drüben geblieben wäre, hättest du in Ruhe alles aufgefressen gehabt, nicht wahr?" „Nein, Krick, es war nur meine Not, siehst du ..." „Deswegen! Alter Drückeberger! Oder glaubst du, daß es mir nur um mich gegangen wäre, als ich mich von der Alten zum Erben einfetzen lieh und der Einfachheit halber die Erbschaft gleich mitnahm?" „Krick, um alles, was dir heilig ist —I" „Flenn doch nicht, du Klageweib", flüsterte Krick. ,Hch sag' dir, daß sie nicht lange zu leiden gehabt hat. Schmerzloser ist so leicht noch keiner hinübergekommen, das kannst du mir glauben. Und mitten in dem Vergnügen ihre Moneten zählen! Mag der Teufel wissen, woher sie sie hatte. Sollte ich sie wirklich liegen lassen? Denn die Ladenkasse habe ich nicht angerührt und angesehen hat man es ihr auch wohl nicht, daß ich ihr ein wenig nachgeholsen habe. Im Ernst, sie war schon halb hinüber, als ich zu ihr ins Zimmer trat. Sie saß im Sofa und stand nicht einmal aus, als ich hereinplatzte und ihr das Sosakissen aus den Mund drückte. Es ging schneller damit, als ich selber angenommen hatte. Darum hat hinterher auch wohl niemand angenommen, daß ihr jemand beigestanden habe, ich hätte deswegen gar nicht so lange drüben zu sein brauchen. Also mach dir keine Angst, daß es herauskommen könnte. Nur so dumm wie vorhin mußt du mir nicht wiederkommen, hörst du! Das kann mich nun geradezu wild machen, sage ich dir!" Lars war halb betäubt vor Entsetzen. Ein Schwindel ergriff ihn, und er mußte sich wieder setzen, wenn er nicht umsinken wollte. „Was sagtest du, wieviel an dem meinen fehlen?" fragte Krick, „Siebenhundert? Eine nette runde Summe. Oder hast du auch darin gelogen, und wenn es ans Zählen geht, ist am Ende überhaupt nichts mehr da? Denn fähig bist du dazu, Lars Hullmann, davon bin ich überzeugt. Also mal heraus mit den Lappen. Ich will endlich wissen, wie ich mit dir daran bin." „Ja, ja", stöhnte Lars. „Sprich nur nicht so laut, hörst du? Es ist nicht nötig, daß du es auch Lena noch in die Ohren brüllst. Ich sagte dir doch, dah sie keine Ahnung hat." „Das wäre ja auch noch schöner, einem Weibsbild davon zu erzählen. Dann könnten wir morgen nur gleich beide Arm in Arm zur Polizei gehen. Also heraus mal jetzt mit dem Geld!" Aber nun hatte Lars sich wieder, und das Entsetzen, das ihn erfüllte, verwandelte sich in Wut und Abscheu. „Ja, ja", wiederholte er und hob nun selber die Stimme, als solle Lena in ihrer Kammer ihn hören. „Glaub nur nicht, dah ich ein einziges Stück von dem verdammten (Selbe noch einen Augenblick im Hause haben will." „Na, finnig!" mahnte Krick höhnisch. „Bisher war es dir doch ganz lieb, daß du es hattest, nicht wahr? Und bange im Ausgeben bist du ja auch nicht gerade gewesen." Lars hörte ihn kaum noch. Mit bebenden Händen tastet er sich in die Kammer, um den Rest des Geldes aus dem Auszuge in der Kommode zu holen, wo er ihn verwahrt hält. Um Lena nicht zu stören, hat er die Holzschuhe vor der Tür von den Fühen geftreift. Aber Lena schläft nicht, Atemlos hat sie auf den Wortwechsel draussen gehorcht, und da sie die Worte nicht verstanden hat, macht die Unsicherheit sie nur noch unruhiger. „Was ist denn bloß mit euch?" flüstert sie hastig und richtet sich Im Bett auf, wo sie auch den Kleinen untergebracht hat. „Was will Krick von dir?" „Still!" flüstert« Lars. „Ich erzähl es dir morgen. Ich soll ihm mit Geld aushelfen, weißt du, und damit werde ich ihn, wills Gott, nun wohl wieder los.“ „Ja, sieh nur zu, Lars! und streite dich nicht mit ihm, horst du? Hast du denn Geld? Immer noch? Und wieviel willst du ihm geben?" „Ach", flüstert Lars, und es soll verächtlich klingen, so wie er es sagt, „er hat mir früher mal was geliehen, und nun will er es zurückhaben, und ich hab nicht ganz so viel, siehst du! Darüber ist er nun ärgerlich geworden." . Er hat den Schlüssel zu seinem Auszuge in der Kommode unter seiner blauen Leinenbluse hervorgenestelt, unter der er ihn an einer Schnur um den Hals trägt. Aber seine Hände zittern so, daß er ihn nicht ins Schlüsselloch bringt. „Hast du denn immer noch was in der Ecke, Lars? Ich meinte — „Nur eine Kleinigkeit, Sena, die ich für alle Fälle zurückgelegt hatte und eigentlich nicht angreifen wollte." Mit fliegenden Händen tastet er nach dem Paket, in dem ihm Krick damals das Geld gab. „Schlaf nun endlich ein, Lena", flüstert er, als er hinausgeht und die Tür leise wieder in die Klinke drückt, damit nicht auch der Kleine noch erwacht und noch ihm zu meinen beginnt. Denn meistens, wenn er erschrickt oder ihm etwas fehlt, schreit er nach feinem Vater, selten dah er einmal nach seiner Mutter verlangt. „Da hast du es!" sagt Lars und schleudert das Geld auf den Tisch, als brenne es in seiner Hand. „Zähl es gefälligst — und dann raus mit dir aus dem Haus! Sofort!" Ein Jähzorn ist in ihm aufgeflammt, nun er Kricks Miene wieder sieht, so daß er Müße hat, sich zu halten. „Was ist denn bloß mit dir los?" fragt Krick verwundert. „Du hörst ja, was ich sage! Keine Stunde bleibe ich mehr mit dir unter einem Dach!" Ne Stunde brauche ich nicht zum Zählen", antwortete Krick gleichmütig. „Nur Geduld, ich bin gleich fertig." „Den Rest kannst du dir in vier Wochen holen, die siebenhundert, die daran fehlen, und die andere Hälfte dazu! Ich will nichts mehr damit zu tun haben, verstehst du? Keinen Pfennig will ich von dir und diesem verdammten (Selbe noch länger im Hause haben!" „Wie du willst!" antwortet Krick kalt. „Aber glaube nur ja nicht, daß du damit frei wirst, Lars Hullmann! Und wenn du dir einfallen läßt, zu schwatzen, kannst du sicher sein, daß du mir auf ein paar Jahre Gesellschaft leisten wirst im Kittchen, verstehst du?" Er hatte gezählt und schob die Scheine nun in die Tasche. Es stimmte bis auf das, was Lars für sich verwendet hatte. Höhnisch lächelnd griff er nach seiner Mütze und ging zur Tür. „Na, denn also in vier Wochen, nicht wahr? Die Nacht hättest du mir ja immerhin noch gönnen können, nun du mir das Haus hier verdankst und alles, womit du dich heute aufspielen kannst. Aber daran denkt so einer wie du nicht, nicht wahr? Wenn du dir nur einbilden kannst, du hättest mit der Geschichte nichts zu tun gehabt — hahaha! Dafür mutz unsereiner dann bei Nacht und Wetter aus dem Haus«. Als wenn man die Pest an sich hätte." „Das ist nun nicht anders", sagte Lars. „Na, denn auf Wiedersehen in vier Wochen. Sieh zu, daß du bis dahin die Lappen zusammen hast. Leichter wäre es ja für dich gewesen, wenn du mich statt dessen so lange in Pflege genommen hättest, bis wir quitt gewesen wären, verstehste? Vielleicht, daß Lena mich lieber im Hause gehabt hätte, als sie dir wohl verraten hat. Hahaha!" Noch lachend, riß er die Tür auf, und es war wohl der Wind, der sie mit einem Knall in die Klinke warf, daß es wie ein Schuß durchs Haus ging. Ausatmend stieß Lars den Riegel vor. „Ist er weg? Wirklich weg?" rief Lena aus der Kammer. „Und bas jetzt noch? Mitten in ber Nacht?" „Ja", antwortete Lars. Aber baß Krick in vier Wochen wiederkommen würde, verschwieg er. (Fortsetzung folgt.) streckte, kam allsoglekch eines und legte sich hlnekn. Dieses, da; sich tn ihre Hand bettete, brachte die Empfindung eines unbeschreiblich leichten, aber sehr freundlichen Händedrucks. Wiederum ein Willkommensgrußl Sie wunderte sich über sich selbst, aber sie merkte, daß sie mit einem Lächeln um die Lippen in das neue Heim hineinging. Was war das für ein Haus, das sie mit Kuß und Händedruck empfing... Einige Wochen daraus schrieb sie mir und forderte mich auf, sie in dem neuen Heim zu besuchen. Kaum war ich angekommen, als ich auch schon merkte, daß sie ihr früheres Ich wiedergefunden hatte. Sie war wieder lebhaft, heiter, hoffnungsfreudig, dieselbe Bezauberin wie ehedem. Ich fand sie auch höchst behaglich eingerichtet in einem alten Eisenwerk-Herrenhof, der allerdings ein wenig verfallen, aber noch ganz wohnlich war. Eigentlich verriet nur das mutwillige Eindringen des Unkrauts in die Blumenbeete, daß er in den letzten Jahren ein bißchen vernachlässigt worden war. Aber sonst! Welche Flucht großer, prächtiger Wohnräume, welcher trauliche Altan, welch riesige Küche, welch lange Reihe besonnter Fensterl Und welch schönes Bild bot doch die ganze Gegend, namentlich bei Sonnenuntergang, wo man tannenbestandene Höhen, vereinzelte ferne Häuser und einen runden Kirchturm, alles wie auf einem alten Stich, In bläulichem Schimmer aus der Umrahmung riesengroßer Rüstern hervor- treten sah. Kein Wunder, dachte ich mir, daß sie glücklich ist, hier zu leben, wo alles so gediegen, so fürsorglich eingerichtet ist. Es liegt etwas Erbauliches darin, an all die verständigen Menschen zu denken, die all diese Wirtschaftsgebäude rings um die zwei großen Häuser aufgerichtet haben. Man freut sich bei dem Gedanken an all die Arbeit, die hier verrichtet worden sein muß, nicht nur von dem Herrn des Hauses im Hüttenwerk und Im Kontor, sondern auch von der Hausfrau in Küche und Keller und Backstube. Obwohl fast alle die großen Häuser leerstehen, kann man sich, wenn man hier herumgeht, von Arbeit erfüllt träumen, von allen erdenklichen Lebensmitteln, von Reichtum, mit einem Worte gesagt. Man kann sich auch in die großen Festmahlzeiten und Schmause hineindenken, bfe fröhlichen Maskeraden, die Schlittenpartien, die Bälle. All die affen Möbel sind weggeräumt, bis auf ein ungeheures Salonsofa, steif im Rücken, mit Roßhaar gestopft, und so lang, daß neun Gutsfrauen bequem darauf Platz haben. Ein solches Sofa verrät wirklich allerlei von der Pracht und Herrlichkeit vergangener Zeiten. Eines Tages fragte ich meine Freundin, ob wohl dieser alte prächtig» Herrenhof ihr ihre fröhliche Laune wiedergegeben habe. „Ach nein, gewiß nicht. Doch, vielleicht in gewisser Weise. Ich hoffte du würdest von selbst daraus kommen. Du hast also nichts gemerkt?" Nun begann sie zu erklären. Sie hatte allerdings nichts llebernaftoi liches gesehen, auch nichts gehört, aber dennoch war sie fest davon durchdrungen, daß es hier etwas geben müsse, sie konnte es nicht mit Namen nennen, aber es hatte sie vom ersten Abend an beständig umschwebt. Wenn sie an die vorangegangene schwere Zeit zurückdachte, bann wußte sie, daß sie damals dem Wahnsinn nahe gewesen war. Aber hier war sie unter einen Einfluß gekommen, der sie gerettet hatte. Sie wollt» sich die Sache in der Weise erklären, daß hier einmal eine lichte, fünfte, heitere, junge Frau gelebt hatte, die von allen geliebt wurde, nicht nur von den Menschen, nein, auch von den Tieren, den Vögeln, den Bäumen und Blumen. Sie wollte sich denken, daß man sich hier auf dem Gutshof ihrer noch entsann, daß das innerste Wesen dieser Frau hier fortlebte, milde nachgiebig, segenspendend. Sie glaubte, daß sie selbst vom ersten Augenblick an mit seltsamer Zärtlichkeit von allem hier umfannen worden war. Sie fühlte, daß die Bäume, das große, alte Haus, die Spatzen und Schmetterlinge ihr gut waren. Dies hatte sie vermocht, wieder auszuleben. Sie glaubten vielleicht, alle dies« Dinge, denen man sonst keinerlei Gefühle zuerkennen will, daß sie die Tote fei, daß bas Wesen, das sie geliebt hatten, zurückgekehrt war. Ich konnte es nicht lasten, ganz leise über diese Vorstellung zu lachekn. Sie merkte sofort, daß ich sie allzu phantastisch fand. Du" sagte meine Freundin, „du sollst nicht über etwas lächeln, bas wirklich und wahrhaftig wahr ist, du sollst dich hineindenken, wie ffc wohl gewesen sein mochte, diese andere. Du sollst sie in den Farben der Blumen sehen, sie in den Trillern der Gartensänger hören, und sie vor allem in den Fläumchen der Rüstern spüren, so daß du sie in Wort und Schrift heraufbeschwören, sie noch einmal Wiederaufleben lassen kannst" Wunderbare Nacht. Von Erwin Seddin g. Mein lieber Vater, den ich dich auf Erden nicht mehr errufen kann —: weiht du es schon? Gott gab mir heute meinen ersten Sohn und ließ auch dich im Blut unsterblich roerbenl Wir sind allein. Der Junge schläft im Dunkeln bei seiner Mutter. Stille ist im Haus. Am Fenster lehnend blicke ich hinaus zum Himmel hoch, von dem die Sterne funkeln. Ist das die Welt, aus der wir alle kamen? — Ach, wenn es dir erlaubt ist, Gott zu sehn von Angesicht, mein Vater: bleibe stehn und beug dein Knie vor ihm in meinem Namen! Das Künfflerfest. Eine Geschichte von Edith Zubert. „Ein Krösus tritt herein!" schrie Bernd und schlug die Tür fiegfrrft hinter sich zu. „Hundert Mark nenne ich mein eigen! Jungfrau, tote äußerst du dich auf diese Kunde?" „Du hast gestohlen", sagte Inge trocken. .... - „Ich bin kein Dieb —, ich bin ein Künstler! Solltest du das oergeflBt ha^Nicht grabe —, aber soll ich etwa annehmen, du hättest ein Bild Der« FaU^Sem ist also!", erklärte er großartig, „und zwar meinen ,Vlck Über die 'Vorstadt', fabriziert auf eurem werten Dach. Wo ist Ronny? Auf eben jenem werten Dach und klopft den Stolz unseres Hauses, unseren Teppich!" Inge bemächtigte sich eines gewaltigen Pakets das Bernd unter den Arm geklemmt hielt. „Sollte Torte drin fein so ist sie jetzt Mus", meinte sie freundlich. „Immerhin wollte ich grabe Kaffee kochen. Komm, mahl ihn!" . „ „ Ein erfolgreicher Künstler in eurem Kamnchenverfchlag Kaffee mahlen? Weib, bu hast eine Alltagsseele!" sagte er bekümmert „Ich hab nur Angst, baß bu überschnappst, gab sie ihm zu bebenfen, „übrigens naht Ronny mit bem .Perser'". Richtig polterte über bie Wenbeltreppe, bie vom Atelier Zum Dach führte, ein zierliches schwarzhaariges Wesen. „Das ist we, ®ott nur noch ein Lavpen, Inge", ließ es sich non oben vernehmen. „Eben habe ich ihm fein letztes Haar ausgeklopft. Jetzt ist er kahl! Wie ich das Klaumvögelchen fand. Eine Geschichte von Selma Lagerlöf. Uebrigens war gar nicht ich biejenige, bie es fanb, fonbern eine junge Frau, eine Bekannte von mir, eine ganz entzückende junge Frau, nebenbei gesagt. Vielleicht, baß sie nicht ganz so entzückenb wie sonst war, damals, zu Beginn der neunziger Jahre, der Zeit, die ich jetzt im Sinne habe. Sie, die sonst ein so strahlendes Temperament hatte, war einer düsteren Schwermut anheimgefallen. Was der Anlaß war, konnte sie kaum selbst sagen, und auch niemand anderes wußte es. Sie war mit dem Mann verheiratet, den sie seit jeher liebte, sie hatte zwei prächtige Jungen zur Welt gebracht, sie war vollkommen gesund. Sie und ihr Mann waren nicht besonders vermögend, aber was bedeutet die Geldfrage für zwei junge Menschenkinder, die tüchtig und sparsam sind und gern arbeiten? All diesem Glück zum Trotz saß sie den lieben, langen Tag da und malte sich die düsterste Zukunft aus. Ihr Mann würde von ihr und den Kindern fortfterben. Sie würde als Wäscherin in die Häuser gehen müssen. Zum Schluß würden die Jungen nach Amerika auswandern, und sie würde im Armenhaus enden. Solche Zukunftsbilder rollte sie Tag für Tag vor sich auf. Und das war sehr gefährlich, weil die erdichteten Kümmernisse ihr den Schlaf verscheuchten, sie schwach und reizbar machten und an ihren Kräften zehrten. Nun wohl, mitten darein geschah etwas, das sie hätte aufmuntern können. Ihr Mann bekam eine Anstellung bei einer großen Eisenwerksgesellschaft. Das Gehalt war vielleicht nicht um so sehr viel höher als bas, bas er jetzt bezog, aber sie sollten freie Station auf einer ber Besitzungen der Gesellschaft haben. Alle waren barin einig, baß bies ihre Zukunftsaussichten ganz erheblich verbesserte, einzig die junge Frau selbst fuhr fort, alles schwarz zu sehen. Sie mußten in eine andere Provinz übersiedeln, und schon dies allein war genug, um sie in Angst zu versetzen. Solange sie hier auf heimatlichem Boden lebten, hatte sie doch ein gewisses Gefühl der Sicherheit gehabt. Noch dazu muhte der Mann feinen Posten sofort antreten, er war genötigt, vorauszufahren, und muhte es ihr überlasten, bas Einpacken und Fortschicken der Sachen zu besorgen. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, wie sie bamit zustanbe kommen sollte. Alles würbe jedoch geordnet und erledigt, und an einem sehr schönen Sommerabend fuhr sie über die Landstraße, die zu ihrem neuen Heim führte. Sie hatte da eine lagesreife auf der Eisenbahn hinter sich. Es war unleidlich heiß gewesen, bie Kinber waren ermübet, die Reisegefährten ungeduldig, eines der Dienstmädchen war unterwegs erkrankt. Man kann sich wohl denken, daß bas bebrürfenbe Gefühl eines bevor- stehenben Unglücks sich nicht verflüchtigt hatte, sonbern drohender benrf je auf ihrer Seele lastete. Ihr Mann hatte sie von ber Station abgeholt und saß nun neben ihr im Wagen. Er bemühte sich, sie aufzumuntern, indem er erzählte, baß sie in einem großen Eisenwerk-Herrenhof wohnen sollten. Früher hatten vornehme Herrschaften ihn bewohnt, aber nunmehr war bas Eisenwerk aufgelassen, wie so viele anbere in bieser Gegend, und die früheren Eigentümer hatten ihren Besitz verkaufen müssen und waren weggezogen. All das stimmte sie jedoch nur noch trüber. Sie stellte sich em altes, verfallenes Haus vor, mit eingesunkenem Dach und zerbrochenen Fensterscheiben. Sie wußte ganz bestimmt, daß gerade dort das Verhängnis sie ereilen würde. Trotz ihrer Müdigkeit und Verzweiflung konnte sie doch nicht umhin, zu merken, daß sie durch eine Gegend fuhren, die man gleichsam eine Schloßlandschaft zu nennen versucht war, überreich an kleinen Seen, kleinen Flüßchen, kleinen bewaldeten Hügeln, kleinen Aeckern, kleinen blumengeränderten Weglein in anmutigem Wechsel. Sie glich wirklich einem großen Naturpark, und hier und dort auf den Hügeln lagen weiße Herrenhöfe anstatt Pavillons und Gartenhäusern. Endlich bogen sie von der Landstraße ab, fuhren eine schmale Allee hinauf und blieben vor einem zweistöckigen weißen Haus stehen, recht ähnlich all den andern, an denen sie eben vorbeigefahren waren, nur vielleicht noch ein bißchen größer und höher. Ihr Mann riß den Schlag auf sprang aus bem Wagen unb reichte ihr bie Hanb, in ber sicheren Erwartung baß sie ihrer Zufriedenheit Worte leihen würbe. Sie hm- roieberum,' bie sich so viele büstere Vorstellungen von diesem Ort gemacht hatte, konnte ihre Gebanken nicht recht sammeln Sie bheb unbeweglich sitzen unb wagte nicht, den Fuß auf diesen g-furchteten Boden zu setzen 0 Aber wie sie noch so basaß, hilflos unb ängstlich, suhlte sie, w,e jernanb einen kaum merklichen Kuß auf ihre Wange hauchte Wie war sie ba erstaunt! Es war nichts, konnte mchts sein, aber doch, etwas war e- ganz bestimmt. Die kleine Liebkosung hatte: sie wie e‘n J*euer 2BiH- kommensgruß berührt. Sie streifte ben Handschuh ab, fuhr sich mit der Hand über bie Wange unb faßte ein kleines Flaumchem Sie lächelte wehmütig. An dem stillen Sommerabend flatterte em kleines Fläumchen nach dem andern langsam aus einer hohen Rüster hernieder. Und eines "nÄS ’Ä lich M-- ,7- °.m----- m Hier sah sie bie kleinen Fläumchen überall, und als sie die Hand au die Freundin, Fußboden." Bernd saß bare Statisten Lotterweib." Ronny riß Mach nicht vor dem Besuch unsere Luxusgegenstände schlecht!" sagte ein kahler .Perser' ist immer noch besser als der nackte gemütlich und beobachtete die beiden. ..Ihr gebt wunder- ab", erklärte er befriedigt. „Aber es fehlt mir noch das die Augen auf. „Er hat tatsächlich Fieber", sagte Inge dumpf. „Nee, Fieber nicht —, Sorgen!" Er schob die Kaffeemühle von sich und zog seine Shagpfeife hervor. , „Verpeste nicht den Ozon unseres Reiches mit deinem Eichenlaub! begehrte Ronny auf. „Es ist wegen Konsul Güldemeister", überging der Maler den Verweis: „er kommt von der Waterkant und ist der letzte Romantiker!" „Sonst hätte er ja wohl kaum ein Bild von dir gekauft!" sagte Inge. „Bernd hat ein Bild verkauft — richtig mit Geld?" Ronny ließ fast die Kaffeekanne fallen. „Dummes Weib!" murrte Bernd voll verletzten Stolzes, „wie sonst? Hundert Mark Anzahlung, zweihundert folgen bei endgültiger Abnahme, ebenso der Erwerb einiger weiterer Gemälde — aber, aber: die verflixte Bedingung! Güldemeister will nämlich zum Lohn ein Atelierfest mitmachen, wie er sich das aus Würgers „Boheme" so vorstellt — über den Dächern der Stadt beim lustig-armen Künstlervölkchen — mit allen Schikanen. Der arme Mann hat verrückte Vorstellungen vom Leben der heutigen Maler!" „Was meint Jonny dazu?" fragte Inge. „Was kann der meinen, dieser Pedant", sagte Bernd niedergeschlagen. „Er läßt mir das Atelier nicht für das Theater. Es wäre zum Arbeiten da, hat er mir geantwortet, und nicht dafür, spleenigen Mäzenen eine verlogene Boheme vorzuspielen." „Du kannst ja unser Reich für den Zweck haben", bot Inge überraschend an, „aber nur, wenn dir dieser Zauber wirklich vorwärts hilft!" Bernd sprang auf und schloß Inge heftig in die Arme. „Du bist ein feiner Kerl!" sagte er strahlend. Sie entwand sich ihm sogleich. „Laß den Unfug!" sagte sie tonlos und kehrte das Gesicht fort. Aber er sah doch noch, daß sie ganz blaß geworden war. Ronny lenkte ihn voll Munterkeit von dieser erstaunlichen Wahrnehmung ab. „Wir müssen ein paar Radaumacher einladen", schlug sie vor, „und nette Mädchen, die Ulk verstehen. Für die Original-Künstler- dekorationen sorgen die ,späten Rosen'." Bernd nahm sie um die Schultern und legte sein Gesicht an ihre Wange. Dabei spähte er verstohlen zu Inge hinüber, die den Kaffeetisch deckte. „Geh fort, du zärtlicher Igel!" schrie Ronny entrüstet, „wenn du mit mir herumschnurren willst, dann rasier dich besser!" Inge sah flüchtig herüber. Dann setzte sie die Kasfekanne hart auf den Untersatz und ging aus dem Zimmer. * In Inges und Ronnys Heim ging es lebhaft zu. Auf einer hohen Stehleiter hockten die „späten Rosen", zwei kreuzvergnügte Kunstgewerb- lerinnen älteren Jahrgangs, und mühten sich, an den Portieren, die die Schlafnische verdeckten, allerhand funkelnden Unsinn zu befestigen. Sonne, Mond und Sterne aus Gold- und Silberpapier gingen bereits an den Fenstervorhängen auf. Bunte Ballons, von den „späten Rosen" genial in allerlei Fratzen umgewandelt, wiegten sich von der Decke. Ronny schleppte grade den Radio-Apparat unter Inges Protest aus dem Zimmer. „Die Boheme hat kein Geld für die Wunder der Technik", erklärt sie. „Ist überhaupt Amelie noch nicht da?" „Wozu diese Gans dabei sein muß!" sagte Inge böse. „Um dem Provinzonkel etwas auf dem Tisch vorzutanzen", entgegnete Ronny. „Gestern ist sie noch mit der ganzen Fracht umgekippt und hat sich die Ellenbogen blaugeschlagen." „Wie ein Elefant tanzt sie", sagte Inge gereizt. „Aber sie ist schön wie Nofretete", meinte Ronny anerkennend. Draußen klingelte es Sturm. Stimmgewirr und Knacken von Papierhüllen kündete die Radaumacher an. Bernd kam mit ihnen, am Arm das traumhaft schöne Mädchen Amelie in der Rolle des „Lotterweibes". „Alles fertig?" schrie es im Chor. „Ahoi!" brüllten die „späten Rosen". Die sonst so gut bürgerliche Atelierwohnung der beiden Freundinnen sah dank ihrer hingebungsvollen Anstrengungen phantastisch ärmlich und künstlerisch-verwegen zugleich aus. „Der olle Konsul wird seine Freude haben!", meinte Bernd. „Legt ab und verteilt euch zwanglos als heiteres Künstlervölkchen!" Während alles lärmend durcheinanderquirlte, überließ Bernd Amelie, die sich gerade bemühte, künstliche Augenwimpern von unerhörten Dimensionen zwecks dämonischer Wirkung an den Augen zu befestigen, ihrem Schicksal und schlich sich zu Inge in die winzige Küche. Einsam stand sie, schmal und zerbrechlich, am Gasherd und hantierte im schwachen Schein eines Lämpchens, das er ganz offensichtlich auf der Brust hatte. Mit dem blaßblonden Haar und dem silbrigen Kleid sah sie aus wie eine Mondscheinprinzessin. „Man sollte sie einfach küssen", überlegte Bernd, „mal sehen, was sie sagt." Sie sagte zuerst nichts, aber die Ohrfeige, die er verbuchte, brannte wie Feuer auf feiner erstaunten Wange. „Wenn du dich als Casanova niederlassen willst", ließ sie ihn wissen, „dann such dir eine andere Praxis, hörst du!" Ihre Augen waren ganz dunkel. Bernd sah, daß sie zitterte. „Inge", entgegnete er mühsam, „das schwöre ich dir — heute werde ich mich noch verlieben — entweder in Amelie oder in Ronny." „Tu's doch!" Sie kehrte ihm den Rücken. „Vor Eisersucht wirst du zerspringen!" schrie er wütend. Zaghaftes Klingeln der Flurglocke lenkte ihn ab. Er ließ Inge stehen und stürmte hinaus. Das engagierte Kiinstlervölkchen stimmt« programmgemäß an: „Ein Hoch unserem Ehrengast!" — und herein stakste unsicher auf überaus langen Beinen der romantische Mäzen von der Waterkant. „Hm, hm, —" sagte er und blinzelte verlegen, „tja, — da wären wir ja denn wohl, nöch?" Er stellte eine umfangreiche Tasche ab, in der es freundlich wie von Flaschenhälsen klirrte. „Guten Abend, Herr Konsul!" Inge schritt ihm entgegen (viel zu hoheitsooll für eine zweite Mimi, fand Bernd). „Bitte, nehmen Sie Platz, Herr Konsul!" Die Radaubrüder, die sich liebend gern mit Gebrüll auf die lockenden Alkoholvorräte gestürzt hätten, in der richtigen Annahme, daß der bohemehungrige Hamburger das so erwartete, blieben eingeschüchtert durch Inges unvorhergesehene Grandezza auf den Plätzen. Alles sah plötzlich ein wenig steif aus — wie schlechte Kulissen. Der Herr Konsul blickte sich hilflos um. Seine Augen blieben an Amelie haften, die sich verzweifelt bemühte, unter dem dichten Wimpern- vorhang einigermaßen klare Sicht zu gewinnen. „Perle ein Lachen!" mahnte Ronny flüsternd. Amelie versuchte es, aber es blieb ihr im Halse stecken, denn der Konsul hatte sich neben sie gesetzt. „Ein s-teiler Weg hier herauf, nöch", meinte er befangen. Die Radaubrüder murmelten irgend etwas. Bernd, der fühlte, daß die Situation hoffnungslos daran war, zu verkalken, legte eine Schallplatte auf und sagte dann: „Am besten, wir essen gleich!" Womit er sich in die Küche begab, gefolgt von den anderen wie auf der Flucht vor einem Alp. „Donnerwetter, Donnerwetter!" stöhnte der dicke Tom draußen, „da drehe ich mich lieber wie ein Zirkuspferd im Scheinwerferlicht, ehe ich solchen haarsträubenden Blödsinn aufführe." „Ihr habt alle keinen Humor", feuerte Bernd seine Getreuen an. „Wenn wir jetzt zurückgehen, legen wir richtig los!" Der Konsul saß mit Amelie allein. Zwischen beiden blieb ein Meter Distanz streng gewahrt. „So ein schönes Mädchen", begann er zögernd» „wozu braucht so ein schönes Mädchen soviel Schminke?" Amelie riß verlegen an den falschen Wimpern und fiel fast aus der Rolle des „Lotterweibes". Gottlob kamen die anderen mit Geschirr und Brötchen zurück. Aber trotz der guten Vorsätze wurde es ein recht förmliches Nachtmal. Selbst das Bataillon der Flaschen hob die Stimmung nicht zur gewünschten leichten Heiterkeit eines Künstlersestes. Der Konsul schien offensichtlich enttäuscht. Er hatte jeden einzelnen bereits gewissenhaft nach Beruf und Betätigung ausgefragt und fast pedantisch Details verlangt. Amelie zu seiner Rechten war es inzwischen gelungen, sich der albernen Wimpern zu entledigen. An den Tanz auf dem Tisch dachte sie überhaupt nicht mehr. „So ein reizender, anständiger Mensch", wehrte sie sich gegen Ronnys mahnende Püffe, „was soll er denn von mir denken?" „Daß du eine Gans bist", zischte Ronny ärgerlich. Bernd war am Verzweifeln. Heimlich beobachtete er Inge aus schmalen Augen. Wie sie dasaß! Mit der Miene einer Großfürstin! Den ganzen Abend verdarb sie ihm — und alle beruflichen Chancen. Da klopfte der Konsul an [ein Glas und erhob sich zur Tischrede. In wohlgesetzten Worten bedauerte er, wenn auch versteckt, daß die Boheme der Wirklichkeit so gar nicht feinen Vorstellungen entspräche. Vielleicht lag es an dem steifen Berlin — sicher gäbe es in Paris und in Wien noch „dieses zauberhaft heitere, ohne Erdenschwere lebende Völkchen —" Hier fiel ihm Inge ins Wort. Hochaufgerichtet stand sie vor ihm. Ihr silberblondes Haar sträubte sich förmlich um das heiße Gesicht: „Herr Konsul", sagte sie scharf, „die Boheme, von der Sie träumen, gibt es in der ganzen Welt nicht mehr. Der Mater, der Dichter, — sie leben heutzutage genau so wie die anderen Menschen; sie ringen heutzutage genau so erbittert und ernsthaft um ihr« Existenz. Die Zeit fordert den Einsatz einer ganzen Persönlichkeit, Herr Konsul, nicht das Possenspiel pseudoromantischer Figuren einer längst entschwundenen Epoche! Und es ist ein Jammer, daß wir hier eine durchaus unwürdige Komödie aufführen müssen, um einem begabten Jungen zu einem bißchen Anerkennung und Geld zu verhelfen, Herr Konsul." Minutenlang blieb alles still. Dann sagte der Konsul leise: „Da hab' ich ja denn wohl meinen Backens-treich weg, nöch? Und da soll ich denn wohl gehen?" Aber schon hakten sich rechts und links von ihm Amelie und Ronny ein: „Nicht allein", riefen sie entschlossen. „Jetzt kommen Sie mit uns und der ganzen Radaubande in unser Stammlokal. Da werden wir Ihnen erst richtig von uns erzählen, damit Sie unserer Inge und dem Bernd nicht böse sind und uns besser verstehen lernen." * Plötzlich war der Bann des Abends gebrochen. Eine lärmende, junge, luftige Gesellschaft, den Konsul in der Mitte, zog über die Treppe von hinnen. Inge und Bernd blieben in dem phantastisch bunten Raum allein zurück. „Es ist so ziemlich alles beim Teufel!" sagte er tonlos. „Morgen wird der Konsul die Anzahlung zurückverlangen." Inge kam langsam auf ihn zu. „Das ist kein Mensch, der für eine Enttäuschung sein Geld wiederhaben will", verwies sie ihn. Und dann schnell und trotzig: „Uebrigens — ich hab' es bloß getan, weil du mir für solche alberne Bauernfängerei zu schade bist. Ein richtiger Künstler setzt sich bedingungslos durch!" Er nahm sie bei den Händen und zog sie zu sich heran: „Sieh mal an, die Inge!" sagte er und strahlte über das ganze Gesicht. „Es ist wohl kaum noch nötig, daß ich mich anderweitig verliebe?" „Ach — du eingebildeter Kerl!" „Ich bin überdies bestens rasiert", pries er sich. „Das kümmert mich gar nichts", sagte sie, „ich gehe jetzt zu der Radaubande!" „Da bleibt mir nichts übrig, als Madame zu folgen", seufzte er, „ein ausgehender Stern im Gefolge der Mondscheinprinzessin." Als Inge draußen die Flurtür abschloß, sagte sie plötzlich entschlossen: „Es soll ja vorkommen, daß der Mond die Sterne küßt, nicht? und reckte sich, gar nicht mehr abweisend, zu Bernd empor. „Nunmehr wäre unser Leben wohl eine in der Tat himmlische Angelegenheit", schrie er begeistert. Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck undDerlag:Drühl'scheUniversitäts»Duch- und Steindrucker ei, 2l. Lange, Gießen.