Eichener Zamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1935 Freitag, den 8. November Nummer 8Z Liebesroman GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE Von Rlalther von Holländer ie le it, de in, itn - it n en en ib< 1U> nit des die net den nd> den an tzes Ige che len ns >.v amt de» di- the" I J» ibet >rrn non jät* » in in it, er gezeitigt; man müsse ... Geriete aber schab ihn beiseite. So könne man dieses Gespräch nicht führen. Und wendete sich wieder zu Rauthammer: Es handle sich nicht nur darum, ob sich das asiatische oder das europäische Prinzip besser zur Behevrschung der Welt eigne, sondern auch darum, ob nicht die Zukunft einer Mischung der beiden Prinzipien gehören wird. Japan zum Beispiel scheint doch zu zeigen, daß man blutmäßig asiatisch sein kann und oerstandesrnäßig und materiell europäisch, eine gefährliche Mischung, wie sich immer mehr herausstellte. Vielleicht müßte sich also der Europäer wirklich der Lehren der Weisen, also dieses Wang Tao, bemächtigen, Müßte es zu seiner materiellen Machtsphäre hinzunehmen und könnte dadurch zu Gesellschaftsformen von einiger Dauer kommen. Hier hatte Frau Görnewitz erst mal gründlich unterbrochen. Sie ließ die Tische zusammenstellen, damit „wir alle etwas von den interessanten Aeußerungen der Herren haben". Sie machte „bunte Reihe". Und zwar eine so bunte, daß eines der Kichermädchen auf Rauthammers linke Seite geriet und der Globetrotter, der alle Frauen verehrt, neben Frau Gericke SU sitzen kam. Sie hat eine Büchse Keks geöffnet, die sie nicht in Rechnung stellen wird, deren Inhalt aber immerfort angeboten werden muhte, nnb sie machte auf den Duft des Heus aufmerksam, auf die angenehme Kühle, die vom Fluh aufstieg, auf die Sterne, die sie vertraulich „ihr ewigen Sterne" anredete und die, soviel sie wisse, von Kant mit dem lategorischen Imperativ zusammen genannt seien. Sie stellte auch den Blumenstrauß auf den Tisch, den „unsere liebe Meimberg" gepflückt hatte. Danach beherrschte wieder die etwas heisere, aber angenehme Stimme Illauthammers den Tisch. „Man muß sich entscheiden", begann er. Und es war ihm ganz einerlei, wer von diesen Menschen ihm zuhörte, ob i>iese--> blonde Mädchen mit der roten Glaskette ihn mit Filmaugen am itarrte. ob Frau Görnewitz ihm ermutigend zulächelte, ob Frau Gericke, jene gutrassige, unscheinbare Frau am unteren Ende des Tisches, ihn aufmerksam betrachtete... Er sprach für Barbara Meimberg nein für Barbara Schreiner, nein, für die Schwester Barbara aus der Klmik. Er ®iU sie mit dem aewinnen, was er jetzt zu Ende gekämpft und zu Ende irtannt hat. Das ift seine Chance. Und obwohl er dumpf spürt, daß man in diesen Bereichen — und im Bereich der Liebe — nicht siegen kann, jo lange man noch „Chancen" ausnutzen möchte, muß er doch tun, was •r kann, um zu erreichen, daß sich ihm Barbara zuwendet. „Man muß sich entscheiden", begann er, „und es wird wohl keine Kompromisse in Zukunft geben. Weder für die Staaten noch für die Menschen. Es ist nicht die Frage „Asien oder Europa? . Es geht noch •ine Stufe tiefer, dorthin, wo alles Leben wurzelt. Man muß sich ent- icheiden, was man für das Wichtigste auf dieser Erde hält. Die Macht iber die Welt, die Macht über di« Menschen, die Macht über di« Macht- topyrigfjt 6y August Scherl S.m.ö.h., Berlin 14. Fortsetzung. I Gericke war hier in sein Fahrwasser gekommen. Er glaubt, daß auch die Maschinen, die Kanonen, die Flugzeuge, ja die Gifte, ein Produkt des Geistes sind, genau so berechtigt, in den Kampf um die Welt einzugreifen, wie die Lehren der Weisen, und — das muß man d»ch zugeben — erheblich wirkungsvoller. Das Leben dient wohl auch nicht der Darstellung irgendwelcher geistigen Erkenntnisse, sondern der Bändigung materieller Kräfte durch die Kräfte der Materie selbst und natürlich durch die Kräfte des Geistes auch, die man sicherlich nicht unterschätzen soll. Rauthammer hat gelacht. Den Versuch, sich des Geistes, ja, der Lehren der Weifen zu bedienen, um bessere Geschäfte zu machen, um schärfere Waffen zu schmieden — diesen Versuch kennt er aus seinem Leben. Aber ibie geistige Mogelei nützt nichts. Natürlich ist der geistig trainierte Mili- stiir, der gescheite Kaufmann dem dummen Militär und dummen Kaufmann überlegen. Aber zu dauerhaften Ergebnissen kommen sie beide nicht. Wer den Geist benutzen will, statt ihn herrschen zu lassen, geht schließlich unter. Man muß sich klar für eine der großen Kräfte des Lebens entscheiden, für die geistige Durchdringung (asiatisch) oder für die ^materielle Bemächtigung (europäisch), wobei nicht gesagt sein soll, daß lEuropa von Natur aus oder von Schicksals wegen den Geist entbehren müßte, und Asien die Materie. Nein, nein, ganz bestimmt nicht... Körner, der Schauspieler, hatte unterdes die Bowle gebracht. Er hatte eingeschenkt, und nun wollte er auch einen geistigen Beitrag liefern. Keinesfalls könne man sich für Asien gegen Europa entscheiden. Die europäische Art zu denken und zu herrschen habe schließlich sehr schöne Früchte mittel, die Welteroberung also, oder die Macht über sich selbst, die Selbst- bemeifterung, aus der alles andere kommt, die Weltbewegung also. Wang Tao, Herr Hauptmann Gericke, die Befolgung der Lehren der Weifen, ift ja nicht irgendwas Abseitiges, Blutleeres, sondern ein Weg, der schließlich unter den verschiedensten Namen von jedem religiösen Menschen gegangen wird. Und wenn Religion nicht immer abgeschwächt worben wäre unb bamit schließlich als eine Angelegenheit von Spintisieren und Frauen in bie Ecke gestellt wäre, wenn man Religion erkannt hätte als bie eigentliche Quelle bes Lebens, bann würbe bie Religion schon längst die wirkliche Grunblage jebes staatlichen Lebens sein, und Welteroberung und Weltbewegung wären dasselbe geworden ..." Frau Körner begann mit Frau von Kleyrner über Rauthammer zu flüstern. Sie nannte ihn einen „dämonischen Kaufmann", eine unangenehme Mischfigur. („Will er nun verdienen oder will er philosophieren?" fragte sie.) Das zweite Kichermädchen, ganz recht, bie mit der Kette aus roten Glaskugeln, platzte über einen gewagten Witz, den der Globetrotter gemacht hatte; das andere Kichermädchen fragte Rauthammer, welche Rolle bie Frau unb die Kunst am Hofe von Mandfchukuo gespielt hätten; unb Frau Görnewitz wischte schließlich das ganze Gefpräch weg. „Ach, unsere klugen Männer", sagte sie, „Philosophie und Politik: immer sprechen sie etwas, wovon wir armen Frauen gar nichts verstehn. Ein. Sommerabend, wie dieser, ist aber dazu da, Has Leben zu genießen." Körner, der alles im Leben wundervoll findet unb ber an der Philosophie ebensoviel Freude hat wie am Floßbau, am Tänzern und am Bowletrinken (unb nur noch eines macht ihm mehr Freude^als alles anbere: auf ber Bühne stehn und feiner Stimme zuhören, die jeden Raum mühelos beherrscht), — Körner schrie also „Bravo!" Er drehte fix das Grammophon an, er suchte unter schrecklichem Heulen bes Rabios bie Londoner Tanzmusik heraus. Er hatte bie Idee, daß man nur das Floß aus dem Fluß zu holen brauchte, um einen wundervollen Tanzboden zu haben. Es kam für eine Stunde ein luftiges Sommerfest zustande. Rauthammer tanzte auch. Ein wenig langsam, ein bißchen atemlos. Er tanzte zuerst mit Frau Görnewitz, der Gastgeberin. Dann mit Barbara. Er sagte zu Barbara: „Ich bin Ihnen so sehr dankbar ..." Barbara antwortete: „Sie werden in zehn Minuten gehn, unb ick werde Sie begleiten. Sie sollen mir nicht danken. Cs ist nichts zu danken/' So sind sie also gegangen, und nun stehn sie auf der Brücke über dem Fluß... Sie stehn und starren ins Wasser, das in seinem eiligen Lauf, mit seinen winzigen Wirbeln, Wellen unb Schnellen keinen Stern zu spiegeln vermag. Barbara erinnert sich ber Würzburger Brücke, auf ber sie, in den Fluß starrend, mit Alfred davongefahren war, von den Laternenketten der Ufer wie von Zügeln gezogen. Und sie denkt; Wenn ich jetzt so lange in den Fluß starre, bis ich mit Rauthammer davonsahre ... das ift bann eine wirkliche Untreue. Sie hebt also schnell den Kopf und sieht ihren Begleiter an. „Gehn wir!" sagt Rauthammer heiser. Er nimmt ihren Arm. Er stützt sich ein wenig auf sie, wie er es damals getan hat, bei den ersten Gehversuchen nach der Operation, und wie sie es beibehalten hatten, bis er aus dem Krankenhaus fortging. Sie biegen auf die Landstraße ein. Ein Auto fegt vorbei. Ein wenig Aspaltwind, Benzinwind trifft sie. Barbara lächelt. Das ist wie ein Gruß von Meimberg. Bald ist dieser schwere Gang vorbei. Bald kann sie zu ihm zurückkehren. „Ich bin sehr froh, Sie zu sehn", beginnt Rauthammer endlich, „ich bin Ihnen wie ein Primaner nachgefahren. Ich habe Ihnen wie ein Indianer nachgestellt. Ich habe wie Toggenburg persönlich aus meinem Fenster den Knauf Ihrer Holzhütte angestarrt." „Das weiß ich alles", sagt Barbara ungeduldig, „das hat mir Sophie auch schon erzählt. Sie hat auch erzählt, daß Sie sehr krank sind. Sie hat sogar behauptet, ich müsse zu Ihnen kommen, weil Sie krank sind, weil ..." „Halt", unterbricht Rauthammer, „wir brauchen uns nicht mehr aus das zu verlassen, was andere gesagt haben. Wir können endlich miteinander sprechen." Barbara nickt. Aber sie ist höchst unsicher. Diese Waldchaussee im Geruch von Baum und Heu, im Geschwätz des Flusses, unter den Sternen, die nun ihren vollen Glanz entfaltet haben, ift sie doch mit Alfred gegangen. Das gehört doch alles in ihr Leben mit Alfred Meimberg. Wie kann sie nun in diesem Leben Arm in Arm mit Rauthammer herumspazieren? Warum läßt sie es geschehen, daß er sich schwer und schwerer auf sie stützt, jetzt, da sie langsam den kleinen Berg hinaufgehn? Weil Rauthammer krank ift? Nein ... das ift es nicht. Sondern es ist ein wenig Trotz gegen Meimberg. Ein wenig Treue gegen sich selbst (was ich war, das bin ich auch), ein wenig Zuneigung und viel Erinnerung. Hier geht nicht Barbara Meimberg, sondern Schwester Barbara Schreiner. Man eto<6oqen9sie nun endlich, was Sie wollen', ruft Barbara ungeduldig, „sprechen Sie nun endlich! Ich bin gekommen, damit wir endlich fertig werden. Verstehn Sie das?" „Sie wollten nicht kommen", sagt Rauthammer, „und find doch gekommen. Sie wollten mich auslöschen, und es ging doch nicht. Barbara schüttelt den Kopf. „Ich wollte Sie nicht auslöschen und will Sie nicht auslöschen. Das habe ich Ihnen schon bei unserem Zusammentreffen in Berlin gesagt. Und habe nun erfahren, wie gefährlich es war, das zu sagen. Sie verstehn es ganz falsch. Trotzdem habe ich keine Angst, es noch einmal zu sagen: Ich habe Sie geliebt, und wenn ich nicht in andere Dinge hineingekommen wäre, so würde ich Sie noch heute lieben ..." „Ich danke Ihnen", sagt Rauthammer, „Sie sind eine mutige Frau. Das ist einer der Gründe, aus denen ich Sie liebe. Es gibt so selten eine mutige Frau. Deshalb laufen die Männer von einer Frau zur anderen oder vergraben sich in ihre Berufe und Aufgaben und haben auch keim-, Gedanken mehr für ihr eigenes Leben übrig. Mein Leben, verstehen Sie, Hai sich geändert als ich erkmnte, daß Sie mutig sind und stolz und selbständig. Daß Sie also unbesieg ich sind Mit einer Frau leben, die selbständig ist, die mutig d.e unbesiegt,ch ft ... das müßte das Leben ganz und gar andern, nicht wahr . ? Barbara lächelt. Was für große Worte! Mut und Selbständigkeit und Unbesiegbarkeit. Und wie klein fühlt sie sich dagegen, rote oerroirrbar wie ja wie verführbar. Ist sie denn etwa nicht eitel daraus, daß Rauthammer sie liebt, daß er ihretwegen hergekommen ist, daß ihm an nichts mehr zu liegen scheint außer an ihr? Roch vor vierzehn Tagen, das spürt sie setzt, noch kurz vor der fieirnt hatte eme solche Stunde ihr Leben umstohen können, obwohl sie doch damals Alfred zu heben glaubte und bestimmt schon ihn sehr, sehr gern hatte. Denn hier ist die in einem ganzen Leben gesammelte Kraft.in» Einsicht daraus gezielt, Liebe zu erobern. Welche Frau hat das Gluck, das ihr zustöht, und welche Frau kann dem widerstehn? Ich habe drei Jahre auf Sie gewartet", sagt sie, „bas vergißt man nicht. Richt Tag und Nacht gewartet. Nein. Aber doch immer wieder. Man arbeitet, aber darunter wühlt es und schmerzt es. Daß Sie mir Ihre Frau verschwiegen hatten, daß Sie also eigentlich gelogen hatten . das hatte ich Ihnen verziehn. Daß Sie mich nicht nach China Mitnahmen, in Ihre Welt, das mußte ich Ihnen verzeiht, ... * „Wenn ich Ihnen von den fünf Jahren erzählen könnte", lagt Raut- Hammer, „ich war fast die ganze Zeit völlig allein. Wenigstens habe ich keine Frau angefehn. Ich wollte erst m>t der Welt mal fertig werden. Ich war in einem Krieg mit der ganzen Welt. Unb in den Krieg das müssen Sie boch verstehn ... kann man keine Frauen Mltnehmen „Wir haben nun genug bavon gesprochen', lchließt Barbara, „wir haben genug verstauben. Ich verstehe alles, was Menschen aus b eser Welt tun. Aber was ist damit geholfen? Der Fluß ist wertergelaufen. Die Zeit ist weitergekommen. Das, was wir damals waren, ist langst davongeschwommen." . Sie sieht das bildhaft vor sich. Aber es ist nicht das Bild eines sommerlichen Flusies,'sondern das Bild eines großen winterlichen Flusses in einer Landschaft, die ganz verschneit ist. Em Eissci)ollenfluß ist es und auf den Eisschollen stehn Menschen, stehn die Schattenbilder der Dergangenheit, steht jenes Krankenzimmer aus dem Krankenhaus Broses- [or Schreiners, bas die Kulisse dieser Liede war, stehn die Schattenbilder Rauthammer unb Barbara. „Es ist unmöglich, bas unbeenbet zu lassen, was einmal angefangen hat", sagt Rauthammer wie von fern. Barbara hat sich auf ben Holzstuhl neben ben tiefen Stuhl Raut- Hammers gesetzt. Sie fühlt sich jetzt sicher genug Da sie ganz gewiß gehn wirb, kann sie noch einen Augenblick bleiben Sie hat m ber Art ihres Vaters bie Hände zusammengelegt, Handslache in Hsi^ftache gefugt (so wird man stark, hat ber Vater einmal gesagt, als sie klein war, so weiß man doch, daß man da ist). Sie spürt mit e-nem heraufdammernden Glücksgefühl, dah sie da ist, mögen noch so viel Eisschollen den Fluß binuntergetrieben sein, mag noch so viel von dem vergangen sein, was sie lebte. Hier sitzt sie jetzt und handelt nach ihrer Lebenseinsicht und nach ihrem Gewissen. Wir sind keine kleinen Kinder, Rauthammer , sagt sie „wir brauchen, nachdem wir so viel gesagt haben, nicht mehr Versteck vo < einander zu spielen. Also sagen Sie, was ich Ihren Wünschen nach tun soll Soll ich von Alsred Meimberg weggehn? Das kann ich nicht. Soll ich ihn betrügen? Das kann ich auch nicht. Also sagen Sie selbst - - - Rauthammer antwortet: „Ich weiß, daß ich Sie heute nicht zurück- gewinnen kann. Aber ich will Sie gewinnen. Ganz gewinnen. Ich w U mein Geben mit Ihrem Leben zusammentun. Wie .. das ist einerlei. Hier oder in China oder in Mandschukuo. Wie Sie wollen. Ich bin kein reicher Mann mehr. Denn ich habe keinen Spaß mehr baran, immerfort Geld zu verdienen. Aber ich habe vorläufig noch genug Geld unb kenne bas Rezept, Gelb zu oerbienen. Ich ..." Bielen Dank", unterbricht Barbara, „vor fünf Sichren wäre ich glücklich über Ihre Worte gewesen. Vor vier Jahren ober vor dreien, einerlei, habe ich geträumt, Sie würben kommen unb so sprechen. Bor einem Jahr noch konnte ich mich nicht entschließen, mich ganz von Ihnen zu entfernen. Ich habe gezögert unb gezögert ... Dann Din ich fortgegangen. Unb nun ..." „Run werben Sie roiebertommen!" ruft Rauthammer. ” ... nun bin ich glücklich, bah ich gegangen bin", enbet sie. Sie ist aufgeftanben. Sie hat ihr Tuch fest um bie Schultern genommen. Sie friert ein bihchen. Hergeben ist nicht leicht, unb bie Trennung ist auch bann schwer, wenn man sich schon lange getrennt hat. „Leben Sie wohl, Rauthammer", sagt sie, „nein, bleiben Sie, bitte, sitzen! Sie sollen nicht mitgehn." „Ich lasse Sie nicht", antwortet Rauthammer leise unb stimmlos aus seinem Stuhl, „ich lasse Sie nicht. Das müssen Sie wissen. Ich wer« 1 niemals von Ihnen lassen — haben Sie gehört? — Niemals, solange <9 verwandelt sich nicht plötzlich von einem Menschen In einen anderen, (onb^n ^g^Ihnen sagen", spricht Rauthammer, „warum bas bamals n'^Es" haft 'feinen Zweck, darüber zu sprechen", antwortet Barbara „man kann es nicht beenden ..." .Sie werden mich schon verstehn", versucht Rauthammer eifrig, ich kann es Ihnen genau erklären. Haden Sie gehört, was ich heute abend mit Gericke sprach? Sehn Sie: Damals im Krankenhaus konnte ich zum erstemnal diese Dinge bedenken. Zum erstenmal fand ich eine Frau die meine heimlichen Gedanken, meine wirklichen Gedanken mitdachte. Haben Sie verstand/n, wie ich da unten unsere Gedanken bestätigt fand unb wie ich unsere Welt weitergebaut habe?" „Unsere Gebauten", widerspricht Barbara, „unsere Welt? Nein, es war Ihre Welt, obwohl ..." „Obwohl?" drängt Rauthammer. , "Obwohl ich gern in Ihrer Welt lebte unb weitergelebt hatte , schließt ^aSie'Cfinb bei biefen Worten an ber Laterne vor Rauthammers Haus am Hang angekommen. Sie können sich endlich in bie Augen sehn. Sie ite^2Basb l'Xn'su^ nun davon?" flüstert Barbara. Er antwortet nicht. Er 'sieht sie ruhig, gesammelt an. . . „ „Was haben Sie davon?" wiederholt Barbara. „Es ist nun vorbei Kommen Sie", antwortet Rauthammer und hat die Pforte geöffnet, und" es ist rote damals in dem Cafe, und es ist wie ehemals in dem Krankenhaus: Dieser Mann hat Macht über Barbara. Warum? Weiter nicht anders denkt als: Sie soll hereinkommen sie soll nicht weg- gehn. Alles andere ist einerlei: Sie soll nicht weggehn. Darum geht sic nicht weg. Und, ja: weil sie endgültig weggehn will, endgültig die Kraft außer Kraft setzen, die sie zurückzwingt. Sie stehen in Rauthammers Zimmer. Man hat eine Tur leise gehn I '^Sophie Wahnkes Tür natürlich. Das Deckenlicht blendet beide. „Setzen Sie sich!" sagt Barbara streng. „Sie sehen sehr angegriffen aU5®r setzt sich gehorsam. Er wagt es auch nicht, sich eine Zigarette zu nehmen. Keine Ablenkung! Vorsicht! Kein falsches Wort! „Setzen Sie sich doch auch!" sagt er. Nein, sie schüttelt ben Kopf. Sie will siA nicht setzen. Sie beginnt, hin unb her zu gehn.'Sie steht einen Augenblick am Fenster. Ein Auto blendet über die Chaussee. ^Nein, ee ist noch nicht Alsred. Er fährt noch eine Stunde entfernt mit verbissenem Gesicht. Er rast durch einen Wald. Der Fahrwind fegt um seine Ohren, warmer Wind, kühler Töind abwechselnd, Sonne vom Tag und Schatten vom Tag. Er weiß jetzt, daß er Barbara liebt. So liebt, daß er sie nicht verlieren darf. Noch nicht so liebt, daß er sie nicht verlieren konnte. Er weiß jetzt, daß er sich nicht von anderen Menschen dazwischenreden lassen darf, daß er alle seine Kräfte zusammennehmen muh, um Barbara zu gewinnen. Daß er noch nie alle Kräfte auf ein Ziel eingesetzt hat. * „Ich habe Ihnen noch nicht gesagt, daß ich Alfred Meimberg hebe", sagt Barbara jetzt vom Fenster her im Haus am Hang. Rauthammer antwortet nicht. „Hören Sie?" fragt Barbara. „Versöhn Sie? Wenn wir schon miteinander reden, wollen wir uns auch verstehn." Sie haben mich damals geliebt, weicht Rauthammer aus, „ich bin damals noch nicht fähig gewesen, es zu verstehn. Ich war damals mtt dem größten Teil meiner Kräfte auf Erfolge aus. Deshalb konnte ich nicht erfahren, was Liebe ist." Barbara ist ein paar Schritte auf ihn zugegangen. Nun bleibt sie stehn. Das ist richtig, was Rauthammer sagt. Wer siegen will, liebt nicht. Wer siegen will, will den anderen unterwerfen. Die alte Sache unter Liebesleuten. Das, was alle unglücklich macht. Das, was zwischen Alfred und ihr auch noch nicht zu Ende gebracht ist. Einer muß siegen und der andere unterliegen. Ist aber ein großer Unsinn. Grit nicht im Gebiet der Liebe. Das haben sich die Männer nur ausgedacht. Weil sie immer kämpfen, glauben sie, auch in der Liebe kämpfen zu müssen. Und die Frauen lassen sich in den Kampf hineinzerren und kämpfen mit. „Warum antworten Sie nicht?" fragt Rauthammer. Es ist wahr", jagt Barbara, „Sie konnten deshalb damals nicht erfahren was Liebe ist. Aber es ist jetzt nicht anders. Sie wollen immer noch siegen, lieber mich ... über Alfred Meimberg ... einerlei .. „Ich will nicht liegen", sagt Rauthammer zögernd. „Ich mill . Er macht eine unbestimmte Bewegung mit der Hand, als wollte er Barbara nickt abwesend. Gewiß, sie hat es gehört. Aber das gehott nicht mehr in ihr Leben. Das ist seine Sache. „Ich werde nie wieder zu Ihnen kommen", sagt sie, «nie. Niemals. Und ich wäre sehr froh, wenn Sie recht bald abreifen wollten. Gl «! tfl? @ll" tu, M damals schon wie eine vom Schicksal aufbewahke Spiegelung etner Welt, die nicht mehr bestand und die er als einer ihrer letzten Vertreter verkörperte. Er beherrschte, so schien es mir, die ganze erlauchte Versammlung durch den Zauber seines Geistes und die unwiderstehliche Kraft feines Genies." An einem anderen Tage war der Graf bei der Morgentoilette des Fürsten zugegen. Es war Talleyrands einundsechzigster Geburtstag, und mehrere feiner Bewunderer erlebten in seinem Schlafzimmer den Augenblick, da fein Kopf zwischen den schweren Vorhängen des Bettes erschien. „Der Fürst, in einem weitfaltigen und gekräuselten Morgenmantel aus Seidenmull gehüllt, widmete sich nun zunächst der Pflege feines üppigen Haares; er überließ es zwei Haarkünstlern, die nach ausgiebigem Arm- unb Kammgefchwinge endlich die uns allen bekannte Lockenfülle her- richteten. Dann kam der Bardier daran, der den Schluß seiner Tätigkeit in eine Puderwolke hüllte. Nachdem sie ihre Arbeit am Kopf und an den Händen beendet hatten, wandten sie sich der Pflege der Füße zu — ein etwas weniger erquicklicher Borgang, da das Baregewafser, das der Fürst zur Kräftigung feines lahmen Beines brauchte, einen keineswegs angenehmen Geruch ausströmte. Nachdem alle Waschungen mit Wasser und Duftmitteln beendet waren, war die Reihe an feinem obersten Kammerdiener, der sich bisher auf die Ueberwachung des Ganzen beschränkt hatte und der nun des Fürsten Halsbinde zu einem höckst zierlichen Knoten knüpfte. Ich muß aber sagen, daß der Fürst bei dieser ganzen Verwandlung zur Tagesgestalt die gelassene Zwanglosigkeit des Grandseigneurs und eine Unbekümmertheit wahrte, die immer in den Grenzen der guten Haltung blieb; so daß wir immer nur den Mann sahen und uns über seine Verwandlung nicht den Kopf zu zerbrechen brauchten. Bei Tisch gab sich Herr von Talleyrand mit gewohnter Liebenswürdigkeit und heiterer Umgänglichkeit — ja, er war sogar noch liebenswürdiger, als er es in feinen Empfangsräumen zu sein pflegte. Verschwunden war feine sonstige Schweigsamkeit, von der einmal jemand gesagt hat, er habe aus ihr eine Kunst der Beredsamkeit gemacht — gerade wie er aus feiner Erfahrung eine Art von Ahnungsvermögen gemacht hat. Daß fein Gespräch hier weniger tiefgründig war, vergrößerte vielleicht noch seinen Reiz. Seine Rede kam geradewegs aus dem Herzen und floß ohne Hemmung dahin." Wenn auch die Hauptsorge des Kongresses in der Jagd auf das Vergnügen zu bestehen schien, so wurde doch auch wirkliche Arbeit geleistet und in sechs Monaten wurde eine große Leistung vollbracht. Talleyrand war am 23. September angekommen, und hatte alsbald entdeckt, daß die Großmächte — Rußland, Oesterreiech und England — bereits verhandelt hatten, obwohl die feierliche Eröffnung des Kongresses erst am 1. Oktober ftattfinben sollte. Die Ausschließung Frankreichs von biesen Verhanblungen war gerabe bas, was Talleyranb vorausgesehen hatte unb zu verhinbem entschlossen war. Unverweilt machte er sich baran, bie Unzufriebenheit der kleinen Nationen zu schüren und ihnen seinen Beistanb zuzusagen. Ein Frankreich, das allein stand, dursten bie Großmächte vielleicht ungestraft Übersehen, aber ein Frankreich, bas ber Führer bes ganzen übrigen (Europas war, würbe mit einem Schlage ein gefährlicher Gegner. Talleyranb vermieb es sorgsam, sich zu beschweren ober gar höflichst um Einlaß zu bitten; aber er wußte es einzurichten, daß die Mächte über den von ihm beabsichttgten Kurs unterrichtet wurden: mit dem Ergebnis, daß er am 30. September von Metternich zu einer privaten Besprechung am Nachmittag eingeladen wurde. Eine ähnliche Einladung erhielt der spanische Bevollmächtigte, mit dem Talleyrand zusammen gearbeitet hatte. Talleyrand kam pünktlich, aber die anderen waren schon da. Castlereagh faß am oberen Ende des Tisches und schien den Vorsitz zu führen. Zwischen ihm und Metternich war ein leerer Stuhl, auf den Talleyrand sich setzte. Er fragte sogleich, weshalb er allein und nicht gemeinsam mit den anderen französischen Bevollmächtigten geladen sei. Antwort: Weil man es für richtig gehalten hatte, daß die einleitenden Besprechungen nur von den Häuptern der Abordnungen geführt würden. Frage: Weshalb war dann der Spanier Labrador anwesend, der doch nicht der Führer der spanischen Abordnung war? Antwort: Weil der Führer der spanischen Abordnung noch nicht in Wien eingetroffen war. Frage: Weshalb denn aber Preußen außer durch Hardenberg auch durch Humboldt vertreten? Antwort: Wegen der körperlichen Behinderung des Fürsten Hardenberg. (Er war so gut wie völlig taub.) „Nun, wenn es auf die körperlichen Behinderungen ankommt, fo können wir ja alle damit aufwarten und Kapital daraus schlagen." Worauf man ihm versicherte, man werde in Zukunft nichts dagegen einroenben, baß jebe Aborbnung sich burch zwei Mitglieber oertreten ließ. Talleyrand hatte ben ersten Stich gemacht; unb wenn es auch ein kleiner Gewinn war, so sinb doch in der Diplomatenkunst wie in der Feldherrnkunst die Kleinigkeiten bedeutsam, und jeder gewonnene Stützpunkt ist ein Schritt auf dem Wege zur ersehnten überlegenen Stellung. Castlereagh verlas dann einen Brief des portugiesischen Bevollmächtigten, der zu wissen wünschte, weshalb man ihn von einer Besprechung, zu der die Vertreter Frankreichs und Spaniens zugelassen wurden, ausgeschlossen hatte. Das war eine sehr begründete Frage; Talleyrand und Labrador pflichteten ihm bei; ein Beschluß darüber wurde bis zur nächsten Sitzung vertagt. „Es ist der Zweck der heutigen Besprechung", sagte Castlereagh, „Sie mit der Arbeit bekannt zu machen, die von den vier Mächten hier bereits geleistet worden ist." Er wandte sich zu Metternich unb bat ihn um das Protokoll. Es wurde Talleyrand übergeben, der nur einen einzigen Blick darauf warf unb gleich mit dem erste» Griff das Wort „Verbündete" packte. „Dieser Ausdruck", sagte er, „zwinge ihn denn doch zu der Frage, wo man sich eigentlich befinde? Ob man immer noch in Chaumont sei? ober in Laon? Soviel er wiße, sei boch inzwischen Frieben geschlossen? Wenn man aber noch Krieg führe — gegen wen richte er sich? Gegen Napoleon nicht, benn er sei auf Elba; gegen den König von Frank- Oer Wiener Kongreß. Von Duff Cooper. Das folgende Kapitel ist dem im Insel-Verlag zu Leipzig erschienenen ausgezeichneten Buch« „Talleyrand" von Duff Cooper entnommen, das vor kurzem auf der Büchertisch- Seite ausführlich besprochen wurde. Der Kongreß, der sich im Herbst bes Jahres 1814 in Wien versammelte, zog bie glanzvollsten Namen unb Persönlichkeiten Europas in bie österreichische Hauptstabt. Die sührenben Staatsmänner eines jeden Landes erschienen, und in den meisten Fällen wurden sie von den regierenden Fürsten begleitet. Der kaiserliche Palast hat damals, so wird berichtet, gleichzeitig zwei Kaiser und zwei Kaiserinnen, vier Könige, eine Königin, zwei Thronerben, zwei Grohfürsttnnen und drei Prinzen beherbergt. Die Fürstlichkeiten geringeren Grades waren noch zahlreicher. Die Höflinge tarnen im Gefolge ihrer Staatsoberhäupter. Die Blüte des europäischen Adels, alles, was durch Reichtum, durch Vornehmheit, durch Schönheit berühmt war, alles, was im politischen oder gesellschaftlichen Leben irgendeine Rolle spielte, strömte in Wien zusammen. Diese Herrschaften waren in ihrer Mehrzahl nicht fürs Arbeiten. Sie hatten niemals gearbeitet und hatten auch nicht die mindeste Absicht, es jemals zu tun. Die aus dem achtzehnten Jahrhundert überlieferte Vergnügungssucht war noch nicht aus der Welt verschwunden. Es war eine seltsam dazu passende Fügung, daß der achtzigjährige Fürst von Signe, die lebendige Dertörpe- rung bes achtzehnten Jahrhunderts, nach Wien kam und sich da beweiskräftig umtat; daß er über ben Kongreß das allbekannte Witzwort prägte: „Le Congres ne marche pas, mais il danse“; daß er selbst dort getanzt und geliebt und bis zum letzten feiner Erdentage manches mitternächtliche Stelldichein bestanden hat; unb baß er schließlich inmitten all biefes leichtfertigen Trubels starb, noch bevor ber Kongreß auseinanberging. Als fein Ende nahe war, bemerkte er mit einem Lächeln, er freue sich, daß er dem Kongreß noch ein ganz neues Schauspiel bieten könne, nämlich die Bestattung eines Feldmarschalls unb Ritters vom ©eibenen Vlies. Es war eine enblofe Folge von Bällen unb Banketten, Jagden aller Art und musikalischen Veranstaltungen. In den Theateraufführungen spielten bald die berühmtesten Berufsschauspieler Europas, bald Liebhaberdarsteller adeligen Geblüts. Es gab ein mittelalterliches Turnier, bei dem die Paladine des neunzehnten Jahrhunderts die Sampfesfitten ihrer Ahnherren nachäfften und in Rüstungen um die Gunst ihrer Damen buhlten, wobei sie sich so sachgerecht benahmen, daß einer der Prinzen bewußtlos aus der Arena getragen werden mußte. An Maskenbällen fehlte es nicht, und ihr ganz besonderer Zauber bestand darin, daß jeder geheimnisvolle Fremde ber Beherrscher eines großen Königreichs fein und jeder Domino eine Königin bergen konnte. Unter ben vielen Gästen, die damals aus keinem anderen Grunde nach Wien tarnen, als weil es nun einmal zur Mode gehörte, war der Graf von la Garde - Chambonas; wir verdanken ihm ein Buch, das sich ausschließlich mit dem gesellschaftlichen Teil bes Kongresses befaßt Er ging überall hin und sprach mit jedem, ber wichtig war; so schilbert er uns auch seinen ersten Besuch in ber französischen Gesanbtschaft: „Es ist ein denkwürbiges Ereignis im Leben eines jeden Menschen, wenn er einem Darsteller, ber auf der Weltbühne eine Hauptrolle gespielt hat, persönlich gegenübertreten darf. — Ich kam schon frühzeitig in die Gesandtschaft und traf nur Herrn von Talleyrand, den Herzog von Dalberg und bie Gräfan von Perigord an. Der Fürst begrüßte mich mit dem erlesenen Anstand, der ihm zur zweiten Natur geworden ist; er ergriff meine Hand mit jener gütigen Gebärde, die an ein versunkenes Zeitalter erinnert, und sagte: „Ich mußte also nach Wien kommen, Monsieur, damit ich bas Vergnügen habe. Sie in meinem Hause zu bcorüften Ich hatte ihn feit dem Jahre 1806 nicht mehr gesehen aber ich war roieber einmal tief angerührt von ber großartigen Geistigkeit feines Ausbrucks, von ber unzerstörbaren Gelassenheit seiner Zuge, von der ganzen Haltung dieses außerordentlichen Mannes in dem ich — gleich allen damals in Wien versammelten Besuchern des Kongresses — den größten Diplomaten der Zeit erblickte. Unverändert war der ernste und tiefe Klang feiner Stimme, unverändert waren die ungezwungenen und natürlichen Umgangsformen, unverändert auch ferne tief verwurzelte Vertrautheit mit den Sitten der besten Gesellschaft; alles dies wirkte verrät, werden es ihre Türme, in denen die Glocken hingen, ebenfalls mit solchen Wino- anzeigern verzierten, kam der Wetterhahn auf. Schon auf dem Glockenturm' des Klosters von St. Gallen aus dem 10. Jahrhundert war em solcher Turmhahn angebracht, der als Snmbol der Wachsamkeit mit der Geschichte von der Verleugnung Christi durch Petrus in Zusamenbang gebracht wurde. Ehe man überall Uhren hatte, galt der Hahnenschrei als Zeichen für die Stunde des Frühgottesdienstes, und so sollte der Hahn den Weg der Winde Gottes und gleichzeitig die Messe anzeigen. In der Renaissance wurden von Gelehrten genauere Windfahnen her- gestellt- so wird besonders eines Werkes von dem Bologneser Egnatia Banti ’um 1578 Erwähnung getan. Bald traten an die Stelle des Hahnes bei kunstreichen Uhren alle möglichen Figuren. So zeigte ein öffentliches Gebäude in London eine über drei Meter hohe Heuschrecke: dies Wahrzeichen befand sich ' nämlich im Wappen des Sir Thomas Grefham, der als Kind schlafend in einer Wiese im hohen Gras lag und dort von einem Knaben, der eine Heuschrecke jagte, gefunden und gerettet worden fein soll. Daneben finden sich auch Drachen und Schiffe mit voller Takelage als Windzeichen. Sogar der Rost des heiligen Laurentius ist schon als Wetterfahne verwendet worden. Auf dem St. James-Palast steht als Wetterfahne die fast lebensgrohe Figur eines Admirals mit einem Sextanten. König Jakob, so wird erzählt, ließ diese Fiaur anbringen um stets über die Windrichtung unterrichtet zu sein: er fürchtete nämlich daß die holländischen Schiffe sonst eines Tages unbemerkt die Themse' hinaufsegeln könnten. Ja, sogar der große Schriftsteller Thomas Carlyle ist aus der Bibliothek von Battersea lesend als „Turmhahn" bar- Oer Tu nitzahn. Aus der Geschichte der Windzeiche.:. Von Dr. Jürgen Schäfer. Jetzt haben wieder die Winde das Regiment an sich gerissen, und in unumschränkter Herrschaft streifen sie übers Land, die bunten Blätter vor sich herjagend. So fahren die Winde aus vier Himmelsrichtungen in stetem Wechsel über die Fluren, sie schütteln die Wipfel der Bäume hoch oben in den Wäldern und fahren dann wie die wilde Jagd ins Tal hinab. Da ist keine Zeit mehr, an den Ecken zu stehen, und selbst wer in die Häuser slüchtet, muß gewärtig sein, daß der Wind durch die Angel der Türen und die Ritzen der Fenster folgt. Ist ihm aber der Durchgang verwehrt, dann eilt er um den Marktplatz und quirlt um die Türme, daß dem Wetterhabn da oben Hören und Sehen vergeht und er nicht weih, wohin er sich wenden soll. Da wird nicht Rücksicht daraus genommen, daß er ein altehrwürdiges Zeugnis handwerklicher Schmiedekunst ist. Will er nicht als Museumsstück in den Ruhestand ziehen, bann muß er seine Pflicht erfüllen, fo gewissenhaft wie bamals, als er zum ersten Male in schmuckem Glanz auf der höchsten Kirchturm- spitze mit kühnem Schwung verkündete: So weht hier der Wind! Hat man den Wetterhcchn nur aus Mildherzigkeit an seinem Platz gelassen und braucht man ihn denn heute gar nicht mehr zur Bestimmung der Winde? Freilich hat man im 20. Jahrhundert andere Mittel und Wege gesunden, um zu erfahren, wie der Wind weht und wo er hin will, und man braucht nicht mehr nach der knarrenden Wetterfahne zu sehen. Aber wer es nicht gar so genau wissen will, was Windmesser und Barometer sagen, ftmbern sich, bamit begnügt, ob es der West ober ber Ost, ber Nord ober ber <5üb ist, ber burch bie Straßen fährt, ber ichenkt gern auch noch bem Turmhahn ober ber gestellt worben. . Der Turmhahn hat aber unter all biefen Winbzeichen boch sein Recht als erster Wächter über Stabt und Dorf behauptet. M ö r i f e hat ihm dafür in unser aller Namen einst seinen Dank ausgesprochen. „Auf dem Kirchturm ein guter Hahn, Als ein Zierat und Wetterfahn. In Sturm und Wind und Regennacht Hab' ich allzeit das Dorf bewacht. Manch falber Blitz hat mich gestreift, Der Frost mein' roten Kamm bereift. Auch manchen lieben Sommertag, Da man gern Schatten haben mag, Hat mir die Sonne unverwandt Auf meinen goldigen Leib gebrannt.. .* D.rantvortlich: 0r. Kans Thtzrin t. - Druck und »erlag: Brühl',che Antverlitäts-Buch. und ©teinöiuderet. X. Sange. Sieben. Wetterfahne einen Blick. So hat dies älteste Instrument der Wetterkunde auch heute durchaus nicht feinen Zweck verfehlt, und es »füllt ihn fo zuverlässig wie seit Jahrhunderten. Zugleich aber kann der Wetterhahn ich rühmen, ein wenig Glanz und Poesie zu wahren die auch in der Hast des modernen Lebens nicht ganz überflüssig sind. Wer der Er- sinder der ersten Windfahne war, das wird wohl kein Forscher mehr ermitteln können. Er müßte bei seinen Forschungen bis m die graue Vorzeit zurückgehen. Jeder windbewegte Rauch und jebes stotternde Tuch zeigte die Windrichtung an. So wäre es verwunderlich, wenn der Mensch nicht schon sehr srüh auf den Gedanken gekommen wäre, sich aus solchen Anzeichen über bie wechselnbe Gunst der Winde belehren zu las en und bestimmte Wetterregeln aus ihnen abzulesen. So wird auch bald chon der Schritt getan worden sein, einen eigens für diesen Zweck hergestellten, leicht beweglichen Gegenstand, seines nun ein Fahnentuch oder ein anderes Gerät, an besonders dazu geeignetem Ort, zu befestigen. Dort wo die Winde ungestört brausen können, also auf der Hohe eines Berges ober auf ber Spitze bes Daches, dort wurde wohl die erste Windfahne errichtet und da sie wie ein treuer Diener, gehorsam jeder Wind- regung, ihre Pflicht erfüllt, fo gab man ihr zuweilen eine ansehnliche Gestalt von symbolischer Bedeutung. . . Die erste Kunde von einer Windfahne stammt aus einer verhaltms- mäßig späten Zeit. Dafür handelte es sich dann aber um ein berühmtes Werk der Baukunst, das sicher schon eine lange Reche von Vorgängern gehabt hat, nämlich um den „Turm ber Winde" zu Athen, der um das Jahr 100 vor Christus von einem mazedonischen Baumeister geschaffen worden ist. Dieser Turm besteht noch heute, die Wettersahne, die ihn zierte, aber ist längst zerstört worden. Doch kann man den Aufzeichnungen der antiken Schriftsteller entnehmen, daß es ein wahres Wunder- werk gewesen sein muh. Sie bestand aus Erz und stellte ein iDicer- unqeheuer dar, das mit einem Stad auf die unter ihm befindliche Darstellung der verschiedenen Winde wies. Je nachdem, ans welcher Richtung der Wind kam, drehte er sich und feinen Stab, um etwa auf den Nordwind Boreas zu weisen, der als ein alter bärtiger Mann in warmer Kleidung dargestellt war, ober auf ben Weftwinb Zephyros, ben ein schöner Jüngling verkörperte, ber mit einem Blütenkranz unb einem wallenden Mantel geziert war. So großartig diese Windfahne auch gewesen sein muß, o will es uns doch scheinen, daß sie ihren Dienst nicht mit allzuqroher Genauigkeit erfüllen konnte. Nicht durch ihre Schuld! Aber sie bekrönte den „Turm ber Winbe" in einer Höhe von nur etwa breizehn Meter, unb ba bie Akropolis nicht weit bavon gelegen war unb andere Höhen' die Winde auffingen, so hatte er nicht eben viel zu berichten. I Späterhin hat man genauere Windfahnen hergestellt: so wird von Teren- tius Varro berichtet, daß er auf feinem Landhaus eine Fahne besetzen habe, bie jebe Schwankung bes Winbes genau anzeigte unb bie vom Innern des Hauses aus beobachtet werden konnte. So hat man sich auch nicht mehr mit der Bestimmung von vier Windrichtungen begnügt: Aristoteles waren schon acht Richtungen bekannt, und römische «chrift- steller berichten von zwölf Winden, wobei sie jedem der vier Hauptwinde je zwei Nebenwinde zuteilten. Karl ber Große veranlaßte späterhin nach bem Bericht Eginharts, biefen zwölf verschiedenen Winbrichtungen reich ganz gewiß auch nicht, denn er sei ber Bürge für einen bau- i ernben Frieden „Lasten Sie uns doch offen reden, meine Herren: Wenn es hier immer noch .verbündete Mächte gibt, fo bin ich fehl 0m2ie anderen Minister wußten darauf nicht viel zu antworten. Sie hätten sagten sie, das beanstandete Wort nicht gebraucht, um damit irgendeine böse Absicht auszudrücken: es fei nur der Bequemlichkeit unb der Kürze halber angewendet worden. „Kurze , erwiderte Talley- ranb, „sollte niemals auf Kosten ber Richtigkeit erstrebt werben. Unb er versenkte sich abermals in bie Betrachtung bes Protokolls. Gleich darauf legte er es aus der Hand und sagte: „Das verstehe ich md)t. __ nahm es wieder auf und tat, als bemühe er sich angeftrengt, feinen Sinn zu erfassen. „Ich verstehe immer noch nicht! rief » W'eßlich. Für mich gibt es zwei festgelegte Tage, und dazwischen ift gar nichts. Der eine ist der 30. Mai, an dem beschlossen wurde, diesen Kongreß zu veranstalten: der andere ist der 1. Oktober an dem der Kongreß eröffnet werden soll. Alles, was in der Zwischenzeit stattgefunden hat, ist, soweit ich damit zu tun habe, nicht vorhanden." Abermals mußten die anderen Minister sich geschlagen bekennen. Sie ■ legten, sagten sie, bem Schriftstück wenig Bebeutung bei, unb waren bereit, es zurückzuziehen. Tatsächlich wurde es zurückgezogen, und es war niemals wieder die Nede davon. . Sodann aber tarn ein bedeutsameres Schriftstück zum Vorschein: es enthielt den von ben Mächten gefaßten Beschluß über bas von ihnen gewünschte Verhanblungsversahren. Die Mächte schlugen vor, baß alle Gegensiänbe, mit benen sich ber Kongreß zu befassen hatte, in zwe, Gruppen eingeteilt würben; jebe biefer Gruppen sollte bann einem ober zwei Ausschüssen überantwortet werben, und erst wenn diese Aus- schüste ihre Arbeit beendet hatten, sollte der eigentliche Kongreß beginnen. Der wahre Zweck dieses Vorschlages war, daß die Großmächte sich die Regelung aller bedeutsameren Fragen vorbehalten wollten. Talleyranb erkannte sogleich die Gefahr. Solange die früheren Verbündeten einträchtig zusammenarbeiteten, muhten er und sein spanischer Amtsqenosse immer in einer Minderheit von Zwei zu Vier bleiben unb bei jeder Gelegenheit überstimmt werden. Deshalb sagte er, das fei ein völlig neuer Vorschlag? und er müsse Bedenkzeit haben. Wenn man alles schon vor Eröffnung bes Kongresses regeln wolle, so heiße bas nach seiner Meinung ans Enbe setzen, was an ben Anfang gehöre. Castlereagh gab Talleyranb recht ober vielmehr nicht ganz unrecht, und es setzte eine allgemeine Erörterung ein, ohne baß man zu einer Entscheidung ^Irgend jemanb erwähnte ben König von Neapel unb meinte TOurat „Von welchem König von Neapel sprechen Sie?" fragte laUetjranb kühl unb fügte hinzu: „Der fragliche Herr ist uns nicht bekannt. Die Unverfrorenheit biefer Behauptung aus bem Munbe eines Mannes, der jahrelang in den Diensten Napoleons gestanden hatte, muß selbst die abgebrühten Diplomaten dieser Tafelrunde verblüfft haben. Und doch war der ganze Vorgang dermaßen gesättigt mit Ironie der Weltgeschichte, daß außer dem englischen Vertreter keiner von den Herren es sich hätte leisten können, Talleyrand an die Vergangenheit zu erinnern. Der Preuße muhte daran denken, dah sein König sich einmal sehr artig bei Napoleon bedankt hatte, weil ihm immerhin ein Bruchteil seines Königreichs gelassen worden war; der Russe hatte es miterlebt, daß fein Landesvater in Tilsit Napoleon mit inbrünstigen Lobpreisungen geradezu überschüttete: der Oesterreicher war stolz daraus gewesen, daß er die Tochter seines Kaisers an Napoleons Ehebett geleiten durste. Wie hätte es ihnen ba zu Gesicht geftanben, ben guten Glauben bes Mannes anzuzweifeln, ber Seine Allerchristlichste Majestät vertrat — den einzigen Herrscher also, ber kein Eroberer gewesen war? Als bei einer anberen Gelegenheit Zar Alexander mit Beziehung aus ben König von Sachsen bitter von ben „Verrätern an ber Sache Europas" sprach, antwortete Talleyranb mit Recht: „Das, Sire, ist nur eine Frage bes Datums " beutfche Namen zu geben. Bei ber Vorliebe bes beutfchen Mittelalters für Turme unb hohe Giebel unb für ihre Ausschmückung war es begreiflich, bah Wmb- richtungszeiqer nicht fehlen durften. Wie der alte Name Windfahne ■' ? zumeist Fahnen gewesen fein. Als die Kirchen dann nen die Glocken hingen, ebenfalls mit solchen Wind-