Nummer 52 Montag, den 8. Juli Jahrgang 1955 ch, das würde ihm gelungen, sein Gewicht um einige Kilo zu I der Bart fehlte, schien er äußerlich bald wieder ist zu nehmen. Es lag an ihm selbst, iderstandslos nach? Hatte er nicht bei lick wieder auf einer Bühne zu stehen, ganz gleichgültig wo diese Buhne sich befand! Die Intendanten im Reich rissen sich Ärmlich um sein Auftreten bei ihnen. Ach, da würde er endlich wieder sich selbst suh en bis in den letzten Blutstropfen hinein und jenen himmlischen Rausch, der jedesmal über ihn kam, wenn er über den Hellen Streifen einer Rampe hinweg die Wirkung seiner Person in das weite, atemlos Ä'lS'S’fe. m-n°! Mi- ihm -m-n Eini-Ii. b-r ihn Io fahimerle, dah -r all- Unruhe und allen Aerger vergaß. Er sprang auf und ging rafch durch GiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Es'ist gut, Lisa. Ich weiß, daß ich ein ganz dummer Junge bin. Slber schon der Gedanke machte mir plötzlich solchen Spatz... Wir wollen es lieber sein lassen." . , .,, ,, hl, « Wie du willst, Ludwig. Du weißt, daß ich in allem zu dir halte. Er nickte, legte seinen Mantel ab und ging in sein Zimmer. Sie wollte ihm folgen, zog es dann aber vor, ihn eine Weile allein zu lassen. Sie fürchtete sich vor der plötzlichen Schwermut in seinen Augen. Ludwig warf sich aus den Diwan und sing an zu grübeln. Er wußte, daß Elisabeth ihm nicht den leisesten Borwurf machte, daß sie un Gegenteil bereit war, auf jeden Vorschlag von ihm einzugehen. Auch Billys Widerspruch brauchte er nicht ernst zu nehmen. Es lag an ihm. selbst. Warum gab er so schnell und widerstandslos nach? Hatte er nicht bei seinem Eintritt ins Haus die wahre Lust verloren gehabt? Warum hatte Cr Sich^zub^fragsn und über sich nachzudenken, war eine zu schwierige und ungewohnte Sache. Er muhte handeln sich bewegen irgend etwas tUn' Das war das einzige Gute für ihn. Wie er daraus brannte endlich wieder auf einer Bühne zu stehen, ganz gleichgültig wo diese Buhne firii befand' Die Intendanten im Reich rissen sich förmlich um sein Uebermorgen fahre ich auf Tournee nach Frankfurt. Ich habe Lust, heute abend zu tafeln, und werde die Freunde einlaben!" antwortete er, aber nicht mehr mit der inneren Festigkeit, die ihn während der Fahrt Cr^iBiUn war hereingekommen und machte sich an dem Reh zu schaffen. Elisabeth schüttelte den Kops, und das Lächeln, das über ihr Gesicht flog, hatte etwas Unsicheres, Ablehnendes. Das ist doch heller Unsinn, Ludwig, und eine maßlose Verschwendung!" sagte Billy und warf ihm einen strafenden Blick zu. Run ja. Vielleicht habt ihr recht. Tatsächlich hab' ich auch schon die "richtige Lust nicht mehr. Es war ein Emfall. Aber brauchen tonnen wir das Tier immer. Wir können es ja auf Eis legen!" sagte Ludwig und schämte sich, daß seine Antwort beinahe kleinlaut ausgefallen war. Elisabeth fühlte einen schmerzlichen Stich in der Brust, als sie sah, wie sein Gesicht sich verdüsterte. Sie nahm rasch feinen Arm und führte ihn nach oben. „Es ift ja nur darum, weil Kern es dir strikt verboten hat. Du hast bis jetzt mit so gutem Erfolg durchgehalten. Doch «ch verstehe dich, Ludwig, und bin gern bereit, alle deine Freunde dazu em= wie unrecht er hatte. Lagerten nicht noch die schönsten Weine im Keller, von denen feit seiner Rückkehr kaum eine Flasche mehr auf den Tisch gekommen war? Und die schöne lange Tafel im Speisezimmer, die doch besonders dazu ausgesucht und geeignet war, hatte noch nie einer richtigen Schmauserei gedient, einer Thieleschen Schmauserei! — Ludwig spürte seinen Hunger ins Gigantische wachsen. Er preßte die Zähne auseinander und starrte mit hervorquellenden gierigen Augen auf das verschnürte Paket zu seinen Füßen. Zum Teufel mit aller Bedenklichkeit und klapprigen Vorsichtl Er krepierte ja bald vor Hunger, wie em Hund, wenn er so weitermachte! Elisabeth mußte das einsehen, und Doktor Kern mußte mithalten heute abend, zur Strafe! Es mußte ein großer Abend werden, ganz wie früher. Billy würde für das übrige sorgen wenn auch mit einem ernsten, stummen Gesicht. Ach, das würde sich schon ausheitern im Laus des Abends, und auch die eigene Laune würde endlich wieder dis auf einen Gipfel steigen! Fühlte er nicht schon jetzt einen Strom neuer Kraft in den Adern? Selbstverständlich hatte Hubert recht. Er, Ludwig Thiele, brauchte sich nicht darum zu kümmern, was die anderen dachten und sagten. Er mußte so leben, wie er geschaffen war! Dann würde er als ein durchaus anderer seine Gastspielreise antreten und auf der ganzen Linie siegen, wie er immer gesiegt hatte, wenn er im Vollbesitz seiner Kraste war. Doch als er das Haus am See erreichte, war der Schwung feines Entschlusses, der wie ein Rausch über ihn gekommen war, schon halb verflogen. Mit Konstantins Hilfe brachte er das Paket in die Küche, in der Elisabeth gerade der Köchin einen Auftrag erteilte. „Was schleppt ihr denn da herein?" fragte sie mit überraschten, beinahe erfchreckten Augen. . Ludwig ergriff ein Küchenmesser und zertrennte mit einem Schnitt die Schnüre, die die Umhüllung zusammenhielten. Sie fiel auseinander, und auf dem Küchentisch lag das Reh. Elisabeth stutzte und sah ihn ut, daß Du da bist ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR Copyright 1953 by August Seher! G m. b. «5-r Berlin (Fortsetzung.) 37. In den nächsten zwei Wochen zeigte sich Ludwig kaum in der Stadt. Er widmete sich ganz Elisabeth und dem Kind, seinem Haus und dem Garten, trainierte und hielt Diät. Noch viele Jahre spater, nach der Katastrophe, fühlte Elisabeth, wenn sie an diese stillen Herbsttage dachte, daß es die heitersten und glücklichsten ihrer Ehe gewesen waren. Dann sah sie ihn wieder vor sich, wie er mit seinen langen wiegenden Schritten durch die Zimmer ging, die Kleine auf dem Arm und eine leise Melodie auf den Lippen, die aus der „Zauberflöte" stammte und die er nach allen Seiten parodierte — oder wie er auf dem Balkon in feinem Liegestuhl sich ausstreckte und laut die Verse des Wallenstein lernte aus dem kleinen gelben Heft, das schon ganz aus den Fugen gegangen war unter den Griffen seiner mächtigen Hande — oder wie er zwischen Pitt und Fox durch den Garten schritt zum See hinab und mit den Hunden im Boot weit hinausruderte — oder wie er mit feinem Lachen und feiner Zuversicht einen der zahllosen Gläubiger abfertigte, die wieder heftiger herandrängten, sich aber zu ihrem eigenen Erstaunen nicht einmal ärgern konnten, daß sie wenig ober nichts bei ihm Nur eine Beobachtung weckte in Elisabeth jene Gedanken und Besorgnisse wieder auf, die sie in der ersten Nacht nach seiner Rückkehr überfallen hatten und die sie inzwifchen vollkommen vergessen hatte An diesem Tage rief in der Frühe der Agent Henschke °n unb bestellte Ludwig zu sich ins Büro, da seine Verhandlungen über die Gastspiel- tournee soweit gediehen waren, daß er Vertrage vorlegen konnte^ Ludwig fuhr mit Konstantin in die Stadt. Da er sich streng an die Diät gehalten hatte, war es ihm gelungen, sein Gewicht um em,ge Kilo zu vermindern, und da auch der Bart fehlte, schien er außer ich bald wieder der alte Thiele zu fein, wie etwa vor der Reife nach Hollywood. Daß er sich innerlich keineswegs wohlfllhlte, Derbarg er vor Hermann. Alle Versuche des Doktor Kern, ihn zu der Untersuchung durch den Professor zu bewegen, waren gescheitert. Im Büro des Agenten am Potsdamer Platz unterschrieber mehrere Verträge die ihn verpflichteten, schon am Ende der Woche mit den Gastspielen zu beginnen, und zwar in Frankfurt am Main; dann in den jüddeutschen Städten, später in München, Leipzig und Dresden, worüber die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen waren. Sa Henfchke auch gute Gagensätze erzielt hatte, atmete Ludwig befriedigt auf und veriieß das Büro in einer heiteren, angeregten Laune, wie er sie lange "'^Die Potsdamer Straße war um diese Zeit derart überfüllt von' Fahrzeugen aller Art, daß Konstantin mit dem Wagen nur langsam vorwärts kam und jeden Augenblick zu kurzem oder längerem Halten gezwungen war. Ludwig im Rücksitz wurde ungeduldig. Bei einem neuerlichen Halt starrte er nach rechts aus d-ch Fenster unb fem B.ick fiel auf die Auslage eines Ladens voll von Wildbret Außen, links von der Eingangstür, hing ein aufgebrochenes, abgehautetes Rest Ludwig der in den langen Wochen des Trainings und der Diät ei quälendes Hungergefühl nie ganz losgeworden war, uhlte einen iahen mächtigen Avvetit in sich erwachen beim Anblick des Rehs, das nu ba r a u mariete, zerteilt unb gespickt in den bampfenben Ost» geschoben zu werden. Er glaubte, den Duft der gebratenen Keulen, des m t Sahne übergossenen Rückens und der knusperigen Lause '" der Nase zu spuren und bas Wasser lief ihm im Munde Zusammen. Er wußte die Augen schließen, wie in einem Schwächeanfall. Der W^n h'elt noch immer, eingekeilt zwischen dem Trottoir und emem schweren Autobus, und Lubwig" richtete sich mit einem pllMchen Ruck auf «ab Konstanttn ein Zeichen, zu warten, und flieg rasch aus. Mit dem Berkau er, der herauskam und das Reh vom Haken nahm, wurde er bald einig. Das Tier wurde eingepackt und in den Wagen getragen Auf der Heimfahrt entwarf Ludwig tm Geist die Tafel für heute abend. Fort endlich mit den Süppchen unb Gemuschen dem Mmera - wasser und allen kleinen Portionen! Martm wurde er holen lass en, Hubert unb Bernau mit (einer blonben Inge ob J, „ft erfolgreich gegen bie Heirat wehrte? - unb ben Doktor Kern ewst verstänblich. Der bürste nicht fehlen! Der mußte zusehen und emf.hen, die Diele zur Treppe, bk nach her Küche hinabführte. Dort sah er sich um, ob niemand ihn bemerkte. Dann stieg er leise die Treppe hinab und spähte in die Küche, wo die Köchin am Herd beschäftigt war und ihm den breiten Rücken zukehrte. Das Reh lag nicht mehr auf dem Tstch. Vorsichtig tastend ging er an der Tür vorbei und den halbdunNen Gang entlang, der zur Speisekammer führte. Der Schlüssel steckte ,m Schloß. Er öffnete die Tür und erblickte das Reh, das an der Setten» wand des hohen Eisfchrankes aufgehängt war. Mit beiden Händen faßte er zu an den Läufen und den zufammengebundenen Hinterbeinen und trug es an der Küche vorbei nach der Hintertür des Hauses, Die sich in den Garten öffnete. Ludwig trug feine Last durch den Garten bis zur Garage, an deren Seitenwand der Stall für die beiden Doggen lag. Pitt und Fox horten ihn kommen und standen wie zur Parade an ihrer Kette. Mit einem kräftigen Schwung warf er ihnen das Tier vor die Füße. Sie wichen e zurück, kamen dann wieder langsam näher, angezogen von dem und Wildgeruch, der sie sichtlich erregte. Sie schlugen die Zähne m das Fleisch, zuerst wie zur Probe, und rissen Stücke davon ab, die sie schmatzend verschlangen. Dann aber stürzten sie sich auf das Wild und fraßen, daß ihnen in kurzer Zeit der blutige Schaum vor die Mäuler trat. . Breitbeinig, die Hände in den Hofentaschen, stand Ludwig davor und sah zu. Zuerst freute er sich an der barbarischen Wildheit der ganzen Szene. Genau so hatte er sie sich vorgestellt, und diese Vorstellung hatte ihn dazu gebracht, sie zu verwirklichen. Dann aber ging etwas in ihm vor, das er sich nicht gleich erklären konnte und das ihn verwunderte. Er mußte feststellen, daß seine spontane Lust, seine innere Anteilnahme sehr bald erloschen und daß er davorstand wie ein kühler und sachlicher Beobachter, der zudem vor allem sich selbst beobachtete. Aus einmal erschien ihm das ganze Schauspiel wie eine ins Groteske gesteigerte, verzerrte Parodie feiner eigenen Schmausereien. Er versuchte, sich gegen den Vergleich zu wehren, aber es wollte ihm nicht gelingen. Ein Abscheu erwachte in ihm und stieg bis zum körperlichen Ekel. Er sah sich selbst bei seinen zahllosen Schmausereien, entdeckte und erfand Einzelheiten, die den Einzelheiten des Bildes da vor ihm zu gleichen schienen, und plötzlich sah er darin ein Symbol seines ganzen bisherigen Lebens. — Wie hatte Hubert von Gerber gesagt? Seine Form war die Formlosigkeit, fein Maß die Maßlosigkeit! Ludwig lachte plötzlich laut aus. Nein! Das alles war ganz falsch. Das war ein gefährlicher und abscheulicher Irrtum, wie alles Eindeutige und einseitig Gedachte! Er, Ludwig, hatte bis zu diesem Augenblick gelebt, wie er mußte, wie ihm feine starken und gesunden Instinkte befahlen. Und hatte dabei wohl eine Form gewahrt, eine klare, natürliche Form, aus der auch eine Wirkung kam, die keineswegs böse und häßlich war. Nur hatte er nichts davon gewußt bis zu diesem Augenblick. Auch diese Unbewußtheit war durchaus natürlich gewesen, well sie nur ein Zeichen seiner starken und langen Jugend war. Jetzt aber war diese Jugend endgültig vorbei, und damit brachen Erkenntnisse über ihn herein, denen er zwar noch nicht gewachsen war, die ihn aber keineswegs umwerfen konnten. Er spürte, daß sich sein ganzes Leben verändern würde, aber zum Guten, Ueberlegenen, Reifen... Auf einmal wußte er, daß ein wesentlicher Abschnitt seines Dasein zu Ende war, und sein Abschied davon war ohne Bedauern. Vor ihm lag geöffnet ein neuer, erweiterter Teil mit noch unerforschten, verlockenden Grenzen, und er spürte, daß er sich hineinwagen konnte mit der gleichen Intensität wie früher, da er alle Maßlosigkeit in sich selbst erkannt und damit überwunden hatte ... Als er sich von den Hunden abwandte, erblickte er Elisabeth unter der Tür des Hauses und las in ihren Augen, daß sie ihn schon länger beobachtet hatte. Er ging rasch auf sie zu, die Hand auf die rechte Seite gelegt, wo er wieder einen leisen Schmerz empfand. „Es hat ihnen bester geschmeckt als mir!" sagte er, und Elisabeth sah erstaunt in sein wie von innen erhelltes Gesicht. „Ich bin ganz damit zufrieden. Denke dir: Ich habe etwas fehr Wichtiges entdeckt!" „Was denn?" „Daß ich viel älter geworden bin. So alt, wie ich wirklich bin. Bisher habe ich das nicht gewußt. Aber ich bin auch damit ganz zufrieden." Elisabeth schüttelte besorgt den Kopf. „So kenne ich dich gar nicht, Ludwig." „Das macht nichts, Lisa. Du wirst sehen, daß es richtig ist." 38. Die Gastspielreise Ludwig Thieles wurde von Anfang an ein großer, von Stadt zu Stadt, von Vorstellung zu Vorstellung sich steigernder Erfolg, dessen hochstehende Wellen bis nach Berlin zurückschlugen. In Frankfurt, Mannheim, Karlsruhe, Stuttgart waren die Theater Abend für Abend ausverkauft. Presse und Publikum feierten in Ludwig Thiele einen der urwüchsigsten und volkstümlichsten Schauspieler der Gegenwart. In München mußte das Gastspiel um eine Woche verlängert werden, was die Dispositionen Henschkes umwarf. Doch es gelang, die Tournee um einen vollen Monat zu erweitern, so daß Thiele erst kurz vor Weihnachten wieder in Berlin eintreffen würde. Dazu tarn, daß in der Mitte des Monats November die beiden anderen Filme der Gloria-Corporation mit Ludwig zuerst in Berlin und. bann im ganzen Reiche gezeigt wurden. Sie behandelten ähnliche menschliche Themen wie jener erste. Nur war ihr Hintergrund diesmal die Kolonisation des amerikanischen Westens. Ludwig spielte darin einen Farmer, der mit einer Gruppe harter, entschlossener Männer auszog, um einen Teil der Steppen und Wälder am Fuß der Rocky Mountains urbar zu machen, der Zivilisation zu gewinnen. Wieder warteten Mutter und Braut auf ihn in einer Stadt des Ostens, bis er, nach Ueberroinbung harter Entbehrungen, über tägliche Gefahren, Kämpfe und Verrätereien hinweg, feinen Anteil errungen unb fest begrünbet hatte, sie zu sich holte mb mit ihnen gemeinsam weiterbaute. Eine einfache, gerablinige Hand- 'ung, bie roieber ganz auf seine Natur zugeschnitten war, voll von 'Dunnung und menschlichen Erschütterungen, dazu geschickt verbunden mit interessanten Episoden aus jener heroischen Epoche der amerika- ;; nischen Geschichte. _ „ r , Direktor Grolman hatte sich nicht verrechnet. Der (Erfolg der drei Filme war in Europa ebenso groß wie vorher in den Bereinigten Staa- f ten, und der Name Ludwig Thiele rückte damit in die vorderste Linie der internationalen Filmdarsteller auf. In der Berliner Oeffentlichkeit wurden auch Stimmen laut, bie lebhaft beklagten, bah ein Schauspieler von diesem Format seit Monaten auf keiner Bühne zu sehen, sondern gezwungen war, in der Provinz zu gastieren. Elisabeth hatte ihren besonderen Triumph, als daraufhin Steinten bei ihr anrief und in ver< ; kindlichster Weise anfragte, auf welchen Termin er den „Wallenstein" im Deutschen Volkstheater ansetzen dürfe. Nach einer telephonischen Ber- tänöigung mit Ludwig, der noch in München war, wurde die Premiere auf den fünfzehnten Januar festgefetzt und der Termin in der gesamten Presse veröffentlicht. — > , Unser Aufgebot ist erledigt. Morgen um zwölf Uhr müssen wir auf dem Standesamt sein!" sagte Billy am letzten Novembertag zu Elisabeth. „Warum auf einmal fo eilig, kleine Billy?" , Well wir sonst überhaupt nicht mehr dazu kommen. Auch Kern ist überzeugt, daß es die höchste Zeit ist. Sonst kommt Ludwig wieder da- zwischen und schiebt alles auf unbestimmte Zeit hinaus, namentlich jetzt, wo er ein weltberühmter Mann ist." „Jetzt wird es also Ernst: Du läßt mich mit Isa allein?" „Nein. Ich bleibe genau bis zu dem Tag, an dem Ludwig zurück- kommt. Bis dahin habe ich auch den richtigen Ersatz gefunden für Isa. Aber geheiratet wird morgen. Das steht fest. — Du bist doch mein Trauzeuge, Lisa, wie du es mir versprochen hast?" „Natürlich. Morgen um zwölf Uhr. Wer ist denn der andere Zeuge?" „Franz Martin. Es hat lange gedauert, bis Kern ihn so weit hatte." „Wir werden ihn abholen, sonst vergißt er es womöglich." — Am dritten Tag nach dieser Hochzeit tarn aus Leipzig das Telegramm mit der Nachricht, daß Ludwig am Abend schwer erkrankt sei und daß man die Borstellung des „Götz von Berlichingen" nach dem dritten Akt hatte abbrechen müssen. Elisabeth verlor nicht die Fassung, aber plötzlich standen alle Besorgnisse, die sie in den letzten Monaten um Ludwig gefühlt hatte, mit verdoppelter Schärfe wieder vor ihren Augen. Sie hatte doch schon vor ihrer Abreise bemerkt, wie verändert er war. So still und beinahe abgeklärt. Das war nicht mehr ber alte, sorglose Draufgänger gewesen. Also war seine Gesunbheit schon damals untergraben, wie sie ein paarmal mit jähem Schreck gedacht hatte, wenn er sich so schnell und scheinbar ohne inneren Widerstand in alles gefügt hatte? Unb sie hatte ihn abreisen lassen, ohne sich weiter Gebanken zu machen! Jetzt konnte sie sich ber Selbstvorwürse nicht mehr erwehren. Was war geschehen? Nur Klarheit, noch in der Nacht! Sonst würbe sie unter ber Last der Unsicherheit und ihrer Selbstanklagen zusammenbrechen. Billy hatte mehr gewußt als.Elisabeth und hatte sich trotzdem täuschen lassen, zusammen mit Doktor Kern. Sie mußte bie Zähne zusammenpressen, um nicht laut auszuschreien beim Empfang dieser Nachricht. Handeln! Eingreifen! Wiedergutmachen, was sie versäumt hatte! Sofort! Sie hängte sich ans Telephon, und es gelang ihr, sowohl das Krankenhaus wie auch Konstantin zu erreichen, der Ludwig begleitet hatte. Nach einer Stunde hatte sie so viel erfahren, daß sich ein klareres Bild ergab. Ludwig war kurz vor dem Schluß des dritten Aktes vor feinem Auftritt zusammengebrochen und erst nach einer Biertelftunbe unter den Händen des rasch herbeigeholten Theaterarztes wieder zu sich gekommen. Herzschwäche und ein allgemeiner nervöser Erschöpfungszustand, lautete die erste Diagnose. Dazu Schmerzen im Leib, die seine Ueber- führung ins Krankenhaus notwendig machten. Dort befand er sich zur Zeit in einem ruhigen Dämmerschlaf, verursacht durch eine sofort vor- genommene schmerzstillende Injektion. Jetzt war es Elisabeth, die den Doktor Kern durch bas Telephon aus bem Schlaf weckte. Nachbem er erfahren hatte, was geschehen war, erklärte er sich sofort bereit, nach Leipzig zu fahren mit bem Frühzug, um ßubroig, wenn irgenb möglich, nach Berlin zu bringen. — Am nächsten Bormittag betraten Elisabeth unb Doktor Kern die Leipziger Klinik. Während sie in einem Borzimmer warten mußte, hatte Kern eine längere kollegiale Unterhaltung mit dem diensttuenden Assistenzarzt. Die Auskunft war günstiger, als er befürchtet hatte. Die Schmerzen schienen zurückgegangen, nur eine große Schwäche war ge* blieben. Doch stand nach der Ansicht des Arztes einem Transport nach Berlin im Auto oder in der Bahn nichts im Wege, namentlich, da die notwendige Blutuntersuchung unb die Röntgenbilder hier noch nicht hatten gemacht werden können. Kern ließ sich von ber Auffassung bes Leipziger Arztes, baß ber Anfall leichter, vorübergehenber Art fei, nicht beeinflussen. Er brängte barauf, ben Patienten sofort mit nach Berlin zu nehmen unb bem bekannten Internisten Professor Althosf zu übergeben. Erst nach weiteren Verhanblungen erhielt er bie Erlaubnis. Unterdessen wurde Elisabeth von einer Schwester In Ludwigs Zimmer geführt. Er saß halb ausgerichtet in den Kissen, unb Elisabeth erschrak im tiefsten über bie Blässe unb Scharfzügigkeit feines Gesichts. Er streckte ihr bie Hanb entgegen unb versuchte, zu lachen. „Ich habe roieber einmal etwas sehr Dummes angestellt. Bin einfach umgefallen unb weiß nicht einmal, wie bas gekommen ist. Jetzt aber fühle ich mich roieber ganz gut. Nur noch ein wenig blöbe von ber Injektion, bie sie mir gemacht Haden. Heute abend kann ich wieder spielen!" „Unsinn, Ludwig! Du kommst mit uns nach Berlin!" „Wie denkst du dir das? Ich kann doch nicht einfach aufhören. Ich bin verpflichtet ..." ... „Du bist krank, Ludwig, ernstlich krank. Darum nehmen wir bin) mit nach Berlin." ,Zhr .. ? Wer benn noch?" „Doktor Sern. Er ist mit mir gekommen." (Fortsetzung folgt.) die Mitte einer Bergwüste; eine unheimliche Legenden nun doch Hochmoor; in Massen sie noch. Sprung in die Vogesen, Bon n. zerreißt sich der wu- die Tiefe der Täler, Inti. Von Theodor Storm. Klingt im Wind ein Wiegenlied, Sonne warm herniedersieht, Seine Aehren senkt das Korn, Rote Beere schwillt am Dorn, Schwer von Segen ist die Flur — Junge Frau, was sinnst du nur? Wir halten die Höhe und steigern , riesiger gelber Enzian; Graskuppen. Zuweilen chernde Nebel; dann fährt der Blick erschreckt in und wieder gefaßt schweift er über die weithin geschwungenen Kurven der inneren Vogesen. Das unendliche Waldgebirge ist dumpsgrün, bis ins Dunkelblaue und Schwarze. Nun sehen die Vogesen ganz und gar wie die Düsternis des Schwarzwalds an trüben Tagen aus; und die Vogesen scheinen ebenso unermeßlich — scheinen ebenso das einzige auf der Welt zu sein, über das hinaus sich gar nichts denk«n läßt... Daß es Paris gibt und München gibt, ist nun unbegreiflich; wahrscheinlich ist, daß beides nur geträumt wurde. Wir sitzen über der „Schlucht" in einem Gasthaus. Es ist elf Uhr. Wir frühstücken, wie man es im Badischen drüben auch getan haben würde: Rühreier (ausgezeichnete Rühreier — denn man kann sie ebenso vorzüglich machen, wie man sie lieblos verderben kann) und Rotwein und dann einen Mirabellengeist; dazu das beste Laibbrot, ein licht- Der Ausbruch geschieht bei der Martinskirche in Kalmar, der geliebten und köstlichen kleinen Stadt. Die Kirche steht, wohlgemauert in prächtig spielendem gelben und roten Sandstein, und die absonderlich gerankte Gotik des Turmhelms freut sich ihrer eigenen reizenden Willkür — man mürbe sich nicht wundern, wenn die vielen seinen Spitzen anfingen, sich zu regen, wie die Enden von Rebfchößlingen im Winde oder wie bie Fühler von Faltern. Umher ruhen die engen alten Straßen; die Leute gehen den Geschäften mit Behagen nach. Die Gassen gemahnen em wenig an die andere Rheinseite: an Schwäbisches und Mainländisches; da und dort muh man ans alte Franksurt denken. In einer dieser Gassen mit den ausladenden, den unbedenklich überhangenden Oberstöcken hat der Meister Martin Schongauer gewohnt, und hier ist auch der junge Dürer zu denken, wie er umherläuft und sich umsieht (denn zwischen 1490 und 1494 ist er im Elsaß gewesen). Die Rebäcker gehen, flach gestreckt, bis an die Stadt her, ja Ms in sie herein; so meldet sich der Geist des Landes — der gute Elsässer Wem. Wir fahren bergwärts. Das Land fängt an, sich zu heben, mäßig erst, dann kräftiger. Weinberg an Weinberg und über Weinberg — ach, es ist die schönste Pflanzung, die sich denken läßt, Schlankblättrige Edelkastanien, an denen eßbare Früchte gedeihen, und anmutige Akazien säumen den Weg; die Bäume haben Leichtigkeit, ohne des Wesens zu entbelü-en.ra burd) behagliche Städtchen mit Fachwerk ober rotem Vogesensanbstein, mit gestaffelter Gotik unb zierfamer Renaissance. D,e Nerven fpüren, daß in dieser Welt das fünfzehnte und bas fechzehnte Jahrhunbert besondere, prägende Bedeutung müssen gehabt haben. Ammerschweier, Kaysersberg, die Heimat des Geiler, der vor fünf Jahrhunderten die kräftigen und kurzweiligen Straßburger Kanzelreden gehalten hat; der die rechte Seele des Christenmenschen, dem „Haslern im Pfeffer" verglich — denn wie das Häslein im Pfeffer schmackhaft und mürb werde, so müsse die Seele des Christenmenschen in der Furcht des Herrn gebeizt liegen. Kaysersberg, die alte Reichsstadt des heiligen römischen Imperiums deutscher Nation, hat aber, wie der Name ansagt, auch einen Kaiser zum Freund gehabt. Der Rotbart besaß dort oben ein Schloß, und es läßt sich vorstellen, daß der heiße und weitschwe, ende Schwabe diese Landschaft liebte, in der ihm das Wesen su^entscher Natur gesteigert erscheinen mußte... Wir fahren durch die Mitte der Stadt und erkennen im Flug die rote romanifche Sandsteinfront der Kansersberqer Kirche wieder. Denn es hat hierzulande nicht nur Renaissance gegeben, sondern auch die erste schwere, starke Form des romanischen Lebens um das Jahr 1000. Wir fahren; Oleander blüht weiß und rofa in Kübeln vor den Hcm- sern und aus Terrassen. Das Elsaß wäre ohne Oleander das Elsaß nicht, wie Baden ohne Oleander nicht Baden wäre: Baden, das Land das an der Symmetrieachse des Oberrheins dem Elsaß zugeordnet liegt. Kernhäuser; Rathäuser. Auf den Straßen gehen Manner mit ^>ars- grünen Hüten; es sind Winzer, und das Vitriol mit dem sie ihre Reben spritzen, ist auf sie zurückgefprungen. So laufen sie herum — ganz selbstverständlich inmitten ihrer gnomenhaften Wunderlichkeit; ihre Hute sitzen ihnen als eine Patina an den Köpfen, so grün rote das Dach der Thea- tinerkirche in München. Man sieht di- Männer auch draußen in d n Weingärten und auf den Landstraßen, und es fugt sich, daß ihre grünen Hüte vor der bläulichen Röte eines Sandsteinbruchs erscheinen. Aber auch die Erde ist rötlich, und der Ton der Straße geht ins Steinrot der Vogesen, aus dem das Straßburger Münster gemacht ist. * Nun ist das Waldland da und nun das Waldgebirge. In der Ebene war es heiß; hier ist es kühl wie zwischen den Tannen des Schwarzwalds. Auch hier sind Tannen, aber sie haben nicht die ganze, Anfehn- lichkeit der Tannen des Schwarzwalds; auch sind sie mit Laubbaumen vermengt, und darum hat der Wald der Vogesen nicht d.e mythische Schwere des Schwarzwaldes. Aber doch: wie viele Aehnlichkeit mit ber Welt auf der anderen Rheinfeite^. Forellenbache ^udelnuberSte,w brorfen und Kiesel bergab; der Waldboden riecht kräftig nach Erde und Pilzen; es duftet nach Harz, nach Wachholder, nach Farn. Erst war das Rebland da; dann Wiesenland mit Meiereien, setzt ifts der Wald. Wir erreichen die Höhe des Bonhomme, wo di-aeGrenze lag (und die Grenze war nicht ohne das Zechen der Natur). Verwachsene Spuren des Krieges sind kenntlich. Vom inneren Frankreich bringt mächtig ein bleigrauer Nebel an. Die Vogel haben aufgehort zu fingen. Es ist falt. Drunten im Tal unb auf halber Hohe hatte wir überm Lärm bcs Motors ben Schlag ber Fmken und ben Triller Lerchen mit einer unwahrscheinlichen Deutlichkeit gehört b 9 war mitgegangen wie Sonne und Warme. Selbes ist, schier plofeltcf), vorbei. * Wir fahren auf der Höhe, wo der Wald schon kleiner und von der Höhenluft felbst gelichtet ist. Westwärts liegt m der Tiefe der Weiße See. Seltsam, daß er so heißt — seltsam heute. Denn er f)at unter bcm verdunkelnden Nebel und Gewölk eine schwärzlich-metallische Farbe angraues Brot ohne Säure unb Nässe. Der Nebel über uns verharrt in unablässig kriechenber (Erneuerung. Ader es ereignet sich, baß brunten im Tal, gen Osten, plötzlich bie Sonne auf dem Oraslanb liegt — ein verlorenes Stück Sonne, ein abge- fprungenes Stück Heiligenschein. * Bon ber Höhe bes Bonhomme, bie, wenn ich es noch recht weiß, vorbem Di-boldshauser Höhe geheißen hat, zieht sich eine lange, hundertfach gewundene Kammstrahe über den „Col" der Schlucht, am Hohneck vorüber, über den Gebweiler Belchen hin und bis nach Sennheim hinab. Sie hat den Namen „Route des Gretes" und gehört zu den schönsten Höhenstrahen, die einem Wagen Gastfreundschaft gewahren können. Die Fahrt gibt mannigfaltige Blicke frei — aber das schönste ist die Einheit, das gleiche in der Mannigfaltigkeit. Wald, dunkler Bergwald, soweit man schauen kann. Wie würde Stifter ihn geliebt haben! In den tiefen Furchen der Täler rötlich schimmernde Orte aus denen ber freundliche Rauch des Mittags steigt; oben bei uns beharrlicher Nebel, ber uns ben Ausflug aber nicht oerbirbt, fonbern noch bebeutenber macht. , Doch wiederum: wir sind dankbar, wie über dem Hohneck der Rebel jählings sich teilt, als ein Theateroorhcmg. Wir blicken in die Blaue des Himmels, die sich offenbart. Zwar ist sie tot; bas Blaue ist falt unb lichtlos; das Drama des Tages erreicht eine seltsame Hohe, und sie behauptet, sich einige ungeheuer ernste Minuten lang über einer Well, die noch im Grau erstickt I Doch nun geschieht bas Lösende. Die Sonne ist noch nicht zuruck- aetebrt’ aber mir wissen, sie wird es tun; aus der östlichen Tiefe herauf 9fängt dies Land an, sich zu vergolden Wir fahren weiter; die schwarzroeihen Vogesenkühe läuten auf den Graskuppen noch in den Nebel hinein, unb bie Sennhütten, bie Käsereien stehen hier oben wie in einer unterweltlichen Halbhelle; bas Weiß ber Schneebrocken, die in Mulden geblieben sind, kann gar nicht weniger weiß fein — ist so unlicht, so gestorben, daß man das Weihe gar nicht verwirklichen kann. Aber in den Tälern schimmert und heizt die Sonne; dro Taler brodeln unb glänzen. Nur drüben in den inneren Vogesen verbleibt die tragische Düsternis; die Seen von Retournemer und Longuemer blinken nur als schwarze Schilde. Aus dem Weg zum G-bweiler Belchen kehrt der Wagen vollends In bie warme Atmosphäre zurück und in die zunehmende Fülle des Lichtes. Das klassische Mittagessen mit Rheinsalm und Brathuhn wird unter der Sonne eingenommen, und der Horizont ringsum ist hell, so Waldgebirg 10 Das Rot der Dächer von Gebweiler ist voll von Heiterkeit. Aus den Hartmannsweilerkopf fährt das Sonnenlicht, die Sonnenhitze wie ein Lanzenbündel nieder. Der weißgoldene Altar ben bie Franzosen auf bie Höhe bes furchtbar burdjbluteten Berges gefetzt haben, und bie unabsehbaren Drbnungen ber weihen Kreuze stehen m (djueibenber Helle unb brängenber Glut. Ueber bie hellen Honigtone bes Elsaß, der Rheinebene wandern als stumpfblaue Flecken die letzten Wolkenschatten des sonst gänzlich in fein Sommerleuchten zuruckgekehrten Tages Die zerschosfenen Bäume blinken schrecklich nut einem scharfen.^bergrau Grabkreuze der getöteten Natur. Doch sonst ruhen an dieser Landschaft, bie zu ben schönsten ber Welt gehört, ber balsamische Hauch und das heilende Licht des Friedens. * ninrh fahren wir durch Wälder, bergab, bergan, denn der Tag ist nicht ,u Ende gekommen. Wir fahren zwischen den herrlichsten Waldblumen Mn- gelber und rotvioletter Fingerhut steht in Reihen wie ich sie nie I gesehen habe, und die große blaßblaue Glockenblume wuchert in marchen- I haften Mengen. Wir steigen aus und finden Erdbeeren in Hülle und Fülle. Talwärts gleitend und den Wohnungen der Menschen nun wieder nabe streifen wir die wohlriechenden Blätter der Walnußbaume. Geb- roeiler ift ein bezauberndes Städtchen, und ein Ort folgt öem anbern, feiner ohne ben Ausdruck eines von ber Natur gesegneten Landes. Wir uMertoeiben die Namen der Orte nicht mehr; w,r gewahren das Behagen der Wohnhäuser, bie Gastlichkeit ber Wirtshäuser, die ländliche, landstädtische Würde der Rathäuser und der Landkirchen, und die alten Rinamauern und Tore, und auf den Kirchen, Rathäusern Torturmen die stelzenbeinigen, klapperschnäbeligen Störche mit nistenden Jungen. Und dann draußen wieder die Felder, auf denen alles wachst; vom Ge- I treibe .zum Mais, vom Wein zum Tabak. genommen. So ruht er, gefährlichen Ansehens, zwischen den dumpf» violetten Felswänden eines kraterhaften Trichters. Ich weiß nicht, rote sonst der See sich barstellt; heute ist er verschworene Lanbschaft, an bie sich anspinnen ließen. Aus vollen Büschelzwergen... . Von 3. 9B. d o n Goethe. An vollen Büschelzweigen Geliebte, sieh nur hin! Laß dir die Früchte zeigen, Umschalet stachlig grün. Sie hängen längst gebattet. Still, unbekannt mit sich: Ein Ast, der schaukelnd wallet. Wiegt sie geduldiglich. Doch immer reift von innen Und schwillt der braune Sern, Er möchte Luft gewinnen Und fäh die Sonne gern. Di« Schale platzt, und nieder Macht er sich freudig lo»; So fallen meine Lieder Gehäuft in deinen Schoß. Die beiden pfeifen. Eine freundliche Geschichte von Andrea« Zettlrr. Der alle, weihbärtige Gürtnereibesitzer Christoph 3mmerschitt stand rauchend hinter seinem Hause zwischen den langen Reihen sarben- strotzender Beete und sah mit verschmitztem Gesicht zum First hinaus, wo Franz, sein einziger Sohn, ein paar Dachziegel befestigte, die der Wind in der vergangenen Nacht losgerissen hatte. Es war sechs Uhr, soeben hatte es langhallend vom Kirchturm geschlagen, und die Abendglocke schickte ihre hastigen, kurzatmigen Grütze über die stillgewordene Stadt. Aber Franz schien an nichts anderes als an die Dachziegel zu denken, mit denen es doch wahrhaftig nicht so eilte. Hat er Christine vergessen? fragte sich der Alte erstaunt. Wie faft seder im ganzen Orte wußte er, daß sich die beiden alltäglich zu dieser Stunde bei den letzten Bäumen des Schlotzgartens trafen, um nach der alten Sitte der Liebespaare Arm in Arm über die buschbeftandenen, unübersichtlichen Main- wiejen zu gehen. „Franz!" rief er fchliehlich, als nach zehn Minuten eiligen Rufens das Glöckchen schwieg. „Franz, was ist mit Christine?" Der Angeredete entgegnete nichts und blickte finster vor sich nieder. Aha, machte der alte Jrnmerschitl und schnalzte belustigt mit der Zunge, während Franz mit einem Eifer, der bis zu diesem Abend nicht an ihm zu beobachten gewesen war, das schadhafte Dach in Ordnung brachte. Als er endlich herabkam und neben den Vater trat, um sich am Trog den Ruh von den Händen zu waschen, meinte er, so absichtlich nebenbei und mit einer nicht ganz überzeugenden Stimme: „Eigentlich könnte ich doch mal den Radioapparat nachsehen, Vater." Immerschill nahm die Pseise aus dem Mund und begann glucksend zu lachen. „Erst das Dach und nun das Radio! Am Ende tischlerst du auch noch heute abend die neue Tür für den Kaninchenftall zusammen!" Franz bewegte verneinend den Kops. „Morgen vielleicht, Vater, oder übermorgen!" Wehmütiger Trotz klang aus seinen Worten. „So?" Der Alte stieß grimmig einen mächtigen blauen Ring in die Luft. „3a, zum Kuckuck , rief er beinahe böfe, „was hat es denn gegeben? Die Christine ist doch ein Prachtstück!" — „Stimmt schon", sagte Franz betreten und betrachtete aufmerksam die goldenen Wölkchen, die über den emailfarbigen Himmel schwammen, sc» leicht und sommerschön, dah es ihm in der Seele wehtat. „Vater, weiht du", fuhr er stockend fort, hilflos nach den rechten Worten suchend, „Christine und ich ... wir verstehen uns nicht ..." „Das kenne ich!" 3mmer|d)itt lachte wieder und fchlug dem 3ungen kräftig auf die Schulter. „Hol den Radiokaften und dein Werkzeug und bann setzen wir uns unter den Ruhbaum. Ich habe dir was zu erzählen." „Die Verliebten!" begann er kichernd, als Franz zurückkehrte. „Was werdet ihr zwei schon miteinander haben! 3hr versteht euch nicht, sagst du? Ach je, so großartige Worte. Das denkt man oft, wenn man so alt ist wie ihr. Deiner seligen Mutter und mir ist es einmal genau so gegangen, na, und du weiht ja selber, wie schön wir zusammengepaßt haben. Hör zu, du kannst aus dem lächerlichen Ereignis was lernen, meine ich. — 3a, das war damals, als ich mir nichts sehnlicher als eine kunstvolle Meerschaumpfeise wünschte. 3n einem Laden an der Oberen Brücke war eine ausgestellt, ein Prachtexemplar, sage ich dir. 3eben Tag ging ich mal zufällig am Morgen ober am Abend vorbei, um mir „meine" Pfeife anzusehen. So nannte ich sie nämlich schon bei mir. Aber sie hatte einen sehr hohen Preis, wie du dir vorstellen kannst, und ich brauchte als armer Gürinerbursche alles Geld, das ich verdiente, um mich Halbwegs anständig anzuziehen, saubere Wäsche, sesie Stiefel und einen schönen Sonntagshut zu haben. Deine Mutter, der ich natürlich mit den prächtigsten beschreibenden Worten, die mir aus den Zeitungsromanen zu Gebote standen, von der märchenhaften Pfeife erzählte, riet eindringlich, mir sie doch jetzt noch aus dem Kops zu schlagen und mich mit einer gewöhnlichen hölzernen zu begnügen. Ich gab ihr Recht, anderes war dringlicher als diese Pseise, das stimmte, aber ich brachte es einfach nicht fertig, sie zu vergessen. So geschah'-, daß ich sie eines Abends kurz vor Ladenschluß mit nicht geringem Herzklopfen kaufte und leicht- finnigerweise mein letztes Geld dafür hinauswarf. Genau wie ihr beide tarnen auch wir jeden Tag am Main zusammen. Wir schlenderten den Anglerweg entlang, hinter den Buschen vor neu- gierigen Blicken sicher, ganz dicht am Wasser, das am Ufer leise zischelte, ich zeigte deiner Mutter die Vögel und die springenden Fische, und sie erklärte mir dafür, was die Wolken über uns nach ihrer Meinung bar- stellen könnten, benn sie hatte gern ihren Späh baran, sie mit ben »lern unserer Bekannten zu vergleichen. Das war immer sehr luftig en. An jenem Abenb, an bem ich bas unglückselige Meerschaum- rounber eingehandelt hatte, achtele ich kaum auf ihr unbekümmertes Ge- schwätz Unterwegs halte ich bereits Tabak in ben Pfeisenkopf getan und war nun versessen daraus, mir bas prächtige Ding ins Gesicht zu stecken unb anzuzünben. 3ch tat’», als beine Mutter einen Augenblick zurück- geblieben war, um ein paar Blumen aus ber Wiese zu holen. Zum Teufel, bas fällte eine Ueberrafdjung für sie werben! Triumphieren!, sah ich ihr entgegen. Aber es kam ganz anbers, als ich es mir gebucht Halle. Statt zu lachen unb sich mit mir über meine schöne Erwerbung zu freuen, würbe sie abwechselnd blaß unb rot im Gesicht unb starrte mich aus großen Augen mit einem so mertroürbigen Blick an, baß ich gänz- lich verbutzt vor ihr ftanb unb kein einziges ertlärcnbes Wörtchen herausbrachte Hält« mir beine Mutter wenigstens gehörig Vorwürfe wegen meines Leichtsinns gemacht! Nein, sie schwieg, stumm setzten wir unseren unterbrochenen Weg fort, unb als ich nach einigen abscheulichen Minuten betroffenen Stillfeins bie Sprache roieberfanb, brach sie in Tränen aus. ,Aber Babette", rief ich, „was hast bu benn?" „Du liebst mich nicht!" schluchzte sie und drehte ihr nasses Gesicht nach der anderen Seite. Mir war es, als ob mich einer mit einem einzigen Griff in den Main gewirbelt hätte. 3ch sollte sie nicht lieben! Ich erschöpfte mich in Beteuerungen, — umsonst, sie fruchteten nichts. Endlich wurde ich ungeduldig. Nahe daran, sie flehen zu (affen und meiner Wege zu gehen, richtete ich nochmals in barschem Ton die Frage an sie, wie sie zu der merkwürdigen Behauptung käme. Sie schluckte ein paar Mal, griff bann in bie Tasche unb brückte mir wortlos ein kleines Paket in bie Hand. Denke bir, es enthielt höchst säuberlich in golbbefterntes blaues Seibenpapier eingeschlagen eine funkelnagelneue Pfeife! Keine aus Meerschaum, aber eine kunstvoll geschweifte aus eblem hartem Holz, bas bunteibraun poliert war unb sehr schön im Abendlichl zu mir ausglänzte. Verbammt, buchte ich bei mir, bas ist ja wirklich ein glückliches Zusammentreffen! Laut lobte ich bie Pfeife als ein mir sehr willkommenes Geschenk, so gut es mir in meiner Verlegenheit gelingen wollte, unb holle flugs meinen Tabak heraus, um sie auf ber Stelle zu probieren. Aber beine Mutter schüttelte mürrisch ben Kops. Meine Pfeise sei ja viel, viel prächtiger, meinte sie, ich solle bas hölzerne Ding nur lieber sorlwerfen, stall so zu tun, als ob es mir gefalle. 3a, ein rechtes Nichts fei ihre Ueberrafchung, bas sehe man boch an meinem Gesicht! Unb überhaupt: ob ich benn gar nicht gemerkt hätte, daft sie mir eine Pseife habe schenken wollen, nein, baß sie schon eine für mich gekauft halle, eine ganz lumpige freilich, benn für bie teuren unb protzigen aus Meerschaum reichte ihr Gespartes nicht aus ... Wieber kollerten ihr bie Tränen über bie Backen. Du wirft mir glauben, daß ich völlig sprachlos war. Aber es kam noch besser! Kaum hatte sie jene heftigen Worte hervorgesprubelt, als sie mir auch schon bie hölzerne Pseise aus ber Hanb riß unb in einem weiten Bogen in ben Main roarf. Man sollte annehmen, bas hätte mir bie Vernunft roiebergegeben. Zu meiner Schaube muß ich gestehen, batz es nicht ber Fall war Verliebte kühlen so rasch nicht ab, wenn fie einmal in Hitze geraten (inb. Was tat ich? Wahrhaftig, ich schäme mich ber Szene noch heute! 3ch ergriff nämlich meine Meerschaumpseise, meine neue, schöne, kostbare, langgewünschte, geliebte, noch ungenossene, ich ergriff fie, wie man einen groben Stein ergreift, ben man an einem anberen zerschmettern will, unb schleuderte sie mit aller Wucht auf ben Weg. Sie zerbrach natürlich, unb als ob ich baran nicht genug hätte unb noch etwas Befonberes brauchte, etwas nachbrücklicheres, trat ich mit einen genagelten Absätzen unermüdlich so lange auf ihr herum, bis sie schließlich ganz in Trümmer gegangen war! Franz lachte laut auf, aber 3mmerfchitl schüttelte mißbilligend den Kops. „Vergiß nicht, daß auf eine so dumme Weise oft unversehens ein schönes Lebensglück in Gefahr geraten kann. Deiner Mutter unb mir ist es noch rechtzeitig eingefallen. Gleich Abam unb Eva im Paradiese, als fie erschrocken bie Stimme bes Herrn aus ben Lüsten schallen hörten, merkten wir in biescm Augenblick, baß man bas Leben nicht so leichtfertig auf bie Probe stellen bars. Schweigenb, ohne uns anzusehen, gingen mir langsam zur Stabt zurück unb trennten uns stumm an ber gewohnten Stelle. Aber ich halle kaum zehn Schrill gemacht, als mich etwas zwang, flehenzubleiben unb ben Kops zu roenben. Da sah ich daß auch beine Mutter nicht heimging. So geschah es, baß wir unseren Spaziergang noch einmal machten. Die Vögel huschten eben in bie Zweige, es (prang auch noch ein einzelner vergnügter Fisch, und zum Glück flog eine Wolke über uns hin, an ber Babette bie Nase unb die Stirn unseres Apothekers entbeefen konnte! Ja, unb an ber Stelle, wo uns bas hlaue Seibenpapier, bas noch mitten im Wege lag, eine peinliche Erinnerung hätte sein können, sanben wir ben einzigen richtigen Ausweg, es zu übersehen, — na, wir küßten uns! — Siehst bu, Franz, an biefe Begebenheit habe ich vorhin bei beinen Worten benten müssen. Ich glaube, zwischen bir unb Christine wirb es nicht viel anbers gewesen fein!" Franz brehle eifrig an einem Schräubchen. „Bis auf ben Schluß- Vater", jagte er, rot im Gesicht. Mil einem fröhlichen Lachen ging der Alte ins Haus, um die Zeitung zu holen. Als er zurückkohrle, war M unfreiwillige Bastler schon verschwunden. Verantwortlich: Dr. HanS Thtzriot. — Druck und Derlag: Brühl’sche UntversitälS-Duch» und Steinbr udetei. 2L Lang«, ©iefecn.