GiehenerKmMenblötter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 28 Montag, den 8. April ahrgang 1935 mit und den Den oft. “Ätann mar eines Morgens doch eins da. Au- einem eingedrückten Maulwurfshügel war der Keim gesprossen, ganz unverkennbar ein Gon »enblumenkeim, weil er die aufgeborstene Kernhulse a s lefalteten Keimblättern trug; wie einen Helm h°"e p sie durch das Erdreich vor sich hergeschoben. Wahrhaftig, da war es nun doch geschehen, “'Mit oertauft; V"be Qu* 'mmelbe# und sich,, °n. Allei« ' 'nem um das Wunder, an das ich schon nicht mehr hatte glauben wollen: da war der Kern heraufgetaucht, den ich mit eigener Hand versenkt, von einer unbegreiflichen holden Macht heraufgezogen aus seiner Gruft, und da war nun ein rötliches Grün aus ihm gewachsen, ein Schaft, wie ein Wurm o lebendig, und zwei winzige Blätter hatte er auch schon angesetzt. Wenn ich den Arm in die Höhe reckte, so konnte ich die Länge gerade ermessen, die er am Ende erreichen würde, — nun bald schon, ein Löwen- haupt, in meinem Garten von mir selbst erweckt, oder eigentlich eine grüne Giraffe mit einem Löwengesicht. Es sollte aber das einzige Wunder bleiben. Der April verging, kühlem Regen begann der Mai, das Gras wurde schon dunkelgrün reiste dem ersten Schnitt entgegen, aber ich mochte nur noch selten Zaun entlang gehen, wo sich keine Wunder mehr begeben wollten, einzigen Sprößling aber, der den Helm getragen hatte, besuchte ich Er war nun zur Höhe eines Bleistiftes aufgesprossen, und ein zweites Paar Blätter hatte sich dem ersten zugefellt. Eigentlich war er ein wenig schwächlich und blaß, doch vielleicht liebte ich ihn gerade deshalb um so mehr. Eines Morgens aber lag er auf der Erde, wie ein gefälltes Bäumchen. Der Stamm zeigte eine runde Kerbe, wie von einem, runden Mund, der dort gebissen hatte, und auch die Blätter zeigten solche Wunden. Die Tiere aber, die das getan haben mußten, waren nicht zu sehen. Ich Oer geheimnisvolle Nachen. Von Friedrich Nietzsche. Gestern nachts, als alles schlief, Kaum der Wind mit ungewissen Seufzern durch die Gassen lief, Gab mir Ruhe nicht das Kissen, Noch der Mohn, noch, was sonst tief Schlafen macht, — ein gut Gewissen. Endlich schlug ich mir den Schlaf Aus dem Sinn und lies zum Strande. Mondhell roars und mild, — ich traf Mann und Kahn auf warmem Sande, Schläfrig beide, Hirt und Schaf: — Schläfrig stieß der Kahn vom Lande. Eine Stunde, leicht auch zwei, Oder roars ein Jahr? — Da sanken Plötzlich mir Sinn und Gedanken In ein ero’ges Einerlei, Und ein Abgrund ohne Schranken Tat sich auf: — da roars vorbei! — Morgen kam: auf schwarzen Tiefen Steht ein Kahn und ruht und ruht ... Was geschah? so riefe, so riefen Hundert bald: was gab es? Blut?-- Nichts geschah! Wir schliefen, schliefen Alle — ach, so gut! so gut! Kleine Garienlust. Von Paul Alverdes. billigeren f °°ß mir ittsmann, Ml d'ese Un. ■jn braoes imbrädjte, . nbe Milch den Un, enheii bei' al Wieben )t mutz es >atz sie ble egenftanbe s tausend- haben es rage jeder iit es eine en hängen r hat gut ig zu tun. iabe schein! Er behäli Hönes Eres Hause», ganz oen L Denkmal! ; der Kunst | innigfaltig* Erfindung ite Tal j« kr Ehre»' teiall! Uni reitet, nicht irden kirn, :n fort uni 'N und die rr mit bim ihäusen bi1 gebraucht , wenn ich nde nahen n, als dir oon alter i jammen ■ all’ ihn« den Bat«' ürdtge @i' sich ardenl' geziemt, i« so mag « Saterland« so inbrum interroorfen ergeganO (epnen ®l( neu * ,nd nicht/' Io lang« sich g ans LA SÄ mit »°tJ’ 5* an eschl-uaf" t rt Grad ' sf? s> sollte ihnen erst später begegnen. Nicht lange danach besuchte mich der Freund, der im Oberland auf einem Bauernhof wohnte, und der sich auf die Gärtnerei verstand, wie er sagte. Ich zeigte ihm die anderen Beete, die ich inzwischen angelegt hatte, und in die ich Georgi, en und Rosen setzen wollte und Rittersporn, Phlox und Fingerhut. , . Beete in meinem Gartenland werden so angelegt, daß man zuerst den Kiesgrund auflockert. Man findet ihn hier oben auf dem Hochrande der Isar'sehr bald. Schon in einer Tiefe von zwei bis drei Zentimeter beginnt er, und ich denke, daß er von da bis in die Mitte der Erde reicht. Diesen Ki'esgrund hackt man mit einem starken Pickel auf bis zu einer Tiefe von etwa anderthalb Fuß. Dann wirft man ihn, Schaufel für Schaufel gegen ein großes Drahtsieb, bis sich der Inhalt des ganzen Beetes ui zwei Teile geschieden hat. Sie verhalten sich der Menge nach, wie das Kalb zu der Kuh Der große Teil besteht aus Steinen von Nuhgröße bis zu dem Umfang eines Kinderhauptes Er besteht auf jungem Baugrund außerdem noch aus alten Maurerstiefeln, halben Bierflaschen, Tüncherbürsten, Zinkröhren Zimmermannsnägeln und Glas- und Tonscherben mannigfacher Art Diesen Teil fährt man in der Dunkelheit auf einer Karre fort und entleert sie auf ein noch unbebautes Grundstück in der Nachbarschaft. Der andere Teil besteht aus zarter, puderleichter Erde oon starkem Duft aus. rieselndem feuchtwarmen Humus, in welchem man so lange entzückt mit den Händen herumwühlt, bis sich zeigt, daß doch noch Glasfplitter und Nägel darin gewesen sein müssen. Natürlich reicht er auch nicht annähernd hin, um die Beetgrube wieder zu füllen. Man kauft nun beim Gartner die noch erforderliche Menge von Kompost und Gartenerde, und das Beet ist fertig. Wenn man diese Arbeit eine Zeitlang betreibt, so bemerkt man, daß man seine Hände hinfort zu nichts anderem mehr gebrauchen kann. Die Finger und die Handgelenke werden dann oon unsichtbaren Rohren fest umschlossen, und alles, was dünner ist als ein Schippenstiel, laßt sich nicht mehr damit festhalten. Daran erkennt man die Liebhaber der Garten- tUn5er Freund aber, dem ich die Beete zeigte, tat, als sei das alles ganz selbstverständlich. Er steckte, ohne ein Wort zu verlieren, ein Stöckchen trt eines der Beete und ließ es auf und nieder spielen, wobei er wie horchend in die Lust blickte. Dann zog er es heraus, besah es rote einen Thermometer und sagte, es könne eben angehen. Erst spater wagte ich beiläufig zu erwähnen, daß ich hier und da auch einige Sonnenblumenkerne gesteckt hätte, spaßeshalber, und nur einige wenigs um zu sehen, was daraus werden würde. Es sei aber gar nichts geworden. Das gibt es nicht", sagte er bestimmt, „Sonnenblumen müssen kommen. Sie kommen immer. Sie werden zwei Meter hoch und tragen solche Scheiben! Das ist eine wunderbare Blume.' — „Natürlich , sagte ck und solche Stengel! Gar nicht.umzubringen! Aber meine werden nichts, das ist nun einmal nicht anders. Siehst du übrigens, solche Kerne besah^stch die restlichen Kerne auf der flachen Hand und blies darüber hin. Sie flogen weg. „Das ift Vogelfutter", sagte er, aber keine keimfähige Ware. Du mußt ausdrücklich keimfähige Kerne verlangen. Da ^Da* batte ich es. Denn wirklich waren die ausdrücklichen keimfähigen Kerne die ich noch am gleichen Abend pflanzte, nach sechs oder acht Tagen alle da. Ein ganzes Beet am Zaun stand voll davon em Pflänzchen neben dem andern, roie kleine grüne Händchen faltete es sich aus der Erde hervor. Manche hatten noch ihr Schalenmützchen auf, und manche standen schon frei und nackt über dem Grund, fette, grünglänzende Schauselhandchen, — und was für eine Kraft hatten die jungen Löwen! lieber manchen war die Als ich einzog, gab es in dem Garten um das kleine Haus nur Birken tinb Gras, einen verwilderten Himbeerschlag und allerlei Unkraut. Eines Morgens im ersten April aber, den ich dort erlebte, las ich em Gedicht ies Dichters Georg Britting, der mein Freund ist. Gs heißt „Sonnen- iturne", „lieber den Gartenzaun erhob sie ihr gelbes Lowenhaupt , — o fängt es an, und mit einemmal sah ich eine ganze Herde von solchen öonnenlöwen über meinen Zaun blicken, Haupt an Haupt. Seitdem denke ch mir, daß Zauberer doch sehr erschrecken, wenn sie zum erstenmal inne Derben, daß sie wirklich die Macht zu zaubern besitzen. Mir war nicht «nbers zumute, als ich mir vorstellte, daß ich ja nur lauter Sonnenblumen- terne rings um den ganzen Zaun in die Erbe stecken mußte, — unb im 5u(i, im August allerspätestens, waren die Lowenhaupter da. Es war in meine Hand gegeben, und ich glaubte fest daran. Der Blumenhändler verkaufte mir gern ein halbes Pfund Sonnen- : lumenferne. Er verkaufte mir noch zwanzig kleme Tuten mit »(umen ich immer deutlicher zu Taubnesseln und Schierling und Sauer trockene Erde in Rissen auseinandergesprengt, uni manche hatten ganze Schollen von ihrer Gruft heruntergewälzt, wie di« Auserstehenden auf den Bildern des Jüngsten Gerichtes. Bald waren sie so groß geworden, daß ich sie durch das Fenster meines Arbeitszimmers mit bloßem Auge erkennen konnte, von meinem Schreibtisch aus, an dem ich nun freilich nur noch faß, um Sonderangebote in Begonien, Gladiolen und Sommerflor zu studieren. Aber eines Morgens, das Gras funkelte und blitzte vom warmen Regen, der in der Nacht gefallen war, und die Erde rauchte noch leichi mit weißen Schwaden, da hatten viele der jungen Stengel ihre Blätter verloren, und andere hatten nur noch eines, oder sie waren ihnen ange- biffen und ausgenagt bis auf die Mittelrippe. Nun fah ich auch die Tiere, die das getan: rehbraune und fuchsrote Schnecken waren es, nackt, ohne Haus, geschmeidig wie Panther, und andere, doppelt und dreimal so lang und pechschwarz, die satt und träge in den Schatten des hohen Grases zogen. An mancher Pflanze aber hatte sich so ein Untier immer noch nicht zur Genüge gesättigt: an den Stamm geschmiegt wie eine Schlange bäumte es sich mit Haupt und Nacken auf, um oben an den zarten Blättern zu saugen und zu schlingen. Das Stämrnloin erbebte, die Blätter erzitterten, und das Tier spannte sich und wiegte sich hin und her vor Lust, und ich mußte an den Marder denken, der seiner zuckenden Beute das Blut aussäuft. Damals ahnte ich zum erstenmal, daß auch der Frieden eines kleinen Gartenbeetes von ttügerifcher Natur ist, und daß es widerhallt in der Dunkelheit von den kleinen Schreien der geängstigten und gequälten Pflanzen, die wir nicht zu hören vermögen, und von dem Triumph aller der Würger und Mörder, die da umgehen, und die ich erst allmählich kennenlernen sollte und hassen bis auf den Tod, die Schnecken, Ohrwürmer, Raupen, Blattläuse und Wühlmäuse; und da ich auch heute noch nicht weiß, wozu gerade Schnecken gut sind und in der Welt sein müssen, so erscheinen sie mir in ihrer schlangenhaften, scheußlichen Gestalt mit den runden Mäulern und den spitzen Hörnern auf den kleinen bösen Häuptern oftmals wie die Teufel selber im Sselenreich der Blumen und Pflanzen. Ich habe sie dann aber doch bekämpfen gelernt mit Salz und Gift, mit Zangen und Fallen, mit kochenden und ätzenden Wafsern, und ein kleines lichtes Wäldchen von schlanken Sonnenblumen ist mir doch am Zaune groß geworden, noch in diesem Sommer, und auch ein paar Beete mit Löwenmaul und Nelken, die ich selber gesät und gepflanzt, und auch eines mit Rosen und mit den unerschöpflichen Wundern des königlichen Rittersporns, des Fingerhutes und des vielfarbigen Phlox, der süß duftet und auch in der Nacht seine Farbe nie ganz verliert. Ich habe erfahren dürfen, daß die Erde wirklich ein lebendiges Element ist, von zauberischen Mächten erfüllt, und wenn ich es auch wohl niemals erfahren werde, wie das eigentlich zugehen soll, daß eine Pflanze Schönheit und Duft aus einer Masse von ungezählten winzigen Erdkörnchen zu saugen vermag, von denen sie doch kein einziges wirklich verzehrt ober auch nur anbeißt, wie wir den Apfel anbeißen, der uns Nahrung geben soll, — so nenne ich mich doch schon zuweilen einen alten Gärtner. Das ist im Ernst gesprochen; ich habe ja auch welche gekannt und bin selber unter ihnen gewesen, Ne sich nach sieben Tagen Gefecht in Flandern alte Krieger nannten, ihre Mütze schief klappten und Korporal zu ihrem Unteroffizier sagten. Sie hatten damit auch recht, denn das Wichtige im Leben ist ja die Begegnung und nicht ihre Dauer. Aber damals iftxes der Tod gewesen, und nun ist es das Leben selbst, dem ich begegnen darf in meiner Gartenlust, vom ersten Märzenlicht bis in die blasse Novembersonne hinein, ein Leben unerschöpflich, schuldlos und schön. Wie sollte ich mir zu solchem Begegnen nicht auch Dauer wünschen, solange ich mich seiner mit bem Herzen und ollen dankbaren Sinnen überhaupt noch zu erfreuen vermag? Wilhelm von Humboldt. 3u seinem 100. Todeslage am 8. April. Bon Dr. Georg Böse. Wilhelm von Humboldt war eine der glanzvollsten Erscheinungen der deutschen Geistesgeschichte im 19. Jahrhundert. Seine Bildung war so umfassend, Ne Bielfalt seiner Begabung so groß und sein Leben so reich an Geschehnissen und Begegnungen mit den bedeutendsten Männern seiner Zeit, daß man fein Wesen und Dasein als eine seltene Verkörperung edelsten und erfülltesten Menschentums empfindet, auch wenn man weiß, daß ihm Spannungen und Enttäuschungen, Verzicht und Verbitterung nicht erspart blieben, und wenn ihm auch Ne weit ausholende Tat versagt war. Den Lebenslauf Wilhelm von Humboldts zu schildern, heißt eine Gesamtdarstellung der Geschichte der deutschen Bildung zu Anfang des vorigen Jahrhunderts und des geistigen Hintergrundes, von dem sich Ne preußisch-deutsche Polittk Neser Zeit abhob, in ihren Umrissen geben, so sehr war dieser außerordentliche Mensch mit allen Ereignissen verknüpft, Ne das Gesicht der deutschen Kultur in den Jahren von 1790 bis 1833 geprägt haben. Er war eine der letzten Verwirklichungen des Universalmenschen und auf den verschiedensten Gebieten fruchtbar und in schöpferischer Selbsttätigkeit tätig. Humboldt war ein Altertumsforscher von ungewöhnlichem Wißen, der gemeinsam mit Friedrich August W o lf die ersten Grundlagen einer modernen, das Ganze des antiken Lebens umspannenden Altertumswissenschaft geschaffen hat. Er war ein Uebersetzer von Rang und Ansehen, und durch seine Arbeiten — vor allem durch sein klassiches Buch über die Kawisprache auf der Insel Java — gilt er als einer der Bahnbrecher der neuen vergleichenden Sprach wissen cha st. Auch als Aesthe liker und Kritiker hat er gewichttge Leistungen hinterlaßen; seine Abhandlung über Goethes „Hermann und Dorothea" hat ihren Wert als Vorbild tief einbringender Kritik unter höchsten Gesichtspunkten bis auf die Gegenwart bewahrt. Als S t a a t s p h i l o s o p h hat er in seinem Versuch, „Ne Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen", einen wesentlichen Beitrag zur Auseinandersetzung über eine der wichtigsten Fragen der Gesellschafts- und Staatswißenschaften gegeben. Endlich war Humboldt auch der Natursorschung nicht fremb. — Mit allen Strömungen der Literatur und der Kunst war er aufs engste vertraut, prüfend, beratend und selber bestimmend, immer mit einem sicheren Blick für das Echte im geistigen Schaffen und mit einer edlen Leidenschaft, der die ganze Weite der Welt offenftanb, und Ne doch im tiefsten Innern Volkstum und Vaterland die Treue hielt. Auch als Staatsmann hat Hum- bolNs Einfluß in weite Kreise gewirkt. Er hat die Geschäfte Preußens in Rom, Wien und später kurze Zeit in London geführt, er hat an den Verhandlungen des Wiener Kongresses teilgenommen und sich dort für die preußischen Ansprüche eingesetzt. Allerdings geht von dieser Seite seiner Tätigkeit nicht die umstürzende Gewalt aus, mit der ein Freiherr vorn Stein die Reform des Saates und feiner Verwaltung in Angriff nahm, dazu fehlten ihm wohl die feste Hand und die UnbeNngtheik des in jedem Augenblick zum Einsatz bereiten Realpolitikers. In dem bunten Bild einer fo reichen Begabung und so mannigfaltiger Fähigkeiten sucht man nach dem eigentlichen Mittelpunkt seines Wesens und seines Schaffens, das mehr noch als großartiges menschliches Dokument denn als geschichtlich sichtbare Leistung unsere Liebe und Achtung verdient. In einem Brief an Forster Hal Wilhelm von Humboldt einmal selber den Schleier gelüftet, der über Richtung und Sinn feines Lebens ausgebreitet ist: „Mir heißt ins Große und Ganze wirken, auf den Charakter der Menschheit wirken, und darauf wirkt jeder, sobald er auf sich und bloß auf sich wirkt." S. 2t. Sa e t) I e r fügt in feinem ausgezeichneten, bei R. Oldenbourg erschienenen Buch „Wilhelm von Humboldt und der Staat" deutend und erklärend hinzu: „Der Erlebnishunger, der Trieb, ,die Welt in ihren mannigfaltigsten Erscheinungen in seine Einsamkeit zu verwandeln', als Keim von vornherein in ihn gelegt, ist langsam nur und stufenweise dem jungen HumbolN als bestimmende Kraft seines Lebens bewußt geworden. Nicht blitzartiges Erfaßen, sondern eine merkwürdige Neigung zu unablässiger Selbstbettachtung hat ihm Ne Entdeckung der schlummernden Fähigkeiten eingetragen. Nicht Intuition, sondern Reflexion war seine Gabe und wurde feine Bestimmung." Zu feinen größten Bildungsmitteln — dieses Wort in weitestem und tiefstem Sinne verstanden — rechnete Humboldt bezeichnenderweise die Freundschaft mit den großen Menschen seiner Zeit, und in der Lebensund Jdeengemeinschaft mit ihnen hat er sein Bestes gegeben. Deshalb haben auch feine Briefe einen unvergänglichen Wert. Seine Iünglingstage stehen unter dem Zeichen der Freundfchaft mit dem genialen Georg Forster, und in der Zeit feiner Reife ist er ganz von dem Freundschaftsbündnis mit Schiller erfüllt. Außer Goethe hat kaum jemand so tief in die Entwicklung Schillers eingegriffen wie Wilhelm von Humboldt. Er hatte für die Persönlichkeit und das Werk des Dichters das feinste Verständnis, und es muß als eines feiner großen Verdienste ange* sprachen werden, daß er ihn in den wichtigsten Abschnitten feines Schaffens beratend und zustimmend begleitete und in ihm den Entschluß bestärkte, seine Kräfte dem Drama zu widmen. Der Brief vom 16. Oktober 1795, in dem er Schillers Zweifel an feinem Dichterberuf zerstreute, ist eines der schönsten Zeugnisse der Kameradschaft gleichgestimmter Geister. Nach dem Tode des Dichters, den HumbolN nie ganz verschmerzen konnte, vertieften sich seine Beziehungen zu Goethe, der diesen großen und vielseitigen Mann und fein klares Urteil wohl zu schätzen wußte. Aus Humboldts Schilderungen über den Weifen von Weimar aber geht deutlich hervor, daß er einer der wenigen war, die mit der alten Exzellenz auf gleichem Fuße verkehrten, und die sich die Selbständigkeit ihrer Anfchauung gegenüber feiner übermächtigen Autorität erhielten. Die Persönlichkeit Humboldts ist oft mißdeutet worden. Seine Gering- Schätzung alles Langweiligen, Platten und Oberflächlichen hat man als verletzende Kühle und abweisenden Hochmut erklärt, und doch waren sie nur die Mauer, hinter der er den Quell feiner großen Güte und echten Menschenliebe vor jeder Trübung zu bewahren suchte. Aus den Berichten vieler Zeitgenossen geht hervor, daß um ihn eine oft herbe und undurchdringliche Luft war, Friedrich von G e n tz sprach von dem Dämonischen in feiner Natur, und tatsächlich ist nichts falscher, als in HumbolN einen von vornherein harmonisch gestimmten Menschen zu sehen, in dem alle Fähigkeiten und Neigungen ohne Widerstreit heranreiften. Das prägt sich vor allem in dem Abschnitt seines Lebens aus, den man die Wendung zum Staat nennen könnte Während der römischen Jahre vollzog sich Ne Wandlung von einer Weltanschauung, Ne vornehmlich von dem Trieb zum edlen Genießen bestimmt war, zu einer Grundstimmung der Schicksalsbereitschaft. Ein halbes Jahr nach dem Tode des ältesten Sohnes äußerte er sich: „Ich weiß sehr wohl, daß unser Leben von jetzt an nicht mehr so glücklich sein kann. Es ist einmal in feinem Innern gestört. Aber es kommt nicht eigentlich darauf an, glücklich zu (eben, sondern fein Schicksal zu vollenden und alles Menschliche auf feine Werse zu erschöpfen." Nun erst erwies sich Humboldts ganze Größe, und er fand den Mut, „mit einer Art schonungsloser Kühnheit ins Leben einzugreifen und es auszuleben." Sein Eintritt in den Staatsdienst bedeutete zugleich die Ueberwindung einer romantisierenden Haltung, und wenn dieser Schritt nicht ohne Hemmungen und durchaus im Bewußtsein des Opfers erfolgte, so mindert das den sittlichen Wert Neser Wendung keineswegs herab. Die Berufung in die staatliche Kulturpolitik, in der er den feiner Bildung am meisten entsprechenden Wirkungskreis finden konnte, und in der er auch tatsächlich eine bedeutende schöpferische Leistung vollbrachte, ist Humboldt nicht ohne Zögern gefolgt, und trotzdem sind die kaum anderthalb Jahre vom März 1809 bis Juni 1810 der Höhepunkt seiner amtlichen Laufbahn, wenn ihm später auch weit höhere Ehren zuteil wurden. Jetzt konnte er endlich zur Gestaltung der Wirklichkeit Vordringen. „Ich habe mir immer gedacht, es müsse zwei Arten von Menschen geben, eine, die Ideale schüfe ... die andere, welche die Wirklichkeit dem Ideal näherbrächte." Früher war es ihm gefährlich erschienen. Ne „Funktionen beider zu vermischen, der reife Humboldt aber besaß die Berantroortungsftärte, um eine Idee der Wissenschaft in der Organisation der wißenschaftlichen 2tnftalten in Preußen sichtbar zu machen." Kurz vor der Rückkehr nach Deutschland zum Mitglied der Berliner Akademie gewählt, benutzte der neue „Chef der Gelehrsamkeit" seinen (Eintritt in diese Körperschaft, um in kurzen Worten anzudeuten, welche jemand 'N Hum- :ers das te ange> ichofseas leftörfk, er 1795, ist eines er. Nach nie, Derzeitigen imboite ijeroor, gleichem g MN- ©ering- «rtran, flW I «H, bet Innern '* hum. Bens in j Qn den '°rt für | * leinet s t Dom « f natim, £ n jedem I Ifaltiget f! ®ejens tl 5 Data. I Achtung £ ' einmal I Lebens i en Cha. | auf sich I idjneten, | and der |! ieb, ,die | M oer- | mr und I Lebens | würdige ? nng der leflexian | :em und | >eife die i Lebens- j Deshalb | ingstage j Georg i Freund-1 man als r »ren fit j ,d echten [ Berieten ‘ uudlirch-1 aonijchen | idt einen ’ dem ollt den man ; chmstche" j die oor- ' -u einer «nT-ch-i er Leben | n seinem tcklich S“ auf stine äße, us eben ; blutete itb wen« stein d« Wendung >nef * 16 «’S ! -achte- j1 a ändert- aMt'A den. Lefi Zch "j eine-” il n<1 Lr< en I ngsft?^ | Pstl'ch"' e Kesti"^ I iSi gbeen* feiner Wirksamkeit die Richtung geben würden. War er vor sechs Jofgren nach Rom als Repräsentant der norddeutschen Aufklärung ge- aangen, so kehrte er von jenseits der Alpen zurück nach Berlin als der ilegat einer neuen deutschen Bildung, welche ein anderes Wissenschaftsideal verfolgte, als die in der Mehrzahl noch dem Geist des 18. Jahrhunderts zugewandten Mitglieder der Akademie: „Hier in der lieber- Mirdung der Spannung zwischen den ihn bewegenden Ideen und der Wirklichkeit, die er als zu bewältigende Aufgabe vorfand, liegt Wilhelm i>on Humboldts einzigartige geschichtliche Sendung." 3n deutschen Dörfern an der Wolga. Bon Josef Ponten. Da wohnen diese Deutschen in den stillen, stillen Dörfern, auf dem sahen Bergufer diesseits; auf dem flachen Wiefenufer jenfeits der Wolga, and hier bis in die Kirgifenfteppe hinein. Niemals fah ich fo stille Dörfer. Aus der weiten russischen Ebene strömt Stille in sie ein, und Jle selbst antworten mit Stille. Da gibt es keine Wälder, aus denen !lxtschlag tönt, nur einiges Buschwerk, ziemlich entlegen von den Behausungen; kein Berg ist da, von dem der sympathische Lärm eines Dorfes widerhallt; in den Dorfstraßen kommt kein Echo auf von Fuhrwerk oder Viehgebrüll, denn die Häuser sind niedrig und die Straßen iehr breit, russisch breit, das weite Land erlaubt es, und die Feuers- tefafgr macht es für die holzerbauten Häuser ratsam; die Straßen find ücht befestigt, nicht gepflastert oder makadamisiert, die Wagen fahren füll in der staubigen mulmigen Erde; in den breiten Straßen liegen sie weiträumigen Gehöfte, an Raum ist ja kein Mangel, es wohnen beit weniger Menschen auf der Siedlungssläche als auf der gleich großen Fläche eines unserer Dörfer; nicht alle Dörfer besitzen eine Kirche, fo daß geläut der Glocken oft fehlt, und haben sie eine Kirche, so haben sie leinen Pfarrer, der Pfarrer kommt von Zeit zu Zeit aus dem Nachdar- lorf — was man fo in Rußland „Nachbardorf" nennt; und sie haben leine Schenke, aus der Sonntags Singen und Gegrohle tönt, keine Wein-, leine Bier-, keine Branntweinfchenke, nicht einmal eine Teestube fauch fein Wirtshaus, in dem man unterkommen könnte), und keine Schützen- toiefe, von woher es Sonntags fo luftig knallt; und hätten sie Teestube, Vranntweinfchenke und Schützenwiese — obgleich diese Deutschen zum größten Teil von geräuschvollen Rheinländern und deutschen Westlän- inschen abstammen, mir scheint, sie sind ziemlich phlegmatisch geworden, sielleicht hat der Charakter des ebenen Landes mit feiner Schwermut unb Melancholie doch den Charakter dieser deutschen Menschen beeinflußt and ein wenig gewandelt. In einzelnen deutlichen Zügen sind sie unleugbar Russen geworden. Hre Häuser sind russische, ihr Grundriß, ihre Architektur, ihr Schnitz- Oert an Fensteren, Giebeln und Hoftoren, alles ist fo wie in den russi- ichen Dörfern. Das kommt wohl daher, daß den Einwanderern in den sechziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts von der russischen Regierung und durch russische Beamte Häuser erstellt wurden, die Regie- iungsvorsorge wird den Stil bestimmt haben. • Nicht einmal Kaufläden habe ich in den Dörfern, in denen ich war, refehen, die Wirtschaft jedes einzelnen scheint sich selbst zu genügen, iuch Hufschmiede, Stellmacherei und Wagnerei, die in keinem deutschen Dorf in Deutschland fehlen, erinnere ich mich nicht gesehen zu haben. Die Hausfrau bereitet mit ihren Tächtern zusammen im Sommer d,e Vor- läte für den Winter vor, auf den Dächern werden im langen heißen öteppenfommer Aepselfchnitzel und alle Kernfrüchte getrocknet, Tabakblätter hängen in Girlanden, die Arbufen (die Wassermelonen) werden u Hause für den Brotaufstrich eingekocht, und in jeder Familie scheint »an den Frauen das Brot selbst gebacken zu werden. Im achtzehnten Jahrhundert wird es in Deutschland kaum anders gewesen fein, mir cheint, diese Deutschen dort draußen sind in ihrer Abgeschiedenheit von ter Welt auf der Wirifchastsstuse des achtzehnten Jahrhunderts ftehen- jeblieben. . . , Die Dörfer heißen meist nach den Führern der Auswanderertrupps. Eg gibt also sonderbar anmutende Dorfnamen. Ich war in den Dottern „Müller" und „Stefan". ,, ... _ Die Männer arbeiten auf den Feldern. Sie säen, sie mähen, sie traten und dreschen — Dreschtennen und Scheunen sah ich keine, die „Frucht" wird draußen vor dem Dorfe in hohen Mieten aufgestapelt und °°Nur die Kirchen in den Dörfern sind fremdländische Gebilde In einem russischen Kirchdorf ist die Kirche ein byzantinisch-russischer Bau, blockig nit Kuppeln besetzt, die meist grün und bisweilen go bfarben sind, und I die Kreuze darauf sind mit Ketten als Windstützen gehalten; nebenan steh ler Glockenturm oder der (offene) Glockenstuhl. Zwar auch lrt' ^eutJ?)en Dorfe schwingen die Glocken nebenan in kunstvoll und statisch abgenützten offenen Stühlen, mag fein, daß die auch aus "bauten türme der Kirchen nicht stark genug für Gewicht und die Schw'ngungs- nechanik der Glocken sind. Aber der Turm selbst ist etn regelrechter Eurm westländischer Formung, blockig in sich Dequngenben Stockwerken dichtet, die mit einer kleinen grünen Kuppel oder Zwiebelhaube W*e6en und das Ganze endet in einem freistehenden vergoldeten großen prote- Itantitoen Kreuze (ich war nur in protestantischen Dörfern). Mit großen schwarzen, in die Achsel g eich einem Knüppel ^3 9 - llemmten Gesangbüchern, auf welche einfache große Kreuze "i Gold lufgedruckt sind, pilgern die Gläubigen zum Gottesdienst wahrend des Nürmischen Geläutes, das die Dorfbuben °uf dem offenen Sstihl mit Kraft und luftiger Hingebung veranstalten. Die Weiber betreten die Kirche sofort, von den Männern aber nur die alten, die lungeren treten iraußen auf der Treppe zusammen zu einem (onntagltd)en ®emeinöe^ : datier. Sie sind mit altertümlichen schwarzen Kleidern angetan und tragen große runde typische altmodische Bauernfilze, die wir f “) ron alten Bildern her kennen ober Kappen mit Schirm; es fotlen atte > essische Typen sein, eine Kappenfabrik soll sich gleich nach ber Em- öanberung in einer benachbarten Stabt zur Herstellung b - > Pf ! edeckung aufgetan haben. Ganz selten trägt em Bauer im la g einmal russische Filzstiefel, die meisten aber echte schwarze hohe gewichste Schaftstiefel. Die an den Männern vorbeifchreitenden Frauen und Mädchen sind mit weiten steifen Rocken unb mit Kopftüchern bekleidet, die Frauen in Dunkel ober Schwarz unb nur die Mädchen in bunten grellen Farben, auf welche russische Sitte mag eingewirkt haben. Aber da kommt der Pfarrer aus dem Pfarrhause hergeschritten im schwarzen Kittel mit Beffchen, ober er kommt auch angefahren aus bem Sprengel« borf, ober es schreitet auch nur ber Schulmeister aus dem Schulhause her, der an Stelle des Pfarrers den Gottesdienst heute besorgt — auch die Männer treten auf knarrenden Stiefeln über die knarrenden Holztreppen und die Dielen des Vorplatzes in die Kirche, die Türen schließen sich hinter dem Schulmeister, das Geläute verstummt, unb von drinnen tönt der schrille Gesang des weiblichen Teils ober bas Evangelium und eine Erbauungspredigt aus einem Buche des vorlesenden Schulmeisters. Für gewöhnlich ist das einzige, was man in den Tagesstunden beim Wandern durch ein deutsches Dorf an der Wolga sieht, das ungehemmte Herumtreiben und sehr natürliche, durch keine Zuchtwahl geregelte Treiben der Schweine von der Rasse der Borstenschweine, die morgens die Höfe verlassen und abends in ihre Ställe heimkehren. Hühner und Gänse gehen in Familien spazieren, Kinder spielen mit den Schweinen ober mit Altersgenossen — aber alles gedämpft, still, irgendwie fern, fast mythisch. „Seid ihr aus Deutschland, wirklich und wahrhaftig aus Deutschland, du kommst ganz richtig aus Deutschland?" fragen einen in fast biblisch einfacher Rede die Männer, wenn sie abends vom Felde hereinkamen und auf den Bänken wie alten Bauernkalendern entfliegen, mit großen glänzenden Knöpfen auf den Röcken und mit alten wunderlichen Filzhüten ober Tellermützen auf ben Köpfen. „Wie ist es denn in Deutschland? Nun ja, die Deutschen, die sind tüchtig! (Man hat eine grenzenlose Achtung vor Deutschland.) Ihr habt euch ja rasch wieder emporgearbeitet, wir hier sind noch nicht fo weit." Sie sprechen in ziemlich reinem Deutsch, der Tonfall unb bie bialektische Färbung sind ganz unverfälfcht, man kann heute noch bie Nachkommen von ben Moselanern, von Hessen, pon Pfälzern, von Schwaben unterscheiben. „Kommst du (trauliches Du!) aus Berlin? Du kommst nicht aus Berlin? Aus München? Wo ist das, München? Auch in Deutschland? Und vom Rhein bist du, sagst du? Gevatter, der Mann aus Deutschland sagt, wir stammen auch vom Rhein. Ist das dort, wo die Burgen stehen? Habt ihr heuer guten Wein? Was machst du hier? Land und Leute sehen? So reden sie, reden auch untereinander in reinen deutschen Stammes« sprachen, nur die Wärter für Maße und Gewichte, wie Werst und Pud, sind natürlich russisch, aber auch für „Eimer", für „Besen" unb gewisse Geräte gebrauchen sie russische Wärter. Die Alten unter ihnen haben das Wort, die Jüngeren schweigen, denn es gibt noch Patriarchentum und Autorität, und sie reden langsam unb schwerfällig, und sind wohl auch mißtrauisch, es sind alte Kalenderbauern. Und sehr schwer ist es, sie ein wenig auszuholen über ihre Familien, ihr Leben, ihre wirtschaftlichen und politischen Ansichten, über ihre Erlebnisse in Kriegs- und Revolutionszeiten. Obgleich mich nur bas rein Menschliche an ihrem Leben und Dasein interessiert unb ich die politischen Dinge nehme, wie sie sind, fo ist es doch eine Arbeit, wie wenn ich Wasser aus einem tiefen Steppen» brunnen heraufzuwinden hätte. Und einer der Alten, der mir seinen Hof und feine Wohnung, wo in ber Sommerküche fein Weib eifrig schaffte, zeigte — nachher hak er sich meinem Wirte gegenüber geäußert, ich könne vielleicht ein Kommunist aus Moskau fein, der ins Dorf gekommen fei, um zu erfahren, wo noch etwas zu holen fei. O du guter Kalenderbauer! Oas ^äbniein der sieben Aufrechten Novelle von Gottfried Keller. (Fortsetzung > Dieser Vorschlag wurde angenommen und die Verhandlungen geschloßen. Sogleich aber nahm Frymann von neuem die Rede und trug vor: „Nachdem wir nun das Allgemeine erledigt, werte Freundel fo erlaubt mir noch eine besondere Sache anzubringen und eine Klage -u führen, deren freundliche Beilegung wir nach alter Weife gemeinsam betreiben wollen. Ihr wißt, wie unser lieber Mann, der Chäpper Hediger, vier Stück hübsche muntere Buben in die Welt gestellt hat. welche mit ihrer frühen Heiratslust die Gegend unsicher machen! Drei haben denn auch richtig schon Weib unb Kinb, obgleich der älteste noch nicht siebenundzwanzig Jahre zählt. Nun ist noch der jüngste da, eben zwanzigjährig und was tut der? Er stellt meiner einzigen Tochter nach und verdreht ihr den Kops! So sind diese besessenen Heiratsteufel all« bereits in den Kreis der engeren Freundschaft eingedrungen und drohen, dieselbe zu trüben! Abgesehen von ber zu großen Jugenb ber Kinder qestehe ich hier mit Offenheit, daß eine solche Heirat gegen meine Wunsche unb Absichten geht. Ich habe ein umfangreiches Geschäft unb ein beträchtliches Vermögen; barum suche ich mir, wenn es Seit ist, einen Tochtermann, welcher Geschäftsmann ist, ein entsprechen!,?? Kapital hinzubringt unb die großen Bauten, welche ich im Sinn habe, fortfuhrt; denn ihr wißt, daß ich weitläufige Bauplätze angekauft habe und der lieber,«ugung bin, daß sich Zürich bedeutend vergrößern wird. Dein Sohn aber, guter Chäpper, ist ein Regierungsschreiber unb hat nichts, als bas spärliche Einkommen, unb wenn er auch hoher steigt, so wirb dies nie viel größer werben, unb seine Rechnung ist ein für- allemal gemacht Mag er babei bleiben, er ist versorgt, wenn er gut haushalt; aber eine reiche Frau braucht er nicht, ein reicher Beamter ist em Unsinn ber einem anbern bas Brot vor bem Maul roegnimmt: zum Faulenzen aber ober zum Präbein eines Unerfahrenen gebe ich mein Gelb oolienbs nicht her! Dazu kommt noch baß es gegen mein Gefühl geht, bas alte bewährte Freundschaftsverhältnis mit Chäpper in -uv Verwandtschaftswesen umzuwandeln! Was? mir sollen uns mit Familien- verdrießlichkeiten und gegenseitiger Abhängigkeit beloben? Nein, ihr Mannen, bleiben wir bis zum Tobe innig oerbunben, aber unabhängig ooneinanber, frei unb unverantwortlich in unfern Hanblungen unb nichts bo von Schwäher und Gegenschwäher und dergleichen Titeln! So fordere ich dich denn auf, Chäpper, im Schoße der Freundschaft zu erklären daß du mich in meinen Absichten unterstützen und dem Beginnen deines Sohnes enigcgentreten willst! Und nichts für ungut, nur kennen uns alle! „Wir kennen uns das ift wohlgesprochen!'' sagte Hediger feierlich, nachdem er eine lange Prise geschnupft, „ihr wißt alle, welchen Unstern ich mit meinen Söhnen hatte, obgleich es rührige und aufgeweckte Bur scheu find! Ich lieh sie lernen, alles was ich wünsche selber gelernt zu habe». Jeder kam,le etwas Sprachen, machte feinen guten Aufsatz, rechnete oonrefflich und besaß in übrigen Kenntnissen hinreichende An- fangsgrünoe, um bei einigem Streben nie mehr in völlige mutfaufinten. Gott sei Dank, dachte ich, daß mir imstande sind, endlich unsere Buben zu Bürgern zu erziehen, denen man kein X mehr für em U vormachen kann. Und ich ließ darauf jeden das Handwerk lernen, das er sich wünschte Aber was geschieht? Kaum hatten sie den Lehrbrief in der Tasche und sich ein wenig umgesehen, so wurde ihnen der Hammer zu schwel, sie dünkten sich zu gescheit für das Handwerk und fingen an den/ Schreiberstellen nachzulaufen. Weiß der Teufel, rote sie es 9nur machten, die Schlingel gingen ab wie frische Wecken! Kun man kann sie, scheint's, brauchen! Einer ift auf der Post, zwei sind bei Eisen- bahngesellschaften angestellt, und der vierte hockt auf einer Kanzlei und behauptet ein Lerwaltungsbeamter zu fein Kann mir am Ende gleich fein! Wer nicht Meister sein will, muh eben Gesell bleiben und Vorgesetzte haben sein Leben lang! Allein da ihnen Geldsachen durch die Hände gehen, muhten die sämtlichen jungen Herren Schreiber Burgen stellen- ich selbst habe kein Vermögen, also habt ihr alle wechfelroerse meinen Buben Bürgschaft geleistet, die sich ineinander gerechnet auf vier- siatausend Franken beläuft, dazu waren die alten Handwerker, die Freunde des Vaters, gut genug! Und wie meint ihr nun, dah mir zu Mute fei? Wie stehe ich euch gegenüber da, wenn nur einer von allen vieren einmal einen Fehltritt, einen Leichtsinn, eine Unvorsichtigkeit ^^Papperlapapp!" riefen die Alten, „schlag dir doch dergleichen Mucken aus" dem Sinn! Wenn die Burschen nicht brav wären, so hätten wir nicht gebürgt, da sei ruhig!" „Das weiß ich alles!" erwiderte Hediger; „aber das Jahr ist lang und wenn es vorbei ist, kommt wieder ein anderes. Ich kann euch versichern ich erschrecke jedesmal, wenn einer mit einer feineren Zigarre mir ins Haus kommt! Wird er nicht dem Luxus und der Genuhfucht anheimfallen? denke ich. Sehe ich eine der jungen Frauen mit einem neuen Kleid einherziehen, so fürchte ich, sie stürze den Mann m üble Umstände und Schulen; spricht einer auf der Straße mit einem verschuldeten Menschen, so ruft es in mir: Wird der ihn nicht zu einer Unbesonnenheit verführen? Kurz, ihr seht, daß ich mich demütig und abhängig genug fühle und weit entfernt bin, mich noch einem reichen Gegenschwäher gegenüber in Dienstbarkeit zu versetzen und aus einem Freunde einen Herren und Gönner zu schaffen! Und warum soll ich wünschen, dah mein junger Schnaufer von Sohn sich reich und geborgen fühle und mir mit dem Hochmut eines solchen vor der Nase herumlaufe, er, der noch nichts erfahren? Sollte ich helfen, ihm die Schule des Lebens zu verschließen, dah er schon bei jungen Jahren ein Hartherziger, ein Flegel und ein Lümmel wird, der nicht weiß, wie das Brot wächst, und noch wunder meint, was er für Verdienste besitze? Nein, fei ruhig, mein Freund! hier meine Hand darauf! Nichts von Schwäherschaft, fort mit dem Gegenschwäher!" Die beiden Alten schüttelten sich die Hand, die übrigen lachten und Bürgi faate: „Wer würde nun glauben, dah ihr zwei, die in der Vaterlandssache erst fo weise Worte geredet und uns die Köpfe gewaschen habt, nun. im Umsehen so törichtes Zeug beginnen würdet! Gott sei Dank! So habe ich also doch noch Aussicht, meine zweischläsige Bettstelle an den Mann zu bringen, und ich schlage vor, dah wir sie dem jungen Pärchen zum Hochzeitsgeschenk machen"! „Angenommen!" riefen die andern vier, und Pfister, der Wirt, fügte hinzu: „Und ich verlange, dah mein Faß Schweizerblut an der Hochzeit getrunken werde, der wir alle beiwohnen!" „Und ich werde es bezahlen, wenn sie stattfindet", schrie Frymann zornig, „aber wenn nichts daraus wird, wie ich sicher weih, so bezahlt ihr das Fah, und wir trinken es in unfern Sitzungen, bis wir fertig sind!" — „Die Wette ist angenommen!" hieß es; doch Frymann und Hediger schlugen mit den Fäusten auf den Tisch und wiederholten in. einem fort: .Nichts von Schwäherschaft! Wir wollen feine Gegenschwäher fein, sondern unabhängige gute Freunde!" Mit diesem Ausruf war die inhaltreiche Sitzung endlich geschlossen und die Freiheitsliebenden wandelten fest und aufrecht nach Haxste. * Beim nächsten Mittagessen eröffnete Hediger, als die Gesellen fort waren, seinem Sohne und seiner Frau den feierlichen Beschluß von gestern, daß zMchen Karl und des Zimmermanns Tochter fortan kein Verhältnis mehr geduldet würde. Frau Hediger, die Büchsenfchmiedin, wurde durch diesen Gewaltspruch so zum Lachen gereizt, daß ihr das Nestchen Wein, welches sie eben austrinken wollte, in die Luftröhre geriet und ein gewaltiges Husten verursachte. „Was ilt da zu lachen?" sprach ärgerlich der Meister; seine Frau erwiderte; „Ach.- ich muß nur lachen, d»h das Sprichwort: Schuster bleib beim Leisten! auch auf eueren Verein anzuwenden ist! Was bleibt ihr nicht bei der Politik, statt euch in Liebeshändel zu mischen?" „Du lachst rote ein Weib und sprichst wie ein Weib!" versetzte Hediger mit großem Ernst, „eben in der Familie beginnt die wahre Politik; freilich sind mir politische Freunde; aber um es zu bleiben, wollen wir nicht die ft: mitten durcheinandcrrocrfen und Kommunismus treiben mit dem Reichtum der einen. Ich bin arm und Frymann ift reich und so soll es bleiben, um so mehr gereicht uns die innere Gleichheit zur Freude. Soll ich nun durch eine Heirat meine Hand in sein Hans und in seine Angelegenheiten stecken und den Eifer und die Befangenheit wachrufen? ^°S * ei6 eif das sind doch wunderbare Grundsätze!" antwortete Frau Hediger; „schöne Freundschaft, wenn ein Freund dem Sohne des andern eine Tochter nicht geben mag! Und feit wann heißt es denn Kommunismus wenn durch Heirat Wohlhabenheit in eine Familie gebracht wird? Ist das eine verwerfliche Politik, wenn ein glücklicher Sohn em schönes u>id reiches Mädchen zu gewinnen weiß, daß er dadurch zu Besitz und Ansehen gelangt, seinen betagten Eltern und seinen Brudern zur Hand sein und ihnen helfen kann, dah sie auch auf einen grünen Zweig kommen? Denn wo einmal das Glück eingefehrt ist, da greift es leicht um sich, und ohne daß dem einen Abbruch geschieht, können die andern tu einem Schatten mit Geschick ihre Angel auswerfen. Nicht, daß ich es auf ein Schlaraffenleben absehe! Aber es gibt gar viele Falle, wo mit Anstand und Recht ein reich gewordener Mann von feinen unbemittelten Verwandten mag zu Rat gezogen werden. Wir Alten werden nichts mehr bedürfen; dagegen könnte vielleicht die Zelt kommen, wo dieser oder jener von Karls Brüdern eine gute Unternehmung, eine glückliche Veränderung wagen möchte, wenn ihm jemand die Mittel an- vertraute. Auch wird der eine und andere einen begabten Sohn haben, der sich in die Höhe schwingen würde, wenn das Vermögen da wäre, ihn studieren zu lassen. Der würde vielleicht ein beliebter Arzt werden, der ein angesehener Advokat oder gar ein Richter, der ein Ingenieur ober ein Künstler, und allen diesen würde es dann, einmal so weit ge« kommen, wiederum ein Leichtes sein, sich gut zu verheiraten und so zuletzt eine angesehene, zahlreiche und glückliche Familie zu bilden. Was wäre nun menschlicher, als daß ein begüterter Oheim da wäre, der ohne sich Schaden zu tun, seinen rührigen, aber armen Verwandten die Welt auftäte? Denn wie oft kommt es nicht vor, daß um eines Glücklichen willen, der in einem Hause ift, auch alle andern etwas von der Welt erschnappen und klug werden? Und alledem willst du den Zapfen vorstecken und das Glück an der Quelle verstopfen?" Hediger lachte voll Verdruß und rief: „Luftschlösser! Du sprichst wie die Bäuerin mit dem Milchtopf! Ich sehe ein anderes Bild von dem reich Gewordenen unter armen Verwandten! Der läßt sich allerdings nichts abgehen und hat immer tausend Einfälle und Begierden, die ihn zu tausend Ausgaben veranlassen und die er befriedigt. Kommen aber seine Eltern und seine Brüder zu ihm, geschwind setzt er sich wichtig und verdrießlich über sein Zinsbuch, die Feder quer im Munde, seufzt und spricht: .Danket Gott, daß ihr nicht den Verdruß und die Last einer fvlchen Vermögensverwaltung habt! Lieber wollt' ich eine Herde Ziegen bewachen, als ein Rudel böswilliger und saumseliger Schuldner! Nir- Sends geht Geld ein, überall suchen sie auszubrechen und durchzu- hlüpfen, Tag und Nacht muß man in Sorgen sein, daß man nicht gröblich betrogen wird! Und kriegt man einen Schuft beim Kragen, fo hebt er ein folches Gewinsel an, daß man ihn nur schnell wieder muß laufen lasten, wenn man nicht als ein Wucherer und Unmensch will verschrien werden. All« Amtsblätter, alle Tagfahrten, alle Ausschreibungen, alle Inferate muh man lesen und wieder lesen, um nicht eine Eingabe zu versäumen und einen Termin zu übersehen. Und nie ist Geld in der Kasse! Zahlt einer ein Darlehen zurück, so stellt er sein Geldsäckchen in allen Schenken auf den Tisch und tut dick mit seiner Abzahlung, und eh' er aus dem Hause ist, stehen drei da, die das Geld haben wällen, einer davon sogar ohne Unterpfand! Und dann die Ansprüche der Gemeinde, der Wohltätigkeitsanstalten, der öffentlichen Unternehmungen, der Subskriptionslisten aller Art — man kann nicht ausweichen, die Stellung erfordert es; aber ich sage euch, man weiß oft nicht, wo einem der Kopf steht! Dies Jahr bin ich gar in der Klemme, ich habe meinen Garten verschönern lasten und einen Balkon gebaut, die Frau hat es schon lange gewünscht, nun sind die Rechnungen da! Mir ein Reitpferd zu halten, wie der Arzt schon hundertmal geraten, daran darf ich gar nicht denken, denn immer kommen neue Ausgaben dazwischen. Seht, da hab' ich mir auch eine kleine Kelter bauen lasten von neuester Konstruktion, um den Muskateller zu pressen, den ich an den Spalieren ziehe — hol mich der Teufel, wenn ich sie dies Jahr bezahlen kann! Nun, ich habe gottlob noch Kredit!' So spricht er und schüchtert, indem er noch eine grausame Prahlerei damit zu verbinden weiß, seine armen Brüder, seinen alten Vater ein, daß sie ihr Anliegen verschweigen und sich nur wieder sortmachen, nachdem sie seinen Garten und seinen Balkon und seine sinnreiche Kelter bewundert. Und sie gehen zu fremden Leuten, um Hilfe zu suchen und bezahlen gern höhere Zinsen, um nur nicht so viel Geschwätz hören zu müssen. Seine Kinder sind sein und köstlich gekleidet und gehen elastisch über die Straßen; sie bringen den armen Vetterchen und Böschen kleine Geschenke und holen sie alljährlich zweimal zum Essen, und es ist dies den reichen Kindern ein großer Jux; aber wenn die Gäste ihre Schüchternheit verlieren und auch laut werden, so füllt man ihre Taschen mit Aepfeln und schickt sie nach Hause. Dort erzählen sie alles, was sie gesehen und was sie zu essen bekommen haben, und alles wird getadelt; denn Groll und Neid erfüllt die armen Schwägerinnen, welche nichtsdestoweniger der wohlhabenden Person schmeicheln und deren Staat rühmen mit beredten Zungen. Endlich kommt ein Unglück über den Vater oder über die Brüder, und der reiche Mann muß nun wohl oder übel, des Gerüchtes wegen, vor den Riß stehen. Er tut es auch, ohne sich lange bitten zu lassen; aber nun ist das Band brüderlicher Gleichheit und Liebe ganz zerrissen! Die Brüder und ihre Kinder sind nun die Knechte und Üntertancntinber des Herren; jahraus und ein werden sie geschulmeistert und zurechtgewiesen, in grobes Tuch müssen sie sich kleiden und schwarzes Brot essen, um einen kleinen Teil des Schadens wieder einzubringen, und die Kinder werden in Waisenhäuser und Armenschulen gesteckt, und wenn sie stark genug sind, müssen sie arbeiten im Hause des Herrn und unten an seinem Tische sitzen, ohne zu sprechen." (Forstetzung folgt.) lLeranlivorüich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Derlag:'Lrühl'sche Univ ersitälS-'Duch- und Steindrucker ei, 2d. Lange, Gießen.