Gießener Zamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1955 Hreitag. den 8.Mürz Nummer 19 MeHochzettskuh Roman einer jungen Liebe von Aosef Magnus Wehner Copyright 1 9 2 8 b y Georg Müller Verlag A.-G., München (Fortsetzung.) Sie maßen sich mit unbeweglichen Blicken, unfähig, ein Wort zu sprechen. Da schoß Bertold eine spitze Garbe von Haß aus diesen grauen alten Augen an, und er sah, daß er an seinem Paten einen unversöhnlichen Feind habe. Sein Herz pochte, als der Alte blinzelte. Eben wollte er ihm sagen, er müsse Birge sprechen, da drehte sich, als habe er den drängenden Gedanken als Schlange über Bertolds Stirn laufen sehen, der hagere Mann auf dem Absatz herum, daß das Eis unter feinen Füßen knirschte, und schritt langsam, ein Hüter und Wachter, seinem Hause zu. Bertold warf noch einen Blick auf das Kllchenfenster, dessen kleine Scheibe geöffnet war, aber er sah weder Birge noch eins der Geschwister. In diesem Augenblick wurde er hart. „Sie will mich nicht sehen", rief er in sein Herz hinab und ging den öden, erstorbenen Weg zurück. Er fühlte nur, er sei in wenig Stunden viel älter geworden, älter al« die alten rauchenden Dörfer, älter als die schweren Berge, ja älter als der alte Vater, der gebeugt in seinem Hause saß. Sein wilder Schmerz fand keine Tür. Er schwor, nie mehr in diese Heimat zurückzukehren und das, was er einst Liebe genannt hatte, heimlich und abseits von Freund und Feind in seinem Herzen zu begraben. Die Raben schrien über den Wald, als er in den Zug stieg. Achtes Kapitel. Tod. Und sie hatte ihn doch gesehen. Als sie den Schritt ihres Vaters über den Hof schallen hörte, war sie erschrocken über den seltsamen Klang. Es schien, als sei dieser Schritt mit einer neuen unsagbaren Last beladen, und die hellhörige Birge lief eilig an das Küchenfenster, um zu sehen, was ihrem Vater begegnet sei. Das Fenster war sehr schmal, und so kam es, daß Birge sich heftig an den Rahmen stieß, als sie ihren Kopf zurückschnellte. Sie hatte sofort Bertold erkannt, der den Berg hinabschritt. Zitternd schrie sie aus, atmete schwer und horchte auf den Vater, der sich langsam näherte. Dann schloß sie langsam das Fenster und schob, als wollte sie das Gesehene vor ihrem Vater verbergen, leise die Hand über die frostige Scheibe. Ihr Herz sprang wie ein Ball, ihr Ohr rauschte, und ihr Auge verschleierte sich. Plötzlich sprang sie auf. Sie wollte zu Bertold. Noch im Laufen warf sie die Schürze in die Holzecke auf die sauberen Scheite.und riß die Küchentür auf. Da sah sie den Vater unter dem Pfosten der Haustür stehen. Er drehte ihr den Rücken zu und sah in die schwarze Linde mitten im Hof. Nur ein einziger schmächtiger Gedanke beherrschte sie, wie sie wohl am Vater vorbeikommen könne, ohne ihn zu berühren. Erst wollte sie ihn rufen, aber sie brachte das Wort Vater nicht heraus. Dann wollte sie Lärm machen, daß er sich umfchaue und ihr Platz mache. Sie stieß auch wirklich in einen der Holzschuhe, die in langer Reihe im Flur standen, aber der gab nur einen schwachen Klang. So stand ie schwer atmend und wartete. Der Vater rührte sich nicht. Plötzlich fühlte ie, wie ihre Augen brannten. „Mein Gott", sprach sie vor sich hin; sie chämte sich, daß sie weinte, und daß der Vater vielleicht ihr Elend sehen werde. Und leise ging sie in die Küche zurück, beladen mit einem neuen Unglück. Der Vater blieb in der Haustür stehen, bis das Essen kochte. Jetzt war Bertold schon im Dors unten im Tale, wo der Zug stand. Birge erfuhr nie, was zwischen den beiden Männern vorgefallen war. Und in den nächsten Tagen trat ein Ereignis ein, das sie völlig ablenkte, so sehr sie sich auch bemühte, das Bild jenes Wintertages festzuhalten. Es war, als würden die Fensterscheiben der beiden Bauernhäuser immer blinder. Sie wollten nichts mehr voneinander wissen, und jedes ner ant in die graue Sintflut eines unheilbaren Haffes. Da, eines Abends al« Friedrich im Hofe stand, hörte er die Eisschollen des Flusses im Tal gegen die Pfeiler der Brücke krachen; zugleich aber drang em kurzes trockenes Hüsteln vom Nachbarhof durch die Dämmerung. Das war Matihies. Friedrich nickte nur, als bestätigte er ein längst gefälltes Urteil. ,, , Darauf hörte er von einem kleinen Bauern aus einem weit entfernten Tal, der zu ihm kam, um eine Kuh zu kaufen, seinem Nachbar Matthies gehe es schlecht; er habe die Schwindsucht und sei m der Stadt beim Rechtsanwalt gesehen worden, ohne Zweifel, um fein Testament “^'Sirge^roar gequält. Sie fühlte in ihrer Zerrisienheit den schleichenden Tod des Nachbarn, als geschehe er an ihr. Sie betete für ihn und wünschte sehnlich, ihm Helsen zu können. Einmal bat sie Gott in der Nacht, er möge ihr Leben von ihr nehmen und das des Nachbarn retten. Und obwohl Friedrich feine Augen wie eine Kette um die Tochter legte, gelang es ihr doch, ungesehen eine Taube zu kochen und sie noch heiß über die Straße zu bringen. Wie von einem guten Geist geschickt, kam ihr da Hans entgegen. Sie drückte ihm lächelnd das Tellerchen in die Hand, daß er dem Vater die Taube bringe, und entfloh. Es kam ein milder Samstag, angefüllt mit der schwimmenden Lichthelle des Föhns. Matthies, der vor vierzehn Tagen vor lauter Schwache ins Bett gekrochen war, saß ausrecht in den Kissen und wunderte sich, daß ihm heute so leicht auf der Brust sei. Er sah heiter zum Fenster hinaus. Dann rief er Hans herein und teilte ihm mit, er werde versuchen, morgen aufzustehen, er habe sich noch nie so wohl gefühlt. Hans aber wandte sich um und wurde blaß. Er hatte von den Leuten gehört, wenn ein Schwindsüchtiger sich wohl fühle, gehe es auf den letzten Tag. Um sich aber nichts merken zu lassen, drehte er sich sofort wieder um. Auf dem Flur aber winkte er einem Knecht, er möge ins Tal gehen und den Pfarrer holen. Am Abend zog sich Nebel zusammen. Matthies lag mit zerstochener Brust ein wenig ängstlich in den Kissen. Als die Lampe aus den Tisch stand, kam der Priester. Da wußte Matthies, daß es jetzt in den Himmel oder in die Hölle gehe. Er beichtete gut und gern, schonte sich nicht im mindesten, sondern gab eher bei jeder schweren Sünde noch ein Scheffel zu, damit der Sack ja recht voll werde. Dann empfing er den Leib des Herrn. Es lag allein an dem mißlichen Samstag, daß der Priester nicht zu Friedrich hinübergehen konnte, um ihn an das Lager des Sterbenden zu führen. Matthies hatte das gewünscht und beigefügt, man müsse dem da drüben die Ehre wagen- weise nachfahren, sonst fühle er sich gekränkt. Deshalb solle der gute Pfarrherr doch selber hinübergehen, um ihn zu holen. Nun warteten aber im Dorf unten die Beichtkinder schon lange auf den Geistlichen. Es war keine Zeit zu verlieren, und der Geistliche ging eilig, wieder zu Tal. Friedrich war nicht vom Sammerfenfter fortgegangen. .Er hatte so ungefähr in Gedanken dem Sterbenden da drüben die Sünden mit aufzählen helfen, ja er knotete seine Hände zusammen. Als er aber die Schritte des Pfarrers verhallen hörte, da flocht er die Hände auseinander und sagte: „Nein!" Matthies war froh, daß er jetzt feine Ruhe hatte. Er hatte alles getan, was er tun konnte, und besprach mit Hans die Frühjahrssaat. Der Tod war ja noch nicht sichtbar, und er konnte sich nicht vorstellen, daß er in drei Tagen unter der Erde sein werde. Da war es besser, bis zum letzten Augenblick von den Dingen zu sprechen, die er liebte, und obwohl alles in feinem Hause — bis auf die fehlende Frau — gut geordnet stand, fing er doch immer wieder an, dem geduldigen Hans Mahnungen und Vorschriften zu geben. Vielleicht aber waren alte feine Reden nichts anderes als Verlegenheit. Und zuletzt scheute er noch vor einem anderen Bild. Mochte geschehen fein, was da wollte, er hatte doch immer gewünscht, Birge möge als junge Frau in sein Haus einziehen. Erst jetzt in den Dämmerungen des Todes sah er, was die eitle Feindschaft zwischen ihm und Friedrich angerichtet hatte. Und so bat er endlich, eine Stunde vor Mitternacht, den Sohn, er möge Friedrich zu ihm herllberholen. Hans errötete, als er den seltsamen Austrag vernahm, und machte sich schwer auf den Weg. Friedrich horte ihn schon von weitem kommen. Er rief Birge herein, glättete das Schaffell auf der Siedel und wies sie mit einer stummen Handbewegung an, neben ihm Platz zu nehmen. Der Sohn aus dem Sterbehaufe blieb schwarz und klein an der Türe stehen. Er sagte seine Botschaft wie ein Schüler und wartete wie ein Bettler. Friedrich rührte sich nicht. Erst als Birge sich anschickte, ein gutes Wort zu sagen, ging ein Zittern durch den hageren Oberkörper des Vaters. Er wußte genau, daß er frevle, als er jetzt sprach: „Nun ist ee Ja so weM Geh hin und sage deinem Vater: Er hat die ganzen Jahre keine Zeit gehabt, zu mir zu kommen. Ich habe jetzt, wo es ihm eilt, auch keine Zeit. Hörst du?" Hans schüttelte sich. Er sprach halb weinend: „Der Vater will ja nur Abschied von Euch nehmen." Friedrich wollte etwas erwidern, aber während er noch das Wort suchte, tat die Uhr einen Schlag, einen einzigen nur. Da stand Friedrich auf und rückte den Zeiger zurück, denn die Uhr hatte zu früh geschlagen. Dabei sprach er in das Uhrgehäuse hinab: „So schnell geht das nicht. Da aber konnte sich Birge nicht mehr länger halten. Sie stand langsam auf und sagte zu Hans gewandt, während sie doch „ben Vater meinte: „Wenn Ihr nicht gehen wollt, Vater, dann gehe ich." Der Vater sah sie von der Seite an: „Du wirst das bleiben lassen." Aber Birge ging mit festen Schritten auf die Türe zu, öffnete sie und schritt mit Hans stumm in das Sterbehaus hinüber. Da spürte Friedrich, wie die letzte Wärme von seinem Herzen floh. Er verlor nun auch Birge, die Tochter. Als die beiden Kinder in Matthies' Stube traten, fieberte der Kranke leicht. Er sah das Mädchen und lächelte. Plötzlich aber wurden seine Augen groß. Er fragte nach Friedrich. Weder Hans noch Birge konnten eine Antwort geben. Da hieß er die beiden in den Stall gehen, er wolle einen Augenblick allein fein, um Friedrichs Absage zu verwinden. Im Stall war es totenstill. Plötzlich erschraken sie, als habe ein Gespenst oder der Tod selbst die Klinke aufgedrückt. Aber während sie nun einen Augenblick lang dachten, beide, das Schicksal habe sich gewendet und Friedrich sei in das Haus gekommen, um dem Sterbenden die Hand zu geben, hörten sie nun, wie einer mühsam die steinerne Treppe hinunterging Sie erschraken noch mehr als vorher. Folgendes aber war geschehen: Als Matthies die beiden Kinder ohne den erbetenen Friedrich ein- ireten sah, faßte er halb im Fieber den Entschluß, nun selbst zu Friedrich hinüberzugehen und ihn zu holen. Er dachte überhaupt nicht mehr an seinen Tod; er fühlte, er müsse es unter allen Umständen noch richten, daß Hans und Birge vor den Augen Friedrichs sich die Hand gäben und sich damit für das Leben versprächen. Das wollte er noch schaffen, und Friedrich sollte Zeuge sein. So zog er sich mühsam an, warf eine Pferdedecke über die Schultern und machte sich auf den Weg. Aber Friedrich war wach geblieben. Als er sah, wie Birge sich unaufhaltsam von ihm löste, ging er in die Kammer und lauschte. Er hörte, wie die beiden Kinder im feindlichen Hause verschwanden. Er wartete weiter voll Zorn. Aber da hörte er wieder die Türe gehen und wußte sofort, wer jetzt kam. Matthies stand keuchend in der Mitte seines Hofes. Er konnte nicht weiter, die Kälte überlief ihn wie körniges Eis. Er hörte, wie die beiden Kinder die Stalltür öffneten. Aber er wollte weiter und hob die Arme, um einen großen Schritt zu tun. Plötzlich schrien alle drei auf. Die Uhr schlug Mitternacht, und im Hause Friedrichs begann es zu donnern. Sie wußten alle drei, von wannen dieser furchtbare Donner kam. Er rollte im Schritt, im Marsch, im knochenharten Takt gegen den Sterbenden an und schlug seine Arme wie gebrochen herab. Das war die Trommel. Friedrich schlug sie in seiner Kammer dem Feind entgegen. Hans und Birge hatte schwere Mühe, den Kranken ins Haus zu tragen. Erst nach einer Stunde hatten sie ihn gebettet. Die Trommel rollte die ganze Nacht. Niemand sprach ein Wort. Erst gegen Mittag starb Matthies. Er war nicht mehr zum Wort gekommen mit seinem Wunsch. Als er den letzten Seufzer tat, schwieg die Trommel. Die Tränen in ihren Augen waren wie gefroren. Sie konnte dem lieber« lebenden kein einziges gutes Wort sagen und mußte sich abwenden, als Hans ihr sagte, er werde ihr diese Nacht nie vergessen. Df), es graute Birge, den Vater zu sehen. Als sie heimkam, sah sie die Geschwister im Sonntagsstaat ängstlich in der Küche stehen. Niemand hatte sich getraut, das Haus zu verlassen und zur Kirche zu gehen; aber niemand ging auch in die Kammer und fiel dem Vater in den Arm, als er am heiligen Morgen noch den Schlägel schwang. Nur Birge ging zu >hm hinein, freilich nur ein Stück, indem sie die Kammertür vor sich auf« fticff, mehr aus Furcht, er könne auch in feinem Zorn gestorben fein, , l4,1?, *^m 3U helfen. Er faß leer, gelb und dürr auf dem Bettrand, ctn Lächeln auf den dünnen Lippen. Als Matthies begraben wurde, ging Friedrich mit. Er war der letzte im Zuge. Es dauerte Wochen, ehe der Vater wieder sprach. Birge aber wünschte, fr.,,roa.r,e IiebeT stumm geblieben, denn sein erstes Wort war Hott. Er teilte ihr von nun an den Inhalt aller feiner Briefe mit; Hott schien seine letzte große Hoffnung zu sein. Birge hörte ihn streng an und ging dann immer gemessen an ihre Arbeit. Jeder Gedanke an die Zukunft war ihr wie mit der Schere abgeschnitten. Auch in der Stadt wurde voller Frühling. Bertolt), in seine Bücher oergraben bereitete sich mit aller Kraft auf die Prüfung vor. Er gebachte danach in die afrikanischen Kolonien zu gehen. Otto und Erich r Birge geschieden habe und daß daher sein ganzes Unglück komme. Sie berieten oft, wie ihm zu Helsen sei; aber SÄ" wieder, als habe in Dingen der Liebe nur bas Sie konnte sich bie jähe Berfrembung Prls ?,er.t,otbn’l$i im mmbeften erklären, wie sehr sie auch barüber 'TOcac ffpitii'n Wr.rttn f unb ging ihr überall aus bem itpHUr .Briese kamen, auch wenn sie bie Anschrift mit ver- aate fi* nnn ft ’ UnfleofW zurück. Sie wurde schwermütig unb be? m. h 3*9Un9, d 3um Unglück geboren sei. Je voller 9 ch'- "w so großer wurde ihre Scham, daß sie von renhShr! »gestoßen sei. Langsam begann sie zu erkranken. Und während ihre Leute zu Hause ihr ,ede Woche schrieben, wann sie denn nun ba« SchwermiU." “““ m’W nci$,fc f,e i" eine unheil- Eines Tages kam ein Briefchen von Ihr aus der Nervenklinik. Sie bat Bertold auf einen Augenblick zu sich. Der arme Student erschrak heftig. Erich wurde ernst, als ihm Bertolt) von dem Brief erzählte, riet ihm aber hinzugehen. „Alles bleibt in dir", sprach er, „mit bem du bich einmal, unb fei es nur in Gebauten, gemischt hast. Davon leben Schicksal und Schult)." Er fanb Anna in einem großen Saale neben vielen Frauen. Sie lag zu Bett unb meinte, als sie ihn erblickte. Sie roanbte sich ab, als er näher kam, unb vergrub ihren Kopf in ben Kissen. Verlegen ftanb Bertolt) unter ben Neugierigen unb starrte in bie Luft wie ein ungebetener Bräutigam. Plötzlich warf sich bas Mäbchen herum unb fi ,ckte ihm beibe Arme entgegen. Sie streichelte feine Hand unb sagte, nun werbe alles roieber gut. Sie werbe entlassen, fobalb sie gefunb fei... Ihre Reben verwirrten sich, als sie weitersprach. Sie fuhr zusammen, wenn Bertolb auf bie Uhr sah. Er tröstete sie, so gut er konnte, aber bas Wort, auf bas sie wartete, konnte er ihr nicht sagen. Als es Zeit war zu gehen, warf sie sich um feinen Hals unb wollte ihn um keinen Preis lassen. Die Wärter mußten bie Arme ber laut Weinenben von Bertolb lösen. Wie ein Irrsinniger streifte Bertolb durch die Nacht. Er begriff nicht, was ihm da von neuem widerfuhr. Zum ersten Male seit seiner Jugend meinte er hilflos in diesen Nächten. Neuntes Kapitel. Folgen. Die drei Freunde roaren von ihrer Pfingstwanberung zurückgekom- men. Zum ersten Male hatte Bertolb in einer knospenden Nacht im Walde den beiden von Birge erzählt, und sie hatten mohl verstanden, daß er trotz aller Leugnung mit jeder Faser seines Herzens an ihr hänge. Er hatte die Geschichte nur stückweise unb leichthin so vorgetragen, als sei nun alles aus unb vorbei. Unb ba sich bie Jugenb gern in tragischen Bilbern gefällt, so hatte er geäußert, für ihn fei es besser in ein srem- bes Land zu gehen unb dort ungekannt zu sterben. Vielleicht rooUte Bertolb aus bem Leben gehen! Otto geriet in Angst. Unb obwohl Bertolb gleich nach seinem ©eftänbnis aufsprang und erklärte, er lasse sich von feinem Gram nicht aufzehren, unb überhaupt fei es unerhört, welche Rolle die jungen Mädchen im Leben des heutigen jungen Mannes spielten, als seien Staat und Kirche, Gesellschaft und Bildung keine Ausgaben mehr, nahm Otto jenen Ausbruch der Verzweiflung gewaltig ernst... Er fuhr zwei Tage später, indem er vorgab, feine Eltern zu besuchen, in Bertolds Heimat, um Birges wahren Zustand und ihre Meinung über Bertold zu erfahren. Der offenherzige schöne Junge gewann sich sofort bas Herz von Bertolds Bater. Denn zu ihm war er zuerst gefahren, in ber klugen lleberlegung, es fei unmöglich, zu Birge vorzubringen, ohne einen Bun« besgenoffen zu haben. Der vergrämte alte Herr wurde warm, als ihm Dotto von Bertolds Erfolgen auf der Universität erzählte, und er fing Feuer, als er von Hotts dummen Streichen erfuhr. Es stellte sich heraus, daß auch er Birge gut leiden mochte, und es machte ihm diebische Freude, ihren Bater einmal mit Borbedacht zu überlisten. Es galt nur, an Birge heranzukommen, ohne daß Friedrich Verdacht schöpfte, Otto fei von Bertold geschickt, denn bann hätte ber Alte jebe Berhanblung sofort abgebrochen. Es gab nun in jebem Bezirk einen Lehrerverein, besten Vorstand Bertolbs Bater war. Er war über bie Angelegenheiten bes Bereins genau unterrichtet unb stellte bemgemäß folgenben Plan auf: In bem Dorfe, zu bem auch ber Berghof gehörte, würbe ein zweiter Lehrer erwartet. Dieser hatte dem Borftanb bes Lehrervereins seine Ankunft für Sonntag über vierzehn Tage angefagt unb ihn kollegial gebeten, sich nach einer geeigneten Wohnung für ihn umzufehen. Bertolbs Bater war benn auch schon oft in jener ©emeinbe gewesen unb hatte für ben jungen Lehrer, ben noch niemanb im Dorfe gesehen hatte, ein Zimmer gefun« ben, bas als Wohnung gelten konnte. Es war bie gute Stube eines Bauern, ber mit ber ihm zugebachten ftänbigen Einquartierung burchaus nicht einuerftanben war. Er hatte, um feine Bosheit recht zu zeigen, in ber guten Stube eine wahrhaft babylonische Unorbnung angerichtet, hatte Bettbecken, Stühle und Töpfe auf einen Berg geschichtet und bem Borftanb bes Lehrervereins wie auch bem verlegen-verstockten Bürgermeister erklärt, wenn ber neue Lehrer Drbnung haben wollte, fo falle er sie sich selbst schaffen, er rühre keine Hand mehr. Das war vielleicht nicht fo bös gemeint. Bielleicht wäre jener Hausherr eine Stunbe vor Ankunft des neuen Lehrers doch in bie Dberftube hinaufgegangen und hätte mit ben Fingerspitzen unb etlichen Berwünschungen soviel Drbnung gemacht, baß sie zwar wie eine Beleibigung wirkte, aber durch den scheinbar aufgeroanbten guten Willen nicht weiter verfolgbar war. Aber wie war es nun, wenn ber junge Lehrer acht Tage früher kam? War es bann nicht mehr als natürlich, baß er sich vor bem Chaos entsetzte und nachdrücklich nach einer weiblichen Hand verlangte, bie bas Zimmer sofort aufräume unb wohnlich mache? Kein Mensch würde etwas dahinter finden können, wenn Bertolbs Bater am nächsten Sonntag mit Otto — ber den jungen Lehrer spielen mußte — nach der Messe zu Friedrich ging unb ihn bat, er möge Birge für ein Stünbchen beurlauben, bamit sie das verwahrloste Zimmer richte. Auch Friedrich konnte das nicht weiter verwunderlich finden, daß gerade Birge zu diesem Amt herangezogen wurde. Er hatte im Gemeinderat bie Schaffung einer Zweiten Lehrstelle eifrig betrieben — politische Erregungen taten ihm wohl, indem sie ihn ablenkten — er war also gewissermaßen dem neuen Lehrer schon verpflichtet. Es mußte dem Alten Freude machen, daß Birge ben anberen Mäbchen auch hierin den Rang ablief. Nur ein Punkt blieb bedenklich. Was würden bie Bauern fagen, wenn vierzehn Tage später ber richtige, zweite Lehrer eintraf? Die beiden Berfchworer entschlossen sich, wegen dieser Verlegenheit Otto lieber als Kollegen des jungen Lehrers vorzustellen, ber für seinen Amtsbruder Quartier machen wolle. (Fortsetzung folgt.) Die Berggewäffer. Don Hans Leishclm. Sing einen Sang den Gebirgen, die himmelwärts schaun. Sing mit azurenen Lüsten, die über den Firnen blaun, Sing mit den Stürmen, die ehern über die Grate wehn. Und mit den Glocken der Almen, die talwärts gehn. Von den Gebirgen kostet, wer einsam geht, Wer verstummt auf den einsamen, ragenden Gipfeln steht, Wer an den weitgeschwungenen Hängen wandernd lauscht. Wie in ew'gen Gesängen das Wasser rauscht. Wasser, das hundertfädig und hüpfend schäumt, Wasser, das regungslos in den eisigen Bergseen träumt, Wasser, das eisgrün und tönend durch Klamm und Klause braust, Wasser, das unterirdisch im Hohle saust. Urlaut — ihn spricht das Wasser im Berggestein, Also war vorzeiten das Rauschen und wird es sein, lieber den Ebenen, über den Meeren, über der Zeit Stehn die Gebirge als Künder der Ewigkeit. Kleine Bergnovelie. Von Josef Friedrich Perkonig. Der Wind riß die letzten Blätter von dem Nußbaume; er trug sie »01 dem Berghofe weit hinunter in die Tiefe. Da sah der uralte Groh- l>«:r Juch nach der Sonne und spannte den Ochsen vor den leichten Mgen. Es war hohe Zeit, er mußte sich beeeilen. Drunten im Dorfe wartete der Tischler aus ihn; er hatte im Sommer, meinem Sonntag nach der Messe, Maß von ihm genommen, und nun ’if n Sommer und einen Herbst über Zeit gehabt, die Totentruhe zu chmern. Cs war Zeit geworden, sie im Vorrat zu haben. Der Tod lernte jeden Tag an die Türe klopfen. Im Frühjahr, Sommer und he,bst, da war keine Weile zum Sterben gewesen. Aber nun kam der ßiiiter, seine kurzen Tage waren so lang, und da konnte man sich wohl für die große Reise bereiten. Wenn man sich dann starr hinlegke, iw=,te die Totentruhe im Hause sein. Der alte Juch hatte es ohnedies lange auftehen lassen. Dreiundachtzig 8i!re hatte er alt werden müssen, um sich endlich darauf zu besinnen. De: Vater der Juchbäuerin, der andere Großvater, der auf dem Hofe ,-Iibt hatte, wie war der wieder ängstlich gewesen. Von seinem fünfund- ikizigsten Jahre an lag die schwarze Truhe mit dem silbernen Kreuz aus m Dachboden, zehn Jahre lang, bis er sie im letzten Winter brauchte. Der alte Mann ging neben dem Wagen her, auf dem der lange Sarg log Er war notdürftig mit braunen Jutesäcken bedeckt. Aber tiefer im IK irge begegnete dem Gefährt niemand mehr. Seit Tagen fiel unaufhörlich der Schnee. In diesen Höhen furchte kein Pflug den neuen Weg, und der Hof war mi-er der Welt. Der alte Juch lag auf seinem Bette und hatte seine feen in das Gestöber hinaus gerichtet. ||! Ts ging mit ihm nun wahrhaftig zu Ende, in der Ruhe des Winters Wo: en die Glieder müde und steif geworden. Der Totenwurm bohrte in dem Kasten, der in der Ecke stand. Das teil Schaben und Klopfen war deutlich zu hören. Die Schwiegertochter hatte auf feine Bitte hin den geweihten Wachs- ftoi entzündet und neben ihn gestellt. Seit einer Stunde waren alle Haus- teuc im Stall: Sohn, Schwiegertochter, Enkel, Enkelin, Knecht und Ugd. Manchmal zitterte das Licht neben ihm sichtbar; das geschah dann, We: n draußen in dem Flur jemand fest auftrat. Irgend jemand kam tun dem Stall und ging wieder dahin. Niemand hatte ihm verraten, tea: geschehen war, vielleicht wollten sie ihn nicht erschrecken. Aber er wo lange genug als Bauer auf dieser Hube gesessen und wußte, wie t:d sch oft das Unglück mit dem Vieh umging. Sie bannen draußen m rscheinlich ein Unheil, eine Tierkrankheit ist gekommen ober ist im |trug. I Sr versucht zu beten, aber feine Gedanken verwirren sich, er muß immer an die elende Seuche denken. | Es schmerzte ihn, daß er nicht mithelfen konnte; er wußte sich als tlirbenber ausgeschlossen aus ber Familie. Freilich, sie konnten nicht bei ihr wachen, währenb braußen bas Vieh verkam. Doch er mußte wissen, I» ■ sich begeben hatte; es litt ihn nicht auf bem Bett. Langsam unb M-seheuer mühsam rutschte er herunter, es würbe ihm schwarz vor ben innen. Dann tappte er längs ber Mauer bahin, bis zur Tür. Als er « öffnete, ftanb bavor ber Enkel, selber schon ein Mann, ber bie Magb Li Den Armen hielt Jebes von ihnen trug in der einen Hand einen Sir er heißen Wassers. Der Großvater sah die beiden und verstand H kurzen Aufenthalt im Flure wohl. Es war ihnen, als hätte er g:n cft. Ehe er aber noch eine Frage tun konnte, fiel er in der Türe um wie ein Baum des Waldes umsinkt. Die zwei Erschreckten trugen ihn aus fein Bett. Dort drückten sie ih die halboffenen Augen zu. * I Was der Großvater, der nun tot da drinnen lag, in den letztet! Iit.enblirfen seines Lebens gesehen hatte, war nur ein halbes Ge- |tmnis der beiden Menschen; denn die übrigen ahnten es alle. ! Der Vater zürnte um verborgener Absichten willen, die den Sohn im Fnhjahre zur Werbung aussenden wollten; die Mutter war eben bie tiriter, keine noch hat sich innerlich gefreut, wenn ein frembes Weid üle- bas eigene Blut Macht gewinnt; bie Schwester zankte sich häufig flil ber Magb, unb ber junge Knecht wollte etwas, was ihm ge- ■He, nicht bem Herrn überlassen. So waren bie beiben von lauern - en Menschen umgeben, unb sie mußten sich vor ihnen hüten. Sie lügen aneinanber stumm vorüber, weil immer roieber aus einer Luke ober durch ein Fenster ein Auge nach ihnen spähen tonnte. Wie die anderen hielten sie bei bem Mahle bie Augen in bie Schüssel gesenkt, die in der Mitte des Tisches stand. Sie redeten weniger zueinander als mit jedem anderen. Doch sie suchten heimliche Gelegenheiten, um einige Augenblicke gemeinsam zu haben. Wenn sie sich zufällig am Brunnen trafen oder sich auf einem der kurzen Wege begegneten, die alle Hausleute vorn Haus zu Stall und Tenne ausgeschaufelt hatten, und auch jetzt beinahe stündlich von dem neuen Schnee befreiten, bann verharrten sie keine Sekunde länger, als es unbedingt notwendig war. Aber es gab manche Zeiten im Tage, so dachten sie ansänglich, wo sie an gewissen Orten unbemerkt beisammen sein konnten. Etwa am frühen Morgen in der Küche, wenn die Magd bie Milch sott; boch ba kam halb bie Mutter, unb ber Sohn mußte sich hinter bem gemauerten Herbe verstecken. Dann beim Melken, aber ber Vater ließ sich auch schon im Stalle vernehmen, unb ber Sohn mußte für einen buntlen, feuchten Winkel bantbar fein. In ber Tenne hatte er sich zweimal in bas Heu verkrochen unb einmal war er in ben tiefen, weichen Schnee hinabgesprungen, ba er bie Stimme ober bie Schritte bes Knechtes hörte. Nicht zu reben von ber Schwester; sie war bie ärgste. Die Burschen hatten ihr einen Bräutigam erstochen, nun neibete sie jebem Weibs- bitb ben Mann. Unb ber Schnee hielt sie auf dem Hofe gefangen, es gab keinen Weg, nirgenbshin. Immer noch fielen bie Flocken, ber Himmel war grau unb es regte sich keine Luft. Der Tote lag brei Tage hinburch aufgebahrt, wie es ber Brauch forderte. Das Bett war in bie Mitte ber Stube gerückt unb mit- Brettern bebeckt worben. Darauf ftanb ber ©arg unb barinnen streckte sich ber ruhenbe Großvater aus, in feinem grauen, lobenen Gewanbe, bas er sich vor einem Menschenalter angeschafft hatte. Zwischen bie Finger ber mächtigen Hänbe war ber Rosenkranz geflochten. Frembe Leute konnten nicht zu bem Gestorbenen kommen, benn auch bie Nachbarn waren eingeschneit. Immer einer der Menschen des Hoses hielt bei dem Toten Wache. Aber die anderen feierten deshalb nicht, bie Arbeit ging ihren gewöhnlichen Weg, wenn es auch stiller in bem Hause war. Sie grauten sich vor bem Sterben nicht, boch ein Toter war ihnen halb heilig, benn er frohlockte schon im Himmel, litt in ber Hölle ober reinigte sich im Fegefeuer. Neben bem Großvater ftanb ber brennenbe Wachsstock. Wer am Tage bei ihm saß, schaute burch bie Fenster hinaus in ben Schneefall. In ber Nacht aber war jeher sich selbst überlassen; die Frauen beteten, bie Männer grübelten. Enblich, am brüten Tage, wäre es Zeit zum Begräbnisse gewesen. In anberen Jahresteilen wäre ber Psarrer viele Stunben weit aus bem Tale heraufgekommen ober er hätte weiter unten bei einem Wegkreuz gewartet, bis sie auf bem nieberen Berglerwagen ben Toten zur Einsegnung gebracht hätten. Doch bei bem ungeheuren Schnee war davon keine Rebe. Der Vater vernagelte bie Totentruhe seines Vaters, bann würbe sie mit Weihwasser besprengt unb alle beteten gemeinsam einige laute Vaterunser. Dann richteten sie ben Sarg so her, baß er aufgehoben werben konnte. Sohn unb Knecht trugen ihn auf ihren Schultern burch die niedere Türe aus ber Stube. lieber bie Stiege hinauf mußten sie langsam unb vorsichtig gehen. Es war nicht leicht, mit bem langen Sarg um bie scharfen Ecken zu biegen, sie mußten ihn mehrmals halb aufsteilen unb so weitertragen. Auf bem Dachboben, unter ben Schinbeln, stellten sie ihn hin. Hier in ber Kälte sollte er warten, bis ber Weg in ben fernen Friebhof hinab frei war. So blieb ber Ahne auch nach feinem Sterben noch unter einem Dache mit ben Hausleuten; zum Abschieb auf immer war ihm noch eine Gnabenfrist gegeben. Zehn Tage später war Weihnachten. Am Heiligen Abenb saßen sie vom frühen Nachmittag an in ber Stube. Es hatte zu schneien aufgehört unb die kalte Sonne lag auf bem blenbenben Schnee. Die Stube war übermäßig hell bavon. Nur. langsam kam bie Dämmerung; bes Feierns ungewohnt, schien es ben Menschen im Hose, als wäre bie Zeit stehen geblieben Die Bäuerin hatte bas Zeug für bie Räucherung zurechtgerichtet. Als es bunte! würbe, legte sie bie Glut auf bie zwei KehrichtsschaufAn unb warf bie Weihrauchkörnchen hinein. Einer räucherte in bie Räume, ber anbere sprengte bas Weihwasser mit einem Fichtenzweig aus ber Kasseeschale. Die Tochter unb ber Knecht sollten es im Stalle unb auf ber Tenne tun, ber Sohn unb bie Magb im Hause, also immer einer von ber Familie mit einem Dienstboten. Als sie nun aus bem bämmerigen Zimmer, in bem ber (eudjtenbe Schnee auch noch am Abenb eine Helligkeit zurückließ, in ben Flur trafen unb sich hier trennten, setzten sich ber Bauer unb bie Bäuerin zum Tisch unb beteten. Die jungen Leute aber stießen bie Türen aus unb räucherten unb sprengten ben Segen für bas künftige Jahr in bie Räume. Der Sohn unb bie Magb fliegen auch auf ben Dachboben hinauf, wo ber Großvater lag Im trüben Scheine ber Glut sahen sie bie unheimliche große Truhe aus bem Dunkel wachsen. Unb in bemfelben Augenblick kam ihnen zugleich ein Gebanke. An biefem Ort würbe sie niemanb stören, hier konnte sie niemanb zufällig antreffen, benn solange ber Ahne auf bem Dachboben ruhte, führte hierher kein Weg irgenbeiner Arbeit. Glücklich fliegen sie roieber in bas Haus hinunter. Schon am nächsten Tage schlichen sie nacheinanber bie Stiege empor. Zuerst ber Sohn, bann bie Magb. Es war ein schmaler, niederer Raum, und der Mann stieß mit dem Kops an bie Schinbeln Sie schauten sich um, ob sie benn immer stehen müßten In bem Halbbämmer erkannten sie nichts, woraus sie sich hätten setzen können. Aber ba war ja bie Tolentruhe. Die zwei jungen Menschen sahen sich ängstlich und fragend an. Dann zog der Sohn die Magd neben sich weder.en bem toten Großvater und redeten vom Leben. Sie wußten sich rein von Frevel, denn der Alte hatte ihnen ja freund- 114 EH.es' Tages° schreckten sie wohl sehr zusammen. Aber das seltsame Geräusch entstand daher, weil dort in der tiesdunklen Ecke die Russe, die zu einem Haufen geworfen waren, auseinanderrieselten. Ein ungewöhnliches Tauwetter fiel ein, der warme Jauk fraß den ^^Endlich war es eines Tages so weit, daß die Bauern von den einschichtigen Höfen einen schmalen Weg herab auspflügen konnten Sie taten es gemeinsam, und unten bei dem Wegkreuz, wo ein anderer schön betretener Weg vorübersührte, atmeten sie erleichtert auf. In der Sternen- nacht stiegen sie wieder zu ihren Huben empor. . Run war auch der Tag da, an dem sie den toten Großvater m die Erde legen konnten. _ .. Sohn und Knecht holten den Sarg vom Dachboden und legten chn auf den Schlitten in das Stroh. Dann banden sie ihn mit Stricken fest, damit er auf dem abschüssigen Wege nicht nach vorwärts ins Gleiten täme. Und so brachten sie ihn zum Wegkreuz, wo der Pfarrer wartete und den Toten einsegnete. Dann hatten sie immer noch einige Stunden zu gehen, bis sie in das Kirchdorf hinabkamen ... Als die Hausleute im Juchhofe am Abend zum Rosenkranz beisammensaßen, war es ihnen, als seien sie nicht mehr vollzählig, ass habe sie jemand verlassen. Am Tage nach dem Begräbnis erwartete der Sohn die Magd wieder auf dem Dachboden. Der Raum war ihnen auf einmal fremd und unheimlich geworden. Aks sie noch daran waren, sich innerlich zurechtzufinden, hörten sie Schritte auf der Stiege. Sie drängten sich ganz in den Winkel, den Hausmauer und Dach bildeten. Der Bauer kam und schaute nach dem Nußhaufen; die zwei Versteckten vernahmen, wie er die geprüften Früchte aus der Hand niederfallen ließ. Zwei Tage später, zur nämlichen Stunde, kam die Bäuerin und spannte einige Stricke, um die Wäsche darauf zu hängen. Sohn und Magd mußten lange in ihrem engen Versteck Laut und Bewegung bezwingen. Nun kam vielleicht einmal’ der Knecht, irgend etwas zu suchen, und die Tochter, um nach der Wäsche zu sehen. Sohn und Magd wagten es nicht mehr, sich auch von diesen stören zu lassen. Sie verrichteten schweigend nebeneinander ihre Arbeit. Nur einmal am Brunnen, als sie die Wäsche auswand und er das Pferd tränkte, sagte sie: „Cs ist nur schad, daß der Vater der Bäuerin schon im vorigen Jahr gestorben ist. Es wird wieder schneien." Bimini und Malatesta. Von Wilhelm Hausen st ein. Sigismondo Malatesta, Tyrann von Rimini im 15. Jahrhundert, befahl, die Marmorblöcke, mit denen die Römer ihren Hafen Adininum mächtig und sauber ausgebaut hatten, wegzureißen, und gab die schönen Quader den Künstlern, die in Rimini die reinste Fassade der italienischen Renaissance zu errichten angestellt waren: den Tempio Malatestino. Und wahrlich ist er ein heidnischer Tempel, ob auch mitten in der katholischen Christenheit, keine Kirche. Auf diese Weife hat ein Tyrann der italienischen Renaissance den schönen Hafen von Rimini in eine Kirche verwandelt, die keine ist. Betritt man, vom Bahnhof kommend, die heiße Stadt, fo findet man sich alsbald im Angesicht des malateftianifcfjen Tempels. Das weihe Marmor vom Hafen, der Beutemarmo^ aus Kriegs- und Raubzügen, ist zu Fenster- und Torbogen römischen Stils, zu korinthischen Säulen, zu klaren Wänden antiker Haltung, zu schweren klassischen Gesimsen neu gebildet und mit roten und grünen Stücken ausgeziert. Unter sieben Bogen ruhen sieben Sarkophage aus weißem Marmor, mit der vollkommenen Schwere und Schlichtheit römischer Form sich darstellend. Sie tragen lateinische Inschriften, denen die vollendete Würde römischer Epigraphik gegeben ist. Die Sarkophage bergen, im 15. Jahrhundert gemeißelt und auf- gestellt,. die Gebeine von Männern, die den literarischen Hof des Tyrannen ausmachten. Es ist wohl gesagt worden, Sigismondo Malatesta habe den verzehrenden Ehrgeiz getragen, auf dem Boden des kleinen Rimini das zu fein, was Augustus auf dem Boden des großen Rom gewesen ist. Die Sarkophage am Tempel des Malatesta zeugen davon; der Tempel selbst tut es. Und siehe, am Rande der Stadt, wo sich die Häuser des reicheren Bürgers von denen der ärmeren scheiden, schimmert >m Licht der alt-neuen Sonne ein römisches Tor! Es ist das Triumphportal des Augustus aus dem Jahre 27 v. Ehr. Nähertretend dieser klaren und doch so geheimnisvollen Wirklichkeit, entziffern wir das berühmte „Senates Populusque..." Den schweren Bogen zieren die verwitterten Marmorhäupter des Jupiter und der Juno, dazu die Köpfe von Stieren und naiv wuchernd, rührend hervorgewachsen zwischen den Fugen der Hausteine allerhand Gräser, Unkräuter und Blumen ... Mit Backstein- zlnnen hat ein spätes Jahrhundert den antiken Bogen wehrhaft gemacht. Von selbst zieht uns der Weg zum anderen Ausgang der Stadt. Wir wandern durch die lebhafte Menge der Bürger, die auf den Plätzen unö auf der Hauptstraße ihre improvisierten Börsen abhalten, und wir gelangen, ohne zu suchen, an den Fluß, den römischer Marmor über« brmft. Es 11 die Brücke, die bald den Namen Augustus trägt, bald onte dl T£erio geheißen wird. In fünf Bogen überwindet sie mit der langsamen Wucht eines Elefanten den breiten Wasserlauf, der trüb ist wie die vom Alter beschlagenen Marmorblöcke über ihm — trüb und beiabrt Hier ist es die erste römische Brücke, die ich mit Bewußtsein sehe. Ihre GewichtigkeU, ihre Deutlichkeit, das Dichte, das Einleuchtend! einer Verlässigkeit, die von zwei Jahrtausenden bewährt ist — dies überwältigt. Kaum je hat Gebautes mich so überwältigt, es sei denn der Tempio Malatestino vorhin, den die Romagnolen unter den Augen des herbeigerufenen Leone Battista Alberti von 1447 bis 1456 aufgemauert fjaben. Freilich wird mir bewußt, die Brücke tut solche Wirkung nicht ganz allein aus sich. Die Einsamkeit hilft dazu; die Einsamkeit in deren Mitte die von niemandem beschrittene Brücke steht wie ein Friedhof. Der Himmel hilft dazu, die Luft; die Stunde auch, deren frühnachmittäglich! Helle von einer unbeschreiblich melancholischen Größe sm Bann gehalten wird. Lehmrot und schleimig steht der Fluh; er steht still, rührt sich nicht, als habe er vor Alter vergessen zu fließen. Die Atmosphäre ist wie geronnen in Lavendelblau und Lila: Camille Corot würde diese Atmosphäre geliebt und gemalt haben. Ringsum steht staubig das Grün des Grases und der Bäume still — fast schauerlich unbewegt unter dem Gewicht der Hitze und des Lichts. Im Schatten liegt ein zerlumpter Junge auf der Erde gleich einem Toten unter einem Bündel Fetzen, wie etwas Furchtbares ist fein Gesicht unter einem löcherigen Hut bedeckt — wie Wunden, Grinde, Aussatz; dicke Fliegen mit Bäuchen, die glänzen, als wären sie Edelsteine, gehen an dies Liegende wie an Aas, und ich würde den Buben für eine beifeite geworfene Leiche halten, würde sich nicht endlich aus der Tiefe des bumpfeften Schlafes eine atmende Flank! regen und leise auch ein schmutziger Fuß. Im roten Wasser drunten schwemmen zwei braune Romagnolen von gewaltigem Wuchs, Karren und Esel. Es sind Karren mit zwei ungeheuren feuerroten Rädern. Die braunen Romagnolen in verbrannten Strohhüten, schmierigen Hemd- ärmeln, lehmigen Hosen stehen aus den hochrädrigen Karren wie Triumphatoren. Nach einer Weile kommt der eine der Karrenlenker herauf. Er hat den Kopf des Malatesta: die ungeheure Tiefe von der Hakennase bis zum Hinterkopf, den gewaltigen Nacken, die hohe hagere Figur. Es geht durch Fischergassen, und beinahe sehen sie aus wie die in Flandern. Frauen und Mädchen, hübsche, stolze Mädchen, sitzen auf der schattigen Straße oder im Haustor, das osfenfteht und danach trachtet, kühlende Zugluft einzulasfen. Frauen und Mädchen fitzen mit dem Gesicht gegen die Mauern — weg vom Licht, weg von der Hitze. So bessern sie Netze aus; so machen sie Handarbeiten aus Glasperlen. Auf dem großen Platz steht abseits vom ehernen Denkmal eines prunkenden Papstes aus den Zeiten kirchenstaatlicher Herrschaft, die mäßig große Fischhalle. Sie ist eine rechte Basilika: einfach-offene Halle von antikem Schnitt. Darinnen liegen auf nassen Bänken und in geraden Körben Tausende von bunten Fischen, Etliche sind wie mit einer Haut aus grünem Stanniol überzogen. Neben ihnen liegt das furchtbare Gemenge der Tintenfische und Polypen. Rosa sitzt das kühle Blut an weißen Leibern scheibenförmiger Kreaturen der Adria und um den schrecklich leeren Scheinblick toter Fischaugen. Es riecht nach Salz und Eiweiß; es ist kühl vor lauter Eis, empfindlich kühl. Fischer bringen mit grausamer Sachlichkeit neue Beute. Dort drüben, wenige Schritte vom Fischmarkt, starrt noch die Burg des Tyrannen! Aus Tausenden von Backsteinen gefügt, ist sie dennoch ein einziger Klotz: brutal, abweisend, fest. Kaum daß sie Fenster hat. Vor der Stadt schon ist ihr Ort, und sie liegt wie ein gefährliches Wachi- tier. Aber im Hof der festen Burg des Tyrannen, deren schweres Tor die malatestinischen Elefanten im Wappen trägt, sind nicht nur soldatische Hebungen gehalten worden, die den Sinn des Feldherrn Malatesta erregten, sondern auch Turniere des Geistes, die den blanken Verstand und den geschliffenen Geschmack des Humanisten Sigismondo ergötzten! Dieser Tempel — dies steinerne Bekenntnis eines schlechten Christen zum Geist der Antike! Man kehrt zum Tempio zurück. Er ist ein Magnet. Da sind die Basreliefs des Agistino di Duccio. Da ist das Grab der „göttlichen Isotta" die des Sigismondo Geliebte und heroische Gattin war; ihr Sarkophag ruht auf malatestinischen Elefanten aus schwarzem Marmor. Da ist das Fresko von Dem harten Piero della Francesca, das den Tyrannen malt, wie er, der inbrünstige Neuheide, begleitet von einer schwarzen und einer weißen Dogge, die übers Kreuz sitzen, doch in überzeugend blutrotem Rock vor seinem Schutzheiligen kniet. Da ist das Relief des Skorpions — oder ist es das Steinbild einer Meerspinm oder Tarantel? Es ist ein furchthares Relief; es macht Angst: wir fliehen. Die Zeichen des Glaubens scheinen verhannt zu sein. O ja: dies ist der Tempel eines Heiden, von ihm zum eigenen Ruhm erbaut und zum Ruhm der Geliebten. Welch ein Frevler! Er hat die gotische Kirche des heiligen Franz genommen; er ließ sie mit Marmor umbauen und weihte sie dem eigenen Namen — denn in riesigen Lettern trägt die Front den Namen Sigismondo Malatesta, Sohn des Pandulphus, und nur hinten seitwärts am Chor, schaut aus dem Marmor des Malakesin und seines Baumeisters Leone Battista Alberti die alte franziskanische Backsteinkirche mit der Armut einer Franziskanerkutte hervor ... Pius II. ließ gegen Sigismondo eine Anklage schreiben, die fürchten lief) ist. Sie beschuldigt den Tyrannen des Raubes, der Brandstiftung, der Metzelei, der Entführung, der Notzucht, des Ehebruchs, der Blutschande, des Mordes und der Ketzerei. Er soll seine erste Gattin Genoveva ö’CEfte, erdrosselt haben, die zweite vergiftet: Polyxena Sforza. Er wurde in Rom in efligie verbrannt. Die Historie will, sein surchtbares Vorbild habe noch über den Tod hinaus Unheim gestiftet: fein Bastard Roberio habe den Thronerben, Sollustio Malatesta, mit dem Dolch, die Muller des Prinzen, Isotta, mit Gift beseitigt. Doch rühmt die nämliche Historie die glänzende Konversation des Sigismondo; mit italienischer, lateinischer, griechischer Zunge fei sie von ihm vollkommen geführt worden; auch fei dieser fanatische Philologe, der unter dem Panzer des Condottiere verborgen war, zu seiner Zeit der liberalste Mäzen Italiens gewesen, und kein Gelehrter habe den Hof von Rimini ohne Ehren und Geschenke verlassen. In dieser Mischung bewohnt die Gestalt des Sigismondo den Hintergrund, den man die Geschichte nennt: schrecklich und glänzend, entsetzlich und bezaubernd ... Heran wocUrch. Dr. HansThyriot. Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieße''-