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Behagliche Möbelstücke, die gleichmäßige Wärme der elektrischen Heizung, die hohen vierfachen Fenster — das alles gefiel ihm. „Komfortabel haben sich die Deutschen hier eingerichtet. Man kann immer noch von ihnen lernen", sagte er schließlich zu Gartison. Der hörte kaum auf ihn. Er lief bald zu der einen, bald zu der anderen Fensterseite, starrte hinaus auf die weite Ebene und fuchte vergeblich nach einem Bolidenkrater, der doch nach seiner felsenfesten Ueberzeugung hier fein mußte. Captain Andrew ließ ihn gewähren. Seine Aufmerksamkeit wurde von einigen Instrumenten gefesselt, die an der Schmalwand des Raumes standen. Sein wissenschaftliches Interesse wurde lebendig. Er trat näher heran und batte, ehe er fichs versah, die Arretierung eines Inklinometers gelöst. Die Nadel, nicht mehr festgehalten, folgte der magnetifchen Richtkraft und stellte sich genau senkrecht. „Der Pol, Garrison! Sehen Sie her! Hier ist der magnetische Südpol. Die Deutschen haben ihr Institut genau auf den Pol gesetzt. Nach dem, was man über Willes Elektronentheorie weiß, mußte man es ja auch eigentlich erwarten." c Mit leichter Gewalt zog er Garrison vom Fenster weg zu den Instrumenten und fing mit ihm ein Gespräch über die Willefchen Arbeiten an, obwohl dessen Gedanken bei ganz anderen Dingen weilten.-- Ms Hagemann in Schmidts Arbeitszimmer zurückkam, schob der Doktor eben den letzten Bissen in den Mund und legte Messer und Gabel bei Sette, „Sie können das Tablett Herausnahmen", sagte er und wollte stch wteder an sein Manuskript setzen. „Herr Ministerialrat, es sind nicht unsere Leute", platzte Hagemann mit seiner Neuigkeit heraus. , c Es sind Amerikaner, Captain Andrew ist hier und außerdem der andere, der schon mal hier war, der Mr. Garrison, Sie werden sich erinnern, Herr Geheimrat." , , _ Der lange Schmidt ließ die Feder sinken und geruhte von den Hohen reiner Wissenschaft wieder in die Niederungen der realen Wirklichkeit hinabzusteigen. Captain Andrew — Garrison — unangenehme Vorstellungen waren mit diesen Namen untrennbar für ihn verbunden. Unerwünschte Konkurrenten sah er in ihnen, die in ein Gebiet einbrachen, das er als feine ureigenste Domäne betrachtete. Vielleicht würden die ihm mit irgendwelchen Veröffentlichungen zuvorkontmen, die seinen Entdeckungen die Priorität rauben konnten. Ein Glück, daß sie nicht wußten, was er wußte, daß sie den letzten Grund der neuen magnetischen Erscheinungen nicht kannten--. Die Stimme Hagemanns riß ihn aus den Gedanken. , „Wollen Sie die amerikanischen Herren empfangen, Herr Mtmstertalrat. Ich habe sie in den großen Mittelraum geführt." Dr. Schmidt stand aus und zog sich feinen Rock zurecht. „Es ist gut, Hagemann, ich komme sofort."-- Als Schmidt eintrat, war Captain Andrew dabet, Garrtfon an enter _ Bussole zu zeigen, daß die horizontale Richtkraft der Magnetnadel hier gleich Die Amerikaner waren fo eifrig bei der Sache, daß sie den Eintritt des langen Doktors Überbörten. Ein paar Sekunden beobachtete der ste schweigend, und der Versuch eines Lächelns lief über feine hölzernen Züge. .Wenn ihr wüßtet', ging es ihm durch den Kopf, ,daß kaum zweihundert Meter unter euren Füßen ein paar hunderttausend Tonnen Eisen liegen, dann würdet ihr euch nicht mehr wundern. Gut, daß ihr es nicht wißt. Er machte sich durch ein Räuspern bemerkbar und trat näher. Captain Andrew fuhr auf, als ob er bei etwas Unrechtem ertappt wäre. „Ich sehe, die Herren beschäftigen sich schon mit den magnetischen Verhältnissen der Station", sagte der lange Schmidt und schüttelte den Ajnerr- kanern die Hand. Captain Andrew überwand seine Verlegenheit. „Sie entschuldigen, Herr vr. Schmidt, aber es ist so interessant. Sie sitzen hier in der Tat genau auf dem magnetischen Südpol." „Vorläufig stehen wir noch darauf", sagte der lange Schmidt trocken. „Aber wir wollen uns setzen." Er bat seine Gäste, wieder Platz zu nehmen, und ließ durch Hagemann einige Erfrischungen bringen. Es wäbrte nicht lange, und er war mit Captain Andrew in ein tiefgründiges Gespräch über Polwanderungen im allgemeinen und die ausfällige Wanderung des magnetischen Südpols im besonderen 1 verwickelt. Oester als einmal wurde Hagemann gerufen, um Bücher und HANS DOMINIK • EIN STIERN FIEL VOM HIMMEL COPYRIGHT 1934 BY KOEHLER & AMELANG G. M. B. Hv LEIPZIG „Zum Teufel, Parkett, was füllt Ihnen ein? Was haben Ste da zu spielen? Sie haben mir die ganze Einstellung verrückt." „Captain, ich fehe etwas. Ganz deutlich! Einen Funkturm!' Mit einem Satz war der Captain bei dem Apparat und schaute selbst hindurch. Deutlich war durch das stark vergrößernde Fernrohr des Theodoltten das feine Fachwerk eines Funkmastes zu sehen. Jetzt, nachdem er es durch das Fernrohr erblickt hatte, glaubte er den Mast sogar mit bloßen Augen am Südhorizont erkennen zu können. Mit einem Ruck raffte er feine Papiere zusammen. _ , , „Los Parkett! Alles zufammenpacken, in den Wagen bringen! Sre können den Mast auch sehen. Wir fahren darauf zu." . „ Gespannt kam Garrison Captain Andrew entgegen, als er m den Wagen jurückkehrte. M „Haben Sie die genaue Ortsbestimmung, Captam? Captain Andrew schüttelte den Kopf. „Nicht mehr nötig, Mr. Garrison. Wir haben einen Funkturm entdeckt, noch keine zehn Kilometer von hier entfernt. Sicher eine deutsche Station. Da wollen wir jetzt hinfahren. Vermutlich werden ja Leute dort fein. Die werden uns schon Bescheid sagen können, wo wir uns befinden." — --- Der brave Hagemann hatte an einer freien Stelle von Schmidts Arbeitstisch ein Frühstück aufgebaut, das seiner Kochkunst alle Ehre machte. Aber vergeblich hatte er schon zum dritten Male gemeldet: „Herr Ministerialrat, es ist angerichtet." Der lange Doktor an der anderen Seite des Tisches über sein Manuskript gebeugt, ließ die Feder über das Papier rasen und hörte Unb sah nichts von dem, was um ihn her vorging. Karl Hagemann wußte, wie es kommen würde, wenn er letzt das Zrmmer »erließ. Nach Stunden würde das Frühstück noch unberührt auf fernem Fleck stehen. „ ,,,. ‘ . ,, ■ Der Auftrag Willes kam ihm in den Sinn. ,Zu was schließlich , dachte er bei fich, ,hat der Tischler Nollen unter den Sessel geschraubt?' Nach kurzem lkeberlegen entschloß er fich zu einem Gewaltstreich. Vorfichtig trat er von hinten heran, griff mit der einen Hand die Sessellehne, mit der anderen eine Schulter Schmidts, zog den Sessel mitsamt dem Doktor vom Tisch fort, harrte ihn nach der andern Seite und schob ihn dort vor das Frühstück hm. Sprachlos hatte der lange Schmidt die Gewalttat im ersten Augenblick über sich ergehen lassen, noch ein paar Worte in die Luft geschrieben, als leine Feder das Papier nicht mehr erreichte. Jetzt brach er los. S „Hagemann, Sie unverschämter Kerl! Was fällt Ihnen em? „Befehl von Herrn Dr. Wille. Herr Ministerialrat müssen esfen , sagte Hagemann, während er ihm die Feder fortnahm und dafür Messer und Gabel in die Hand drückte. Dr. Schmidt wollte noch weiter schimpfen, als der Hupenton eines Kraftwagens vom Hose her klang. „Nanu! Sind unsere Herrschaften fchon wieder zurück?", sagte Hage- mann, während er dem Doktor eine Taffe Tee einfchenkte, „entschuldigen I mich Herr Ministerialrat einen Augenblick." Mit Befriedigung fah er noch, wie der lange Doktor, nun einmal gewaltsam von feiner Arbeit fortgeriffen, sich über das Frühstück hermachte, und verließ den Raum. — Ein Raupenwagen stand auf dem Hof, ähnlich den deutschen Fahrzeugen, doch viel größer als diese. Verwundert besah sich Hagemann das Vehikel, als sich an dem eine Tür öffnete. Ein Mann kam heraus und redete ihn in enekscher Sprache an. Hagemann raffte seine englischen Brocken zusammen, und wußte nach wenigen Worten, daß er es mit Captain Andrew, dem Füh er einer amerikanischen Expedition, zu tun habe. „Herr Dr. Wille ist nicht aiiwesend", sagte Hagemann, „Herr Mimsterial- rat Schmidt vertritt ihn im Institut —", er wollte fortfahren, „er wird sich sicher freuen, Sie zu sehen", als eine zweite Person aus dem Wagen st,eg, bei deren Anblick ihm die Rede stockte. Das war ja Mr. Garrison, jener bedenkliche Yankee, der schon einmal in der Station zu Besuch war. Die Herren Wille und Schmidt hatten es nach Möglichkeit vermieden, in Gegenwart Dritter Über die Amerikaner zu sprechen. Aber Karl Hagemann, Hans Dampf in allen Gassen, hatte doch mancherlei aufgeschnappt, was nicht für seine Ohren bestimmt war und sich seinen Vers darauf gemacht. Schnell hatte er feine Selbstbeherrschung wie- dergesunden unb lud bie beiben Amerikaner mit einer verbinblichen Bewegung ein, näher zu treten. „Rehmen Sie Platz, meine Herren. Ich werbe Herrn Ministerialrat sofort benachrichtigen." Broschüren herbelzuholen, aus denen Dr. Schmidt seine Theorie mit einer Unmenge von Zahlenmaterial belegte. Verwundert kam Hagemann diesen Aufträgen nach, kopfschüttelnd suchte er draussen an der Tür etwas von dem Gespräch zu erlauschen. Sollte der Doktor sich etwa von seinem wissenschastlichen Eifer fortreißen lassen und den Amerikanern in der Hitze des Gesechtes mehr verraten, als gut war? Hagemann machte sich schwere Gedanken, denn solchen gelehrten Häusern, wie Dr. Schmidt eins war, traute er alle möglichen Dummheiten zu. Schließlich konnte er es nicht unterlassen, durch das Schlüsselloch zu schauen. Da bemerkte er um die Lippen des langen Schmidt einen gewissen mokanten Zug, den er von früheren Gelegenheiten her kannte. Erleichtert atmete das biedere Faktotum auf. „Und er führt die Yankees doch über den Gänsedreck", murmelte er vor sich hin, während er in seine Küche zurückkehrte. Was Hagemann hier etwas unparlamentarisch ausdrückte, war in der Tat der Fall. Es darf nicht verschwiegen werden, vaß der lange Schmidt sich während der Stunden, die er mit den beiden Amerikanern verbrachte, nicht derjenigen Aufrichtigkeit befleißigte, die man mit Fug und Recht von Wissenschaftlern des gleichen Faches erwartet. Er pumpte Captain Andrew eine erdmagnetische Theorie ein, die von Anfang bis zu Ende eine raffinierte, aber um so glaubwürdigere Täuschung war, weil sie den wirklichen Grund aller Erscheinungen, das Meteoreisen in der Tiefe, verschwieg. Und er führte Garrison, der wieder und immer wieder auf einen Riesenmeteor zurückkam, der hier gefallen sein sollte, in einer Weise irre, daß der Amerikaner an allen seinen bisherigen Theorien und Berechnungen zu zweifeln begann. Wer der Unterhaltung der drei Wissenschaftler mit voller Kenntnis der wirklichen Sachlage gefolgt wäre, hätte sich der Erkenntnis nicht verschließen können, daß der lange Schmidt eine glänzende Begabung für das Pokerspiel besitzen müßte. Er bluffte die neugierigen Gäste in einer meisterhaften Weise, und als sie Abschied nahmen, um weiter zu ziehen, hatten sie keine Ahnung, wie schwer sie geblufft worden waren. „Also sehen Sie nun, Garrison, daß Sie einem Hirngespinst nachgelaufen sind", sagte Captain Andrew, als sie wieder in ihrem Wagen saßen. „Hier, wo nach Ihrer fixen Idee ein Riesenbolibe gefallen sein foll — wir haben ja die genaue Ortsbestimmung von dem Institut bekommen — da ist der magnetische Südpol und sonst weiter gar nichts als eine Ebene, so glatt wie meine Hand — und was haben Sie mir alles von einem Bolidenkrater vorphantasiert, der an dieser Stelle sein müßte." Garrison strich sich über die Stirn. Es dauerte eine Weile, bis er sich zu^ Antwort aufrasste. „Ich muß zugeben, Captain Andrew, daß ich mich geirrt habe, das kann schließlich auch einmal einem Wissenschaftler passieren." „Gut, daß Sie cS endlich selber einsehen, Garrison", sagte Andrew und wandte sich wieder seinen Instrumenten zu.--- An seinem Arbeitstisch sah Dr. Schmidt und schlürfte behaglich seinen Tee. „So", sagte er, als er die Tasse niedersetzte. „Die Gefahr ist abgewendet, die kommen nicht loieder, und das wirkliche Geheimnis des deutschen Goldes werden sie niemals entdecken." Dann griff er nach der Feder, um die letzte Seite feines großen Werkes zu vollenden. Gesang der Geister über den Wassern. Bon I. W. v o n G o c t h e. Des Menschen Seele Gleicht dem Wasser; Bom Himmel kommt es, Zum Himmel steigt es. Und wieder nieder Zur Erde muh es, Ewig wechselnd. Strömt von der hohen Steilen Felswand Der reine Strahl, Dann stäubt er lieblich In Wolkenwellen Zum glatten Fels, Und leicht empfangen. Wallt er verschleiernd. Leisrauschend, Zur liefe nieder. Ragen Klippen Dem Sturz entgegen. Schäumt er unmutig Stufenweise Zum Abgrund. Im flachen Bette Schleicht er das Wiesental hin. Und in dem glatten See Weiden ihr Antlitz Alle Gestirne. Wind ist der Welle Lieblicher Buhler; Wind mischt vom Grund aus Schäumende Wogen. Seele des Menschen, Wie gleichst du dem Wasser! Schicksal des Menschen, Wie gleichst du dem Wind! Taufe mit VertisalbS. Bericht einer Ballonfahrt. Bon Manfred Hausmann. Der Dichter lieft heute in Gießen auf Einladung des Goethe-Bundes aus eigenen Werken. Geben Sie mal Ihr Köfferchen her, sagte der Führer. So, nun klettern Sie bitte mal rein! Biel Platz war nicht in dem Korb. Jeder bekam seine Ecke zugewiesen, der Führer, der Begleiter und ich. Ueber uns schwebte leicht und gleichsam durchsichtig die große Märchenkugel. Das Netz lag wie ein zarter Schatten darüber. Der Ballonmeister nahm einen Sack nach dem anderen vom Korbrand ab. Dann kommandierte er: Achtung! Anlllftenl Die Haltemannschaft gab etwas nach. Festhalten! Achtung! — Anlüften! — Festhalten! Beim dritten Male war der Ballon ausgewogen. Wir bekamen neunzehn Stück Ballast mit. Der Ballonmeister rief: Loslassen! Die Mannschaft trat zurück. In demselben Augenblick riß ein wohlbeleibter Mann, der abseits stand, eine Seine vom Füllansatz ab und zog sie schnell zu sich hin. Der Füllansatz war nun offen, damit das Gas, wenn es sich im Laufe der Fahrt ausdehnte, die Möglichkeit hatte, zu entweichen. Ich konnte vom Korb aus in das dämmerhelle Innere des Ballons sehen. Ganz oben am Nordpol saß das Bentil, seitwärts herab zog sich, sozusagen bis zum Aequator die geklebte Reißleine. Die rote Seine, die von der Spitze der Reißbahn durch den Ballon und den Füllansatz bis in den Korb herunterhing, war die Reißleine, die weiß und rot durchwirkte, die Ventilleine. Uebrigens schwebten wir schon hoch über der Erde, fünfzig Meter vielleicht. Ich hatte es, nach oben starrend, gar nicht gemerkt. Die Haltemannschaft stand aus einem Haufen ein wenig zurück. Unter uns weidete unbekümmert eine Schafherde hin. Wir stiegen und stiegen. So Kinder, sagte der Führer, jetzt wollen wir erst einmal aufräumen! Die Säcke wurden in Trauben nach außen gehängt, und das Gepäck so verstaut, daß es möglichst nicht im Wege war. Ich sah aus den Barographen: dreihundert Meter. Da hinten lag die Stadt Münster mit ihren Kirchtürmen im Rauch. Aber wenn man senkrecht hinabblickte, auf die Waldstücke und Sandstraßen, aus die Gehöfte und den geraden Kanal, bann war da nicht die geringste Trübung. Die Suft nahm sich wie kristallklares Wasser aus. Wir schwammen darin, ohne uns, wie es schien, im mindesten zu bewegen. Es war so still um uns her. Vierhundert Meter. Das war es also! Fliegen, schweben, schwimmen, im Raume schwimmen. Dazu die Bewegungslosigkeit, die Stille, das Seichtsein. So fühlte es sich also an, wenn man im Suftballon flog! Wie tausendmal schöner war es doch als das dröhnende Auf und Ab bei einer Reise im Flugzeug. Ich ballte die Faust vor Glück. Mit einem Male verwandelte sich alles. Die Sandkarte unter uns trübte sich, es dampfte von allen Seiten lautlos heran, unter uns Dampf, ringsherum Dampf. Wir waren in den Wolken. Das Variometer zeigte an, daß wir mit zwei Meter in der Sekunde nach oben drangen Mir kam es vor, als stünde der Ballon regungslos in der Nebeleinsamkeit. Wir würden, meinte ich, noch stundenlang so bleiben. Hören Sie es? fragte der Führer. Was? Er beugte den Kopf über den Korbrand und horchte nach unten. Ich auch. O ja. Wir waren siebenhundert Meter hoch und eingehüllt in dicke Wolken, trotzdem hörten wir unten die Glocken läuten, ganz deutlich, wenn auch ein wenig erstickt vom Nebel. Jetzt rauschte ein Auto, ein Hund bellte, und setzt krähte wahrhaftig ein Hahn. Wie ein Schwimmer, nachdem er eine Weile durch die Tiefe geglitten ist, aus dem Wasser herauskommt und wieder das Sicht um sich her hat, fo tauchte unser Ballon jetzt aus den Wolken heraus. Es wurde heller und heller, mit einem Male hoben wir uns, die wir seit Tagen nur Regen und Feuchtigkeit kannten, in Sonne und slutende Himmelsbläue hinein. Es war das Wunderbarste, was ich je erlebt hatte. Achthundert Meter. Unter uns eine endlose, bis an die Horizonte reichende Wolkenfläche, eine weiße Steppe mit Millionen winziger Schattenbuckeln. In der Ferne waren an verschiedenen Stellen Nebelschleier senkrecht hoch- geweht wie wilde Felsen. Manchmal fuhren wir über ein schwarzes Loch hin. Ich blickte scharf hinunter. Das Schwarze da unten war die (Erbe, dunkel unb sonnenlos. Ich unterschied Waldstücke, eine Sandstraße, einen Kanal. Wir scheinen in der Richtung des Kanals zu fliegen, wie heißt er eigentlich? Das wirb ber Dortmunb-Ems-Kanal fein. Sangfatn schloß sich bas Soch roieber. An einer anderen Stelle öffnete sich em anderes. Jetzt müssen Sie mal hersehen, sagte der Führer unb zeigte an feiner Seite schräg nach unten. Da lag ber Schatten bes Ballons auf ber bufttgen Wolkenfläche, ein grauer Hauch, aber umspielt von einer unsagbar zarten Aureole in ben Farben des Regenbogens, matt wie ein Pastell. UBir zogen unsere Jacken und Pullover aus. Der Führer kletterte in den Ring und hängte alles dort oben aus, auch die Mäntel. Was bte senkrechten Wolken dahinten betrifft, sagte er unterm Arbeiten, diese hochgepusteten Schleier .... Sie fehen sie doch? Natürlich, die da, nicht wahr? Ja, was die betrifft so verkünden sie, daß wir heute allerhand vertikale Luftbewegung antreffen werden. Ach fassen Sie doch bitte mal in meine Rucksacktasche, ob da meine Sonnenbrandkreme drin ist. Ja? Dann ist es gut. Er tarn wieder herunter und rieb sich das Gesicht ein. Hier, nehmen Sie auch! Diese Sonnenstrahlen hält auch die kräftigste Haut nicht aus. — Die Sache ist nämlich die: unter der Wolkendecke steht ziemlich kalte Luft, die feit acht Tagen keinen Sonnenstrahl gekriegt hat, feuchte Luft, schwere Lust. Hier oben ist hingegen die Luft heiß und leicht. Es herrscht also zwischen oben und unten eine Art von Spannung. — Nehmen Sie nur ordentlich. Vor allen Dingen auch den Nacken. Kommen Sie mal her! So! Hier auch! — Und jetzt sind also diese Löcher in die Wolkendecke gerissen. Da drängt die Spannung natürlich mit heftigen Strömungen zum Ausgleich. Die heiße Luft wird von unten her ubgekllhlt und füllt herab, und anderswo findet die Gegenbewegung statt. Immer in vertikaler Richtung. Daher der Name Verti- kalbö. Manche Flieger sprechen von Lustlöchern, was ia Quatsch ist. Möchte noch jemand Salbe haben? Na, bann kann ich sie ja wieder wegpacken. — Das ist ja selbstverständlich Quatsch. Die Lust hat ja keine Löcher. Aber wenn einer von einer Vertilkalbö nach unten gerissen wird, daß ihm Hören und Sehen vergeht, da sieht das weih Gott, nicht viel anders aus, als wenn er tatsächlich in ein Loch fiele. So ist der Name wohl aufgekommen. Eine richtige Vertilkalbö ist jedenfalls die größte Schweinerei, die unfereinem zustoßen kann. Dagegen ist kein Kraut gewachsen ... Wir stiegen noch immer, langsam. Erst als der Höhenmesser fünfzehnhundert Meter anzeigte, blieb die rote Säule des Variometers auf Shitl stehen. Der Ballon war im Gleichgewicht. Die schimmernde Wolkensteppe, wehende Nebelsäulen, ein kleiner, runder Schatten, ein regenbogenfarbener Hauch darum herum, tiefste Einsamkeit, Totenstille. Ich stöhnte leise in mich hinein, fo schön war es. I, den Deubel auch, sagte plötzlich der Führer, er muß ja getauft werden! Wer zum ersten Male im Freiballon die Taufendmeter-Grenze über- schreitet, ist gehalten, sich taufen zu lassen. In diesem Fall ich. So zauberte der Führer denn eine Flasche Sekt aus seinem Rucksack hervor und der Begleiter drei silberne, zufamrnenfchiebbare Kelche. Ich sollte versuchen, den Kork der Sektflasche durch den Füllansatz ins Innere des Ballons zu schießen. Das brächte Glück. Aber als wir den Draht lösten, brach der morsche Kopf des Korkes ab. Ich versuchte den Rest mit einem Korkzieher zu lockern. Bong! Da fuhr das Ding auch schon heraus und irgendwohin. Wir lachten und sllllten den nachguellenden Schaum geschwind in die Kelche. Dann räusperte sich der Begleiter, der ein heimlicher Schöngeist war, und hielt eine anmutige Taufrede. Zum Schluß hoben wir die Kelche gegeneinander und fanden es furchtbar nett. Da fiel der Blick des Führers von ungefähr aufs Variometer: der Ballon sank mit mehr als drei Meter in der Sekunde. Das Aeußerfte, was das Variometer noch anzeigt, find drei Sekundenmeter. Ein paar Schaufeln Sand nützten nichts. Die rote Säule rührte sich nicht von der Drei weg. Der erste Sandfack wurde ausgefrfjüttet. Keine Wirkung. Wir fielen weiter. Die Papierschnitzel, die der Begleiter hinausstreute, trillerten schnell hoch. Der zweite. Sandsack folgte, der dritte, der vierte. Da kroch die Gäule langsam nach oben, und als der fünfte Sack nusgefchütlet war, hob sie sich sogar ein wenig über den Nullpunkt hinaus. Wir fliegen wieder Fünf Sack auf einen Schlag, sagte der Führer, Himmel, verdammt noch einmal! Und der Hund fängt schon wieder an zu fallen! Das Variometer sank auf zwei ... auf drei, da dampften auch schon bie Wolken um uns herum. Bloß aus den Wolken raus, rief ber Führer, sonst werden wir noch schwerer. Jeder einen Sack ausschütten! Los, schnell! Nützt nichts! Noch einmal jeder einen Sack! — So, jetzt hat er sich gefangen. Wir steigen. Wollen Sie bitte den Sack noch zugeben! Erstmal nur halb Na, den Rest auch. Gleich müffen wir aus den Wolken raus fein. Wir steigen mit zwei Sekundenmetern Pfeffern Sie in Gottes Namen noch einen raus! Wieviel haben wir jetzt noch ... fo, da ist bie Sonne toieber ... wieviel haben wir noch? Sechs, sagte ich. Ader was war benn eben los? Mit sechs Sack soll man eigentlich lanben. Warum? Die braucht man, um ben sallenben Ballon über ber Erbe abzu- Sen unb wenn es nötig sein sollte, einen Sprung über irgendein ernis, eine Hochspannleitung, ein Haus, einen Fluß zu machen. Öder wollen wir roeiterfliegen? Zwölfhundert Meter. Wir scheinen wieder im Gleichgewicht zu (ein. Natürlich entschieden wir uns für ben Weiterflug. Ja, und was war eben los? Das will ich Ihnen sagen, antwortete der Führer. Wahrend wir unserer Sektgelage hielten, ist wahrscheinlich ein seiner Hocheirrusschleier vor die Sonne gezogen. Den kann man manchmal mit bloßem Auge überhaupt nicht wahrnehmen, so fein ist er. Aber er genügt doch schon, um die Strahlungsintensität der Sonne zu vermindern. Sofort wird der Ballon schwerer und sinkt. Wäre ich gleich anfangs darauf aufmerksam geworden, dann hätte ich ben Fall mit ein paar Schaufeln zum Stillstand bringen können. Aber wenn der Knabe erst einmal wegsackt, dann ist der Teufel los, besonders in den Wolken. Na, vorläufig haben wir's ja geschafft. Nun können wir es uns wieder gemütlich machen. In diesem Augenblick faßt uns die Vertikalbö. Das Variometer ging mit gleichsam einem Ruck nach unten. Raus, was raus will! rief der Führer. Da schlug der Wolkendampf über uns zusammen. Krauen um Rembrandt.. Von (Ernft von Niebelschütz. Unsere Biographenliteratur hat lange an einer groben Indezenz im Erotischen gelitten. Damit ist die Gefahr verbunden, daß die große geschichtliche Persönlichkeit in einem falschen Lichte gezeigt wird, indem Dinge, die zur Öekonomie des Lebens gehören, aber keine Bedeutung für sich haben, ungebührlich hervortreten. Wer es nicht lassen kann, sich über das Liebesleben Cäsars ober Napoleons mit Einzelheiten zu versorgen, möge es tun, selbst auf die Gefahr hin, zufammen mit dem Autor, der ihm darin gefällig ist, jener Kammerdienergesinnung zu verfallen, für die es keine Helden mehr gibt Anders liegt der Fall bei den Dichtern und ben Künstlern. Hier ist alles Real-Biographische nur Rohstoff, den es innerlich zu »erroanbeln, in eine höhere Sphäre hinaufzuläutern gilt, ber uns also auch nur insofern zu interessieren braucht, als wir fragen, was der Künstler aus ihm gemacht hat. An bas eigentliche Geheimnis, bas ber Umbilbung im Geiste, reichen wir nicht heran. So weit mußten wir ausholen, um uns gegen ben Verbacht zu sichern über das Thema „Die Frau in Rembrandts Leben" mehr auszuplaudern, als was bas Werk freiwillig darüber aussagt. Das ist, materiell gesehen, viel, und da wir in vielen Fällen die Bilder von Frauen, bie Rembrandt geliebt hat, identifizieren können,' scheint es auch leicht zu sein, uns über die Art der Herzensbeziehungen zwischen dem Künstler und seinem weiblichen Modell Rechenschaft abzulegen Allein es scheint doch nur fo, denn daß gerade hier die allerstärksten Umschmelzungen des Tatbestandes ftattgefunoen haben, ist doppelt verständlich bei einem Künstler, in dessen Wesen sich inneres und äußeres Leben keineswegs so decken, wie es uns z. B. Muther in feiner Rembrandt-Biographie glauben machen will. Wir sehen im Gegenteil, daß erst ber Zusammenbruch bes Wohlstanbes unb bie tiefste Weltverlasfenheit das Werk seiner Hände von irdischen Schlacken ganz bereinigt hat, und diese Erkenntnis warnt davor, in seinen Liebesbeziehungen etwas anderes zu sehen als e i n Motiv neben anderen und vielleicht wichtigeren. Daß auf einen sinnlichen Künstler wie Rembrandt das erotische Erlebnis nicht ohne Einfluß geblieben ist, dürfen wir als sicher annehmen. Von großen Störungen und Erschütterungen aber verrät das Werk nichts. In erster Linie hatten ihm die Frauen als willkommene Modelle zu dienen. Als er 1633 Saskia von Uylenburgh, die ein Jahr später seine Frau wird, kennenlernt, ist das erste, was er tut, daß er sie malt: in dem etwas konventionellen Profilbildnis ber Sammlung Jaquemart in Paris, bas nicht eben auf eine starke Herzensteilnahme schließen läßt. Aus bem Verlobungsjahr stammt bie berühmte Berliner Silberstiftzeichnung, aus ber man doch fo etwas wie einen Stolz bee Müllersohnes auf bie „gute Partie" herauslieft. Und nun folgen durch fast ein Jahrzehnt die zahlreichen, einander fo seltsam unähnlichen Bilder Saskias. Er malt sie als die holländische Bürgersfrau, meist aber phon- taftifrf) aufgeputzt, mit Perlenketten unb sonstigem Geschmeide behängt. Auf Schönheit legt er, wie immer, keinen Wert, auch scheint sie nicht eigentlich schön gewesen zu sein. Am bekanntesten ist das burschikose Doppelporträt in Dresden, wo er sich selbst, das volle Stangenglas schwingend, barstellt, bas feine Püppchen auf dem Schloß und die Pfauenpastete auf dem fchlemmerbast gedeckten Tisch. Nach allem, was mir von der Ehe wissen, scheint sie heftig durchjubiliert und d,s Geld nicht gespart worden zu sein, denn die vornehmen Verwandten der Raus mit dem Dreck! Himmel, Herrgott, verdammt noch einmal! Schnell, schnell! Raus! Die rote Säule saß unten in der Erde fest. Ich merkte, daß sich ein weicher Druck auf meine Ohren legte. Sonst nichts. Kein Windzug, kein Gesühl des Sinkens, nichts. Nun war kein Dampf mehr unter uns, sondern die Erde mit ihrer dunklen Buntheit. Sie kam schnell herauf, sie wurde so breit und groß! In meinen Ohren sauste es. Aber ich konnte immer noch nicht begreifen, daß wir fielen. Der Kanal. Ein paar Siedlungshäuser. Weiter links tiine Stadt. Alles raus, daß wir über die Starkstromleitung wegkommen! Wir stürzten schräg auf die Häuser zu. Ich sah die Leitung nicht. In welches Dach werden wir hineinkrachen? Ein Schnitt, das eine Ende des Schleppenseils schlug hinunter. Noch ein Schnitt, zwei Säcke fuhren hinterher. Ich hörte sie unten dumpf aufknallen. Aus den Häusern liefen schreiende Menschen heraus. Wir waren schon drüber weg. Eine Sekunde später tippte ber Korb auf bie Drähte einer elektrischen Leitung, die sofort anfing, wütend zu blitzen und zu funkeln. Schadet nichts, ist nur eine Lichtleitung, sagte der Führer Hat wie ein Sprungtuch gewirkt. Dann rutschten wir ab und stießen am Rande eines Kornfeldes auf die Erde. Das Schleppseil hing hoch über der Leitung und drückte fie hinab. Aber bie Drähte rissen nicht. Nur wenn bas Seil sich bewegte, sprühten sie blaue Funken. Soll ich reißen? fragte ber Begleiter. Noch nicht. Hier gibt’s zuviel Flurschaben. Kappen Sie mal bas Schleppseil. Wir durften noch nicht aus dem Kord herausklettern, weil ber Ballon sonst roicber aufgeftiegen wäre. Aber da langten auch schon die ersten Jungen an, glühend vor Begeisterung. Bitte, Zigaretten weg! sagte der Führer. Das Schlepptau nicht berühren! Passen Sie mal auf, wir müffen den Ballon dort hinten auf die Viehweide schaffen. Wenn Sie den Korb mal ein bißchen anheben wollen. So. Und nun tragen Sie uns mal an dem Kornfeld entlang. Es geht ganz leicht, was? Jo, jo! Auf ber Weibe würbe ber Ballon fo gedreht, daß die Reißbahn bem Winde abgekehrt war Dann ein paar kräftige Rucke an ber Leine: bie Kugel schrumpfte fchnell ein. Wir zogen sie, aus bem Korb steigend, an ben Netzstricken zur Seite, wo sie kläglich in sich zusammenfiel. „Malersfrau" rümpften die Nase und beschuldigen das leichtsinnige Paar, die schöne Erbschaft „mit Prunken und Prangen" vertan zu haben. Von den vier Kindern, die Saskia ihrem Gatten schenkt, bleibt nur der jüngst- geborene Sohn Titus am Leben — derselbe, der später in des Vaters Leben eine Nolle als Vermögensverwalter spielen sollte und ihm auch mehrfach als Modell gedient hat. Zu Rembrandts Zeiten war das Aktstehen noch kein Gewerbe und das'Zeichnen nach dem nackten Körper — zumal dem weiblichen — sogar aus den Akademien noch nicht obligatorisch. Das wurde erst 1664, erstmals in Antwerpen, eingeführt. Das Beschaffen von geeigneten Modellen wird also mit Schwierigkeiten verbunden gewesen sein, und man kann sich vorstellen, wie glücklich Rembrandt gewesen sein muß, in der Gattin ein immer willfähriges Modell gefunden zu haben. So schwer es ist, bei einem Künstler wie Rembrandt, dem alle Wirklichkeit nur Mittel zu einem höheren Zweck war, in jedem Falle Saskia als Modell wieder- zuerksnnen, so dürfen wir doch annehmen, daß die Mehrzahl der nackten Schönen auf den biblischen und mythologischen Bildern der dreißiger Jahre auf sie zurückgeht Als sie 1642 plötzlich stirbt, erleidet er neben dem menschlichen gewiß auch einen hart empfundenen künstlerischen Verlust. Man hat den frühen Tod Saskias als den Anfang von Rembrandts bürgerlichem Ende bezeichnet, und sicher ist, daß er am Beginn einer Lebensperiode steht, in der Rembrandts soziale Stellung in dem gleichen Maße erschüttert wird, in dem sein Genius in steiler Kurve emporstrebt. Verschuldung, Konkurs und Entmündigung heißen die Etappen des einen Weges — Susanna im Bade, Ian Six und die Judenbraut die des anderen. Daß zwischen Ab- und Aufstieg geheimnisvolle Zusammenhänge walten, daran dürfen wir nicht zweifeln. Und darum ist es müßig, zu fragen, ob sich bei längerer Lebensdauer Saskias der Zusammenbruch hätte abwenden lassen. Das Genie vollendet sich nach eigenen Gesetzen, und sinnlos erscheint es uns, einen Todesfall, er mag an sich noch so einschneidend gewesen sein, für eine Entwicklung verantwortlich machen zu wollen, die in den Sternen beschlossen ist. Wieder sehen wir ein junges, blühendes Weib durch Rembrandts Werk gehen. Es ist Hendrickje Stoffels, die erst als Magd in dem verwaisten Haus waltet, bald aber als Partnerin einer Lebensgemeinschaft, die nur des Segens der Kirche entbehrt und darum der Aechtung durch den Puritanismus der Gesellschaft verfällt. Saskia hatte in ihrem Testament die Bestimmung getroffen, daß Rembrandt der Nießbrauch ihres noch immer beträchtlichen Vermögens nur unter der Bedingung zufallen solle, daß er keine neue Ehe schließe. Der in der Vollkraft des Daseins stehende Mann hat sich in seiner Weise damit abgefunden, aber die nun einsetzende Gesetzlosigkeit der Lebensführung mit ihren unausbleiblichen Folgen geht fraglos mit auf dieses harte Testament zurück Allein wer wollte behaupten, daß sich im anderen Falle Rembrandts äußere Lage günstiger gestaltet hätte? Wir bekennen auch hier unser Unvermögen, dem Schicksal in die Karten zu sehen und beschränken uns auf das, was uns das Werk über das Verhältnis zu Hendrickje verrät. Sie wird fein Modell, wie Saskia es war. Wie weit hier menschliche und malerische Leidenschaft Zusammentreffen, bleibe dahingestellt. Er malt sie in allen Situationen, verfänglichen und unverfänglichen, als biblische Figur oder als Porträt, am schönsten in dem Berliner Bildnis von 1658, wo sie sinnend am Fenster lehnt. Auch Hendrickje ging ihm im Tode voran, wie es denn zu seinem Schicksal gehörte, daß alles, was ihm in Liebe verbunden war, vor seinen Augen dahinwelkte. Im Feuerkreis des Genius zu leben, gewährt den Anspruch auf den Kranz der Unsterblichkeit. Aber es ist gefährlich und kann tödlich werden. Die Frauen in Rembrandts Leben haben es erfahren müssen. Oie Wirklichkeit der Oichti-n'. . Von Werner Klaus. ^or fünfzig Jahren wurde in Deutschland die Forderung nach einer neuen Wirklichkeitsdichtung erhoben, die mit allen überkommenen Formen brechen sollte, und von der man als letztes Ziel eine getreue Spiegelung der Alliagswirklichkeit verlangte. Die Gruppe von jungen Schriftstellern, die sich tyeoretlsch und dichterisch um diese Aufgabe mühte, spürte das ^eere und Unverbindliche der damals geltenden Poesie eines Geibel, Heyfe und Scheffel und suchte leidenschaftlich nach einer neuen Ver- otnüung zwischen Dichtung und Leben. Sie vermißte die „Wirklichkeit" nAfail ^bhengen Dichtung: jene graue, unscheinbare, zähflüssige 2Birt> unh nhn»%a9 ro.en s n?k‘n dem sich die Schicksale ahne Heldenpose Ä* , b ®,an» der schonen Worte vollziehen. Besessen von dem blutwarme Realität, die wirkliche, lebende Natur dichterisch av-ni-n 9w' i 98