Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1935 Montag, den 7. Oktober Nummer 78 Liebesroman GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE Von Walther von Holländer Copyright 6y August Scherl S.m.b.tz., Berlin 5. Fortsetzung. Und das ist gleich lange her. Denn nun fährt sie mit Alfreds Auto in die Kirche, fährt aus ihrem bisherigen Leben hinaus, und alles, was sie hatte, muß Zurückbleiben: das stille Zimmer hier, die Frühmorgen mit • den Laubdüften und den Düften von Akazien und Spätlinden (von denen jetzt ein Hauch herüberweht), die Tage in den nickelhellen, glasdurchsichtigen Operationssälen, mit Gerüchen von Karbol und Aether, Chloroform und Tupfern, mit den weißen Aerzten und Wärtern, den gelbweißen Kranken, die mit weit aufgerissenen oder ergebenen Augen an- kommen und, ausgeschnitten, vernäht, mit geschlossenen Augen wachsweih absahren. Und sie muß zurücklassen den Vater, der sich schon nut seinem ganzen Leben den Schatten zuwendet, mit denen er zuweilen nachts redet. („Karla —!" rief er neulich, und Barbara spürt jetzt, daß em freudiges Erschrecken in seiner Stimme war, weil er fühlte, daß er der Mutter schon wieder näher gewandert ist.) Und darum läßt sie auch diesen Rauthammer zurück, einen fremden Herrn in einem unbekannten Hotel, einen Mann, der nach einer eingebildeten, imaginären Barbara lagt. Nach einer Barbara, die nicht ein Hochzeitskleid trägt, sondern Schwesterntracht, die kein Lebensgesicht hat wie diese Barbara, sondern das Gesicht des Gegenprinzips, ein Todesgesicht. Und läßt zuruck ihre Freum bin Sophie, das teerosenfarbene zarte Geschöpf, Sophie, die unerschöpflich ist in ihrer Liebessähigkeit, groß in ihren Gedanken, stark in ihrer Treue und trotzdem niemals einen Mann sinket ... Zuruck ... zurück. Alles ^Unb^opliie in Barbaras Armen, in das unoergeßbare Spiegelbild lächelnd, Sophie denkt: Ich werde dich gegen diesen Rauthammer verteidigen. Ich werde diesem Mann nicht helfen. Kann sein, er ist nicht böse, sondern unglücklich. Wie er eben wieder herrisch m meinem Zimmer saß —i Unglaublich! Ging nicht fort. Verlangte, mit herzugehen. W,e er sich das wohl denkt? Vielleicht ist es aber bod) sehr schon, von lemam bein so geliebt zu werden. Sehr schon. Aber es macht wahrscheinlich nicht glücklich. Und laut: „Ich will dich aber glücklich haben Barbara Endlich kommt der Vater herein und sagt: „Essind jetzt alle ort- aefabren Kommen Sie, Fräulein Wahnke, letzt sind wir dran. Uno du, Barbara, brauchst alle erst in der Kirche zu begruben. Unten J nur noch Brettwitz, die ja zu Hause bleibt ... und A ^reb natürlich ..^ Barbara steht eine Minute allein und hort Alfred d,e. Treppe lang herauffteiaen. Er pfeift: „Nicht mehr zu dir zu gehn, beschloß >cy. Er steht in der Tür. Jetzt im Frack natürlich, mit dem kleinen- My^en- strauß im Knopfloch, den die Brettwitz ihm ebenangeheslet hat^ hätte das vergessen. Er sagt: „Na, guten Abend, Chausseur, und ob die gnädige Frau vielleicht heiraten wollten^ Barbara nickt ernst und sagt: Vielen Dank und ager. S.^ doch Herrn Meimberg — Sie kommen doch von Herrn Meimberg. Ä* Sw." ** “• «”*■ Hemd nicht zerknittert, qt es kolossales 9 (| b roenn eä nicht Menschen auf der Straße, die auf die ivrinat ins Haus, um lachen. Meimberg fetzt seine n bcm Brautstrauß seinen Zylinder zu holen. Die Brettwiß etrnuE, „on La-France- angelaufen (an alles muß man denken), e langstielig sein), und Rosen (gehört sich auch nicht, Brautrosen müssen langMellg^^ h^,, 1° gehn sie zu ihrem Wagen, und die Leute sag Lichterund „Reizend", wie es sem muß. Sie bumm 9 L.' 6ie sprechen s.e>de. Denn sie haben noch 3roetunb5roan3ig nu <5 der, über den Onkel Stallmann, über Sophie, uver einen u m mit dem Spazierstock fuchtelnd, vor dem Auto hin und her tanzt. Sie sprechen darüber, wie weich der Motor schnurrt, wie heiß die Polster sind. Sie sprechen über Monteur Krause II, und so biegen sie in die Joa- chimsthaler Straße ein. Da hören sie die Kirchenglocken läuten. Barbara bekommt ein irr- finniges Herzklopfen. Es schlägt ihr ein wenig Fieber ins Gesicht. Der Wagen schnurrt schon vm die Kirche. Ein Riesenkinoplakat: Mein Himmel, es ist noch dieselbe Divi, die sie damals vor langer Zeit ... die sie wann? ... die sie gestern durch einen Tränenschleier sah. Der Wagen steht. Barbara steigt an Alfreds Hand aus. Eine Menge Menschen stehen Spalier, meist neugierige Frauen, aber auch ein paar Männer und ein Dutzend Kinder. Die Brautleute gehn ziemlich langsam die Stufen hinaus. Da heben alle Kinder die Hände auf und werfen Blumen auf die Braut, Tuberosen. Und Barbara sieht erschreckt auf. Tuberosen? Tuberosen liebte ... da ... steht da nicht der merkwürdige Panamahut ... steht da nicht ein hagerer, langer Mann, auf einen Stock gestützt? Sie wendet sich ein wenig um. Aber der Schleier hindert den Blick wie eine Scheuklappe. Dann geht auch schon der erste Sanbstein- pfeiler an ihrem Gesicht vorüber. Die Kirchenkllhle empfangt sie, die feierliche Dämmerung, das Orgelspiel. Barbara sitzt mit Alfred Meimberg allein ein ganzes Stück vor den anderen Sie sieht die bunten Fenster an, die ein kaltes Ostlicht haben, den großen Christus im langen Gewand, sie sieht den Pastor. Sie hort Gesang, sie hört eine Predigt. Was spricht der Geislliche? Sie weiß es nicht. Sie kann es nicht recht aufnehmen. Sie fleht ihren Mann an, Alfred Meimberg. Er ist ernst und hübsch. Sie sagt leise „Ja , und er sagt sehr laut und kräftig „Ja". Der Trauring geht etwas zu leicht über ihren Finger. Man wird ihn enger machen müssen. Wieder Orgelspiel. Gemeinsamer Gesang: „So nimm denn meine Hände" Es war das Lieblingslied der Mutter. Barbara hat viel in ihrem Leben bei diesem Lied geweint. Heute mag sie es nicht mehr hören. Es ist zuviel. Man kann nicht immerfort gerührt werden. Amen. Amen. Die Trauung ist beendet. Ein paar Gratulanten kommen. Die Kusinen küssen sie, Frau Meimberg küßt sie, Tante Anna küßt, der Onkel Stallmann küßt (aber er sieht dabei ins Kirchenschiff an Barbara vorbei, als meinte er nicht sie), Dr. Kleesand und Dr. Weppen küssen der gnädigen Frau die Hand. Der Bräutigam, der Mann Alfred Meimberg, küßt nicht. Endlich kann man gehn. Draußen scheint die Sonne. Die Kinder, tue Blumen geworfen haben, sind nicht mehr da. Die Tuberosen liegen am Boden, verwelkt, zertreten, austzelaugt von der Asphalthitze. Dw Frauen haben ausgeharrt, und es sind ein paar dazugekommen. „Süß , Jagt em Mädchen und meint Alfred Meimberg, der in den Wagen steigt, zwei Kusinen als Fracht hinten einlädt und seine Braut wieder nach vorne Der Tag geht nun schnell. Das Essen marschiert in den Saal. Die Teller klappern. Die Gläser klingen. Dr. Weppen spricht. Sehr juristisch. Sehr komisch. Der Professor spricht. Ganz schnell ein wenig heiser. Professor Stallmann, der Sinologe, der Bruder der Mutter, spricht, mit trockener Stimme. Er spricht von dem chinesischen Geheimnis der goldenen Blüte, von der Ewigkeit jeden Lebens, das man in sich erlangen Cann und in seinen Kindern. Eine schöne Rede. Aber Barbara fröstelt. Sie denkt: Mandschukuo und das Gegenprinzip des Lebens und daß Rauthammer auf der Jagd nach dem Tode nach ihr jagt. Sie wird unruhig. Sie spürt, daß Rauthammer unterwegs ist, daß er sich dem Haus nähert. Alle Gäste lachen. Onkel Otto Schreiner spricht, der Nadelfabrikant. Er bringt den Damentoast aus und wünscht sich, vast die Damen doch wenigstens teilweise wieder lange Haare fragen möchten, wodurch sich sein Geschäft in Haarnadeln heben wurde, und daß man überhaupt recht bald in eine gemächlichere Zeit zuruckkehren möge Und es spricht ein Vetter von Alfred Meimberg über die neue Zech und daß es noch nie so schön war zu leben wie jetzt. Man solle nur nicht erschrecken weil die neue Zeit andere Formen habe als alle anderen. Reden Reden. Man trinkt. Man ißt. Endlich wird das Eis herem- gebracht. Knochenhart. Wohlgeformt, trotz der Hitze kerne Soß^ wie die Brettwitz gefürchtet hat. Der Käse wandert durch den Saab Der Sech Eine kleine Kapelle ist erschienen. Der Tanz fangt an. Und m diesem Augenblick klingelt also Rauthammer draußen. Er fte&t tn seinem Hellen ginwg an der" Pforte. Er wünscht bas Fraulein Barbara M sprechen „der — ebenso gut — die junge Frau Meimberg oder den Professor. Nest, - er wird sich auf keinen Fall abweisen lassen. Er wird nicht 9<%ner Lobndiener, der geöffnet hat, läßt ihn in die Pforte hinein. Er steht vorn im Garten, regungslos. Er besieht sich prüfend das <äaus ein Haus das sich von den andern, die in lener Zeit m Lidster- Mbe 'erbaut (mb, nicht unterscheibet mit seinen roten Steinen unb bem Balkenwerk bazwischen. Er besieht bie Birke am Eingang, ben Jasmin- buirfi mit ben kleinen grünen Früchten, ben ausgebluhten Flieber mit ben vertrockneten braunen Dolben, Er hört bie Kapelle im Haus, ein verrückt sind wir Schreiner. Aber der alten Dame sagt Tünte Anna. Kleesand lacht. Ein ganz klein wenig alle. „... einem wirklich Wahnsinnigen!" klagt Frau Kleesand hat nicht zugehört. Ihm ist dieser Tanz mit sehr langweilig. „... seit dreißig Jahren nicht mehr getanzt", keucht Onkel Stallmann der teerosenfarbenen Sophie ins Ohr, „... aber es gefällt mir. Wenigstens, so lange Sie mit mir tanzen." Sophie nickt... Einem Wahnsinnigen —! hat sie gehört. Natürlich, das ist Rauthammer. Sie muß gleich mit Frau Schreiner sprechen. — Neuer Tanz. Alfred ist mit seiner Mutter ausgelost. Barbara mit Dr. Weppen. Weppen ist sehr gründlich. Er hat sein ewiges Thema am Wickel: die Eifersucht. Ob Barbara niemals eifersüchtig sein wird? Nein? Famos! Aber wenn nun eines Tages durch irgendeinen unsinnigen Zuvaar lustige Mädchenstimmen hinten lm Garten. Er nimmt den Hut ab, trocknet sich mit dem Taschentuch den Schädel. Es ist wirklich sehr heiß. Er bohrt den Stock in den Sand und stützt sich darauf, fchaut geduldig zu Boden. Endlich hört er Schritte. Eine ältere Same kommt schnell den Steinweg vom Haus aus ihn zu. Sie stellt sich vor ihn Sie sagt: „Ich bin Frau Schreiner, die Tante von Barbara . Sie gibt ihm d,e Hand Sie sagt: „Ich weiß, was Sie hierherführt, Herr Rauthammer. Jawohl. Ich kenne Ihren Namen. Ich weiß auch, daß Sie nichts erreichen können. Es ist doch ein Wahnsinn, am Tage der Hochzeit...! Eine Extravaganz. Abenteuersucht! Ich bitte Sie, gehn Sie! Ja, bitte, ich komme ein Lrtuck- cficn mit „Ich bin gekommen...", versucht Rauthammer. Aber Tante Anna läßt ihn nicht sprechen. „Ich bin verantwortlich für meine Nichte , unterbricht sie. „Ich habe ganz gewiß Verständnis für eine wahre Leidenschaft und Achtung vor einem echten Gefühl. Aber man kann ja schließlich mcht fünf Jahre in der Welt herumsahren und dann verlangen, daß das unae Mädchen bieder und treu gewartet hat, während man selbst wohl nicht ganz so treu wartete. Einerlei, einerlei. Ich mache niemandem Vorwürfe. Man muß nur dann die Folgen auch tragen. Bitte! Sie sind jetzt zu spät gekommen, und das können Sie nicht dadurch gutmachen, daß Sie auf die Hochzeit einbrechen. Die Zeiten des Frauenraubs find Gott fei Dank, leider vorbei." . . Sie lächelt tierbändigerifch-freundlich. Sie reicht ihm die Hand. „Leben Sie wohl! Auf Wiedersehn!" Rauthammer hat wirklich seinen Hut gezogen. Er lächelt zuruck. Er sagt: „Es wird also nötig sein, daß ich Fräulein Barbara zu gelegenerer Zeit wieder aufsuche." ., . , Frau Schreiner schüttelt den Kopf. „Aber ich sagte Ihnen doch: Wir stehen vor vollzogenen Tatsachen. Meine Nichte hat vor zwei Stunden geheiratet, in einer halben Stunde oder spätestens in einer Stunde geht sie mit ihrem Mann auf die Hochzeitsreise..." t , , Das Ziel der Reise steht wohl noch immer nicht fest? fragt Rauthammer. „Nun, ja, man ist im Auto ganz ungebunden. Ich könnte sonst Fräulein Barbara irgendwo unterwegs treffen. Es eilt nämlich, gnädige ^Tante Anna ist jetzt am Ende ihrer Unterhaltungskunst. Deshalb kann Rauthammer weitersprechen, und er tut es, indem er der geborenen von Löpel die Hand auf den Arm legt, indem er schnell, in Galoppsätzen, sagt, was er sagen will. „Ich wollte gestern zu Herrn Professor Schreiner. Bin Patient von ihm. Sie «pissen? Gut. Wollte wissen, wieviel Zeit ich noch habe. Jawohl: wieviel Zeit auf dieser Erde. Aber der Herr Professor konnte mich nicht empfangen. Man versteht das, aber ich bin deshalb gezwungen gewesen, zu einer andern Kapazität zu gehn. Vorläufig. Der Professor muh mir morgen bestätigen, was die Kapazität gefunden hat. War natürlich geheimnisvoll. Wollte nicht mit der Sprache heraus. Denken ja alle, wir zittern vor dem Moment, in dem wir die Welt verlassen müssen. Ich habe es aber so ziemlich 'raus... Ich langweile Sie? Sie sind erregt. Sie haben Angst, man sieht uns hier... Bin sofort fertig. Würden Sie also die Güte haben, Fräulein Barbara zu bestellen, daß ich da war? Und daß ich wahrscheinlich nicht viel Zeit habe? Wahrscheinlich. Denn schließlich habe ich ja auch noch Reserven, gesundheitliche Reserven. Das ist das Geheimnis ... Also darf ich damit rechnen, daß Sie mich Fräulein Barbara empfehlen?" Er verbeugt sich. Er bleibt vor Frau Schreiner stehn. Sie kann jetzt, sie soll jetzt ruhig ins Haus gehn. Er wird nicht mehr den Versuch machen, ins Haus einzudringen. Er wird hier nur ... ja, er wird hier nur ein bißchen stehenbleiben. Ein bißchen spazierengehn. Eine halbe Stunde, eine Stunde höchstens. Keine Angst! Er wird auch nicht schießen! Frau Schreiner ist jetzt wirklich am Ende ihrer Kraft. Mit diesem Menschen wird ja niemand fertig. So etwas von Hartnäckigkeit hat sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gesehn ... oder doch: bei ihrem Otto, wenn es um geschäftliche Dinge ging. Aber daß Männer diese gleiche Zähigkeit bei Liebesüingen ausbringen... Unerhört. Sie steht mit geröteten Wangen, mit fliegendem Herzen hinter der Hecke und lugt vorsichtig hinaus. Das ist kein normaler Mann ... das ist ja ein richtiger Liebhaber ... ein Liebhaber aus vergangener Zeit ... also ein Wahnsinniger. Was wird er jetzt machen? Seht mal an! Er macht gar nichts. Er rührt sich nicht von der Stelle.... Doch ... jetzt geht er ein paar Schritte. Steht wieder. Jetzt zündet er sich eine Zigarette an. Geht. Steht ... Er bewundert die alten Lichterfelder Gärten, diese Parke in Taschenformat. Da ... sie tritt vorsichtig zurück ... da kommt er wieder, marschiert wie ein Wachtposten am Hause vorüber. Hält drüben an der Ecke. Steht. Man kann doch die Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen... Da können sich ja im letzten Augenblick gräßliche Dinge ereignen. Man muß irgend jemanden benachrichtigen ... Sie geht endlich ins Haus. Denn man ruft nach ihr. Der allgemeine Tanz hat begonnen, ein Lotterietanz. Man wird zusammengegeben nach Losen, die in einen Hut geworfen und bann gezogen werden. Hier im Zylinder Meimbergs sitzen die männlichen Lose, dort im Zylinder Stall- manns die weiblichen. Tante Anna ist mit Kleesand gezogen. Bitte, Walzer! Professor Stallmann kommt mit Sophie Wahnke heraus ... Bitte, gleichzeitig los! „ ... soeben einem Wahnsinnigen begegnet ... einem Verrückten", fall Alfred eifersüchtig würde? Wie wird sie sich dazu stellen? Wenn sie doch Eifersucht überhaupt als unwürdig ablehnt? Barbara lächelt. Aber ie antwortet nicht. einem Wahnsinnigen", raunt Tante Anna der Sophie Wahnke zu. "„Ich versichere Ihnen: Der IDlahn hatte ganz irre Augen. Neu, .? Nun, ich habe keine Erfahrung mit Wahnsinnigen. Aber tpir müssen doch etwas unternehmen. Wir können es docl> nicht drauf ankommen lasten. Sie wollen mir das abnehmen? Ach, vielen Dank! Wirklich ... ich bin ür solche Eskapaden zu alt." Sophie Wahnke geht in den Garten hinaus. Sie sieht die dämmrige Straße hinunter. Sie kann diesen Rauthammer nicht entdecken. Drinnen ist Klothilde von Löpel mit dem Internisten Stößler gezogen und Pro- estor Schreiner mit seiner Hausdame, Fräulein von Brettwitz. Die Brettwitz legt sich mit aller Kraft ihrer unverbrauchten Gefühle in diesen Walzer hinein. Hier taut endlich nach gelungenem Diner doch wieder die jahrelang eingefrorene Hoffnung auf. Wenn das Los sie mit dem Professor im Walzer zusammengibt, sollte da das Schicksalslos sie nicht vielleicht noch ein wenig enger zusammengeben? Sollte man nicht doch, da man die Einsamkeit des Alters teilen wird, auch die Namen aneinander angleichen? Tante Anna Schreiner hat indes sich den Sinologen Stallmann, den Bruder der verstorbenen Schwägerin, geangelt. Er muß mit ihr ein Stück im Garten auf und ab gehn. Er muß mit ihr ein wenig Luft auf der Straße schöpfen ... Da steht schon das Auto ... bitte ... ein schöner Wagen, nicht wahr? Stallmann schüttelt den Kops. Er versteht nichts von Autos, und die ganze Schnelligkeitsfexerei des Jahrhunderts findet er lächerlich. Als ob sich die Menschen dadurch nähergekommen waren! Im Gegenteil, im Gegenteil!! Und jetzt will er wieder hineingehn. Da ist dieses Fräulein Wahnke ... das interessiert ihn viel mehr als-- „Steht da nicht ein Mann?" flüstert Frau Schreiner aufgeregt und legt ihre Hand auf den Arm des Sinologen. „Ein Mann im Panama- Hut... Wie? Sehn Sie ....?" Stallmann winkt ärgerlich ab. Erstens ist er ziemlich kurzsichtig, und zweitens kann es wirklich fein, daß da ein Mann fteht und warum nicht im Panamahut... Man soll ihn in Ruhe taffen. Er macht kurz kehrt und geht wieder ins Haus. Tante Anna aber folgt ihm kopfschüttelnd. Was soll sie noch tun? Was kann sie noch tun? Alfred war- nen? Barbara warnen? Nein ... die Kinder sind gerade fo glücklich ... Sie beschließt also, den Dingen ihren Sauf zu lassen. Es ist neun Uhr geworden. Das Abendrot blaßt schon ab. Im Garten leuchten Lampions auf. Die Stimmen der Hochzeitsgäste klingen weit hinaus auf die Straße, fo still ist die Luft, [o dicht, fo warm. Der Lohndiener trägt jetzt die Koffer ins Meimbergfche Auto. Einen Lacklederkoffer schnallt er hinten auf. Die Brettwitz kommt mit einem Paket Kuchen und -einem Riefenstrauß roter Rosen. Oben in Barbaras Zimmer sitzt Sophie Wahnke auf dem Diwan und sieht zu, wie sich die Braut wieder in das Wildwestmädchen vom Standesamt zurückverwandelt. Barbara ist sehr müde. Sie hat auch ein wenig Kopfweh. Es waren zuviel Blumen, zuviel Wein, zuviel Tabakrauch. Sie beginnt drei Sätze nacheinander und kriegt keinen zu Ende. Wie gut, daß sie gleich im Auto weder denken noch sprechen muß! Schließlich ist sie fertig umgezogen. Sie fetzt sich neben die Freundin, küßt sie zum Abschied und sagt: „Ich wünsche dir auch bald eine solche Reise, Sophie. Es ist wunderschön, aus allem, was man hatte, wegzugehen. Als ob das vorher alles eine Last gewesen sei. Zu merkwürdig!" Sophie ant« wartet: „Ich habe heute so viel getrunken. Darum sage ich mal gradweg, was ich denke: Ich habe mich heute zweimal verliebt. Beide Male natürlich fruchtlos. Einmal in deinen Onkel mit dem Stehkragen. Der ist ... na, du kennst ihn ja bester ... aber er ist dir wirklich ein wenig ähnlich. Du in alt und steif und sonderbar. Aber doch du. Ich könnte ihm sehr gut fein ... Ja, und einmal in deinen Rauthammer. Ja, er war schon wieder bei mir... Und jetzt — Tante Anna hat es mir erzählt — jetzt steht er wohl unten und wartet. Worauf? Ich weiß es nicht. Er kam vorhin, um dich zu besuchen. Ich finde das großartig. Nicht? ..." Barbara ist aufgestanden. „Ich finde das gar nicht großartig", sagt sie, „ich finde es dumm und gefährlich. Ich ..." Sophie aber hört sie nicht zu Ende an. Sie lacht, sie umarmt Barbara und küßt sie immer wieder: „Du bist zu beneiden. Ganz einfach. Mehr kann man nicht sagen. Einfach zu beneiden. Sei doch froh, daß dich die Man- ner lieben! Aber wenn du dir gar nicht Helsen kannst ... dcmn^ telegraphiere. Ich komme bann ... ich habe ja bald Ferien ... ich ..." Sie hört erschreckt zu sprechen auf. Denn in der Tür steht Alfred Meimberg. Er hat das Letzte noch gehört: „Wenn du dir gar nicht helfen kannst... Warum sollte Barbara sich nicht Helsen können? Wer soll sie in Gefahr bringen? Barbara dreht sich langsam um. Sie sieht ihn an wie einen Fremden. Sie geht auf ihn zu als erkennte sie ihn erst jetzt. Sie sagt «nie aus einem Traum heraus: „Da bist du ja ... Alfred ... na, Gott fei Dank. Dann komm schnell ..." Sie geht aus dem Zimmer, ohne sich noch einmal nach Sophie umzu- sehen, die mit dem Brautkranz und dem Schleier allein im Zimmer zuruck- bleibt, seufzt, ans Fenster geht, hinaussieht. Sterne sind aufgezogen. Drüben im Westen glänzt es grün, hellblau, orange. Draußen gehn Schritte vorüher, Stimmen. Sie beugt sich weit hinaus. Ihr Herz klopft wie ein Hammer. Man kann nichts mehr sehn. Sie läuft die Hintertreppe hinunter, kommt zum Keller heraus, hujcht in die Dunkelheit des Gebüsches. Sie seht nun Alfred und Barbara kommen, mH dem Professor. Im Hintergrund bleibt Tante Anna stehn und ringt buchstäblich die Hände. Alfred und Barbara haben helleinene Kappen übergezogen. Sie tragen d«e gleichen hclleinenen Fahrmäntel. Sie sehn wie Geschwister aus. „Lebt wohl!" sagt der Professor. „Gute Fahrt und auf Wiedersehn in vier Wochen!" Er gibt beiden die Hand und kehrt um. (Fortsetzung folgt.) Das ist Der Herbst. Von Knut Hamsun. Das ist der Herbst, der Tod rückt vor, Das Ende mag kommen aus leisen Sohlen, Gegebenes Leben zurückzuholen — Alles stimmt ein in der Vergänglichkeit Chor. Der Mensch aber lebt jo lange. Frucht füllt die Scheunen und Korn das Haus, Die Ernte sammelt, kein Wesen wehrt sich — Geschaffenes fällt wie Laub und verzehrt sich Und sinkt zurück in des Todes Braus. Nur der Mensch, ach, lebt so lange. Deutsche Landschastsdichtung. Von Dr. Johannes Günther. Läßt sich die malerische Landschaft mit Worten schildern? Wer in Lessings Kunstgesetzen geschult ist, bestreitet es heftig. Die Landschaft — so begründet er — bietet ihre Formen und Farben aus einmal dar. Was aber tut der Künstler des Wortes oder vielmehr: was mutz er tun im Zwange seiner Kunstgattung? Er zählt die Formen und Farben auf. Was in der wirklichen Landschaft beieinander ist und zueinander gehört, das kann der Beschreibende nur nacheinander vermitteln. Er zerreißt also, was zusammen war, kann den Leser nicht mit diesem Stückwerk packen, der Leser wird unruhig und unlustig werden, er wird sich gelangweilt fühlen. Es gibt zwei Möglichkeiten, diese Schwierigkeit zu umgehen: Der Künstler des Worts erweckt durch ganz kurze Hinweise im Leser die Vorstellung der Landschaft, in der die Vorgänge sich abspielen, oder er weckt in ihm die Stimmung, die die betressende Landschaft im Betrachten auslöst. Die zweite Möglichkeit ist die, datz der Dichter die Teile der Landschaft mit den Personen seiner Erzählung in engste Beziehung bringt. Er läßt seine Personen die Landschaft, die Landschaftsteile erleben — und aus diese Weise erlebt der Leser sie mit. Immerhin tut sich hierbei eine neue Schwierigkeit aus: auf diese Weise erfordert die Vermittlung des Landschaftsbildes noch längere Zeit als bei der sozusagen sachlichen Beschreibung. Es dauert also noch länger, bis der Leser alle „Teile in seiner Hand" hat. Autzerdem: verfügt er über genug Erinnerungskraft, um am Ende, alle Teile aus innerer Anschauung zu einem Gesamtbilde zu vereine "°Äan"nenn" Stifter wohl einen Spätromantiker. Aber wir führen hier eine Stelle aus seiner Erzählung »Der Hochwald um so lieber an weil seine Art Natur zu empfinden und dichterisch zu vermitteln, schon Brücke schlägt zu einem Wirklichkeitsfinn, dem rair Heutigen zugetan sind. Stifters Ausdrucksart läßt noch alle Möglichkeiten offen zur Eefühlstiefe. „Die Nachmittagssonne war schon Ziemlich tief zurRüste gegangen und spann schon manchen roten Faden zwischen den dunklen ^anne^nzweigen herein, von Ast zu Ast 'prmg-ndzitterndun spmnend durch die vielzweiqigen Augen der Himbeer- und Brombeergestrauch daneben zog ein Hänfling sein Lied wie ein anderes dünnes Goldfadchen von Zwe?g?iu Zweig entfernte Bergbäupter sonnten sich ruhig, die vielen Morgenstimmendek' Waldes wäre?, verstummt denn die-meisten de Vögel arbeiteten oder suchten schweigend in den Zweigen herum Manche Waldlichtung nahm sie auf und gewahrte Blicke auf die rechts und links sich dehnenden Waldrücken und ihre Taler — alles lichem Nachmittaqsdufte schwimmend, getaucht in jenen sanftb au Waldhauch, den Verkünder heiterer Tage, daraus manche -unge Buchenstände oder die Waldwiesen mit dem sanften Sonnengrun der rzerne- vorleuchteten. So weit das Auge ging, sah es kein ander Bild als denfAbe Ob man nicht doch die von Lessing obgelehnte Landschastsschilderu^g wagen sollte — mit der tatächlichen Beschreibung? Ob nicht eine poetische Kraft, wenn sie nur da wäre, den Leser nicht doch fesselte und ihm zur inneren Anschauung des Bildes verhülfe? Wir stellen.ein paar Beispiele zusammen aus einer Zeit, da Die Menschen sich noch Muße gönnen konnten und in den Grenzen einer vornehmen Erziehung des Ausdrucks ihre Gefühlskraft erprobten Es sind Landschaftsschilderungen, die gewiß auch die Mittel des im Einzeinen betonten Landschaftserlebnisses nicht autzerachtlassen, aber uns doch auch vor allem in den Eigenwert der Landschaftserscheinungen hinein- ziehen und Richtung geben für den dichterisch sprachlichen Ausdruck der Landschaftsformen, der Landschaftsfarben und der Landschastsstimmung — Ausdrücke, die der Dichter sogar von sich aus wagen könnte, zu denen er sich als Schilderer bekennen könnte, ohne sie auch einer seiner Personen in den Mund zu legen. „ . . Jean Paul teilt im 43. Zyklus seines Romans „Titan folgende Auszeichnung mit: „Nach fünf Uhr schon ging ich in den Garten hinunter und fuhr über den Glanz zusammen, der im Taue und zwischen den Blättern brannte — die Sonne sah erst unter den Triumphtoren herein — alle Seen sprühten in einem breiten Feuer — em glanzender Dampf umfloß wie ein Heiligenschein den Erdenrand, den der Himmel berührte - und ein hohes Wehen und Singen strömte durch die Morgenpracht. Und in diese aufgeschlossene Welt kam ich genesen zuruck und so froh: ich wollte immer rufen: ich habe dich wieder, du helle Sonne, und auch, ihr lieblichen Blumen- und ihr stolzen Berge, ihr habt euch nicht verändert, und ihr grünet wieder wie ich, 'he duftenden Laume^ In einer unendlichen Seligkeit schwebte ich wie verklart, schwach, aber leicht und frei, ich hatte die drückende Hülle — so war es mir — unter die Erde gelegt und nur das pochende Herz behalten Novalis gibt sich gewiß gern der Weite der Landschaft hin, aber auch mit einer tiefen Liebe zum Nahen und Kleinen sprich er für dw Pflanzen, ja er ist buchstäblich der Fürsprecher ihrer Gcheimnisse. Um dieser Geheimnisse willen — wenn man ihnen nur zu Worten verhilft -kann eine Schilderung ihrer Welt ja niemals „trocken und „langSchmelz der Forste, über Hügel und Täler gebreitet, hinausgehend 6hf zur feinsten Linie des Gesichtskreises, der draußen am Himmel lag, glänzend und blauend, wie seine Schwester, die Wolke." Wer in Eckermanns „Gesprächen mit Goethe" die Stellen über Landschastsmalerei gelesen hat und weiß, wie da, bei aller Achtsamkeit auf künstlerische Einzelmittel, der einende, herrschende Geist stets zur Geltung kommt, wer sich gewisser Sätze erinnert, etwa dieser: „immer war das Bild durch und durch eins" oder „es ist in der Kunst und Poesie die Persönlichkeit alles", bet wird einen Teil in Goethes „Novelle" als einen bemerkenswerten Uebergang auffasien von der Landschafts- Malerei zur reinen Landschaftsdichtung. Goethe läßt hier jemanden Landschaftsbilder erklären. Das Tun des Malers, der in das Kunstwerk sich vertiesende Betrachter und die Bäume und Pflanzen, die ins Bild ausgenommen sind — alle sind in spannender Bewegung: „... es ist ein Wald, der diesen uralten Gipfel umgibt; seit hundertundfünszig Jahren hat keine Axt hier geklungen, und überall sind die mächtigen Stämme emporgewachsen. Wo ihr euch an den Mauern andrängt, stellt sich der glatte Ahorn, die rauhe Eiche, die schlanke Fichte mit Schaft und Wurzeln entgegen, um diese müssen wir uns herumschlängeln und unsere Fußpsade verständig führen. Seht nur, wie trefflich unser Meister dies Charakteristische auf dem Papier ausgedrückt hat, wie kenntlich die verschiedenen Stamm- und Wurzelarten zwischen das Mauerwerk verflochten und die mächtigen Aeste durch die Lücken durchgeschlungen sind. Es ist eine Wildnis wie keine, wo die alten Spuren längst verschwundener Menschenkraft mit der ewig lebenden und fortwirkenden Natur sich in dem ernstesten Streit erblicken lassen." Oer 3epp2lin