Neu. a6e? C mb b(|,(. r."[5 W nchttM ° WW « Hf,'n Jen. billig (J 'Si l*en bit ti noch imj" SiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1935 Freitag, den 7. Juni Nummer d ff#f; ) gelNj i ibungffl/; I iftü äe, «gtfpw- 'ufern «$, 'rafenbji iofeii । les 8» Pfingsten. Von Maria Kahle. Wie die Drosseln in den dunklen Tannen rufen! Aller Frühling will so hold mich locken, Sehnend schwillt es durch die Abendtäler, Alles Blut will mir im Herzen stocken. Herz, du solltest wie der Weißdorn quellen, Blütenüberschwellend selig prangen, Herz, du solltest wie der Ginster leuchten, Von der Sonnenschönheit goldumhangen! Herz, du solltest wie die hellen Wiesen Weit dich auftun vor dem Licht und Wehen, Herz, du solltest wie die schlanke Birke Demutinnig unter Schauern stehen! Wie die Drosseln in den dunklen Tannen rufen! Wie von Wald zu Wald die Stimmen schwingen! Laß mich blühen, Weißdorn, goldner Ginster, Laß mein Herz im Blütenrausch zerspringen! ludjafc;« 'n dch fit i ila|M der M las M rind Mr i wiflii itlÄ e(te ttittjlgl SleihM, djteinniT| Strati »i e WWW stift tir * Qegtiilri [djafilidttt i. । sie W! mental - < D ausbrüB i herrfchaf. i r Ie»d: l Die weiße Taube. Erzählung von Johan Luzian. Und als der Tag der Pfingsten erfüllet war, waren sie alle einmütig beieinander. 2lpg. 2,1- mg gerat. jjeefflf3 Uebereiifn ier nicht r h die V hüt, dir ' es auai ' ich». »i® 'M* ■ Wch irengrrf Die V: t: die 5"; irifW* ra# Jft! jerjihti sch d«i ® ueniji üele'.^ grüezi ein« j «»Zi an" "litt s& uroat' L ( ’P Drei junge Männer, die gemeinsam studiert hatten, wenn auch jeder stich eine andere Wissenschaft erwählte, der eine die Medizin, der andere Die Staatswissenschaften und der dritte die Philologie, waren durch das Leben über ein Jahrzehnt lang auseinander gekommen. Aber trotz aller räumlichen und zeitlichen Entfernung verband sie immer noch me Freimd- ffchaft der Jugend, und wenn sie von reinen und schönen und harmonischen feiten ihres Lebens mit den ersten Seufzern des Aelterwerdens sprachen, 'io meinten sie alle drei jene Jahre. Zu Pfingsten war nun eine große Tagung des Bundes der das 'Deutschtum im Ausland betreut und vereinigt, in Mainz angesagt. Karl, Äer Wirtschaftler, mußte gerade um diese Zeit von Südamerika, wo er Deutsche Firmen und Erfindungen vertrat, zurückkehren, um über neue Aniernehmungen zu verhandeln, und benützte diese Gelegenyeit zu Rheinreife und zum Besuche von Mainz. August, der Ph'wloge, war als Lehrer in Königsberg ansässig, kam aber nun auch nach MEZ, well er 'in der Bewegung des Bundes führend tätig w°r und d,e festliche Gemem- ifchaft für seine Stadt miterleben sollte, um spater darüber i>u ber chsten lUnb Wilhelm, der Arzt, war in Bingen ansässig und also gar nicht well «entfernt von dem Treffpunkt der beiden Freunde, die nun nach so langer tZeit wieder zusammengeführt wurden. . Am Nachmittag des Pfingstsonntags fuhren mehrere Rhe,ndampfer $ie vielen Zusammengeströmten an den Nebenhangen Hrfiten idahin, die ihr erstes Grün erhalten hatten und überstrahlt von den lichten Laubwolken der Taunuswälder und urn?la"^ von ittc 3 nfinaft* »raunen Landes, der weißen Dörfer, der blühenden Stabtn^den pfmgst »'chen Wundern prangten. In Bingen fliegen bie brei 3«unbe fiepten sich unter die Kastanienkerzen eines schädigen Uf g ^ein tbrm Arzte zu eigen roar; die junge Frau brachte den g ben' »«grüßte herzlich die beiden Freunde aus der Ferne, die h ^^^n «Erzählungen ihres Mannes längst vertraut waren u 9 ■' rjc=en •einer freundlichen Entschuldigung roieber fort, weil ihr ®ieber= «n biefem lärmfrohen Tag, in Wirklichkeit aber nu , qeliören lehensstunbe ber Drei, bie ihnen ohne Zeutzenschaft eine 9 ’ Zellte, nichts zu rauben, bas ihr nicht gehörte benn das L den mit ihrem Mcmne hatte erst dort begonnen, wo das Leden nut fernen tfreunoen in" "'M ff faf,en °uf bie fingenben Schiffe, bie D°r“^^ 1 ^fröhliche, wimpelbunte, menfchenwogenbe Rheun PI glänzende Regler, Kajak/ Sie summten bie Melobie m.t unb hatten glanz mi ^gen, unb sie hoben bie Gläser immer von neuem und erjäf)(ten> Silber aas sie auch sprachen, was sie auch> von Y unb Abseitiges, *5 glitt alles an ihnen dahin, es war noch etwas F laae, bie sie wnb wichtig waren ihnen nur bie alten b (äf*ern9 hervorzuschälen mun hinter Fältchen unb Bärtchen und Augenglasern ge suchten, und bie sie boch nicht mehr fanden. So entstanden denn immer längere Pausen in ihren Gesprächen, bis sie schließlich eine Weile allesamt schwiegen unb nur bem Duft unb ber Melobie unb bem Glanz bes Pfingsttages sich Hingaben, lauschenb, fühlenb, schauenb. Karl, ber Sübamerikafahrer, war hager, braun verbrannt, bartlos; ein Gesicht, bas nüchtern unb streng erschien, es war gewohnt, die Wirklichkeit zu schauen unb mit ihren Tücken unb Härten zu rechnen. August, ber Lehrer aus Ostpreußen, war buntel von Haar unb Augen, eine Kämpfernatur, voll Unruhe unb Tatenbrang, immer auf bem Sprunge zu lehren, zu überzeugen ober enblos zu streiten. Wilhelm, ber Arzt unb Hausherr aber war bärtig, rotblond, lächelnd und gutmütig behäbig, ein Lebensgenießer, weil er oft mit bem Tode um bie Wette fahren mußte nach ben Dörfern unb Weinbauernhöfen im Tale, unb ber barum einen guten Tropfen nicht weniger liebte als eine gute einträchtige Stunbe bes Plauderns unb roärmSnben Lachens. Ihn verbroß daher bas Schweigen, unb er schlug feinen Freunden mit ber Linken unb Rechten auf bie Schultern, zog sie liebevoll berb an sich unb rief, nach feinem Glase mieber greifeftb: „Prosit, Kinber! Ach, ist bas schön! Ist bas schön, bah ihr hier selb, bei mir, in meinem Garten, an meinem Strom!" Die andern beiden stießen mit ihm an und tranken aus, aber als August bas Glas hinfetzte, sagte er, währenb Wilhelm schon roieber nach ber Flasche griff: „Alter Freunb, b e i n Strom ist bas nun ja nicht ..." „Ach, Pebant, laß boch bie Golbroaage stehen!" rief Wilhelm lächelnd. Augult aber fuhr fort: „Der Rhein, bie Weser, die (Elbe, bie Ober, die Weichsel unb Saar unb Memel unb Donau unb Ems, bas Gebirge unb bas grüne Lanb, ber Himmel darüber und sogar die Sterne, bas ist doch jetzt alles eins geworden, nicht wahr? Und, Wilhelm, Barbar, .mein Rhein' sagst du? ... Wenn ich auch hier bei dir zu Gast bin, unb wenn du auch sagen kannst, mein Tisch, mein Haus, mein Wein — .mein Rhein' kannst du doch nicht sagen. Rein, Wilhelm! Einen Freund haben irgendwo auf der weiten Welt, das ist schön, Wilhelm, dich hier zu haben, ist schön, glaub’s mir, alter Freund, Prost!" Er stieß fein (Blas an das des Arztes. „Aber fei mir nicht böse, Wilhelm, alter Kerl, schöner ist, ja tausendmal herrlicher ist: auch ohne Freund, auch ohne einen Menschen mit Namen zu kennen, von der Memel unb vom Haff unb von ber Nehrung, von Stallupönen ober Insterburg hierherkommen zu können, hier an .deinen' Rhein, du Himmelhund, Wilhelm! Und sagen zu dürfen: Unser Land! Unsere Heimat! Hier wie dort! Ich, Augult WUkuweit, aus Stallupönen gebürtig, ich komme hierher, ich fahre eine Nacht, zwei Nächte lang durch Ebenen, durch Felder, durch Wald, über viele Ströme hinweg, und es scheint mir wie dem ollen Griechen: irgendwo muß doch die Welt zu Ende fein nach so langer Fahrt, irgendwo muß ich doch in einen Abgrund fallen, aber nein, Kinder, Kinder! Nach der endlosen Fahrt ist immer noch Deutschland da, und ich darf durch die Tore von Mainz gehn, als wenn ich da zu Hause wäre, und es grüßen mich die Menschen, mich, den August WUkuweit aus Ostpreußen, so als wäre ich ihr Nachbar, und sie tun mir die Türen auf, nehmen mich bei sich zu (Saft, füttern mich, ertränken mich im Rheinwein aus ihrem Keller und sagen, als ich überwältigt danken will, sagen nur mit ein bißchen anderem Klgng in ber Sprache: Aber wir gehörn boch all zusamm! ... Kinber, Kinber, so groß, so riesengroß, unb so voll Unterschiebe ist bas Lanb von ber Memel bis -um Rhein unb boch alles eins, alles eins, alles unser, Wilhelm, unser, nicht mein, nicht bein, nein unser. Wilhelm, Karl, kommt einmal zu mir nach Ostpreußen, auf unsere Insel, ja, bann versteht ihr es vielleicht ..." Er schwieg unb wischte sich mit bem Tuche über bie gerötete Stirn. Jung reden kannst bu", sagte Wilhelm, „reben kannst bu, ganz wie damals .!. Prosit, August, er soll leben: unser Rhein! Prosit, Karl, oller Globetrotter, was sagst denn du dazu, du Buschräuber, bu Jnbianer- ^“/Brofit sage ich erst einmgl!" Unb sie tranken ihre Gläser leer, unb Wilhelm schenkte hastig unb freubig wieder ein. So war es richtig, Eintracht und Freude und Wein! August, bu hast uns eben erzählt, wie groß Deutschlanb ist, unb welch ein Wunber baß sich bie Leute in biefem großen ßanbe alle kennen unb brüberlich zueinanber finb", tagte Karl unb schnitt sich eine neue Zigarre ab ließ sich Feuer geben unb paffte bie ersten Wolken genußreich in tue Sanne. Die beiben anberen Freunbe rogrteten inbes auf bie Fortführung des Gebankens, ber Karl bewegen mußte, benn bie Umstänblichkeit mit ber Zigarre, bie kannten sie von früher unb freuten sich, sie als einen alten irrig an bem Bilde roieberjufinben. „Na, unb? Schieß los. Was willst bu benn sagen?" brängte August enblid). fagen, baß Deutschlanb ganz klein ist. ja, fo’ klein wie eine'iräube ober ein Herz. Ich bin kein Dichter wie du. aber ich habe es boch einmal so gesehen, wie ich bir sage: eine Taube kam zu mir geflogen Ich lag im Fieber in einer elenden Hütte am Parana, im Ürroalb Affen schrien, Moskitos summten, Papageien lärmten, bie Luft war wie Wasserdampf, so heiß und so feucht. Und ich dachte, nun gehst du hier zugrunde und wirst verscharrt und vergessen, aus und vorbei. Zu Gott beten hast du verlernt, Frau und Kinder hast du nicht, keine weint dir eine Träne nach, und die Angelegenheit, die ich bisher Leben genannt hatte, schien mir reichlich sinnlos. Wofür? Wofür? fragte ich mich. Du, und da habe ich in meiner Schwäche und Verlassenheit geweint. Das ist mir lange nicht passiert, ich bin ja kein altes Weib. Aber es war geradeso, als lösten die Tränen etwas Schmerzendes in meinem Schädel und hier in der. Brust, ich lag lange ohne mich zu rühren da. Und in den Fiebergesichtern, die ich hatte, sah ich auch die Landkarte von Deutschland vor mir, ein ganz kleines Fleckchen auf der grohen Weltkarte, nicht größer als Paraguay oder Ecuador. Aber welch ein Landl Davon versteht ihr nichts, ihr seid nie über den Ozean gekommen. Das begreift ihr wohl kaum, wie sich das Land hier von jenseits des Atlantik ansieht. Ein bißchen verdreht war die Karte nun allerdings, aber ich hatte ja auch Fieber. Die Flüsse und Ströme, die du vorhin alle aufgezählt hast, August, die flössen nicht gerade schön nebeneinander, die kamen alle aus einer Quelle, Jungs, aus einem gewaltigen Herzen in der Mitte des Landes, und sie flössen nach Norden, nach Süden, nach Osten, nach Westen, strömten ringsum in die Meere, das Herz in der Mitte des Landes pumpte die Ströme ewig durch die grünen und braunen und weißen Felder, Ebenen, Gebirge, Städte, Dörfer, es wurde niemals müde unb- leer. Und die ganze Welt nahm den Ueberfluß dieses Herzens auf, die ganze Erde. Und auch ich war von diesem Herzen fort auf einem der Ströme gefahren und lag nun da todkrank im Urwald von Argentinien am Parana. Ja, was soll denn das? fragte ich mich. Was ist denn der Sinn der Jahre, die ich hier unter den Riesenbäumen und in den Riesensteppen begraben lag? Ich könnte doch daheim sitzen, in der Nähe des alten Herzens, so wie ihr, Jungs! Ich könnte doch Syndikus sein oder Direktor oder sonst was hier im Vaterland. Und ich quälte und quälte mich in meinem Fieber mit dieser Frage ab, und ich schrie und lärmte, daß mein Boy auch zu schreien anfing über den Kummer des weißen Herrn. Aber das war ja alles Unsinn, war Blech, so was zu fragen, das weiß ich auch. Weißt du, warum du deinen oftpreuhifchen Hirtenjungs den Hintern versohlst, weißt du, warum du hier im Tal versoffene Winzer- nieren zu kurieren versuchst? Nein, warum, weshalb, das weiß keiner wohl. Aber doch muß wohl jeder in all dem Unsinn eine Art Gesetz erfüllen, das ihm auferlegt ist. Und, Jungs, damit ich zu Ende komme: Ich sah die Landkarte, die Deutschland hieß, die gerade in tiefem Winter liegen mußte, voll Schnee, voll Eis, zusammenschrumpfen, ihre Gestalt verändern, aus Schleswig-Holstein wurde ein Hals und ein Kopf, aus dem Westen wurde eine Brust, aus Schlesien und Ostpreußen wurden Schwingen, und Deutschland war eine weiße Taube und erhob sich in die Lust und flog und flog, weiß und silberglänzend Uber das Meer und umkreiste mich zähneklappernden, stöhnenden Fieberkranken in der Schilfhütte ganz ruhig und schön, umkreiste mich immerzu, ja, da war sie, da blinkte ihr Hals, ihr Federnkleid, ihr Kopf, und ich wurde müde vom Schauen, müde, gut und wunderbar müde und still. Denn die Taube saß nun über mir auf dem Schilfdach, und wißt ihr, was sie mir sagte? Ihr glaubt es ja nicht, und es ist ja auch alles nur Unsinn, alles nur Fieber und Krankheit gewesen, was ich da hörte: ,Sei tapfer! Sei treu! Sei ohne Furcht! Du bist mein lieber Sohn!' ... Das sprach eine Stimme zu mir, als die weiße Taube da war. Und bann flog sie fort über ben Wölb unb bas große Wasser wieber heim, wo ihr Herz schlug, ihr Herz mit ben vielen Strömen, bie ihre Wasser aussenben, ihre Wasser, von benen ich ein Tropfen war dort brüben im Walb, unb von benen bu unb alle, bie ans bctn Herzen geboren sind, nur Tropfen sind. Aber keiner wird vergessen, keiner wird vertan in nichts. Und wer niemanden auf der Welt mehr hat, zu bctn er ein paar armselige Worte Hagen kann, wenn es ihm einmal schlecht geht, im Urroalb ober in ber Sanbwüste ober im Eis, der hot doch immer noch die Mutter, die große Mutter, bie über bie Welt fliegt unb ihre Kinber tröstet. Als Karl geendet hatte, schwiegen sie eine lange Zeit, aber bas Schweigen störte sie nun nicht mehr, bcnn es war nichts Frembes mehr zwischen ihnen. Die Jugenb, in ber sie sich gefunben hatten, war bahin- gegangen, aber nach ben langen Jahren ber Trennung sanden sie sich von neuem unb sie waren, wie es von ben ersten Christen im heiligen Buche bes Glaubens heißt, einmütig beieinanber, jeher in einem anbercn Leben unb doch alle nur in dem einen. Oie drei Birken. Von Wilhelm Scharrelmann. Vielleicht waren sie wirklich einmal aus dem Samen eines Baumes erwachsen, so nahe standen sie beieinander. Das Merkwürdige aber war, baß sie in ihrer Jugenb ihre Stämme wie in schwesterlicher Liebe um« einandergeschlungen hatten unb sich erst in Manneshöhe wieber voneinander trennten unb ihre Kronen in bie Luft erhoben. Hell unb schimmern stanb ihre Rinde vor dem dunklen Geäste des Führenschlages, der sich hinter ihnen erhob, und in Mondnächten sah es aus, als wären ihre Stämme drei menschliche Leiber, die sich in dumpfer Sehnsucht unb bleich unb wie versteint aus dem moorbunklen Boben emporhoben. Darum war es auch ganz recht, wenn bie Leute sie bie brei Schwestern nannten unb jeber von ihnen einen besonberen Namen gegeben hatten. Die höchste unb stärkste hieß bie Stolze, bie mittlere, bie ein wenig schwächer geblieben war, bie Zarte, unb bie Dritte, bie ihre Krone tief auf ben Spiegel bes alten Heidesees herabsenkte, ber ihr zu Füßen lag, hatte man bie Demütige genannt. An einem ftühlingsjungen Pfingsttage, als ber Kätner, bem bie Bäume gehörten, seinen brei kleinen Töchtern einen Pfingstbusch von ben Bäumen schnitt, sagte er ihnen bie brei Birken für ihre Aussteuer zu, wenn sie einmal erwachsen seien unb heiraten sollten. r Das war eigentlich nur ein Scherz gewesen, unb ber Bauer hatte in Versprechen lange vergessen, bis ihn bie Aelteste, als sie nach Jahren heiratete, daran erinnerte. Da er aber an den drei Bäumen mit besonderer Liebe hing, wäre er gern mit einer Ausrede über bie Sache hinweggegangen, konnte aber seiner Tochter nur so wenig in bie Ehe geben, baß er ihr bie Bitte nicht abschlagen mochte unb zusagte, einen ber brei Bäume für sie zu fällen. Als er am anberen Morgen in aller Frühe hinging, um fein Wort wahr zu machen, unb bie Axt mit bumpfem Schlage ber ersten ber drei Birken in bie silberblanke Rinbe fuhr, meinte er einen Seufzer aus bem Baume zu vernehmen, unb ba er noch oerrounbert unb betroffen iime- hielt, hörte er eine Stimme flüstern: „Wi sinb bree Stiftern, unb hüt is nid) giftern, steift bu us bot, fritt bi Kummer unb Not!" Verstört konnte ber Alte sich nicht entschließen, noch einen einzigen Hieb auszuführen, nahm bie Axt vielmehr wieder auf die Schulter und kehrte unverrichteter Dinge nach Hause zurück. Dort vertröstete er seine Tochter damit, daß er es nicht übers Herz gebracht habe, einen der Baume zu schlagen. Wenn aber bie letzte ihrer Schwestern heiraten werde, wolle er alle drei auf einmal fällen, und dann solle aud) sie ihr Recht bekommen. Als nun nach Jahr unb Tag auch bie beiben anberen Töchter, unb zwar alle beibe an einem Tag, Hochzeit machten, unb ihn alle brei an fein Versprechen erinnerten, ging er roicberum hi», bie Bäume zu fällen. Aber kaum hatte er bie Axt erhoben, hörte er dieselbe Stimme wieder und die gleiche Warnung wie vor Jahren, erschrak darüber noch stärker als das erstemal unb war von biesem Tag an fest entschlossen, bie Bäume in seinem ganzen Leben nicht anzurühren, lieh sich auch von seinen Töchtern versprechen, sie selbst nach feinem Tobe noch zu schonen. Die brei, die wohl merkten, wie sehr ihr Vater an ben Bäumen hing, wollten ihn nicht länger brängen, trösteten sich auch im Stillen, baß ja später immer noch Zeit fei, über bie Sache zu reben, unb begnügten sich, wenn auch mit einiger Unzufriebenheit, ihre Bettladen und Schränke statt aus flammendem Birkenholz, wie sie es sich gewünscht hatten, aus schlichtem Tannenholz machen zu lassen. Als aber der alte Kätner, ber in den letzten Tagen seines einsamen Lebens recht wunderlich geworden war, starb, besannen sich ihre Männer bei ber Teilung ber Erbschaft auch auf bie brei Birken, bie ihren Frauen schon seit langem zugesprochen waren, unb tarnen überein, bie Bäume nunmehr selbst zu schlagen unb sich bas Holz zu teilen. Kaum aber hatte ber Mann ber Aeltesten ben ersten Hieb mit der Axt getan, hörte er biefelben Worte, bie früher, ohne etwas bavon zu verraten, auch ber Alte vernommen hatte, unb lieh wunberlich berührt, in scheinbarer Gleichgültigkeit von ber Arbeit ab. Dem Zweiten ging es nicht anbers, unb auch ber Jüngste, als er seinem Vorgänger bie Axt aus ben Hänben genommen hatte, stutzte einen Augenblick, hieb aber bann nur befto entschlossener auf bie Bäume ein, bis sie mit bumpfem Krachen zu Boben stürzten. Als nun bie brei sich baran machten, bie Stämme untereinanber zu verteilen, beftanb ber Jüngste, weil er bie Bäume geschlagen hatte, barauf, für feine Arbeit ben stärksten ber Stämme zu erhalten. Da aber keiner ber beiben anberen bamit einoerftanben war unb sich beibe roeber mit bem Holz ber Zarten, noch mit bem ber Demütigen, begnügen wollten, gerieten sie in einen so hartnäckigen Streit, baß sie babei nicht nur mit Worten auseinander einbringen, sich zuletzt vielmehr wie Rausdolbe betrugen unb in Wut unb Zorn auseinandergingen. Grollend saßen sie von da ab jeder in seinem Dorfe und einer sah den andern nicht an, wenn er ihm durch einen Zufall wirklich einmal begegnete, und so unglücklich ihre Frauen auch darüber waren, und einmal über das anberemal seufzten unb heimlich ihre Tränen barum vergossen, fanben nun auch sie halb nicht mehr ben Weg zuelnanber. Zugleich wollte es in keinem Hause mit der Wirtschaft mehr recht vorangehen, und Gift unb Galle in ben Herzen ber sechs, bie lange ein Herz unb eine Seele gewesen waren, wuchsen mit jebem Tage wie Unkraut nach bem Regen. Zuletzt würbe es so schlimm bamit, daß bie Jüngste ber brei Schwestern, bie von ben Dreien immer bie Anfälligste gewesen war, über all bem heimlichen Merger unb Kummer, ber sie bedrängte, erkrankte unb einem Siechtum verfiel, bas keinem ärztlichen Mittel weichen wollte. Ja, mit ber Zeit verschlimmerte sich ihr Zustand so, daß sie im Verlauf einer Aussprache zu ihrem Manne sagte: Was ist Recht und was ist Unrecht? Mich dünkt, ihr seid alle drei schuld an eurer Zwietracht. Darum, wenn ich leben und nicht sterben soll, so gehe hin und vertrage dick, mit den Männern meiner Schwestern. Nimm aber zugleich brei junge Birken mit unb pflanzt sie gemeinschaftlich an bie Stelle ber alten, bie ihr gefällt habt, bamit wieber Friebe fei zwischen uns allen. Ihr Mann hörte ihre Worte mit Seufzen an, unb wenn er ihr auch im Stillen recht gab, konnte er sich doch lange nicht entschließen zu tun, was sie von ihm wünschte. Aber eben vor bem nahen Pfingstfeste über- roanb er sich, reichte den beiben, bereu Schwelle er so lange gemieden hatte, die Hand zur Versöhnung unb schlug ihnen vor, nach ben Worten seiner jungen Frau zu tun unb brei junge Birken an bie Stelle ber alten zu setzen. Damit waren bie beiben anberen, benen ber Streit, ebenso wie ihm selber, längst leib geworben war, gern genug einoerftanben. Als sie aber am Pfingstmorgen gemeinsam hinkamen, sahen sie zu ihrem Erstaunen, baß aus bSn Stümpfen ber geschlagenen Bäume je zwei junge Ruten rote« ber emporzuschießen begannen. Die flochten sie nur zum Zeichen ihrer Versöhnung alle sechs ineinanber. Die alten Stämme aber blieben liegen, wie sie vor Jahren gefallen waren, nur baß der buntle Boben bes Moores, aus bem sie einst erwachsen waren, sie langsam wieber in sich einzusaugen begann, als wolle auch er bem Streit feinen Anlaß nehmen unb alle Zwietracht zwischen ihnen auslöschen helfen. Seist Hl V Ibei lömi über «b mi K 2 n e Sieri bi t unb •bei tim tau fall Itiul tat •bi trt •in tile Hj Neide Über lijob («Ile M Wi Seit, unb f los! iiibei tolle, Met ■ ■unb hol; unb g» Wie < 6# tiograi ttifui) oben i Inta title 1 Bi feitet 6triin •ber |i uie de ibeidi letal ihm ii et an tot L e, als« itzte einer, iume ein pfingstlicher Gesang. Von Hermann Claudius. Mensch, du wardst Herr von allen irdischen Dingen, aber den heiligen Geist kannst du nicht erzwingen. Du magst deine Tür ihm bereiten mit grünen Zweigen, aber dahinter mußt du in Demut dich neigen: ob er sie öffne, ob er zu dir eintrete — oder ob er weiterfchreite trotz deiner Gebete. Denn er kommt nicht auf unser Geheiß und Flehen, sondern er kommt aus einem andern Geschehen. Denn er meint nicht dein eigenes kleines Leben, sondern du sollst — dich opfernd — ihn weitergeben. Denn er sucht nicht die Lauten, sondern die Stillen. Denn er kommt aus Gottes ewigem Willen... klizip liier ml w fein inen i5l m roetiJ ihr M i TW,, ihn ch e BSm Ciiimj iber not offen, iii auch m i schonen nen hiiz i, Hie igtenfi*. änke fw us schlch er in ta den w, auch auf n warn > sch to । mit ta davon |i lanber z: I e, dowi f l oer feine i 1 nebet ui i 1 Mlliü t nur e sbolde H einer H: ch eiwii unbeiq irum * H 3er. nehr «i: J lange an d Tage * J t, daß 1 Ünfilli* ier lieh; äri#| all« 1S* i an ta"! lejin“’ t $$ die uns* Ihr * [efte "lÄ ,nW Stell* sie W . fit tale"L y 1 SämJ »on der btt oos btt en iiJ Kettt-ichte vom untreuen Tot f/chiffer und den Holzweibern Ein Pfingstmärchen von HansFriedrichBlunck. In der letzten Psingstnacht, so erzählte Doddepott mir die Geschichte, hatte Schisser Bruhn von feinem Torftahn aus ansehen müssen, wie die Hasel- und Cllerfrauen mit dem alten Weidenkops unterm Hornhos, einem eisgrauen, ausgehöhlten Gesellen, der sich nicht rühren und regen konnte, verfuhren. Als der Nebel vom Kanal aufstieg und der Mond ihn von oben wie Leintuch glänzen ließ, fingen fie an, sich bei den Händen zu fassen und rundum zu tanzen, dem Alten den Bart zu zupfen und ihm viele Lieder aus seiner besseren Zeit ins Ohr zu singen. War es nun Neugier oder war es ausrichtiges Mitleid, — der Schisser hatte die Geschichte nicht vergessen. Als er in der nächsten Psingstnacht bei gutem Mondwetter wieder unter den Hornhof kam, lieh er Stiefel und Strümpfe an Bord, kroch in den ausgehöhlten Stamm der alten Weide, — aber so, daß er zur Not beide Arme frei hatte, — und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Als er schon am Einnicken und der Sache fast überdrüssig war, begann es wieder rundum zu rummeln und zu haspeln: der alte schnarchende Weidenbusch fuhr aus dem Schlaf, sie waren dabei, ihm in den Rock zu klettern. Fragten ihn auch mitleidlos, wieviel Jahre er an sich hätte, und als er es gutmütig berichtete, rauschten sie ihn an vor Lachen und huschten, Hasel- und Ellerweibsen, in verdrehtem Tanz um seinen grauen Bart. Wäre Hinnerk Bruhn nicht gewesen, der arme Weiderich hätte wieder die ganze Nacht hindurch keine Ruhe bekommen. Aber der Schisser wartete nicht lange, obschon's ein drolliger Anblick war, schob plötzlich beide Schultern zugleich aus dem Saum, langte zu und hatte die Rechte und Linke voll krabbelnder, zappelnder Unholdinnen. Mit ein paar Sprüngen war der Schiffer wieder an Bord, und dann, hast du nicht gesehen, vom Land abgestoßen. Eine gute Zeit begann nun für Schiffer Bruhn, eine verwünscht gute Zeit. Als sie sich in ihr neues Schicksal gesunden hatten, begannen dieEller- und Haselfrauen nämlich von selbst den Kahn zu scheuern und zu säubern, bas Lager zu machen, Sand in die Kammern zu streuen und den Mann zu bedienen und zu betreuen, — dann auch, als er es ihnen einmal gezeigt hatte, Hilsssegel zu basteln und, sieben auf einmal, an den Stangen zu staken. Ein Vergnügen wurde die Arbeit: der Schiffer wußte sich kaum zu lassen vor Hochsahrenheit und Bequemlichkeit gegen die armen diensteifrigen Holzweiber. Um fie für den armen Weidenkerl zu strafen, wie er sagte; aber das war wohl nur ein Vorwand. Dann begab es sich eines Tages, daß der Schiffer zur Storsahre kam, wo er jedes' Jahr ein paar Tage auszuruhen pflegte, wegen bes guten Bieres und auch wegen des Frauleins, das es ausfchenkte. 2]“" im warmen Abend an Deck lag, sich von zwei Weibchen "Uterm Kinn und von einem andern am Genick streicheln ließ kam ihm der Gedanke ob ein wirkliches Jüngserlein nicht besser dazu passe. Und als er nun chon einmal aus den lästigen Gedanken gekommen, konnte er ihn nicht roieöer loswerden Es quälte ihn sehr, daß er just beim Fahrkrug mar, unb ob- schon's gefährlich wegen ber Elbischen war, vermeinte er, bas Schank- fräulein einmal wieder sehen zu müssen. ... . ;s Er legte sein Boot also bichter ans Ufer unter em uberhangenbe Weibe. Aber au, drei Fuß Abstanb, versteht ihr, bamit k^n Holzweid entsch upfen könnte Dann pfiff unb rief er wohl eine halbe Stunbe lang, bis sich überm Deich das Fährhaus öffnete unb eine hübsche Dirn nag) seinem Seaehr fragte. Als sie aber just biesen sah, würbe sie gefälliger, winkte unb lachte ihm zu unb war sehr verwundert, daß der Schiffer darauf de- harrt0 feinen Xrunt ins 93oot zu befommen. s Immerhin ging fie gern zum Fluh hinunter °^as mißtramsch^und fröhlich zugleich daß ein Schatz gekommen war, lehnte sich an bie Weioe Äitf bem Mann bas Bi^hinÜber. Aber ben tarn (bas lieber e so veignüglich an, er verlangte mehr, hielt bes Fräuleins Hund fest an (terfte ben Kovf tief in bie Zweige; er meinte wohl, bie Duschweiber sähen ihn nich/unterm Blattwerk. Unb auch bas Mädchen war voll Leichtfertigkeit unb Freube unb hielt bem Schiffer gegen alle strengen Sitten feinen Mund hin. Auf bie äußerste Fußspitze stellten sich beibe, hielten alles Laubwerk um ihre Kopfe unb taten Schnauzbart unb Jungfernlippen ^Jn>o Augenblick nun, wo die beiden aneinander rührten, gab es ein erbärmliches Kreischen und Zetern ein Schreien u"d Purzelm Poltern unb Krabbeln. Und als sich ber Schstfer umschaute waren Ae Hasel- mb Ellerweibfen in einem Husch mit Sunbeln unb Tuchern wmdich ic11 a 1 La ib gehupft, liefen unb trabten unb purzetten unb jagten unb ruberten, so rasch sie konnten, unter bie Wilbdusche am Abhang, ... hac. Das Fräulein aber hat sich über ben Lärm dermaßen erschrocken, baß es kopfüber in Hinrich Bruhns Kahn gefallen ip- - ... ( . h.r Heute fährt ber Schiffer mit Weid unO Kind. D'« Kammer ist sauber und Deck unb Raum werben gefegt, wenn bie Ladung von Bord ist. Er Tagt, er hätte einen guten Tausch getan. Wenn bie und Eller- wiwcken bas hären, — aber nun habe ich vergessen, was die Unholdmnen dazu sagen, und sie haben obendrein Unrecht. Das meint auch Doddepott. LMut, daß Du da bist: ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR Copyright 1933 by August Scherl G. m. b. Äerlin (Fortsetzung.) Billy war feuerrot geworden. Sie erhob sich rasch und wollte fort Doch Elisabeth hielt sie nochmals fest. „Sei nun nicht böse, daß ich das einfach so ausgesprochen habe. Ich mußte es einmal sagen. Und du hast dich großartig gehalten. Gerade darum mochte ich, daß wir endlich wirkliche Freundinnen werden, die nichts voreinander geheimhatten müssen. — Ist es gut so, Billy? Dann komm her und gib /nir einest Kuß!" Seit ihrer Kindheit hatte Billy keine Freundin mehr gehabt. Für Elisabeth hatte sie immer eine viel zu große Bewunderung gefühlt, um ihr menschlich ganz nahezukommen. Sie hatte sich heimlich zwar immer zu ihren Freundinnen gerechnet, aber an letzter Stelle, wie sie es in ihrem schweren Leden immer gewohnt war. Als Elisabeth anfing, von dem Gehalt zu sprechen, war eine Bitterkeit in ihr aufgeftiegen, die ihr zuraunte, nun wolle man sie endgültig von sich wegschieben und zu einer Angestellten machen, die man bezahlte. Das war es auch, was sie in ihrem überempfindlichen Stolz ausgesprochen hätte, wenn Elisabeth sie nicht rechtzeitig daran gehindert hätte. Um so jäher unb heftiger kam jetzt der Rückschlag. <$ie fühlte sich schul- big wegen ihrer Gebanken, die sie böse unb häßlich nannte, namentlich ba Elisabeth auch ihr tiefstes unb schmerzlichstes Geheimnis kannte und ausgesprochen hatte. Aber sie fühlte zugleich, bah biefe geheime Wunde sich jetzt ganz schließen würbe, nachdem sie bas Schlimmste allein und tapfer überwunden hatte. ' Sie empfing ben Kuß Elisabeths unb gab ihn mit überftrömenber Zärtlichkeit zurück, war aber noch nicht fähig, zu sprechen. In ihren bunklen Augen lag eine so heftige Bitte, baß Elisabeth fie nicht länger zurückhiell. Sie lief bauen, in ben Garten hinaus, zu Pitt unb Fox, zu benen sie sich niebertniete und denen fie in die gespitzten Ohren hinein mit schwankender Stimme alles erzählte, was sie drinnen erlebt hatte. 23. Auch Doktor Hartl machte sich sehr viel Arbeit. Bald nach Ludwigs Abreise, die natürlich durch zahlreiche Pressenotizen und Photos der breitesten Deffentlidjteit bekanntgegeben worben war, liefen im Haus am See bie ersten größeren Rechnungen ein. Hartl war barauf vorbereitet unb setzte sich mit ben Leitern ber Firmen, die sie geschickt hatten, persönlich in Verbindung. Durch ein privates Abkommen mit Billy erreichte er es, daß Elisabeth davon verschont blieb. Gleich bei seinem ersten Besuch in der Stadt brachte er in Erfahrung, daß Ludwig viel größere Schulden hatte, als er vermutete. Ein Teil davon mußte wohl noch aus den letzten Jahren stammen, und Doktor Hartt glaubte, annehmen zu müssen, daß da noch andere, unbekannte Posten vorhanden wären. Er beschloß also, zunächst einmal eine genaue Aufstellung aller Verbindlichkeiten Thieles anzufertigen, um eine Uebersicht zu bekommen, und sich bann mit ben einzelnen Gläubigern zu verstänbigen. Er war überzeugt, bah es ihm gelingen würbe, biefe ganze Schulbenlast zu orbnen und ihre Tilgung zu vertagen auf einen späteren Termin, an bem bie Einnahmen aus Hollywood begonnen haben würben, reichlich unb regelmäßig fließen. Mit Elisabeths Einoerftänbnis richtete er sich an Thieles Schreibtisch ein und fing an, aus einem Hausen von Papieren, ber beim Umzug wahllos zu einem bieten Bünbel verschnürt worben war unb in einer Schublabe des neuen Schreibtisches fein vorläufiges Grab gefunden hatte, die unbezahlten Rechnungen der einzelnen Lieferanten zu notieren, die Posten in ein Buch einzutragen unb biefe Schulben nach ihrer Größe unb Dringlichkeit zu numerieren. Er ging mit ber ihm eigenen Peban- terie zu Werke unb fanb in biefer Arbeit auch bie notwenbige Ablenkung für feine Empfindungen und Gedanken. Doch er hatte feine Aufgabe gewaltig unterschätzt. Thieles finanzielle Verhältnisse waren so undurchsichtig und seit vielen Jahren derart vernachlässigt und verworren, daß Hartl bald verzweifelt aufftöhnte. Immer, wenn er glaubte, einen gewissen Ueberblick gewonnen zu haben, tauchten neue Berwicklungen auf. Seine Besuche bei ben einzelnen Firmen in ber (Stabt sprachen sich herum, unb so entstand das Gerücht von einer allgemeinen unb großzügigen Sanierungsaktion. Daraufhin melbete sich eine Menge Gläubiger mit kleinen unb kleinsten Forberungen, bie im Saufe ber Zeit unb nach vergeblichen Anstrengungen bie Hoffnung auf Bezahlung eigentlich aufgegeben hatten, jetzt aber mit erneuter Energie beranbrängten. , .... . Eine Sisyphusarbeit! buchte Hartl unb war manchmal bidjt baran, alles hinzuwerfen unb gehen zu lassen, wie es gehen mochte, wie es seit 3abren eben gegangen war. Dann aber buchte er an Elisabeth, unb baß auch er jetzt mit ber Anlaß war, daß es so weit gekommen war, und setzte sich wieder hinter fein Hauptbuch. Elisabeth tat in diesen ersten zwei Monaten so, als merke fie nichts von seinen Anstrengungen. In vielem ahnte sie auch nicht, wie es tatsächlich stand. Sie wußte, daß er Ludwig versprochen hatte, sich darum m kümmern, und war im Grunde froh, daß endlich jemand mit der nötigen Geduld unb Gewissenhaftigkeit barangmg, einige Ordnung zu schaffen Sie hatte es in ben vergangenen Jahren öfters selbst versucht, hatte cs aber immer mieber aufgeben müssen, solange eben Ludwig ba war unb burch feine spontanen Einfälle alles mühfam Erreichte immer roieber umwarf. Sie glaubte fest baran, baß Hartl, besten geistige lieber« segenheit unb stille menschliche Sicherheit in bem engen Zusammenleben einen starken Eindruck auf sie machten, viel mehr von diesen materiellen Dingen verstand als sie selbst und darin Erfolg haben würde. e Als es endlich so weit war, daß eine unliebsame Ueberraschung kaum mehr zu befürchten war, bat er Elisabeth eines Morgens zu sich in Ludwigs Arbeitszimmer, wo er aus dem Schreibtisch sein Hauptbuch aufgeschlagen hatte. Längst war es Frühling geworden. Im Garten blühten die Obstbäume und schickten den Duft ihrer weihen, gelben und rosa Blüten durch die offenen Fenster in alle Stuben. Billy kauerte draußen neben ihrem Beet mit Frühgemüsen, dessen Glasdach geöffnet war, und stocherte mit einer kleinen Schaufel in der schwarzen Erde herum, um noch neue Setzlinge unterzubringen. Pitt und Fox, von ihrer Kette befreit, hetzten sich durch den ganzen Garten, brachten den jungen Rasen und alle Saat in Gefahr und hielten endlich mit heraushängenden Zungen und funkelnden Blicken vor dem hohen, engen Drahtgitter, hinter dem ein Dutzend weißer Hühner sich in ihrem Scharren und Kratzen nur die begehrliche Nähe der beiden Bestien keineswegs stören ließ. Sie waren daran gewöhnt und stolzierten verächtlich dicht hinter dem Gitter vorbei. Elisabeth warf einen Blick durch das offene Fenster und mahnte Billy durch einen Zuruf, die Hunde doch lieber an die Kette zu legen. Dann setzte sie sich mit einem Ausdruck unverhohlener Neugier Hartl gegenüber an die andere Seite des Schreibtisches. „Ich habe Ihnen schon mehrmals Andeutungen gemacht Über das, was ich hier treibe", begann Hartl in einiger Verlegenheit. „Ludwig hat mich damit beauftragt. Ich habe diesen Auftrag viel ernster genommen, als er gemeint war. Aber ich glaube, es war gut so. Jetzt bin ich so weit, haß ich Sie bitten muß, in meine Abrechnungen Einsicht zu nehmen." „Ich fände es viel einfacher, wenn Sie mir die Resultate sagen wollten, Otto. Ich ahne, wie schwierig und kompliziert diese Arbeit war, die Sie sich da aufgeladen haben, und bewundere Sie, daß Sie sich tatsächlich durchgesunden haben. Also, wie steht es mit unseren Finanzen?" „Schlechter, als wir geglaubt haben; aber nicht so schlecht, daß Sie jetzt nicht aus dem liebel herauskommen könnten, vorausgesetzt allerdings, daß Ludwig die bestimmten Summen aus. Hollywood regelmäßig überweist." „Sie haben ihm das geschrieben?" „Mehrmals. Leider fürchte ich, daß es nicht viel nützt. Sie müssen es nochmals selbst tun, und vielleicht fügen Sie etwas von dem hinzu, was ich Ihnen jetzt sagen möchte. — Aber zuerst ein paar trockene Zahlen: Ludwigs Schulden betragen rund hundertzwanzigtausend Mark mit allem, was noch auf dem Haus hier, die Einrichtung und so weiter zu zahlen ist Mit dem Geld, das er vor drei Wochen sandte, habe ich die dringendsten alten Schulden abgedeckt. Die übrigen sind nun auf Termine verteilt, die wir ohne Schwierigkeiten einhalten können, wenn er, wie gesagt, die versprochenen Summen in den bestimmten Ahständen schickt. Das Ganze ist nicht so schlimm, wie es aussieht. Er verdient drüben mehr als genüg. Der Augenblick ist da, in dem er sich endlich rangieren kann. Dafür müssen Sie sorgen, Elisabeth, schon in Ihrem eigenen Interesse." „Ich werde mein möglichstes tun." „Die Gefahr für die Zukunft besteht darin, daß er in diesem Stil weiterlebt, ohne die Sicherheit zu haben, daß auch seine Einnahmen fo bleiben, wie sie im Augenblick sind. Momentan hat er, auch rein finanziell betrachtet, eine starke Konjunktur. Das hängt selbstverständlich mit dem künstlerischen Erfolg zusammen, ist aber nicht absolut davon bedingt. Das ist es, was er nicht glauben will, da alle äußeren Zusammenhänge ihn nicht interessieren. Die Probleme der Oekonomie schon gar nicht." „Er mußte einen Verwalter haben, wie Sie es sind, Otto. Sie werden sich natürlich herzlich bedanken, diese Arbeit auch nur einen Monat länger zu tun. Sie sollten einen solchen Verwalter für Ludwig finden. Dann erst wäre Ihr Werk hier komplett!" antwortete Elisabeth mit ihrem schönsten Lächeln. „Das ist unmöglich! Es gibt nur einen einzigen Menschen, der das in Zukunft für ihn tun könnte, und dieser Mensch sind Sie, Elisabeth." „Das habe ich mir schon selbst gesagt. Aber ich glaube nicht, daß ich es kann." Hartl sah sie fragend an, da er merkte, daß dieser Zweifel noch einen tieferen Grund hatte. „Jedesmal, wenn ich früher versuchte, mit meinen schwachen Kräften eine gewisse Ordnung in unser äußeres Leben zu bringen und Ludwig veranlaßte, wenigstens die Grenzen einzuhalten, die mir absolut notwendig schienen, damit auch er wieder ein Gefühl der Sicherheit bekäme, mußte ich bald ftftftetten, daß bei ihm gerade das Gegenteil eintrat ... daß er nervös wurde, unzufrieden mit sich selbst ... was so weit ging, daß er Anfälle von Melancholie bekam, die tagelang anhielten und die mich furchtbar erschreckten, weil dadurch sein ganzes Wesen wie verwandelt schien. Es ist sehr schwer, das genau zu beschreiben. Ich weiß nur, wie sehr ich selbst darunter gelitten habe. Er wurde ein ganz anderer Mensch. Manchmal direkt bösartig, obgleich ich die stärksten Beweise habe, daß er im Grunde der gutmütigste Mensch von der Welt ist. Zuerst konnte ich mir diese Veränderung nicht erklären. Aks ich aber sah, daß das alles spurlos von ihm abfiel, sowie diese Grenzen gefallen waren, habe ich es eben gelassen, sie noch einmal aufzurichten." „Das mag richtig gewesen sein, früher, als er in allem, was er tat, noch das große Ziel vor Augen hatte. Jetzt aber ist dieses Ziel erreicht. Darum gilt es jetzt, das Erreichte zu erhalten. Das ist etwas durchaus anderes!" sagte Doktor Hartl nach einer Pause und stand auf. „Es ist schwierig und kompliziert. Ich gebe Ihnen vollkommen recht in dem, was Sie mir anbeuteten. Aber es muß gehen. Ich glaube auch, daß wir den rickckigen Mittelweg finden werden." „Ja", sagte Elisabeth und sah sinnend an ihm vorbei in den Garten hinaus. ..Aber das muß ich Ihnen heute noch sagen, Otto: Diese ganze letzte Zeit war wundervoll für mich. Ich fühlte mich 3um erstenmal int Leben so geborgen. Durch Sie und Billy. Sie nehmen mir alles ab, was mich auch nur von fern beunruhigen konnte. Das sollte eigentlich immer so bleiben. Sie wissen, Otto, wie sehr ich Ludwig vermisse, wie sehr ich an ihm hänge. Gerade jetzt, wo er nicht da ist, spüre ich das viel stärker. Trotzdem... Dieses Gefühl der Geborgenheit tut mir so gut. Ich Hades nie erlebt. Sie wissen ja auch, warum ich gerade jetzt dafür so unendlich dankbar bin. Ich kann mich ganz auf mich selbst besinnen und auf das, was in mir vorgeht." Es gelang Hartl, seine starke Bewegung zu verbergen. Er klappte das Hauptbuch zu, schob es beiseite und antwortete, gleichsam beiläufig, in einem leichten, scherzenden Ton: „Dann kann ich Sie ja ein wenig allein lassen. Sie haben noch zwei volle Monate Zeit — bis zu dem großen Ereignis. Ich möchte nämlich rasch mal nach Dresden. Dort liegt eine Arbeit, die ich jetzt wieder,aufnehmen will. Ich könnte sie ja dann später hierher mitbringen mit einer kleinen Kiste Bücher, die ich auch dazu brauche. — Oder haben Sie etwas dagegen?" „Natürlich habe ich etwas dagegen! Sehr viel sogar!" „Aber Sie brauchen mich jetzt nicht mehr. Für die nächsten Wochen, meine ich. Ich werde schon zur rechten Zeit wieder hier sein." „Bis jetzt habe ich recht wenig von Ihnen gehabt, und nun wollen Sie fort? — Gut, Otto: Fahren Sie nach Dresden zu ihrer Arbeit! Aber kommen Sie so schnell wie möglich mit ihr wieder her! Ich freue mich, auch diese Arbeit kennenzulernen. Oder haben Sie sonst noch etwas in Dresden zu tun?" „Nein." „Dann fahren Sie, wenn Sie wollen. Heute, morgen... Und bringen Sie so viel Bücher mit, wie Sie Lust haben. Nur länger als ein paar Tage dürfen Sie nicht wegbleiben. Denn jetzt müssen Sie mir auch weiter helfen. Ich glaube, Sie haben recht mit dem, was Sie vorhin sagten." „Einen schöneren Platz für meine Arbeit könnte ich mir nicht denken!" sagte Doktor Hartl mit einem Blick in den blühenden Garten. Wie wundervoll hebt sich ihr Kops und ihre Gestalt von diesem Hintergrund ab! Sie ist die schönste und beste Frau, der ich begegnet bin! dachte er, als sie sich erhob und noch einen Augenblick an das geöffnete Fenster trat... Dann gingen sie zusammen in den Garten. 24. Von den Intimen Ludwigs war Doktor Kern der einzige, der regelmäßig im Haus am See feinen Besuch machte. Bernau war in den ersten Wochen noch mehrmals herausgekommen, dann aber ließ er sich immer seltener sehen und entschuldigte sich mit Arbeitsüberlastung. Von Martin und von Gerber wußte Elisabeth, daß die beiden zu ihr nie die gleiche enge menschliche Beziehung gehabt hatten wie zu Ludwig, und nahm ihnen ihr Wegbleiben keineswegs übel. Sie freute sich herzlich, den Doktor Kern neben Billy im Garten anzutreffen. Daß er trotz der starken Inanspruchnahme durch seine Praxis sich immer wieder die Zeit nahm, herauszukommen, machte ihr seinen Besuch doppelt wertvoll. „Jetzt werde ich bald auf Sie allein angewiesen fein, Doktor", sagte sie nach der Begrüßung. „Otto will mich verlassen." „Warum denn das?" brummte Kern. „Ich an Ihrer Stelle würde froh sein, den ganzen Sommer hier zuzubringen, Hartl. Eine bessere Erholung finden Sie nicht." „Ich bin jetzt drei Monate von Dresden weg und habe keine Ahnung, wie es bei mir zu Hause aussieht", antwortete Hartl. „Damals hatte ich die Absicht, eine, vielleicht auch zwei Wochen wegzubleiben ... Nein, eigentlich hatte ich gar keine Absicht und ließ darum alles liegen und stehen ..." „Sie können sich ja solche Ferien leisten!" lachte Sern. „Nein, das kann ich nicht, wenn ich auch manchmal leichtsinnig bin. Ich habe mich Ludwig zur Verfügung gestellt, weil er mich dringend brauchte. Allmählich aber habe ich ein schiechtes Gewissen bekommen mir selbst gegenüber." „Wollen Sie damit sagen, daß Elisabeth Sie nicht mehr braucht? Da sind Sie gewaltig auf dem Holzweg!" antwortete Kern. „Nein, nein. Es ist mir eine Befriedigung, daß ich mich hier nützlich machen konnte ..." „Gehen Sie mal voraus, Elisabeth! Ich habe Herrn Hartl etwas zu sagen." „lieber mich?" fragte Elisabeth und sah vom einen zum andern. „Natürlich über Sie! Sonst würde ich Sie nicht fortschicken." „Komm, Billy! Wir richten unterdessen den Tisch. Sie bleiben doch zum Essen, Doktor?" Kern nickte ihr zu und sah ihr nach, wie sie mit Billy auf das Haus zuging. „Es ist erstaunlich", sagte er nach einer Pause. „Niemand sieht ihr an, daß sie in ein paar Monaten ein Baby haben wird. Trotzdem wird es Zeit, daß wir einen erfahrenen Gynäkologen zu Rate ziehen." „Hegen Sie irgendeine Befürchtung als Arzt?" fragte Hartl erschrocken. „Nicht die geringste. Ich halte sie für vollkommen gesund, soweit mein Urteil in Frage kommt. Aber ich bin ja nur Spezialist für Hals und Nase." „Elisabeth hat das größte Vertrauen zu Ihnen, und ich glaube nicht, daß sie einen anderen Arzt haben will." „Ich werde ihn auch nicht ihretwegen hinzuziehen, sondern meinetwegen. Ich bin durchaus nicht so bescheiden, daß ich von mir behaupte, ich verstünde nicht mehr genug von der Sache. Trotzdem ist es nach außen hin besser für mich. Ich kenne meine Kollegen. Das dürfen Sie mir glauben!“ Hartl lächelte beruhigt. (Fortsetzung folgt.) Q>eranttt> ort lief); Or. Hans Thyri 01. — D ruck und Der lag: Brüh l'sche Univ ersitäts-'Luch» und Steindruckerr i, R. Lange, Giehen-