GiehenerKmilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1935 Montag, den 7. Januar Nummer 2 HANS DOMINIK • EIN STIERN FIEL VOM HIMMEL COPYRIGHT 1934 BY KOEHLER & AMELANG G. M. B. Hv LEIPZIG (Fortsetzung.) Es war kein Teelöffel, sondern ein halbkugeliges Gefäß von zwei Kubikmetern Inhalt, dem der Löffelbagger seinen Namen verdankte. Zu dritt krochen sie hinein und duckten sich im Schutz des starken Stahlbleches dicht zusammen. Aus der Ferne drang ein Ruf an ihr Ohr. „Die Zündschnur wird angebrannt", flüsterte Reute. Eine kleine Ewigkeit dünkten ihnen die nächsten Minuten. Dann ein Donnern und Krachen, das von den Kraterwänden in hundertfältigem Echo zurückgeworsen wurde, bis die Schallwellen den Ausweg nach oben ins Freie gewannen. Langsam verklang der Lärm. „Jetzt können wir weiter gehen", sagte Reute und kletterte als erster aus dem Baggerlöffel. Sie schritten weiter und kamen zu der Sprengstelle. Arbeiter waren dort dabei, die während der Sprengung weit zurückgenommenen Starklichtlampen wieder heranzurollen. „Man ist noch dabei", fuhr Reute in seiner Erklärung {ort, „die beste Sprengmethode für das zähe Erz ausfindig zu machen. An der Stelle, von der wir eben kommen, treibt man eine größere Anzahl von Bohrlöchern schräg in das Metall, um durch mehrere gleichzeitige Sprengungen einen Block aus dem Boden herauszubrechen. Hier hat man es mit einer einzigen sehr starken in zehn Meter Tiefe angebrachten Ladung versucht. Einige unserer Sprengsachverständigen halten dies Verfahren für unzweckmäßig. Wir wollen sehen, was es geschafft hat." — Dann standen sie unmittelbar an der Sprengstelle. Die Gewalt der Explosion hatte eine kegelförmige Vertiefung in den Boden gerissen. Das darüber liegende Erz war, in größere und kleinere Stücke zerbrochen, wie aus einem Kanonenrohr emporgeschleudert worden. Reute sprach mit dem Sprengmeister und sagte dann kopfschüttelnd: „Ich fürchte, die Sachverständigen behalten recht. Im Verhältnis zu der Bohrarbeit und der Größe der Sprengladung ist die Erzausbeute hier verhältnismäßig gering. Wahrscheinlich werden die Arbeiten nach dem anderen Verfahren bessere Ergebnisse liefern. Kommen Sie bitte weiter." , ., Sie standen jetzt ungefähr in der Mitte des Kraters. Hoch zu ihren Häupten sahen sie ein kreisrundes Stück des tiesschwarzen Nachthimmels mit funkelnden Sternen besät. Wie ein leuchtender Kranz umgab es der Lichtschein, den die oben am Kraterrande stehenden Starklichtlampcn verbreiteten. , ,. Unter der Führung des Ministerialdirektors gingen sie weiter auf die gegenüberliegende Wand zu. Von allen Seiten her drang Maschinen- qeräusch zu ihnen und zweimal noch der Donner von Sprengungen, bevor sie die Kraterwand erreichten. Fast diametral lag die Stelle derjenigen gegenüber, von der aus sie ihre Wanderung angetreten hatten, und wieder stießen sie aus einen Fahrstuhl, doch diesmal war es em schwerer Lastenaufzug, der an die Förderschalen in Bergwerken erinnerte. Eine Weile mußten sie warten. Loren, voll beladen mit blinkenden Erzbrocken, rollten aus einem Gleis heran, wurden in die Förderschalen geschoben und verschwanden in schneller Fahrt nach oben. Endlich erklang ein neues Glockenzeichen, das Signal, daß die Anlage nun für Personenfahrt frei war. Sie traten in den Förderkorb, zwei Glockenschlüge, die Schale stieg empor. Meter um Meter versank der Boden neben ihnen in die Tiefe, Lichterglanz, ein scharfer Luftzug, die Schale hielt an, sie traten ins Freie und schauerten. Nach dem langen Aufenthalt in einer tropischen Temperatur standen sie plötzlich wieder in der eisigen Polarlust. „Unsere Pelze! Dumme Sache! Wir werden uns schwer erkälten", ries der lange Schmidt. Aber da sprang schon ein Arbeiter hinzu und reichte ihnen die Pelze, die sie zu Beginn ihrer Wanderung an der anderen Seite des Kraters abgelegt hatten. „Gut, gut! Aber einen Schnupfen werden wir uns doch noch holen , brummte Schmidt weiter. „Wir sind erst seit wenigen Tagen hier an der Arbeit, Herr Kollege , suchte ihn Reute zu beschwichtigen. Später wird von der Förderanlage ein geschlossener Gang zu den Aufbereitungswerken führen. Sie dürfen mir glauben, daß der starke Temperaturunterschied zwischen dem Krater- innern und dem Oberland uns schon ziemliches Kopfzerbrechen gemacht hat. Wir müssen unsere Leute mit allen Mitteln davor schützen, um Erkrankungen zu vermeiden." Der Weg führte sie weiter eine Bohlenbahn entlang zu einem Hallenbau. Er war in jener Holztechnik errichtet, die sich bei der Willeschen Station in zwei Polarwintern bereits so gut bewährt hatte. In einer Reihe standen dort gewaltige Dieselmotoren, die beiden ersten schon betriebsfertig, einer davon in vollem Lauf. Die folgenden noch In der Montage; für die letzten wurden eben erst die Fundamente gelegt. „Sie sehen hier unser Kraftwerk", schrie ihnen Reute in die Ohren, um sich in dem Lärm verständlich zu machen. Für den ersten Ausbau wollen wir mit 60 000 Pferden arbeiten." „60 000 Pferde? Für ein Kraftwerk nicht gerade viel", warf Dr. Wille ein. Reute lachte. „Für ein Kraftwerk ist es nicht viel, da haben Sie recht. Aber für ein Baukraftwerk ist's schon ganz anständig. Kommen Sie in einem Jahr wieder, wenn die Hüttenwerke fertig sind. Dann werden wir Ihnen mit einer halben Million Pferdestärken dienen können. Weiter ging ihr Weg vom Kraftwerk zu einer benachbarten Stelle. Hier war der Felsboden durch Sprengungen geebnet, und an die hundert Mann waren dabei, die Fundamente für das Hüttenwerk zu legen. Wille schüttelte verwundert den Kopf. „Unbegreiflich, Herr Ministerialdirektor, wie haben Sie das alles in der kurzen Zeit hierher geschafft? „Die Bauteile lagen schon seit mehreren Wochen six und fertig in Deutschland, Herr Doktor. Wir wollten später mit den Arbeiten beginnen. Als wir aber Ihre Absicht erfuhren, mit der motorisierten Station hierherzukommen, entschlossen wir uns, sofort zu handeln. Zweimal sind inzwischen acht Stratosphärenschiffe zwischen Deutschland und dem Südpol hin- und hergeflogen. Sechzehn Schiffsladungen entspricht das alles, was Sie hier gesehen haben. Aber bald werden es hundert Ladungen sein und in einem Jahr wird es hier ganz anders aussehen." * Von einer leichten Brise getrieben, machte das Boot, mit dem die beiden Amerikaner ihre Insel verlassen hatten, gute Fahrt. Garrison, der am Steuer sah, warf des öfteren Holzstückchen über Bord. „Was machen Sie da?" fkagte Bolton. „Ich versuche unsere Geschwindigkeit festzustellen. Nach meiner Schätzung läuft das Boot gut und gern vier Knoten. Wenn es weiter so bleibt, können wir in 24 Stunden Tahiti erreichen." „24 Stunden?" Bolton verzog das Gesicht. Drei Stunden waren sie nun unterwegs, immer höher war die Sonne herausgekommen und brannte unbarmherzig aus sie nieder. „Verflucht lange ist das." Bolton stand auf und suchte sich eine andere Stelle, wo ihm das Segel Schatten bot. Dort machte er sich's bequem. Bald verrieten seine tiefen Atemzüge, daß er eingeschlafen war. Weiter verstrich die Zeit, hoch stand die Sonne am Zenit, als die Stimme Garrisons ihn weckte. Nur langsam ermunterte er sich und schaute um sich. Glatt wie ein Spiegel dehnte sich die See, schlasf hing das Segel am Mast, kein Lüftchen regte sich mehr. „Was ist's, Garrison? Was wollen Sie?" „Flaute, Bolton! Seit einer halben Stunde liegen wir auf derselben Stelle." Er wies auf ein paar Holzstllckchen, die neben dem Boot im Wasser tagen. „Verdammt, Garrison! Was sollen wir jetzt machen?" „Wir haben zwei Möglichkeiten, Bolton. Entweder warten, bis wieder Wind aufkommt, oder die Riemen in die Hand nehmen und kräftig pullen." Bolton schüttelte den Kopf. „Ich danke schön! 150 Kilometer rudern, pfui Teufel!" Garrison zuckte die Achseln. „Ich glaube, wir können's ruhig ab- roarten. Gegen Abend wird die Brise wieder kommen." „Ganz meine Meinung", pflichtete Bolton ihm bei, „sparen wir unsere Kräfte für bessere Dinge auf." Garrison verließ seinen Platz am Steuer und suchte sich neben Bolton ein schattiges Fleckchen. Beide merkten, daß sie seit Stunden nichts genossen hatten und nahmen aus ihren Vorräten erst einmal eine ordentliche Mahlzeit zu sich „Wenn's so weiter geht", bemerkte Bolton nachdenklich, „bann kann's lange dauern, bis wir nach Tahiti kommen. Ich weiß nicht, Garrison, ob wir klug daran taten, die Insel zu verlassen ..." Eine plötzliche Bewegung des Bootes unterbrach feine Betrachtungen. Ein kurzer, jäher Windstoß fegte über die See daher, packte da. Segel und kegle das Boot schwer auf die Seite. Sofort war Garrtson wieder an seinem alten Platz und hantierte mit Steuer und Segelleine Die Brise kommt wieder", schrie er Bolton zu. Zweifellos war feine Bemerkung richtig. Wind kam wieder auf, ober aus einer anderen Dichtung wie früher, und das Boot ohne Kiel oder Schwert war kein Kreuzer. Notgedrungen mutzte Garrison es vor dem Winde laufen lchsen in einer Richtung, die fast rechtwinklig zu ihrem ursprünglichen Kurs stand Bolton merkte von dieser Aenderung nichts; er beobachtete nur mit Bergnllgen, datz sie schnelle und immer schnellere Fahrt machten. Desto größere Sorgen empsand Garrison. Blieben die Windverhältnisse noch lange so wie jetzt, dann wurden sie weit von ihrem Ziele ab- getrieben. Diese Ereignisse liehen ihm nicht Zeit, wester darüber nachzudenken denn von Minute zu Minute wurde der Wind starker. „RessenI Segel reffen!" schrie er Bolton zu. Mit der Möglichkeit, datz sie in einen Sturm geraten, daß schnelle Segelmanöver notwendig werden könnten, hotten sie bei der Fertigstellung ihres Bootes nicht gerechnet. Die Takelage war nur primitiv ausgefallen. Mit Mühe gelang es Bolton, die Leinewand einigermaßen zusammenzufalten und mit einem Tauende an den Mast zu binden. So wirkte es immer noch wie ein Sturmsegel, vor dem das Boot mit erheblicher Geschwindigkeit durch die gröber werdende See lief. Wie hatte sich die ewig sonnige blaue Südsee in kurzer Zeit verändert. Weitzge- mähnt jagten die Wellen heran, überholten das Boot, drohten jeden Augenblick, es vollzuschlagen und kentern zu lassen. Verzweifelt kämpften die vom Sturm Verfchlagenen um ihr Leben. Aus desti Boden des Bootes kniend war Bolton unablässig bemüht, die über die Bordwand schlagenden Wassermengen mit der größten Konservenbüchse, die er fassen konnte, wieder herauszuschöpfen. Alle Nerven und Muskeln äußerst gespannt, handhabte Garrison das Steuer, nur noch bemüht, das schwankende Fahrzeug von einer bis zur anderen Woge heil durchzubringen. Eine verlorene Nußschale war das Boot in der endlosen Wasserwüste, dem unvermeidlichen Untergang schienen seine Insassen geweiht zu sein.-- Die Zeit lief weiter. Schon senkte sich die Sonne nach Westen, als Garrison in der Ferne an der Kimme säst, wo Meer und Himmel sich berühren, etwas Dunkeles zu bemerken glaubte. Schärfer schaute er danach hin. Ein Rauchwölkchen konnte es sein, die Rauchfahne eines Dampfers vielleicht. Er ließ den fernen Rauchstreisen nicht mehr aus den Augen, während er gleichzeitig alle Aufmerksamkeit anwenden mußte, um das Boot durch die immer höher gehende See zu bringen. Erkannte dabei, an welch schwachem Faden ihre Rettung hing. Ganz ausgeschlossen war es ja, den Kurs irgendwie aus jene die Rettung bringende Rauchwolke zu setzen. Schon eine geringe Abweichung von der Richtung, die er einhielt, hätte ihm schwere Brecher über Bord und den sofortigen Untergang gebracht. Größer wurde die Wolke, schon vermochte er die schwarzen Umrisse eines Dampsers zu unterscheiden und, größer wurde auch die Hoffnung in seinem Herzen. Das fremde Schiff schien einen Kurs zu steuern, der ihren eigenen schneiden mußte. Er konnte nicht länger an sich halten. „Bolton", rief er, „Bolton, sehen Sie den Dampfer rechts voraus?" Der hielt mit dem Schöpfen inne und blickte in die Richtung, die Garrison ihm wies. Noch ehe er etwas sagen konnte, kam ein schwerer Brecher über Bord und durchnäßte ihn von oben bis unten. „Schöpfen Siel Schöpfen Sie, Bolton!" schrie Garrison verzweifelt. Immer kleiner wurde die Entfernung. Jetzt hatten die auf dem Dampfer wohl Segel und Mast des Bootes gesehen. Das Schiff änderte seinen Kurs und kam schnell heran. Garrison sah, wie Matrosen an der Reling winkten, Rufe und Worte drangen an sein Ohr, französische Laute schienen es zu fein. Wenige ausregende Minuten noch, bann lag der Dampfer neben dem Boot, ein Fallreep wurde heruntergelassen. Als erster griff Bolton danach. Als Garrison ihm folgte und seinen Fuß in eine Leitermasche setzte, faßte eine mächtige Woge das Boot, stürzte es um und riß es im Schaumgischt ihres brechenden Kammes mit sich. Erschöpft, durchnäßt. Schiffbrüchige, die nur noch das ihr eigen nannten, was sie auf dem Leib trugen, tarnen die beiden Amerikaner an Bord de: französischen Frachtdampsers „Fröjus", der sich auf der Fahrt von Tahiti nach dem australifchen Hafen Brisbane befand. — — Gastfreundlich wurden sie auf dem französischen Schiff ausgenommen. Ohne nach dem Woher und Wohin zu fragen, ließ der Kapitän ihnen eine behagliche Kabine anweifen. Ein Matrose brachte trockene Kleidung, ein anderer stellte ein Tablett mit Speisen und Getränken auf den Tisch. Garrison, der die französische Sprache beherrschte, sprach den Seeleuten seinen Dank dafür aus. Dann schloß sich die Tür, sie waren allein. „Uff!" stöhnte Bolton, während er sich die nassen Sachen vom Leibe riß, „das ging hart auf hart Ein bißchen anders und wir wurden Hai- fischsutter." „Schon gut, Bolton", unterbrach ihn Garrison, „wichtiger ist jetzt die Frage, was wir den Leuten vom .Fröjus' nachher erzählen wollen. Die werden doch natürlich wissen wollen, wie wir hierher geraten sind." „Furchtbar einfach, Garrifon! Wir werden den Leuten sagen, wie es gewesen ist. Wir werden ihnen den gemeinen Streich erzählen, den die Deutschen uns gespielt haben. Das sollen die Franzosen alles haarklein von mir zu hören bekommen, und ich werde ..." „Ein Glück, daß Sie nicht sranzösisch können", unterbrach ihn Garrison. „Es wäre die größte Dummheit, die wir machen konnten, wenn wir andern Leuten — noch dazu Franzosen — unser Abenteuer auf die Nase binden wollten." Erst mit Hemd und Hose bekleidet ging Bolton an den Tifch, mischte sich ein Glas Kognak und Soda und goß es in einem Zuge hinunter. „Ah, das tut gut! Hm, hm... Sie meinen also, Garrison, daß wir besser tun, uns über unsere Angelegenheiten auszuschweigen." Der so lange entbehrte Alkohol brachte sein Blut und seine Gedanken in Schwung. Lebhast fuhr er fort. Da müssen wir uns gleich eine glaubhafte Geschichte auÄdenken. Datz wir vom Himmel In die Südsee gefallen sind, können wir ihnen nicht erzählen. Aus welche plausible Weise konnten wir denn hierher gekommen sein?" . Garrison zwängte seinen Leib eben in einen blauen Sweater. Als fein Kops wieder zum Vorschein kam, antwortete er: , Selbstverständlich sind wir vom Himmel gefallen, Bolton. Merken Sie sich die Geschichte, falls man Sie auf englisch ausfragen sollte. Am 22. Angust haben wir in Adelaide ein Flugzeug gekauft, um bamit einen Forschungsflug über die Südsee zu unternehmen. Infolge einer Motorstörung muhten wir nach 40 Stunden niedergehen ..." „Sie meinen in der Antarktis damals, Garrifon?" unterbrach ihn $OltUnfinn, Bolton! Die Antarktis hat in unserer Geschichte gar nichts zu suchen Bei einer einsamen Insel in der Südsee mußten mir nwdergehen. Unser Flugzeug wurde von der Brandung zerstört. Es gelang uns, an Land zu kommen. Im Lause mehrerer Wochen haben wir uns bann ein Boot gebaut, um damit Tahiti zu erreichen. Von unserer angeblichen 'Notlandung an erzählen wir die Geschichte so, wie sie wirklich gewesen ist. Desto weniger lausen wir Gefahr, uns zu verheddern und widerstreitende Angaben zu machen. Sind Sie jetzt im Bilde?" Bolton nickte und mischte sich einen zweiten Soda-Kognak. --- Mit Interesse hörte Kapitän Monsieur ßemaitre den Bericht der beiden Schiffbrüchigen und bat sie, sich auf der „Fröjus" bis zur Landung in Brisbane wie zu Hause zu fühlen..Mit sehr gemischten Gefühlen vernahmen die Amerikaner, daß die Reise bis dorthin noch rund vierzehn Tage beanspruchen würde. Zwei lange Wochen, die noch verstreichen mußten, bevor sie wieder etwas in der Angelegenheit unternehmen konnten, auf die beide jetzt mehr denn je versessen waren. Erfreulicherweise befand sich wenigstens eine Funkanlage an Bord, und Monsieur Semaitre ließ es sich nicht nehmen, die Nachricht in die Welt hinauszusunken, daß seine opfermutige Mannschaft zwei amerikanische Forscher gerettet habe und mit nach Brisbane bringe. Der Funkspruch wurde in Australien ausgenommen. Mit dem Zusatz, daß man nun über das Schicksal der so lange als verschollen betrachteten Amerikaner nicht mehr in Sorge zu fein brauche, gab ihn der Kurzwellen- sender von Melbourne weiter. Von vielen Stationen der Erde wurde die australische Sendung empfangen. Auch Rudi Wille hörte sie an seinem Apparat und schrieb sie nieder. Verwundert ging er mit dem Radiogramm zu seinem Vater und Dr. Schmidt, und bei denen loste es ein schweres-Rätselraten aus. Wie ließ sich diese Nachricht aus Australien mit jener anderen zusammenbringen, datz ,St 8‘bie beiden Amerikaner bei Neapel abgefetzt habe? Ein Depeschenwechsel entwickelte sich daraus, der den Herren in Bitterfeld noch mancherlei Kopfzerbrechen verursachen sollte. Kapitän ßemaitre hatte die Amerikaner eingeladen, an den regelmäßigen Mahlzeiten in der Offiziersmesse der .Frejus' teilzunehmen. Es war um die Mittagszeit des dritten Tages. An dem langen Tisch in der Messe faßen die Steuerleute und Ingenieure des Dampfers beisammen, als der Funker in die Messe kam und ein Radiotelegramm vor Kapitän ßemaitre hinlegte. „ „ Der las es und brach in ein schallendes Gelächter aus. „Das Neueste aus Deutschland, meine Herren. Deutschland hat ein Gebiet in der Ant- arttis in Besitz genommen und zu einer deutschen Kolonie erklärt." Schon während der letzten Worte wurde das Gelächter am Tisch allgemein. Worte flogen dazwischen hin und her ... armes Deutschland ... eine Kolonie am Südpol ... in Schnee und Eis ... Nacht und Kälte ... sind sie ganz toll geworden, die Deutschen, ober bezwecken sie etwas damit? Zwei Menschen beteiligten sich nicht an diesem Geschwätz und Gelächter. Bolton ... weil er den französischen Text des Radiogramms nicht verstanden hatte ... und Garrison, weil ihm der Herzschlag zu stocken drohte, als er den Funkspruch hörte. „Warum zum Teufel setzen sich jetzt plötzlich die Boches dort fest? fragte ßemaitre. „Irgendeinen Zweck müssen sie doch damit verfolgen". Ucber diesen Zweck hätte Garrison nun dem Kapitän ßemaitre in der Tat mancherlei sagen können, aber er zog es vor, die Achseln zu zucken und zu schweigen. Mit Ungeduld sehnte er das Ende der Mahlzeit herbei, um sich unter vier Augen mit Bolton über die neue Situation auszusprechen. — Kaum waren die Amerikaner in Ihrer Kabine allein, als Garnison mit dem eben Gehörten herausplatzte. Aus Bolton wirkte die Nachricht wie ein Keulenschlag. Stumm hockte er auf feiner Koje, unfähig etwas zu sagen, kaum fähig etwas zu denken. „He, Bolton! Reden Sie doch endlich, sprechen Sie doch auch ein Wort!", schrie ihn Garrison an. Der preßte den Kopf in beide Fäuste und brachte ein dumpfes Stöhnen hervor. Nur allmählich ordneten sich seine Gedanken. Einem Schatz war er aus der Spur — einem Schatz, so groß — jo unermeßlich, daß alle Reichtümer der Welt dagegen verblassen mußten — fast greifbar nahe hatte der Schatz vor ihm gelegen — und nun — nun waren andere gekommen — Verbrecher — hatten ihm feinen Schatz geraubt — Mit einem rauhen Schrei fprang er auf. Schweigend faß Garrison auf der Bonk unter dem Bulley und beobachtet ihn, wie er ruhelos wie ein wildes Tier in der Kabine hin und her lief. Flüche, wilde Verwünschungen kamen aus seinem Munde, Haß und Wut verzerrten sein Gesicht. Garrison traute sich nicht, ihn anzusprechen, in diesem Augenblick hatte er Furcht vor ihm. Mit einem Ruck blieb Bolton plötzlich mitten in der Kabine stehen. „Ich werde funken, Garrison! Sofort an unfern Präsidenten Junten —“ „An den Präsidenten? Was wollen Sie ihm —", wagte Garrison einzuwerfen. „... dagegen proteftieren", brüllte Bolton ihn nieder, „daß zwei Bürger der amerikanischen Union von Deutschland um ihre Entdeckung bestohlen werden." — (Fortsetzung folgt.) Ich und du. Don Friedrich Hebbel. Wir träumten voneinander und sind davon erwacht, wir leben, um uns zu lieben, und sinken zurück in die Nacht. Du tratst aus meinem Traume, aus deinem trat ich hervor, wir sterben, wenn sich eines im andern ganz verlor. Auf einer Lilie zittern zwei Tropfen rein und rund, zerfließen in eins und rollen hinab in des Kelches Grund. Arche Mario. Von Mario Heil de Brentani. Ich will dem alten Noah keine Konkurrenz machen. Er hat den Ruhm, die weitaus umfangreichste Menagerie aller Zeiten besessen, und S durch die tollsten Wolkenbrüche hindurchgesteuert zu haben. Die Arche ario war wesentlich bescheidener. Sie rettete weder der kreuchenden, noch der fleuchenden Welt das Leben und landete nicht auf dem Berge Arrarat, sondern im — Mülleimer. Und das kam so: Eines Tages muhte ich — der Quartaner — meine Zucht schwarz- weih-gefleckter Ratten der starken, allmählich die ganze Wohnung meiner Eltern durchdringenden zoologischen Gerüche wegen unter heftigen Tränenausbrüchen zur Liquidation geben. Liquidator war Herr August Müller, der Inhaber der Zoologischen Handlung gleichen Namens. Herr Müller, den wir seiner Quellaugen wegen „Mister Ochsenfrosch" nannten, drückte mir väterlich vier blanke Dreimarkstücke in die Hand und erteilte mir die Erlaubnis, jeden Tag in seine Handlung zu kommen und „solang' der kleine Vorrat reicht" meine Lieblinge mit Zucker und Rosinen — ihrer Lieblingsspeise — zu füttern. Nach drei Tagen waren die Ratten verkauft. Der Ochsenfrosch sah meine Enttäuschung und quakte mich freundlich an: „Laß' dir doch von deiner Mutti ein paar andere Tierchen schenken, z. B. dies junge Zwergkaninchen. Echt afrikanisch und kostet nur vier Mark!" Ich schluckte meine Tränen herunter und erklärte, vier Mark seien zuviel, da wollte ich erst warten, bis das Zwergkaninchen Junge bekäme, die seien dann billiger. Aber August Ochsenfrosch glotzte mich an: das ginge doch, gar nicht, das Kaninchen fei ein Männchen, und ein Weibchen dazu habe er nicht. Aha, dachte ich, das ist bestimmt wieder so ein kaufmännischer Trick. Warum soll denn ein einzelnes Kaninchen keine Jungen kriegen I Meine Rattenpärchen hatte ich sogar immer trennen und umquartieren müssen. Sonst wären die Kleinen gefrühstückt worden. Aber süß war das Zwergkaninchen doch ... Man müßte Onkel Ernst und die Schwester Rita dafür interessieren; denn die zwölf Mark sind ja für einen neuen Hut zum Geburtstag für Mutti bestimmt. Ich habe schon in einem Warenhaus nachgefragt, da gibt es bereits für eine Mark und fünfzig Pfennig schöne Hüte; wenn ich acht verschiedene Hüte zu je einsfünfzig nehme, hat Mutti für ihr ganzes Leben genug! „Reservieren Sie mir das Kaninchen!" besah! ich August Ochsenfrosch. Dann beschloß ich, die zwölf Mark sofort in Hüten für Mutti anzulegen. Im Warenhaus wollte mir die Verkäuferin gar keine richtigen Damenhüte zeigen. Sie guckte mich dumm an und versuchte, mir Kinderhüte und Mützchen aller Art auszuschwatzen. „Willst du den Hut deiner kleinen Freundin schenken. Kleiner?" — „Nein!" erklärte ich klipp und klar, „Meine Mutti hat Geburtstag, und ich schenke ihr acht Hüte, das Stück zu eins fünfzig, und recht bunt, das macht genau zwölf Mark." Die Verkäuferin war geschlagen. Sie konnte sich der Logik meiner Ausführungen nicht verschließen und stapelte Berge von schönen bunten Hüten auf/Jch sah mir das Fräulein an. Das trug eine ähnliche Frisur wie Mutti, und ich mutmaßte, daß sie auch ungefähr einen gleich großen Kops haben müsse. Gut, sollte das Fräulein die Hüte anprobieren! Stück um Stück! Der Geburtstag von Mutti war dann sehr schön. Die Hüte lagen, zu einer kleinen Pyramide aufgeschichtet, auf dem Geburtstagstisch, und Mutti tat mir den Gefallen und setzte einen nach dem anderen auf. Aber Mutti sah unter den Hüten gar nicht aus wie Mutti, sondern wie Marie am Sonntag, wenn der Schupomann sie unten an der Straßenecke abholt .. Und darum brachte Mutti alle Hüte wieder ins Warenhaus zurück und kaufte mir mit dem Geld ein wunderschönes Schilderhaus, in dem man richtig stehen konnte, schwarz-weiß angestrichen, mit einem roten Dach. Aber Spielsachen müßen leben, dachte ich und bestürmte Onkel Ernst und die Schwester Rita. Die ließen mich auch nicht lange betteln und kauften mir bei August Ochsenftosch das Zwergkaninchen. Und weil August gerade so schöne Feuersalamander hereinbekommen hatte, auch ein Pärchen von diesen Tieren. Und weil Onkel Ernst seinen guten Tag hatte, bekam ich noch eine Schildkröte dazu. Noch am gleichen Tage legte ich das Schilderhaus auf den Rücken, zwängte ihm drei Kistenbretter und Pappdeckel in den Bauch und schlug Gucklöcher in die Seitenwände. In jedes Abteil kam ein Logiergast. Villa Salamander wurde mit Erde, Wassernäpfchen und Grünpflanzen ausgestattet und erhielt in der Mitte ein besonderes Schmuckstück in Gestalt einer ausgedienten Puppenbadewanne. Die Schildkröte bekam ein ähnliches Domizil und das Kaninchen Heu und Salatblätter. Jetzt fehlte nur noch ein Gast für das vierte Hotelzimmer. Ich schwankte bei der Wahl zwischen einem neugeborenen Kätzchen von Nachbars Mieze und lebendgebärenden Zwergkarpsen. Aber schließlich sind Katzen nicht geruchlos, und ein Aquarium muß wasserdicht sein! Da fiel mir ein, daß es in der Nähe ein Geschäft gab, in dessen Schaufenster künstlich ausgebrütete Küken herumspazierten. Für fünfzig Pfennig, die mir Rita ä conto meines Taschengeldes geben mußte, erstand ich das reizende goldgelbe Hühnerbaby und bekam noch eine Tüte mit Futter dazu. Als meine Eltern des Abends den Zoologischen Garten erblickten, waren sie sprachlos. Papa fuchtelte zwar völlig fassungslos mit den Armen in der Luft herum, dann aber entschied Mutti, daß die ganze Bescherung sofort auf den Hinteren Balkon der Wohnung zu verschwinden habe. Im Winter werde man die Menagerie natürlich nicht behalten können, aber bis dahin war ja noch lange Zeit. Nach drei Tagen kam Onkel Ernst zu uns. Mutti sah ihn sehr merkwürdig an und sagte, sie hätte bei ihrem jüngeren Bruder mehr Verstand vorausgesetzt. Worauf der einen roten Kopf bekam und gleich wieder gehen wollte. Aber das ließen wir nicht zu. Er mußte mit Rita und mir „Arche Noah" spielen. Darin hatte Onkel Ernst anscheinend große Erfahrung, denn er erklärte mir, die Pappwände sögen das Wasser in sich auf, und auch die Kistenbretter seien überflüssig. Die Tierchen täten einander nichts zuleide. Und ob ich denn nicht wüßte, daß Kaninchen keine Salamander fressen und Schildkröten keine Küken beißen. Im übrigen sei es für die Tierchen furchtbar langweilig, so allein zu sein. Jetzt begann ein trautes Familienleben in der Arche. Die Schildkröte wandelte in ihrem ewig gleichen Zeitlupentempo zum Kaninchen und steckte den Kopf unter dessen Pelzchen, das Küken hüpfte piepend auf den Salamandern herum und ftaß ihnen die Mehlwürmer weg, und sogar den großen Laubsröschen, die ich „August 1" und „August 2" getauft und den Salamandern beigesellt hatte, begegnete nichts, was ihrer zarten Gesundheit abttäglich gewesen wäre. Auf eine Seitenwand der Menagerie aber malte Onkel Ernst mit roter Farbe die Worte: „Die Arche Mario". Ich bin der Arche Mario ein ganzes Jahr lang ein treuer Noah gewesen. Im Winter hielten die Salamander und die Schildkröte ihren Winterschlaf und störten somit niemanden. Das Kaninchen war in der Zwischenzeit zum allgemeinen Familienliebling geworden und bewohnte weiterhin das Schilderhaus. Nur Bubi, der stubenreine Hahn, der längst nichts Kükenhaftes mehr an sich hatte, kam aufs Land zu einer befreundeten Landpastorenfamilie. Der geistliche Herr mußte mir einen Eid schwören, daß er Bubi einen heiteren Lebensabend bescheren würde und ihn vor hinterlistigen Mordversuchen der Köchin schützen müsse. In der ersten Zeit spazierte der Herr Großstadt-Hahn zwar jedesmal, wenn die Haustüre des Pfarrhauses offenstand, ins Wohnzimmer, um es sich auf dem Plüschsofa gemütlich zu machen, statt seiner zahlreichen Gattinnen zu achten. Später gewöhnte er sich aber in feine neue Rolle und wurde ein vorbildlicher Familienvater. Als sich die Bretter der Arche Noah unter der Einwirkung der täglichen Bäder meiner Schutzbefohlenen zu verbiegen begannen, wurden die Frösche und Salamander nebst der langweiligen Dame Schildkröte wieder zu August Ochsenftofch gebracht; der zahlte einen Bruchteil der Summe dafür, die er beim Kauf erhalten hatte, und fand damit mein volles Verständnis: Die Tierchen waren ja gewissermaßen „gebraucht". Geburt der preußischen Magna Charta. Von Herbert Blank. Der schneewirbclnde Ostwind dieses Dezembers Anno 1722 jagte über die Wälder der Schorfheide, pfiff um das kleine Jagdschloß Schönebeck. Einige Denker saßen fröstelnd um den Kamin, gähnten, langweilten sich, blickten mißmutig durch die Fenster auf die Schneelast der Bäume. In einem der Zimmer saß ein Mann und schrieb. Schrieb mit kurzen wuchtigen Stößen, füllte Bogen um Bogen. Der Mann hatte eine Schreib- schürze vor den Leib gebunden, und hin und i ieder ließ er den Gänsekiel im Tintenfaß stehen, um die Aermelschützer zurückzuschieben, die infolge seiner eckigen Bewegungen, ausgelöst durch die innere Erregung, zu ver- ruffchen drohten. Es war Tag, Nacht und wieder Tag; der König saß und schrieb. Die Bogen häuftei/sich, zerrissene Buchstaben, wie hingeschossen, füllten das steife Kanzleipapier. Für alles, was sonst im Schloß, in den engen Räumen, Hausen mußte, war es ein trübselig-stumpfsinniger Dezember; für den arbeitenden König, für Friedrich Wilhelm L, Monarchen in Preußen, waren es die erhebendsten Stunden. Unbewußt erhebend wie immer, wenn dieses Mannes geniales Hirn in höchster Spannung arbeitete, wenn dies immer von letzter Leidenschaft gejagte Tun des gewaltigsten Organisators Form und Gehalt erhielt. Wenn er das eminente Gerüst erspürte, das er aufzurichten im Begriff war: Preußens Staat. Dies aber, dies hier auf den Bogen, war das Größte. Er selbst hat es später als seine „Verfassungsurkunde" bezeichnet. Im Januar des neuen Jahres kehrte der König nach Potsdam zurück und befahl sofort den Kabinettssekretär Thulemeier zu sich. Thulemeier möge am nächsten Tage, einem Sonntag, nachmittags um zwei Uhr zu ihm kommen, mit gutem starkem Papier und „schwarzem, silbermeliertem Heftfaden". Thulemeier erschien auf die Minute — wehe ihm, wenn anders! —, und nun diktierte der König den Entwurf von Schönebeck. Diktterte Tag um Tag, verbesserte, feilte an jedem Wort herum, um es so klar als möglich hinzustellen, denn allen Staatsdienern sollte es eingehen bis aufs letzte Komma. Am 19. Januar 1723 waren dann des Königs Minister, die Räte der beiden hohen Regierungsbehörden, des Generalkriegskommissariats und des Generalfinanzdirektoriums, vor dem König versammelt. Der Minister Ilgen verlas ein Vorwort; es war ein prasselndes, hier und da mit Blitz einschlagendes Donnerwetter, und des Königs Zorn entlud sich über die letzten zehn Jahre, wo nach seiner Ansicht vom Minister bis zum letzten Zollbeamten olle nichts Gescheites getan (und dabei hatten sie doch alle, von diesem Machtmenschen gejagt, stets mit höchster Kraft gearbeitet). Dann erfolgte die Verlesung der in Schönebeck geborenen Jnstruktton. Sie 4 Deranrioortltch: Dr. Hans Thhriot. Druck und Derlag: Brühl'lche Untversttätö-Duch. und Steindruckerei. A. Lange. Gießen. war einfach wie alles Große, gewissermaßen das preußische Columbusei. Die bisher sich wiederstreitenden Behörden des Generalkriegskommissariats, welche die für das Heer bestimmten Steuern eintrieben und dessen Belange wahrten, sowie die Aemter des Domänendirektoriums, welche das platte Land betreuten, die sich beide bisher in den Haaren gelegen, zum Schaden des Staates, wurden miteinander vereinigt. Die neue Spitze hieß: das General-Ober-Finanz-Kriegs- und Domänen-Direktorium oder kurzweg Generaldirektorium. In 34 Artikeln, von denen manche zwanzig bis dreißig Paragraphen hatten, wurde Preußen neugeformt. — Dies war nicht am Schreibtisch erwachsen, wie alles Organische war es langsam gereift, und die ersten zehn Regierungsjahre des Soldatenkönigs waren Probe und Anlauf gewesen, bis zu dem entscheidenden Tage von Schönebeck. Ilgen führte die Beamten sofort in ein Haus, das als Sitz des neuen Generaldirektoriums bestimmt war, übergab jedem eine Abschrift, und dann nahm der König allen den Eid ab, ein Zeichen, daß er sich der Wichtigkeit der Stunde bewußt. Am nächsten Tage wurde nochmals alles tm Schloß versammelt, um die Instruktionen auszuarbeiten für die Unterbehörden. Es durfte niemand das Schloß verlassen, bis die Arbeit beendet war, und der König hatte bis ins kleinste hinein ihre Verpflegung für diese Klausur geregelt. Für jeden mußten vier Gänge Essen bereitstehen, aber es durste stets nur ein Lakai im Raum sein, und in der Ecke wurde ein großer Korb aufgestellt für das unreine Geschirr. So war er gesonnen «nd beschaffen: von der großen Staatsreform bis zu diesem Geschirrkorb, alles übersah und ordnete er mit der gewaltigen Zuversicht eines Willenmenschen, der nichts dem Zufall überlassen will noch darf, dieweil ja eben dieser Staat gegen alles gewappnet sein muhte. Wäre dies nur eine Verwaltungsreform gewesen, sie verdiente nicht den Namen einer preußischen Magna Charta. Aber nicht das Papier, sondern was dahinterstand, gab den Ausschlag. Das war das Neue: Wer im Generaldirektorium sich nur um eine Stunde verspätete, hatte hundert Taler Strafe zu zahlen, und wer eine ganze Sitzung ohne entschuldbaren Grund versäumte, verlor ein halbes Jahresgehalt. Bestechlichen winkte nicht nur die Festung, sondern sie wurden an die Karre geschmiedet. Als der Kriegsrat von Schlubhuth, angesehene ostpreußrsche Familie, einige tausend Taler Siedlungsgelder unterschlug, wurde er im Beisein des Königs gehängt. Das drang nun nach unten, bis zum Manne an der letzten Zollschranke bei Wesel oder Memel. Und als der König eines Tages in Gesellschaft die Rätselfrage stellte, wer in seinem Lande am glücklichsten sei, da beantwortete er diese Frage selbst mit den klassischen Worten: „Wer weit von ihm an einer Grenze etwas zu befehlen habe, wenig mit ihm zu tun und ihn immer erst nach drei Jahren sehe und es mit gutem Gewissen könne." An dieses Jahr 1723 hatBismarck wohl gedacht, als er eines Tages es aussprach: „Revolutionen werden bei uns immer von oben gemacht." Dies war eine königliche Revolution gewesen. Dieser schreibende Mann mit der Schürze in der Winterstille von Schönebeck schuf aus einem Zu- [allsbilde den zum höchsten Schicksal ausgerichteten Staat, formte aus Intertonen, Siedlern und Emigranten die Preußen. In der Instruktion war verankert, was von nun ab jedem in diesem Staat zukam: dem König ebenso wie dem kleinsten Kolonisten bei Insterburg. Alles stand im Etat oder in dem quasi in Preußisch-Blau gebundenen unsichtbaren Ehrenkodex. Jedem das Seine! Das Generaldirektorium als Behörde hat hundert Jahre gewirkt, dann ist es durch die Stein-Hardenbergsche Reform abgelöst worden. Das Generaldirektorium als preußische Verfassung, als die gewaltigste Waageschale für Rechte und Pflichten, besteht noch heute. Begegnen mir heute einem Briefträger, so sollten wir eigentlich jedesmal den Hut ziehen. Denn er trägt immer noch das blaue Stück Tuch, in das der König zum erstenmal sich und alle seine Beamten kleidete, in das er sie hineinzwang. So wie er sie alle hineinstellte in den preußischen Orden. — Was in Schönebeck geschaffen, klar, groß, einfach, das wird auch noch tm kommenden Jahrhundert mitzureden haben, Mitwirken an der Gestaltung der Geschicke. —„Preußen ist kein Mythos, sondern eine Ausgabe Kathedrale. Madrid ist die unspanlschste aller Städte eines großen, reichen, herrlichen und frommen Landes. Bismarck wurde einmal gefragt, welches Land in Europa er für das reichste halte. Er sagte: „Spanien. Wissen Sie auch warum? Weil ein Land, das durch Jahrhunderte so schlecht regiert wird und bestehen bleibt, unermeßlich reich sein muß." Spanien wird aus Madrid regiert. Und Madrid hat keine Kathedrale. Der Baedecker und das halbe Dutzend Reiseschriftsteller, die in Spanien waren, schweigen darüber. Rings dehnt sich die Steppe der kastilischen Hochebene. Unweit beginnt die trostlose Mancha mit den Windmühlen des Don Quichote. Der Bach mit dem romantischen Namen Manzanares nennt sich Rio, hat aber keinen Anspruch darauf. Warum wurde diese Stadt Mittelpunkt eines großen Landes? Weil sich Philipp II., der in Toledo residierte, mit der Geistlichkeit zerstritt und Madrid 1561 als „unica corte" erklärte. (Er wohnte aber lieber im Escorial.) Damals hatte die Stadt 25 000 Einwohner. Heute hat sie über eine Million Menschen, die kaum etwas von der kleinen maurischen Stadt Madschrit wissen, die sich im zehnten Jahrhundert am Manzanares bildete. Aber die Stadt ist anscheinend noch immer nicht fertig. Ueberall wird gebaut, werden Brücken geschlagen, Denkmäler errichtet, der Asphalt aufgerissen. Madrid ist ebenso im Werden wie das Land, dessen Führer so uneinig sind, daß eine Revolte der anderen folgt. Die Straßen der hügeligen Stadtteile steigen an und senken sich unvermutet. Sie sind schmal und farblos. Alle führen sie zu einem Mittelpunkt, der zugleich Spaniens Mittelpunkt ist: Die Puerta del Sol. Ein großer Platz, in den neun enge Gaffen und die breite Calle Alcalä münden, von der wieder die Gran Via abzweigt. Rasend ist hier der Verkehr. Straßenbahnen klingeln, Autos hupen schrill. Menschen drängen sich bis in den grauenden Morgen — aber auch der Maulesel trottet geduldig, schwerbeladen, zwischen stürmisch daherrollenden Auobussen und Taxis dahin. Parkanlagen dehnen sich breit östlich und westlich der Stadt. Hier ist der „Retiro" mit Alleen, Teichen, Monumenten und Hecken. Auf der anderen Seite liegt der Königliche Garten mit dem hochragenden Palacio Real. In der Mitte liegt die moderne, baumlose, geschäftige Wolkenkratzerstadt. Düstere Ministerien, Kirchen mit überladenen Portalen, Banken mit Marmorfassaden und Hotels mit korinthischen Säulen erdrücken einander. Türme mit fünfzehn Stockwerken drängen in der Gran Via zum Himmel. * Madrid -ist Spanien, wo es spekuliert, politisiert, Gesetze verfaßt und Wissenschaft treibt, wo Revolutionen gemacht werden und der Champagner fließt, wo fein Hof war und jetzt fein Präsident wohnt. (Nicht im Palacio Real, sondern gegenüber.) In Madrid leben Spaniens große Dichter, Musiker und Maler. Vornehmlich jene Künstler, die nicht „spanisch" sind, sondern ihre Augen und Ohren nach Paris gerichtet haben und jene Politiker, die weit hinweg über Europa nach Rußland blicken. Madrid ist aristokratisch, weil hier die Ministerien und die Regierung, die Gesandtschaften und die großen Banken sind, es- ist sozialistisch, weil hier der arme Arbeiter unter die Räder von Luxusautos kommt. Klein, schlank, beweglich und lebhaft ist der Madrilene, selten heiter, ein wenig feierlich. Die Frauen tragen hier weit weniger als im Süden die Montilla über dem blauschwarzen Haar, aber auch hier haben sie wenig Freiheiten. Man trifft sie kaum in einem der vielen Cafes, selten allein auf der Straße. In den Theatern Madrids kann man oft ganze Parkettreihen nur von Männern besetzt sehen, die sich immer in Schwarz kleiden. Madrid ist eine Männerstadt. Im Hotel Alfonso — früher hieß es Alfonso XIII., der bequeme Spanier hat nur die Ziffer übermalt, als die Republik kam — wird die Halle gestrichen. Es ist Frühstückszeit, man will in Ruhe den Kaffee trinken — die Arbeiter kümmern sich nicht darum auf ihren Leitern. Sie lachen, schwingen die nassen Pinsel, pfeifen ein Liedchen. Der Fremde schüttelt erstaunt den Kopf. Der kleine grauhaarige Portier lacht nur darüber. Er war zwanzig Jahre in Berlin, London, Paris, aber er ist Spanier gebfieben. Er wäre es auch nach fünfzig Jahren geblieben. Der Spanier assimiliert sich niemals und nirgends. Darin liegt seine Stärke — und auch seine Schwäche. Denn warum ist Madrid sicherlich eine reizvolle Stadt, aber irgendwie unecht? Weil sie amerikanisch sein will oder französisch und nicht spanisch. Was aber den Madrilenen nicht hindert, auf seine Stadt fo stolz zu fein, wie es nur ein Spanier sein kann. Er sagt: „De Madrid al cielo y en el cielo un ventanillo para ver a Madrid“ (Von Madrid in den Himmel und im Himmel ein Fenfterchen, um auf Madrid zu schauen.) Er meint das Madrid Goyas und nicht das der Anarchisten das Madrid der Stierkämpfe und nicht das der Untergrundbahnen, er meint die offenen Cafes, in denen die Caballeros stundenlang dasitzen und auf die Passanten schauen, das Gewimmel der Losverkäufer, Schuhputzer, Obst- und Vlumenverkäufer, der Straßenfänger und Bettler. Es ist wahr: Auch die Straße in Madrid ist spanisch. Torero und Maulesel, Spitzenmantilla und der Nachtwächter Sereno — auch vor dem Wolkenkratzerhotel sind sie anzutreffen. Im Prado ist Spanien in seiner ganzen Herrlichkeit. Die Sala de Velasquez, die Goya- Rotunde, der Greco- Saal und die M u r i l l o s , R i d e r a s — vor den Bildern der großen Spanier öffnet sich einem die Welt ihrer Heimat. Madrid hat den Prado. Er lohnt eine Pilgerfahrt. Das .Spanien der Oper" suche man nicht hier. Dort gibt es keine Wolkenkratzer Madrid. Von Heinrich B. Kranz. Copyright by I. L. A., Wien. ^autelnden Straßenbahn hängt ein Reklameplakat. Ein rfJkt a16. ma9erer Mcmri und eine entsetzlich dürre Frau. Darunter |tel)t: Antes de tomar el Chocolate de Lopez Matias" (Vor dem Schokolade des Lopez Matias) Daneben ein erschreckend b der Mann und eine entsetzlich wohlgenährte Frau Darunter: „Des- Chocolate de Lopez Matias" (Nach dem Genuß ein ä ’ t' des Lopez Matias). Man sieht also, daß in Spanien i° "'el gilt wie die Ehre oder die Tugend. Madrib- Stadt hat ,hr Gesicht, es ist spanisch. Nur das Gesicht Madrids it anders. Wenn auch die Schokolade des Lover Matias hier ebenfo geschätzt wird wie in Sevilla, nein - Madrid ist doch anders -ine Großstadt. Madrid hat Wolkenkratzer und Unter- grunbbabnen, hat Aveniden und Bankpaläste aus Marmor hnt Spaniens wenn auch (ein Mittelpunkt $ 5 ^er$ »’ÄW» »wä ä