GietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1935 Hreitag, -en 6. Dezember Nummer 95 Lars der Gerechte Roman von Wilhelm Scharrelmann 3. Fortsetzung. Sie war schon hinaus, ehe Lars sie zurückhalten konnte, und nun hals keine Widerrede, er mußte essen und trinken, ausgehungert und müde, wie er war. Lächelnd begann er dann von Hause zu erzählen, von Jan und Lena, von der Kuh und den Hühnern, und vor allem von Hoppla. Schade, daß Lars nicht mit ihm vorgefahren war. Dort hätte er so gut einmal auf die Straße schlüpfen, ihn ein wenig tätscheln und ihm ein Stück Zucker ins Maul schieben können... Ja, es war wirklich eine Erlösung für Lars, einmal alles vergessen zu können, was ihn in der letzten Zeit bedrängt hatte, und er war beinahe fröhlich gestimmt, als er eine Stunde später wieder angespannt hatte und durch den Abend nach Hause fuhr. Sogar ein Gläschen Schnaps hatte er sich genehmigt und gemeint, daß er das nach dem anstrengenden Tage und bei der langen Fahrt, die ihm bevorstand, wohl verantworten könne. Na, es waren dann zwei geworden, gewiß, aus einem Bein war nun mal nicht gut stehen, und so ein Schluck brachte das Blut in Bewegung und hielt warm, wenn er nun an die fünf Stunden auf dem Wagen sitzen mußte und mit Hoppla langsam nach Hause zockelte. Er wäre auch hinterher gern noch einmal eingekehrt. Aber jedesmal, wenn er vor ein Wirtshaus kam, überwand er sich und schob es bis zum nächsten hinaus. Aber nach ein paar Stunden war er so durchkältet, daß er doch noch einmal halt machte. Auch sollte sich sein Pferd ein wenig verschnaufen, und von ein paar Gläschen würde er nicht ärmer werden. Als er endlich heimkam und Hoppla die Leine über den Rücken werfen konnte, war er. so heiter, daß er beinahe ein Liedchen angestimmt hätte. Es war so herrlich, Haus und Herd zu haben und sein eigener Herr zu sein, und wenn er gleich ins Haus trat, würde er sich hinter eine Pfanne mit Bratkartoffeln setzen und Lena von allem erzählen, was ihm in der Stadt begegnet wär, und ihr die Sachen zeigen, die er für sie eingekauft hatte. Er sah schon, wie sie alles aufmerksam betrachten würde. Zwirn und Nadeln, Schuhbänder und Knöpfe — und erst, wenn sie mit allem zu Ende war, wollte er das kleine Paket an den Tag bringen, mit dem er sie nicht wenig zu überraschen hoffte. „Nein", würde sie rufen, „so eine Verschwendung, Lars!" und lächeln und den Stofs für die Bluse über die Schulter halten und sich im Spiegel betrachten. „Hallo!" schrie er übermütig, als er die kleine Seitentür zum Flett aufklinkte und in seiner Freude den kleinen Sack in die Höhe hielt, in den er seine Pakete gesteckt hatte. Aber im nächsten Augenblick blieb er stehen, als hätte ihn der Schlag gerührt. . Ein kaltes, saugendes Gefühl war ihm in Knie getreten, und das Herz stockte ihm in der Brust. War es denn möglich? — Das — das war doch Krick, der da vor Lena am Herdfeuer saß? ,r „Ja, da wunderst du dich, wie? fragte Krick, ohne von seinem «tuhle aufzustehen. . Lars antwortete nicht. Ihm war, als könne er die Fuße nicht mehr vom Boden kriegen. War es denn möglich? Immer hatte er es gefürchtet — nun war er gekommen. „Na", sagte Krick und lächelte höhnisch, „freuen tust du dich nicht gerade, das merke ich." . ... .. , „ „ Es ist nur — du kannst einen wirklich überraschen muß ich sagen , antwortete Lars und schloß die Tür hinter sich. „Zum Teufel auch, ohne ein Wort bist du mit einem Male da." Ja das ist so meine Art", grinste Krick. „Du meinst wohl, ich hatte mich erst bei dir anmelden sollen, wie? Du bist mächtig vornehm geworden, seitdem du hier als Großbauer auf dem Deinen। ftfeeft , Ich bin kein Großbauer", entgegnete Lars und überhörte absichtlich den Spott in Kricks Worten. „Das kannst du doch mit einem Blick sehen. Ein kleiner Ansitzer bin ich, und das Feld beim Haus isl nicht so groß, wie es sein sollte, um eine Familie zu ernähren. Ich hatte ls> >mmer schon die Absicht, einmal aufs Land zu ziehen, dessen wirst du dich woh erinnern, nicht wahr? Ich habe oft davon gesprochen. Ich tun a aus dem Lande groß geworden, siehst du, und das vergißt sich nicht.. Und dann: Sorte ging in Dienst, und der kleine Jan, der damals geboren werden sollte, als du nach Amerika gingst war ein wenig Zurückgeblieben und da dachte ich, vielleicht kommt er hier draußen besser voran ab. m der Stadt, und als ich dann zufällig einmal in der Zeitung las daß diese Stelle hier verkauft werden sollte, sah ich sie nur an und hab sie dann gekauft, ja. Sie war billig, billiger, als du vielleicht denkst, und da haben wir uns denn entschlossen. Aber leicht ist es uns nicht geworden, das glaube nur ja nicht, und Lena war niemals recht einverstanden, so wie sie an der Stadt hing. Es ist auch nicht so einfach, aus einem Fleck Erde so viel herauszuholen, wie man zum Leben braucht, das kann ich dir sagen. Wir haben einen sauren Sommer hinter uns, und der Winter meint es nicht viel besser, das wirst du bald genug merken, wenn du ein paar Tage hier bleibst." Gut, daß er über feine Bestürzung hinaus war, die Joppe ausziehen und vor das Haus gehen konnte, um das Pferd jetzt aus- zufpannen und in den Stall zu ziehen. Lena war ihm nachgegangen, um ihm behilflich zu fein, und trat nun im Dunkel an ihn heran und flüsterte ihm zu: „Hab ich nicht recht gehabt? Da haben wir ihn nun. Gut, daß du endlich kamst, es war so quälend, mit ihm allein zu fein, und seine Redensarten anhören zu müssen ... Wie aufgeregt du bist, Lars! Komm, laß mich die Schnalle losmachen. Deine Hände fliegen ja. Vielleicht, daß er ja bald wieder geht." „Ach, mir ist es egal", antwortete Lars unwirsch und zog Hoppla aus der Deichsel. „Sag das nicht, Lars. Ich merkte zu gut, wie du erschrakst, als du in die Tür tratst und ihn zu sehen bekamst. Ist etwas zwischen euch? Sag es mir." „Quäl mich nicht, Lena. Geh ins Haus, sage ich dir. Was willst du hier draußen? Dies hier.ist Männerarbeit." Er zog das Pferd, dem die gelösten dränge auf der Erde nach- fchleppten, zum Hause und streifte ihm das Geschirr ab. „Soll ich dir sagen, was ich glaube, Lars?" „Was glaubst du denn, he?" fragte Lars, böse und gereizt. . „Es hat mit dem Geld zu tun, von dem du mir nie sagen wolltest, woher du es hattest." „Was du dir nicht alles zurecht machst", antwortete Lars. „Sag doch, wie es damit ist, Lars! Du weißt nicht, wie einem zumute ist, wenn man so im Dunkel gehalten wird. Krick machte gleich, als er gekommen mar, so merkwürdige Anspielungen." „So? Er soll gefälligst den Mund halten und sich um seine eigenen Sachen kümmern, das ist meine Meinung. Ist er hier der Herr im Hause oder ich?" „Das sage ich ja auch! Aber guck chn nur an, wie er da drinnen sitzt und die Beine von sich streckt. Dazu mißt er einen mit den Augen — ich kann nicht sagen, wie. Gut, daß du endlich gekommen bist." „Ja, ja, laß jetzt nur", unterbrach Lars sie und machte sich wieder von ihr los. „Ganz lange bleibt er nicht hier, das kann ich dir schon jetzt sagen." „Wirklich nicht? Was willst du tun?" „Das warte nur ab", sagte Lars verbissen. „Nein, mach keinen Streit mit ihm, Lars." „Laß mich zufrieden jetzt. Ich weiß allein, was ich zu tun habe. An mir soll es nicht liegen, daraus kannst du dich verlassen. Geh nur jetzt wieder hinein. Ich will nur noch den Wagen unter Dach schieben. Der Kleine schläft wohl schon?" unterbrach er sich. „Ja, denk mal, er hat solche Furcht vor dem da drinnen", erklärte ihm" Lena und deutete mit einer Kopfbewegung nach dem Hause. Gleich als Krick ins Haus trat, fing er an zu meinen und war nicht zu bewegen, ihm die Hand zu geben. Er ist ja nur t>alb klug, das weißt bU bJa! ja", nickte Lars. „Es ist nur — ich habe ihm eine Tüte Bonbons mitgebracht: Wenn er noch wacht, steck ihm noch einen in den Mund." — „Vielleicht hast du dir das Haus und das Vieh schon einmal angesehen", fragte Lars, als er zu Krick zurückkehrte. „Eigentlich nur mit halbem Auge. Wenn du mir einmal dein Vieh zeigen willst?" „Ja, komm", nickte Lars, hob die Wagenlaterne, die er mit herein- qebracht hatte, und führte Krick auf die Diele. „Hier steht das Pferd", sagte er und öffnet die Stalltür. „Komm nur herein, es ist so fromm wie ein Lamm, und ja schließlich auch das jüngste nicht mehr. Eigentlich müßten es zwei fein, Arbeit hätte ich genug dafür, das kann ich dir sagen Aber es muß sich zunächst noch damit helfen. Hoppla! heißt es. ein Wallach, ja. Er hat früher wohl mal bessere Tage gesehen. Ich habe ihn als pflastermüde gekauft. So etwas muß man verstehen, weißt du. Ich sah natürlich mit einem Blick, daß ihm nichts anderes fehlte, als ein paar Wochen Weidegang, Ruhe und Pflege, so abgetrieben wie er war Nun, was sagst du? Für uns hier kann er jedenfalls die Arbeit noch lange tun. Als ich ihn bekam, standen ihm die Rippen aus dem Leibe sage ich dir, und nun — fühl mal, er hat schon ordentlich Fleisch wieder auf dem Buckel und machte seine Sache so gut wie einer. Hinten steht er nicht ganz tadellos auf den Füßen, das ist richtig, aber wenn man ihn arbeiten sieht, vergißt man das. Geschichte für dich, kann ich mir denken. Frauensleute sind Frauensleute, das ist schon immer so gewesen. Gut ausbewahrt wirst du das Paket ja 1)abC3a siehst du, Krick", antroortete Lars, verwirrt und unglücklich. „Du mutzt da ein wenig in die Gelegenheit sehen. Ich meine, ich habe dir doch einen Dienst erwiesen, damals, als ich es in Verwahrung nahm, nicht wahr, das muht du zugeben. Siehst du, und nun PNgendie Jahre hin, immer eins nach dem anderen, und du liebest nicht ein einziges Mal auch nur ein Sterbenswörtchen von dir hören.' „Was hat das damit zu tun?^ fragte Krick unwirsch „Nicht viel, das gebe ich zu", antwortete Lars. „Aber es war nicht so einfach, das Paket aufzubewahren, wie du vielleicht glaubst. Vor Lena bringen zu müssen. , „ „Nun haben wir bis jetzt immer nur von mir gesprochen , sagte er. „Willst du nicht einmal von dir erzählen? Du muht ja ein gutes Stück in der Welt herumgekommen sein in den neun Jahren, die du unterwegs gewesen bist." , , , „ „So, waren es neun Jahre? Du hast sie ja gut gezahlt, wie ich merke. „O, ich erinnere mich noch gut, dah du damals plötzlich auf und davon gingst. Du hast mir nicht gesagt, wohin du wolltest. Es ging mich auch nichts an. Es waren meine Sachen ^nickst, siehst du, ich sagte mir, was du nicht weiht, macht dich nicht heih." „Richtig, nickte Krick. „Aber dann wirst du dich ja auch daran erinnern, dah ich dir an dem Abend, als wir das letzte Mal zusammen waren, ein kleines verschnürtes Paket Übergab, und du mir versprachst, es für mich aufzuheben?" „Jawohl", bestätigte Lars und gab sich Mühe, datz Krick seiner Stimme kein Beben anmerkte. „Das weih ich natürlich noch sehr genau." „Na, dann ist ja alles in Ordnung", sagte Krick und sank aus der gespannten Haltung, aus der heraus er Lars angeblickt hatte, wieder an die Stuhllehne zurück. „Denn darum bin ich gekommen, um es gerade heraus zu sagen. Du hast es dir wohl gleich gedacht, nicht wahr?" „Es war nicht schwer zu erraten", erwiderte Lars. „Aber es ist gut, dah d» erst jetzt die Rede darauf bringst. Denn Lena weih nichts von der Sache, und ich meine, es ist besser, wenn auch alles zwischen uns beiden bleibt." „D, was das betrifft", sagte Krick, als lege er weiter keinen Wert darauf. „Aber es kann (ein, dah du Recht haftl Es wäre eine dumme nicht leugnen." „Eine Belohnung, sogst du?" unterbrach ihn Krick. „Nee, die Halste von dem, was darin war! Wenn du das eine Belohnung nennen willst? Denn die Hälfte stand dir zu, das war doch Har, und was ich gesagt habe, habe ich gesagt." „Na gut, es ist ja gleichgültig, wie wir es nun nennen wollen. Aber es freut mich, dah du dich daran erinnerst, da werden wir schon auseinander kommen", fuhr Lars fort, und atmete auf, wenn ihm auch das Schwerste noch bevorstand. (Fortsetzung folgt.) Und hier ist die Kuh. Wir haben nur erst die eine, ja. Bis Weih- nackiten steht sie noch trocken. Aber gegen Neujahr muh sie falben, unb menn es ein Kuhkalb wird, wollen wir es aufziehen. Wir haben dann in ein paar Jahren zwei. Das hilft dann schon besser.. Wir können die Milch bann an die Molkerei liefern und werden ^^^ue Einnahme dadurck haben. Zuerst wollten wir nur ein paar Ziegen haben. Aber es ist nichts Rechtes damit, weiht du, und am besten wäre es gewesen, ich Hütt gleich zwei Kühe ausgestallt. Aber nun wir noch keine Ernte hatten, nicht wahr? Und wer langsam fahrt, kommt auch hin, Ein schönes Tier", lobte Krick, und es klang, als verstände er ein Stück Vieh zu beurteilen. „Und ein paar Speckseiten habt ihr ja auch (djen im haben wir verkauft. Lena hätte sie gerne behalten, aber es ging nicht, siehst du! In der ersten Zeit muh man natürlich alles zu Selbe machen, was nur möglich ist." ... . .. . Versteht sich" nickte Krick anertennenb unb schob seine Hanbe tiefer in die Taschen. „Du bist ein Teufelskerl, Lars, bas muh man sagen. Ich traute meinen Obren nicht, als ich in ber Stadt nach bir fragte unb hörte, bah bu aufs ßanb gezogen wärst. Aber ich sehe, bu verstehst bie @C*t$Jenn du auch das Schwein einmal sehen willst?" fuhr ßqrs fort. — Cs waren drei, weiht du. Mit einem anzusangen lohnt sich nicht recht'. Eins haben wir für uns geschlachtet, eins verkauft und das dntte haben wir zur Zucht behalten. Wir hätten sie alle drei gern em bißchen schwerer gehabt, aber die Mehlrechnung stieg so an, dah w,r froh waren, als wir zwei von den Fressern los waren. Im nächsten Herbst können wir aus eigenem Vorrat füttern, bas ist bann schon eine anbere Geschichte. Dies hier - „na steh mal auf, Ganntje" - unterbrach sich ßars unb stieß bas fdjlafenbe Tier mit bem Fuß an chies hier war bas beste von ben dreien. Gute Rasse, weiht du, sieh mal den Rucken!, Es sott im Februar Ferkel kriegen. Hoffentlich haben wir Glück damit. Grunzend hatte sich die Sau erhoben und senkte schnaufend den Rüssel in die Streu. „Was meinst du, schon ein schöner Brocken, was? „Das muh man sagen", nickte Krick. „Dazu haben wir ein Dutzend Hühner und neun Küken von diesem Jahre. Sie sind ein wenig spät ausgekommen, sonst hatten sie gewih schon gelegt Aber keins von ben Aesern wollte glucken. Na, vielleicht haben wir im nächsten Frühjahr mehr Glück damit. Du siehst sie dir besser morgen an, nicht wahr? Sie sitzen da oben über dem Kuhstall. Da ist es warm unb ber beste Platz im Hause für sie." . . ßars sprach unausgesetzt, als hätte er Furcht, eine Pause eintreten 3U ' Unb morgen früh kannst bu bir auch einmal bie Felber ansehen, bie zum Hofe gehören. Ich hätte gerne etwas mehr ßanb gehabt, aber man muh zufrieden sein, vielleicht kann ich später einmal ein paar Stucke in Pacht nehmen." . ' Er blies bie ßaterne aus unb nötigte seinen Gast roieber an bas Acrbfcuer. „Wie ist das", fragte Krick, „ihr habt doch ein Bett für mich, nicht , . t. u 44 „Das hilft sich", sagte ßars. „Wir haben zwei Zimmer und in jedem ist ein Wandbett. Es ist ja ein altes Haus, nicht wahr? Immer wollten wir schon die Wandbetten herausreihen, aber es war jeden Tag so viel anderes zu tun, dah ich noch nicht dazu kam. In dem einen hat der Kleine sonst geschlafen. Wenn du also vorlieb nehmen willst, können wir Jan mit zu uns ins Bett nehmen. Was meinst du, ßena?" „Ja, ja", antwortete bie und beugte sich über ben niebrigen Herb, „das muß sich helfen, nicht wahr?" Nach dem Abendbrot steckten sich beide ihre Pfeifen an und setzten sich wieder an bas Torffeuer, bas auf bem Herde qualmte. ßars hatte ßena heimlich einen Wink gegeben, unb als er mit Krick allem geblieben war, hörte man nur bas Rauschen des Windes unb bas Knistern bes Regens an ben kleinen Fensterscheiben im Unterschlag zu beiben Seiten bes Herdes. „Besser drinnen als draußen", sagte Krick und spuckte ms Feuer. ßars nickte. Er tat gleichmäßig und unbekümmert, aber trotz feiner Ermüdung blieb er wach und gespannt. Er hatte ja Zeit und wollte in Ruhe abwarten, daß Krick von dem beginne, was zwischen ihnen zu bereden war. Aber nach einer Weile meinte er doch, ihn in Gang 2IdHu mir nicht leid! Du hast es vor meinen Augen in die Kommode geschlossen, in ben untersten Kasten. Es war bem Schubkasten, wie bu sagtest, unb es lag ba gut und ungesehen, sollte ich meinen. Das ist richtig", nickte ßars. „Aber du kannst es mir glauben, es war nicht immer ganz einfach, den Kasten vor ßena verschlossen zu halten und jedesmal eine Ausrede bei ber Hand zu haben. Du kannst dir das vielleicht nicht fo denken, wie das ist, wenn man ben ganzen Tag in einem kleinen Zimmer beieinanber hockt." „Ich begreife nicht", sagte Krick, „warum du mir solche Ding« erzählst? Du hattest es jedenfalls übernommen, bas Paket aufzubewahren, baoon beißt nun keine Maus einen gaben ab." „Ich mochte es bir nicht abschlagen, siehst bu. Hinterher hat es mir allerbings leib genug getan." „ „So? Sieh doch an, was du nicht sagst, ßars Hullmann. „Das ist ja wohl auch fein Wunder. Nun ich doch hinterher auf ben Gedanken kommen muhte, daß du es wohl nicht auf ehrlichem Wege bekommen hattest. Gesagt hast bu bamals allerbings kein Wort davon. Aber ich dachte mir so mein Teil." „Ah,' wirklich? Du docktest dir dein Teil? Nein, was für einen Kopf du hast, Lars Hullmann!" „Ich bin dann lange so darüber hingegangen", fuhr ßars mit leiser Stimme fort. „Du kannst es mir glauben, dah ich nicht einmal daran dachte, nachzusehen, was darin war. Was geht es dich an, dachte ich. Da im Auszug liegt ein Paket in grauem Papier, was weih ich, was darin ist? Mag es ba liegen, bis es schwarz wird. Aber als du dann nie wieder von dir hören liehest, hat es mich eines Nachts doch fo aepackt, daß ich nicht anders konnte, ich muhte es herausnehmen unö nachsehen. Ich sage bir, Krick, der falte Schweiß brach mir aus Krick lachte laut auf unb schlug sich vor Vergnügen auf die Schenkel. „Na, unb wieviel zähltest bu, ßars Hullmann? Es ging wohl über deinen Verstand, wie?" , Ja", nickte ßars, denn ich sah, daß Geld darin war und fremdes Geld dazu, und ich muhte erst hingehen und einen der Scheine ein- wechseln, um zu wissen, wie viel er wert war. Ich fann dir sagen, dah mir der Atem ausblieb, als ich bann anfing zu rechnen. Ich war ganz benommen baoon, um es offen zu sagen. Denn nun begriff ich ja erst recht, bah bu es nicht geschenkt bekommen hattest, rote bu nur gejagt hast. „Habe ich bas gesagt?" lachte Krick. „Hab' ich bas wirklich gesagt? Ich begriff, daß bu deinen Spaß mit mir gemacht hattest, als bu so sprachst, unb es ist ganz richtig, wenn bu mich heute bafur auslachst, dah ich nicht gleich wußte, um was es sich handelte, als du mir bas verdammte Paket übergabst." „So, fo", lachte Krick wieder. „Na ja, Spaß muß feinl Aber nun komm endlich mit bem heraus, was du sagen willst. „Ja", antwortete ßars, „es ist nicht fo leicht zu sagen, wie bu viel- leicht meinst. Wo war ich boch stehen geblieben? Ach so, richtig. Na, nun schloß ich bas Gelb noch ängstlicher ein als vorher, das kannst du dir wohl denken, wollte nichts damit zu tun haben. Nichts, gar nichtsI Möchte es in des Teufels Namen liegen und verschimmeln, meinetwegen. Was ging es mich an? Ab! Fertig! Aber du magst es nun glauben ober nicht, ich war durchaus nicht damit fertig. Im Gegenteil. Beinahe tief- finnig bin ich darüber geworden. Da, hinter der dünnen Holzwand lag es ein Stück Geld, wie ich es noch nicht auf einem Haufen gesehen hatte. Du guckst noch ein ßoch in bie Kommode, sagte Lena eines Abends. Genau wie ich es jetzt sage. Du guckst noch ein Loch in die Kommode, jawohl. Ich bin einfach nicht mehr davon losgekommen. Denn es war ja in der Zeit, als das Geld hier bei uns vor die Hunde gegangen war. Das host bu nicht mit erlebt unb kannst birs darum nicht so vorstellen, wir es war Alles, was man verdiente, war im Grunde einen Dreck wert. Weiht du, man bekam einen Lohn, dah einem ganz schwindelig wurde bei den Zahlen, aber man konnte kaum ein Pfund Margarine dafür kaufen. Ich wundere mich heute noch, dah man überhaupt burchgekvm- men und bei den Taufendem in der Lohntüte nicht verhungert ist. Nun, und in der Zeit habe ich es dann eines Tages wirklich nicht mehr aus- gehalten unb einen Schein baoon eingewechselt und verbraucht. Man gab mir so viel Gelb, daß wir länger als vierzehn Tage davon leben konnten. Es war unglaublich, und richtig begriffen habe ich es auch beute noch nicht! Aber das tut ja nichts zur Sache, nicht wahr, denn was ich sagen wollte, ist, daß bu mir bamals ja eine Belohnung für bas Auf- bewahren zugesagt hast. Denn das hast du getan, Krick, bu kannst es Heimliches Glück. Von Hermann ßingg. Sie geht in aller Frühe, Noch eh die Dämmerung schwand, Den Weg zur Tagesmühe Im ärmlichen Gewand. Die dunkeln Nebel feuchten Noch in der Straße dicht. Und doch sieht man beleuchten Ein Lächeln ihr Gesicht. Die Götter mögen wissen, Warum sie heimlich lacht ... Es weiß es nur das Kissen, Drauf fie geträumt heut Nacht. Kinder im Advent. Von Heinrich Zill ich. Die Weihnacht wandert durch die Kinderstube schon viele Wochen lang, ehe sie aus der frühen Abenddämmerung ausstrahlt. Ihr Wesen ist das Geheimnis des Raunens, die Neugier um versperrte Türen, die plötzlich aufspringen und einem goldenen Leuchten Raum geben — und sieh, da ist auch das Raunen ein einziger Ton des Lichtes geworden, die Neugier versank, und ein großer Flügel streist aus der Ewigkeit unsere Stirne. Aber so wie der Glanz nur strahlen kann, wenn seine Umgebung dunkler ist als er, muß der Weihnacht das wunderdunkle Warten vorausgehen, geflüsterte Worte, Nichtswissen und Ahnen, worin das Kommende manchmal auffunkelt. Blickt man sich jählings um, dann ist es still, als huschte ein Schatten oder ein Gesang ins Schweigen. Deshalb fragen die Kinder, von dem Wehen der Zeit berührt, in den Adventswochen so viel. Auch meine drei Kinder, der fünfjährige Jobst, die vierjährige Susanne und der dicke Zweijährige, der keinen richtigen Namen hat, sondern nur Cle heißt, sie sitzen um ihre Mutter Maria. Und der Vater bin ich und habe wie der Kleine gleichfalls keinen richtigen Namen; denn mir gebührt seit der Schulzeit der merkwürdige Anruf: „Hucke". Es gibt unter den Verwandten manchen, der es unpassend findet, daß mich auch meine Kinder nicht anders nennen. Ich hörte sagen, sie seien deshalb zu bedauern, und man meinte gar, es sei geradezu so, als hätten sie keinen Vater, die Armen, die da wie die Mäuschen sitzen und mit den Beinen manchmal zappeln, als liefen sie schon in das Wunderzimmer. Es ist ja in dieser fernen Stunde, als hörte auch ich die fernen Lichterglocken läuten, die kein Ohr vernimmt, nur das Herz und jenes innere Lauschen, das uns durch di« Adern und die Sinne wie ein heiliges Schwindligwerden dringt. Während ich dann hinausblicke durch das Fenster in die Nacht, die marmorschwarz an der Scheibe steht, denke ich daran, wie anders sie mir einst erschien als heute, wo ich sie wohl schon zu oft erlebt habe in Sturm, Krieg, Sattheit und Schlaf. Lebendiger war sie einst und voll Unbanntheiten, Drohung und Verlockung, damals, als ich auch so saß wie die drei Kinder und die Geschichte von Josef und Maria hörte. Nur manchmal war sie noch dichter angefüllt mit der Allgegenwart des Geschicks: Gruß euch, Patrouillengänge vor der letzten großen blutigen Offensive, Gruß über Zeiten und Raum. Einige Lichter sind im Marmor der Finsternis, Sterne, von Funkenfäden .neblig umstrahlt, Geäder des Marmors, und an ihnen erkenne ich, wie tief auch triefe Nacht ist und rwch alles umfängt, was ich erlebe, ersehnte und was noch kommen mag. Und so wird es wohl nur davon abhängen, ob wir richtig sehen und lauschen, damit die Nacht voll sei oder entleert. , . Doch nun faßt mich die Helle Gegenwart: „... Cs war einmal ein Vater und eine Mutter, die hatten ein kleines Kindlsin und das war das Jesuskindlein und lag in einer Krippe auf Heu und auf Stroh. Ihr wißt doch, was eine Krippe ist? Das, woraus die Pferde im Stall fressen —" „Pferde!" schreit Cle begeistert. . „Und die Mutter hieß Maria und der Vater hieß Josef ... O das wollen die „beiden" großen Kinder nicht wahrhaben. Sie werden eifrig. Ihr Weltbild gerät ins Schwanken. Eine Mutter, die Maria heißt? Da muß doch der Vater Hucke heißen! Ich spure alle Geister in den Zimmerecken schmunzeln. Gottlob, daß meine Kinder doch einen Vater kennen, wenn er auch bloß Hucke heißt. , Und was nun die Maria anbelangt, so ist das natürlich eine ganz andere Maria. Sie hat ja auch bloß ein Kind und nicht drei. Sie hat eben keinen Hucke zum Manne, sondern einen Josef. Und einen Bart hat dieser Josef! Wo hätte der Hucke je einen Bart getragen! Und nun sinkt wieder das alte Wunder in die gläubigen Seelen. Die Hirten die redlichen, kommen von den Feldern herein und die Kalte strahlt aus ihren Pelzen in den Stall. Sie beugen sich an ihren langen auch beten^nrischNich der Kleine ein, selig, daß er ein Fädchen Oben^m "Himmel der Engelein Chor, unten das Christkind und heißt Jesus der klein Bub. — Aber das will Susanne nicht glauben. So em kleines Christkindlein hat ein langes Kleidchen bis zu den Zehen nicht wahr? Und solche Kleidchen tragen bloß Madel, memt fie roafjrenb Jobst stürmisch den Standpunkt vertritt, Jesus sei ein Bub, weil nnm der Jesus" sagt, wozu ich mich auch bekenne, obschon ich dazu die Erklärung fügen muß, das Christkind fei auf den Bildern im Nachthemd zu sehen. „Jetzt im Winter?" zweifelt der Junge. D, wer vorn Himmel kommt, friert niemals Der Stern wandert über das Haus. Im Stall steht der Esel. Der Schein der Laterne fällt wie Silber aus sein Fell. Die Geschenke liegen um das Kind. Die alten Worte, die affen Worte ... Wir sitzen da und streuen, ohne es zu wollen, die gleichen Samenkörner aus, die einmal in unseren Herzacker fielen. Wir haben keine Sondermeinung mehr. Wir sind nur Glied einer langen Ueberlieferungs- tette. Wenn man uns vernünftig und dumm die Nutzlosigkeit dieser allen Geschichten weismachen wollte, so ist die Zeit längst vorbei, da wir darauf hörten. Wir sprechen kindlich mit den Kindern in der uralten Sprache, die die Sprache der Kinder ist und die in geheimnisvollen Stunden die unklaren Umrisse des Wunders genau so umschließt, wie es die Sprache des Dichters vermag. Rauscht es nicht um uns in aller Stille gleich den ziehenden Strömen aus den verschollenen Brunnen der Herkunft? Was wissen wir denn, sind wir nicht Saiten, angeklungen von unsichtbarer Hand, tönend nach einer alten Regel? Der nüchterne Tag? Das harte Licht der Tatsachen? Hart und nüchtern ist nur das alltägliche Kleine! Um die großen Tatsachen des Lebens wehen die Fahnen, ruft der Rausch der Begeisterung, heult der Schrei der Not, schasst der Glauben, flieht der Purpur des Blutes. Nun kommen sie wieder, die ich fo oft, Heere und Toten, Kameraden des Krieges, Brüder des Durstes, des Hungers, der Erde, des Bestehens und Sterbens. Ja, das war alles Tatsache und alles tausendfach mehr, geheimnisvoll, unfaßbar, sinnvoll. Besteht ein Unterschied zwischen dem Sinnglauben der Kinderaugen, diesen Meeraugen des Lebens, und dem schwerer zu fassenden und noch schwerer zu ertragenden Sinnerleben des Mannes? O ja, ein fruchtbarer und entscheidender, aber nur der zwischen dem Baumsetzling, den der Sturm überspringt und dem Baum, den er packt, bricht oder stählt. Der unüberbrückbare Unterschied liegt nicht hier, er öffnet sich wie eine Kluft zwischen denen, die das Wunder und den Sinn nicht mehr fühlten, und den anderen, denen es oft entschwindend, doch gnadenvoll wieder naht. Ferner und näher stehen wir ihm und suchen oft nach Erklärungen, wie Jobst nun wieder tief in den Zweifel fällt; denn — seht — er hat entdeckt, daß feine Mutter ein Weihnachtsgeschenk strickt. Ein Weihnachtsgeschenk, das doch kein Mensch anfertigt, sondern das vom Christkind gebracht wird. Ader nun sagt aus dem alten Wissen um die fromme Schutzlüge die junge Mutter: „Ich helfe doch dem Christkind. Das hat jetzt so viel zu tun. Diese Jacke geb ich ihm, und es legt sie unter den Weihnachtsbaum." „Warum hilft ihm der Nikolaus nicht?" „Ach, der ist alt." „Und die Engel?" „Ja, die tun es wohl. Aber auch die werden nicht fertig mit all der Arbeit. Denn überall wollen die Menschen Geschenke bekommen. Da müssen auch sie selbst etwas dazu tun." „Der liebe Gott soll dem Christkind helfen!" meint Susanne. „Du Summe!" ruft der Junge, „der liebe Gott! Der muß ja Menschen machen!" Nun ist es einen Augenblick lang, als müßten mir ausplatzen. Doch nur ein Weilchen, und bann sehen wir dies eifervolle, arglose Kleeblatt an, das Vater und Mutter in aller irdischen Faßbarkeit bat und ich denke: Das Wunder des Christkindes wird auch meinen Kindern zer- fallen, und dann ist es gut, wenn ihnen das Wunder des Menschen auffteigt, mit dessen Entstehen Gott wohl mehr zu tun hat als wir. Und vielleicht hat Gott das Weihnachtsfest geschaffen, daß wir einmal zum Nachsinnen kommen, über die blonden Zukunftsköpfe der Kinder hinweg, in deren Märchen und Legenden sich Vergangenheit und Gegenwart mit den bleibenden Wahrheiten verknüpfen. Da gibt es nun diese summenden Adventsstunden, in denen es uns mitunter erscheinen mag, als fei das Trübe unseres Schicksals, ja selbst das Opfer des Todes auch darum notwendig, um in solchem kindlichen Besinnen die alten ewigen Worte der Legende aus Mutter- und Kindermund wieder gläubig zu vernehmen, mit hellem Ohr und tiefem Echo im inneren Lauschen, denn erst aus dem dunklen Hintergrund, durch den wir traten, strahlt uns Unkindlichen das Licht wieder auf. Das verlorene Paradies. Von Hermann Claudius. Es ist eigentlich lächerlich zu erzählen und scheint nur eine ganz geringe Angelegenheit zu [ein. Trotzdem: wenn ich schon sagen soll, wann das aufhörte, was man rechte Kindheit oder unentwegtes Knaben* tum nennen mag, so steigt immer dasselbe Bild wieder vor mir auf. Wir waren vier Kameraden: der Adolf Wiencke, der Peter Arp, der Rudi Hermann und ich — alle vier zwölf bis dreizehn Jahre alt. Wir waren fast täglich beieinander. Meistens kam der lange Adolf Wiencke mit den ouschigen Augenbrauen, die über der Nase zusammengewachsen waren und seinem Gesichte einen älteren Ausdruck gaben, zuerst unter mein Fenster gegangen und flötete. Wir hatten unsere besondere Weise, an der wir uns erkannten und die wir von Zeit zu Zeit wie eine richtige Parole wechselten. Adolf flötete solange, bis ich herunterkam. Ich hatte oft meinen heimlichen Spaß daran, wenn er unermüdlich seinen Pfiff roieberbolte. Danach gingen wir beide zu Rudi Hermann. Rudi Hermann wohnte in der Pauiinenallee im vierten Stock. Er hatte einen großen Taubenschlag. Sein Vater war Zimmermann und hatte den schonen Auslauf, der weit über das Dach hinausging, selber gezimmert. Da waren alle Sorten durcheinander: Werber Blauschlag, rote Kladden, Kopenhagener, Nönnchen, weiße Hochsteerte, und sogar Brieftauben waren dabei. Es kam vor, daß Rudi Hermann und ich uns feftguctten und gar nicht weitergerieten mit unserem Tagesplan. Aber es war auch zu schon, die lange Stange mit dem blauen Wimpel daran im weiten Bogen herumzuschwenken und all die hundert Tauben in dichtem Schwarm bas hohe Dach umkreisen zu sehen. Wenn die Sonne schien, waren sie gegen den blauen Himmel bald dunkelgrau, bald leuchtend weiß. Einige waren dazwischen, die sich in der Luft mitten im Flug über* schlugen. Zogen wir die Stange ein, so kreisten die Tauben immer enger um den Schlag, bis sich endlich die dreistesten auf die langen Sitzstangen setzten und dann der ganze Schwarm wie hingeschüttet auf das Auslaufbrett kollerte. Manchmal warf Rudi -ermann ihnen Reiskörner zu oder Wicken. Er tat das eigensinnig immer nur selber. Er sagte, das dürfe niemand anders tun als der Herr. Wenn er „Herr" sagte, legte er immer den schmalen Kopf etwas in den Nacken — oder es kam mir doch so vor. Meistens war aber der Taubenboden verschlossen, und Rudl -ermann ging mit uns. Wir drei pilgerten zu Peter Arp. Peter Arp war sozusagen unser -auptmann. Er wußte immer etwas anzugeben, was wir verhackstücken wollten. Peter Arp hatte eine kleine verhutzelte Mutter. Sie sah immer verdrossen und böse aus, wie gefangene Tiere hinter einem Gitter aussehen. Sie hatte eine harte Stimme und kommandierte hinter Peter her, als ob er nicht einer, sondern mindestens ein Dutzend Jungs wäre. Sie lauerte hinter der Gardine, ob wir nicht wieder ankämen. Dann riß sie das Fenster auf und bellte uns an wie ein bissiger -und an der Seite; wir sollten uns nach Hause scheren und was Nützliches tun. Unsere Eltern sollten sich schämen, uns so herumstrolchen zu lassen. Wir flüchteten dann. Es nützte nichts. Wir kriegten den Peter Arp nicht mit. Dieser aber war durch die bitterböse Stiefmutter — ganz gewiß, es konnte nicht seine richtige Mutter sein I — schlau und gerissen geworden wie nur einer. Wie er der Alten entwischte, wir wußten es nicht, und er verriet es auch nicht — aber er entwischte ihr oftmals und wir hatten unfern Hauptmann mit uns. Und er rieb sich die verarbeiteten Hände und grinste. Wir hockten alle vier zu einer großen Beratung zusammen, wohin es nun gehen sollte. Es war in einer verborgenen Höhle, die Peter Arp entdeckt hatte. Sie befand sich an dem Grenzgraben zwischen Altona und Eimsbüttel, nahe dem Katerstieg, wie die kleine Twiete daknals genannt wurde. Zwei alte, ost gestutzte Eschen wuchsen dort zwillingsartig aneinander hoch und umfaßten mit weitausgreisendem, singerartig-verzweigtem Wurzelwerk ein tiefes Erdloch. Dieses Erdloch hatten wir mit vieler Mühe und Heimlichkeit weiter ausgebaut. Wir deckten den engen Eingang jedesmal, wenn wir die Höhle wieder verliehen, mit einem Stück Maschendraht und ein paar Grassoden sorgsam zu, damit kein Fremder sie auffinde. Vorsichtig und nur einzeln und über Privatgärten hinweg suchten wir sie jedesmal auf. Kein Mensch wußte darum, wenn wir darin saßen und beratschlagten oder wenn Peter Arp seine Gruselgeschichten erzählte, daß es mir kalt längs dem Rücken kroch. Peter Arp schwur jedem von uns ewige Rache, wenn wir auch nur ein Sterbenswörtchen davon an irgendjemand verrieten. Die rote Pike auf seiner Stülpnase leuchtete dabei gefährlich. In dieser Höhle hörte Tag und Nacht und alle Zeitrechnung auf. Ich habe um dieser Höhle willen manche Schelte und manche Hiebe bekommen, wenn ich gar zu spät im Hause wieder anlangte, und das Abendbrot für mich noch einsam auf dem Tische stand. Manchmal kriegte ich auch keins und mußte hungrig zu Bett. Dennoch war ich meistens derjenige, der weiterdrängte, daß etwas geschehe. Es war die Exerzierweide oder es war das Eppendorfer Moor oder es war der Windsberg, wohin wir ausrückten. Selbst wenn wir gar keine Schularbeiten aufbekommen hatten oder aus guten Gründen es behaupten konnten, reichte die Zeit nicht zu weiteren Ausflügen. Und selbst wenn Ferien waren, kamen wir nicht vor dem Mittagessen zusammen fort, jedenfalls Peter Arp nicht. Und ohne ihn gab es keine große Tour. Einmal — an einem herrlichen Julitage in den Ferien marschierten wir alle vier gleich nach dem Essen los. Wir hatten Peter Arp beim Holzkleinmachen tüchtig geholfen. Er durfte mit: Richtung Kiesberge! Die Kiesberge lagen hinter den Bahrenfelder Tannen. Cs ergreift mich eine leise Wehmut, wenn ich dieses schreibe. Denn nichts ist mehr von all der Herrlichkeit und wilden Einsamkeit und spukhaften Verborgenheit vorhanden, und nur leere Eisenbahnschienen laufen in ewiger langweiliger Parallele endlos über waagerechte Sandstrecken in die Weite. Damals aber waren sie noch, die Kiesberge! Damals leuchteten sie noch gelb und rot in der Sonne! Damals schossen Dutzende von wilden Kaninchen noch ihre Kapriolen über ihre Höhen hin! Dunkle ver- wetterte Kiefern krönten manche steile Kuppe. Schmal und in Überraschendem Zickzacklauf kletterte mancher heimliche Pfad von einer Höhe zur andern. Gewaltige Steinblöcke lagen im Grunde. Sie hatten Jahrtausende in der Erde geschlafen und lagen da nun in der grellen Sonne und rührten sich nicht. Manchmal saß eine grüne schlanke Eidechse mitten aus solchem riesigen Stein und sonnte sich. Es sah aus, als ob der Stein es gern hätte. Es sah aus, als ob die grüne Eidechse zu dem Steine gehöre, so regungslos lag sie darauf. Es waren auch Hexensteine darunter — wie Peter sie nannte — vor denen man ganz gewiß Angst bekommen konnte, wenn es gegen Abend dämmerig wurde, und sie einem mit teeren schwarzen Augenhöhlen anstarrten oder Kterliche Grimassen schnitten, so, als ob sie plötzlich doch lebendig en könnten. Ja — am Abend war die ganze Gegend wie verzaubert — das glaubte ich wohl. Ich mußte an meinen lieben Onkel Eduard denken, an dessen Hand ich mit meinem Bruder Matten zusammen als kleiner Bengel zuerst diese Steine und diese schiefen Kiefern gesehen hatte und was mein Onkel Eduard alles davon zu erzählen gewußt hatte. Was es war, hatte ich zwar vergessen, aber es schwebte noch um alles herum und machte alles unheimlich lebendig. Ich ruhte nicht, bis wir an diesem sonnenhellen Julitage wirklich die Richtung nach den Kiesbergen einschlugen, festen Willens, sie wirklich zu erreichen Wir gingen beim Schwarzen Bären vorbei, durch den Weid- mannswea mit seinen hohen Rüstern, über die flache weite Exerzierwiese auf den Windsberg zu. Auf dein Windsberg machten wir Rast. Von hier konnte man schon die Hänge der Kiesberge nach Westen zu erkennen. Ich lag auf dem Bauch und biß in mein Butterbrot und träumte mich nach den Kies- bergen hinüber und weiter-- Da sagte Rudl Hermann: »Paßt auf, das gibt was." „Was wohl!" sagte Adolf Wiencke. „Ein Gewitter", sagte Rudl Hermann, und sah in die Höhe, als ließe er seine Tauben da oben kreisen. Ich drehte mich schnell herum. „Unsinn!" rief ich. Und Peter Arp biß ebenso schnell in sein Stück Schwarzbrot und knurrte: „Macht nicks!" Am Südhimmel aber zog wirklich ein dickes Gewitter auf und kam schnell näher. Schon rollte der erste Donner. Weil die Sonne noch frei schien, waren die Blitze nicht zu erkennen. Es dauerte keine fünf Minuten, und die dicken Regentropfen schlugen herab. Wir suchten eilig unsere Siebenfachen zusammen und stürmten bergab, denn zugleich fegte ein Windstoß daher, als ob dort oben nicht mehr geheuer sei. Mir siel mit einmal ein, daß früher Diebe und Mörder auf dem Windsberge hingerichtet worden seien. Das machte meinen Lauf noch schneller. In einer kleinen Tannenschonung fanden wir ein schräges Schutzdach und krochen dicht aneinandergedrängt darunter. Ich weiß nicht, wie lange wir darunter gehockt und gehofft haben, das Wetter möchte sich wieder aufklären. Es klärte sich nicht wieder auf. Durch und durch genäßt bis auf die Haut und mit blauen Stiefeln kamen wir endlich zu Haufe an. „Weiter als his auf die Haut geht es nicht", sagte Peter Arp und dachte dabei schon an die Prügel, die ihm in Aussicht standen. Meine Mutter brachte mich gleich zu Bett und gab mir heiße Milch zu trinken. Ich lag und war traurig und nahm mir fest vor, doch in die Kiesberge zu gehen — und wenn ich es ganz allein machen sollte. Warum wollte ich um alles in der Welk ausgerechnet in die Kiesberge wandern? Es waren in Wahrheit gar nicht die Kiesberge, nach denen ich verlangte. Es war vielmehr das Eidelftedter Haus mit dem Sot und dem Garten, mit den krummen Äkazienbäume» und mit dem alten Pferdestall, mit der runden Scheibe im Giebel, dahinter meine Tauben gesessen hatten, und mit dem schrägen Kartoffelland und mit den gelben Gurken, mit denen Nachbars Guschi und ich Mutter und Kind gespielt hatten. Und es war der Mühlenbach, in den ich mit Onkel Eduard Steine plumpste. Und es war der schaurige Bollweg und die Mühle. Und es waren hundert Dinge mehr, die es in der Terrasse und in den Straßen nicht gab. Und es war die Luft, die ganz andere Luft — die Luft, in der auf irgendeine geheime Art Engel umherflogen und mit den kleinen weißen Wolken spielten. Dabei träumte mir bei Nacht und am hellichten Tage. Ich mußte und mußte dahin! So wanderte ich eines Tages im Spätsommer, nachdem ich krank gelegen hatte und noch schulfrei war, wirklich los: beim Schwarzen Bären vorbei, durch den Weidmannsweg mit den hohen Rüstern, über die flache weite Exerzierweide, auf der die kleinen Heuspringer zirpten, und den Windsberg hinauf. Ich lag wieder einen Augenblick und sah nach den Kiesbergen und sah rundherum den Himmel an. Der aber blieb klar und blau. So sprang ich schnell wieder hoch und jnad)te meine Wanderung weiter. Endlich hatte ich die ersten Hänge der Kiesberge unter meinen Füßen. Der Sand war tief und heiß von der Sonne. Bei jedem Schritte sackte ich ein, aber ich ließ es mich nicht verdrießen. Und bald ward der Boden fester und die alten wetteroerkrümmten Kiefern grüßten mich. Ich ging eng zwischen ihnen hindurch. Es roch harzig. Ich erblickte auch Pilze auf langen weißen Stielen, die wie zierliche Tischchen aussahen. Ich muhte an Zwerge denken, die hier heimlich schmausen mochten. Goldhähnchen und Drosseln und andere Vögel, die mir unbekannt waren, huschten unter den Zweigen hin. Einmal kroch auch ein richtiges vierbeiniges Tier — ein Marder oder ein Iltis — eilig vor mir fort. Als der Weg nicht aufhören wollte, und es bald vorn, bald hinten raschelte, ward mir etwas Angst, und ich dachte: wenn doch Peter Arp und Rudl Hermann und Adolf Wiencke hier wären — und fühlte mich sehr einsam. Ich kniff schnell die Augen zu, wenn ein Käser gar zu ungeheuerlich aussah und sah mich nicht mehr um. So stand ich schließlich auf der letzten Hügelkette und sah die Glashütte mit ihrem schiefen Schornstein dicht vor mir liegen. Gleich hatte ich wieder Mut und jubelte innerlich wie eine Geburtstagstrompete. Ach! — wenn doch die andern hier wären, daß ich es ihnen zeigen könnte! Aber ich mußte alles still in mich hinunterfchlucken, so sauer es mir auch ward. Es war weit und breit keine Menschenseele zu entdecken. So rannte ich hügelab, schritt an der Glashütte schnell vorbei mit dem leisen Gruseln: mein Onkel Eduard, der lange schon tot war, könnte auf einmal wieder wie einstens aus der angelehnten rußigen Tür treten — und stand, nachdem ich ein paar unbekannte Häuser passiert hatte, in großer Ueberraschung am Holzgitter unseres Gartens in Eichelftedt. Da war das Haus. Und da war der Sot. Und da waren die krummen Akazienbäume. Und da ging der Fußsteig hinunter, den der Verrückte uns nachgelaufen gekommen war. Und da stand noch immer der alte Pferdestall und war noch älter geworden. Ich stand am Gitter und sah das alles und sah von einem zum andern — und ward langsam traurig und immer trauriger — und wünschte im Stillen: ich hätte mich niemals hierher auf den Weg gemacht. Denn es erschien mir jedes armselig und gering — und immer armseliger und geringer, je länger ich es anfah, daß ich mich am Gartengitter umdrehte und die Augen zumachte und nach dem leuchtenden Bilde suchte, das mir dieses alles bedeutet hatte. Aber auch da war es fort und wollte nicht wieder auferftehen. Ich sah noch einmal hin, bann wandte ich mich und ging traurig meinen Weg zurück, den ich voll Jubel angekommen war. Damals am Gartengitter zu Eidelstedt endete in Wahrheit die selige Zeit meiner Kindheit. Denn ich entdeckte plötzlich, als ich wieder unter die Kameraden kam. daß ich allein noch immer das Kind gewesen war, und schämte mich vor ihnen. So quälte ich mich, wie ein Großer zu denken. Und ließ es mir sauer werden — bis auf den heutigen lag. Verantwortlich: Dr. Hans Thtzriot. — Druck und Derlag; Brühl'jche UniversitätS-Duch- und Eieindruckerei, R. Lange, Gießen.