Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger Jahrgang 1955 Zreitag, den 6. September Hummer 69 September. Don Lina Staab. Morgens aus den Wiesen weht er zart, in den Spinnennetzen blitzt er schön, alles Gold hat er sich aufgespart und vergeudet es mit Lustgetön. Jauchzend in die Gärten fällt er spät: Gelbe Sonnen drehn sich überm Zaun. Feuer schlägt er aus dem schwarzen Beet. Dahlien züngeln und verlöschen braun. Flammenatem summt aus seinem Mund. Ach, er hat die Asternpracht erreicht — Brennend windet sie sich, schmerzlich bunt, schmale Blätter sinken aschenleicht. Eh das letzte Flammengold verpraßt, wenn die Fackel schwelt und erdwärts loht, taumelt er, des Sommers trunkner Gast, selber singend in den Feuertod. Oie Söhne des Senators. Bon Theodor Storm. Der nun längst vergessene alte Senator Christian Albrecht Jovers, dessen Sarg bei Beginn dieser einfachen Geschichte schon vor mehreren Jahren die stille Gesellschaft der Familiengruft vermehrt hatte, war einer der letzten größeren Kaufherren unserer Küstenstadt gewesen. Außer seiner Witwe, der von klein und groß geliebten Frau Senatorn, hatte er zwei Söhne hinterlassen, von denen er den ältesten, gleichen Namens mit ihm, turz vor seinem Tode als Kompagnon der Firma ausgenommen hatte, während für den um ein Jahr jüngeren Herrn Friedrich Jovers am selben Orte ein durch den Tod des Inhabers freigewordenes Weingeschäft erworben war. Dem alten, nun in Gott ruhenden Herrn war derzeit der Nus gefolgt, daß er in seinem Hause, selbst gegen seine im vorgeschrittenen Mannesalter stehenden Söhne, die Familicngewalt mit Strenge, ja oft mit Heftigkeit geübt habe: nicht minder aber, daß er ein Mann gewesen ei, stets eingedenk der Würde seiner Stellung und des wohlerworbenen Ansehens seiner Boreltern, mit einem offenen Herzen für seine Vaterstadt und alle reputierlichen Leute in derselben, mochten sie tn den großen Giebelhäusern am Markte ober in den Katen an den Stadtenden wohnen. Beim Jahreswechsel mußte ohnfehlbar der Buchhalter und Kassierer Friedebohm einen gewichtigen Haufen dänischer und holländischer Dukaten in einzelne Päckchen siegeln sei es zu Ehrengeschenken für die Prediger, für Kirchen- und Schulbediente oder für am Orte wohnende frühere Dienstboten als einen Beitrag zu den Kosten der verflo Jenen Feiertage: ebenso sicher aber war auch bann schon vor Einbruch ber schlimmsten Wintersnot ein auf bem naheUegenben Marschhofe bes Senators fett gegrafter Mastochse für bte Armen aus- geschlachtet unb verteilt worben. So stand denn nicht zu verwundern, daß die Mitbürger des alten Herrn, wenn sie ihm bei seinen seltenen Gängen durch die Stadt begegneten, stets mit einer Art sorglicher Feierlichkeit ihren Dreispitz von der Perücke hoben, auch wohl erwartungsvoll hinblickten, ob bei dem Gegengruhe ein Lächeln um den streng geschlossenen Mund sich zeige. . ___. < „ Das Haus der Familie lag inmitten der Stadt tn einer nach dem Hafen hinadgehenden Straße. Es hatte einen weiten, hohen Flur mit breiter Treppe in das Oberhaus, zur Linken neben der mächtigen Haustür das Wohnzimmer, in dem langgestreckten Hinterhause die beiden Schreibstuben für die Kaufmannsgesellen und den Prinzipal baruber im oberen Stockwerk, lag der nur bet feierlichen Anlasten gebrauchte große Feftsaal. Auch was derzeit sonst an Raum und Gelaß für eine angesehene Familie nötig war, befand sich tn und bet bem £>aufe nur eines fehlte: es hatte keinen Garten, fonbern nur einen mäßig großen Steinhof, auf welchen oben bie bret Fenster 0*5 (Saales- unten bie ber Schreibstuben hinaussahen. Der karge Ausblick aus diesem Hof ging über eine niebrige Grenzmauer auf einen Teil des hier nicht bretteren Nachbarhofes: ber Nachbar selber aber war Herr Friedrich Ä>ver , und über bie niebrige Mauer pflegten bie beiben »ruber sich ben Morgengruß zu bieten. . ..... o . Gleichwohl fehlte es ber. Familie nicht an einem stattlichen Lust- unb Nutzgarten, nur lag er einige Straßen weit vom Hause; boch immerhin so, baß er, wie man hier sich ausdrückt, „hintenum" zu erreichen war. Unb für ben vielbeschäftigten alten Kaufherrn mag es wohl gar eine Erquickung gewesen fein, wenn er spät nachmittags am Westranbe ber Stadt entlang wandelte, bisweilen anhaltend, um auf die grüne Marsch- weide hinabzufchauen, oder, wenn bei feuchter Witterung der Meeresspiegel wie emporgehoben sichtbar wurde, darüber hinaus nach den Masten eines seiner auf der Reede ankernden Schiffe. Er zögerte dann wohl noch ein Weilchen, bevor er sich wieder in die Stadt zurückwandte; denn freilich galt es, von hier aus nun noch etwa zwanzig Schritte in eine breite Nebengasse hineinzubiegen, wo die niedrigen, aber sauber gehaltenen Häuser von Arbeitern und kleinen Handwerkern der herein- ftrömenben Seeluft wie dem lieben Sonnenlichte freien Eingang ließen. Hier wurde die nördliche Häuserreihe von einem grünen Weißdornzaune und dieser wiederum durch eine breite Staketpforte unterbrochen. Mit dem schweren Schlüssel, den er aus ber Tasche zog, schloß ber alte Herr bie Psorte auf, unb halb konnte man ihn auf bem geradlinigen, mit weißen Muscheln ausgestampften Steige in ben Garten hineinfchreiten sehen, je nach ber Jahreszeit ben weißen Kopf seitwärts zu einer frisch erschlossenen Provinzrose hinabbeugend ober bas Obst an den jungen, in ben Rabatten neu gepflanzten Bäumen prüfenb. Sllbrecbt ben fremden Bogel zum Geschenke brachte; urb als auch Jte lyn damals fruaen: „Wat feggt de Papagoy?" da hatte der alte Mann nur lachend erwidert: „Ja, ja, je hebbt upt Schipp em allerlei dumm Zuges lehrt!" Der Himmel mochte wissen, was der Bogel mit seinem platt-- beu'frhen Zuruf sagen wollte! ,, Mitunter ging auch wohl die kleine, fteundliche Frau Senatorn nut ihrer Kaffeetasse in der Hand ben Steig hinab, um bie Enkelinnen bes alten Andreas mit einer Frucht ober einem Svnntagsschilling zu erfreuen- bann puhten bie Weiber ihren Säuglingen rasch bte Naschen, bie Jungen aber blieben grinfenb stehen: sie wußten 3« genau, daß die gute Dame es mit ber Verwandtschaft zum Andreas nicht allzu peinlich nahm. Ebenso geschah es mit Herrn Christian Albrecht, denn er glich einer Mutter an froher Leichtlebigkeit; er kannte die Buben all bet Namen und erzählte ihnen von dem Papageien die wunderbarsten und ergötzlichsten Geschichten, Anders, wenn ber alte Kaufherr mit feiner holländischen Kalkpfeife auf den Steig hinaustrat: dann zogen fid) alle ausgeftreetten Finger zwischen den Stäben der Pforte zuruck, unb aH unb jung schaute in ehrerbietigem Schweigen auf ihn hm; war es aber Herr Friebrich Jovers, ber ben Steig herabkam, so waren plötzlich mit bem Rufe „De junge Herr!" alle Jungen zu beiben Seiten der Pforte hinter bem hohen Zaun verschwunben, benn ber unbequeme Verkehr mit Kindern lag nicht in seiner Art; wohl ober hatte er einmal einen ber größeren Junaen berb geschüttelt, als bieser eben von ber Gasse aus "mit seinem Flitzbogen auf einen tm Garten singenden Hänfling schießen^wollte ^wilienfeste waren nun vorüber. — Der nördliche, hinter dem Pavillon liegende Teil des Gartens grenzte an den schon Der zwischen Buchseinfastung hinlaufende breite Steig führte nach etwa hundert Schritten zu einem im Zopfstil erbauten Pavillon; und es war für die angrenzende Gaste allemal ein Fest, wenn an Sonntag* nadjmitiagen die Familie sich hier zum Kaffee versammelt hatte und bann beibe Flügeltüren weit geöfnet waren. Der alte Anbreas, welcher dicht am Garten wohnte, hatte an solchen Tagen schon in der Morgenfrühe oder vorher, am Samstag, alle JRebenfteige geharkt unb Blumen unb Gesträuche sauber aufgebunben. Weiber mit ihrem Nachwuchs auf ben Armen, halbgewachsene Jungen unb Mäbchen brängten sich um die Pforte, um burch bereu Stäbe einen Blick in bie patrizischen Sommer* freuben zu erhaschen, mochten sie nun bas blintenbe Service bes Kaffeetisches berounbern ober schärfer Blickenbe bie nicht übel gemalte tanzenbe Flora an der Rückwand des Pavillons gewahren und nun lebhaft dafür eintreten, daß diese fliegende Dame das Bild der guten Frau Senatorn in ihren jungen Tagen vorstelle. Die ganze Freude der Jugend aber war ein grüner Papagei aus Kuba, ber bei solchen Anlässen als vieljähriger Haus- unb Festgenosse vor ben Türen bes Pavillons seinen Platz zu finden pflegte. Auf feiner Stange sitzend, pfiff, er bald ein heimatliches Negerliedchen, bald, wenn von der Pforte her zu viele Finger und blanke Augen auf ihn zielten, schrie er flügelfchlagend em fast verständliches Wort zu ber Gafsenbrut hinüber. Dann frugen bte Jungen untercinanber: „Wat feggt he? Wat feggt be Papagoy? Unb immer war einer bazwischen, welcher Antwort geben konnte. „Wat he feggt? — .Komm röroer!' feggt he!" — Dann lachten bie Jungen und ftiefeen sich mit den Ellenbogen, und wenn Stachelbeeren an ben Buschen ober Eierpflaumen an ben Bäumen hingen, fo hatten sie zum Herüberkommen gewiß nicht übel Lust. Aber bas war schwerlich bie Meinung bes allen Papageien; benn wenn Herr Christian Albrecht, sein befon* berer Gönner, mit einem Stückchen Zucker an bie Stange trat, fo schrie er ebenfalls: „Komm röwer!" Er hotte basfelbe schon gefdjnen, als ein alter Kavitän ihres Vaters ben Knaben Friebrich unb Christian Vogel zum Geschenke brachte; urb als auch sie ihn feggt be Papagoy?" ba hatte ber alte Mann nur außerhalb ler Stakst Negenben Kirchhof, und hier, In der von feinem Vater erbauten Familiengruft, ruhte der alte Kaufherr und Senator von seiner langen Lebensarbeit; mit dem Liede „O du schönes Weltgebäude" hatten die Gelehrten- und die Bürgerschule ihn zu Grabe gesungen, denen beiden, oft im Kampfe mit seinem Schwager, dem regierenden Bürgermeister, er zeitlebens ein starker Schutz und -alt gewesen war, -ier ruhte seit kurzem auch die freundliche Frau Senatorn, nachdem noch kurz zuvor -err Christian Albrecht eine ihr gleichgeartete, rosige Schwiegertochter in das alte -aus geführt hatte. „Du brauchst mich nun nicht weiter", hatte sie lächelnd zu dem trostbedürftigen Sohne gesagt; „in der da hast du mich ja wieder und noch jung und hübsch dazul" Und dann hatte auch sie die Augen geschlossen, und viele Augen hatten um sie geweint, und ihr sie verehrender Freund, der alte Kantor van Essen, hatte bei ihrem Begräbnis mit einer eigens dazu komponierten Trauer« musike ausgewartet. Der Kirchhof war durch einen niedrigen Zaun von dem Garten getrennt, und -err Christian Albrecht hatte sonst, ohne viele Gedanken, darüber weg aus den unweit belegenen Ueberbau der Gruft geblickt; seitdem aber sein Vater darunter ruhte, war ihm unwillkürlich der Wunsch gekommen, daß eine hohe Planke oder Mauer hier die Aussicht schließen möchte. Nicht daß er die Grabstätte seines Vaters scheute; nur vom Garten aus wollte er sie nicht vor Augen haben: wenn ihn sein Herz dahin trieb, so wollte er auf dem Umwege der Gassen und auf dem allgemeine» Totengang dahin gelangen. Er hatte diese Gedanken wohl auch gegen seinen Bruder ausgesprochen; er hatte sie dann über sein junges Eheglück vergessen; als aber jetzt auch der Leichnam der ihm herzverwandten Mutter unter jenen schweren Steinen lag, waren sie aufs neue hervorgetreten. Allein zunächst galt es, sich mit dem Bruder Über den elterlichen Nachlaß zu vereinigen; es war ja noch unbestimmt, in wessen -and der Garten kommen würde. * An einem Sonntagvormittage im November gingen die beiden Brüder, -err Christian Albrecht und -err Friedrich Soners, in dem großen, ungeheizten Festsaale des Familienhauses schweigend aus und ab. Die Morgensonne, welche noch vor kurzem durch die kleinen Scheiben der drei hohen Fenster hineingeschienen hatte, war schon fortgegangen, die großen Spiegel an den Zwischenwänden standen fast düster zwischen den grauseidenen Vorhängen. Fast behutsam traten die Männer auf, als wollten sie in dem weiten Gemache den Widerhall nicht wecken; endlich blieben sie vor einer zierlichen Schatulle mit Spiegelaufsatz stehen, dessen reich- oergoldete Bekrönung aus einer von Amoretten gehaltenen Rosengirlande bestand, ,,-m", sagte Christian Albrecht, „Mama selig, als sie in ihren letzten Jahren einmal ihren Muff hier aus der Schublade nahm, da nickte sie dem einen Spiegel zu; ,du Schelm', sagte sie, ,wo hast du das schmucke Antlitz hingetan, bas du mir sonst so eifrig vorgehalten hast! Nun guck einmal, Christian Albrecht, was itzo da herausschaut!' Die alte, heitere Frau, bann gab sie mir bie -anb unb lachte herzlich." Die beiben Brüder blickten auf das stumme Glas: kein junges Antlitz blickte mehr heraus; auch nicht das liebe alte, das sie besser noch als jenes kannten. Schweigend gingen sie weiter; sie legten fast wie mit Ehrfurcht ihre -and bald auf bas eine, bald auf das andere der umherstehenden Geräte, als wäre es noch in ihrer Knabenzeit, wo ihnen der Eintritt hier nur bei Familienfesten und zur Weihnachtszeit vergönnt gewesen war. Wie damals war unter der schweren ©tuefrofette der Gipsdecke das stille Blitzen der großen Kristallkrone; wie damals hingen über dem Kanapee, den Fenstern gegenüber, die lebensgroßen Brustbilder der Eltern in ihrem Brautstaate, daneben in höherem Alter die der Großeltern, deren altmodische Gestalten ihnen in der Dämmerung ihrer frühesten Jugendzeit entschwanden. „Christian Albrecht", sagte der Jüngere, unb ber vom Vater ererbte strenge Zug um ben Mund verschwand ein wenig; „hier darf nichts gerückt werden." „Ich meine auch nicht, Friedrich." „Es verbleibt dir sonach mit dem -ause." „Und der Papagei? Den haben wir vergessen." „Ich denke, der gehört auch mit zum -ause." Christian Albrecht nickte. „Und du nimmst dagegen das beste Tafelsilber und das Sevresporzellan, das hierneben in der Geschirrkammer steht!" Friedrich nickte; eine Pause entstand. „So wären wir denn mit unserer Teilung fertig!" sagte Christian Albrecht wieder. Friedrich antwortete nicht; er stand vor den Familienbildern, als ob er eingehend sie betrachten müsse; sein Kopf drückte sich immer weiter in den Nacken, bis der schwarzseidene -aarbeutel im rechten Winkel von dem schokoladefarbenen Rocke abftanb. „Es ist nur noch ber Garten", sagte er enblich, als ob er etwas ganz Beiläufiges erwähne. Ader in bes Brubers sonst so ruhigem Antlitz zuckte es, wie wenn ein lang Gefürchtetes plötzlich ausgesprochen wäre. „Den Garten könntest du m i r lassen", sagte er beklommen; „bie Auslösungssumme magst bu selbst bestimmen!" „Meinst bu, Christian Albrecht?" „Ich meine es, Friebrich. Du sagst es selbst, bu seiest ein geborener -agestolz; — ober ich unb meine Christine, unsere Ehe wirb gesegnet sein! -ier haben wir nur den engen Steinhof; bebenf es, Bruder, wo sollen wir mit ben lieben Geschöpfen hin? Unb bann — bu selber! Im Pavillon, an ben Scnntagnachmittagen! Du wirst boch lieber beine junge Schwägerin als beine bärbeißige Witwe Antje Möllern unserer Mütter Kafsec- tisch verwalten sehen!" „Deinen Kinbern", erroiberte ber anbere, ohne umzublicken, „wirb mein Garten nicht verschlossen sein." „Das weiß ich, lieber Friebrich; aber Kinberhände in meines ordnung- liebenben Herrn Bruders Ranunkel- und LevkojenbeetenI" Friedrich anfivorleie hierauf nicht. „Es Ist ein Kodizill zu unseres Vaters Testament gewesen", sagte er, als spräche er es zu den Bildern ober zu ber Wand ihm gegenüber, „banach sollte mir ber Garten werben; bie Auslösungssumme ist mir nicht bekannt geworden, die magst bu bestimmen ober sonst bestimmen lassen." Der Aeltere nahm saft gewaltsam seines Bruders Hand. „Du weiß, es van unserer seligen Mutter, bah unser Vater, ba sie bas Schriftstück einmal in bie -anb bekam, ausbrücklich ihr geheißen hat: .Zerreiße es; bie Brüder sollen sich darum vertragen.'" „Es ist aber nicht zerrissen worden." „Das weiß ich wohl; es trat im selben Augenblick ein Fremder in das Zimmer, unb berohalben unterblieb es bamols; aber später, am Tage nach selig Vaters Begräbnis, hat unsere Mutter ben Willen bes Verstorbenen ausgeführt." „Das war ein volles Jahr nachher." „Friedrich, Friedrich!" rief ber Aeltere. „Willst du verklagen, was unsere Mutter tat!" „Das nicht, Christian Albrecht, aber Mama selig versierte in einem Irrtum; sie war nicht mehr befugt, bas Schriftstück zu zerreißen." Aus bem Antlitz bes älteren Brubers staub es für einen Augenblick wie eine ratlose Frage; bann begann er in bem weiten Saale auf und ab zu wandern, bis er mit ausgestreckten Armen in ber Mitte stehen blieb. „Gut", sagte er, „bu wünschest ben Garten, wir beibe wünschen ihn! Aber babei soll unseres Vaters Wort in Ehren bleiben; teilen wir, wenn bu es willst, daß jeder seine -älfte habe!" „Unb jeber ein verhunztes Stück bekäme!" „Nun denn, so losen wir! Laß uns hinuntergehen, Christine kann bie Lose machen!" -err Friedrich hatte sich umgeroanbt; sein dem Bruder zugekehrtes Antlitz war bis über die dichten Augenbrauen hinauf gerötet. „Was mein Recht ist", sagte er heftig, „das fetze ich nicht aufs Los." In diesem Augenblicke klang das Negerlied des Papageien aus dem Unterhaus herauf; ein alter Diener halte die Tür des Saales geöffnet; „Madame läßt bitten; es ist angerichtet." „Gleich! Sogleich!" rief Christian Albrecht. „Wir werden gleich hinunterkommen!" Der Diener verschwand; aber die -erren kamen nicht. Nach einer Viertelstunde trat unten aus dem Wohnzimmer eine jugendliche Frau mit leichtgepudertem Köpfchen auf den Flur hinaus; behende erstieg sie die breite Treppe bis zur -älfte unb rief bann nach bem Saal hinauf: „Seib ihr benn noch nicht fertig? Friebrich! Christian Albrecht! Soll benn bie Suppe noch zum brittenmal zu Feuer?" Es erfolgte keine Antwort; aber nach einer Weile, währenb ber Stöckelschuh ber hübschen Frau ein paarmal ungeduldig auf ber Stufe ausgeklappert hatte, würbe oben bie Saaltür aufgestoßen, unb Friebrich kam allein bie Treppe herab. Die junge Frau Senatorin — benn ihr Eheliebster war kürzlich seinem Daker in biefer Würbe nachgefolgt — sah ihn ganz erschrocken an. „Friedrich!" rief sie, „wie siehst bu aus? Unb wo bleibt Christian Albrecht?" Ader ber Schwager stürmte ohne Antwort an ihr vorüber. „Wünsche wohl zu speisen!" murmelte er unb ftanb gleich barauf schon unten an ber -austür, bie Klinke in ber -anb. Sie lief ihm nach. „Friebrich! Friebrich, was fällt bir ein? Dein Leibgericht, perdrix aux truffes1!" Ader er war schon auf der Gasse, unb burch bas Flurfenster sah sie ihn seinem -ause zuellen. „Nun sieh mir einer biefen Querkopf an!" Unb sie schüttelte ihr Köpfchen unb stieg nachbenklich bie Treppe roieber hinauf. Als sie bie Tür bes Saales öffnete, sah sie ben jungen -errn Senator, bie -änbe in ben Rockschöhen, vom anberen Ende bes Gemaches herschreiten, so ernsthaft vor sich auf bie Dielen fchauenb, als wolle er bie Nägelköpfe zählen. „Christian! Christian Albrecht!" rief sie, als er vor ihr ftanb. Als er ben Klang ihrer Stimme hörte unb, ben Kops erhebenb, ihr in bie tinberblauen Augen sah, gewannen seine Züge bie gewohnte Heiterkeit zurück. „Gehen wir zu Tisch, Mabame!" sagte er lächelnd. „Bruder Friedrich muß nun heute mit der Frau Witwe Antje Möllern speisen; das ist gerechte Strafe! Morgen wird er schon wieberkominen; aber ich habe denn doch auch meinen Kops, und — unseres Vaters Wort muß gelten!" Damit bot er (einer erstaunten Frau den Arm und führte sie die Treppe hinab und zu Tische. Das Wiederkommen hatte indessen gute Weile; vierzehn Tage waren verflossen, und Herr Friedrich hatte seinen Fuß noch nicht wieder über bie Schwelle bes Familienhauses gesetzt. Gleich am ersten Morgen nach jenem verfehlten Mittage war Christian Albrecht wieberholt aus seinen Steinhof hinausgegangen, um wie sonst über bie niebrige Grenzmauer seinem Bruber ben Morgengruh zu bieten; aber von Herrn Friedrich war nichts zu sehen gewesen; ja, eines Morgens hatte Herr Christian Albrecht ganz deutlich den Schritt des Brudes aus der in einem Winkel verborgenen Hoftür kommen hören: als ihn aber im selben Augenblicke ob einer in der Alteration zu scharf genommene Prise ein lautes Niesen anfiel, hörte er gleich daraus die Schritte wieder umkehren und die ihm unsichtbare Hoftür zuschlagen. -err Christian Albrecht wurde ganz still in sich bei dieser Lage ber Dinge; nur mit halbem Ohre lauschte er. wenn, um ihn aufzumuntern, bie hübsche Frau Senatorin sich in ber Dämmerftunbe ans Klavier setzte unb ihm bie allerneuesten Lieber: „Beschattet von ber Pappelweibe" unb „Blühe, liebes Veilchen", eines nach bem anbern mit ihrer hellen Stimme oorfang. (Fortsetzung folgt.) 1 Rebhühner mit Trüffeln. Mit einem blauen Auge. Von Bruno Brehm. Der österreichische Dichter Bruno Brehm hat den Krieg als Artitlerieofsizier in Rußland und Italien mitgemacht. Er wurde zweimal schwer verwundet. In dieser Erzählung schildert er ein Fronterlebnis aus dem letzten Jahr des Krieges. Ob sich der Artillerist in der Nacht die Hosen ausziehen kann, hängt ganz von der Infanterie ab, die vorne ist. Im vierten Kriegsjahre hatte man da so seine eigenen Erfahrungen. Mein Freund August, der Kommandant der Batterie Eins, versicherte, es gäbe Regimenter, bei denen er nicht einmal die Stiesel ablegen würde. Diesmal, im Mai 1918, beim Aufmarsch zum Durchbruch auf der Hochfläche der Sieben Gemeinden, waren Steirer vorne; wir konnten uns nach Augusts Meinung sogar ein Nachthemd leisten. Das wollte etwas heißen. Denn schon im Frieden, während der Manöver, hatte mich August oft durch seine umständliche Art, sich anzuziehen und zu waschen, in Raserei versetzt. Er war der umständlichste Mensch, er galt als der beste Artillerist weit und breit, sein Sperrfeuer faß, und wenn er sich einschoß, konnten wir alle etwas lernen. Er hatte noch etwas vom „Zünftigen" an sich, denn Artillerie ist, wie er zu sagen pflegte, nicht nur eine Waffe, sondern auch eine Zunft, es gehört zu ihr Gefühl, Verstand und vor allem jene Ruhe, deren Fehlen ihm an mir so ganz und gar mißfiel. Mit dem, was er bei seiner Batterie zusammengespart hatte, ließ sich fast ein Regiment ausrüsten. Richtkreise, Scherenfernrohre, Kochkisten, Sättel, Geschirr — all das besah er in einigen Garnituren; er gab von seinen Schätzen nichts her. Seine Batterie hatte er musterhaft beisammen. Als ich einmal zu ihm schnorren kam, lehnte er freundlich grinsend ab: „Ich spare nicht für Windbeutel! Ich habe meine Sache nicht gestohlen! Wirtschaften muß man können. Du wirst es nie lernen. Deshalb ist meine Batterie auch die beste!" Das also war der musterhafte Batteriekommandant August, weniger beliebt bei seinen Offizieren als bei seiner Mannschaft, von der er jeden Mann abends am liebsten eigenhändig zugedeckt mit einem Gutenachtkuß bedacht hätte. Seine Offiziere nahm er tüchtig her, er sah auch in ihnen Windbeutel, die weder ordentlich schießen noch richtig sparen konnten. Auch meinem ersten Offizier, dem jungen, etwas verwöhnten Neffen eines bekanten Generals, war August nicht besonders gewogen. Er liebte nicht dessen Art, den weißen Umlegkragen des Hemdes über die Bluse K ziehen; Krieg und Tennis, pflegte August zu sagen, sind zwei ver- iedene Dinge. Ein Artillerist habe mit seinen Schießkenntnissen und nicht mit seinem Scheitel oder mit seinen Stiefeln zu glänzen. Er an meiner Stelle, sagte August, würde den guten Edi ein wenig ordentlicher Herrichten und hochnehmen. Wir hatten damals in dem zerschossenen und räudigen Waldgebiet nördlich von Asiago ein an die Felsen geschmiegtes Barackenlager bezogen. Kam die Nacht, dann schlug der Engländer mit seinem schweren Geschütz zu uns herüber, daß der geschundene, gramergraute, zerfetzte Wald aufheulte und das berstende Gestein lossplitterte, daß die Verwundeten schrien und unsere Baracken in allen Fugen erbebten. Da es unbequem ist, im Nachthemd in die Kaverne zu sausen, legten wir uns schon am zweiten Tage angezogen hin. Gegen Morgen kam Edi, mein erster Offizier, vom Stellungsbau ins Lager zurück. August trat ihm dann sein Bett ab, aber der Engländer war weniger rücksichtsvoll gegen einen verwöhnten Gcneralsnesfen, er schoß bis weit in den Vormittag hinein, und Edi beschwerte sich, daß er nicht schlafen könne. Edi wollte sich eine andere Ruhestatt aussuchen. Ich fragte August, ob er nicht unter seinen Schätzen, zwischen Richtkreisen und Sätteln auch ein Himmelbett habe, das man dann unter der letzten ganzen Fichte aufstellen könne, oder, wenn es dort zu wenig gemütlich sei, vielleicht auch in der Kaverne. August bedauerte, weder einen Damensattel noch ein Himmelbett zu besitzen, ich könnte überdies auch wissen, daß er Windbeuteln nichts leihe. In der Kaverne wiederum wollte Edi nicht schlafen, dort renne alles zusammen, wenn die Schießerei zu arg werde. Aber auf feinem Weg in die Stellung käme er olllibendlich an einem italienischen Fort vorbei, dort wollte er sich zur Ruhe be- geben. Abends begleitete ich Edi in die Stellung. Richtig, da hockte, grau und schwer, zwischen den Bäumen, der mächtige Betonwurfei. Das eiserne Tor des Forts war gesprengt. Ja, ich glaubte auch, daß Edi hier gut schlafen ““ebi gab also seinem Burschen den Auftrag, ihm in dieser Betonhöhle das Bett zu bereiten. Als ich August erzählte, wo Edi heute morgen sich zur Ruhe begeben wolle, schüttelte August den Kops: „Merkwürdige Leute, diese jungen Offiziere! Das sind mir Artilleristen, die das Schießen "'^Ed^^B°u/sche zog mit dem Bettzeug ab; die Nacht wurde ungemütlich. Mir ließ es keine Ruhe, ich wollte wissen, ob die untenbe> d» Batterie etwas abbekommen hatten und gingnoch ^..Morgengrauen durch den Wald in die Stellung vor. Die Geschohe.n schlage beleuchteten den Weg. August ging mit mir. Oft tappten mir fel)l, dann riefen wir einander zu und suchten wieder den zerschossenen Weg. 3n der Liälite des Hanges, der Morgen begann schon zu grauen, das Aufblitzen der Geschosse und die breiten Streifen des Mundungs- feuers drüben in den Wäldern südlich der Hochfläche, wurden blasser und fahler. Die Essenträger kamen zuruck. Da stießen wir bald auf unsere Leute, die vom Bau kamen. Es hatte munberbarerroeife keine Verluste gegeben So ba war auch Edi. Uebernachtigt und mud« zum Umfallen8 @r verfluchte diese Schießerei, die Leute seien °usgepumph man müsse die Munition endlos weit schleppen; aber nun sei man S°f 2I°ud)b21ugufV'blirfte seinen matten, verhungerten Leuten traurig nach: das sind keine Soldaten mehr, knurrte er vor sich hm, sie hotten Lumpen am Leibe und nichts im Magen. In Rußland oben se> das wenigstens ein Krieg gewesen. Aber hier kamen die Menschen an Suppe und vor Schwäche um. Eine Weile später stießen wir auf Edis Burschen, der mefbefe, frag er im italienischen Fort ein wunderbares Ruhelager bereitet habe. Wie er dies sagte, sauste es über uns dahin, daß wir eine tiefe Verbeugung machten. Dann folgte ein Krach, daß es uns den Magen hob. Steine pfiffen durch die Luft, Splitter quirlten und gurgelten über unseren Kopsen hin, Rauch stieg empor. Als wir wieder sehen konnten, war der Betonklotz des Forts zwischen den Bäumen verschwunden. Die Leute fragte August, ob jemand verwundet sei. Niemand! Zu mir sagte er: „Siehst du, ba hat mein Vater baheim für mich gebetet gehabt", und zu Ebi meinte er: „Du hast mehr Glück als Verstand. Leg dich in mein Bett und gewöhn dir diese Empfindlichkeit gegen den Lärm ab." Dieser Schuß eines Marinegeschützes hatte auf Edi einen guten Einfluß, denn er schlief wirklich bis gegen Abend. „Blöde Extravaganzen", sagte August, den Schläfer betrachtend, „diese jungen Herren werden sich dach langsam an den Krieg gewöhnen!" Aus seinen Schätzen holte er für den schlafenden Edi eine weiche Decke und schob sie ihm unter den Kopf. Einige Tage später trat die k. u. k. Armee an der Piave und ko den Sieben Gemeinden zu ihrem letzten Borstoß an. Wir beide, die Batteriekommandanten, hatten unseren Beobochtungs- ftanb nicht weit voneinander, neben dem Divisionär. Einige Minuten vor Einsatz unseres Trommelfeuers hatte der Italiener mit Gas zu schießen begonnen. Die Meldungen aus der Batterie klangen gut. Die drunten hatten weniger unter dem Feuer zu leiden als wir oben. Der Angriff lief sich gegen Mittag fest. Wir sahen von oben das Vorrückeu der Infanterie, wir packten schon zusammen, um vorwärts gelegene Beobachtungsstände auszusuchen. Wir träumten schon von besserem Futter für unsere schwachen Pferde und reichlicher Verpflegung aus der erhofften Beute. Durch den Rauch, der über dem weiten Kessel lag, sahen wir weit draußen das Meer der venetianischen Lagunen aufblitzen. Nun stand die Schlacht. Nun schlief sie ein. Eine Stunde später wußten wir, daß der Gegner die vorderen Stellungen geräumt, daß unser Trommelfeuer auf verlassenen Stellungen gelegen und daß sich die Infanterie verblutet hatte. Wir wußten, daß es nun mit uns zu Ende ging, daß wir keinen zweiten Angriff machen kannten. Uns war schwer ums Herz, mir hätten ausheulen können. Am Abend kam der Befehl, daß die weit vorgeschobenen Batterien aus den Stellungen zu ziehen seien und retabliert werden sollten. August sprach kein Wort. Wir wußten, woran wir waren. August und ich gingen in die Batterie hinab: bei mir hatte es einige Treffer gegeben. Knapp neben Edi war ein Volltreffer in den Unterstand gefahren und hatte Tote und Verwundete gefordert. Edi sprach nicht über diese Sache, aber man sah ihm den Schrecken noch an. Bei August drüben war ein Geschütz zerhaut worden; ich fragte, ob er unter seinen Schätzen nicht auch ein Reservegeschütz mitführe. Er verfluchte meine Sticheleien. Dann ritten wir schweigend voraus in die Protzenstellung. Diese Nacht nach dem Angriff stieß der Feind mit seinen Geschossen in die Wälder und in die Schluchten. Die Pferde schraken zusammen, wir sprachen nichts miteinander, wir ließen die Köpfe hängen und dachten an die Batterien, die durch dieses Unwetter hindurchmußten. In den Protzenstellungen trieben wir alles zum Aufbruch an. Bis in die Morgendämmerung gab es zu tun. Bei grauendem Tag rückten die Batterien an. Edi meldete mir vom Pferd herunter, daß man wie durch ein Wunder ohne Verluste aus dem Feuerbereich gekommen fei. Kaum hatte er (eine Meldung he endet, als mit Orgeln und Brausen und einem Luftdruck, der uns zurücktaumeln lieh, ein Blindgänger nicht weit von uns in die Wiese fuhr. „Nicht einmal hier lassen einen diese Hunde in Ruhe!" fluchte Edi, sein steigendes Pferd zügelnd. „Auf dich haben sie es abgesehen", rief August, der in der Nähe stand, herüber. Dies war der letzte Gruß vom Feind. Dann wurde es still. Nur Räderrollen und Schritteschlürfen hallte durch die Morgendämmerung. Die Leute waren neben den Geschützen hingesunken und schliefen. Die Pferde standen müde zwischen den Bäumen. Wir deckten noch alles mit Reisig zu, denn kurz darauf kamen kieffchwirrende amerikanische Flieger herangebraust, knatterten mit Maschinengewehren das enge Tal ab und liehen Bomben loskrachen. August und ich beschlossen, die Familienväter und die Leute der älteren Jahrgänge mit den Munitionsautos voraus in das nächste Quartier zu schicken. „Gib deinen Edi mit", riet mir August, „der Junge zieht das Feuer an wie die Pappeln den Blitz. Ich suchte also Edi aus, der schon irgendwo sich zur Ruhe hingehaut hatte und sagte, er solle mit den alten Leuten vorausfahren, ich käme mit der Batterie nach. ,. , „ Edi war hochbeglückt; er fühlte, dah es besser (et, von hier so schnell wie möglich zu verschwinden. Eine Viertelstunde später tauchte er vor uns wieder aus: wie aus dem Schächtelchen gekleidet: Lackstiefel, braune Friedensbluse (natürlich wieder halb Tennis, halb Krieg, wie August murrte), srisch rasiert, leicht nach feinen Wassern duftend (stinkend wie ein Mofchusbock, nach Augusts Daf/Ber’nürb Verheerung in Trient anrichten", sagten August, „der ist so schön, dah nicht einmal die Etappe mittommt!" Die alten Herren standen in den Autos und grüßten zuruck. Nun, ihnen gönnte ich die Ruhe, für sie war ein so weiter Marsch nichts. Aufsitzen konnten wir nicht lassen, dazu waren unsere Pferde zu schwach. Gegen Mittag tarnen wir mit der Batterie nach. Die Flieger der Feinde ließen sich nicht blicken, sie waren wohl auch zu müde. August ging ein Stückchen Weg neben mir; er ritt nicht, er schonte auch sein Pferd Am liebsten hätte er es wohl unter dem Arm getragen. Das gehörte zu seinen Schätzen. Auch seine Offiziere muhten gehen. Deren Pferde betreute er auch, die wurden auch geschont. Die Offiziere feiner Batterie sagten, er staube während der Rast mit seinem Sacktuch die Geschützrohre ab. Ader wahrscheinlich hatte er auch hierfür eigene Sack- ffiAer In seinem vchatzwagen. „Wenn Ich könnte , sagte August, „kch schickte alle diese jungen Herren zum Teufel und behielte mir zwei alte Ruerwerker bei der Batterie. Solch ein Windbeutel wie dein Edi konnte mir überhaupt gestohlen werden." „Laß den Edi", erwiderte ich, „diese jungen Burschen haben eben Freude daran, sich besonders schön zu machen, wenn es ins Quartier geht. Ich liehe meine Bagage nicht durch ein Paar Lackstiesel um zwei Kilo schwerer machen, knurrte August. „Der Edi schaut ja verboten aus, zu schön für diese Welt!" Wahrend wir so sprachen, kam uns nut allen Zeichen der Aufregung ein Mann entgegengeeilt und schrie mehr als er es meldete, daß eines der vorausgeschickten Autos auf einer Serpentine abgefturzt und m die Tiefe gerollt wäre. Bier Mann feien tot, einige verletzt. Der Unglucksbote wußte die Namen der Toten zu nennen: es waren meine ältesten Leute, es waren alle vier Familienväter. . ... . . Ich stützte mich auf Augusts Arm: „Siehst du, und ich habe nur das Beste für diese Leute gewollt!" ,, K August knurrte etwas von Schlamperei, schlechter Instandhaltung der Autos, allgemeiner Windbeutelei und bann klopfte er mir auf die Schulter- "Mir geht das nahe, als ob es meine eigenen Leute wären. Ich fragte nach dem Oberleutnant Edi und der Mann antwortete mir, der fei auch verlegt, aber nicht schwer. Ich verabschiedete mich von August, ich wollte allem fein. Ach eilte mit dem Boten voraus. Der abgeschlagene Angriff, die Unrast der letzten Woche, die kaum überstandene Grippe, das alles fiel nun über mich her, daß mir die Zähne klapperten. Ich kannte die alten Leute, die da abge= stürzt waren, einer von ihnen war ein Bater von sechs Kindern. Ich haderte wider das Schicksal, ich gab mir die Schuld an diesem Unglück. Da sah ich auf: auf der Straße kam mir jemand entgegengehumpelt, zerlumpt, zerschunden, das Gesicht in einem Mutigen Verband! Das war Edi! Seine neue Uniform war zerfetzt, grau von Staub, seine Lackstiefel Acrriffcn. Und wie das schon so geht, daß man in der tiefsten Trauer ein Bedürfnis nach Entlastung empfindet, schlug ich die Hände zusammen und setzte mich in den Straßengraben, geschüttelt von nicht endenwollendem Lachen, immer wieder Augusts Worte wiederholend: „Zu schön für diese Welt! Zu schön für diese Welt!" Und der Meldeläufer neben mir wurde von meinem Lachen angestockt und konnte es nicht unterdrücken, wiewohl doch ein Kanonier über einen Oberleutnant nichts zu lachen hat! Edi versuchte sogar auch, ein wenig mitzulächeln, aber es ging nicht und er bat mich flehend: „Ich bitte dich, hör auf, mir tut das Lachen weh!" „Ich danke dir, daß du mir entgegengehumpelt bist", sagte ich, „denn dein schauerlicher Anblick ist mein einziger Trost. Du bist mir nun dreimal mit einem blauen Auge davongekommen! Jetzt schau aber, daß du auf Urlaub kommst, denn sonst schlägt noch während der Ruhe hinter der Front bei uns der Blitz ein." Das schöne Ansbach. Bon Wilhelm Hausen st ein. Man hat viel davon gehört, das Schloß ist gerühmt worden, und man hat sich eine Vorstellung von diesem Schloß zu machen versucht — vielleicht nach dem Vorbild von Mannheim ober Lubwigsburg ober Bruchsal ober Würzburg. Unb nun — nun kommt wieder einmal ber Augenblick des Zusammentreffens ber Vorstellung mit ber Wirklichkeit, unb siehe ba: es ist anders! Die schöne Wirklichkeit hat so viele Möglichkeiten, anders zu sein, anders als unsere Vorstellung ... Zunächst einmal: das Ansbacher Schloß ist kein Hufeisen wie die barocken Schlösser es sonst gerne sind; es ist ein Block, der einen architektonischen Hof umschließt. Sodann: das Ansbacher Schloß öffnet sich nicht nach der Stadt hin wie das in Würzburg, in Mannheim, es fchaut die Stadt nicht an; sondern es wendet sich durchaus weg von der Stadt, zum Hofgarten hinüber. Zum dritten: die Front steht schräg, in der Diagonale — und das mutet besonders eigentümlich an, besonders unerwartet. Dies also ist Wirklichkeit. Eine schöne Wirklichkeit ... Jetzt fällt uns ein, daß wir ja von ihr wußten. Wir haben sie abgebildet gesehen. Wir hatten sie nur vergessen; die Vorstellung mar lebhafter, das Traumbild war stärker als die Erinnerung an die Bilder. Aber jetzt ist der Augenblick da, wo die Wirklichkeit sich vor die Einbildungskraft stellt — und natürlich ist die besondere Wirklichkeit viel besser als das un= gesähre Bild aus der Phantasie ... Man tritt durch ein reizendes Gittertor, das zur Linken steht, und findet das berühmte Schloß nach rückwärts eng mit der Stadt verbunden. Cs wächst recht in die Stadt hinein, und wenn man es lösen wollte, müßte man es mit Gewalt herausreißen; so dicht ist es dort mit der Stadt verbunden. Größe und Vornehmheit des Schlosses sind mit alten fränkischen Fachwerkhäusern bürgerlicher Art zusammengewachsen; so fühlt man, daß alle, die Herren und die Untertanen, doch eine einzige Menschheit gewesen sind, die von sich selbst nicht loskommen konnte, ob auch die Front ber Markgrafen stolz sich wegkehrte von ber misera plebs contribuens, ber skeuerzahlenben Menge. Doch nicht, baß Schloßfront unb Hof bie erschlagenbe Pracht unb Macht anberer Schlösser bes Barock besäßen — etwa bes Mannheimer ober ßubwigsburger Schlosses. Das Barock bes Ansbacher Schlosses steht auch nach ber hochherrschaftlichen Seite in einer gewissen Be- scheibenheit sowohl der Abmessungen als bes barocken Pomps. Unb gleichwohl: es entzückt; es überzeugt. Zumal im Innern: welche Feinheit; welche Ueberlegenheit bes Stils, zum Beispiel in der Meisterschaft der Stukkaturen! Wie vortrefflich selbst bie örtlichen Meister, bie im 18. Iahrhunbert für btefes Schloß bie Kunst bes BUbnisses gepflegt haben! Es ist merkwürdig, in der Atmosphäre ber Z'mmer unb Säte den Gedanken an den Alken Fritz erweck! zu fühlen. Der Führer zeigt ein j Bildnis des Königs und erinnert an die Schwagerschaft des preußischen j Dynasten mit dem ansbachischen Markgrafen. Es ist sonderbar, zu denken, daß dies Ansbach, Schloß, Stabt, Lanbschaft, einmal preußisch, < richtig preußisch gewesen ist: von 1791, wo ber letzte Markgraf das Land mit der Hauptstadt an den Nachfolger des Alten Fritz gegen eine | ausgiebige Lebensrente abtrat, bis 1806, wo Napoleon die Markgraf- । schäft an Bayern hinüberschob. Es ist auch seltsam zu denken, daß schon vorher, viereinhalb Jahrhunderte lang, von 1331 bis 1791, Hohenzollern ! die Herrschaft ausgeübt haben über einen Bereich, dessen geschichtliche I Anfänge mit der bischöflichen Welt von Würzburg verbunden waren. Denn vordem war, wie heute noch ein Wappen am Rathaus anbeutet, bas Ansbachische bem Geistlich-Würzburgischen zugeorbnet: dies ans- bachifche Wesen, das heute in den Kirchen unb im Stabtgesicht bas j Protestantische auf so spürbare Weise betunbet. Zwei stattliche unb liebenswerte Kirchen weisen noch in bie Zeit der Einheit bes Glaubens zurück: Sankt Gumbertus unb Sankt Jo- , Hannes. Die gotischen Chore beiber Kirchen sprechen an; am meisten | entzückt wohl bas von Sankt Johannes — schlank unb fein, wie es ; sich emporzieht. Das Chor von Sankt Gumbertus umschließt bie Kapelle ' einer frommen Ritterschaft; ringsum im Innern stehen bie Grabmale ' ber Herren bes gotischen Schwanenritterorbens, unb in ber Mitte bes ritterschaftlichen Halbkreises, ber gleichsam noch zu tagen scheint, steht mit bem treulich gemalten alten Flügelaltar ein schönes gotisches Holz- bilb ber Muttergottes und des Kindes. Die große Gumberts-Kirche selbst, barock gewandelt, betont das Be- fonnene, das „Rationale", bas bem Barock nicht minber zugehört als ber Ueberschwang ber Gefühle. Das Ueppige bes katholischen Barock ist zurückgetreten; bas Gebankenhafte, Unbilbliche bestimmt in biefem protestantischen Barock ben Stil bes Schiffs. Auch an ber Außenseite bes Schiffs regiert ber Geist bes evangelischen Barock — ber Geist ber Mäßigung im Baulichen unb im Zierat; nur baß zwei Engelstrophäen in ber Höhe ber Außenseite verteilt sinb als zwei prächtig schmückende Agraffen. Unmittelbar von ber Straße betritt man bas Chor ber Johanniskirche, vielmehr ber Unterkirche btefes erlesenen Chors. Mit einem Male, j noch gestreift vom Lebenshauch ber lauen Luft braußen, steht man in der stumpfen Luft unb Unluft bes Tobes; Särge ber Markgrafen drängen einander; neben dem kahlen oder mit Putten überzierten Zink ber großen Sarkophage liegen bie kleinen herzbewegenben Särge bet Prinzen unb Prinzessinnen, Kinbersürge, zuweilen mit verstaubtem altem Samt überzogen ... Grauer Speicher bes Tobes. Die gotische Welt hat sich nachbrücklich nicht nur in ben Kirchen ausgesprochen, fonbern beispielsweise auch im Rathaus. Den Giebel bes ' Rathauses umlaufen aber schon bie (pielenben Ersinbungen ber Renais- } jance unb mit schwerer, auch buntler Pracht zieren sie bie Giebelreihen j bes mächtigen Gerichtsgebäubes, bas mit Sankt Gumbert nachbarlich zusammenstoht — berart, baß Kirche unb Gerichtshaus einanber zu ■ stützen scheinen wie Geschwister. Es gibt Gotik unb Renaissance; es gibt bie späte Klassik ber katho- tischen Lubwigskirche; aber bie Hauptschicht ber Baugeologie bieser Stabt- ist mehr barock. Man muß ein wenig an Erlangen benten (an bas nicht genug gekannte Erlangen) ober an Mannheim ober an Ludwigsburg, ja, vielleicht auch ein wenig an Potsbam. Doch abermals: man barf, wenn man „barock" sagt, nicht immer bas Pompöse und Phantastische erwarten. Das Barock ist — schon bie Gumbertuskirche, sogar bas Schloß lehrt es — bem Vernünftig-Einfachen nicht abholb; bas Verstänbige, bas Schlicht-Planmäßige gehört auch zum Barock; man muß baran benten, baß im Barock bie großen Mathematiker und Mechaniker gelebt haben, bie Männer bes klaren Verftanbes unb der vollkommenen Nüchternheit. Auch in Ansbach gibt es bies beschwich- tigenbe Barock; in ben Häusern unb Straßen ber Bürger schuf es (eine stillen Denkmale; freilich sinb biefe Denkmale, beispielsweise in den Wohnhäusern der Marimilianstrahe, so menschlich-liebenswürdig, so behaglich, auf so reizende Weise geglückt, daß nichts zu wünschen übrig bleibt. Es ist Föhnlicht — bald ist der Himmel sehr blau, bald grünlich, schweflig, auch grau ober himbeerrot. Wir roanbern ben Hofgarten hinüber; bie Laublosigkeit ber Bäume wirb gerabe unter bie,en Lichtern wunderbar; bie sanbigen Wege Frankens sinb hell unb angenehm. Die Orangerie bort drüben, einstöckig, langgestreckt, mit dem gemütlichen, barocken Knickdach geschützt, mutet eine Sekunde lang ganz leise an wie Sanssouci; nur daß sie mit ihrem goldenen Ocker die Erinnerung an Sanssouci gleich wieder unterbricht. Wir laufen planlos unb finben von ungefähr einen gotifierenben gelben Stein mit ber Inschrift: -Hie occultus occulto occisus est XIV dec. MDCCCXXXIH.“ Ein Unbekannter würbe hier am 14. Dezember 1833 von unbekannter Hand ermordet. Der Ermordete war jener Kaspar Haufer, an den die Stabt auch sonst auf mannigfache Art gemahnt. Wir haben bas Haus ber Pfarrstraße gesehen, in bem ber Unglückselige zuletzt gewohnt hat. Wir haben uns auch an anbere Namen erinnert gefunben. Gegenüber bem Tor bes Hofgartens gemahnt ein Schilb aus Stein an bie Stiefmutter bes Malers Feuerbach: an jene noble Henriette, bie zu ben Bewohnern biefer Stabt gehörte. Inmitten der Stadt hegt ein schlichtes Haus den Name« eines edlen deutschen Dichters mit einer rührenden und wahren Inschrift: „Hier entsproß August Gras von Platen-Hallermünde, die Tulpe des deutschen Dichtergartens, am 24. Weinmond 1796." Unter der Tafel verblieb das Gröndungszeichen des Hauses: ein Adler fliegt zur Sonne. Das Jahr der Erbauung geht als bas Jahr 1696 bem Geburtstag Platens genau um hunbert Jahre voraus, lieber bem Abler scheint bie ßegenbe ..Fhoebo auspice surgii“ auch bem Dichter vorauszusagen, baß er sich im Zeichen bes Phöbus, im Zeichen ber Sonne, erheben werbe. Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag; Vruhl'fche Universitäts-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieben-