Zhrgang 1935 Nummer 35 Montag, den 6. Mai »er. rü* «ich lütigt und öen K iltdjtt inten, metj. oiefe -dnij !, iefjenet tfamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger it w n btt 'Ichen- )en In üraige iet all eljmul Bin. fie aufhalte! Es ist höchste Zeit, wie es scheint? Aber ich muh Ihnen igen, welchen Eindruck Ihr Mann mir heute gemacht hat, und nicht ur mir. Alle Welt ist begeistert und überzeugt, daß es ein ganz großer lrfolg sein wird. Und nur für ihn!" Danke!" sagte Elisabeth leise und sah aus Miras Mund, der eine tibellofe Reihe schneeweißer Zähne sehen ließ und der ohne Pause weiter- s,rach, sließend, mit einer wohlklingenden, gedeckten Altstimme und mit :ner distanzierenden Höflichkeit, die unangreifbar war. „Natürlich hätte ich mir die Freude gemacht, ihm das auch persönlich z: sagen, aber ich wußte nicht recht ... Ich habe ihn so lange nicht mehr ziehen, nicht einmal aus der Bühne. Ich war auf Reisen, in Sudfrank- r;id), beinahe ein halbes Jahr, und dann in Paris und Wien. Tat- jcchlich bin ich feit einem Jahr zum erstenmal wieder in Berlin. Und nun gleich dieser großartige Erfolg. Ich kann Ihnen nicht ausdrucken, me ich mich darüber freue!" ,Das ist sogar aufrichtig gemeint!' jagte sich Elisabeth und machte ohne Absicht einen kleinen Schritt vorwärts. Der Raum um fie hatte sich Kinahe geleert, und die Saaldiener begannen, die lüren zum ißartett : schließen. „Vielleicht sehen wir uns noch nach der Borstellung — ? tljr sie etwas hilflos fort und begann, sich darüber zu argem. „Es war yr liebenswürdig von Ihnen, und ich werde Ludwig sagen ... , fugte i noch hinzu und gab ihr die Hand zum Abschied wie einer Freundin. Mira berührte sie flüchtig und sagte, während sie sich zur Seite wandte. ,^un Sie das, bitte — wenn ich nicht selbst noch den Mut finden sollte ... Wieder senkte sie leicht den Kopf und kehrte zu ihrer Kusine zurück, de ein paar Schritte abseits ruhig wartend stehengeblieben war wie eine Schildwache. Als Mira sie wieder erreicht hatte, grüßte auch Aenne, en wenig steif, und sie gingen rasch davon. ... . .. „Ich hoffte, sie wäre gestorben!" sagte Doktor Kern, wahrend sie ihre ^So°"hab^Sie sie auch behandelt!" gab Elisabeth nach einer kleinen Stille zur Antwort. „Sie hätten das auch tun sollen!" . „Vielleicht ... Ader ich bin im Grunde immer eine dumme fleme Bürgerin — wie Sie mich einmal ganz richtig genannt haben. „.Summ’ habe ich nie gesagt." „Ader .gutmütig’. Kommt das nicht auf das gleiche heraus ? „ „Nein Lisa — Die da aber besteht nur aus Eitelkeit und A-roganz. „Aber sie ist schön, und ihr Adel ist echt und alt. „Das ist bürgerliche Romantik." „ „Das verstehen Sie nicht, Doktor! - „Nein! - Aber am liebsten wurde ich sie jetzt vergiften. „Merken Sie nicht, daß Sie „ein Diel größerer Phantast sind, Doktor, allem, was Ludwig betrifft?" .... , finrhcln Aber Doktor Kern konnte das leise, ein wenig schmerzliche Lächeln Elisabeths nicht mehr sehen, da das Haus sich verdunkelte. 4. lieber den vierten Akt hinweg hielt sich die Anteilnahme des PuNv tuns auf der erreichten Höhe, obgleich nach der Hochspannung^wahrend dir großen Pause ein leichter Rückschlag »u erwarten gewesen wäre Die Szene im Rathaus von Heilbronn trug Thiele fogar st "‘ÄS"™'!*.« «. m°ch<« »J** n.ndig. Während das Haus halb hell wurde erhoben sich aus der ersim ^nrtettreibe zwei Herren im Smoking und veiliehen Z |a) '“jlas ist der Agent Henschke mit dem Direkt°r aus H°llyw°°d! Je^ g hen sie sicher zu ihm!" flüsterte Elisabeth Doktor Kern zu, Der neuen ilr in der vierten Reihe sah. . äufterten Wunsch ton der Gloria-Filrn-Corporation auf feinen soeben geäußerten -U5U ja? hn hinter die Bühne in Thieles Garderobe. >it bis die sich 5 tiinv in her gerade Im den ihling» i in" der I nd eint' Itcr her lt freu i Infänge für hie iß. A- ! elemem ; übet11 mH her mbe im cherhech ich, b«i de hielt izes wil (torbent nnchO und, her " Es i|l u jedem t inWr rgüeft H Elgl* iihli"^' nnis btr t z» K ub i* soll b11 fiS ’S ireitdib1* wie h^ :oben * Ut, daß Du da bist ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR (op^righl 1933 by August Scherl G. m. b. H., Berlin (Fortsetzung.) „Guten Abend, Frau von Alten!" sagte Elisabeth und sah ihr forstend in die Augen. „Sie kennen doch Doktor Kern?" „Sicherlich!" antwortete Mira und senkte den Kopf auch ein wenig Nch der Seite des Arztes. „Verzeihen Sie, liebe Frau Thiele, daß ich Thiele empfing sie in strahlender Laune. Die zweite Flasche Rotwein auf feinem Schminktisch war teer. Henschke stellte ihm den Direktor vor, der erst seit wenigen Tagen in Berlin war, auf der Suche nach einem für feine diesjährige Produktion besonders geeigneten Darsteller. „Ich habe Sie nun auf der Bühne und auch im Film gesehen, Herr Thiele", sagte Grolman in fließendem Deutsch. Er flammte aus Bremen und hatte in zwanzig Jahren Amerika seinen norddeutschen Akzent nicht verloren. „Ich würde mich gern noch persönlich mit Ihnen über ein Projekt unterhalten." „(Bern!" antwortete Thiele. „Henschke hat es mir gestern schon an- geöeutet." „ , . „In meinem Auftrag. Ich bleibe nur kurz in Berlin. Wurde am liebsten morgen zurückkehren und drüben mit meiner Produktion beginnen. Da Thiele abwartend schwieg, griff Henschke ein. „Herr Direktor Grolman machte den Vorschlag, nach der Vorstellung gemeinsam zu speisen. Sie haben doch Zeit, Thiele?" „Ja ... Natürlich habe ich Zeit. Allerdings ist sie beschränkt. Ich habe Gäste bei mir in Nikolassee. Aber das macht nichts ... da meine Frau..." „Also abgemacht, Thiele. Ich werde mit Herrn Direktor nach der Vorstellung drüben im Rstaurant auf sie warten. Zwanzig Minuten nach Schluß können Sie doch dort sein?" fiel ihm der Agent ins Wort. „Herr Henschke sprach mir von Ihrem Vertrag mit Herrn Steinten", fügte Grolman hinzu. „Ich würde mich freuen, auch seine Bekannschaft zu machen. Er hat einen ausgezeichneten Namen als Regisseur, auch bei uns. — Vielleicht gelingt es Ihnen, Herr Thiele, ihn für einen Augenblick mit herüberzubringen?" „Es wird notwendig fein!" sagte Henschke. „Ich glaube, daß er kommen wird, wenn ich ihm Ihre Worte wiederhole, Herr Direktor!" antwortete Thiele etwas geschraubt und dachte: Das hätte Elisabeth hören müssen. Sie wäre mit mir zufrieden! Doch es gelang ihm, sein aussteigendes Lachen zu unterdrücken. „Ich verstehe, daß Sie nervös sind, so dicht vor dem Schluß. Und idj will ihn mir nicht entgehen lassen. — Auf Wiedersehen, Herr Thiele! Grolman gab ihm die Hand und ging zur Tür. „Bis nachher!" rief Henschke und blinzelte dem Schauspieler triumphierend zu, bevor er Grolman folgte. 5. Auch der Regisseur Steinten wurde am Schluß gerufen und immer wieder Ludwig Thiele. Nach den letzten Vorhängen auf dem gemeinsamen Rückweg in die Kulissen sagte Thiele zu ihm: „Der Mann vom Gloria-Film war vorhin bei mir. Es wäre vorteilhaft, wenn du ihn auch kennenlerntest. Er wartet mit Henschke drüben in der Weinstube auf uns. — Kommst du mit?" „Hm!" machte der Regisseur und musterte Thiele mißtrauisch von der Er kennt deinen Namen und sprach sehr gut von dir", setzte Thiele hinzu. Sie waren in dem schmalen Gang angelangt, an dem die Garderoben lagen, und blieben einen Augenblick stehen. Du hast eine Absicht dabei. — Welche?" fragte Steinten. "’Rein! — Er vielleicht! — Also ich hole dich ab, und wir gehen zusammen hinüber. Ich bin sehr schnell fertig." Gut!" sagte Steinten. „Ich warte auf dich tm Büro. Thiele wich allen Kollegen aus, die vorbeikamen, um ihm zu gratulieren dankte, winkte ab und verschwand hastig in seiner Garderobe. In ihm brannte eine wilde, zügellose Energie. Jetzt war der Gipfel erstiegen. Jetzt mußte er sich auf der endlich erreichten Hohe sichern, s°- ort in der nächsten Viertelstunde! Die Gelegenheit war da. Er fühlte mit'der gleichen untrüglichen Sicherheit, die ihn den ganzen Abend hindurch getragen hatte, daß er heute mit einem Schlag alles gewinnen würde um das er seit Jahren vergeblich gekämpft hatte, an das er schon -wei- oder dreimal ganz dicht herangekommen war, das ihm aber immer wieder in unbestimmte Fernen entschwunden war. Er warf die Tür seiner Garderobe mit einem heftigen Schwung zu und begann sofort, sich abzuschminken und zu entkleiden. Er streckte von seinem Stuhl aus dem herbeieilenden Weidner beide Beine entgegen und rief ihm zu: „Vorwärts! Runter mit dem Leder! In zehn Minuten muß ich parat fein! — Schon gut, alter Junge. Es hat alles prachtvoll geklappt. — Ein frisches Hemd her! Ein weiches, nut Kragen! Das geht schneller. Und hol drüben einen Krug warmes Wasser! Es ist grotesk, daß es das hier immer noch nicht gibt! — Dann stellst du dich vor die Tür und sagst jedem: .Danke, nein, ich habe keine Zeit! — Dich kann ich jetzt nicht brauchen! Allein geht alles viel schneller. — Also rasch, ^Weidner gehorchte schweigend, brachte das heiße Wasser und bewachte von auften die Tür wie ein treuer Hund. Thiele war schon abgeschmmkt, halbnackt und beugte sich über das Waschbecken. Hemd und Krawatte, fein dunkelbrauner Anzug, Mantel und Hut lagen bereit. Er frottierte sich Brust und Rücken und warf das Hemd über, beherrscht und getrieben von dem einzigen Gedankens Norwärts, in einer Stunde muß ich draußen sein bei ihr, bei Elisabeth, als Sieger aus allen Fronten! Weidner steckte den Kopf durch die halbgeöffnete Tur, die er sesthielt. „Eine Dame ist da, Herr Thiele, die darauf besteht ... Hier ist eine Karte von ihr!" Mit der freien Hand streckte er dem Schauspieler eine einem Wort der Begrüßi Sie wartete einen Ai Visitenkarte entgegen. „Keine Zeit, Weidner, Idiot!" schrie Thiele ihn an. „Auch nicht für mich, Ludwig? Wirklich nicht?" fragte Miras klingende Altstimme hinter der Tür. „Mira ...!" sagte er halblaut vor sich hin. „Gib her, Alter, und laß schon die Tür frei!" befahl er dem ängstlichen Garderobier, und fein Gesicht veränderte sich mit einem Schlag. Sein Ausdruck wurde unsicher, flackernd und gleich darauf von einer kindlichen Neugier überflutet. Weidner legte die Karte auf den Tisch, schlich hinaus und schloß die Garderobentür wieder hinter Mira von Alten. Thiele, in Hemd und Hose, das spärliche, borstige Blondhaar gesträubt und noch feucht, stand ihr gegenüber und suchte vergebens nach „Nein! — Das heißt „Das heißt, daß du mich über deinem großen Erfolg ganz vergessen hast." „Nein ... Aber diese ganze Premiere ... Die Hast ... Ich bin sehr in Eile, Mira ...“ „Das kann ich mir denken. Ist auch sehr gut so — für dich!" fagte sie zweideutig und setzte sich in feinen Sessel. „Ich will dich auch gar nicht aufhalten. Nur bis du fertig bist, könnten wir wohl ein paar Worte wechseln. Oder stört dich meine Gegenwart bei deiner Toilette?" „Nein, nein. Entschuldige nur, daß ich dich so empfange!" „Du wolltest mich gar nicht empfangen." „Weidner hatte den strikten Befehl, niemand hereinzulassen. Ich wußte iung. __________ _______ Augenblick, dann kam sie ihm lächelnd zu Hilfe: „Ich hoffte, auch deine Frau hier zu finden, Ludwig. Ich habe sie vorhin schon gesprochen." „Sie sagte mir, daß du hier bist", murmelte Thiele, und es gelang ihm nicht, seine Augen von chr zu lösen. Wie sie eingetreten war, schlank und schmal, über den nackten Schultern und Armen ein dunkles Abendcape mit einem breiten Kragen aus Silberfuchs, versank in ihm ein ganzes Jahr — feit er sie nicht gesehen hatte — plötzlich und spurlos. Sie erschien ihm wieder wie die vollkommene Verkörperung aller seiner Träume von weiblicher Schönheit, adliger Eleganz und Ueberlegenheit. „Und du hast nicht erwartet, daß ich zu dir kommen würde?" ja nicht ..." „Selbst als du wußtest, daß ich im Theater sei, hast du dir eingeredet, daß ich diesen Tag vorübergehen lassen würde, ohne dir die Hand zu drücken?" „Das ist nicht richtig!" antwortete Thiele versonnen und griff noch immer nicht nach seiner Krawatte, sondern setzte sich ihr gegenüber vor seinen Schminktisch. „Ich habe sehr viel an dich gedacht während der Vorstellung und dich im Parkett gesucht nach dem vierten Akt." „Ich habe das wohl bemerkt und dich mit den Augen gegrüßt. Mehr konnte ich nicht. Am liebsten wäre ich ausgesprungen und zu dir auf die Bühne gekommen." Er streckte unwillkürlich die Hand aus: „Wirklich, Mira?" „Du konntest natürlich nicht sehen, wie schrecklich ich mich zusammennehmen mußte. Dazu war es Gott fei Dank nicht hell genug im Parkett. — Aber nun freust du dich doch, daß ich gekommen bin?" „Es ist so sonderbar und schön zugleich. Du bist hier, als fei nichts geschehen. Nein, das ist falsch. Gar nichts ist ausgelöfcht, was einmal war. Alles ist da und lebendig, und doch ist in Wirklichkeit ein ganzes Jahr vergangen, in dem du für mich verschollen warft, wie für immer!" sagte Thiele stockend mit belegter Stimme. „War das nicht notwendig und gut für dich?" Es entstand eine lange Pause, während der die Spannung, die langsam in Thiele aufgestiegen war, ihren Höhepunkt erreichte. Er stand schwerfällig auf und machte einen Schritt auf sie zu. „Warum bist du zurückgekommen?^ fragte er. „Ich wollte dich Wiedersehen." Thiele war im Begriff, vor ihr niederzufallen und den Kops in ihren Schoß zu vergraben, wie er es so oft getan hatte in einer Zeit, die ihm nicht weiter zurückzuliegen schien als gestern ober vorgestern. Doch wurde in diesem Augenblick die Tür ausgerissen, und der Negis- seur Steinten drang ein, mit allen äußeren Zeichen des Zorns. „Was soll denn das, Ludwig! Du läßt mich drüben warten, und nun bist du nicht einmal fertig!“ rief er und entdeckte jetzt erst die Gestalt Miras, die von dem breiten Rücken des Sessels halb verborgen war. „Ich bitte um Entschuldigung, gnädige Frau. Aber Thiele hat mir kein Wort gesagt, daß er noch Besuch erwartet. Im Gegenteil." „Frau von Alten ... Direktor Steinten ...!" stellte Thiele vor. Mira reichte dem Regisseur die Hand. „Es ist ganz und gar meine Schuld. Ich habe ihn unerwartet übersatten und aufgehalten. Ich konnte nicht anders nach dem heutigen Abend, an dem auch Sie Ihren erfolgreichen Anteil haben, Herr Steinten!" sagte Mira in ihrer leichten, konventionellen Art. Thiele hatte sich wieder ganz in der Gewalt. Nur seine Hände zitterten leicht, als er sich jetzt die Krawatte band. „Leider hast du recht. Steinten. Wir müssen fort. Sei nicht böse, daß ich das ein paar Minuten ganz vergaß!" sagte er, während er Jackett und Mantel anzog. „Aber ich hoffe, wir sehen uns heute Abend noch, Mira. Es kommen ein paar nette und bedeutende Leute zu mir nach Nikolassee hinaus. Willst du und kannst du nicht auch kommen, wie früher?" „Du wohnst noch immer in Nikolassee?" „Ganz wie vor einem Jahr. — In meinem Wagen ist Platz genug. Nur muht du mir noch Zeit lassen zu einer wichtigen Unterredung. Uebrigens kommt auch Steinten mit." „Das ist mir zu unsicher, mein Lieber. Da kann ich womöglich eine Stunde auf euch warten, ich kenne diese Verhandlungen." „Ich bitte dich, komm", drängte Thiele. „Bietleicht — wenn ich Aenne dazu überreden kann. Du erinnerst dich doch an meine gute Kusine, die es als ihre Lebensaufgabe betrachtet, mich vor allen hübschen Torheiten zu bewahren." „Leider ist das ihr oft gelungen." Thiele lachte plötzlich hell auf, faßte Mira bei der Hand und zog sie mit t'ch fort. Erst als sie aus der Straße vor dem Theater angelangt waren, ließ er ihre Hand wieder frei. „Su mußt kommen — meinetwegen auch mit deiner Aenne!" „Ich will es versuchen. Aber dann nur in meinem eigenen Wagen. Doch glaube ich nicht, daß ich Aenne zu einer solchen Extravaganz bringen kann." Das war eine bewußte Unwahrheit, da die Kusine sich schweigend in alles fügte, was Mira wollte. „Geben Sie nach, gnädige Frau — heute!" bat jetzt auch Steinlen und küßte ihr vergnügt die Hand. Dann schob er seinen Arm unter den Thieles, der noch immer unschlüssig vor ihr stand. „Du mußt dich jetzt losreißen, mein Junge. Ich verstehe, wie schwer dir das fällt." „Auf Wiedersehen!" sagte Mira, die vom Parkplatz der Autos die lange Gestalt ihrer Kusine auf sich zukommen sah, wandte sich um und Der- schwand mit ihr unter den Nachzüglern, die das Theater verließen. „Sie wird nicht kommen. Und ich weiß nicht einmal, wo sie wohnt!" murmelte Thiele und ließ sich von Steinlen über die Straße führen zum Eingang der dem Theater gegenüberliegenden kleinen Weinstube. Sie sanden Direktor Grolman und-Henschke an dem Tisch in sjer Ecke, zu der eine Stufe hinausführte und die durch zwei vorspringende Wandstücke in eine hübsche Nische verwandelt war. Thiele machte die Herren bekannt, und sie setzten sich, Steinlen dem Direktor Grolman gegenüber. So ergab sich eine zufällige Gruppierung, die durch eine gewisse Parallele auffiel. Grolman und Steinlen waren beide hochge- wachfene, knochige Männer im Anfang der Vierzig, Grolman im Smoking, Steinlen im dunklen, eleganten Sakko. Beide waren Norddeutsche von zurückhaltenden, höflichen Umgangsformen, die Menschenkenntnis und ausgiebige geschäftliche Erfahrung verrieten. Thiele und der Agent Henschke neigten zur Korpulenz, Henschke zur Zeit noch sichtbarer als Thiele, und sowohl chre Gesten wie ihre Sprechweise wurzelten in einem sprunghaften, beinahe naiven Temperament, das der Agent zwar durch geschickte Schulung für feine Zwecke zu zügeln verstand, das sich jedoch klar von der rechnenden Verhaltenheit der beiden andern abhob. Man trank ein Glas Portwein, und Grolman griff nach der Speisekarte, als Thiele aus einem plötzlichen Impuls heraus ihm die Hand auf den Arm legte. „Wenn Sie nicht allzu hungrig find, Herr Direktor, möchte ich Vorschlägen, daß wir ein wenig später bei mir speisen. Ich hatte die Absicht, Sie schon vorhin darum zu bitten. Doch unser Freund Henschke ließ mich nicht recht zu Worte kommen. Steinlen hat ebenfalls zugesagt. Das Wesentliche können wir kurz hier besprechen." „Nach dem, was mir Herr Henschke sagte, kann ich annehmen, daß wir im Prinzip schnell einig werden. Ich wäre Ihnen verbunden, wenn wir das vorher erledigen könnten und wenn ich bann erst zur Frage des Essens und zu Ihrer Einladung Stellung nehmen dürfte. Sie haben nur wenig Zeit zur Verfügung, und mein Hunger ist nicht zu groß!" „Direktor Grolman plant für den Sommer drei große Filme, die im Manuskript so gut wie fertig sind", sagte Henschke und beugte sich weit über den Tisch. „Alle drei sind auf einer tragenden Rolle aufgebaut, und diese drei Rollen haben in sich wieder eine Aehnlichkeit. Das heißt: Sie setzen einen Darsteller voraus von einer genau umriffenen Eigenart, und diesen Darsteller, nach dem er in Amerika lange gesucht hat und auch jetzt in Europa, glaubt er in Ihnen, Thiele, gefunden zu haben. Nach der heutigen Aufführung sind seine letzten Zweifel zerstreut, wie er mir zu meiner großen Freude soeben anvertraute." „Es handelt sich also darum, daß Sie für einige Zeit zu uns nach Hollywood kommen, zunächst um die drei Filme zu machen, von denen ich mir sehr viel verspreche. Die Gegenfrage wird keine unüberwindlichen Schwierigkeiten bereiten. Wie aber sind Ihre hiesigen Verpflichtungen in Film und Theater?" fragte Grolman. „Im Film bin ich momentan frei. Was meine Bindung an das Deutsche Volkstheater betrifft..." begann Thiele, doch Steinlen unterbrach ihn. „Ich sehe voraus, daß Sie mich hierherbitten liehen als den verantwortlichen Leiter dieses Theaters und somit als Thieles Verttagspartner. Als sein langjähriger Freund freue ich mich selbstverständlich über Ihr Angebot, dessen Größe ich wohl zu würdigen weiß. Ich sehe darin eine,' und vielleicht die wichtigste Bestätigung seines Erfolges. Doch ich muh Sie bitten, meine Herren, mir zu gestatten, unsere Situation hier in Berlin kurz auseinanderzusetzen, bevor Sie Ihren Vorschlag genauer präzisieren." „Bitte!" antwortete Grolman ttocken und sah ihn einen Augenblick forschend an. „Aber ich kann mir nicht denken, was das mit der Produktion der Gloria-Corporation zu tun haben soll!" rief Thiele ungeduldig. „Du wirst doch nicht glauben, daß ich ..." „Nicht nervös werden!" sagte rasch der Agent. Thiele verstand die Warnung und oerftummte. „Um das Deutsche Volkstheater zu starten, war eine neue Situation notwendig. Das alte Gesellschaftstheater mit Unterhaltungsstücken, literarischen Experimenten und hohen Preisen, wie man es bisher in diesem Hause bettieben hatte, mußte endlich zugrunde gehen, wie eben diese ganze zersetzte und zersetzende Nachkriegsgesellschast allmählich aufhören mußte, ihre Tendenzen auf dem Theater zu verwirklichen. Seit Jahren wußte ich, daß ein solcher Umschlag eintreten mußte, daß nur ein Theater auf breitester, volkstümlicher Basis Aussichten für die Zukunft haben würde. Als in diesem Winter der Augenblick gekommen war, habe ich zugegriffen, und der Erfolg hat mir recht gegeben, wie Sie sehen." (Fortsetzung folgt.) Oie Musis kommt. Von Detlev von Liliencron. Klingling, bumbum und tschingdada, zieht im Triumph der Perserjchah? Und um die Ecke brausend bricht's wie Tubaton des Weltgerichts, voran der Schellenträger. Brumbrum, das große Bombardon, der Beckenschlag, das Helikon, die Pikkolo, der Zinkenist, die Türkentrommel, der Flötist, und dann der Herre Hauptmann. Der Hauptmann naht mit stolzem Sinn, die Schuppenketten unterm Kinn, die Schärpe schnürt den schlanken Leib, beim Zeus! Das ist kein Zeitvertreib, und dann die Herren Leutnants. Zwei Leutnants, rosenrot und braun, die Fahne schützen sie als Zaun, die Fahne kommt, den Hut nimm ab! der bleiben treu wir bis ins Grab! Und dann die Grenadiere. Der Grenadier im strammen Tritt, in Schritt und Tritt und Tritt und Schritt, das stanrpst und dröhnt und klappt und flirrt, Laternenglas und Fenster klirrt, Und dann die kleinen Mädchen. Die Mädchen alle, Kops an Kopf, das Auge blau und blond der Zopf, aus Tür und Tor und Hof und Haus schaut Mine, Trine, Stine aus, vorbei ist die Mufike. Klingling, tschingtsching und Paukenkrach, noch aus der Ferne tönt es schwach, ganz leise bumbumbumbum tsching, ,og da ein bunter Schmetterling, schingtsching, bum, um die Ecke? Paule auf dem Lande. Bon Görge Spervogel. „Paule" sagt Petra eines Tages, „ich fahre heute nachmittag zu meinem Onkel aufs Dorf. Willst du hinten auf mein Rad?" „Ich?" fragt Paule. „Auf deinem neuen Rade?" Um fünf Minuten vor drei ist Paule noch fest überzeugt, Petra hatte das so als Mädchen gesagt, das nun einmal vor allen anderen ein Rad besitzt und einen Onkel auf dem Lande obendrein, und fahren wird sie doch nicht mit ihm, niemals, Petra kann mit Heinie fahren, der ein Eichhörnchen und weiße Mäuse besitzt, oder mit Karel, der die besten Drachen zu bauen versteht, nee, Paule bleibt zuhause und macht das Rechnen fertig. , n , Um drei Uhr läßt Petra unten auf der Straße die Lausglocke klingeln. „Ich komme!" schreit Paule aus dem Fenster und rennt die Treppe hinab. „O Mensch", sagt er atemlos, „Petra! Mann, was bist du in Drb"ßos9,! zur Straßenbahn", sagt Petra, „Laufschritts und fährt nebenher. „Fährst bis zur Endstation. Hier ist Fahrgeld. Da kommt sie! Run türme doch!" . . ..., . ... Das ist ja ... muh Paule denken. Das ist ja wirklich ..., da überholt Petra die Bahn. Paule geht durch zum Fuhrerstand. Ha Petra fällt zurück, die Bahn hat freie und gerade Strecke. Hach, Haltestelle. Petra führt. Hilfe, wie bummelig sind die Leute beim Einsteigen. Endlich, los, weiter! Ach, wie langsam der Fahrer Zahn um Zahn dazugibt, was für trübe Maschinen sitzen doch in diesen Bahnen, Gas Herr, noch einen Zahn! Gucken Sie mal, wer uns alles überholt! Da, schon wieder Haltestelle. Paule zappelt, Petra ist ganz verschwunden, o du dicke ^'^Aber°jetzt, aber jetzt! Die Bahn hat weit und breit freies Feld, die letzten Häuser bleiben zurück, voraus erscheint Petra strampelnd und mit fliegenden Zöpfen, Petra! Petra, sie liegt mit der Bahn auf eirwr Hohe, fällt zurück, Petra! Gib ihm! Da bremst der Fahrer, Petra fchieht im "^,Grob","°agt^Paule'°strahlend, „ganz große Klasse, wahrhaftig! Hatte * P«°. ..te lä-il »irr Paule sitzt auf dem Gepäckträger und laßt die Beine baumeln. ,/Bin ich dir auch nicht zu schwer?" fragt er. „Du Her.ngsknochen , sagt Petra. "^Paules?Achterstück ist vom langen Sitzen auf dem Gepäckträger eingeschlafen es ist geradezu abgestorben. „Ra, Petra, wen bringst du uns denn da mit?" fragt der Onkel. „Das ist Paule, em Freund von mir. - Junae Junge", sagt der Onkel, „du siehst mir aus, als ob wir jetzt mol" ganz schnell0 und kräftig Kaffee trinken sollten. Denn man los! Das Gehen geht nicht gut, auch nicht das Sitzen. Paule fährt beim ersten Sitzoersuch vom Stuhle auf und hoch und denkt, er habe sich auf ein Brett voller Stecknadeln gesetzt. Aber nein, es ist das Achterstück, das langsam wieder zu sich kommt. „Mensch, Paule", sagt Petra, „wenn du eben nicht ausgehört hattest, würdest du mir für die Rückfahrt doch zu schwer geworden sein." — „Habe ich zuviel gegessen?" fragt Paule und steckt sich rot an. „Ach was", sagt Petra, „paß mal auf, was du erst heute Abend alles ißt." — „Zuviel ist in deinem Alter nie genug", sagt der Onkel. „Wie alt bist du benn?;' — „Ich werde acht." — „Was, acht?" sagt der Onkel, „Junge, als ich alte Jahre alt war, habe ich nochmal so viel gegessen wie du. Run aber noch einmal ordentlich zugepackt!" Ho, Paule packt zu. „So, jetzt gehen wir in den Kuhstall", sagt Petra. „Ich platze", sagt Paule, „du ahnst es nicht, o, ich platze bestimmt." — „Dann aber lieber im Kuhstall, dann kommst du gleich unter den Mist", sagt Petra. Eine Magd geht über den Hof mit einer großen Blechdose hn Arm. „Kooomm Pilepile", ruft sie, „kooomm Hulehule, kooom Ratnat- nat, kooomm Tuckkucktuck! Kooomm Hulehulehule!" „Läuft die nur auf drei Zylindern oder was ist mit der?" fragt Paule. Petra braucht nicht zu antworten, denn es federt, flügelt und stürzt herbei, die Tauben aus der Luft, die Gänse von der Straße, die Hühner vom Acker, die Enten aus dem Tümpel, die Puten und Perlhühner aus dem Gemüsegarten. „Hin!" sagt Petra und reißt Paule mit, der alles Platzen vergessen hat. „Hier! sagt Petra und reicht Paule die Dose mit den Körnern, mit goldenem Mais für die Ganje, schwarzen Wicken und gelben Erbsen für die Tauben, Reis und Grau- penfchrot für die Puten, Weizen für die Hühner und Roggenschrot für die Enten. Paule streut mit vollen Händen, ein Hahn setzt sich auf feine Schulter, flatternd versuchen Tauben auf seinem Haupte zu landen, der Hahn schlägt die Flügel und ohrfeigt Paule dabei. Ho, das kakelt und schluckt und schnattert und gurrt und piept, das flattert und scharrt und pickt, und Paule streut und ruft: „Kooomm Hulehulehule, kooomm Pile- pilepile, kooomm Natnatnat!" Jetzt ist die große Dose leer, Paule zieht sich aus dem Schwarme zurück und baut sich stolz neben Petra auf. „Nun sieh sie dir an, lagt Petra, „keiner gönnt es dem andern." — „Ja , sagt Paule nachdenklich „und es ist doch für jeden ein besonderes Leibgericht dabei! Aber nein, die Hühner stehlen den Gänsen die Maiskörner, die Enten schlagen die Tauben um ihrer Erbsen willen in die Flucht, die Ganse verscheuchen alle Nachbarschaft, und die Hühner picken jedem Kleineren einen Schnabelhieb auf den Kopf. Der Truthahn aber ist so aufgeregt, daß er vor Kollern zu gar nichts kommt. „Tja, so ist das Leben , sagt Petra, „laß uns in den Kuhstall gehen." Kühe, Kühe, Kühe, schwarzweiß, glanzend und blank stehen sie da und kauen, trotzdem sie nichts ins Maul nehmen. Die Lust tm Stalle ist satt und warm, heudustend und sliegendurchsummt. ®rrb, grro, kauen die Kühe, schnaufen durch ihre großen, schwarzfeuchten Naslocher und schlagen unablässig mit den Schwänzen. Sie wenden die Kopfe und blicken die Kinder mit großen Augen an. „Komm, hier wird gerade eine gemolken", sagt Petra. Paule verschlägt es die Sprache. Paule, ein Junge aus der Stadt, beinahe acht Jahre alt, noch niemand hat ihm gesagt, aus welche Weise Kühe Milch von sich geben. Die Magd geht mit Eimer und Schemel zur nächsten Kuh. „Und der Quark und die Butter", fragt Paule stockend „wie zieht man die her- aus?" — „Mensch, die sind doch in der Milch drin!" sagt Petra. Paule blickt sie zweifelnd an. „Du willst mich doch nicht auf ben 2lrm nehmen, nicht?" — Wieso?" — „Quark unb Butter in ber Milch, wie man fie morgens gebracht kriegt? Ober ist bas roieber was anberes? Pah auf" sagt Petra. „Die Kuh entsteht aus Gras, Heu unb Kraftfutter Ans ber Kuh entsteht Milch. Aus Milch macht man Quark Man kann bie Milch auch in Sahne und Magerinilch zerlegen, aus ber Sahne macht man bann Butter unb Buttermilch. Aus Quark macht man Käse unb aus Sahne auch Schlagsahne. — „Unb Buchsennnlch. fragt Paule. ,Das ist sterilisierte unb evaporierte Milch, steht ja auf ben Dosen braus, aber was bas ist, weiß ich nicht genau, vielleicht ist es überhaupt künstliche Milch." — „Mensch, ich weiß was", sagt Paule, „ich habe gesehen, wie aus einem Glas Wasser ein ©las Eis geworden ist. eine Nacht hat es nur gedauert, und genau so kann aus Milch auch Butter werden. Nicht?" - „Klar", sagt Petra, „ober Büchsenmilch. — „Mit bem Quark habe ich mich eben ja wohl ziemlich schwer blamiert , tagt Paule aber bas kommt von einem Bilderbuch mit Tieren und Sprüchen darunter, davon habe ich den SBers gelernt: Was Wunder diese große Kuh — gibt weiße Milch, Quarkkäs dazu. So bin ich auf den Quart gekommen." — „Ueberhaupt", sagt Petra, „wird uns Kindern zu wenig beigebracht. Das Wichtigste muh man sich selbst beibringen. „3aaa", sagt Paule langgezogen, „aber was sind h'°r denn mich für Tiere?" — , Pferde und Schweine und Schafe. — „Milch geben doch aber nur Kühe, nicht?" - „Schafe kann man auch melken, Ziegen auch. Wir haben die Schafe aber nur wegen der Wolle. — ,Fat man , fragt Paule, „eigentlich alle Tiere wegen irgend etwas? Ich meine, wegen einer Nützlichkeit?" — „Klar", sagt Petta, Schweine werden geschlachtet, Kühe geben Milch oder werden verkauft, Pferde ziehen oder merben verkauft, Schafe geben Wolle ober werben geschlachtet ober auch verkauft. Und das Geflügel legt Eier und wird auch geschlachtet ober verkauft." — „Daß alle Tiere geschlachtet werden , sagt Paule das ist eigentlich gemein. Es werden doch wirklich alle geschlachtet, nicht? Ob sie bas wohl wissen?" — „Dumm sind sie ja nicht aber fte wissen es wohl boch nicht." — „Ja, sonst wären sie wohl auch nicht so heiter unb vergnügt, alle. Es geht ihnen ja auch gut. Draußen auf ber Weibe finb sie oft richtig übermütig. Im ©runbe , fügt Petta, gebt es ihnen nicht besser unb nicht schlechter als den Menschen. — Wieso?" sagt Paule. „Na, weißt du benn, wie es spater mit dir wird?" — „Nee". — „Na also. Und bist ttotzdem munter " „Ja , jagt Paule strahlend. „ Petra seufzt. „Wollen mal nach ben Aepseln sehen , jagi ,ie. „Es I gibt auch halb Abenbbrot." „Ich platze", sagt Paule, als er aus dem Apfelbaum klettert. „Jetzt platze ich bestimmt", sagt er, als er vom Abendbrottisch aufsteht. „Oder mein Reifen", sagt Petra. „Fährst du wieder mit der Bahn um die Wette?" fragt Paule. „Ach", sagt Petra, „ich sahre andersrum. Als sie nachher allein die Straße entlangfährt, lausen ihr die Tränen übers Gesicht. Die Tiere, denkt sie, die Menschen, es ist traurig ''"Vb'wim Bett liegt, denkt Paule über Petra nach. Wie klug sie ist, was sie alles weiß und in ihrem Kopfe bedenkt! Im Einschlafen fallen ihm die Tiere ein. Kommen, so muß er denken, kommen alle diese Tiere wohl in den Himmel? Alle die verkauften und geschlachteten Tiere, die in ihrem Leben zwar manchmal diebisch und neidisch aufeinander, aber doch heiter und vergnügt waren und den Menschen großen Nutzen spendeten. Wie wird der liebe Gott sie aufnehmen? Brüllend, muhend, gackernd, schnatternd und gurrend stiegen sie, eine unübersehbare §)erde, die Himmelsstraße empor, aber ehe Gott hervortreten konnte, schlief Paule ein. Noch einmal. Bon Conrad Ferdinand Meyer. Noch einmal ein flüchtiger Wandergesell — wie jagen die schäumenden Bäche so hell, wie leuchtet der Schnee an den Wänden so grell! Hier oben mischet der himmlische Schenk aus Norden und Süden der Lüfte Getränk, ich schlürf es und werde der Jugend gedenk. O Atem der Berge, beglückender Hauch! Ihr blutigen Rosen am hangenden Strauch, ihr Hütten mit bläulich gekräuseltem Rauch — Den eben noch schleiernder Nebel verwebt, der Himmel, er öffnet sich innig und lebt, wie ruhig der Aar in dem strahlenden schwebt! Und mein Herz, das er trägt in befiederter Brust, es wird sich der göttlichen Nähe bewußt, es freut sich des Himmels und zittert vor Luft — ich sehe dich, Jäger, ich seh dich genau, den Felsen umschleichest du grau auf dem Grau, jetzt richtest empor du das Rohr in das Blau — zu Tale zu steigen, das wäre mir Schmerz — entsende, du Schütze, entsende das Erz! Jetzt bin ich ein Seliger! Triff mich ins Herz! Melanchthon, her „Lehrer Deutschlands". Von Dr. Heinrich Lütcke. Man hat sich daran gewöhnt, Melanchthon so zu sehen, wie ihn Drake auf dem Marktplatz zu Wittenberg dargestellt hat; in primitiver Sinnfälligkeit auf dem gleichen Sockel, unter dem gleichen gotischen Gehaus: als Kampsgenossen Luthers. Und doch zeigt ihr Wirken dieselben Merkmale, die sie auch physisch voneinander schieden: klein, schmächtig, mit schiefen, hängenden Schultern steht der Magister Philippus neben dem bäuerischen Titanen Luther. Dessen mystischer, gottergebener Innerlichkeit des Glaubens steht bei Melanchthon die skeptische Dialektik antiken Geistes gegenüber. Und bei beiden — Ueberbleibsel mittelalterlicher Weltanschauung — Befangenheit in Hexenwahn, Stern« und Traumdeutung. Die wahren Verdienste Melanchthons um fein Jahrhundert liegen in der von ihm geleiteten Neuordnung der Wissenschaft, deren Wirkungen nicht nur auf das protestantische Deutschland beschränkt blieben, und so gaben ihm die Zeitgenossen schon den Ehrentitel prae- ceptor Germaniae, Lehrer Deutschlands. Vom Vater, dem kurpfälzischen Rüsimeister Georg Schwartzerdt, erbte er das Gleichmaß und die melancholische Grundstimmung seines Wesens, auf dem immer schwerer, auch in der gräjifierten Form, die Düsterheit seines Namens zu lasten scheint. Von der Mutter, einer Nichte Reuchlins, die tiefe Religiosität, die sich mit dieser Schwermut nicht völlig vereinbaren läßt. Die ungewöhnlich srühe Reise des Verstandes — bewarb er sich doch mit vierzehn Jahren in Heidelberg um die Maaister- würde — hemmte die Entwicklung seiner Willenskraft. Aus allen Zügen feines Asketengesichts kann man die Mischung von überzüchteter Intelligenz und unmännlicher Schwäche erkennen, die diesen Charakter formte; „weltweise und verzagt", so nannte ihn der Landgraf von Hessen treffend. Die Entscheidungen seines Lebens rang er sich in Verzweiflung und Tränen ab. und allmählich trieb ihn die Scheu vor Verantwortung von absichtlichen Unklarheiten zu unwürdigen Winkelzügen, Täuschungsversuchen und kaum noch versteckter Lüge. Mit dem Plan einer Hochschulreform im Sinne der italienischen Humanisten war der Einundzwanzigjährige 1518 nach Wittenberg gekommen, wohin ihn Friedrich der Weise als Lehrer der griechischen Sprache berufen hatte. Bald wurde er hineingerissen in den revolutionären Strom, der die Grundpieiler staatlicher und kirchlicher Ordnung unterwühlte. „Schicksal und Aengstlichkeit" fettet ihn, dessen feminines Fuhlen zur Erhaltung des Bestehenden drängle, an die Kirchenrevolution des Auguftlnermönchs. Es ist die Tragik im Leben Melanchthons, daß ihn die Natur zur Reflexion bestimmte und das Schicksal zum Kampf zwang. Nach der Abgeklärtheit klasli cher Studien strebend, schreckte er zurück vor dem blutbesudelten Bundschuh und setzte, zum Schiedsrichter erwählt, schemenhafte Doktrin und volksfremdes Recht gegen die Forderungen der unterdrückten Bauern. Feind aller theologisch-sophistischen Streitigkeiten, muhte er in zahllosen Schriften und Religionsgesprächen die Glaubenssätze einer Bewegung, deren Programmatiker er geworden war, gegen „die rasende Wut der Theologen" verteidigen. Durch den Tod ^Luthers auch politischer Führer des Protestantismus, wurde er durch die Erkenntnis niedergedrückt, den Anforderungen dieser Sendung nicht gewachsen zu fein, und aller Entschlußkraft beraubt. Der Tod brachte ihm die Erlösung von der Last eines Lebens, das er selbst für verfehlt angesehen hat. In mehr als vierzigjähriger Tätigkeit ist Melanchthon um die B e gründung eines neuen G e 1 e h r t e n s ch u 1 w e s e n s bemüht gewesen, und hier ist sein eigentliches Verdienst zu suchen. Der unaushalt- ame Niedergang der mittelalterlichen Kloster- und Domschulen war durch die Umwälzung in raschen Verfall übergegangen. Konvertierte Mönche, ja selbst Handwerker, hatten die sreigewordenen Aemter eingenommen. Melanchthon unterlag nicht der Versuchung, die Postulate einer revolutionären Bewegung zur Basis schöner Theorien zu machen Er schuf Gesetze für die Wirklichkeit, nicht für den luftleeren Raum. Er kannte alle Unzulänglichkeiten, wußte, daß die Schulmeisterei nichts mehr von idealer Sendung an sich hatte, sondern längst zupi Handwerk geworden war. Zum Schlagen", sagt ein berühmter Feldherr, „gehört dreierlei: daß die die Soldaten Lust haben, Ehrgefühl zeigen und gehorchen. Der Schul- feldherr darf bei feinen Soldaten keines von den dreien voraussetzen, sie haben keine Lust zu lernen, kein Ehrgefühl, keinen Gehorsam Wahrlich, ein Kamel tanzen lehren, wäre erträglichere Mühe. (Rede „Vom Elend der Pädagogen".) Melanchthon selbst, der der kleinen Elbuniversitat zu ungeahntem Aufschwung verhalf, erhielt jahrelang nur hundert Gulden Gehalt, und auch in den Hörsälen regierte noch der Stock. Die Antrittsrede des jungen Magisters in Wittenberg hatte die Resorm des Universitätswesens zum Themck gehabt. Darin wies er die Wege zur Verwirklichung des humanistischen Bildungsideals. Aus der Sprachkunde, die notwendig ist, um das Wissen aus den Quellen schöpfen zu können, entwickelte sich durch die darstellende Wiedergabe die eloquentia (Beredsamkeit), die wesentliche Forderung der Humanisten. Die Ueberspitzung führte dann zu den fchwülstigsten Prunkreden des Barock. Die geistvolle Beredsamkeit erst ermöglichte die volle (Entfaltung der menschlichen Anlagen die feine Bildung des Geistes, die humamtas. In unermüdlicher Arbeit hat Melanchthon sich bemüht, die Voraussetzungen dafür zu schaffen: Schulen, Lehrer und Lehrbücher. In einem Tausende von Schreiben umfassenden Briefwechsel gab er Fürsten und Magistraten Ratschläge für Gründung und Einrichtung von Schulen. 1524 eröffnete er die Stadtschule in Magdeburg; es folgte die Gründung der Nürnberger Aegidienschule und vieler anderer. Der für die Schule zu (Eisleben entworfene Plan ist noch erhalten. Unterrichts- gegenftanb war vor allem das Lateinische. In der letzten der drei „(Elaffen (Haufen heißen sie im deutschen Text) mochten auch die Anfangsgründe des Griechischen gelehrt werden. (Eine Stunde täglich war der musica gewidmet. Auch die Mathematik sollte nicht fehlen; wie anspruchslos man darin war, zeigen alle Schulordnungen: Zahlen bis Hundert, auch in den beiden alten Sprachen, die vier Grundrechnungensarten und Brüche. In der kursächfischen Schulordnung von 1528 wird der Unterricht auf die lateinische Sprache beschränkt. Die Gründung der Universität Marburg geschah unter Melanchthons Einfluß. Die Hohen Schulen zu Jena und Helmstedt wurden nach dem Muster Wittenbergs eingerichtet. Joachim II. übertrug ihm die Neuordnung der brandenburgischen Universitäten. Heidelberg, Rostock, Tübingen, Leipzig wurden von ihm reformiert. Sogar in das katholische Kur-Köln, die Stadt der Dunkelmänner, wurde er berufen. Die Statuten der Universität Greifswald nennen ihn 1545 „Unser Aller Lehrer". Aus seiner Zucht ging eine große Anzahl der hervorragendsten Lehrer hervor. „Wo immer ein Fürst für seine Universität einen Professor, eine Stadt für ihre Schule einen Rektor oder Lehrer suchte, da war ihr erster Gedanke, Melanchthon um seinen Rat zu bitten." Und niemals, das ist für jenes korrupte Jahrhundert bemerkenswert, hat er diese einzigartige Vertrauensstellung dazu mißbraucht, Günstlingswirtschaft zu treiben ober sich zu bereichern. Das Corpus Reformatorum enthält bie lange Reihe der von Melanchthon verfaßten und immer wieder überarbeiteten Lehrbücher: Rhetorik und Dialektik, Psychologie und Physik, Ethik. Geschichte, Recht und theologische Dogmatik; dazu lateinische und griechische Sprachlehre und Chrestomathie (Sammlung ausgewählter Stücke zu Unterrichtszwecken). Der Wert dieser Bücher ist gering. Melanchthon war weniger Schöpfer als Eklektiker. Ueberall geht er auf antike Vorbilder zurück. Aristoteles bestimmt die Grundzüge der philosophischen Abhandlungen, dem Galenos ist die Beschreibung des menschlichen Körpers entlehnt, sein astronomisches Weltbild ist das des Claudius Ptolomäus. Er begeistert sich für das Römische Recht, die „geschriebene Vernunft"; die formenftrenge Autorität der Paragraphen verdrängte die Rechtsfindung des alten Schoffentums, und man versteht biesen Wandel ber Anschauung, wenn man aus Kupferstichen jener Zeil sieht, welche Vorstellung bie Humanisten von ben Germanen hatten: nackte, keulenbewaffnete Wilbe, „Barbaren". Barbarisch ist auch bie beutsche Sprache ben Zeitgenossen Luthers, aus Hessen Schriften boch Ihre ganze naturhafte Wucht hervorbricht. Die beutschen Schulen in ben Stäbten würben als „Winkelschulen" zugunsten der Lateinschulen unterdrückt. Und in das Erwachen des geschichtlichen Bewußtseins brachte ber Humanismus eine Verzerrung bes wahren Bilbes ber beutschen Vergangenheit, gegen deren Geltung noch nach vier Jahrhunderten eine Weltanschauung Sturm laufen muß. Beraniwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Hering: Brühl'sche XlniDerfitätS-Hucb- und Steindluckerei, R. Lange, Gießen.