SietzenerKmiilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1935 Nummer 60 Montag, den 5. August „Jetzt ist noch nicht die Generalprobe. Nehmen Sie erst die Gesangs- singe keine Arie!" „Ich e eigen«*1 Ihre Arie singen!" So zu Verleum ein paar Worte zu Händel nder Gott, und die Cuzzoni Gehen großen sah er. Seine Kraft war in ihm mächtig bin Rändel-Roman von Ernst -t'i °°r sich Wil e« N >9 fern $ m. gj ion «P15". g unh,®<: denn er erteH r» % lotnw1"' । Händel sah schon übersteigert aus. Es war, als stünden sich Gott und Satan zum Kampfe gegenüber. Drohend schrie der Riese, furchterregend, der Primadonna in Todesangst: „Herr Händel, nicht!" Erst dann kam ihr Mann dazu, sich vor sie hinzustellen und fo zu tun, als beschütze er sie. In Wirklichkeit war ihm während des dramatischen Auftritts genau so das Herz in die Hosen gefallen wie den meisten Anwesenden, und er stammelte totenbleich nur r . hin. Der stand noch immer da wie ein zürnender Gott, und die Cuzzoni floh, weiterfchreiend, bis zur Türe des Saales. Dort aber drehte sie sich, auch hier Theaterwirkungen anstrebend, noch einmal um und rief, ehe sie ganz hinausstürzte: lerleumdungen bereit sah die Cuzzoni in diesem Augenblick >lich für das Gute auf Erden, daß Händel seine gesellschaft- - - - - ... - ,|ü^( in sich u»r ■ Copyright 1935 by Deutsche Verlage-Hnstatt, Stuttgart und Berlin (5. Fortsetzung.) „Hier gibt es keine Ausnahmen, wirklich keine! Es wird begonnen, meine Damen und Herren — ohne Frau Cuzzoni! Wir gehen den ersten Akt vollständig durch mit Pausen für die fehlende Sopranpartie. Kommt die Sängerin während dieses Aktes, bleibt sie trotzdem vollständig außer acht. Ich bitte, die Ouvertüre!" Die majestätische Entrata zu „Ottone" schwoll an. Aber kaum hatte bas Orchester zu spielen begonnen, als sehr geräuschvoll die Saaltür geöffnet wurde und die Cuzzoni, lebhaft den Fächer bewegend, eintrat. Hinter ihr kam Sardoni, der Gatte, und ein zweiter Mann, beide mit Paketen auf den Armen. Noch vor der Türe hatte die Sängerin ein Gelächter angestimmt, das sie beim Betreten des Saales nicht beendete. Sofort klopfte Händel mit dem Taktstock laut aus, und die Musik brach ab. Inzwischen nahm die Cuzzoni den zögernden zweiten Mann an der Hand und zerrte ihn bis zur Mitte des Raumes. Die Primadonna stand auf den Zehenspitzen, als sie dies schrie. Ihr Antlitz war haßverzerrt, und grün funkelten ihre Augen. Aber auch sah schon übersteigert aus. Es war, als stünden sich Gott und „Wehe! Gemeiner Kapellmeifterunhold! Scheusal! Wehe!" Händel war noch immer zu geladen, um Schimpfworte einzustecken. Er gab saftig zurück: „Laufen Sie jetzt zum Herzog und verklagen Sie mich! Aber mieten Sie vorher ein Schiff für sich, sonst schaffe ich Sie über den Kanal hin- ÜbC£)ie Sängerin verschwand und ihr Gatte hinterher. Im Saale blieb eine Versammlung von Menschen in rasch gedämpfter, aber nickt abgeflauter Unruhe. Zu spielen oder zu fingen wäre keines imstande gewesen. Händel erkannte das und bat sämtliche Künstler, nach Hause zu gehen. Die nächste Probe wäre morgen. Schweigend und ohne dem Riesen helfen, ohne ihm recht geben zu können, gingen die Menschen von ihm. Auch Heidegger, der Händel nach dem Austritt beinahe für einen erledigten Mann hielt, sprach nur ein paar höchst verlegene Worte. Dann war er draußen. Eine einzige Seele fühlte in diesem Augenblick mit Händel, ein Mädchen Es hatte vorhin nach dem gellenden „Herr Händel, nicht!" dieselben Worte viel leiser und beherrschter auch gerufen. Jetzt ging das junge Weib eine Choristin, absichtlich als die letzte aus dem Saal, trat vor Händel im Vorbeigehen und sagte in seltsamem Tone zu ihm: „Das Schlimmste war das nicht " Ein Trostwort. Händel sah auf. Große, lebendige, aber gefjeim befreite Augen sahen ihn an. Eine hohe, edle Gestalt, kräftig und doch unbeschwert, stand vor ihm. „ Was meinen Sie damit, Fräulein? „Sie werden fertig mit der Sängerin, Herr Handel. „Zwischen Rezitativ und Chor liegt die Arie Falsa imagine ..." „Sie haben dieser Arie keine Kantilene beigegeben, ich finge sie ausgeschlossen!" „Frau Cuzzoni, Sie fingen nach Angabe, nicht nach Wunsch —f* „Der Text zu Ihrer Arie paßt mir nicht, er ist holperig!" „Der Text ist Nebensache. Herr Korrepetitor, versuchen Sie, bitte, die Form der Arie mit Frau Cuzzoni einzustudieren." „Kommen Sie doch, de Nera, es geschieht Ihnen nichts! Ach, Händel, haben Sie schon ein wenig auf mich gewartet? Ich und mein Mann waren. Sie sehen, durch Einkäufe auf gehalten!" Der Komponist bändigte feine jäh aufsteigende Wut nur mühsam. Er herrschte die Sängerin auch deutlich an: „Stören Sie nicht die Probe und nehmen Sie Platz, Frau Cuzzoni! Und hinaus mit solchen, die nicht hereingehören!" Nun schwoll der Cuzzoni aber der Kamm. Sie brach kollernd los: .Händel, unterstehen Sie sich, meinen Bekannten anzusiegeln!" „Ich bin Herr für Sie, nicht Händel, sonst sind Sie für mich Cuzzoni!" Während Sardoni feine Frau nicht zu verteidigen wagte, sprach der "’ViM'J andere Mann, ein italienischer Literat, Händel ziemlich hochmütig ent- gegen: J „Ein Mann, der zu Frauen nicht ritterlich sein kann, ist der letzte i’1** ‘ * unter den Männern!" . . , .. t un. t Da brüllte der Künstler den Kavalier der Cuzzoni an, daß diesem so zwei Pakete vom Arm fielen: . ' „Sie Windhund aus dem Süden, verschwinden Sie zetzt und machen Sie mich nicht zornig!" , , . _ , „ Q, Spaßhaft genug war es, als der Literat jetzt vor dem Kolosse Angst bekam und dem Ausgang zueilte. Dort erst wurde er wieder frech. „Ich gehe, aber wehe Ihnen, wenn Sie glauben, daß es für deutsche Bären in der Gesellschaft nur Wälder, keine Zäune gibt! Händel batte schlagfertig eine Antwort: „Sie möchte ich auch nicht hinter Zäunen zwischen meine Pranken frioaon f" Nun erst regte sich Sardoni, von seiner Gattin wiederholt in die i ^«be^^err Händel, Sie können doch einen treuen Besucher der Oper nicht derart beleidigen!" . . „Ich habe einen Menschen zurechtgewiesen, der hier bet der Probe nichts zu tun hat. und niemanden beleidigt!" Höhnisch rief die Primadonna jetzt, daß alle es horten: „Herr Händel kennt keine Beleidigungen!" „Seien Sie still, Frau Cuzzoni, mischen Sie sich nicht in meine Angelegenheiten!" . . • .'Besser Sie hätten sich nicht in die- meinen gemischt! ,Ruhe endlich! Jetzt ist Probe! Ich bitte, nochmals die Ouoerture. Wieder fehle das Orchester feierlich ein. Aber jetzt^unterbrach die Euzzoni das Musikstück noch früher als beim Betreten des Saales. ®te rief ganz einfach laut und rücksichtslos: , . h . . „Wenn jetzt Instrumentalmusik geprobt wird, gehe ich fort, da ich nicht für das Warten, andern für das Singen bezahlt werde! Händel brach abermals ab. Und f«b kW Die Sängerin grofc unb bedeutungsvoll an, wie Gottvater einen Frevler betrachten mag. Auch leine Worte waren schwer, doch ohne Härte: e „Lassen Sie, bitte, diesen Unfug den letzten fein. Aber die Cuzzoni wurde nun böse im Trotz: nummern durch." „Frau Cuzzoni — ich entbinde Sie heute der Probenpflicht. Sie, ehe ich Ihnen bitter den Herrn zeige!" „Jawohl, ich gehe — mich beschweren! Zuerst zu meinem Verehrer, zu Ihrem Brotgeber, dem Herzog von New Castle!" Händel fühlte den Schlag und den Biß der Schlange. Jetzt wie gefährlich diese häßliche Sängerin war. Er beherrschte sich. „Bitte, wir proben zuerst die Gesänge ..." „Zu allererst mein Rezitativ aus dem ersten Akt." „Zuerst, ja, das Rezitativ samt Arie ..." „Ich finge keine Arie, ich finge bloß das Rezitativ!" welche diese hi den letzten Monaten rasch hinschrleben, gehetzt vom Cäsar"-Triumph. Aber kläglich fielen die beiden Opern ab, und tue Gesellschost entschloß sich nun, zunächst den Vertrag Bononcmis, der Beschwerde über Händel erhob,' zu kundigen. Arwsti verhielt sich klüger und blieb noch im Verbände des Hauses. Es war begreiflich, daß der arg gekrankte Italiener seinen Ausschluß aus der Oper nicht ohne Rache hinnehmen konnte. In einem Kaffeehaus wurde ein Plan gegen Händel von durchtriebenen Tmtengeiftern aus- qeheckt und die Durchführung von Bononcini bezahlt. Und es war nicht ungeschickt, was man hier unternahm. Gegen das künstlerische Wirken des Siegreichen war zu dem Zeitpunkt schwerlich anzukampfen. Man lenkte die Aufmerksamkeit Londons einmal auf das Eigenleben des Komponisten. Aber wo bot dieses unanfechtbare Leben eine Flache für den Angriff? Die starke Eßlust des Riesen war bekannt, es ließ sich wohl nur harmlos darüber scherzen. In Geldsachen hielt er genaue Ordnung, und daß er anderen seine Arbeit ausbürde, konnte auch niemand behaupten. Blieb sein Umgang mit Freunden und Frauen. Auch dies wußte ledermann, welch guter Kamerad und dankbarer Mensch Handel fein konnte und daß er sich mit Frauen nicht abgab. Aber Bononcini und seme Helfer scheuten ich nicht, den Versuch zu machen, hier einmal einen anderen Glauben n die Welt zu setzen. In einem nicht ganz sauberen Blatte Londons, das aber viel gelesen wurde, erschien, an Händel gerichtet, ine „Ode einer Lady , die m der Art des klastischen Mythos Händel mit emem Stier verglich. Die ange^ liche Lady beklagte sich über die ungewöhnliche Hitzigkeit Handels und gab ihm den Rat, fie erst wieder zu besuchen, wenn er seine Sinnenluft 105 Befremdet lasen die Londoner dieses plumpe und doch aufreizende Spottgedicht. Niemand glaubte daran, daß es Handel anfechten konnte, aber man ließ es doch auf eine Probe ankommen, und jemand brachte ihm das Gedicht. Da war der Blick ferne und groß, mit welchem er den Ueberbringer des Fetzens anfah, und — stumm blieb fein Mund. Nicht so war er zu treffen, und auch ein Angriff aus einem anderen Literatenlager, ebenfalls als Folge der Bononcinifchen Entlastung in Spottform gegen Händel pnd gleichzeitig gegen den^ Italiener gerichtet fo als wären fie gleichwertig, traf ihn kaum. „Dideldum und Didelde» nannte der Spötter beider Musik. Aber während Bononcinis Dideldum in London ausklang, war Händels Didelde» nach wie vor der Grun^ pseiler für die Royal Academy. Schon schrieb er in der Spielzeit nach „Cäsar" eine neue Oper, die aber, minder gut besetzt, kein Erfolg wurde Als die Herren der Oper ein Erlahmen des Künstlers befurchten wollten, überraschte er sie und London bereits wieder mit einem Werk, das durch feinen Melodienreichtum zum Sieg geboren war. Ein übriges tat noch m dieser Oper die Cuzzon! durch Gesang und Kleiderpracht. Doch schon in der nächsten Spielzeit zogen schwere Wolken am Himmel der Akademie auf. Eine Persönlichkeit aus dem Vorstand hatte vor Zeitimgsleuten das Wort fallen lassen, der königlichen Oper war- all- möglich, Sie habe Senesino und die Cuzzoni verpflichtet Wenn es 6er Leitung Spaß mache, könne fie auch den dritten Gesangsstern der■ «uro- püischen Musik herbeirufen: Signora BordomI Man nahm den Mächtigen beim Wort. Der Name Bordoni drückte bald einen Wunsch der Großstadt aus, nicht nur der maßgebenden Opernfreunde. Händel riet auf das dringendste ab von dieser Berufung: „Meine Herren, Sie beschwören eine Gefahr für unser Haus heraus! Dies ist nicht nötig! Gute Sänger haben wir genug, sie sind aneinander gewöhnt und vertragen sich. Eine Bordini macht mir wieder alle anderen “falber, Herr Händel! Es zeigte sich doch, daß Sie Primadonnen rech! wohl bändigen können! Eine mehr ober weniger — was macht Jtjneri das aus?" „Ich bin schließlich Künstler und nicht Tierbändiger! Aber das ist -- nicht. Was ich für schlecht halte, ist die Berwöhnung des Publikums! „Lieber Gott — die Leute können für ihr Geld auch etwas oer- langen! $crren, dürfen Zirkusdirektoren denken, nicht Gouverneure eine Oper! Lassen Sie sich diese Wahrheit gesagt fein „Sie sprechen wieder sehr frei, feit Ihnen .Casar eine Schlacht 8« wonnen hat." „ .. _ Ich sprach auch früher nie anders. Und vor allem: ich wollte nt etwas anderes, als das Rechte! Wenn Sie mich daran Hinderten, es P: tun, dafür kann ich nichts. Ich hätte keine Gegnerschaft Bononcini—Handel geduldet. Wenn einmal der, einmal der Erfolg hatte, das war un gesund! Die Oper braucht einen Spielplan, keine Lieblinge. Und 1« braucht ein Zusammenspiel und auch da keine Lieblinge!" „Wenn Sie nicht Händel wären, wenn nicht die Cuzzon! Ihre wpae ten verkörperte — was würde das Publikum an .Cäsar' oder .Ottone interessant finden?" . „ ..... „Ach, der Teufel, intereffant! Ein Kunstwerk muß nicht immer mt« effaut aussehen! Die Hauptsache, es ist ein Kunstwerk!" „Nun, Herr Händel, die Royal Academy ist jedenfalls kein Versuchs" ort für Langeweile, sondern ein Aktienunternehmen! Es lebt von Dem. was neu uni» reizvoll ist!" u Händel sagte nichts mehr. Mit den Jahren wurde er abgehärtet, un® fein wetterfestes Gemüt konnte sich mit allem abfinden, was t?m- LL unterzeichnete als künstlerischer Leiter das Vertragsangebot an die -öo- boni. Mit Beginn ber Spielzeit traf ihre Zusage ein, gleichzeitig nann® sie einen unbestimmten Zeitpunkt für ihre Ankunft in London. Jahreswende kam, es wurde Februar, Marz. Die Bordoni blieb not immer aus. Londons Blätter hatten schon längst ihr Bild und ihren w- benslauf gebracht, längst schon stand die Cuzzoni gerüstet. Die Herren oi Oper schickten Eilboten nach dem Süden und rauften sich Die S)aari Endlich geruhte Ihre Majestät, die Primadonna, zu kommen. (Fortsetzung folgt.) Was für eine ruhige Ueberzeugung in der Stimme des Mädchens! Welcher Glaube an ihn! Und dabei hatte er sich um dieses Ding bisher niemals gekümmert, wußte im Augenblick gor nicht, wie sie hieß! „Fräulein, sagen Sie mir, wie ist eigentlich Ihr Name? ,'Susanna Arne ..." . Die Royal Academy muhte sich entscheiden. Ihren Leitern war aber der Skandal nicht nur peinlich, er liefe auch einen Rückschlag in der dritten Spielzeit befürchten. Diese Bedenken der Aktionäre über der.Kunst er« stolz hinweg retteten Händels Stellung. Sämtliche Klagen und Wunsche der Cuzzoni wurden abgewiesen. Die Sängerin ging zwar in ihrem Haße sehr weit, und dachte sogar daran, mit Konzerten auf eigene Kosten die Oper auszustechen, aber als ihr dort im Ernste vorgeschlagen wurde, ihren Vertrag zu lösen, blieb fie doch im Verbände und fugte sich ^Dttfts^nfteiwittige Nachgeben kam nicht nur ihr sondern dem ganzen Spieltrupp der Oper zugute. Sowie Handel sich Herr auch über die erften Sänger fühlte, gab er ihren Launen keinen Raum mehr und erzwang ein geschlossenes Kunstwerk. Die Ausführungen des „Ottone , der wohl eine ber stärksten Opern Händels an sich war, führten seinen Stil zum Sieg. Gerade mit jener Arie, welche fie zuerst nicht fingen wollte, einem Kabinettstück feinster Seelenmalerei, hatte die Cuzzoni einen solch rauschenden Erfolg, bafe sie fast etwas wie Beschämung empfand. Handel bot ihr nach ber Aufführung bie Hand zur Versöhnung an. Er hatte etwas an ihr bemerkt, was ihm bie unglückliche Anlage dieser Sängerin bewies: sie konnte bas Leiben singen. Doch kaum hatte er bie Starlaunen etwas gebändigt, verdarb ihm das Publikum die Herrschaften wieder. Dieses betrachtete Künstler nun einmal als Kampfhähne, und fo wie es fein Vergnügen hatte am Krast- mesten ber Komponisten, hetzte es nun bie Sänger aufeinanber. Cs konnte nicht lange dauern, bafe zwei so verschiedene Sängerinnen rote Bie Cuzzoni und bie Durastante, eine häßliche unb ein schone, >m selben Hause srieblich nebeneinander wirkten. Die Vergleiche fielen in Den Zeitungen vom ersten Augenblick an. Als nun in ber gleichen Spielzeit nadi Händels Oper eine andere mit ber Durastante herauskam, begann das Sticheln. Aber bie Cuzzoni, die feit dem Streite mit Handel geduckt unb außerdem ber Durastante in Gesangskunst weit überlegen war, nahm bie Heraussorberung nicht an. Die kleinen Eifersüchteleien horten mn Theater ja nie auf. Aber eine Weile blieb ben Lonbonern bas Schauspiel eines Künstlerkrieges erspart unb bie Spottverse voreiliger Literaten verflogen im Winde. , . „ An bie Royal Academy trat der Ernst heran. Die grofefpurtge Ernennung dreier Musikleiter erwies sich als kostspielig. Bononcim war im (efeten Jahr nach Frankreich verreist unb kam nun mit einer schwachen Oper angerückt, bie allgemein enttäuschte. Auch ber britte Direktor lieferte für bie neue Spielzeit ein schwaches Werk. Beibe Erstaufführungen unb bie leeren Häuser bei ben Wiederholungen waren fo, daß bie Zeitungen bereits einen Grabgesang für die Royal Academy anftimmten. Sofort trat deren Vorstand samt dem Verwaltungsrat zusammen und beriet mit sorgengerunzelter Stirn. Eiskalte Worte über die Künstler fielen, es wurde von Gehälterkürzungen gesprochen unb endlich von Entlassung ... Daß einer ber brei Komponisten für die nächste Spielzeit nicht mehr verpflichtet werden konnte, stand fest. Welcher gehen mußte, das sollte dieses Jahr entscheiden. ' Als Händel jetzt, da alles trübe sah, nut unbeirrbarer Tatkraft bie gewaltigste Oper seines Schassens fertigbrachte, da wußte die Gesellschaft endlich auf wen sie sich verlassen konnte. Händel hatte ben seiner würdigen Stoff gesunden. Alle Herrscherinstinkte des Künstlers, die Gabe, zu befehlen, das Schicksal, einmal im Leben von ber Gletscherhöhe des Geistes cherabsteigen zu müssen in bie warme Nähe ber Liebe, leiben« schaftliche unb erhabene Gesühle eines Großen, um ihn bie Welt ber Tückischen unb Geduckten, farbig, leidend, brünstig unb reich — bas Leben unb darüber ber Jrnperatorensingerzeig dessen, der dem Leben Richtung gibt: das ist Händels „Julius Cäsar". Alle namhaften Kräfte der Oper waren eingesetzt, das Werk mit Glanz herauszubringen. Die Gesellschaft bewilligte erhöhte Ausgaben für die Ausstattung, zu der Heidegger Wochen hindurch den Komponisten zu Rate zog. Eine Aufführung ganz großer Art kam. Das Haymarket- fljeater stand im Schmucke der britischen Reichsfarben und der Londoner Stadtfahnen. Der König und alles, was Rang und Namen hatte, fuhr Im Prunkwagen an, Gardesoldaten und Edelknaben mit Fackeln standen am Operneingang und in den Vorhallen bis zu den Logen hin. Ein neuer, dunkelroter Samtvorhang überraschte die Zuschauer, Lichter in verdoppelter Zahl als gewöhnlich überfluteten fie, unb ber Anblick eines mit Blumen geschmückten Saales fetzte in Erstaunen. Sowie Hänbel ans Dirigentenpult trat, würbe er umjubelt, er fühlte den fommenben Sieg. Man sah an biesem Abenb Cäsar mehr in ihm als in Senesino, ber bie Titelrolle fang. Unb eine ber Choristinnen hatte währenb ber feierlichen Schlußszene, als sie einen Akt lang unter hulbi- genben Mäbchen auf ber Bühne stank», Gelegenheit, von bort aus Händel mit dem König zu vergleichen, ber nah sichtbar in feiner Loge fafe. Unb diese junge, unbekannte Sängerin, seltsam überzeugt von ihrem unb bes ganzen Hauses Führer, bachte den tollen Gedanken, daß ber grofee Händel besser König, mehr König sei als ber, ben seines Volkes Brauch fo nannte ... Dieses stille Mäbchen Halle buntel empfunben, was nun andere auch dachten. Die Kritiken, welche das Werk besprachen, erlangten stellenweise eine liefe, die bei Urteilen über Opern bisher fehlte. Mayn- roaring unb Adbison schrieben förmliche Essays, Macht unb Kunst in Vergleich stellen!» und die Feinheit aufdeckend, daß irdische Größe erst dann ewig dauern könne, wenn sie sich vergeistigt wiederhole: Cäsar in Händel ... Der Riese war vor der Welt auf seinem Gipfel angelangt. Ueberallhin strahlte der Glanz seines Namens, und die anderen verblaßten neben ihm. Zwar nützte er den Ruhm nicht aus, um die Mitläufer abzu- brängen, wie es Bononcini in feinem guten Jahr versucht hatte. Händel setzte sich vielmehr für zwei neue Werke Ariostis und Bononcinis ein. Zwei Meilen Trab. Von Detlev von Llllencron. Es sät der Huf, der Sattel knarrt, der Bügel sankt, es wippt mein Bart in immer gleichem Trabe. Auf stillen Wegen wiegt mich längst mein alter Mecklenburger Hengst im Trab, im Trab, im Trabe. Der sammetweichen Sommernacht Violenduft und Blütenpracht begleiten mich im Trabe... Ein grünes Blatt, ich nahm es mit, das meiner Stirn vorüberglitt im Trabe, Trabe, Trabe. Hut ab, ich nestle wohlgemut, Hut auf. schon sitzt das Zweiglein gut, ich blieb in gleichem Trabe. Bisweilen hätschelt meine Hand und liebkost Hals und Mähnenwand dem guten Tier im Trabe. Ich pfeif' aus Flick und Flock ihm vor, er prüftet, er bewegt das Ohr, und sing' chm eins im Trabe. Ein Nixchen, das im nahen Bach sich badet, planscht und spritzt mir nach im Trabe, Trabe, Trabe. Und wohlig weg im gleichen Maß, daß ich die ganze Welt vergaß im Trabe, Trabe, Trabe. Und immer fort, der Fackel zu, dem Torfahrtlicht der ewigen Ruh im Trabe, Trabe, Trabe. Iohanniswerbung. Eine lustige Geschichte aus aller Zeit. Bon Valerian Tornius. Der Herr Joachim von Ganskau auf Grasental hatte drei heirats- Eige Töchter: Aurora, Philippine und Amalie. Sie waren zwar keine ückenden Schönheiten, aber auch nicht so häßlich, um einen wagemutigen Freier in die Flucht zu schlagen. Und doch nahm in ganz Kurland kein aus Brautschau besindlicher Kavalier von ihnen Notiz. Das kam daher: Grafental lag weit, lag in dem entlegensten Winkel des Herzogtums, und der Herr von Ganskau war ein armer Edelmann, der nicht die Mittel bejah, feine Töchter auf Bälle und Assembleen in die Residenz zu führen, damit sie den notwendigen höfischen Schliss erlangten und aussichtsreiche Bekanntschaften mit der jungen Männereljte des Landes anknüpften. So wuchsen die Grasentaljchen Mädchen als echte Landpomeranzen auf und wußten in Milchwirtjchaft und Schweinezucht besser Bescheid als in den schönen Künsten. , ,, , Da traf es sich einmal, daß bei einer Adelszusammenkunft in Mitau der reiche Freiherr Nikolaus von Korsf aus Schönberg mit dem Herrn von Ganskau ins Gespräch kam. Korfs, ein Hüne von Gestalt, selbftbe- wußt im Auftreten, dobei oft bis zur Grobheit rücksichtslos offen, hatte den Nuf eines Nimrods und Sonderlings. Man erzählte flch von ihm die tollsten Geschichten, u. a. daß er sich einen Spaß draus machte den Bauernweibern, wenn sie zur Heumahd gingen, dank seiner unfehlbaren Zielsicherheit die Harken über den Schultern abzuschießen und sie für den erlittenen Schreck mit einem Golddukaten zu entschädigen. Außerdem galt Korfs als ein eingefleischter Hagestolz, der für die Reize des schonen Geschlechts völlig unempfänglich sei. „ Nachdem die beiden Herren ausgiebig über landwirtschaftliche Dmge geredet hatten, wurde das beliebte Thema „Jagd angeschnitten. „Dieses königliche Vergnügen muß ich mir, leider, wegen meines verdammten Zipperleins versagen", bemerkte Ganskau. „Äoer dafür sind meine Töchter um so eifriger dem Weidwerk zugetan. x „Wie? Sie haben Töchter, die in Dianens Fußtapfen wandern? „Sogar drei und — obendrein ledig. ' . .. . „Womit schießen denn die Damen? Mit dem Flitzbogen oder mit dem „Oh, Sie unterschätzen die weidmännischen Fähigkeiten meiner Tochter, Baron. Meine Aelteste ist ein couragiertes Frauenzimmer und hat schon manchen Wolf und Luchs zur Strecke gebracht, die Zweite tene leidenschaftliche Parforcejägerin und reitet ohne Sattel die wildesten Pferde, und die Jüngste hat Augen wie ein Falke: sie kann es, mit ledern Scharfschützen aufnehmen, denn sie schießt eine fliegende Taube mit der ^"^Votitaulend'" rief Korfs und schlug dröhnend auf den Tisch. „Ihre Töchttr müssen ja die leibhaftigen Amazonen jein. .Daß e- 'n unserem ge- zierten und verzärtelten Jahrhundert so was gibt! Horen Sie mein lieber Ganskau, ich stehe zwar an der Schwelle der Fünfzig, aber w^e Sie sehen, bin ich ein Mann in voller Jugendkraft. Schon lm^e suche ich eine passende Frau, ich habe sie bloß noch nicht gefunden. & ■ wenn Sie mich als Eidam in Ihre Familie Aufnahmen. Freilich Drei reputierliche Frauenzimmer — das macht die Wahl schwer ~~ Ganskau rückte verlegen auf seinem Stuhl hin und her. Endlich wagte er zu bemerken, daß seine Vermögensoerhältnisse ihm. leider, keine standesgemäße Mitgift gestatteten. Hier aber fand er heftigen Wider- IPruch. „Mitgift? Dummes Zeug. Ich bin reich genug. Wenn mir eine der Dernoifellen gefällt, heirate ich sie. Also zu Johanni stelle ich mich in Grafental zur Brautschau ein." Man vermag sich nur schwer vorzustellen, welche Aufregung die Nachricht von der bevorstehenden Werbung des reichen Freiers in Grafental verursachte. Die Schwestern, die das Gefühl des Neides allenfalls aus ihren Amazonenliebhabereien kannten, gerieten sich jetzt vor Eifersucht fast in die Haare. Jede sah sich schon im Geiste als Baronin Korsf, und jede wollte bei dem Empfang schöner gekleidet als die andere sein. Ganskau mußte die letzten Ersparnisse zusammenraffen, um die Toiletten* bediirsnisse seiner Töchter zu befriedigen. Schneiderinnen nähten mtt fiebernder Hast vom frühen Morgen bis zum späten Abend und hatten immer wieder die Kleider aufzutrennen und zu ändern, weil dies und das nicht gefiel. Daneben wurden die verwilderten Gartenwege gesäubert, das Haus vom Keller bis unter Das Dach gescheuert, für die Küchen- bebürfniffe gesorgt, um dem hochwichtigen Besuch eines gastliche und würdige Aufnahme zu bereiten. Der Johannistag kam heran. Obwohl Korfs bet der beträchtlichen Entfernung zwischen Schonberg und Grafental erst gegen Mittag jur Stelle fein konnte, selbst wenn er bei Morgengrauen aufgebrochen wäre, war alles schon in der Frühe zu feinem Empfang bereit. Eine Ehrenpforte aus Tannenreistg und Birkengrün prangte an der Einfahrt auf dem Hof, und mit Rosen verzierte Guirlanden schmückten die Freitreppe. Die Schwestern liefen in geblümten Reifröcken, weiß gepuderten Coiffuren und zierlichen Stöckelschuhen geschäftig treppauf, treppab. Und der alte Ganskau stolzierte in feinem goldgestickten Staatsrock, den Galadegen an der Seite, über den Hof oder durch die Zimmer und erteilte seine Befehle. Derweilen trug nicht etwa ein Kalesche, wie es sich für einen reichen adligen Freier ziemt, sondern ein einfacher Planwagen den Schlohherr von Schonberg über die holprige Landstraße nach Grafental. Der Tag war glühend heiß. Gewohnt, sich niemals einen Zwang aufzuerlegen, wenn die Bequemlichkeit darunter litt, lag Korfs gänzlich ausgekleidet im Wagen und schlummerte, durch einen niedergelassenen Vorhang von den sengenden Sonnenstrahlen geschützt, seelenruhig seinem Ziel entgegen. Natürlich hatte er dem Kutscher eingejchcirft, ihn beizeiten zu wecken, damit er irgendwo in einem stillen Waldeswinkel aus einem Naturmenschen sich in einen Kulturmenschen verwandle. Ob nun die Hitze das Gedächtnis des braven Rosselenkers geschwächt hatte oder ob er unter ihrer Einwirkung selbst in einen Halbschlummer gesunken war, bleibe in der Schwebe. Jedenfalls vergaß er den Auftrag und hielt die Pferde erst an, als sie bereits die Freitreppe erreichten, wo Ganskau an der Spitze feiner festlich geputzten Damen und des Hofgesindes den Gast erwartete. Korsf erwachte, glaubte, daß der Augenblick der Toilette gekommen sei, sprang auf und schlug den Vorhang zurück. Da stand er nun in seiner ganzen Körpergröße wie eine Fleisch gewordene Statue vor den entsetzten Schönen, die laut schreiend davonstürzten. Sofort hatte der nicht minder erschrockene Freier die peinliche Situation erfaßt. Sich in den Wagen werfen, den Vorhang vorziehen und dem Kutscker „Weiterfahren!" zu* brüllen — war das Werk einer Sekunde. Jener, der erst jetzt merkte, was er mit feiner Unachtsamkeit angerichtet hatte, hieb mit aller Kraft aus die Pferde ein, daß sie im Galopp davonstoben und zügelte sie nicht eher, als bis man sich im Walde befand. Das erste, was der erzürnte Schlohherr tat, war: daß er eine Flut von Schimpfworten über den Kutscher ergoß und ihm gründlich das Fell gerbte. Eine Rückkehr nach Grasental kam nach dem bedenklichen Vorkommnis nicht in Betracht. Also entschloß er sich eine Meile weiter nach Brucken zu fahren, das einem alten Regimentskameraden gehörte, und sich dort von dem unverhofften Ausgang feiner Brautschau zu erholen. Die Verwirrung In Grafental war ungeheuer. Stundenlang konnte man sich über die merkwürdige Affäre nicht beruhigen. Die Schwestern hockten jede in einer Zimmerecke, abwechselnd mit einem Tüchlein sich Kühlung zufächelnd ober zur Besänftigung der Nerven aus einem Flacon riechend, und boten mit ihren durch Aufregung und Hitze berangierten Frisuren unb verzweifelten Gesichtern, auf benen Puber, Schminke und Tränen durcheinanberflvssen, einen bejammernswerten Anblick, während Ganskau, die Hände auf dem Rücken, schwer von einem Zimmer ins andere stampfte und fortwährend vor sich hinbrummte: „So ein ver- malebeiter Schwerenöter!" Der Schwerenöter faß zu biefer Zeit In ber Gartenlaube von Brucken, schlürfte voll Behagen ben Kaffee unb beschwor mit seinem alten Freunbe bie Geister der Vergangenheit heraus. Wechselseitig packten sie ihre gemeinsamen Jugenderlebnisse aus, bie mitunter bes pikanten Reizes nickt entbehrten, so baß bie Wangen ber hübschen, schlanken Konstanze, bie gar artig bie Honneurs machte, zuweilen in züchtiger Scham erglühten. Mehr jedoch als die wiedererweckten Iugendftteiche fesselten Korfs die dunklen Augen des lieblichen Mädchens, und immer wärmer wurde es ihm ums Herz, wenn ihr fröhliches unbefangenes Lachen sich in die Gespräche der Männer mischte. Weißt du, Wahlen", rief Korfs plötzlich empathisch aus und packte das hübsche Konstanzchen an dem schmalen Handgelenk, „ich bin nun einmal heute in Heiratsstimmung. Wie wäre es, wenn du mir dem lleb- reizendes Töchterchen zur Frau gäbst?" Konstanze erschrak unb schlug bie Augen nieber „ Ei Korfs, ich könnte mir gar keinen besseren Eidam wünschen. Du bist "zwar ein Ausbund, aber trotzdem ein prächtiger Kerl." Und was sagt Demoiselle dazu?" fragte Korfs unb blickte erwartungsvoll bie in ihrer Verlegenheit noch schöner aussehende Konstanze an. Diese sagte nichts, durfte auch nichte sagen; denn sie war an das @ef,JSberne?™geuerprobe muß sie zuvor bestehen, damit ich jehe, ob sie P.ran,wörtlich: vr. HanS Thhrlot. - Druck und -Verla«: Brühl',che UniverlitätS-Duch- und Steindruckerei. «.Lange. Siebe«- finb „fange Kerfe", ats Renten sie unter weiland Friedrich Wilhelm dem Ersten von Preußen. Die Schiiderhäuschen an der Amalienborg: schlanke, rote Pfeiler aus Holz. Zu später Stunde noch, gegen Witter, nacht, hast du Gelegenheit, in einem „Fruchtkeller , der nichts als Fruchte und Säfte verkauft, das beste Obst zu essen. Inmitten des wohlgepflegten, ob auch nicht eben pedantisch sauberen Kopenhagen, inmitten der hebens, würdig-rattchialistischen Anmut seiner Straßen und Platze macht ein trostloses Altviertel einen trüben Kern. Ueberall bezeugen Lebensrnittel- laben die naive und bewußte Lust der Leute an guter Materie. Wie es möglich ist, baß zum Beispiel bie Eßwarenläben, Konbitoreien, Backereien unb Frachtgeschäfte einer Straße im Westen, die „Gammel Kon- gevej" heißt, ihre üppigen Bestänbe absetzen, bleibt ein Rätsel: ba folgen Fleischerläden, Buttergeschäfte, Käfeläben mit berieselten fenstern, bann Wilbbret- unb Geflügelläben, Konbitoreien, Backereien unb Frucht- qe chäfte einanber in unfaßbarer Dichte. Wer zehrt dieses wies auf? Ist hier bas Schlaraffenlanb? Wer kann bies alles kaufen? Es ist ein Lanb, an bem ber Krieg vorübergegangen ist. In ber Mitte des Verkehrs weiß ber Platz vor bem Rathaus mit feiner Baluftrabe unb bem arnphitheatralisch abfintenben »oben einigermaßen so anszusehen, wie die berühmte Piazza zu Sienna vor bem Palazzo communale unvergeßlich ab03ebee©tabt weist bestimmte Stanbpunkte an, denen sie den Reichtum ihrer Physiognomien zuwenbet. In Kopenhagen heißt ber erste, wichtigste Stanbpunkt „Gammelstranb". Dort verkaufen Fischer mit hoch- blonden, oft weihblonben Schöpfen unb mit Augen von legenbarer Blaue bie lebenben Fische aus ben Seglern herauf, bie am Kai hegen; sie legen bie srischriechenbe Ware auf ber Kaimauer aus. Dort sind bie Fischrestaurants; bort sitzen Marktfrauen mit Hauben; bort entwickelt bie Börse ihre reizenbe, ein wenig fpielenbe Renaissancefront, bie halb unb halb an bas gewesene Leybener Rathaus benten macht. Der Zweite Standpunkt wirb auf ber Kuppel ber Freberikskirche gefunben. Da blickst bu auf bie Dächer ber Stabt, bie von Schwarz zu Rotbraun unb Scharlach spielen unb auf bie golbenen Verzierungen ber grünfpanigen Turme; ba wehen Rauchfahnen um bas flatternbe rote Viereck mit dem weißen Kreuz, das bie bänifche Flagge ist; ba breitet sich ein bläulich (d)tmmern< bes Meer zu weihblinkenben Horizonten hinaus, unb wenn bu Gluck hast, so siehst bu ben Hellen Streifen ber fchwebifchen Küste nnt Lanbskrona, Malmö unb bem Dom von ßunb. Zu beinen Füßen hegt bas Polygon bes Amaliendorgplatzes mit bem patinagrünen Reiterbenkmal des barocken Friebrich bes Fünften; bahinter ankert bie weiße Komgsiacht im nahen Hafenbecken. . .. Der britte Standpunkt ist bas Rordenbe ber Kaipromenabe, bie Lange Linie" heißt. Da hat ber Seewinb immer alles reingefegt. Inschriften auf mäßigen silbrigen Behältern weisen bie internationalen Beziehungen ber Hafenstabt auf; ba lieft man „Shell , ,-Dansk-Engelsk Benzin", „Ostinbische Kompagni"; bie Kaitreppe an ber Spifce ist mit schwebischem Granit gebaut, ber schön ist wie Marmor; ber Winb springt übers Wasser, bie Oberfläche leicht ausrauhenb unb stoßweise überholend; ber Himmel ist bas leichteste Blau, ein flüchtiges, fast, mit zart barau£ lasiertem Weiß; bie Luft ist herrlich ... Der vierte Stanbpunkt enbhch muß roieber brinnen gewonnen werden: an ben stillen Wasserbecken von Jörgenssö bis Sortedamssö, bie etwas wie ein Schaufelb von lauter Kopenhagener Alsterbecken finb — nur daß sie, abseits gelassen, bafur zu Kopenhagen ist weniger eine mittelalterliche Stabt als eine Stabt ber Renaissance unb ber folgenben Zeiten. Die Blüte begann nach bem Ver- I fall bes fast burchaus mittelalterlichen Lübeck; um 1600 war bie Hohe erreicht, unb ber eifrig bauenbe Christian ber Vierte bestätigte sie in der Fülle feiner Architekturen. So sehr ist Kopenhagen im weltlichen und kirchlichen Bau-Wesen von der Renaissance bestimmt, bah Ryrop um 1900 bas neue Rathaus noch auf ihren Charakter stimmte. Aber das Barock brachte bie schönste Kirche ber Stabt hervor: bie Erlöferkirche, im Dänischen „Vor Frelserkirke" geheißen, entbehrt im Innern nicht einer bekorativen Pracht, bie vom römischen Bernini abgeleitet sein konnte. Mit bem fünften Friebrich oollenbet sich bas Barock unb schon beginnt mit ihm um 1750 ein klassisches Kopenhagen von bebeutenber Haltung. Die Kuppelrunbe ber Friebrichskirche, für Kopenhagen bas, was bas Pantheon für Paris, Sankt Peter für Rom ist (boch selbstverständlich protestantisch), ist in ben Tagen bieses prägenben Dynasten der Anfang jenes neuantikischen Geistes, ber halb barauf in ber nüchternen unb noblen Klassizistik bes Doms unb im Gesamtwert bes Thorwalbsen (man findet es in einem besonderen Kopenhagener Museum vereinigt) eine ausfallende Bollendung unb Bebeutung erreicht. Seltsam, in biesem Narben so viel antikische Wenbung zu gewahren? Aber Dänemark ist in ben Bereich bes napoleonischen Kaisertums einbezogen gewesen; bie englischen Kugeln von 1807 überschütten eine Seehanbelsstabt, bie auf jebe Weise bem fest- limbischen „Empire" angehörte. Die zahlreichen antiken Skulpturen der Glyptothek Ry Carlsberg, in diesem Norden zuerst verblüffend, bestätigen eine doppelt-klassische Ueberlieferung; bie Renaissancetrabition Kopenhagens unb seine Empirenatur. Man entsinnt sich von selbst, daß auch ein oerroanbtes Holland bie Antike befonbers liebte unb in sich darzustellen unternahm. Die nördlichen Küsten suchten just aus dem Gegensatz bas anbere: ben Humanismus bes Mittelmeers. Die Blickweite seesahren- ber Völker erreichte ihn wohl ohne Mühe. So trug Kopenhagen den helläugigen Bertel Thorwalbsen, besten Iris aussah wie ber lichte Kopenhagener Himmel, unb ben neugriechischen Baumeister Theophilus Hansen. Der Zug rollt über flaches Lanb. Aus ber Nachweibe lagern, mit Decken gegen ben Regen sorgsam behangen, stattliche schwarzweiße uno braune Rinder; rötliche Pserbe mit blonben Mähnen galoppieren munter im Gehege. Aecker liegen als reine Silber betreuter Insel-Erbe. Wm°- mühlen kreisen; neben ben Bauernhäusern, bie ba unb bort noch Strom bächer tragen, weht bie rote Flagge mit bem weißen Kreuz: sonst konn» es Hollanb, Flanbern sein. Der Himmel ist flachgespannt unb gewichtslos 1 Die Grenze bes Lanbes ist bas Meer. ffifi für bie The eignet", sagte Korfs, ergriff den Mittelfinger des zWbchens und führte ihn gemächlich in bie glimmenbe ißfetfe. Konftanze verzog keine (Kiene und schaute nur ängstlich zum Vater ^"stecht so Wahlen, bu hast ein couragiertes Frauenzimmer als Tochter." Sie erträgt Schmerzen unb zuckt nicht einmal mit ben Wimpern. Das ist ein Weib nach meinem Sinn. Wahlen, gib uns b einen Srngenl Unb so erfüllte die Johannisfahrt nach Grafental doch noch ihren Zweck. Kopenhagen. Von Wilhelm Haufen st ein. Man reift angenehm in Dänemark. Die Wagenkorridore erfreuen durch ihre Breite. Auch bie Abteile ber dritten Klasse sind komfortabel und in einer verwöhnenben Weife hübsch: bie Banke mit kräftigem Stoff bespannt, bie Holzwänbe lichtgrau ober grün lädiert, C°up^ und Gange und alles Drum unb Dran pflegfam gehalten. In ben Gesichtern ber Reisenden stehen keine Sorgen eingeschrieben; bie Leute lasten — ohne Absicht, versteht sich — eine wohltuende Entspanntheit, em naives unb immer zum wenigsten leibliches Behagen verspüren. Dazu stimmt, daß sie überaus höflich finb; ihr Leben macht es ihnen noch natürlich, so höstich zu sein. Die Schaffner wirken in ihren Uniformen -aus schwerem unb tauberem buntlen Tuch wie gutgestellte Bürger. Das Ohr wirb von bem Ungewohnten unb Feinen der dänischen Sprache beschäftigt, dem vielen ä und ö, das gleichsam schräg liegt, roie em Segel im W'M>. Das Hotelzimmer ist auf eine großväterliche Weise altmodisch. Bett, Schrank, Spiegel, Sofa: dunkles Louis-Philipp-Barock. Decken und Vorhänge dunkler Samt. Wäre man dieser Form als Neudeutscher nicht schon allzu sehr entrückt, so würbe sie noch mehr beruhigen; nun ist sie beinahe schon ein Märchen, unb man erwartet schier, es muffe sich etwas Seltsam-Vorgestriges ereignen ...Ich schaue aus bem Fenster; m ber modernsten Leuchtschrift steht bort brüben „^ohtiten , „etftrablabet , Berlingste Tibenbe" —, unb bies also ist die Wirklichkeit ber dänischen Zeitungen, bie man so oft im Druck zitiert fand, ohne sie recht aus- I Jpredien zu können. Drunten, in ber Tiefe ber feuchten unb spiegelnden Asphaltstraße Autos, Trams, Omnibusse wie überall. Aber was ist dies Profil, bas ben Rahmen des Aussicht begrenzt? Ein Neptun mit Dreirad — Neurenaissance von etwa 1870, mit heller Delfarbe gefafjt, beto= rutioe (Siebeifigur; so ist bas Moderne ber europäischen Großstadt von Heute im Altmodischen ausgeglichen. .. . Die Läden, die ihre Auslage noch in ber Nacht sehen lassen, sind hübsch. Die Sttaße lebt, in ihr spazieren ohne Hast große, schlanke Manner mit hellen Augen unb Haaren unb hübsche, sehr hübsche Frauen mit lichtem, freiem, fast zu unbefangenem Blid, mit hellen Wimpern und bem rounberbaren Teint, ben bas Seeklima begünstigt. Zwischen ben Brauen I ber Frauen unb Mäbchen scheint mitunter eine kleine Düsternis zu wo^ nen bie zur Lichtheit ber Rassefarben in eigentümlichem Widerspruch steht: eine Strenge, bie wie das Aufziehen ober Wetterleuchten eines Meines Zornes ist. Dennoch ist hierzulanbe ber Frieden — der Friede nicht etwa nach bem Krieg, fonbern noch vor ihm. Gleichzeitig mutet alles auf eine überrafchenbe Weife unbegreiflich an, als etwas Gewesenes, nicht als etwas Gegenwärtiges: fo sehr es der Norm zu entsprechen scheint, bah bie Straße keinen Bettler trägt und baß bie Menschen alle "^Zücht man nach einem ersten Gang durch bie Altstabt eine vorläufige Summe, so würbe man etwa begriffen haben: diese Stabt ist mit Backsteinen gebaut, nicht nur in ihren wenigen gotischen Kirchen, fonbern noch In ihrer Renaissance; ber Backstein liebt es, mit weißem Haustein gerahmt zu sein; mit ihrem Barock unb ihrer Klassik geht biefe Stabt aus bem Roten des Ziegels ins Graue unb Weiße über — sei es, baß sie nun, übrigens selten, mit Haustein baut, sei es, baß sie, was oft geschieht, mit lichten Farben putzt und malt. An klassischen Häusern von etwa 1800 sind auf schlichte lichtgraue Flächen antikische Muster ausgesetzt: bas Ornament be« , laufenben jfjunbes" ober bes Mäanbers; Firmenschilber an solchen Hausern zeigen golbene Antiqua auf schwarzem Grunb. Viele Dächer unb Türme finb licht-grün van dichter Patina. Die Türme über ber ruhig und klar gebauten Stabt lieben gewisse Ausschweifungen in wunderliche Formen: an ber Nikolaikirche; an ber Erlöferkirche drüben über bem «Baffer, in ber alten Borftabt; an ber Börse zumal, beren Turm in ein Geflecht von Chimären in einen steil auffteigenben Zopf aus Krokodilschwanzen auszuführen scheint. , Vom Ganzen biefer Stabt her bentt man, rote man bas Unbekannte ja gern im Bekannten zu sichern versucht (benn bies ist bie natürliche Mathematik ber menschlichen Empsinbung) am ehesten an Amsterdam unb an ben Haag. Zuweilen, etwa in einfach-klassizistischen Bezirken nahe ber Amalienborg, wohl auch an bas Brüssel ber Dberftabt, bes Schußbereichs. Der köstlich umbaute Platzraum vor ber Amalienborg ist für Kopenhagen, was die Place Vendöme für Paris, die Place Stamslas für Nancy bedeutet. Aber immer wieder tastet die Empfindung am liebsten zu niederländischen Beispielen zurück, und bies gewiß nicht ohne Ursache: benn auch Dänemark ist ein Niederlanb. Auch es ist ber Küste unb ber Schiffahrt zugekehrt; auch Kopenhagen pflegt ben schlichten Stand einfacher Baukunst, ber es, wie Hollanb, nur zuweilen kapriziöse Luxusbauformen einfügt. Stabte haben ihre Kuriositäten, in benen man ihrer am bequemsten inne wirb. Kopenhagen wirb burch große unb liebenswürdige Konstabler mit schwarzer Uniform, Konstabler im englischen Gentlemanstil, gehegt. Postboten finb hochrot uniformiert. Die vielen Menschen finb still; sie sprechen so leise zusammen, als hätten sie eitel Geheimnisse, unb bies wirb namentlich im Restaurant, im Cafe als Annehmlichkeit empfunben, roie es ja auch ber bestimmten Drbnung artiger dänischer Sitte zugehört. Die Schloßwachengrenabiere tragen Därenmützen unb wahre Friedens- uniformen mit blauem unb schwarzem Tuch, weißem Leber; die Garden