GietzenerKimilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1935 Zreitag, den 5. Juli Kimtmcr 51 nicht den agen und warte ein paar bezahlen, kann da mit nach übrigens ut, daß Du da bist ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR „Ich dachte, du schwimmst im Gold!" „Durch deine Billy müßtest du wissen, wie es in dieser Hinsicht bei uns steht! Aber sie scheint auch vor dir dicht zu halten! lachte Ludwig. flächigen Gesicht. Martin stand aus und stöberte in allen Winkeln seines Ateliers herum bis er gefunden hatte, was er suchte. Er kam mit zwei staubigen, mnfrhsn mriirf die keinerlei Etikett trugen. Aus der Ho en- in seinen Stuhl zurück, schloß ;ug erschien auf seinem breiten. Copyright 1933 by August Scherl G m. b. «5.f Berlin (Fortsetzung.) „Was ist mit Steinlen?" fragte er. „Er hat keine Rolle für mich bis Weihnachten und auch guten Willen, der dazu nötig wäre!" „Das ist ärgerlich!" .Mehr als ärgerlich! Denn er wird mir natürlich nichts bis ich wieder bei ihm spiele. Trotz unseres Vertrages. Ich nichts machen. Und ich brauche dringend Geld!" Kern zog die Augenbrauen hoch in die Stirn. kommt mir selbst jetzt dumm und überflüssig es nur die Nerven! — Setz dich m den W^... _• - Minuten! Ich lasse mir nur den Bart abnehmen. — Vorwärts! -Zu ansehen!" „Gut, ich komme mit!" antwortete Kern. Sag bitte, draußen nichts davon, warum ich bei dir war! Es fnmmf mir selbst jetzt dumm und überflüssig vor. Selbstverständlich sind „Dann mußt du sie endlich lernen!" „Kann ich nicht!" Ludwig lehnte sich die Augen, und ein müder, leidender Z herum bis er gefunden hatte, was er suchte. Er kam mit zwei staub,c bauchigen Flaschen zurück, die keinerlei Etikett trugen. Aus der Ho! tasche zog er ein starkes Messer mit Korkzieher und öffnete beide. Auf einem Regal über ihren Köpfen stand eine Reihe verschieden geformter Gläser. Er holte zwei herab und füllte sie bis zum Rand mit dem rubinfarbenen Wein. . ... Wir haben immer etwas zu meckern, rote du vorhin ganz richtig bemerktest.- Aber es hat keinen Sinn. Das da ist besser. Unser Wohl, ^Mechanisch griff Ludwig nach dem angebotenen Glas und schlürfte langsam, genießerisch den schweren, kostbaren Wein, der ihm sofort ins Blut ging. Seit seiner Rückkehr nach Nikolassee hatte er kaum einen Tropfen getrunken. ,Zch habe Pech gehabt drüben. Menschlich, meine ich. Sonst ist alles ganz^gul segangen^^ mira haben wir immer Pech. Du brauchst mir" nichts zu erzählen. Daß sie mit dir drüben war, weiß ich. Wie übrigens jedermann!" „ , „Du hast ganz recht. Ich hätte vorher wissen können, wer sie in Wirklichkeit ist und was sie wollte!" „Wozu das? — Was man weiß, erlebt man nicht mehr! Und auf das Erleben kommt es schließlich an. Immer!' . Ludwig hob sein Glas und trank ihm zu. Der Bildhauer schenkte von neuem ein, und sie tranken eine Weile schweigend. Willst du mir einen Gefallen tun, Franz? Dann rufe 'N Nikolassee an und sage, daß ich später komme, vielleicht erst morgen Es ist nett bei dir und tut mir gut. Irgendwie hab' ich das geahnt. Aber man erwartet mich draußen. Die kleine Billy wird am Apparat sein. Sie soll es Lisa ausrichten." Ateliers, Im Parterre eines Gartenhauses, stand offen. Als Ludwig eintrat, wurde er von einem mißtrauischen, verärgerten Blick des Bildhauers empfangen, dessen Gesicht sich aber glättete, als er den Freund erkannte. „Gut, daß du kommst, Ludwig!" rief er ihm entgegen und wischte die "von' braunem Ton befleckten Hände an feinem Kittel ab. „Es ist scheußlich, was ich mir da aufgeladen habe!" Ludwig stellte sich neben ihn und legte ihm den Arm um die Schul- - ter, während er die fast vollendete Figur betrachtete. „Mir gefällt das ausgezeichnet. Meiner Meinung nach hast du keinen Grund, zu meckern! Daß das gut ist, weiß ich selber. Aber warum lassen sie mich das nicht gleich in Stein hauen, wie es sich gehört?! Bronzeguß wollen sie und bleiben dabei, obgleich ich ihnen zehnmal erklärt habe, daß meine Ueberzeugung wichtiger ist!" „Wer sind deine Auftraggeber?" „Zwei reiche Mäzene aus dem Vorstand einer Sportvereinigung. Die beiden Dinger hier sollen ins neue Stadion. Dieser Läufer hier und dort drüben der Boxer. Das hat mich natürlich gereizt. Außerdem zahlen sie anständig. Darum hab' ich auch nachgeben müssen. Aber es ärgert mich jeden Tag, daß ich sie nicht direkt in den Stein gehauen habe. Sie hätten sie auch in Stein abgenommen!" Thiele sah sich auch das Modell des Boxers an, das fertig in einer Ecke stand, von feuchten Tüchern umhüllt. , Du darfst dich beruhigen, mein Lieber. Sie machen dir auch in Bronze keine Schande! Im Grunde beneide ich dich. Du hast immer Martin lachte und warf sich in einen Korbsessel. „Das sagst du, der du soeben als Star aus Amerika zurückkommst!" Auch Thiele holte sich einen Stuhl, wischte ihn ab und setzte sich zu ihm in die Wohnnische des Ateliers. „Ich habe sechs Monate nicht auf der Bühne gestanden. Film ist etwas ganz anderes. Davon habe rch vorläufig genug. Hier aber gibt man mir nichts zu tun!" „Hoho!" machte der Bildhauer ungläubig. , Es ist so. Ich bin zu spät gekommen. Davon verstehst du nichts. — Aber ich muß jetzt auf die Bühne, sonst gehe ich ein oder mache irgendeinen anderen Unfug!" „Ihr Komödianten!" sagte Martin und zuckte die Achseln. „Du hast den größten Erfolg gehabt, den ein Schauspieler haben kann, und sitzest da wie ein Anfänger, der nichts zu tun hat. Ein bißchen Geduld ist alles, was dir fehlt!" „Die habe ich nie gehabt." „Das ist ein fchöner Zug!" „Wenn nicht bei Steinten, spielst du eben irgendwo anders! Das ist doch jetzt für dich eine Kleinigkeit!" „Ich muh zu Henschke in diesen Tagen. — Kommst du Nikolassee? Ich habe den Wagen unten. Den muht du dir Billy!" Kern muhte eine halbe Stunde warten. Dann fuhren sie zusammen nach Nikolassee hinaus. Obgleich Ludwig nichts mehr anzumerken war, er wieder ganz der alte, ungestüme, kraftvolle Draufgänger fd)ten, lieh Kern sich nicht täuschen. Er muß irgendeinen heftigen Stoh bekommen haben innerlich mit dem er nicht fertig werden kann! dachte er wahrend der Fahrt. Ludwig erzählte lebendig und anschaulich von seinem Leben und Arbeiten in Hollywood. 36. In einer Unterhaltung mit dem Agenten Henschke, die E Ende der Wocke ftattfanb erhielt Ludwig die Bestätigung, daß jetzt in Berlin nichts für ihn zu tun war. Die Theatersaison hatte gerade begonnen Die Stücke waren besetzt, und die Prominenten, die sie, zum Ersolg zu tragen hatten, waren im Besitz ihrer Vertrage. Das wurde sich m öer nächsten Zeit kaum ändern. Thiele war um eine Kopfeslänge zu spat gekommen. , .. ... , ... mig Weibnackten untätig zu warten, war ihm unmöglich. Henschke sah das ein Ludwig konnte seststellen, daß der Agent der einzige war, der seiner Situation volles, freundschaftliches Verständnis entgegenbrachte und auch etwas für ihn zu tu"...Der’Pra^rl?55nQb/Jeünh^C^X: ©aftfpieltournee zu arrangieren als „Gotz von ®crIlc?)l"9en( mann Henschel", den beiden Rallen, in denen er bisher Ume ftarf ten Erfolae erzielt hatte. Thiele war einverstanden und gab ihm den Auf trag ^Henschke versicherte, dah sich das machen liehe, da schon 'M Sommer Anfragen danach aus der Provinz bei ihm emgelaufen waren. ßubroia verlieh den Agenten in einer merkwürdig schwebenden, unklaren Sllmmun! Da er gleich nach der Untersuchung mit dem von Kern vorgeschlagenen Training und der Diät begonnen Hatte, suhlte er sich körperlich schwach, unzufrieden und reizbar. Seme Nerven drohten zu streiken. Er hatte das steigende Bedürfnis nach irgendeinem kräftige Stimulans... , , „ ,. Es roar sechs Uhr vorbei. Als er in feinem Wagen faß — Konstantin Ä a. Ä Uch schlug er diese Richtung ein. Martin stand in einem langen, beschmutzten Arbeitskittel oor einer niederen, drehbaren Scheibe, auf der das Tonmodell emes laustnd n | Athleten in halber Lebensgroße montiert roar. Die Tur des weiten „Dann werde ich auch gleich Hubert anrufen. Vielleicht ist er zu Hause. Er wird sich freuen, dich wiederzusehen. — Was meinst du? „Tu das!" antwortete Ludwig und griff wieder nach seinem Glas, während der Bildhauer telephonierte. Martin sprach zuerst mit Billy, die seine Nachricht schweigend entgegennahm. Dann erreichte er den Schriftsteller Hubert von '©erber, der erklärte, in einer Viertelstunde da zu fein. Martin ließ den Freund allein und begab sich zu feiner Portierfrau, der er eine lange Liste von Dingen, die er besorgt haben wollte, und Geld einhändigte. Dann säuberte er im Atelier einen Tisch und begann ihn herzurichten mit bunten Tellern, Gläsern und Schüsseln, wie Ludwig es liebte. Mit der Portierfrau, die einen vollen Korb brachte, erschien auch Hubert von Gerber und schüttelte Ludwig kräftig die Hand. Es war Nacht geworden. Die drei Männer hatten wenig gefprochen, sondern sich hauptsächlich der Tafel gewidmet. Vor ihnen stand eine Reihe leerer Flaschen. Nur Ludwig hatte hin und wieder eine amüsante Anekdote aus Hollywood zum besten gegeben. Die Ateliertür war offen geblieben, da die Abende noch nicht kühl geworden waren. Mit den Lichtstrahlen quollen auch die blauen Rauchwolken aus Martins Pfeife und Gerbers Zigarren in die Herbstnacht hinaus. Die Freunde saßen sich, bequem dusgeftretft, um den beladenen Tisch gegenüber, wie sie es aus vielen früheren Nächten gewohnt waren, bis Ludwig begann: „Was mit mir eigentlich geschehen ist, weiß ich nicht. Aber etwas in mir ist verändert, seit ich drüben mar. Eigentlich dürfte ich gar nicht mehr fo bei euch sitzen und tafeln wie früher. Man hat es mir glatt verboten. Ich werde zu dick, verliere die Form, und bann ist da noch etwas... Na — einerlei! Ich mache mir nicht viel daraus. Wenn ich das auch unserem braven Kern nicht zugeben darf. Er ist einer der wenigen Aerzte, die wirklich etwas verstehen. Trotzdem weiß ich nicht, ob er recht hat mit seinen Verboten. Früher hab' ich einfach darüber gelacht. Heute aber kann ich das nicht mehr. Obgleich ich mich so wie jetzt immer am wohlsten fühle! — Warum soll ich nicht essen und trinken, wie es mir Freude macht? Warum soll ich nicht noch stärker und breiter werden, wenn es mir so bestimmt ist? Warum soll ich nicht meine Rollen so spielen, wie ich gerade bin? Daß ich es kann, auch mit zehn Kilo mehr, habe ich bewiesen! — Aber ich kann nicht mehr so darüber lachen wie früher!" „Natürlich steckt ein Problem dahinter. Du siehst es nicht, aber du spürst es, und ich kann es dir sagen. Das wird dir guttun", antwortete Hubert von (Berber in seiner nachlässigen, hochmütigen Sprechweise. „Es ist das Problem der Form. Erinnerst du dich noch unserer letzten Nacht bei dir in Nikolassee? Da hat der Doktor Hartl allerhand Gescheites darüber gesagt. Ich habe ihm zwar in manchem widersprochen, bin aber im Grunde seiner Meinung. — Wo steckt er übrigens? Auf einmal war er weg!" „Irgendwo in der Schweiz, wo er ein Buch geschrieben hat: .lieber die Grenzen der Freiheit', ober so ähnlich. Eine philosophische oder psychologische Abhandlung, die jetzt gedruckt wird." „Die werde ich mir verschaffen. — Etwas in dir ist nicht in Ordnung, sagst du, und du fürchtest wieder einmal, .die Form zu verlieren'. Die äußere Form wohlgemerkt, die für dich als Schauspieler genau so wichtig ist wie die innere. Nun will ich dir mal etwas sagen, Ludwig. Du gehörst zu den wenigen Menschen, die überhaupt keine Form nötig haben. Das klingt paradox, ist aber richtig nach meiner Ueberzeugung. Sieh mal, der Doktor Hartl und ich selber gehören zu den Menschen, die ohne eine starre, klare Form überhaupt nicht leben können, die nur innerhalb dieser Formen etwas schaffen können. Diese Formen müssen zuerst da sein, dann erst können wir anfangen, sie zu erfüllen. Du aber und auch unser Freund Franz hier, ihr gehört zu den anderen, bei denen die Form erst hinterher kommt. Er haut seine Menschen und Tiere am liebsten direkt in den rohen Stein, eigentlich genau so, wie du deine Rollen spielst, direkt aus dir selbst, in das tote Material, das erst dadurch warm und lebendig wird. Wenn ihr beide euch von vornherein aus irgendwelche feststehende Formen einiaht, kommt nicht das Richtige heraus. Das habe ich oft festgestellt. Deine Form, Ludwig, ist die Formlosigkeit, das Chaos, das Maßlose, Treibende, Glühende, Strömende, Gegensätzliche — wie du es nennen willst, aus dem in jedem Augenblick eine neue Form entstehen und wieder vergehen kann. Du bist der geborene Schauspieler. Ich will damit nicht sagen, daß -es nicht noch eine Art Schauspielerei gibt, bei der die Form, die erkannten, festgefügten Grenzen das Primäre sind. — Laß dich nicht mit der Skepsis ein, Ludwig!" „Tu' ich denn das?" brummte Ludwig. „Manchmal. Und das sind nicht deine besten Stunden! — Ich will es mal anders fassen. Du hast recht, wenn du dich in allem auf das Körperliche verläßt. Glaub ja nicht, daß das allem Geistigen nicht mindestens ebenbürtig ist. Meistens ist es ihm sogar weit überlegen. So ist es bei dir. Es ist der uralte, notwendige Gegensatz und der einzige fruchtbare Kampf auf der Welt. Du bist noch nie unterlegen." „Doch! Gerade jetzt! Drüben!" Gerber lachte laut auf. „Das sieht dir ähnlich. Weil die Mira den Grolinan geheiratet hat und dich dazu benützt hat! Das meinst du doch! So hast du es auch erzählt. Laß dich nicht mit der Skepsis ein! Wahrscheinlich glaubst du auch, öqA die vielen, die immer um dich herum sein müssen, dich nur ausnütjen tnb mit dir spielen, wie die Mira! Es sieht auch ost so aus. In Wirklichkeit aber verhält es sich gerade umgekehrt. Du bist es, der gibt, immer wieder und aus dem Vollen, Ueberlaufenben deiner Natur heraus. Das zieht sie an, und sie leben davon, von deinem freiwillig gespendeten Ueberfluß an lebendiger Kraft. Genau so war es auch bei der Mira. Sie hat dich immer wieder gebraucht, auch wenn sie e- vor sich selber nie zugegeben hat. Wenn sie sich jetzt in einen sicheren Hasen gerettet hat, so tat sie das nur, weil sie sich ohne das ganz an dich verloren hätte, was weder für sie noch für dich erträglich geworden wäre. Es ist alles ganz richtig verlaufen. Das spürst du wohl, aber du siehst es falsch!" Zch hab' dich ruhig ausreden lassen, Hubert, weil ich weiß, wie gern du dich sprechen horst", sagte Martin nach einer Pause. „Im allgemeinen bist du auch ganz vernünftig. Aber das mit der Form, weißt du — da kann ich nur lachen! Ich als Bildhauer und kerne Form! — Bei Ludwig mag das anders fein — was ich zwar auch nicht glaube — aber bei mir?! Man darf euch Schriftsteller nicht ernst nehmen. Ihr glaubt immer, ihr habt den Geist, die Gescheitheit gepachtet, und für uns bleibt dann nichts mehr, als was du großmütig ,bas Körperliche genannt hast. Du haft das zwar in ein paar saftige Schmeicheleien em- gepackt, aber wir sind auch ohne das damit zufrieden! Nicht wahr, Ludwig? Jedenfalls können wir mehr damit anfangen als ihr mit eurer verdammten Gescheitheit!" Es war die längste Aeußerung, die der Bildhauer fett Jahren von sich gegeben hatte. Gewöhnlich saß er stumm unter den Freunden, hörte zu und widmete sich den Weinen. Darum sahen ihn die beiden etwas verwundert an. Er hatte sich diesmal richtig warm gesprochen. Du scheinst mich ja prächtig verstanden zu haben. Em Beweis mehr, wie recht ich habe!" sagte Hubert mit einem zweideutigen Lächeln. Aber Martin antwortete nur noch mit einer wegwerfenden Handbewegung und schenkte ein. „Deiner Ansicht nach müßte ich also auf gar nichts hören was man mir vorschreibt, sondern getrost so weiterleben wie bisher? fragte Ludwig nach einer kurzen Stille und faßte mit der Hand unwillkürlich nach feiner rechten Seite. „Tust du denn etwas anderes?" „Manchmal!" , . „Das sind nicht deine guten Stunden! Gott fei Dank sind sie feiten! „Sie werden immer häufiger!" „Das ist nur das Alter, Ludwig. Wir sind bald vierzig!' „Meinst du, es fei wirklich nur das? Vielleicht, aber man geht daran zugrunde!" . , « Der Schriftsteller zuckte die Achseln. „Mag sein. Ist es nicht besser, genau so zugrunde zu gehen, wie man gelebt hat? Früher oder später. Das mag tragisch fein. Ich kann das nicht entscheiden. Aber ich kann mir nicht denken, daß der Tod schrecklicher oder schöner fein soll als dieses Leben. Er kann genau so unser Freund sein wie dieses Dasein! Es war kurz vor Mitternacht. In der offenen Ateliertür erschienen die Umrisse einer weiblichen Gestalt und dahinter ein kleiner männlicher Schatten. Ludwig sah sie zuerst. „Billy!" rief er halblaut. „Wie kommst du hierher?" „Ganz einfach!" antwortete Billy und trat ein, gefolgt von Doktor Kern, dem es nicht gelang, eine gewisse Verlegenheit zu verbergen. „Kern kam am Abend zu uns hinaus, und ich hab' ihn auf der Rückfahrt begleitet." , Ludwig spürte, daß sie nicht ganz die Wahrheit sagte. Kurz nachdem der Bildhauer im Haus am See angerufen hatte, war Doktor Kern dort eingetroffen. Elisabeth hatte ihm mitgeteilt, wo Ludwig geblieben war, und daß es in Martins Atelier wahrscheinlich zu einem ausgedehnten Gelage kommen werde. Vor ihr hatte Kern seine ärztlichen Besorgnisse verschwiegen, nicht aber vor Billy. Als Elisabeth zu Bett gegangen war und er aufbrach, hatte Billy ihn gezwungen, sie in seinem Wagen mitzunehmen, und hatte ihn in Martins Atelier dirigiert. — Der Bildhauer holte zwei weitere Gläser vom Regal herab und schenkte von neuem ein. Aber alle spürten, daß die Fröhlichkeit des Arztes nur eine Maske war und daß auch hinter Billys burschikoser Ausgelassenheit ein fester Entschluß verborgen lag. (Berber begann, den Arzt zu ironisieren, der auch zu einem Gelage „verheiratet" erscheine, und seine Ironie bekam schärfere, persönliche Spitzen. Ludwig trank sein Glas aus und erhob sich plötzlich. „Du kommst wieder mit hinaus, Billy? — Oder gedenkst du überhaupt in der Stadt zu bleiben?" „Nein, mein Lieber!" lachte Billy. „Ich komme mit." Martin knurrte etwas Aergerliches über den frühen Aufbruch vor sich hin, was jedgch niemand verstehen konnte. Aber auch Gerber zeigte keine Luft, noch zu bleiben. . „Es war nett bei dir. Ich komme bald wieder!" sagte Ludwig zu Martin, der ihn über den Hof bis zur Haustür begleitete. „Eigentlich sollten mir alle jetzt zu mir hinausfahren!" „Nein, nein! — Es ist zu fpät!" „Seit wann kriechst du um Mitternacht in die Federn?" ,Lch meine ja nicht in der Zeit, Ludwig!" jagte der Bildhauer ein wenig rätselhaft und legte ihm die Hand auf die Schulter. Ludwig schloß seinen Wagen auf. Dicht dahinter hielt das Fahrzeug des Arztes, das im Vergleich zu der glänzenden Limousine verbrauch- und altmodisch aussah. Billy küßte den Doktor und setzte sich neben Ludwig. Kern brachte von (Berber nach Hause. Auf der raschen Heimfahrt sprach weder Ludwig nach Billy ein Wort. Erst als der Wagen in Nikolassee von der Hauptstraße abbog nach dem still und dunkel daliegenden Haus am See, beugte sich Ludwig einen Augenblick zu Billy hinüber. „Es ist gut, daß du gekommen bist!" Billy gab keine Antwort. , Als sie sich in der Diele trennten, gestand sie in ihrem alten sachlichen Ton: „Kern hat mir alles gesagt. Ich habe Angst um dich, Ludwig. Aber sie ist vorbei. Lksa weiß nichts davon!" „Du bist ein wachsamer Kamerad! — Gute Nacht, Billy!" Klang sein Lachen heute nacht nur darum so leise, weil er mernano auswecken wollte? dachte Billy bekümmert, als sie in ihr Zimmer hinausstieg. (Fortsetzung folgt.) wie auf den stillen Fluten hier, die den Wasternng im Rücken »er Insel schlossen. Am meisten war sie über einen Haubensteitzsuß verwundert, der zwischen den grünen Flößen aus Teichrosen und anderen Wasser- pslanzen trieb, und der ihr, mit einem Schwan verglichen, in seiner Farbenbuntheit, mit seinem komischen hörnerartigen Federbusch auf dem Kopfe und der breiten Halskrause wie ein aufgeputzter Clown erschien. Als sie schließlich vom User abschwenkten, leuchtete ihnen zwischen Weidengebüsch ein weißes Zelt entgegen, das Gotthard als seine Be- Hausung bezeichnete. Im Näherkommen entdeckte Annette, daß zwei Zelte mit ihren Eingängen aneinandergerückt waren, und ihr Herz schlug rascher. Sie fühlte sich mit einem Mal wie auf eine Südseeinsel verschlagen und von einem Eingeborenen sortgeführt, vielleicht dem Zelte seines Häuptlings zu? Gotthard merkte an ihren zerstreuten Antworten, daß ihre Gedanken abwegig waren. Ob sie denn keinen Hunger verspüre und mit ihm einen kleinen Imbiß einnehmen wolle. Das täte sie gern, aber zuvor müsse sie zum Boote lausen, um auch ihren Proviant zur Verfügung stellen zu können. Den hole er. Und schon lief er strand- wärts und zerstörte damit ihren heimlichen Fluchtplan, den jäh erwachtes Mißtrauen in ihr hatte auskeimen lassen. Sie solle es sich einstweilen im Zelte behaglich machen, rief er noch zurück. Zögernden Schrittes ging Annette weiter, die Augen unverwandt auf die Zelte gerichtet. Wie einem Kind im Dunkeln wurde ihr die Stille unheimlich. Sie begann zu pfeifen und zu singen. Aber sie lockte keine Gestalt damit aus dem Gezeit hervor, wie sie erwartet hatte. Auch auf ihr „Hallohl" hin regte sich nichts vor ihr. Geräuschlos schlich sie an. Ihre Hand zitterte ein wenig, als sie das Zelttuch griff. Verhaltenen Atems schob sie vorsichttg den Kopf durch den Eingang und durchflog mit hastigen Blicken die Räume. Zuerst siel ihr eine Staffelei auf, dann waren Mappen, Kasten, Bücher, Kleidungsstücke und Kochgeräte da. Alles Dinge, die niemand anders gehören konnten als Gotthard, wie sie sofort überzeugt war. Sie lachte hell auf, lachte über sich selbst und ihre hasenfüßige Angst, die sie bei- nahe zur Flucht gehetzt hätte. Beim Blättern in den Skizzenbüchern fand sie einige Landschaftsmotive und Vögel wieder, die ihr Gotthard gezeigt hatte. Sie war erfreut über sein Können und bereute heimlich, was sie Minderes von ihm gedacht hatte. Bor das Weidicht tretend, sah sie ihn aus dem hohen Schilf kommen. Ein Stück weiter draußen entdeckte sie auch ihr Boot im Ufersand. Jetzt war sie Gotthard aufgefallen, und er winkte ihr zu. Sie erglühte, daß er an sie gedacht und sie mit Blicken gesucht hatte. Sie fühlte sich beschenkt von ihm und winkte freudig zu- rück. Wie ein übervoller Blütenzweig im Winde auf und nieder weht, schwenkte ihr Arm, schwer von Glück. Sie atzen Früchte und Brot, vergaßen beim Plaudern die Zeit und konnten sich endlich am Strande, mit frohen und herzlichen Worten für einander, mit Hoffnungen und Versprechungen, kaum trennen. Gotthard sah ihr nach, bis sie so klein war wie eine wirkliche Möve und als weißer Punkt in der Ferne unterging. Am nächsten Tage kam er ihr ein Stück entgegengefahren und ruhte nicht, bis sie bei ihm im Boote saß. Die Silbermöve wurde nachge- schleppt. Wieder streiften sie umher, wieder verabredeten sie sich, und so verging eine Woche. Annette wünschte immer sehnlicher, der stille Jnseltraum möge ihr ganzes Leben überfluten und wagte nicht zu denken daß das nicht mehr ferne Sommerende ihr Paradies zerstören würde. Weder Gotthard noch sie hatten bislang auch nur mit einem Wort über das nahe Morgen hinaus an dieses Kommende gerührt. Aber wenn er manchmal plötzlich schwieg, und sein Blick fort über die weiten Wasser slog, wußte sie, daß auch er die Schatten am Horizont aussteigen fühlte. Dann war es ihr, als müsse sie seine Hände ergreifen. Warum fragte er sie nicht, ob auch sie schon einmal daran gedacht habe, schmerzlich daran gedacht? Sie hätte gern seinen Arm um ihren Hals gelegt und sich an seine Brust gebettet. Aber er war von vor- nehmer Zurückhaltung all die Tage. Wohl spürte sie die Warme und Innigkeit seiner Worte und das glückselige Schwärmen seiner Blicke um ihr Gesicht, wenn sie kam und ging, aus ihren gemeinsamen Jnselwan- derunqen jedoch empfand sie sich oft zurückgefetzt vor der Landschaft, soweit schien ihr Gotthard entfernt zu sein und schritt doch neben ihr und saß bei ihr. Dann hörte sie ihn sprechen als ströme em breites Wasser zwischen ihnen. Und sie gab oberflächliche Antworten Vielleicht würde in der Nacht alles anders fein, dachte sie, wenn die Dunkelheit das Herumpirfchen unmöglich machte ...? So verzögerte sie eines Tages ihre Abfahrt mit dem heimlichen Wunsch, Gotthard möge sie zum Bleiben veranlassen. Er lag aus- gestreckt im Gras und stützte mit aufgestemmten Armen das Gesicht in die Hände. Sie saß schräg vor ihm an den Stamm einer Pappel gelehnt und lauschte den Schilderungen seiner Reisen und Fahrten, die in ein Heft niedergeschrieben waren, mit geschlossenen Augen. Ihr gefiel die mundartliche Klangfarbe feiner Sprache ebenso wie sein ausdrucks- volles Mienenspiel, das sie ab und zu verstohlen durch ihre langen Wimpern wie durch einen zarten Vorhang beobachtete. Welche Land- schäften und welche Erlebnisse er beschrieb, wußte sie kaum S>e waren hr gleichgültig, sie erlebte nur ihn: Gotthard! Als ihr Schweigen ihn schließlich stutzig machte, und er das Heft zuklappen wollte, um sie nicht 3U langweilen, bat sie erschrocken und wie aus emern holden Traum aufgescheucht, doch weiterzulesen. Dabei merkten beide nicht, daß der Himmel sich verfinsterte, daß starker Wind Wetterblöcke vom Horizont her heranwalzte. Der erste Donnerschlag überraschte sie und ließ Annette bestürzt aufspringen. Sie flirchtete Gewitter und begann in fliegender Hast zum Aufbrauch zu rüsten Gotthard sah ihr eine Weile verstört zu, dann griff er mit beiden Händen nach ihren Armen. Sie dürfte jetzt nicht allein m das Wetter hinmisfabren Die grellen Blitze, die bereits wie Feuerschlangen aus dem Himmelsraum herabschnellten, bestätigten seine Befürchtungen daß es iur Heimfahrt zu spät sei. Er biete chr aber die Zuflucht fernes Zeltes * an 3ber fie sich unbesorgt anvertrauen könne. Annette blickte unruhevoll m'der schwarzen Wetterlast empor, die sie noch nie so drohend erlebt hatte, roieJ unter diesem weiten Horizont. Es blieb nichts übrig, als e>n- Iungbauernlied. Von Wolfram Brockmeier*. Wir sind die junge Bauernschaft, Des Volkes Mark, des Landes Kraft, Wir dienen stumm, am Pflug die Faust, Ob Sonne dörrt, ob Sturm uns zaust: Wir sind des Bodens Hüter, Die Hand, die sät, Die Faust, die mäht, Sind unsre Adelsgüter! Das Korn erkeimt, es steigt der Halm, Die Aehren rauschen großen Psalm. Aus unseres Tagwerks Müh und Not Erwächst dem Volke gutes Brot. Und wahret es vor Schaden. Wer je es bricht, Vergesse nicht: Es wuchs aus Tat und Gnaden! Und scheint die Gnade uns versagt, Wird doch zur Tat die Hand gewagt, Und weigert uns das Land den Sieg: Wir kämpfen doch den ero’gen Krieg Mit Sonne, Wind und Regen Wir halten stand, Bebaun das Land, Erzwingen uns den Segen! „Ahoi, Annette!" Eine Geschichte von Peter Bauer. Am Ende der Uferstraße stand im Grün eines ausgedehnten Gartens Infelbaft allein das Haus des Direktors Helling, das Überdies noch an einer Stirnseite vorn dichten Gerank und Laubmosaik einer lapanischen Rebe so überwuchert war, daß den Fenstern in jedem Fruhiahr wieder ihre Vierecke ausgeschnitten werden mußten, und der halbrunde Balkon wie ein Vogelnest im Geblätter hing. Er war feines herrlichen Stromblicks wegen in mancher freien Stunde der SieblingsQufentfjalt des Hausherrn Lettiete ihm dabei feine Tochter Gefellfchaft, konnte er sich in die glücklichsten Jahre feiner Ehe zurückversetzt fühlen so groß war die Ähnlichkeit im Aeußern wie im Wesen Annettes mit ihrer früh verstorbenen Mutter. Wie sie, war auch das Mädchen em Wasservogel und trieb am liebsten paddelnd durch Sonne und Wind Die Fifcher kannten von weitern schon den schlanken Zweisitzer mit je'uer Führerin im leinenen Sportanzug und ebensolchem duftig-weißen breitkrempigen Hut. „Die Silbermöve" sagten sie und meinten damit beide: das Boot, das sich mit stolz am Bug prangenden Lettern so nannte, ww auch das Mädchen, das so bewundernswert gewandt und sicher die Strömung bezwang Meist blieb der Sitz vor Annette leer. Der Baker zog eine Autofahrt dem .Geschaukel auf unsicherem Element" vor, und die Freundin hatte noch 'nicht Ausdauer genug im Stromauf-Paddeln. Denn unter einer Stunde Bergpaddeln pflegte Annette nie uwZukehren In dieser Entternuna etwa lagen zwischen unroegigcn alten Wasserarmen des Stromes und feinem jetzigen Bette einige Inseln und Halbinseln, von denen sie meist eine anfuhr, um auf der vorgelagerten Sandbank n der Sonne zu rasten und sich braun rösten zu lassen oder em Stuck Weges durch Weidicht und Schilf in die einsame Wildnis vorzubrrngen. An einem Mittag streifte Annette wieder durchs ^(6^0^141 landein. Auf dem engen, kaum für zwei Fühe getretenen Pfad bogen sich d fdiarfen Blattlanzen der hohen Schilfschafte knisternd über ihr, daß sie wie in einem Schacht ging, und die Hitze beklemmend wirkte. Sie riefelte im Rohr, als ob feiner glühender Sand darauf meberfiele. Es würbe Annette heiß unb unbehaglich, unb fie begann zu laufen, bis sie enblich offenes Wiefengelönde vor sich fah, von dem em großer Tett von dichten Weidengruppen beschattet war. Sie b ieb bei ihnen stehen, trocknete sich die feuchte Stirn und wehte sich mit dem Hut Kühlung '""Plötzsich^wä?^eine Stimme hinter ihr: „Halloh, Fräulein!" Eine männliche ^Stimme! Und ehe Annette sich für Flucht oder Warten en& scheiden konnte stand ein junger, onnengebraunter Mensch vor ihr uno beichtete lachend, er habe das Boot an Land gezogen da das 9nad'9 Fräulein sicher eine größere Erkundung der ^ufel beabsichtige. Annett fand im ersten Augenblick die Ueberrumpe ung cmP“re"£p '’u^ Mann aber hatte eine ,0 frische, lungenhafte Art sich über ihren U mut binmeamfeben er nannte ihr böses Gesicht mit den Detoen ienr JSJ- n etknfalten zwischen den Brauen und den funkelnden Augen entzückend__daß sie ihm nicht lange zürnen konnte. Zudem begann bas Abenteuerliche, Erregende der Situation ihre Neugier zu "'5°."-..^°" daß Sie einander nur ihre Vornamen verraten hatten, gefiel 'm als etwas Ungewöhnliches sehr. Sie lachte zu Gotthards lustigem ep au und durchwatete mit ihm unbekümmert das h?^ ^'Efengros inf einwärts. Zwischen kleinen Weidenwaldchen hmdurch, an niedrigen Dschungeln aus schlanken Binsen, struppigem Beinwell N-sseln und Klebkraut vorbei, vor deren Nähe er warnte, mbem " 'hr die bahmter liegenden Tiefen fchwarzfarbener Wafferlocher unb -ump 3 9- fühlte sich so sehr als Führer, daß er leben 'h"r Schritte aufmerk, betreute unb sie oft überpaschenb bei ber S)onb fafctie 21 'niL unerwartet stehen bleiben sollte, um einen leltenen ® II 9 Zu verscheuchen. Sie hatte noch nie einen ausbaumenden Reiher em taudjenbes Teichhuhn ober ein solches Gewimmel von Möwen gesehen * Dieses Gedicht entnehmen wir ber neuen Eed'chtsammlung „E i n - kehr und Wanb 1 ung" von Wolfram B r 0 ck m e 1 e r, bie im siro Pyläen-Verlag, Berlin, erschienen ist. zuwilligen. Mit einem flüchtigen Lächeln erinnerte sie sich, daß sie selbst die Verzögerung gewünscht, allerdings anders gewünscht hatte. Da lag sie auch schon auf Gotthards Armen, der sie strahlenden Gesichtes zum Zelte trug. Er hörte gar nicht, was sie sagen wollte. Mit einem Sprung war er wieder hinaus und hetzte wenige Minuten später mit einem rasch zusammengerafften Bündel duftender Gräser und Blüten herbei, die er in der Zeltmitte aushäufte und Decken darüber breitete, damit das Lager für Annette nicht zu hart sei. Den dicken zögernden Regentropfen, einzelnen Trommelschlägen gleich, folgten rasch rasende Wirbel, die zuletzt in ein gleichmäßiges Rauschen von großer Heftigkeit übergingen, so daß Annette bangte, sie könnten sortgeschwemmt werden. Gotthard wies beruhigend auf die Hügellage des Zeltes und feine erprobte Festigkeit hin. Er erzählte, um sie von dem Blenden der Blitze abzulenken, von der Schönheit einsamer Jnselnächte. Plötzlich aber war eine Wetterflamme über ihnen wie eine hereingeworfene Fackel, und ein Donner dröhnte, als schmetterten Baumriesen über ihr armseliges Dach. „Gotthard!" schrie Annette angstvoll auf und drückte sich wie ein Vogel vor der Stimme eines Habichtes, am ganzen Körper zitternd, an seine Schulter. .Kleine, liebe Annette", stammelte er, sich dicht hinter sie kauernd, daß sie ihren Kopf sanft erhöht in seinen Schoß legen konnte, und schlang seine Arme zärtlich um ihr Gesicht. Seine Rechte liebkoste ihr Stirn und Haar. Und er sah, im Schein der schwächer werdenden Blitze, wie ihre Augen einen tiefen stillen Glanz bekamen. Langsam senkte er seinen Kopf atemnah über ihr Gesicht und flüsterte noch einmal: „Liebe, kleine Annette." Da warfen sich ihm ungestüm ihre Arme um den Hals. „Gotthard, Liebster!" hauchte sie und zog ihn zu sich. Unter ihren Küssen sprangen die letzten Riegel ihrer Herzenskammern. Die Finsternis im Zelt wurde ihnen strahlender Tag, soviel warmer Glanz brach aus ihren Blicken und verliebten Worten. Bis Annette dem Schlummerlied des eintönigen Regenrauschens doch nicht mehr widerstehen konnte und die schweren Augenlider lächelnd schloß. Da löste Gotthard behutsam ihre Arme von seinem Nacken und bettete die schon halb Schlafende in die Decken. Erst gegen Mittag erwachte Annette. Als ihr Gotthard ins Boot hals, straffte der Wind einen neuen Wimpel am Heck: von gelbem Grund hob sich ein Silbermövenpaar ab. In schönem Flügelschwung umspielte der eine Vogel den anderen, der auf der Woge glitt. Annette bückte sich rasch und küßte Gotthards Hände am Bootsrand. Der spürte gar nicht, wie er immer tiefer mit dem Fahrzeug in der Strömung watete. Als er schließlich losließ, empfand er keine Traurigkeit. So hatte er- als Knabe oft kleine Schiffchen an der Leine hinausgelassen. Und jetzt dünkte ihm die Schnur doch fester geknüpft. Er legte beide Hände wie einen Schalltrichter an den Mund und rief der Entschwindenden seinen Jubel über die Wasser nach: „Ahoi, Annette!" Das «-irdische Paradies-. Zur Kulturgeschichte des Badens. Von Dr. Wolfgang Frahm. Es ist unbestreitbar, daß die Menschen im Laufe der letzten Jahrzehnte bei uns badelustiger geworden sind. Der Sport und die modernen Anschauungen von Sauberkeit und Gesundheit haben dem Körper sein volles Recht eingeräumt, das ihm ebenso gut bekommt wie die ungehinderte Berührung mit frischer sonnendurchstrahlter Luft. Aber wir dürfen nicht glauben, der regelmäßige Gebrauch des Badens fei unsere Errungenschaft, und unsere Vorfahren feien alle mehr oder minder wasserscheue Geschöpfe gewesen. Ein Rückblick auf die Geschichte belehrt uns eines Besseren. Das Altertum hat eine ausgesprochene Badekultur gehabt, die zumeist mit den Gesetzen der Religion eng verknüpft war. Viele gottesdienstliche Handlungen waren für Volk und Priesterschaft von Waschungen begleitet, und wie noch heute den Fluten des Ganges wurde auch vor Jahrtausenden manchen Flüssen eine erlösende Wirkung zugesprochen. Körperliche Reinigung und innere Läuterung gingen Hand in Hand. Der Geschichtsschreiber H e r o d o t berichtet von den ägyptischen Vorschriften, nach denen der König und die Priester jeden dritten Tag den Bart scheren und zweimal täglich und zweimal nachts baden mußten. Aehn- lichen Bestimmungen begegnen wir in fast allen Kulturen des Altertums. Die Griechen haben zuerst wohl nur Bäder in Flüssen und Meeren gekannt, aber später kam bei ihnen in Verbindung mit den Gymnasien das warme Bad auf; auch hier befanden sich Körperpflege und geistige Weihe noch in voller Uebereinstimmung. Die Römer griffen das Vorbild der alten griechischen Bäder aus und bauten jene wunderbaren Anlagen der Thermen, deren Großartigkeit und verschwenderische Ausstattung bis heute nicht wieder erreicht worden ist. Diese Bäder waren von Säulenhallen, Laubengängen und Gemächern umgeben, auch Bibliotheken und andere Aufenthaltsräume fehlten nicht. Das Rom Konstantins hatte neben fünfzehn großen Thermen noch fast neunhundert weitere Bäder aufzuweisen, und der tägliche Wasserverbrauch muß ungeheuer gewesen sein. Von den alten Deutschen sagt Tacitus, daß sie besonders tüchtige Schwimmer waren und daß sie oft badeten; „die Neugeborenen empfing der Rheinstrom" heißt es an einer Stelle seiner Schilderung. Jahrhunderte später berichtet Einhart, der Geschichtsschreiber Karls des Großen, daß sich der Kaiser vor allen anderen im Schwimmen hervortat. Auch in den Klöstern war das Baden durchaus an der Tagesordnung. Das Aachener Konzil vom Jahre 803 bestimmte, daß alle geistlichen Stifte für ausreichende Badegelegenheiten sorgen müßten. An Stelle des fließenden, kalten Wassers bevorzugte man jedoch bald immer mehr das Warmwaffcrbad, und so entstanden die Badstuben. Nun wurde das Baden zu einer wahren Leidenschaft, zu einem gesellschaftlichen Er- Beraatwortlich: l)r. HanS Thyriot.— eignis, zur Kurzweil und Vergnügen, wenn auch die Sauberkeit darüber nicht zu kurz zu kommen brauchte. Gegen Ausgang des Mittelalters hatte fast jede kleine Gemeinde ihre Badstube. Zur Abendzeit, wenn die Badeglocke ertönte oder das Badehorn geblasen wurde, eilte alles zu dieser Stätte der Entspannung und Erholung nach des Tages Müh und Last. Oft wurde die Badezeit auch ausgerusen. Solche Baderufe sind uns noch erhalten wie der folgende: „Hört, Reich und Arm, Das Bad ist warm. Wer sich will waschen und salben Am Haupt und allendhalben. Es sei Herr, Knecht, Frau oder Mann, Dem wird gewartet schon." Vor jedem wichtigen Lebensabschnitt, vor jeder feierlichen Handlung > nahm man ein Bad. Eine Hochzeit war erst dann vollendet, wenn Brauk und Bräutigam mitsamt dem meisten recht zahlreichen Gefolge die Bad- stube befucht hatten. An diesem Ort galt sogar das Asylrecht, und fein Gericht durfte einen Verbrecher aus dem Bad heraus festnehmen lassen Auf den Ritterburgen gab es Badezimmer, in die der Gast geleitet und wo ihm das Bad bereitet wurde, nicht selten mit würdevoller Umständlichkeit. Man bestreute das Wasser wohl auch mit Rosen und reicht« dem Fremden einen Willkommenstrunk. Aus diesen Bräuchen ist späte, eine regelrechte Badegesellschast entstanden. Vornehme Herren und wohl- habende Bürger luden „ins Bad" ein. Natürlich war das mit umfang, reichen Gastereien verbunden. Voller Bewunderung berichtete der italienische Humanist Poggi, 1417 aus Baden im Aargau: „Mancher besucht täglich drei bis mer verschiedene Bäder und bringt da den größten Teil seines Tages mit Singen, Trinken und nach dem Bade mit Tanzen zu. Selbst >m Wassn setzen sich einige hin und spielen Instrumente. Nichts aber kann reize».- der zu sehen oder zu hören sein, als wenn schon in voller Blute stehens Jungfrauen mit dem schönsten offensten Gesicht, an Gestalt und Bench- men Göttinnen gleich, zu diesen Instrumenten singen, wenn ihr leichte« zurückqcworfenes Gewand aus dem Wasser schwimmt und lebe eine neue Venus ist. Dann haben sie die artige Sitte, wenn Manner ihner von oben herab zusehen, sie scherzweise um Almosen zu bitten; da wirft man, zumal den hübscheren, kleine Münzen zu, die sie mit der Harr oder dem ausgebreiteten Linnengewand auffangen, wobei die eine oit andere im neckischen Spiel wegstößt. Ebenso wirft man ihnen auch au« Blumen geflochtene Kränze herab." Erasmus von Rotterdam hat das Badeleben feiner Ze» einmal ein „irdisches Paradies" genannt, und tatsächlich scheint es damals Anlaß und Mittelpunkt für große Volksbefuftigungen, verschwem derifche Prachtenfaltung und verliebte Spiele gewesen zu sein rott Poqqio von der Geselligkeit der Badenden auf einer großen Wiese am Fluß erzählt. „Hier kommen nach dem Essen alle zusammen und belustigen sich mit Gesang, Tanz und mancherlei Spielen. Die meist-» pielen Ball, aber nicht wie bei uns, sondern Männer und Frauen weifen sich, ein jedes dem, das es am liebsten hat, solche Bälle zu, an bem» viele Schellen sind. Alles läuft herbei, ihn zu haschen; wer ihn bekommt, der hat gewonnen und wirst ihn wieder seinem Geliebten zm Alles streckt die Hände empor, ihn zu sangen. Viele andere tausenrn fältige Ergötzlichkeiten muß ich übergehen und gab nur ein Probchm von der Art, wie sich diese Epikuräer vergnügen. Bald glaube ich, d°- sei der Ort, wo der erste Mensch geschaffen worden, den die Hebräer Eden, d. h. den Garten der Seligkeit, nannten." Derartige größere Badeunterhaltungen waren im allgemeinen mit Musik verbunden. Zuerst sang man noch „geistliche Badekieder", spate-: aber scheint sich manche „Ungezogenheit" eingeschlichen zu haben, denni die Behörden mußten hier und da mit strengen Verboten gegen „um schambare Gesänge" vorgehen. Auch der Wein gehörte zum Baden, roiz wir aus dem Ausgabebuch Albrecht Dürers entnehmen können, d--: 1520 auf seiner Reise nach den Niederlanden in Aachen weilte und bei i dieser Gelegenheit gewissenhaft notierte: „Fünf Stüber fürs Baden aus« gegeben und mit den Gefährten vertrunken." In den prachtvollen Bull s gerhäusern der Renaissance wurden herrliche Badesäle gebaut, wie ini Augsburger Fuggerpalast. Aber auch in Familien mit weniger großzügiger Lebensführung wurden behagliche Badestuben eingerichtet, M' t im Winter gut geheizt werden konnten. Noch aus dem 17. Jahrhundem berichtet der Arzt Guarinonius: „Wenn mancher, der sonst nicht:- zu tun hat, nicht weiß, was er ansangen soll, läßt er sich ein Bad M richten, darin er etwa mit seinem Weib oder sonst einem guten Freun«. sitzt und an die drei oder vier Känndel Wein ausleered, damit nut;: etwa in seinem Leib innen eine Leere entstehe." Die Aerzte begannen bald darüber zu klagen, daß der Wemgenutz on viel von dem verderbe, was das Bad Gutes bewirkt habe. Auch oi. Lockerung der Badesitten mag immer mehr zugenommen haben, zedm- falls wurde die Kirche allmählich zur Gegnerin des Badens, und schlus« lich galt es gar als Sünde, während die Enthaltsamkeit vom Bade als Zeichen tugendsamen Lebenswandels gepriesen wurde. Daß aber noch viele an dem gewohnten Bad festhielten oder M gar in der Hitze des Sommers zu einem Freibad verführen ließen, M’ weift eine Bestimmung in der Schulordnung des Hamburger 3opar« neums vom Jahre 1537, in der es heißt: „De an bat Water gähn um sick haben unb schwemmen gelyck als de Göse (Gänse) ebber be ®n*ca,L (Enten), schälen schwehrlicken gestraffet werben", unb noch im 18- Jan® hundert tarn im Babischen eine Verorbnung heraus, bas Volk le, oc bem „so gemeinen als höchst gefährlichen unb ärgerlichen Baöenj> warnen unb Uedeltäter zu bestrafen." Dack Rokoko mit seiner Verna« lässiqunq einer wirklichen Körperpflege zugunsten von Perücke um Puder tat ein übriges, um Bad unb Wasser gesellschaftswidrig » machen. — Aber biefe Zeit liegt heute so fern, baß wir über sie la-y-u — unb getrost zur Tagesorbnung, zum Baben, übergehen. Druck und Beklag: Drühl'sche UnlversitätS.Buch. und Stetndruckerei.Lange. Gieb«^